Tag 900: Was sollte ich jetzt wissen?

Macht es wie die Rehe – haltet Euch von Menschen fern, dann passiert Euch nichts!

Ich unterbreche meine Pause kurzzeitig (wird nächste Woche fortgesetzt), um ein paar allgemeine Bemerkungen über Infektionsgefahr und Ablauf der Infektion loszuwerden.

Stand 27.08.22, Quelle: Erich Neuwirth

Auch eine Autobahn bekommt Risse im Asphalt, wenn über viele Jahre starker Verkehr herrscht, so wie die Südosttangente. Die muss daher ständig saniert werden nach einer gewissen Zeit. So haben auch die Spitäler nicht mehr dieselben Kapazitäten wie zu Beginn der Pandemie, nachdem seit zwei Jahren Dauerbelastung ausgesetzt sind. Das Sommerloch 2021 musste genutzt werden, um etliche Operationen nachzuholen, die wegen der zweiten und dritten Welle verschoben werden mussten. Seitdem hat die Dauerbelastung aus hoher Zahl an Covid-Patienten, hoher Zahl an erkrankten MitarbeiterInnen und ständig nachzuholenden Operationen nicht mehr nachgelassen. Die Zahl der Patienten ist aber nicht gesunken. Seit die Bewegungseinschränkungen gefallen sind, gibt es die alltäglichen Unfälle wieder, und die sonstigen medizinischen Gründe eben auch, weswegen jemand eine Behandlung braucht. Das Personal hat aber stark abgenommen. Viele Ärzte und PflegerInnen haben gekündigt, den Job oder Bereich gewechselt, sind im Burnout oder wegen LongCOVID im Dauerkrankenstand. Im Sommer waren die Kinderambulanzen voll. Geplante OPs oder Untersuchungen mussten verschoben werden. Derzeit gibt es in Wiener Spitälern zahlreiche Gefährdungsanzeigen wegen Personalmangel. Lange Wartezeiten gibt es auch bei den niedergelassenen Ärzten, teils für wichtige Untersuchungen oder beim Spezialisten, etwa Neurologen. Grund dafür ist auch die Longcovid-Welle.

Die Aussichten sind düster – gesamtgesellschaftlich gesehen – auch ohne Krieg, Klima- und Energiekrise. Für das kommende Schuljahr haben erwartungsgemäß weder Bildungsminister Polaschek noch Gesundheitsminister Rauch Vorbereitungen getroffen. Die Vorschläge für sichere Kindergärten und Schulen lagen am Tisch, haben aber niemanden interessiert.

“Ergebnisse legen nahe, dass die Kombination von Testungen und Hygienemaßnahmen den Präsenzunterricht für Grundschulen in Bayern zu weiten Teilen gesichert hat”

Deutsches Ärzteblatt, 26.08.22

Solange Kinder, mit unterirdischer Impfquote übrigens, nicht geschützt werden und sich wiederholt infizieren, wird man auch die “vulnerable” Gruppe nicht schützen können. Darunter zahlreiche Menschen, die mitten im Berufsleben stehen, Kinder haben, Teil der Gesellschaft sind. Auch Erzieher- und Gesundheitspersonal setzt man so schutzlos den nächsten Infektionswellen aus – von Affenpocken, Grippe und anderen Viren reden wir da noch gar nicht.

OMICRON ist nicht mild!

Covid19 bleibt auch 2022 die tödlichste Infektionskrankheit der Welt mit rund 3-6 Millionen Toten pro Jahr, Tuberkulose hat rund 1,6 Millionen, Aids 1 Million, Malaria 0,5 Millionen und Influenza 0,2-0,6 Millionen pro Jahr.

Eine ansteckendere Virusvariante verursacht selbst dann mehr Todesfälle, wenn sie milder ist.

Zu Kindern liest man leider wenig in den Nachrichten. Nur wer aktiv sucht, stößt darauf.

Bis 30. April 2022 wurden 2853 Kinder im Alter bis 9 Jahren mit COVID19 hospitalisiert, davon 1841 in der OMICRON-Phase, also in den letzten vier der rund 25 Pandemiemonate. In der OMICRON-Phase mussten also pro Monat 10x so viele Kinder mit COVID-19 ins Krankenhaus wie vorher.

Covid-Hospitalisierungen pro Altersgruppe vor/während OMICRON, Visualisierung: Twitter-User @zeitferne, Datenquelle: Factsheet Hospitalisierungen Sozialministerium

Wissenschaftsfeinde in der Regierung

Ich hab schon oft darüber geschrieben.

“Wissenschaft ist das eine, Fakten sind das andere.”

Innenminister Karner, 26.08.22

“Wissenschaft ist das eine. Die fordern impraktikable Dinge. Wir Politiker:innen müssen das regeln”

Clubchefin der Grünen, Sigrid Maurer, sinngemäß, 29.07.22

“Ich bewege mich auf dem Fundament von Expertise (Wissenschaftlichkeit) und Verhältnismäßigkeit (Verfassungskonformität)”

Gesundheitsminister Rauch, 19.04.22

Leider bewegt sich Rauch dabei nicht am Boden der Ehrlichkeit. Erst sollte die Maskenpflicht bleiben, dann wurde sie aufgehoben. Dann sollte im Herbst die Maske zurückkehren, jetzt sagt Rauch, dass die Maskenpause fortgesetzt wird und begründet das mit dem Varianten-Management-Plan. Darin wird OMICRON als mild geframed und Österreich soll sich im Szenario 2 (“günstiger Fall”) befinden.

Was aber steht im Szenario 2 zur Maskenpflicht?

  • Schutz vulnerabler Personen am Arbeitsplatz
  • FFP2-Maskenpflicht und G-Zugangsregeln in vulnerablen Settings wie Krankenanstalten sowie Alten- und Pflegeheimen
  • FFP2-Maskenempfehlung für Innenräume, inklusive Aufklärung und gezielte Kommunikation zum Thema Masken.

Was sind Vulnerable überhaupt, und warum reicht es nicht, nur Krankenanstalten und Alten/Pflegeheime zu schützen? Das erfahrt ihr in diesem langen Thread. Der Grund, warum man diese Realität nicht anerkennen will, ist, weil die einzige Problemlösung lauten würde, dass man die Pandemie weiter eindämmen muss.

Nun zum praktischen Teil: Was gilt mit OMICRON und Impfung?

Entgegen meinem Naturell versuche ich kurze Antworten auf die dringendsten Fragen zu geben. Wer seine Fragen nicht beantwortet sieht, bitte die Kommentarfunktion unter dem Artikel benutzen – danke.

Akute Infektion

Ich bin geimpft, wann bin ich ansteckend?

aus der Seuchenkolumne von Epidemiologe Zangerle

Bei ungeimpften Personen ist es nach wie vor so, dass die Viruslast hochfährt und sich dann erst Symptome zeigen. Bei geimpften Personen mit Covid19-Infektion kennt das Immunsystem durch die Impfung den Erreger schon und fährt die Immunabwehr hoch, bevor die Viruslast ansteigt. Daher zeigen sich oft erst Symptome, bevor Tests das Virus nachweisen können. Negative Antigentests bei Symptomen sind daher kein Ausschluss einer Infektion. Zahlreiche Beobachtungen zeigen, dass Tests sogar erst mit dem Abklingen der Symptome mehrere Tage nach Symptombeginn anschlagen.

Wie viel Tage vergehen derzeit vom Infektionszeitpunkt bis Symptombeginn (Inkubationszeit)?

Bei den OMICRON-Varianten beträgt sie derzeit durchschnittlich 3.4 Tage, bei Menschen über 60 Jahren sowie Kindern unter 18 Jahren ist sie mit 7-9 Tagen im Schnitt länger (Wu et al. 2022, systematischer Review).

Was sollte ich an technischen Geräten zuhause haben, wenn ich infiziert bin?

Ein Pulsoxymeter, um Sauerstoffsättigung und Puls zu überwachen. Der Sauerstoffwert sollte nicht längere Zeit unter 95% liegen. Fieberthermometer ist eh klar. Für die Zeit nach der Infektion empfiehlt sich eine Fitnessuhr oder Scan Watch, um Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und Schlafqualität im Blick zu haben.

Wie lange bin ich infektiös?

Bei allen OMICRON-Subvarianten ist man ähnlich lang infektiös, am 5. Tag noch rund 4/5 aller Infizierten, am 10. Tag noch etwa jeder Zehnte. Es gibt keine Daten, die eine Isolationszeit von nur fünf Tagen unterstützen, selbst unter zehn sind kritisch zu sehen. (Boucau et al. 2022, David Adams 2022).

Ich hab keine Symptome, bin ich weniger infektiös?

Unabhängig von der Symptomschwere besteht kein Unterschied in der Virusmenge zwischen DETLA und BA.1/BA.2 (Townsley et al. 2022). Symptomatische und symptomlose Infizierte sind ähnlich lang infektiös (Keske et al. 2022).

Wann beende ich meine Isolationszeit?

Wenn ich immer noch symptomfrei bin oder gerade symptomfrei werde, kann ich trotzdem noch ansteckend sein. Ein Ct-Wert über 30 gilt allgemein als Schwellenwert zum “Freitesten”. Infektiös kann man aber noch bis zu einem Ct-Wert um 35 herum sein. Problematischer ist aber die Schwankung des Ct-Werts. Wer sicher gehen will, sollte lieber erst nach dem zweiten Ct-Wert über 35 seine Isolation beenden (aber besser weiterhin Maske tragen). Ein besserer Indikator für die Infektiösität sind Antigentests, sie schneiden beim Isolationsende im Schnitt besser ab als für die Früherkennung – das galt vorher schon, aber noch mehr für OMICRON-Subvarianten (Hakki et al. 2022, Leuzinger et al. 2022), Am besten ist also eine Kombination aus PCR- und Antigentests.

Nach der akuten Phase

Verlauf von LongCOVID/Post-acute-COVID nach Nalbandian et al. (22.03.21)

Muss ich weiterhin Maske tragen? Ich bin doch immun!

Jein. Die sterile Immunität (Schleimhaut-Immunität), also die Fähigkeit, das Virus abzuwehren, bevor es erneut in der Viruslast ansteigt, ist vorübergehend hoch, aber die OMICRON-Subvarianten führen in der Regel nur kurzzeitig zur Antikörperbildung, sie sind oft nach wenigen Wochen nicht mehr nachweisbar. Durchgemachte Infektionen mit einer Variante schützen oft schlecht vor einer neuen Variante, etwa BA.1/BA.2 nicht gut gegen BA.5 (Yao et al. 2022, Hachmann et al. 2022). Während man also höchstens 1-2 Monate Ruhe hat vor erneuter Ansteckung (variiert stark je nach erzeugtem Antikörpertiter), ist die größere Gefahr, sich mit anderen Infektionskrankheiten anzustecken. Grund dafür ist, dass eine Covid19-Infektion das Immunsystem für mindestens ein halbes Jahr, manchmal auch länger schwächen kann (Shen et al. 2022, Phetsouphanh et al. 2022). Kinder- und Hausärzte berichten gehäuft von grippalen Infekten, Bronchitis, aber auch Gelenksentzündungen (Schulter, Knie) bei Covid19-Überlebenden. Die durchgemachte Infektion ist also kein Ersatz fürs Maske tragen, eher das Gegenteil! Selbstschutz wird wichtiger.

Was kann ich tun, um langwierigen Heilungsverläufen vorzubeugen?

Wenn die akute Phase überstanden wurde, beginnt die Schonphase – und zwar unabhängig davon, ob der Verlauf symptomatisch oder asymptomatisch war. Zwei Wochen körperliche Schonung sollten in jedem Fall drin sein. Ihr werdet immer wieder Fälle erleben, wo schon nach kürzerer Zeit wieder mit Sport begonnen wurde, aber das geht nicht immer gut aus! Covid19 ist eben nicht nur ein Schnupfen, sondern kann die Gefäße und Nerven im ganzen Körper angreifen. Da geht es nicht um Panik oder übertriebene Vorsicht, sondern um Vernunft – und um Rückfälle zu vermeiden. Wer zu früh beginnt, riskiert LongCOVID.

Aus dem Positionspapier “Return to Sport” von Nieß et al. (05/2020) –
weiterhin gültige Empfehlungen (Pneumonie: Lungenentzündung, Myokarditis: Herzmuskelentzündung)

Wer auch in den Wochen nach der akuten Infektion weiterhin Probleme wie Fatigue (extreme Erschöpfungsmüdigkeit nach körperlicher oder geistiger Anstrengung), Kurzatmigkeit und Atemnot (z.B. auch im Liegen) hat, sollte Herz und Lunge abklären lassen. Das geschieht über Lungenröntgen/CT, Herzultraschall, 24-Std.-EKG, großes Blutbild, etc. Wer keine Symptomverschlechterung oder erneute Symptome aufweist, sollte dennoch regelmäßig Puls messen. Manche Unregelmäßigkeiten zeigen sich erst später. Ein Blutbild kann man auch im Rahmen der jährlichen Vorsorgeuntersuchung beauftragen, wenn der Hausarzt sich weigert, die Sporttauglichkeit zu überprüfen. Sonst kann man auch einen Sportmediziner ansprechen.

Mein Rat ist, lieber einmal genauer hinzuschauen als etwas zu übersehen. SARS-CoV2 ist ein heimtückisches Virus.

Auf Überlastungssymptome achten

Bevor man schrittweise das Training oder seinen Hobbysport wieder aufnimmt, sollte man tägliche Aktivitäten und 500 Meter Strecke in der Ebene gehen überstehen, ohne danach ausgeprägte Erschöpfung (Fatique) oder Kurzatmigkeit zu empfinden. Fitness-Uhren helfen bei der Überwachung, zu hoher Puls ist ein Warnzeichen, ebenso Schlafqualität und Auftreten von Muskelkater. Sobald eine Aktivität Symptome nach sich zieht, sollte man wenigstens 24 Stunden lang symptomfrei sein, bevor man erneut beginnt. Bei länger anhaltender Erschöpfung muss man darauf achten, die persönlichen Belastungs- und Energiegrenzen strikt einzuhalten, um PEM zu mildern – siehe dazu diesen Vortrag von Dr. Michael Stingl, Neurologe und LongCOVID/MECFS-Experte.

Die meisten nehmen an, dass die Kurzatmigkeit am Resthusten/Schnupfen und dem Fitnessverlust durch die Infektion liegt, und fangen zu früh wieder an zu arbeiten bzw. Sport zu treiben.

Vorsicht bei geplanten Operationen!

Besondere Vorsicht sollte man walten lassen, wenn elektive Eingriffe geplant sind. Nach einer Infektion sollte man mindestens zwei Monate warten, sonst besteht ein erhöhtes Risiko für Lungenentzündungen. Das gilt zumindest nach einem symptomatischen Verlauf, da die Atemwege/Bronchien dann häufig beleidigt sind – bei vielen macht sich das etwa durch trockenen Reizhusten bemerkbar. Der Impfstatus spielt dabei keine Rolle.

Was sind die Folgen?

Auch bei milden Verläufen ohne klassische LongCOVID-Symptome treten 6-9 Monate nach der Infektion noch verringerte Konzentration sowie Gedächtnisstörungen auf (Zhao et al., 19.01.22). Ebenso kommen vor: Periphere Nervenschäden 3 Monate nach der Infektion (Odozor et al., 24.03.22), Schäden an der Leber (Wanner et al., 28.03.22) gehäuftes Auftreten von Diabetes (Xie et al., 21.03.22Müller et al., 2021), häufiger Thrombose und reduziertes Lungenvolumen (Petersen et al., 14.03.22), erhöhtes Demenzrisiko (Wenzel et al., 2021Douaud et al., 2021). Wiederholt wird von einer Reaktivierung des Epstein-Barr-Virus durch Covid19 geschrieben, das Autoimmunerkrankungen verursachen kann (z.B. Multiple Sklerose). Covid19 betrifft die Hoden und kann Unfruchtbarkeit wie bei Mumps verursachen (Li et al., 18.02.22Kresch et al., 2021Ma et al., 2020), dazu kommen noch eine Reihe weiterer Erkrankungen der Organe und des zentralen Nervensystems (z.B. Transversale Myelitis, Advani et al., 18.12.21), Schlaganfälle treten auch häufiger auf (Zarifkar et al. 2022), auch bei jungen Menschen!

Gibt es keine Medikamente gegen LongCOVID?

Die beste Vermeidung von LongCOVID ist die Vermeidung der Infektion. Ist LongCOVID erst mal vorhanden, hilft nur das angesprochene Pacing und zu hoffen, dass die Symptome verschwinden. Nach drei Monaten haben noch etwa 4% der Betroffenen einschränkende Beschwerden (Ayoubhkhani and Bosworth 2022). Derzeit laufen mehr als 25 klinische Studien zur Behandlung von LongCOVID, einen Durchbruch hat es bisher aber noch nicht gegeben. Beschwerden lassen sich oft nur symptomatisch lindern. Durch LongCOVID ausgelöste Autoimmunerkrankungen wie Typ-1-Diabetes, Zöliakie sind jedoch unheilbar (passiert anekdotisch auch bei Kindern).

Unbehandeltes LongCOVID kann nach sechs Monaten in MECFS übergehen – eine unheilbare Krankheit, wo Betroffene oft eine niedrigere Lebensqualität als bei Multipler Sklerose aufweisen und oft jahrelang um Anerkennung ihrer Krankheit kämpfen müssen. MECFS kann bei schwerem Verlauf zu Bettlägerigkeit führen.

Man kann es auch anders sagen: Eine Covid19-Infektion kann eine oder mehrere neue Vorerkrankungen verursachen. Man gilt danach als vulnerabel. Der Kreis der “Vulnerablen” wird also stetig größer, selbst wenn es nur durch ein temporär geschwächtes Immunsystem bedingt ist.

Wer mehr wissen möchte zur LongCOVID-Initiative in Österreich, dem empfehle ich den Verein Long COVID Austria – Selbsthilfegruppen gibt es derzeit auf Facebook für Erwachsene und Kinder, sowie den Selbsthilfe-Youtube-Kanal von Karla Küken.

Gibt es gute Übersichtsartikel, wodurch LongCOVID ausgelöst wird?

Wenn Dein Körper eine Stadt ist, dann ist Covid19 eine Krankheit, die all den Beton und Asphalt in der Stadt angreift.

Die drei führenden Theorien sind winzige Blutgerinnsel, Virenreste im Körper und das unterdrückte Immunsystem (Jennifer Couzin-Frankel, 16.06.22), ein neueres Paper von Klein et al. (2022) hat zahlreiche interessante Ergebnisse zusammengefasst, u.a. reicht eine gute Anamnese mit dem Patienten aus, um in 94% der Fälle LongCOVID zu identifizieren. T-Zellen sind erniedrigt, Herpesviren können reaktiviert werden (Peluso et al. 2022), niedrige Cortisolwerte (produziert in den Nebennierenrinden) sind ein starker Hinweis auf LongCOVID-Zustand und Verlauf.

In meinem Umfeld ist die Pandemie vorbei. Warum sollte ichs nicht drauf ankommen lassen?

Das LongCOVID-Risiko wird nicht kleiner, denn die Varianten bleiben gefährlich und mutieren immer weiter, wodurch sie das Immunsystem besser umgehen können. Je länger ich mich vor einer Infektion schützen kann, desto besser werden meine Chancen auf eine angepasste Auffrischimpfung (derzeitiger Fahrplan: BA.5-Booster kommt im Herbst) und schließlich die Hoffnung auf einen Durchbruch bei den effektiveren Schleimhaut-Impfstoffen (Topol and Iwasaki 2022), die auch die Übertragung nachhaltiger unterbinden sollen (Gamechanger). Da übrigens in der Tierwelt die ALPHA- und DELTA-Varianten weiterhin überleben (Marques et al. 2022), ist der bivalente Booster, der sowohl Elemente vom Wildtyp als auch von OMICRON enthält, möglicherweise doch nicht so verkehrt. Und schließlich – je länger man wartet, desto eher gibt es vielleicht auch einen Durchbruch bei Medikamenten gegen LongCOVID.

Trainieren regelmäßige Infektionen trainieren das Immunsystem?

Kurze Antwort: Nein.

Lange Antwort: Lest dafür diesen BlogArtikel über Hygiene Hypothese und Immunschuld.

Vorbeugende Maßnahmen sind IMMER eine gute Sache – sie schaffen mehr Lebensqualität, verringern Krankenstände, Krankenhausaufenthalte und Tote. Das gilt nicht nur für SARS-CoV2, sondern auch für RSV, Influenza, etc.

Man hat auch wegen der Lockdownzeit und Masken tragen nichts aufzuholen: 1. sind Schulschließungen und verpflichtendes Maskentragen im Unterricht schon länger her, 2. haben die wenigsten am Arbeitsplatz durchgehend Maske getragen und 3. wer vor der Pandemie ständig krank war, ist es jetzt meistens auch, wenn er Kontakt zu unmaskierten Kranken nicht vermeiden kann, aber wer vor der Pandemie nicht ständig Atemwegsinfekte hatte, muss danach nicht zwingend plötzlich welche haben. Ich hab für mich entschieden, dass es sich gut leben lässt mit Maske tragen und ich neben dem Selbstschutz auch Fremdschutz zeige – früher war mir das nie so bewusst, wie gefährlich es eigentlich ist, wenn ich Symptome habe und andere mit geschwächtem Immunsystem gefährde.

Was kann ich neben dem Maske tragen tun, um eine Infektion zu vermeiden?

Als Elternteil aktiv dafür eintreten, dass Kinder im Kindergarten und Schulen geschützt werden – trotz hoher Energiekosten! Die Krönung ist eine festverbaute Lüftungsanlage mit effektiver Frischluftzufuhr, die Übergangslösung sind mobile Luftreiniger und die Notlösung sind zumindest CO2-Messungen, um festzustellen, wie oft man lüften muss, um den Dreckluftanteil auf akzeptable Werte zu drücken. Bei hoher Inzidenz geht es ohne regelmäßige PCR-Tests und Maske tragen im Unterricht nicht. Infektionsschutz für Kinder ist nicht verhandelbar. Sie haben viele gesunde Lebensjahrzehnte vor sich, aber sie erwartet dabei große Aufgaben durch unsere verbockte Pandemie-, Russland- und Klimapolitik, sprich sie haben es eh schon schwer genug, und sollten nicht durch regelmäßige Covid19-Infektionen, LongCOVID und Folgeinfekte zusätzlich geschädigt sein.

Wer es sich noch leisten kann, misst am besten selbst CO2 auf den Alltagswegen und versucht dadurch herauszufinden, wie gut die Frischluftzufuhr im Büro, bei Klienten, unterwegs oder beim Einkaufen, beim Arzt, im Spital, usw. ist. Eigene Messungen und daraus abgeleitete Empfehlungen habe ich eine eigene Rubrik gewidmet.

Welche Masken sind am besten?

Gute Masken sitzen gut. Die teuerste FFP2 oder FFP3-Maske bringt nichts, wenn man bei kühler Luft seinen Atem sieht, sie ständig verrutscht oder zu große Lücken vorhanden sind. Von der Dichtheit her sind Masken mit Kopfbändern meist fester sitzend als mit Ohrenschlaufen. Ein Clip am Nacken kann den Dichtsitz verbessern, je nach Kopf- bzw. Gesichtsform kann das ausreichen. Masken müssen gewechselt werden, sonst verlieren sie ihre Filterfähigkeit durch Feuchte, Schmutz und Materialdehnung (Lücken an der Haut werden größer). Zudem kann man durch verschmutzte und verfusselte Masken schlechter atmen. Darunter leiden besonders ältere Menschen und jene mit krankhaft verringerter Lungenkapazität.

Bevor man gar keine Maske trägt, kann man immer noch eine medizinische Maske tragen. FFP2-Masken sind aber klar besser (Dörr et al. 2022), ihr Nutzen ist aus 1700 ausgewerteten Studien belegt (Alihsan et al. 2022). Für Männer wichtig: Bart ab! Schon ein 1cm hoher Bart reduziert die FFP2-Schutzwirkung von 95 auf 60% (Prince et al. 2022).

Reicht es, wenn ich alleine eine Maske trage?

Der Schutz ist besser, wenn beide eine Maske tragen. Für kurze Begegnungen, etwa beim Einkaufen oder kurze Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, ist “One-Way-Masking” ausreichend, aber bei medizinischen Masken beträgt die Schutzwirkung nur etwa 30 Minuten bis zu einer potentiellen Ansteckung, wenn andere keine Maske tragen.

Schutz vor Infektion je nach Art des Maske tragens bzw. keiner Maske, links die infizierte Person, oben die empfängliche Person, Quelle: CDC

One-Way-Masking ist daher keine Dauerlösung. Spätestens bei einer längeren Zugfahrt wirds kritisch. Ich bin schon lange nicht mehr länger als zwei Stunden am Stück Zug gefahren. In Fernzügen muss man sich auf eine gute Lüftung verlassen oder zusätzliche Stops einplanen. Da im Zug sowieso alle essen, egal ob sie am Platz oder im Speisewagen sitzen, weil sie dann keine Maske tragen müssen/können, setze ich mich meist trotzdem in den Speisewagen – wo in der Regel weniger Fahrgäste hineinpassen als in einen Großraumwagen. Zudem trage ich konsequent FFP3-Masken, alternativ könnte man über die FFP2-Maske noch eine medizinische Maske aufziehen, oder bei längeren Fahrten, um Durchfeuchtung zu verhindern, über die FFP2-Ventilmaske eine medizinische Maske.

Glücklich bin ich derzeit aber mit keiner Lösung, denn selbst mit der Zuversicht, dass die eigene Maske dicht hält, bleiben das unangenehme Gefühl und die Wut über die rücksichtslosen Mitmenschen. Früher machte mir das Reisen Spaß, ich saß gerne im Speisewagen – das war Teil der Reise, sowohl der Genuss als auch das ausgiebige Buch- und Zeitung lesen. So entspannt war ich seit Pandemiebeginn nicht mehr, und seit Wegfall der Maskenpflicht in Österreich reise ich seltener weiter und allgemein nurmehr ungern mit den Öffis.

Soll ich die Maske auch im Freien tragen?

Bei Menschenansammlungen, ungünstiger Windströmung und bei Gesprächen ist es empfehlenswert. Es hat schon Ansteckungen im Freien geben. Früher seltener, weil die Inzidenz viel niedriger war, jetzt kommen sie häufiger vor.

Wenn mein Gegenüber eine Maske trägt, muss ich dann auch eine tragen?

Ja!! Das gebietet die Höflichkeit.

*

Damit beende ich meine Pause von der Pause und melde mich Anfang September zurück.

One thought on “Tag 900: Was sollte ich jetzt wissen?

  1. Ich halte mich ja bei dem Thema COVID für relativ gut informiert, aber hier finde ich immer wieder Verweise auf interessante Artikel und Studien, auf die ich so nicht gestoßen wäre.
    Und ebenso übersichtliche, informative Zusammenfassungen, wie man sie sich von unseren Durchseuchungsministerien vergeblich wünscht. Wieder einmal herzlichen Dank für diese aufwendige Recherchen.

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