Tag 813: Doch kein Sommer zum „Durchatmen“?

Die türkisgrüne Bundesregierung hat inzwischen alle Käsescheiben zwischen Virus und Wirt entfernt.

Ich werde hier die einzelnen Zeitungen und Nachrichtenmeldungen nicht explizit zitieren, die diese ausgesprochen zynische Wortwahl verwendet haben, während viele Schwerkranke am Lungenversagen qualvoll und zum Teil ohne Beisein ihrer Angehörigen erstickt sind, und zehntausende LongCOVID-Patienten alleine in Österreich mit anhaltender Atemnot, Kurzatmigkeit und rascher Erschöpfung nach körperlicher Belastung kämpfen.

Mittlerweile zeigt das noch verbliebene Abwassermonitoring wieder leicht steigende Tendenz, auch in den Heatmaps, die Citizen Science Journalisten für uns anfertigen, ist das zu sehen. Der Grund dafür ist die sich aufbauende BA.4/BA.5-Welle, die derzeit bereits Portugal überrollt.

In der Titelgrafik habe ich beschrieben, welche Maßnahmen abgeschafft oder deutlich eingeschränkt wurden. Dazu kommen jetzt aber diverse Brandbeschleuniger: Die Präsenzkonferenzen sind zurück! Alleine in Wien finden dieses Jahr über 40 Kongresse statt. Selbst wenn es bei den Kongressen strenge Maßnahmen gibt (z.B. der EGU 2022 FFP2-Maskenpflicht), ergeben sich die meisten Infektionen wohl beim Kultur- und Sozialleben am Abend, wo es wieder keinerlei Regeln mehr gibt. Neben internationalen Konferenzen gibt es auch wieder Großveranstaltungen in Österreich:

  • Regenbogenparade in Wien am 11. Juni 2022
  • Nova Rock am 9.-12. Juni 2022
  • Donauinselfest am 24-26. Juni 2022
  • Frequency in St. Pölten 17-20. August 2022
  • Oktoberfest in München 17. September bis 3. Oktober 2022 (trotz eklatantem Personalmangel)

Öffentliche Anreise nach jetzigem Stand außerhalb von Wien ohne Maskenpflicht, innerhalb von Wien mit steigender Anzahl an Maskenverweigerern.

Dazu wird der Reiseverkehr wieder auf einem Niveau wie vor der Pandemie erwartet. Am Flughafen Wien befinden sich die Flugbewegungen derzeit wieder auf 85% des Vorkrisenniveaus. Auch am Flughafen Wien gibt es keine Maskenpflicht mehr, die Airlines handhaben das unterschiedlich. In den USA müssen Fluglinien bereits Flüge streichen – Hauptgrund ist fehlendes Personal, Ursache dafür ist, auch wenn es keiner zugeben will, die gefallene Maskenpflicht auf den Flügen. Es sind einfach viele Mitarbeiter krank.

Das sind so ungefähr die Voraussetzungen, mit denen wir in den Sommer starten. Für mich wird es der dritte Sommer in Folge, bei der ich meine Kurz-Urlaube mit sehr, sehr viel Misstrauen und Umsicht planen muss. Schlechtwetter ist ein No-Go, weil man drinnen essen muss. Ferienwohnungen sind für mich kein Urlaub, sorry, nicht nach zwei Jahren Selbstverpflegung. Hüttenübernachtungen… eher schwierig. Es is ois a Schas. Ich bin wütend und frustriert und enttäuscht von egoistischen Mitmenschen.

Zurück zur sachlichen Beurteilung der Pandemielage:

Wir müssen weg vom Fokus Spitalskapazitäten!

Einzelnde Beitragende des Thinktanks Future Operations werfen mir vor, nicht konstruktiv zu kritisieren. Ich müsse anerkennen, dass ZeroCovid ein Wunschtraum geworden ist und mit den jetzigen gesellschaftspolitischen Umständen in Österreich einfach nicht umzusetzen wäre. Ich denke immer noch, dass uns langfristig nur eine weltweite Niedriginzidenzstrategie aus der Pandemie führen wird. Mit Infektionen laufen lassen entstehen neue Virusvarianten schneller als wir mit der Herstellung angepasster Impfstoffe nachkommen. Die Infektionswellen erreichen immer noch eine inakzeptable Höhe und es gibt keineswegs eine Garantie dafür, dass Reinfektionen immer milder verlaufen als die Erstinfektion. Dabei ist auch zu bedenken, dass wir ja bereits eine signifikante Zahl an LongCOVID-Fällen aus den Erstinfektionen haben.

Leider scheint eine Mehrheit der relevanten Stimmen aus dem Bereich der Medizin und Biologie in Österreich an die Hygiene-Hypothese zu glauben, dass wir nur durch regelmäßigen Kontakt das Immunsystem trainieren können. Im Artikel von Megan Scudellari wird mit diesem Mythos aufgeräumt. Im Zusammenhang mit Reinfektionen verweisen viele Experten auf die Aussage von Virologe Drosten, wonach wir neben drei Impfungen auch mindestens drei Viruskontakte brauchen, um eine lang anhaltende Immunität zu entwickeln. Auf das LongCOVID-Risiko ging Drosten damals aber nicht ein und die Aussage stammt auch aus der Zeit, bevor die Zahl an Studien zu LongCOVID-Risiken nach Durchbruchsinfektion zunahmen. Inzwischen haben wir weitere BA-Varianten, und die Immunität durch BA.1 schützt nicht gegen BA.4/BA.5. Ist ein Leben erstrebenswert, wo man alle drei bis vier Monate krank ist, und immer ein gewisses Risiko für Langzeitfolgen bestehen bleibt? Aus individueller Sicht ein klares Nein und aus volkswirtschaftlicher Sicht auch.

In Österreich wurde seit dem ersten Lockdown in Schleim gemeißelt, dass der Fokus bei den Intensivbettenkapazitäten bleibt (wohlgemerkt bei der Bettenanzahl, nicht beim Personal). Dieser Fokus hat uns vier zu späte Lockdowns beschert, und eine Normalisierung der Berichterstattung über den Kollaps im Gesundheitswesen (und anderer Bereiche) durch keine Berichterstattung. Pfleger und Intensivärzte wurden meist dann interviewt, wenn die Kacke bereits am Dampfen war und die Bevölkerung dazu animiniert werden musste, harte Maßnahmen mitzutragen. Langfristige Auswirkungen werden viel zu wenig thematisiert. Im Sommer 2021 hat das GÖG gesagt, dass das Gesundheitssystem erst überlastet sein würde, wenn zwischen 3000 und 10000 Neuinfektionen pro Tag auftreten. Die Regierung dachte sich: Danke für den Tipp! Und ging erst bei deutlich über 10000 Neuinfektionen am Tag in den Lockdown. Mit der OMICRON-Welle hatten wir sogar knapp 60000 Neuinfektionen an einem Tag, aber es hat *nur* die Normalbetten überlastet (siehe Notbetrieb KH Mödling/Baden/Wiener Neustadt), sowohl von der Anzahl der Patienten als auch des Personalausfalls. Ein Lockdown blieb aus, stattdessen wurde der „Freedom Day“ ausgerufen. Statt das Gesundheitspersonal zu schützen, indem man die Infektionszahlen senkt und die Kinder besonders schützt, hat man die Isolationszeit verkürzt und Quarantänebedingungen gelockert – auf Intervention der Arbeitgeber, nicht der Personalvertreter. Der Rückgang der Fallzahlen wurde dadurch verlangsamt und das Personal wurde durchinfiziert, in den meisten Fällen über ihre eigenen Kinder. Da haben sich Pfleger und Ärzte über zwei Jahre lang erfolgreich geschützt, obwohl sie mit hochinfektiösen Patienten gearbeitet haben, und dann kam das Virus über Kindergarten oder Schule in den Haushalt.

Was ist die Zielgröße?

Wir stellen derzeit die falschen Fragen, etwa die Frage danach, wie viele Tote und Langzeitkranke wir zusätzlich akzeptieren wollen. Oder ob man gesonderte Bereiche für „vulnerable Gruppen“ schafft (dazu gleich mehr). Doch was ist die Steuerungsgröße, die Zielgröße für erneute Maßnahmen? Wieder nur Intensivbetten? Normalbetten? Inzidenzen?

Derzeit beruft sich der Gesundheitsminister auf die Szenarien, die in der ersten Version des FutureOperation-Papiers aufgezeigt wurden. Ich hab inhaltliche Versäumnisse schon kritisiert. Die zweite Version soll bald erscheinen. Problem: Was liegt, das pickt. Version eins wurde medial und politisch bereits ausgeschlachtet. Alle reden vom Herbst. Mittlerweile warnen Bergthaler und Elling aber vor einer Sommerwelle (z.B. auf Ö24, 31. Mai 2022).

Elling überhaupt recht deutlich:

„Da stimme ich komplett zu. Vor allem die Maskenpause in den Öffis außerhalb von Wien sehe ich kritisch, nachdem wir die 3 Monate nur durchhalten wenn wir unter „Vorbereitung auf den Herbst“ die absichtliche Durchseuchung im Sommer verstehen.“

Tweet am 29.05.22

In meinen Augen gibt es jetzt zwei Szenarien, die beide aus Public-Health-Perspektive nicht erstrebenswert sind:

  1. Immun-Escape-Varianten lösen wiederholte Reinfektionswellen aus, der Großteil erkrankt nur mild. Die Spitäler werden nicht mit akuten Covidpatienten überlastet, es gibt keine signifikanten Maßnahmen. Die Zahl der LongCOVID-Patienten steigt deutlich, schlägt sich aber ohne das Label „Covid“ in der Belastung des Gesundheitswesens nieder.
  2. Immun-Escape-Varianten sorgen wieder für mehr schwere Verläufe (waning immunity), dann wird man es wieder so lange hinauszögern, bis es zu spät ist und es gibt sowohl den Kollaps des Gesundheitssystems als auch zigtausend neue LongCOVID-Fälle.

Ich weiß nicht, inwiefern für die „flacheren Wellen“ eingepreist ist, dass i) die Spitäler gerade mit Hochdruck verschobene Operationen nachholen und in einer Dauerbelastung sind und ii) weniger Gesundheitspersonal, vor allem Pflegekräfte, da sind als vor dem ersten Lockdown.

In keinem Szenario wird man die *bis Herbst* bzw. bis zur Wiedereinführung relevanter (!) Maßnahmen aufgetretenen tausenden LongCOVID-Fälle verhindern. Unter relevant verstehe ich Maßnahmen in den Schulen, Verbot/Reduktion von Großveranstaltungen, Indoor-Maskenpflicht, aber auch flächendeckend CO2-Ampeln, mobile Luftreiniger, etc. Genauso aber auch das Hochfahren des Testsangebot, verpflichtende Tests für Indoorsettings und die Impfpflicht. Wer sich jetzt im Juni/Juli mit BA.4/5 ansteckt, wie schon seit Jahresbeginn mit BA.1/BA.2, wird einfach nicht berücksichtigt. Denn es geht um den Herbst. Ohne Aussetzung der Impfpflicht hätte man die BA.2-Welle niedriger halten können, da kurzzeitig ein Schleimhautschutz besteht. Die Frage ist also, wann man wieder auf Auffrischimpfungen setzen will, speziell jetzt, wo der BA.1-Booster eher ein stumpfes Instrument werden könnte.

Keine Lehren aus den Fehlern der letzten zwei Jahre

In Summe deutet derzeit NICHTS auf gezogene Lehren aus den Fehlern der letzten zwei Jahre hin. Im Gegenteil. Mit dem erstmaligen gänzlichen Abschaffen der Masken stehen wir nun nackt vor einer neuen Welle da.

Am 1. Jänner 2022 gab Molekularbiologe Elling dem KURIER ein Interview. Daraus diese bemerkenswerte Passage:

„Ich befürchte, dass wir die Entscheidung solange vertagen – möglicherweise auch mit Druck aus der Wirtschaft -, bis uns OMICRON die Entscheidung abgenommen hat. Was dann passiert, ist Durchseuchung. Dazu haben sich Großbritannien und Schweden entschieden. Das sind zwei sehr liberale Gesellschaften. Das ist aber nicht die Art, wie wir unseren Sozialstaat leben. Wir nehmen auf die Schwachen in der Gesellschaft Rücksicht. Es muss uns aber klar sein: Wenn wir OMICRON durchlaufen lassen, weil wir die Schnauze von der Pandemie voll haben, dann nehmen wir auf die Schwachen keine Rücksicht mehr.“

„Es wird zu einer Durchseuchung kommen.“ (GECKO-Vorsitzende Reich am 07. Jänner 2022, Ö1-Morgenjournal)

„Die Maßnahmen, mit denen wir die Pandemie bekämpft haben, sind eine unvergleichliche Zumutung an unser demokratisches Selbstverständnis: Masken im öffentlichen Raum, Abstandsregeln, Kontakt- und Zutrittsbeschränkungen, mehrere Lockdowns, in denen das soziale und wirtschaftliche Leben des Landes praktisch zum Erliegen kam, und schließlich die Impfpflicht.“ (Gesundheitsminister Rauch am 31. Jänner 2022 in seinem persönlichen Blog, noch vor Amtsantritt)

„Österreicher haben Nase von Maßnahmen voll.“ (Gesundheitsminister Rauch am 30. März 2022, Ö1-Klartext)

Am 5. März kam bei über 27000 Neuinfektionen der „Freedom Day“, am 1. April wurden bei über 18000 Neuinfektionen die Gratistests eingeschränkt, am 1. Juni fielen bei über 3000 Neuinfektionen die Masken in den öffentlichen Verkehrsmitteln und im gesamten Handel. In Vorarlberg, Tirol und Salzburg liegt die Positivrate bei den Tests seit Anfang Februar 2022 konstant über 10%.

Angekündigt war, das PCR-System in ganz Österreich auszubauen, wurde zurückgefahren. Das Abwassermonitoring sollte ausgebaut werden, wird zurückgefahren. Die Maskenpflicht sollte bis 8. Juli bleiben, wurde vorzeitig aufgehoben.

Die Befürchtungen von Elling sind also eingetroffen.

„Wenn wir zehn, vierzehn Tage lang deutlich steigende Infektionszahlen haben, wird es ernst. Dann würden wir schrittweise die Maske wieder einführen.“ (GM Rauch am 30. Mai 2022 im KURIER)

Würde man die Masken beibehalten, würden die Infektionszahlen nicht deutlich steigen. Oh boy….

Vulnerable schützen, sonst keine Maßnahmen, ist immer noch Great Barrington

Der Berater der Public Health Agency in Schweden, Johan Giesecke, sagte am 5. Mai 2020:

„our most important task is not to stop spread, which is all but futile, but to concentrate on giving the unfortunate victims optimal care.“

Giesecke gehört mit Kulldorff, Tegnell und anderen Durchseuchern zu den Unterstützern der „Great-Barrington-Declaration“, welche eine internationale Stellungnahme, das John Snow Memorandum (Alwan et al., 2020) als Reaktion erzwang. Seitdem haben wir zwei große Strömungen auf der Welt: Jene die sagen, dass man das Virus durchrauschen lassen soll, jeder werde sich infizieren. Keine Maßnahmen, aber „focused protection“ für besonders vulnerable Gruppen. Von GBD-Unterstützern werden diese definiert, wie sie unser GM Rauch definiert: Hochrisikogruppe in Spitälern, Alten- und Pflegeheimen. Die herzkranke Lehrerin, die Professorin mit einer Niere oder der Physiker mit angeborenem Immundefekt kommen da ebenso wenig vor wie übergewichtige Kinder und der Lehrling mit Down-Syndrom. „Focused protection“ hätte niemals funktioniert. Der Meinung ist übrigens auch Virologe Drosten:

„Wenn man auf die Intensivstation schaut, sieht man, dass die durchschnittlichen Patienten um die 60 Jahre alt sind und nicht über 80 Jahre. Die kommen nicht aus Altersheimen. Die kommen aus der normalen Breite der Gesellschaft. Und denen ist nicht geholfen, wenn man die Altersheime abschirmt. Das meine ich mit so einem Blendgranaten-Argument.“ (NDR-Podcast mit Christian Drosten, Nr. 82 ,30.03.21)

Manche Kritiker der Niedriginzidenzstrategie sagen, wir haben jetzt die Impfung, jeder hatte sein Impfangebot, und man müsse endlich lernen mit Covid zu leben. Was sie damit meinen: Leben wie vor der Pandemie, keine Lerneffekte.

Die Patientinanwältin Sigrid Pilz brachte es auf den Punkt, als der Fall der Maskenpflicht ab Donnerstag, 01. Juni 2022 angekündigt wurde:

„Mit Corona Leben lernen bedeutet nicht, Corona zu ignorieren, wie bei DontLookUp. Wenn wir künftig auf den Schirm verzichten, wird der Regen auch nicht ausbleiben. Wir müssen den Tatsachen ins Augen blicken. Die Welt ist eine andere als 2019.“

Twitter-Userin @Rapunzel_1977 am 31. Mai 2022:

„Immer wenn jemand schreibt „aber wie haben Immunsupprimierte das früher gemacht“ oder „Immunsupprimierte sind immer gefährdet„, hab ich ein fürchterlich schlechtes Gewissen. Wie konnten wir so Ärsche sein und uns nie Gedanken darüber machen, wie es diesen Menschen geht? Wieso haben wir nie Masken getragen, wenn wir verkühlt waren? Wieso sind wir arbeiten gegangen, obwohl wir krank waren? Wir haben so viele Menschen in Gefahr gebracht und ich will lieber gar nicht wissen, für wie viele schwere Erkrankungen und vielleicht sogar Tode ich in meiner Ignoranz und Unwissenheit ich verantwortlich bin. Und wieso können wir uns nicht endlich weiterentwickeln, sondern pochen ständig darauf, in die alte Normalität zu wollen?“

Doch wir haben nicht nur eine Impfung, sondern leider auch einen Impfstoff, der gut auf den Wildtyp und ALPHA gepasst hat und mit Dreifachdosis gut auf DELTA. Mit den OMICRON-Varianten haben wir jetzt aber einen eigenen Serotyp, Covid-21, wenn man so will. Der aktuelle Impfstoff passt darauf etwa so gut wie der Influenza-Impfstoff auf eine Influenza-Driftvariante. Es gibt zwar noch einen gewissen Schutz, aber ganz darauf verlassen will man sich nicht. Immungeschwächte Menschen wollen sich darauf erst Recht nicht verlassen. Mit jeder neuen Variante, die entweder durch Fitnessvorteil (infektiöser) oder Immunflucht besser auf den Menschen angepasst ist, steigt das Risiko, dass die Gruppe der „Vulnerablen“ wächst. Dazu kommen die *neuen* Vulnerablen, also LongCOVID-Kranke und generell Menschen, deren Immunsystem durch die Covid-Infektion zumindest vorübergehend geschwächt ist. Und natürlich ungeimpfte Kinder, die schon das dritte, vierte Mal infiziert sind. Von den Kleinkindern rede ich da erst gar nicht, wo es noch keinen zugelassenen Impfstoff gibt.

Es gab in den letzten Tagen wiederholt Vorschläge so wie Ruheabteile, Familienabteil oder Rollstuhlabteile auch ein Maskenabteil bei Fernzügen einzuführen. Ich sehe darin eine Gefahr, denn in meinen Augen unterminiert man damit die Möglichkeit, die Maskenpflicht wieder im gesamten öffentlichen Verkehr einzuführen. Erstens ist das ohnehin nur in Zügen möglich, wo es Personal gibt und kontrolliert werden kann. Zweitens hat die ÖBB die schon die Maskenpflicht höchstens stichprobenhaft kontrolliert. Ich hatte diesbezüglich schon Diskussionen mit Mitarbeitern, und die sagen, dafür bräuchte man eigene Security, die Gefahr von körperlichen Übergriffen ist zu hoch. Zudem passiert meist das, was ich selbst schon beobachtet habe: Nach der Ermahnung geht der Zugbegleiter weiter und die Person setzt die Maske wieder ab. Drittens wird so ein selbstverständlicher und wissenschaftlich mehrfach nachgewiesener Schutz als Ausnahme deklariert. Vernünftige Menschen werden als Sonderfall gesehen. Der Verzicht auf Schutz, also purer Egoismus und unsolidarisches Verhalten, als Normalfall. Als es früher Raucherabteile gab, waren dies die Sonderfälle für Menschen, die unbedingt sich und ihre Mitmenschen gefährden wollten. Es sollte also höchstens umgekehrt sein, aber genau das würde wieder zu der Situation führen mit einem Flickenteppich an Maßnahmen. Was ist dann mit Kindern von maskenverweigernden Eltern? Überhaupt mit Kindern, die zu jung sind fürs Masken tragen (wenngleich in Asien Kinder ab zwei Jahre bereits Maske tragen), und die bisher durch die maskentragenden Erwachsenen geschützt waren?

Wir bewegen uns da auf einem sehr schmalen Grat der Ausgrenzung, die durch die aktuelle Maßnahmenpolitik bereits gefördert wird. Schiefe Blicke, blöde Kommentare, Beschimpfungen von Maskenträgern in der Öffentlichkeit. Und man sollte sich keine Illusionen machen: Nicht einmal vulnerable Personen können sich schützen, wenn ihr Umfeld sich nicht regelmäßig testen kann und wenn ihre Kinder keinerlei Schutz haben. Wir leben in Netzwerken, nicht in Einsiedlerhütten.

Und ein weiteres Problem hat dieser Ansatz: Nennen wirs ein „ich denk für dich mit Problem“, von geliebten Menschen, die glauben, wenn ich keine Maske mehr tragen muss, ist das ok so. Ob man anfällig für LongCOVID ist, weiß man leider erst hinterher. Ein Grund mehr, von der Public-Health-Perspektive nicht abzurücken. Saubere Luft und Schutz für alle Menschen, auch die mit mangelnder Health Literacy, die das Risiko von LongCOVID oder for sich selbst als vulnerabler Mensch schlecht einschätzen können.

Longcovid Prävention, also Infektionsvermeidung, ist der effektivste Schutz für vulnerable Gruppen. Für uns alle. Dazu stehe ich, dabei bleibe ich, so realitätsfern das im Österreich des 21. Jahrhunderts sein mag.

Sagt der Bevölkerung nicht, dass es wieder Herbst wird, sagt „Ihr seid der Herbst.“ (womöglich schon der Juni/Juli)

Was würde mir Hoffnung geben?

Die Regierung sollte sagen:

1. LongCOVID ist ein volkswirtschaftliches Problem und belastet das Gesundheitssystem stark.

2. Wir haben Fehler gemacht und hätten mehr auf Infektionsvermeidung setzen sollen.

3. Wir investieren mehr in Prävention.

Von „den Medien“ erwarte ich mir mehr partizipative Formate für Longcovid Spezialisten und Betroffene. Das können neue oder bestehende Sendungen (z. B Im Zentrum) sein. Insbesondere wichtig ist, Longcovid in die Planung und Vorbereitung von Langfristszenarien IMMER einzubinden. Bei jeder Kommunikation über Risiken, wenn Maßnahmen fallen oder kommen, darf der Fokus nicht alleinig auf Intensivstationen liegen, sondern muss „personalized risk“ im Vordergrund stehen: Was bedeuten 10% Longcovid Risiko und Versorgungsnotstand für den Einzelnen?

Zudem: kein Patient verlässt die Intensivstation so, wie er gekommen ist. Wir sollten verhindern, daß Menschen wegen fehlender Prävention überhaupt dort hinkommen, wir können nicht alle Fälle verhindern, aber wenn wir uns mehr anstrengen, verhindern wir im Prozess dahin Fälle.

Von den Beratern erwarte ich mir die Einbindung aktueller Literatur auch außerhalb von Österreich, solange wir hierzulande keine belastbare Datenlage haben. Longcovid wird damit zur wichtigsten Volkskrankheit und muss mit angemessenem Ernst thematisiert werden. Es muss der Regierung klar werden, dass die Pandemie nicht vorbei, dass das Virus nicht ausmutiert, dass Saisonalitât alleine nicht anwendbar ist und dass jede neue Welle eine Menge an neuen Kranken produziert. Außerdem zählen Longcovid-Betroffene jetzt zu den“neuen“ Vulnerablen.

Es fehlt eine mittelfristige und langfristige Strategie, was lernen wir aus COVID für andere Pandemien? Wie leicht könnten wir mit sauberer Luft in Innenräumen und Masken tragen auch anderen Infektionskrankheiten wie RSV, Influenza vorbeugen? Warum nutzen wir diese Chance nicht? Ich appelliere an Politiker, Journalisten, aber auch wissenschaftliche Berater, sich einmal direkt anzuschauen, wie es Longcovid Betroffenen geht, was Spezialisten erzählen,und dass das Thema über Reparaturmedizin hinaus gehen muss: Es ist die tragende Säule der Prävention.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.