Tag 202: Österreichs Experten gegen wissenschaftliche Fakten

Wenn ich mir jetzt täglich die Finger wund schreiben muss, weil sich österreichische Experten verharmlosend zum Virus geäußert haben, dann werde ich hier überhaupt nicht mehr fertig. Ich wollte heute eigentlich etwas über Wien selbst schreiben. Darüber, dass die Pleitewelle begonnen hat, dass man in den Straßen immer mehr Geschäfte sieht, die Räumungsverkauf plakatieren, Geschäftsauflösung oder irrsinnig hohe Rabatte, die kaum wirtschaftlich sein können. Darüber, dass ich mich aufrege, weil der Flughafenbus VAL2 wahrscheinlich dauerhaft eingestellt bleibt, und das war meine kürzeste und bequemste Verbindung zum Arbeitsplatz, die nebenbei auch mein Jahresticket deutlich aufgewertet hat. Darüber, dass in Wien gerade Wahlkampf [Bezirks- und Gemeinderatswahlen am 11.10.] herrscht und die ÖVP so tief in den Dreck greift, wie man das vorher nur von der FPÖ kannte. Ich könnte über die Versuche von Wien schreiben, mit der Registrierungspflicht zu verhindern, dass eine vorgezogene Sperrstunde kommt – wodurch die ohnehin schon spärlichen Umsätze weiter sinken würden. Über das Chaos an den Schulen und die langen Verzögerungen beim Warten auf den Test und das Ergebnis, über tagelange Absonderung in häuslicher Quarantäne selbst bei negativem Bescheid. Natürlich wächst die Wut auf die Regierung. Dafür könnte man jetzt zwei Gründe haben. Zum Einen, weil sie den Sommer offenbar ungenutzt verstreichen ließen und denkbar unvorbereitet in den Herbst starten, angeblich überrascht vom starken Anstieg der Fallzahlen. Zum Anderen, und dahin kippt die österreichische Bevölkerung gerade, wird der Regierung vorgeworfen, die Maßnahmen wären überzogen und das Virus viel harmloser und den Aufwand nicht Wert. Dazu passt dann leider der heutige Beitrag bei Ö1, wo Radiodoktor Manfred Götz den Public-Health-Experten Sprenger und die Leiterin des Hygieneinstituts Apfalter interviewte.

Wie man nicht objektiv berichtet

Im Text zur Sendung steht

Gibt es nun verlässliche Zahlen darüber, wie gefährlich die Corona-Sars-Cov 2-Viren für die einzelnen Altersgruppen tatsächlich sind – also wie hoch die Sterblichkeit ist. Es gilt ja zu bewerten, welche Maßnahmen effektiv sind und mehr Nutzen als Schaden anrichten.

Spätfolgen mit wochenlang oder monatelang anhalten Beschwerden selbst bei milden oder gänzlich symptomfreien Verläufen werden wieder einmal ignoriert. Maßnahmen sind nicht nur effektiv, wenn sie Todesfälle verhindern, sondern wenn es erst gar nicht dazu kommt, dass Erkrankte auf die Intensivstation müssen.

Warum werden sich vom Mainstream unterscheidende Ansichten sofort als medizinische Ketzerei bezeichnet – immerhin herrscht in vielen Bereichen ja noch Unklarheit und somit Diskussionsbedarf.

Wenn das Wording (Mainstream) beim öffentlichen Rundfunk dem von Verschwörungsmystikern ähnelt, sollte einem das zu denken geben. Auch abweichende Meinungen müssen anhand von Daten und Studien belegt werden können. Im Zweifelsfall erscheinen mir die Aussagen glaubwürdiger, die sich auf ein Geflecht von Fakten stützen und in vielen Ländern reproduziert werden können.

Wer ist eigentlich Prof. Apfalter?

Auf meinem Blog erhielt ich vor kurzem den Link zu einem Vortrag von ihr auf der Infektiologie. Es lohnt sich, einmal hineinzuschauen, um zu verstehen, wie sie auf diverse Aussagen kommt, die auch später in der Sendung getroffen wurden.

Folie 8: Infektionslehre:

Infektion: Aktives oder passives Eindringen von Erregern in Organismus, deren Vermehrung UND die Reaktion des Organismus (Immunantwort bis manifeste Infektion)

Besiedlung: „Eindringen“ und Vermehrung, keine Reaktion des Organismus

Infektionskrankheit: „Eindringen“ und Vermehrung und Reaktion des Organismus in Form von Krankheitssymptomen, die typisch sind für die Infektionskrankheit – „Falldefinition“

Der „richtige“ Test sollte Kranke von Gesunden unterscheiden. Betroffene, bei denen ein PCR-Test positiv ausfällt, ohne, dass Symptome vorliegen, wären demnach nicht infiziert, sondern lediglich besiedelt. Nachdem Langzeitfolgen auch in diesem Vortrag kein Thema sind, kann die Professorin nicht wissen, dass #Longcovid auch bei Betroffenen auftritt, die kaum oder nur schwach ausgeprägte Symptome in der Akutphase der Erkrankung zeigten. Nachdem auch symptomfreie Infizierte das Virus verbreiten können, hat der PCR-Test eben doch einen Sinn. In Oberösterreich werden Kinder unter 10 Jahren jedoch nicht getestet, auch Jugendliche und Erwachsene nur bei Auftreten von Symptomen. Zum Schluss vergleicht die Professorin Covid19 mit Influenza bei den Todesursachen und empfiehlt das Buch von Peter Zellmann, der darin ebenfalls einige fragwürdige Aussagen trifft:

So behauptete Zellmann die gängigen Trugschlüsse, wie sie auch immer wieder aus dem Umfeld von Verschwörungsmythikern zu hören waren: Wer mehr testet, würde auch mehr Positive finden. Angeblich würde die Infektionsverbreitung langsam abnehmen, hätten manche Fachleute statistisch nachgewiesen (nennen kann er sie nicht). Die in Europa rapide steigenden Zahlen an Intensivpatienten kann Zellmann damit allerdings nicht erklären. Übrigens ein Faktum, mit dem sich sehr viele Behauptungen aus dieser Ecke derzeit schnell in Luft auflösen lassen können.

An Zynismus nicht zu überbieten ist seine Aussage, dass unser Gesundheitssystem ein Vielfaches an schwer Erkrankten verkraften könnte und die Intensivbetten bei der ersten Welle bei weitem nicht ausgelastet wären. Als ernsthafte Gefährung sieht er das Virus nur im individuellen Ausnahmefall an, im völligen Widerspruch zur Zahl der schwer Erkrankten steht, nicht nur denen, die im Krankenhaus behandelt werden mussten und intensivpflichtig worden, sondern auch jene in häuslicher Pflege, die wochenlang mit den Nachwirkungen zu kämpfen hatten und haben.

In Summe fasst der Gastkommentar zum eigenen Buch gut zusammen, woher der Wind weht. Wenn in Trump’scher Logik behauptet wird, die zweite Welle sei eine reine Laborwelle, während die Zahl der Hospitalisierten und Intensivpatienten einen steilen Anstieg zeigt, kann man nur von Realititätsverweigerung sprechen.

Anzahl Hospitalisiert, Intensivstation und Todesfälle seit März,
Quelle: http://just-the-covid-facts.neuwirth.priv.at/2020/09/20/covid-19-oesterreich-aktuelle-daten/

Die Sendung

Ich denke, man kann die Regierungskommunikation durchaus differenziert kritisieren. Worin ich Sprenger und Apfalter recht gebe, ist die Kritik an den amtlich veröffentlichen Zahlen. Es fehlt an Transparenz, wer liegt mit welchen Grunderkrankungen im Spital, wer war vorher kerngesund? Wie ist die Zahl der schwer Kranken bezogen auf die Altersgruppe? Das amtliche Dashboard unterscheidet bei positiv Getesten nicht zwischen durchgemachter Infektion (nicht mehr infektiös) und bevorstehender Infektion (präsymptomatisch). In zahlreichen Ländern mit niedrigeren Medizinstandards als bei uns gibt es viel ausführlichere Angaben, auch zu den häufigsten Ansteckungsorten. Bei uns herrscht große Verunsicherung aufgrund des riesigen Informationsdefizit. Sicher ist es falsch, sich nur auf ein Gesundheitsrisiko zu fixieren, allerdings handelt es sich dabei derzeit um ein potentiell tödlich Virus, gegen das es keine Impfung gibt. Wie schnell das Infektionsgeschehen aus dem Ruder laufen kann, sieht man in Europa, egal ob Tschechien, Spanien, Frankreich oder Großbritannien.

Apfalter und Sprenger ziehen beide die Sterblichkeit heran, bei der Österreich noch gut durchs Frühjahr gekommen sei. Sprenger fügt hinzu, dass das Virus erst ab dem 65. Lebensalter deutlich bedrohlicher wäre. Laut Moderator Götz wäre der Tod als Endpunkt der Erkrankung eine Bedrohung. Der direkte Schaden durch Covid19 wäre gering, bekräftigt Sprenger und erwähnt Kollateralschäden wie Unter- und Fehlversorgung von Akutfällen und chronisch Kranken. Auch die steigende Arbeitslosigkeit wäre ein Faktor, der das Krankheitsrisiko erhöhen und das Sterberisiko verdoppeln würde. Apfalter sagt noch, dass man für den Grippevergleich öffentlich massakriert werde, weshalb sie sich die letzten Monate öffentlich zurückgehalten habe. Was keiner der drei Mediziner erwähnt, ist wieder einmal Long Covid. Was ist mit hunderten Erkrankten, die nach vielen Wochen noch nicht fit und arbeitsfähig sind? Zählen die alle nicht? Ganz zu schweigen von jenen schwer Erkrankten, die schwere oder dauerhafte Organschäden erlitten haben? Ja, wir wissen nicht, ob die Beschwerden bleiben oder wieder weggehen, aber will man das Risiko eingehen oder nicht eher alles dafür tun, nicht nur die Zahl der Todesfälle geringzuhalten, sondern auch die Zahl derer, die schwer erkranken?

Sprenger behauptete außerdem, dass Herdenimmunität nie das Ziel in Schweden gewesen wäre, alle Verantwortlichen dort hätten das betont. Das ist sachlich falsch, wie die geleakten E-Mails des schwedischen Epidemiologen Anders Tegnell zeigen. Die AGES lud übrigens Tegnell im kommenden Jahr zu einer Debriefing Session über Covid19 ein. Verantwortlich für das Programm ist Prof. Allerberger.

Apfalter wiederholt das Argument aus ihrem Vortrag, dass Tests nur dazu da wären, Gesunde von Kranken zu unterscheiden, und Sprenger fügt hinzu, dass man Nebeneffekte von Quarantäne nicht beachten brauche, wenn etwa das ganze Pflegepersonal eines Altenheims in Quarantäne müsse (Unterversorgung). Was Sprenger nicht erwähnt: Statt zu hinterfragen, dass so viele in Quarantäne müssen, könnte man auch dazu anregen, die Quarantänezeit weiter zu verkürzen, auf 5-7 Tage, wie selbst Virologe Drosten gerade noch als akzeptabel ansehen würde.

Moderator Götz: Welcher Abstand ist jetzt korrekt? Aerosole können viele Meter fliegen!

Apfalter behauptet, wenn jemand völlig symptomfrei wäre und nur atmet, würde ein Abstand von weniger als ein Meter ausreichen, weil – Kopie des Zitats von Allerberger – das Virus sich nicht durch Flügel verbreiten könnte. Ein Meter wären in Österreich ausreichend, das gelte vor allem für Symptomatische. Auch Sprenger hielt einen Meter für ausreichend. Weil beide Experten keine Ahnung von Aerosolen haben, kommt ihnen auch nicht in den Sinn, dass der Abstand gar nicht so entscheidend ist wie die Umgebung, in der sich infektiöse und empfängliche Personen befinden. Der Vortrag von Aerosol-Koryphäe Don Milton zeigt anhand mehrere Folien, dass auch in ausgeatmeter Luft infektiöse RNA vorhanden ist. Laut Apfalter wurde bisher keine Infektion über Oberflächen nachgewiesen (über Tröpfchen aber auch nicht!). Sprenger plädiert für zurückhaltende Maßnahmen bei unter Zwölfjährigen, Apfalter möchte Kinder unter 10 Jahren gar nicht testen. Evidenzbasierte Maßnahmen sind das nicht.

Gesamtfazit:

Die Fragen des Moderators Götz waren teilweise tendenziös formuliert und zielten darauf ab, dass die Maßnahmen übertrieben seien, zu viel getestet werde, das Virus (von der Sterblichkeit her) viel harmloser sei. Mit Sprenger und Apfalter kamen die gewünschten Antworten. Spätfolgen und anhaltende chronische Beschwerden, nachdem das Virus den Körper verlassen hat, wurden mit keinem Wort erwähnt. Mit den gleichzeitig niedrigen Sterblichkeitsraten und der Betonung der Kollateralschäden werden sich viele Verschwörungsmythiker und Verharmloser bestätigt fühlen. Warum gibt es dazu nur einseitige Sichtweisen? Warum verknüpfen die sogenannten Experten Fehl- und Unterversorgung mit einer Übertreibung der Gefahr durch das Virus? Ich kann den Fokus auf Covid19 für angemessen halten und gleichzeitig kritisieren, dass zu wenig auf andere Patienten geschaut wird.

Der geneigte Zuhörer(in) sollte sich lieber fragen, was beide Experten nicht erwähnt haben, aber auch vom Moderator nicht angestoßen wurde:

Was ist mit der Verantwortung der Mitmenschen, andere nicht anzustecken? Warum gab es keinen Appell, das Masken tragen in Innenräumen ernstzunehmen? Die Nase drunter, nicht drüber. Warum kein Appell gegen Faceshields und Virusspuckschanzen? Warum müssen private Feiern und sonstige hedonistischen Indooraktivitäten ausgerechnet während einer Pandemie sein? Insbesondere, wo Virologen und Orakel Anschober jetzt schon Hoffnung auf eine erste Impftranche ab dem Hochwinter machen? Sprenger behauptet einerseits, dass sich junge, gesunde Menschen unnötig bedroht fühlen – was nur mit Bezug auf die Todesrate stimmt, nicht aber auf Longcovid -, gibt aber gleichzeitig zu, dass das für Angehörige einer Risikogruppe – hier eine betagte Anruferin mit Asthma – völlig anders sei. Was Sprenger NICHT erwähnt: Das Risikoverhalten junger, gesunder Menschen, die (mit milden Symptomen) das Virus verbreiten, gefährdet die Gesundheit und das Leben von Menschen mit Vorerkrankungen. Man kann das eine nicht vom anderen trennen.

Ich als Mensch, der über den Tellerrand [Ausland] schaut, kann lesen und Zahlen einordnen und sage, halten wir doch die Zahl der Erkrankten generell niedrig, nicht nur die der Toten. Warum? Darum!

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