Tag 620: Wo bleibt die Perspektive?

Laut AGES-Dashboard (Stand, 23.11.21) gibt es in den Bundesländern, wo laut Intensivmedizinern alle Intensivbetten belegt sind, noch ein Drittel freie Betten. Was sie nicht dazu schreiben, ist, dass es dafür kein Personal mehr gibt.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich war nicht von meinem bisherigen Leben her darauf vorbereitet, eine Zeit zu erleben, wo die Bevölkerung von der eigenen Regierung aufgegeben wurde. Das kolossale Fehlverhalten der Verantwortlichen hat nun etwas zur Folge, was es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gegeben hat: Triage wie zu Kriegszeiten. Das Durchschnittsalter der triagierten Patienten, sprich, jener COVID und nicht COVID-Patienten, die zugunsten eines Patienten mit höheren Überlebensschancen nur noch palliativ versorgt werden (= sterben, obwohl sie bei Regelversorgung behandelt hätten werden können), sinkt kontinuierlich. Mit 572 belegten Intensivbetten durch COVID liegt Österreich nur noch knapp unter den 600 Intensivpatienten, ab dem Stufe 5 – der Lockdown für Ungeimpfte – ausgerufen worden wäre; wie wir heute wissen, sind schwerwiegende Fehler beim Stufenplan passiert. Wer gedacht hat, dass die letzten Wochen bereits schlimm waren, wird die nächsten Wochen bis über Weihnachten hinaus eines Besseren belehrt werden.

Über Twitter berichten jetzt immer mehr Intensivärzte von den Zuständen an ihren Spitälern. Von 60jährigen Patienten, die sterben, weil gleichzeitig ein Covid-Patient intubiert werden muss. Davon, dass die Kinderintensivstationen voll sind, nicht nur wegen COVID, sondern auch der RSV-Welle geschuldet. Beides könnte man übrigens deutlich reduzieren mit echten Schutzmaßnahmen, Maskenpflicht auch für die Kleinsten, was in anderen Ländern auch funktioniert, Homeoffice-Pflicht, Distance Learning, Sonderbetreuungszeit für Eltern, die kein Homeoffice machen können.

7-Tages-Inzidenz und Intensivfälle seit Pandemiebeginn, Quelle: Erich Neuwirth

Wir haben längst den Super-GAU:

1. Intensivärzte berichten wiederholt davon, dass die meisten Intensivpatienten mit COVID ungeimpft sind. Bei ihnen hat sich im Vergleich zu den vorherigen Wellen nichts verbessert, was die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs betrifft. Im Gegenteil, die Ärzte berichten von deutlich schwereren Verläufen auch bei jüngeren Menschen. Sie werden schneller sauerstoffpflichtig. DELTA ist nicht nur deutlich infektiöser, sondern überfordert den Körper auch schneller durch die inhalierte hohe Viruslast.
2. Aufgrund der vorherigen Wellen im Herbst und Spätwinter sind viele elektive Eingriffe liegen geblieben, die bis zum Herbst nachgeholt wurden. Gleichzeitig hat sich der Alltag vieler Menschen normalisiert und auch Freizeitunfälle sind wieder häufiger geworden. In Summe lagen vor Beginn der vierten Welle wesentlich mehr Non-COVID-Patienten im Spital als noch vor einem Jahr. Obwohl die Zahl der COVID-Patienten lange Zeit unter den Spitzen vom vorherigen Herbst blieb, wurde die Überlastung rascher erreicht. Im Regelbetrieb sind 85-90% der Spitalsbetten durch Non-COVID-Patienten belegt.
3. Noch schlimmer wird es, wenn man hört, wie häufig sich Non-COVID-Patienten in den Spitälern anstecken, sei es durch ungeimpfte Ärzte und Pfleger, durch Besucher, ambulante Patienten oder weil die Testfrequenz für stationäre Patienten (2x wöchentlich) zu gering ist.

Ernsthaft, welchem Zuständigen fällt es ein, für Spitäler derart niedrige Standards in einer beispiellosen Hochinzidenzwelle wie derzeit einzuführen? (Quelle: Wiener Gesundheitsverbund, 23.11.21)

DELTA ist so rasch infektiös, dass man 24 Stunden nach einem negativen PCR-Ergebnis bereits infektiös sein kann. Ein Antigentest ist zu wenig sensitiv und weist leidlich nach, wie infektiös man ist. Ein negativer Antigentest heißt keinesfalls, dass man 48 Stunden später nicht hochinfektiös ist. Für den PCR-Test gilt auch bei Kindern, dass 72 Std. zu lang sind. Bei Inzidenzen von über 2000 bei Kindern kann man davon ausgehen, dass infizierte Kinder durchrutschen. Geimpfte Patienten müssen nicht getestet sind, also besteht eine hohe Gefahr, dass sie mit Impfdurchbrüchen durchrutschen, gleiches gilt für vor allem für Genesene, die sehr milde oder gar keine Symptome gehabt haben, und kaum Antikörper aufgebaut haben. Es gilt auch für „Genesene“ mit Long COVID, bei denen durch einen zellulären Defekt der Immunabwehr Reinfektionen auftreten können. Kinder unter 6 Jahren werden völlig ausgenommen.

Ein Blick auf die Inzidenzen vom 22. November 2021 zeigt, dass selbst bei Kleinkindern hohe Inzidenzen auftreten – und hier kann man wohl von hohen Dunkelziffern ausgehen. Die 5-6jährigen gehen in den horrenden Inzidenzen der 5-14jährigen auf. Die „niedrigsten“ Inzidenzen bei den älteren Menschen sind ebenfalls zu hoch, von den Schülern und Erwachsenen im „besten Alter“ red ich gar nicht erst.

Wer zweifach geimpft ist, aber ein alter Mensch ist oder eine Immunschwäche hat (angeboren, erworben, medikamentös bedingt), der hat ein erhöhtes Risiko, sich im Spital anzustecken und je nach Viruslast auch einen schweren Verlauf zu erleiden. Das gilt auch für Erstgeimpfte und mit Janssen einfach Geimpfte, die sich ihren zweiten Stich noch nicht geholt haben. Wenn man es irgendwie einrichten kann, sollte man nur dreifach geimpft ins Spital gehen. Den besten Schutz haben noch zweifach Moderna-geimpfte.

Eine Katastrophe mit Ansage, das ist längst klar. Im Gegensatz zum letzten Blogposting hab ich die Verursacher der vierten Welle etwas anders gewichtet. Das NIG steht dort mit Fragezeichen, die Booster-Empfehlung kam zu spät. Ich kann an diesem Punkt nur wohlwollend spekulieren, dass auch das NIG nicht damit gerechnet hatte, dass die Regierung die Situation so eskalieren lässt.

Ich erinnere an meine Analyse vom 8. Mai 2021 (Tag 418), bei der ich mich bereits skeptisch über den Positivtrend der Inzidenzen geäußert hatte.

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht angesprochen hatte, war die nachlassende Immunität bei älteren Menschen, das war 3-4 Monate nach den Zweitstichen noch nicht absehbar (Virologen und Epidemiologen hatten aber damit gerechnet).

Ich seh momentan nicht, wie wir aus der verfahrenen Situation herauskommen. Der Lockdown ist keiner, es hat defakto nichts geschlossen. Der Handel kann click & collect anbieten, dadurch sind die Angestellten doch in der Arbeit. Die Gastronomie kann Liefer- und Abholservice anbieten. Reisen ins Ausland sind möglich, die Skigebiete haben offen wie letztes Jahr, das Unfallrisiko verschlimmert die Gesamtlage. Die Schulen haben offen. Die Eltern haben die Wahl zwischen zuhause lassen oder Präsenzunterricht, die meisten entschieden sich notgedrungen für Präsenzunterricht. Der Offene Brief von Mati Randow wurde in der gestrigen ZiB2 nur kurz thematisiert, kurz darauf kamen zwei Wortmeldungen pro Präsenzunterricht und im Anschluss machte die NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger jegliche Hoffnungen zunichte, das Thema offene Schulen aus Sicht der erkrankten und verängstigten Kinder zu betrachten. Es zählt anscheinend immer nur die psychische Gesundheit, wenn sie unter Schulschließungen leidet. Ein Twitter-User meinte sarkastisch: „Wir kennen ja alle diese schwer traumatisierten Kinder nach den Osterferien, den Semesterferien, den Herbstferien, den Sommerferien.“ Handwerker kommen ins Büro und tragen keine Masken, bzw. setzen sie ab, sobald sie sich unbeobachtet fühlen. Die Mobilität ist genauso hoch wie vorher. Ein Lockdown, der keiner ist. Wie geht das jetzt weiter? Das PCR-Testsystem ist zusammengebrochen, das Meldesystem ist zusammengebrochen, das Contact Tracing funktioniert nicht mehr, Kontaktpersonen werden nicht mehr getestet, Quarantäne endet automatisch, in Schulen wird der Cut-Off, ab dem ein Test als positiv gewertet wird, stillschweigend gesenkt.

Von diesem Zeitpunkt an würde nur ein harter Lockdown wie im März 2020 helfen, und so bitter das für mich selbst wäre, inklusive Öffibenutzungsverbot – um die Mobilität wirklich deutlich zu senken. Die Lernbereitschaft ist zu zögerlich: Distance Learning soll jetzt ab zwei Coronafällen in der Klasse angeboten werden. Mückstein verteidigte auch neulich wieder in der ZiB2 die Intensivkapazitäten als Ziel- und Steuerungsgröße. Das müsste er nicht, selbst wenn es Koalitionsbeschluss wäre. Er muss etwas nicht verteidigen, was nachweislich dazu geführt hat, dass er sein Versprechen nicht einhalten konnte:

„Ich habe von Anfang an gesagt, dass es meine wesentliche Aufgabe ist als Gesundheitsminister, unsere Intensivstationen zu schützen und dieses Versprechen werde ich einhalten“ (5.11.21, Pressekonferenz)

Ich bin es leid, wieder und wieder darauf hinzuweisen, was für ein Bullshit in den Medien verzapft wird. Vorgestern nahm ich eine Auszeit und ging wandern. Und das werd ich wohl auch in den nächsten Tagen tun, in der schwindenden Hoffnung, dass die Öffis nicht mehr so voll sind wie vor dem Lockdownchen. Zudem muss ich irgendwie mit dieser bizarren Realität fertig werden, dass so viele Menschen sterben, die unter normalen Umständen die bestmögliche Behandlung bekommen hätten. Das kann ich am besten in der Natur, wenn ich keine Menschen sehe, und nicht in der Stadt, wo man ihnen kaum ausweichen kann.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.