Tag 809: Im Blindflug in die Sommerwelle

Stochern im Nebel

Déjà vue zum Vorjahr, als wir nicht wussten, wie sich die Lockerungen in welchen Bereichen auswirken würden. Damals war ALPHA gerade am Abklingen, während sich im Untergrund die DELTA-Welle aufbaute. Jetzt haben wir die abklingende BA.2-Welle, während sich BA.4/BA.5 im Untergrund aufbaut.

Molekularbiologe Elling schrieb heute auf Twitter:

Die Daten für BA.4/5 werden immer klarer. Es läuft bei uns wahrscheinlich auf eine Welle im Juli raus. Soviel zu 3 Monaten Maskenpause…

Am Nachmittag dann der nächste Hammer, dieses Mal die freundliche Auskunft vom Pressesprecher des Gesundheitsstadtrats der Stadt Wien, Mario Dujakovic.

Der Bund hat die Finanzierung des Virusvarianten-Monitorings eingestellt, daher kennt die Stadt Wien wie auch die anderen Bundesländer die Anteil der Varianten am Infektionsgeschehen nicht. In Planung ist auch eine Reduktion der Abwasseranalysen durch die Reduktion der zu untersuchenden Kläranlagen. Der Bund sagt zwar, dass sie ein Monitoring Sentinel System haben. Das schafft derzeit aber kein repräsentatives Sample für die meisten Regionen und nur mit drei Wochen Verzögerung. Es würde zudem erst ab einer Verbreitung von 4% anschlagen, zu spät. Das wäre seit Wochen schon ein großes Thema bei der Corona-Kommission.

Um unsere aktuelle Situation festzuhalten:

  • Wir haben derzeit keinen zeitnahen Überblick, wie stark verbreitet die neuen Virusvarianten in Österreich bereits sind.
  • Ab 1. Juni 2022 soll bis 1. September 2022 eine „Maskenpause“ gelten. Der amtierende Gesundheitsminister hat bereits noch vor Amtsantritt in seinem persönlichen Blog klar gemacht, wie sehr ihn Masken stören: „Die Maßnahmen, mit denen wir die Pandemie bekämpft haben, sind eine unvergleichliche Zumutung an unser demokratisches Selbstverständnis: Masken im öffentlichen Raum, Abstandsregeln, Kontakt- und Zutrittsbeschränkungen, mehrere Lockdowns, in denen das soziale und wirtschaftliche Leben des Landes praktisch zum Erliegen kam, und schließlich die Impfpflicht.“ Masken wurden an erster Stelle genannt, dabei sind sie die am wenigsten einschränkende Maßnahme: Eine Brille ermöglicht scharf zu sehen, ein Rollstuhl ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe, eine Maske ermöglicht trotz Pandemie freie Bewegung im Kontakt mit anderen Menschen. Eine Maske ermöglicht Dinge und verhindert sie nicht (mit Ausnahme von Lippenlesen, aber auch Hörgeschädigte Menschen wollen geschützt werden).
  • Ab Juni 2022 fällt der wöchentliche verpflichtende PCR-Test weg, damit sind auch die Schulen bis Ferienbeginn (Ende Juni) im Blindflug.
  • Das Testangebot wird weiter verkleinert und wir haben keine gesicherten Informationen, wie verbreitet BA.4/5 ist.
  • Es gibt immer noch keine statistische Erfassung von LongCOVID-Betroffenen, von Normal/Intensivpatienten nach (!) Genesung, Krankenständen durch ein geschwächtes Immunsystem.

Warum ist das so bedeutsam zu wissen, ob es sich um BA.2 oder BA.5 handelt?

Bei BA.5 scheint nur noch der monoklonale Antikörper Bebtelovimab das Virus effektiv zu neutralisieren (Wang et al. 2022), das spielt eine wichtige Rolle in der Therapie von immungeschwächten Patienten. Zeitnahe Behandlung mit wirksamen Medikamenten ist wichtig. In Tierversuchen geht BA.4/BA.5 wieder stärker auf die Lunge als BA.2 (Kimora et al. 2022). Bei dreifach Geimpften ist die Neutralisation bei BA.4/BA.5 schwächer (Tuekprakhon et al. 2022) – hat das Auswirkungen auf die Virusweitergabe? Fünf Tage Isolation sind jetzt schon zu wenig. Unabhängig derzeit geltender Verordnungen weist ein beträchtlicher Teil der Infizierten länger als 5 Tage eine Viruslast auf, die typisch für Infektiöse ist. (Landon et al., 02.02.22, Hay et al., 14.01.22, Bericht aus Japan, 05.01.22). Laut medizinischem Krisenstab der Stadt Wien können sich am fünften Tag nur 10% der Personen freitesten, am Tag 6-9 sind es 20%, die Mehrheit (70%), erst ab Tag 10; nur die Hälfte hat so geringe Symptome, dass sie überhaupt einen Freitestversuch (nach 48h Symptomfreiheit) wagen.

Es geht also weit über das akademische Interesse hinaus zu wissen, welche Variante gerade dominant ist.

Meine Strategie für den Sommer (!) lautet daher: Defensiv planen, draußen bleiben. Und wie es aussieht, werd ich diese Strategie auch im Herbst und Winter fahren, bis es wieder einen Durchbruch bei angepassten Impfstoffen gibt. Es ist eine Kosten-Nutzen-Rechnung: Ein durch Vorsicht eingeschränktes Leben erscheint mir nach aller Abwägung immer noch lebenswerter als eines mit chronifizierten Symptomen und ungewissen Spätfolgen.

Ein Gedanke zu “Tag 809: Im Blindflug in die Sommerwelle

  1. Es ist schon alles sehr…..
    Ich für meinen Teil werde in Innenräumen (Geschäften, Öffis,..) nach wie vor Maske tragen. Abstand halten soweit es geht. Und wenn mich jemand blöd von der Seite deswegen anspricht, werd‘ ich zurück schießen was andere zu einem anderen Zeitpunkt gesagt haben „tust du alles was dir die Regierung sagt?“ ..if u know what I mean ;)

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