Tag 811: Nachbetrachtung rund um die Benefizkonzerte

Grafik für die Inzidenzen nach den beiden Benefizkonzerten am 19.3.22 im Ernst-Happel-Stadion (ca. 40 000 Besucher) und am 27.03.22 am Heldenplatz (ca. 100 000 Besucher), Quelle: Statistiker Erich Neuwirth

Ein Versuch, die damals sehr emotionale und aufgeheizte Debatte um die Maskenpflicht beim Benefizkonzert in versöhnliche Bahnen zu lenken. Ob mir das gelungen ist, sollt ihr selbst entscheiden. Aber mir hat das die letzten Monate keine Ruhe gelassen.

Unser gemeinsamer Endgegner ist die amtierende Regierung, die aktuell weder den Kriegsflüchtlingen vor Ort die ihnen zustehende Hilfe zur Verfügung stellt (siehe Beiträge von Tanja Maier auf Twitter und in ihrem Blog) noch der Bevölkerung gegenüber Verantwortung zeigt im Kampf gegen die Pandemie. Der endemische Zustand ist (noch) nicht erreicht. Das Virus mutiert schneller als die Impfstoffe angepasst werden können. Zu Beginn der Pandemie haben sich die Gesunden aus Solidarität mit den Schwächeren eingeschränkt, jetzt sollen sich die Schwächeren aus Solidarität mit den Gesunden einschränken. Eine perfide Umdeutung von Public Health.

Ich muss sagen, mich hat der Überfall der Ukraine kalt erwischt. Die frühe Atomwaffendrohung. Ich stamme aus der Generation nach dem Kalten Krieg, das war neu und sehr beängstigend. Ich konnte die ersten Wochen damit gar nicht umgehen. Über zwei Jahre hatte ich mich der Pandemie gewidmet, mich eingelesen, mich empört über das politische, mediale, wissenschaftliche und gesellschaftliche Versagen. Für einen zusätzlichen Krieg und den drohen Folgen hatte ich keine Energie mehr übrig. Nach dem ersten Schock war ich sehr betroffen über das Schicksal der Ukrainer und dem unverhohlenen Genozid, der bis heute andauert. Gleichzeitig war mir bewusst, was das bedeuten würde – Krieg und Vertreibung mitten in einer Pandemie. Klar, wenn Bomben fallen, wird Maske tragen und impfen gehen zweitrangig. Dem Virus ist das leider egal, wo wir Prioritäten setzen. Das ist das Perfide daran.

Ich möchte vornean stellen, dass ich die Weisheit auch nicht mit den Löffeln gefressen habe. Es gibt in dieser Situation keinen besten Weg, der alle Faktoren berücksichtigt, also möglichst viele Spenden sammeln bei 100% Schutz vor einer Infektion. Wenn zwei Millionen Euro Covidhilfe an den ÖVP-Seniorenbund fließen, könnte man meinen, könnte die Regierung auch ein paar Millionen Soforthilfe vor Ort und in Österreich locker machen. Das ist aber eher eine Grundsatzfrage über die Sinnhaftigkeit von Spenden für Adressaten, die eigentlich im Aufgabenbereich des Staates liegen und nicht der Zivilgesellschaft – siehe „Licht ins Dunkel“. In Österreich ist es leider anders, die Zivilgesellschaft muss einspringen.

„Jene im Gesundheitsdienst, in der Pflege, bei der Sicherheit und in der sozialen Arbeit. Das Licht soll auch daran erinnern, dass mittlerweile mehr als 13.000 Menschen verstorben und viele mehr an Covid-19 erkrankt sind. Also es ist ein Anteilnehmen am Leid von viel zu vielen Menschen.“

Daniel Landau, Mitorganisator des Lichtermeers

Die Organisatoren von #YesWeCare, dem Lichtermeer vom 19. Dezember 2021, haben sich Anfang März 2022 erneut Gedanken gemacht, wie man den Kriegsopfern helfen kann. Die Spenden sollten an das SOS-Kinderdorf und „Nachbarn in Not“ gehen. Sie haben das nicht leichtfertig entschieden, mussten abwägen über die Risiken einer Großveranstaltung inmitten der Pandemie. Das lese ich aus den Tweets zur Planung des Benefizkonzerts.

Nicola Werdenigg ergänzte damals (07. März 2022)

„Ich frage mich in dieser Diskussion, wie Covid in den ukrainischen Luftschutzkellern wütet. Vulnerable müssen sich zwischen Bomben und großer Ansteckungsgefahr entscheiden. Vielleicht sollten wir auch darüber reden. [….] Es geht beim Benefizkonzert genau darum Spenden für Menschen zu sammeln, die sich selbst nicht helfen können. Menschen mit großen Gesundheitsrisiken sind am meisten von Kriegen betroffen. Das war in Syrien so, in Afghanistan und ist es auch in den EU-Lagern.“

Und auch: „wer ein wenig mit Charity zu tun hat, weiß dass es immer gute Aktionen braucht, um Menschen zu mobilisieren.“

Sichtweisen

Und damit fing die Diskussion an. Meine Kritik hat mir viele zustimmenden Kommentare und Likes eingebracht, aber ich schreibe ja nicht der Zustimmung wegen. Außerdem hat die Kritik den Adressaten anscheinend verfehlt, und die Reaktion zeigt mir, dass die Kommunikation schiefgelaufen ist. Soll ich jetzt darauf beharren, nur weil mir damals viele Recht gegeben haben? Ich versuch es jetzt einmal differenzierter.

Ausgangslage in Österreich

Die Planung begann um den 6. März 2022 herum – einen Tag, nachdem der scheidende grüne Gesundheitsminister seine Unterschrift unter die „Covid19-Freedom-Day-Verordnung“ gegeben hat, mit der die Maßnahmen zum Schutz vor Covid19 weitgehend aufgehoben wurden.

Die Regierung hatte weitere Lockerungen angekündigt, unter schamloser Missachtung der Zustände in den Spitälern, in Kindergärten und Schulen, aber auch sonstigem Personalausfall. Erneut mussten geplante Operationen verschoben werden. Bei manchen schon das dritte Mal. Baden und Mödling gingen in den Notbetrieb. Die Normalbetten waren österreichweit an oder über der Belastungsgrenze und auch im nahen Umfeld gab es immer mehr infizierte Personen, die sich trotz dreifacher Impfung fragten, was an OMICRON denn „mild“ sein sollte. „Ich war noch nie so krank“, erzählten Betroffene.

Mitten in den Beginn der BA.2-Welle, die nahtlos an die BA.1-Welle anschloss, so aber auch korrekt von Molekularbiologe Ulrich Elling am 28.01.22 vorhergesagt wurde, fiel der Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine am 24. Februar 2022. Bereits am 04. März 2022 hatte die GECKO-Kommission in ihrem Bericht festgehalten, das es zu einer Plateaubildung kommen würde. Wir wussten außerdem, dass BA.1 keine anhaltende Immunität erzeugen würde (Servellita et al.,26.01.22). Reinfektionen mit BA.2 nach BA.1 waren also möglich, vor allem bei ungeimpften Kindern.

Die Befürchtung der Kritiker des Benefizkonzerts war, dass die Infektionszahlen weiter viel zu hoch waren, um so eine Großveranstaltung mit den nun geltenden Maßnahmen sicher durchzuführen. Es gab wenig Gründe anzunehmen, dass sich die Situation bis 27. März 2022 deutlich entspannen würde.

Ausgangslage in der Ukraine.

Positivrate der täglichen Covid19-Tests in Österreich und in der Ukraine

Am 18. Februar 2022, wenige Tage vor Kriegsbeginn, herrschte eine Positivrate von 60%. Danach endete die offizielle Datenerfassung. Zum Vergleich: Österreich hatte rund 9%. Laut WHO wird zu wenig getestet, wenn die Positivrate über 5% steigt. Die Dunkelziffer war also in der Ukraine enorm.

Anteil der Personen, die mindestens eine Impfdosis erhalten haben, in Österreich und der Ukraine

Es ist aber noch schlimmer: In der Ukraine waren vor Kriegsausbruch nur 36% wenigstens einmal geimpft, 35% waren zweifach geimpft und nicht mal 2% haben eine dritte Impfdosis erhalten. Dieser Artikel in der Süddeutschen Zeitung (leider Paywall) hat diesen Aspekt des Krieges ebenfalls aufgegriffen. Angesichts der Bilder von eng aneinander gekauerten Menschen in Schutzkellern, U-Bahnen und den Zügen in den Westen bestand die Gefahr, dass sich auf der Flucht vor den Bomben viele Menschen anstecken würden, darunter viele ungeimpfte Menschen. Die Ukraine zählte auch vor dem Krieg und der Pandemie zu den Ländern mit der niedrigsten Lebenserwartung. Sie liegt bei Männern im Schnitt bei 63 Jahren und bei Frauen bei 74 Jahren. Staatliche Krankenversicherung gibt es nicht. Wer sich keine Medikamente leisten kann, hat Pech gehabt.

Die Impfquote in Europa zeigt ein klares West-Ost-Gefälle.

Gründe für die niedrigen Impfquoten und die hohen Infektionsraten gibt es viele. Ich kann das nur oberflächlich anreißen. Das Grundmisstrauen in den ehemaligen Ostblockstaaten gegenüber der Regierung, die vielerorts rechtspopulistischen Regierungen, die genauso wie in Österreich Desinformationspolitik betrieben haben. Die mangelnden staatlichen Strukturen für eine effektive Pandemiebekämpfung, fehlender Arbeitnehmerschutz im Krankenstand, fehlendes Geld für FFP2-Masken für die Gesamtbevölkerung, tiefe Religiösität (nicht, dass Österreich da anders wäre…), aber auch russische Anti-Impf-Propaganda.

Russland unterstützt viele rechte Parteien im Westen, die Covidleugnerpropaganda verbreiten. Auch die Koch-Industries, einer der finanziellen Eckpfeiler der Great-Barrington-Bewegung, macht trotz Krieg weiterhin Geschäfte mit Russland. Die Saat ist aufgegangen, vor allem in den D-A-CH-Ländern, aber auch in der Ukraine. Die Leidtragenden sind jetzt die Ukrainer, die nicht nur vor dem Bombenhagel fliehen müssen, sondern großteils ungeschützt einer hochansteckenden und weiterhin gefährlichen Virusvariante ausgeliefert sind. Nicht nur wegen dem fehlenden Schutz für unsere *eigene* Bevölkerung, sondern auch für ankommenden Flüchtlinge habe ich es daher für verantwortungslos gehalten, dass die Regierung am weitreichenden Wegfall aller Maßnahmen festhält und mit der Zerschlagung der Testinfrastruktur auch noch das letzte Sicherheitsnetz nahm.

Die Versäumnisse der Stadtregierung

Es war aber natürlich auch klar, dass man nicht warten konnte, bis die Infektionszahlen bei uns ganz herunten waren, bis man Charity-Veranstaltungen organisiert, um Spenden zu sammeln. Gut, nehmen wir an, es wäre nur so gegangen und Online-Kampagnen oder TV/Radio-Kampagnen, wenn überhaupt durchführbar, hätten keine vergleichbaren Spendensummen (ca. 250 000 Euro) gebracht. Dann ist der Hauptadressat der Kritik die Stadt Wien, die ja sonst gerne betont, den strengeren Weg gehen zu wollen, sei es mit Allesgurgelt, mit Maskenpflicht in den Öffis, mit den 3G-Regeln, als die Maßnahmen im restlichen Land schon längst abgeschafft oder ausgedünnt waren.

In meinen Augen hätte die Stadt Wien, der Gesundheitsstadtrat, klipp und klar sagen müssen:

  • Keine Großveranstaltungen über einer bestimmten Inzidenz
  • Großveranstaltungen ja, aber mit reduzierter Teilnehmeranzahl
  • Großveranstaltungen ja, aber mit vorgelegter Sperrstunde wegen Alkoholeinfluss
  • Großveranstaltungen ja, aber nur mit FFP2-Maskenpflicht

Dann wäre klar gewesen – nein es geht nicht, ja, es geht schon, aber es gibt nicht nur eine Empfehlung, sondern eine Pflicht, und die Sicherheitsordner kontrollieren das. Wie wenig Empfehlungen und Appelle nützen, sahen wir jetzt zwei Jahre lang in der Pandemie.

Warum halten sich manche Menschen an Empfehlungen? Weil sie solidarisch sind, weil sie vulnerabel sind oder weil sie über LongCOVID Bescheid wissen und die Infektion nicht kriegen wollen, egal für wie gesund sie sich halten. Warum halten sich andere Menschen nicht an Empfehlungen? Weil sie Egoisten sind, weil sie glauben, ihr „starkes Immunsystem“ würde sie schützen, weil sie der Regierung glauben, dass sie mit drei Impfungen nicht gefährdet werden, weil sie die Aussetzung der Impfpflicht als Beweis dafür sahen, dass das Virus ungefährlich sein würde. Weil sie nie etwas über LongCOVID gelesen haben und glauben, das würde sie selbst schon nicht treffen. Weil sie jung sind und glauben, nur ältere Menschen können schwer erkranken. Weil es ihnen schon egal ist oder sie resigniert haben.

Warum hat es in den Augen der Kritiker nicht funktionieren können?

  • Mangelnde Vorgaben sind der Grund, weshalb auf beiden Konzerten Eigenverantwortung geherrscht hat.
  • Erfahrung aus der Pandemie, dass Eigenverantwortung nichts nützt, sondern wäre die Pandemie längst zu Ende
  • Es war absehbar, dass die Zahlen bis Ende nicht weit genug sinken werden, um solche Großveranstaltungen durchzuführen
  • Das fatale Signal an den Rest der Bevölkerung, insbesondere an Maskenkritiker: Warum gibt es noch eine Maskenpflicht, wenn zehntausende maskenlos auf ein Konzert dürfen?

Warum war es aus Sicht der Organisatoren durchführbar?

  • Äußerungen, wonach mit Abstand halten keine Virusübertragung stattfinden würde [kommt auf den Wind an und wie laut sich Menschen unterhalten]
  • Äußerungen, dass die Veranstaltung im Freien stattfinden würde, wo das Ansteckungsrisiko deutlich geringer ist [korrekt]
  • Erwartung oder Hoffnung, dass sich die Infektionslage bis Ende März soweit entspannen würde, dass die Veranstaltung sicher durchführbar ist.
  • Erwartung oder Hoffnung, dass sich die Mehrheit an die Empfehlungen, eine FFP2-Maske zu tragen, halten würde.
  • Erwartung oder Hoffnung, dass Maskenpflicht verhängt werden würde, wenn die Inzidenz hoch genug ist
  • Erwartung oder Hoffnung , dass sich die Mehrheit solidarisch zeigen würde und nicht nur wegen der Musik da war
  • Abwägung des Kosten-Nutzen-Verhältnis, der Gefahr weiterer Ansteckungen gegenüber den gesammelten Spenden

Aus Sicht der Ukrainer war die Veranstaltung wichtig, ein Zeichen der Solidarität, egal, wie viele wegen der Musik dort waren oder um zu spenden. Es ist aus Sicht der Ukrainer aber auch zweitrangig, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist und die Gesamtbevölkerung gefährdet wird. Dies mit zu bedenken, kann man nicht von ihnen verlangen. Bomben und Zerstörung sind sichtbar, ein Virus nicht.

Get-there-itis

Die Festlegung eines Piloten, den Zielflughafen zu erreichen, selbst wenn die Flugbedingungen sehr gefährlich sind.

Ab dem Zeitpunkt, wo die Planung in die Praxis umgesetzt wurde, war die Veranstaltung nicht mehr zu stoppen. Ich habe beiseite gewischt, wie viel Aufwand und Engagement notwendig ist, so einen Akt auf die Beine zu stellen. Eine Absage wäre teuer geworden, wenngleich auch Konzerte schon wegen Unwetter abgesagt werden mussten. Das kann schon vorkommen.

Als dann die ersten Bilder auftauchten vom Happelstadion, wo 40000 Zuschauer ohne Maske beim Benefizkonzert feierten, war mein erster Gedanke: „Wir haben es Euch gesagt! Das funktioniert so nicht!“ Aber die Organisatoren konnten nicht mehr zurück. Das Event war bereits in Rollen gebracht wurden. Sie konnten nurmehr appellieren, eine FFP2-Maske zu tragen. Sie taten das auch auf der Bühne mehrfach. Man kann den Veranstaltern nicht vorwerfen, dass es ihnen gleichgültig gewesen wäre. Als Alternative hätte man den Live-Act aber auch Streamen können und die Teilnehmeranzahl beschränken, und so auch die Mobilität reduzieren. Man muss in einer Pandemie angepasst handeln, besonders bei einer Großveranstaltung.

Am Nachmittag funktionierte das noch besser, während das Abendprogramm dann wie im Stadion wieder überwiegend jüngere Menschen anzog, und überhaupt das Musikprogramm wichtiger erschien als der eigentliche Anlass, die Hilfe für die Ukraine. Aber so erlebte ich es auch bei den Studentenprotesten 2009/2010, als für ein Gratisauftritt von Kabarettist Josef Hader der Hörsaal brechend voll war, aber sich für den Anlass der Proteste das Interesse sehr in Grenzen hielt. Das ist nicht einmal ein Phänomen einer bestimmten Altersgruppe, sondern Gratis zieht halt am besten.

Es hat sich letztendlich gezeigt, dass die Bevölkerung nur dann Schutzmaßnahmen mitträgt, wenn sie verbindlich sind. Die Verantwortung für das Gehorsamdenken trägt die Regierung, die es versäumt, die Health Literacy zu verbessern. Grundsätzlich sollte man sich natürlich fragen, ob eine Regierungspartei daran Interesse hat, dass Menschen gut informiert sind und selbstständig zu denken, wenn sie Millionen Euro für die Manipulation von Meinungsumfragen ausgibt. Wer schlecht informiert ist, der weigert sich Maßnahmen mitzutragen, die für ihn sinnlos sind. Da gibt es dann noch jene, die sie mittragen, weil sie vorgeschrieben sind, aber sobald die Pflicht wegfällt, tun sie das, was sie für richtig halten. Und wenn niemand erklärt, warum wir Maske tragen, warum es so wichtig ist, sich selbst zu schützen, ja warum dann auf Empfehlungen hören? Wer die Appelle nicht braucht, setzt die Maske ohnehin auf. Wer auch am Heldenplatz noch erinnert werden muss, obwohl er – wie wahrscheinlich viele andere – öffentlich angereist ist, wo FFP2-Maskenpflicht bestand, und dann trotzdem keine Maske trägt, der will von vorneherein nicht.

Seit DELTA kommen Infektionen im Freien viel häufiger vor, für Fußballstadien konnte man in einer deutschen Studie nachweisen, dass Maskenpflicht auch im Stadion und nicht nur am Weg zum Platz (analog zu Schulen indoor) effektiv ist und die Infektionszahlen senkt. Wir haben uns zurecht über Covidleugnerdemonstrationen aufgeregt, wo die meisten Teilnehmer keine Masken tragen, weil sie sie – no na – ablehnen, und ohne Abstand laut brüllend durch die Straßen ziehen. Wir haben letztes Jahr im Frühsommer entsetzt die vollen Stadien während der nachgeholten EM gesehen. Die Fallzahlen sind darauf – wenig überraschend gestiegen. Auf Bildern der beiden Konzerte im Ernst-Happel-Stadion und am Heldenplatz sah man gut die Aerosolwolken.

Gesellschaftspolitische Folgen der beiden Veranstaltungen

Mangels Kontaktnachverfolgung werden wir nie herausfinden, wie viele Infektionen infolge der beiden Konzerte aufgetreten sind. Die obige Inzidenzkurve deutet auf eine Verlangsamung des Abfalls in Wien hin. Anfang März war die Inzidenz in Wien österreichweit noch am niedrigsten, Anfang April wurde Wien Spitzenreiter. Die weitreichenden Lockerungen galten schon ab 05.03., die verschärfte Maskenpflicht kam am 24.3. – also zwischen beiden Veranstaltungen. Die Reduktion der Gratistests galt ab Anfang April.

Ansteckungen im Freien treten viel seltener auf als in geschlossenen Räumen. Das Risiko ist allerdings erhöht, wenn die Menschen über längere Zeit eng beisammen stehen und dabei noch laut singen oder schreien. BA.2 war 30% ansteckender als BA.1, vom R-Wert her zwischen DELTA und Masern. Steigende Infektionszahlen im Zusammenhang mit der EM im Juni 2021 wurden nachgewiesen.

Über die tatsächlichen Folgen wissen wir also wenig, aber über die Symbolwirkung schon:

GPA-Vorsitzende Barbara Teiber:

„Wenn jetzt zigtausende Leute bei Konzerten maskenlos Party machen dürfen, dann muss ein Ende der Maske auch für die Beschäftigten im Lebensmittelhandel drin sein.“ (14.04.22, KURIER)

Leider kein Einzelfall. Viele fragten sich nach den Konzerten, warum sie noch Masken tragen müssten, als man zehntausende Besucher ohne Maske sah. LehrerInnen sahen sich am nächsten Tag mit SchülerInnen konfrontiert, die sich gepflanzt vorkamen, warum sie noch Maske tragen sollten. Die Verfechter von Schutzmaßnahmen in Schulen wurden ruhiggestellt. Mit diesen Bildern gab es keinen Druck mehr auf die Politik.

Mit dem 24. Mai 2022 wurde dann nach wiederholtem Drängen der Gewerkschaft (!) und des Lebensmittelhandels auch in Supermärkten (und in Öffentlichen Verkehrsmitteln) abgeschafft. Letzendlich haben sich die am lautesten schreienden Stimmen durchgesetzt.

„die infektionszahlen gehen runter, die spitalsbelegung folgt hoffentlich. wie #yeswecare zeigt, ist die #pandemie für den großteil aller menschen vorbei. das sollten wir akzeptieren und auf dieser basis über maßnahmen für den herbst nachdenken.“ #imzentrum

twitterte Martin Margulies, Landtagsabgeordneter und Gemeinderat der Wiener Grünen am Abend des Benefizkonzerts

Für die politische Vereinnahmung können die Veranstalter von #yeswecare jedoch nichts.

Soziale Folgen

Wir haben emotional diskutiert. Und nicht sonderlich fair, das muss ich selbst zugeben. Vor kurzem gab es eine Radiosendung zum Thema „Wertschätzende Debattenkultur“ im Radio Orange (Wien), wo der Mitorganisator Landau die Maskendebatte rund um den Heldenplatz auch selbstkritisch beleuchtet hat.

Rückblickend denke ich, dass ich mich ebenfalls im Tonfall vergriffen habe bei der Kritik an der Umsetzung der Veranstaltung. Ich war fassungslos angesichts der tausenden Menschen, die am Abend maskenlos beim Konzert mitfeierten und sah das Folgeproblem schon, dass nun alle Dämme brechen würden. Ich warf ihnen vor, die Spendenaktion gegen das Infektionsrisiko auszuspielen, speziell nach Äußerungen wie „wir mussten eine Kosten-Nutzen-Abwägung machen“. Das war unsachlich und unfair. Ich hätte durchaus anerkennen können, dass sich die Veranstalter mehrfach an das Publikum gewandt haben, und betont haben, dass Masken tragen wichtig ist zur Solidarität des Gesundheitspersonals. Die Veranstalter sind keine Verharmloser oder Leugner.

Ein paar Aussagen von Landau im Radio sind bei mir hängengeblieben:

  • aufmerksam lesen und im Zweifelsfall Wohlmeinendes unterstellen. Was könnte daran Positives sein? Vielleicht meint die Person es gar nicht böse, besser wertschätzend rückfragen
  • Ausnahme: Abgrenzung zu rechten Forderungen
  • Dilemma: Populistische Aussagen nicht verstärken, indem man sie teilt versus nicht korrigieren ist gleichbedeutend mit gutheißen
  • Medien haben eine maximale Verantwortung, welche Themen wie aufgegriffen werden
  • „Wer noch nie einen Tweet nicht abgesetzt hat, der macht etwas falsch.“

Dazu kommt auch Reichweitenverantwortung. Man neigt dazu, es zu vergessen, aber mit über 5000 Followern zählt man definitiv schon zu den Influencern und sollte sorgsamer überlegen, wie man etwas formuliert. Das kann unbeabsichtigt eine Eigendynamik entwickeln.

lch stehe weiterhin zur Kritik, wie man zum Zeitpunkt der Planung davon ausgehen konnte, dass die Fallzahlen Ende März eine Veranstaltung dieser Größe schon zulassen würden und die (Stadt-) Regierung wirklich strengere Maßnahmen für diesen Fall erlassen würde. Leider war auch absehbar, dass Empfehlungen und Eigenverantwortung nicht fruchten würden. Das lehrt der Verlauf der Pandemie. Mit jeder Veranstaltung mit offenkundig nicht mehr eingehaltenen Regeln wird es immer schwieriger, Menschen davon zu überzeugen, weiter Maske zu tragen, vorsichtig zu sein, Rücksicht auf andere zu nehmen. Das war vielleicht naiv zu glauben, dass Appelle fruchten würden, aber Absicht oder gar bösartiges Inkaufnehmen will ich ihnen nicht unterstellen.

Ich glaube, dass wir uns überwiegend einig sind, dass viel mehr getan werden muss seitens der Regierung, sowohl für den Schutz vor Infektion als auch für die Kriegsopfer. Uns eint jedenfalls mehr als uns trennt. Es ist bedauerlich, dass etwas, das für einen guten Zweck gedacht war, den alle teilen, zu soviel Frust, Enttäuschung und gegenseitigen Schuldzuweisungen geführt hat. Und womöglich ist das öffentliche Twitter dann auch nicht immer das richtige Medium, um Bedenken zu äußern, weil es zu schnell in Pauschalkritik und Unterstellungen ausartet. Womöglich sollte man öfter das direkte Gespräch suchen, in welcher Form auch immer. Speziell wenn man viele Follower hat und bereits weiß, wie aufgeheizt die Stimmung ist.

Der allgemeinen Diskussionskultur wird es nicht schaden. Ich hoffe es gelingt ein Neuanfang.

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