Tag 625: Kinder können “doch” schwer erkranken

Credits: Steve Daugherty (@stepd0c), „Es ist Zeit, dass die Kinder zurück ins Wasser gehen. Nur 1% von ihnen werden gefressen.“

Der Donnerstag, 25. November, war ein Grund zur Freude: Die EMA hat endlich die Impfung für die 5-11jährigen offiziell zugelassen – das NIG hat umgehend reagiert und eine erste Empfehlung für diese Altersgruppe ausgegeben, während sich die deutsche STIKO noch bis Weihnachten Zeit lassen will.

Ganz grundsätzlich einmal eine Frage, die sich alle PolitikerInnen, JournalistInnen und sonstige Verfechter von offenen Schulen bei Inzidenzen weit über 2000 in der Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen stellen sollten: Warum wurde ein Impfstoff für Kinder und Jugendliche entwickelt? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil Kinder und Jugendliche zwar seltener als Erwachsene schwer erkranken, aber bei sehr vielen Infektionen immer noch signifikante Zahlen an Erkrankten zusammenkommen. Mikrobiologe Michael Wagner, selbst Vater von vier Kindern, nennt Zahlen:

  • Das Multientzündungssyndrom MIS-C kommt mit einer Häufigkeit von 1:1000 bis 1:3000 vor (Quelle)
  • Eine Studie der AGES, MedUni Graz und ÖGKJ zeigt 11% LongCOVID bei erkrankten Kindern (Quelle)
  • Die gleiche Studie berichtet von 2,4% Hospitalisierungsrate bei Kindern (Quelle), wobei bis 31. März 2021 noch der Unterschied Haupt- und Nebendiagnose zu berücksichtigen ist. Bis 31.03.21 waren 838 Kinder und Jugendliche (0-19) mit Covid19 in stationärer Behandlung, bei 455 wurde Covid19 als Hauptdiagnose angeführt (Aufnahme wegen Covid19) – Wagner ging daher von 1% Hospitalisierungsrate wegen Covid19 aus

Bei der Pressekonferenz vom 25. November 2021 mit Gesundheitsminister Mückstein sprach der Wiener Kinderarzt Peter Voitl von 6-10% LongCOVID-Betroffenen. In Summe wissen wir schon länger, dass Kinder schwer erkranken können, dass einzelne Kinder auf die Intensivstation müssen, dass es gefährliche Doppelinfektionen mit RSV gibt, die dazu geführt haben, dass in Oberösterreich ein 15 Monate altes Baby an der ECMO behandelt werden musste. Dennoch hat die Regierung viel zu wenig getan, um Kinder und Jugendliche vor einer Covid19-Infektion zu schützen – eine Kollektivschuld von Bildungs- und Gesundheitsminister gemeinsam.

Desinteresse an wissenschaftlichen Fakten

Lobrunde, Logbuch, Sofalandschaft mitten im Schulwohnzimmer, keine Schulglocke. Wen wundert es, wenn „Körperwahrnehmung“ im Stundenplan steht? Die Kollegin, die dieses “Fach” unterrichtet, arbeitet mit Klangschalen. Die Mostviertler und Sibylle Hamann (Falter) sind überzeugt: „So geht Schule!“.

Quelle: Österreichische Lehrergewerkschaft OeLI-UG, 19.09.2016

Die Bildungssprecherin der Grünen, Sibylle Hamann, Ex-FALTER-Journalistin, hat in einem Facebook-Beitrag die trotz Lockdown und hohen Inzidenzen offenen Schulen verteidigt. Angeführt werden die “massiven negativen psychischen und sozialen Folgen” von Distance Learning, speziell für benachteiligte Kinder, mangelnder physischer Kontakt zu Gleichaltrigen, Belastung für berufstätige Eltern und fehlende Betreuungsmöglichkeiten, Schulen als Infektionsradar. Zudem sei die Schule aufgrund der engmaschigen Tests, Maskenpflicht und Impfung ein vergleichsweise sicherer Ort derzeit.

Duration of infectiousness and correlation with RT-PCR cycle threshold values in cases of COVID-19, England, January to May 2020

Da muss ich gleich einmal widersprechen:

  • Engmaschige Tests gibt es nur in Wien mit 3 PCR-Tests pro Woche, auch nicht überall, meist 2x. Dort wurden in KW 45 990 von 1235 Fällen (80%) in der Altersgruppe 5-14 gefunden, in den übrigen Bundesländern nur 1603 von 9494 (17%) – Quelle: Bericht der Corona-Ampelkommission. In den anderen Bundesländern wird nur 1x die Woche PCR getestet, sonst Antigen. Zahlreiche anekdotische Berichte, dass positive Antigentests so oft nachgetestet werden, bis sie negativ sind. Gefälschte negative PCR-Tests von Impfgegner-Eltern werden in Einzelfällen (?) von der Schuldirektion ignoriert.
  • Der Bund (Faßmann) wollte alle Testungen im Bildungsbereich mit “alles spült” durchführen, dort lag der Cut-Off, ab dem ein PCR-Test als negativ gezählt wird, bei Ct von 33 – bei “alles gurgelt” in Wien liegt er bei 39. Je geringer der Ct-Wert, desto infektiöser die getestete Person. Schon beim Wildtyp waren 5 von 60 Proben mit Ct-Wert über 35 noch infektiös, die Grafik wird für DELTA nicht besser aussehen. Bei niedriger Viruslast und regelmäßigen Tests kann man in der Regel vom Beginn einer Infektion und nicht einer abklingenden Infektion ausgehen. Allesgurgelt gilt nur für die Oberstufe.
  • Die Maskenpflicht im Unterricht gilt erst seit dem Lockdown in allen Altersstufen, auch in den Volksschulen! Anekdotisch hängt es sehr von der jeweiligen Schuldirektion ab, ob die Maskenpflicht strenger als die Vorgaben vom Bund gehandhabt wird. Daher verstehen manche Eltern, deren Kinder eben auf eine solche Schule gehen, nicht, wenn über Schulschließungen geredet wird – bei ihnen führen die strengeren Maßnahmen zu deutlich weniger Ansteckungen. Das gilt allerdings nicht für alle Schulen, alle LehrerInnen und viele Eltern haben eben aufgrund prekärer Lebens- und Arbeitsverhältnisse nicht die Möglichkeit, sich die Schule auszusuchen, wo sinnvolle Maßnahmen umgesetzt werden.
  • Die Impfung war lange Zeit nur Off-label zugelassen. Befürchtungen, dass die Off-Label-Impfung offiziell nicht zählt (für den Grünen Pass), haben viele Eltern davon abgehalten, ihr Kind vor der EMA-Zulassung impfen zu lassen. Für viele Kinder kommt angesichts der horrenden Inzidenzen die Impfung zu spät. Infektiologe Kollaritsch vom NIG am 18.09.21: „Man muss eher mit nichtpharmazeutischen Maßnahmen versuchen, die Infektionsgefahr so gering wie möglich zu halten, und die Wochen bis zur Zulassung abwarten. So viel Geduld muss man aufbringen”. Für die Mehrheit der Eltern gab es keine Alternative zu Präsenzunterricht, weil Homeoffice nicht möglich ist oder nicht gewählt werden konnte, weil nach wie vor die Mittel fehlen (Tablets, Laptops) oder weil sie schlicht davon ausgingen, dass Kinder nicht schwer erkranken können.
Antwort von Hamann auf einen Kommentar auf ihren Facebook-Beitrag

Auf meine Nachfrage auf Twitter behauptet sie, dass die Zahl nicht stimmen kann und begründet das außerordentlich haarsträubend:

hier steht „11% der erkrankten kinder“. nicht „11% der kinder“.

Dabei ist jedem klar, dass LongCOVID nur jene Kinder bekommen können, die mit Covid19 infiziert waren. Wenn bei einem Busunfall 25 von 50 Insassen sterben, sind das 50% der Insassen und nicht 25 der 8800000 Einwohner Österreichs (0.000002%).

“Inzidenz heißt ja nur, wie viele Infektionen wir entdecken. Das heißt ja nicht, dass Kinder erkranken. Wir finden in den Schulen sehr viel Infektionen, weil wir so flächendeckend testen. Der Irrglaube ist ja, wenn wir jetzt sagen, wir machen die Schulen zu und lassen die Kinder zuhause, dass dann keine Infektionen mehr stattfinden. Dann wird nur weniger getestet und deswegen wird weniger an Infektionen gefunden.”

Sibylle Hamann, Hohes Haus, ORF 2, 28.11.21

Das hat schon viel Schwurbel-Logik und trägt die Handschrift von Labor-Tsunami “wer viel testet, hat viele Infektionen” Petra Apfalter, die offenbar Bildungsminister Faßmann berät. Zudem unterscheidet sie hier wie Allerberger und andere Leerdenker zwischen Infektion und Erkrankung. Die oben angeführten Prozentzahlen zeigen aber klar, dass jedes 1000. Kind an MIS-C erkrankt, 1% der infizierten Kinder hospitalisiert wird und 3-11% der infizierten Kinder an Long COVID leidet. Drittens wird die Schule als Infektionsradar instrumentalisiert und nicht als Virendrehscheibe.

Das fehlt nämlich in der Argument. Covid is airborne – es wird vorwiegend über Aerosole übertragen. Schulen, insbesondere Klassenräume, Singstunden und Turnunterricht in der Halle, sind ideale Superspreading-Situationen. Für mehrere Stunden, fünf Tage die Woche, finden Menschenansammlungen auf engstem Raum statt. Und das für viele Monate – in den Volksschulen seit letztem Herbst durchgehend – ohne Maskenpflicht im Unterricht.

“Ich finde es gut, wenn mehr über die psychische Belastung bei uns gesprochen wird. Ich finde es aber nicht gut, wenn das politisch instrumentalisiert wird. Für unsere mentale Gesundheit braucht es sichere Schulen, nicht unsichere offene!”

Mati Randow, Schulsprecher AHS Rahlgasse Wien, Politik Live

In Summe ein Armutszeugnis für die Grünen, die hier dem Bildungsminister klar die Stange halten und dazu Leerdenker-Logik bemühen.

Scheinheiliger Gesundheitsminister

Bis zum Lockdown und darüber hinaus hat man wiederholt Kinder von Maskenpflicht Zugangsbeschränkungen (2G, 3G) ausgenommen.

Bei der Pressekonferenz zur Zulassung der Kinderimpfung am 25.11.21 dann die “Kehrtwende” von Mückstein:

“Sich Sorgen machen zu müssen um die Kinder, ist glaube ich das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Meine beiden Töchter sind 13 und 16 Jahre alt, und der Kinderimpfstoff ab 12 ist ja schon länger zugelassen, und ich kann Ihnen sagen, das war ein sehr gutes Gefühl, wie meine beiden Töchter im Juli und im August geimpft worden sind. Das war eine große Erleichterung, dass sie damit gegen dieses heimtückische Virus gut geschützt sind. […] Die Last und Sorge, dass die Kinder im Alltag gegen das Virus ungeschützt sind. […]”

Das ist eben besonders scheinheilig, nachdem monatelang so getan wurde, dass Kinder erst keine Rolle im Infektionsgeschehen spielen würden, dass sie sich nicht anstecken könnten, dass sie andere nicht anstecken könnten, dass sie nicht schwer erkranken könnten. Von der Regierung abwärts haben viele so getan, als ob nur die Impfung uns retten würde – und haben die notwendigen NPIs zum Schutz vor Infektion BIS zur Impfung und insbesondere wegen DELTA auch bis zur Drittimpfung dabei geflissentlich ignoriert.

Nach der Zulassung der Impfung für Kinder so zu tun, als ob eh längst klar war, dass Kinder schwer erkranken könnten, ist ziemlich heuchlerisch. Für viele Eltern kommt diese Nachricht nämlich tatsächlich überraschend so wie ein nennenswerter Teil der Bevölkerung erst an schwere Krankheitsverläufe glaubt, wenn sie selbst oder nahe Angehörige oder Freunde betroffen sind. Die Krisenkommunikation der Regierung ist zum wiederholten Mal eine Katastrophe – nicht nur von den Türkisen, sondern auch von den Grünen.

Wie gefährlich ist Omicron (B.1.1.529)?

OMICRON hat längst community transmission -Status in Südafrika und wahrscheinlich auch weltweit erreicht. In Israel weisen mehrere Infizierte keine Reisevergangenheit auf. Die sequenzierten Fälle in Europa nehmen rasch zu. Randnotiz: Auslandsreisen sind in Österreich trotz Lockdown möglich ohne Einschränkungen.

Die neue Variant of Concern (VoC) OMICRON weist 32 Mutationen auf:

  • mehrere RBD/NTD-Mutationen verbunden mit Widerstand gegen neutralisierende Antikörper (und therapeutische monoklonale Antikörper)
  • Mutationscluster (H655Y, N679K,P681H) mit effektiverem Zelleintritt (erhöhte Übertragbarkeit)
  • nsp6 deletion (Delta 105-107) ähnlich wie ALPHA, BETA, GAMMA, LAMBDA – könnte der innaten Immunität entkommen (ebenfalls erhöhte Übertragbarkeit)
  • R203K+G204R Mutationen im Nukleokapsid – gesehen bei ALPHA, GAMMA und LAMBDA (erhöhte Infektiösität)

Mutationen am Spike-Protein – Vergleich von DELTA und OMICRON, Quelle: Ullrich Elling

Kai Kupferschmidt warnt vor voreiligen Schlüssen zur Übertragbarkeit, Fluchtpotential bei Impfstoffen (und Genesenen) und Schwere der Erkrankung in diesem sehr guten Übersichtsartikel (27.11.21)

Ein paar grundsätzliche Kommentare:

  1. Südafrika (genauer gesagt der Zimbabwe-Wissenschaftler Dr. Sikhulile Moyo) hat die Variante erstmals sequenziert, das heißt nicht, dass sie dort das erste Mal aufgetreten ist, sondern dass sie in Ländern mit weniger Überwachungsinfrastruktur schon länger “under the radar” fliegen kann.
  2. Manche Epidemiologen auf Twitter neigen zu Alarmismus im BILD-Zeitungsstil. OMICRON startet in Südafrika von einem sehr niedrigen Inzidenzniveau. Die DELTA-Welle war gerade abgeflacht, nicht viel Virus im Umlauf, um DELTA verdrängen zu müssen. Wir können also noch nicht sagen, ob sie DELTA verdrängen wird.
  3. Zeitungsberichte als Grundlage zu nehmen, dass OMICRON mildere Verläufe als DELTA machen würde, sind ebenso kritisch zu hinterfragen, wie dass schwerere Verläufe zustande kommen. In Südafrika ist unter 40% der Bevölkerung geimpft. Wie sich OMICRON in einer mehrheitlich geimpften Bevölkerung verhalten wird, ist noch unklar.
  4. Selbst wenn die Impfstoffe innerhalb weniger Wochen an die neue Variante angepasst werden, wird es noch Monate dauern, bis die Zulassung in Europa erfolgen kann und genug produziert worden ist, um viele Millionen Menschen damit durchzuimpfen. Man sollte sich davon jetzt nicht abhalten lassen, die dritte Impfung rasch in Anspruch zu nehmen, denn nach wie vor haben wir eine schwere DELTA-Welle in Mittel- und Osteuropa – mit über 10000 Neuinfektionen pro Tag in Österreich. Die dritte Impfung schützt sehr gut gegen DELTA und es ist unwahrscheinlich, dass sie ihren Schutz gegen OMICRON gänzlich einbüßt.
  5. Das Auftreten neuer, potentiell gefährlicher Varianten war vorhergesagt. Elling “Es ist davon auszugehen, dass wir eine massive Welle im Herbst haben werden, die wir gar nicht so ohne weiteres eingrenzen können. Der Jahreszeiten-Effekt ist für 40 Prozent der Infektionen verantwortlich. Im Winter werden uns Delta und ihre Nachfolgerinnen um die Ohren fliegen.” (17.07.21, Wiener Zeitung) und vier Tage vor dem Bekanntwerden von OMICRON David Cox im “The Guardian”: “But the alternative is the sudden appearance of a completely new strain, with game-changing transmissibility, virulence or immune-evasive properties.”
  6. Wie sich das Virus auch entwickelt, NPIs werden weiterhin notwendig sein und Kontaktbeschränkungen werden ebenso wie korrekt getragene FFP2-Masken gegen neue Varianten wirken. PCR- und Antigentests sind in der Lage, OMICRON zu erkennen.

Für mehr und aktuellere Infos folgt bitte den relevanten Experten auf Twitter:

@Tuliodna, @ArisKatzourakis, @chrischirp, @firefoxx66, @EllingUlrich, @EckerleIsabella, @BMauschen, @florian_krammer

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