Tag 674: Miteinander reden, aber worüber?

Das Rote Kreuz möchte mit einer Kampagne die „Spaltung“ der Gesellschaft verhindern, während türkisgrün ganz offiziell die Bevölkerung durchseuchen will und daher über eine Rücknahme der Impfpflicht nachdenkt.

Das Rote Kreuz fährt eine Kampagne, um die Spaltung in der Gesellschaft zu überwinden, indem durch die Pandemie polarisierte Menschen (Freunde, Kollegen, Verwandte) wieder aufeinander zugehen und dabei am besten nicht über Corona reden, sondern Smalltalk führen (Gerry Foitik: Hobbys, Wetter, Kinder), um das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen, nicht das Trennende.

Ehrenwerte Ziele, nur zum völlig falschen Zeitpunkt und ohne Bedingungen, die den ersten Schritt aufeinander zu ermöglichen. Denn was sind die gegenwärtigen Voraussetzungen? Eine in allen Belangen versagende Pandemiepolitik der Regierung, aber auch der Opposition, die seit zwei Jahren die schwerste Gesundheitskrise seit mehr als 100 Jahren zu einer provinziellen, parteipolitischen Auseinandersetzung degradiert. Über 13000 Tote, geschätzte 200 000 LongCOVID-Betroffene und ein durch Korruption und Wirtschaftsinteressen geprägtes Grundmisstrauen in die politische Führung und deren abgelehnte Verantwortung für ihre Bevölkerung, die hingegen auf Eigenverantwortung abgewälzt wird.

Lösungsvorschläge gab es zuhauf, für bessere Schutzmaßnahmen, private Initiativen für Luftfilter zur Umsetzung von Niedrig-Inzidenz-Strategien, alles wissenschaftlich gut begründet – alles abgelehnt. Wir suchen nicht Schuldige, sondern wer die Verantwortung trägt für die deprimierende Situation, in der wir uns befinden.

Voraussetzungen für ‚Aufeinander zugehen‘:

1. Ehrlichkeit und Transparenz

Die Ereignisse der letzten 1,5 Jahre zeigen deutlich, dass Österreich in der Pandemie nach dem erfolgreichen ersten Lockdown, der uns nahe ZeroCovid gebracht hat, auf den Schwedischen Weg umgeschwenkt hat. Dieser lautet unmissverständlich und konstant: Durchseuchung, um Herdenimmunität über Infektion zu erreichen – dafür gibt es zahlreiche Zitate, die diese Strategie unterstreichen. Wer von beiden Koalitionsparteien jetzt mehr versagt hat, ist unerheblich. Türkis wollte es möglichst billig, mit Impfstoffdeckelung, den billigsten Impfstoff, der für Entwicklungsländer gedacht war, mit möglichst wenig Einschränkungen für die Wirtschaft, dabei vor allem der so wichtige Wintertourismus, der unglücklicherweise der Treiber der Pandemie im Alpenraum ist und durch seine europäischen Gäste auch dem Ausland immer wieder einen Turbo bei den Infektionszahlen beschert. Es sollte möglichst wenig Reise- und Tourismusbeschränkungen geben, daher gab es lange keine Testpflicht und selbst als frühzeitig klar wurde, dass OMICRON die Immunabwehr von Genesene und Geimpften unterläuft, hielt man an der 2G-Regel eisern fest. Grün hat alle Entschlüsse der Regierung, mit Lockdown-Maßnahmen zu warten, aus Koalititonsräson mitgetragen und wollte nach außen hin weiter Harmonie signalisieren.

„That virus is out there, it cant be bargained with, it cant be reasoned with, it doesn’t feel pity or remorse or fear, and it absolutely will not stop… EVER, untill you are dead!“ (abgewandelt aus „The Terminator“, 1984)

Das Virus hat allerdings eher die Eigenschaft, mit Freude auf kompromissfähige Lösungen einzugehen und nimmt unbeeindruckt die Einladung an, wenn sich mit OMICRON infizierte Dreifachgeimpfte im Gasthaus oder beim Après-Ski treffen, und hier und da noch ein gefälschter Test- oder Impfnachweis die Übertragung erleichtert. Der Blick auf andere Länder zeigt, dass gegen SARS-CoV2 nur Härte und Kompromisslosigkeit zum dauerhaften Erfolg führt. Die berühmt-berüchtigte „österreichische Lösung“, viel zu wollen, wenig umzusetzen und die verbliebene Lösung nur jenen angedeihen zu lassen, die das möchten, erleidet mit der Pandemie seit vielen Monaten Schiffbruch. Im ersten Lockdown hielten noch die Furcht und die eindrücklichen Bilder aus der Lombardei vor Unvernunft ab. Mit dem Präventionsparadoxon war die Vernunftbarriere dann Geschichte und die Gegner der Maßnahmen bekamen Oberwasser.

Die Grünen hätten seit dem Niedergang von Ex-Kanzler Kurz und seinen Vasallen seit Monaten Gelegenheit gehabt, die Daumenschrauben gegenüber ihrem geschwächten Koalitionspartner deutlich anzuziehen. Sie hätten ihnen sogar die Rute ins Fenster stellen können, denn eine Koalition mit Covidleugner Kickl scheint undenkbar, mit der SPÖ nicht gewünscht und mit den NEOS nicht umsetzbar. Mückstein und Kogler haben an verschiedenen Stellen betont, dass ihnen Harmonie am Ende wichtiger war als das Richtige zu tun.

STANDARD: Dann hätten Sie doch an die Öffentlichkeit gehen müssen und warnen: Wir steuern da auf etwas zu, die ÖVP will nichts tun.

Kogler: Es ist natürlich besser, man einigt sich und kommuniziert dann
auf dieser Basis gemeinsam. Das ist ja dann auch geschehen.

Damit sind sie für den Kurs, den die Regierung fährt, natürlich mitverantwortlich – Mitläufer, wie man so bitter über jene Menschen sagt, die zwar eigentlich dagegen sind, aber den Kurs trotzdem mittragen aus egoistischen Motiven – aus Sicht der Grünen der Klimaschutz, der über allem steht, sogar über dem rechtsradikalen Asylkurs der ÖVP, die Kinder abschieben, und die jeden Samstag in Wien die demonstrierenden Rechtsextremen und Esoteriker gewähren lassen, denn hier wäre der ÖVP-Innenminister gefragt, dem die Polizei untersteht und die viel härter durchgreifen müsste bei den Vergehen während und im Umfeld der Demonstrationen.

Die Ehrlichkeit fehlt natürlich vor allem aus der Sicht der Kinder und Jugendlichen, die sich seit Monaten dagegen wehren und die untragbaren Zustände in den Bildungseinrichtungen nicht mehr hinnehmen wollen. Die in Schulen verwendeten Schnelltests sind in der Rangliste des Paul-Ehrlicher-Instituts auf Rang 31 von 31 – ein Feigenblatt der Virusbekämpfung „wir tun so, als ob wir etwas dagegen tun, tatsächlich werden viele Infektionen nicht entdeckt und die Durchseuchung geht weiter„. Viele denkende Kinder fühlen sich zurecht als „Kanarienvögel im Bergwerk“, wenn sie als „Infektionsradar“ missbraucht werden, um anzuzeigen, wie viel Infektionsgeschehen gerade in der Bevölkerung stattfindet. Erst wurde behauptet, Kinder würden keine Rolle im Infektionsgeschehen spielen, jetzt dreht man den Spieß um und behauptet auch noch, „Kinder hätten schon genug gelitten“, dabei herrscht die psychische Belastung nicht nur wegen Distance Learning und Lockdown, sondern auch wegen der Furcht, schwer zu erkranken oder seine Angehörigen mit einer Ansteckung zu gefährden, und durch den hohen Leistungsdruck eines inflexiblen Schulsystems, das in der Pandemie nicht neuen Lebensrealitäten angepasst wird. Über vorerkrankte Kinder oder Angehörige redet niemand, ebenso wie das Thema „das Kind würde sich gerne impfen lassen, aber die Eltern sind Impfgegner und erlauben es nicht“ totgeschwiegen wird. Dass vor allem jüngere Kinder durch OMICRONs veränderte Eigenschaften (geht mehr auf die Bronchien, äußert sich durch Krupp-artige Symptome) häufiger betroffen sind als bei früheren Varianten, wird ebenso ausgeblendet.

Neben der offiziell nicht kommunizierten schlechten Sensitivität der Schnelltests und dem Unwillen, regelmäßige PCR-Tests in den Schulen und Kindergärten auf ganz Österreich auszudehnen, ist für mich vor allem der Mitte September 2021 gefasste Entschluss , die Risikostufen (und damit Schutzmaßnahmen) in Schulen mit der Kapazitätsauslastung der Intensivstationen zu verknüpfen, das deutlichste Zeichen für eine bewusst in Kauf genommene Durchseuchung. Ob man die nun gewollt, zugelassen, geplant oder beabsichtigt nennt, ist eine semantische Diskussion. Wir wissen seit Pandemiebeginn, dass die Intensivstationen sich stark zeitverzögert mit steigenden Infektionszahlen füllen. Die Gesundheit Österreich Gesellschaft (GÖG) hat im Auftrag der Bundesregierung errechnet, wie viele Neuinfektionen pro Tag man zulassen könnte, bis die Intensivstationen überlastet würden. Dass jüngere Menschen seltener hospitalisiert werden müssen, wurde einkalkuliert – LongCOVID nach milden Verläufen spielte dabei keine Rolle. Tatsächlich kam der vierte Lockdown erst, als wir die Grenze von 10000 Neuinfektionen weit überschritten hatten. Die Überlastung der Spitäler geschieht natürlich schon viel früher, sobald geplante OPs verschoben werden müssen und wichtige Vorsorgeuntersuchungen, etwa von Tumorpatienten, nur mehr eingeschränkt stattfinden können („weiche Triage“).

Quelle: ORF, Stand 15.01.22

Bis wir diese Zahlen und damit Risikostufe 3Maskenpflicht auch im Unterricht – erreicht hatten, haben sich aber längst schon zehntausende Kinder infiziert. Die offizielle Zulassung der Impfung für Kinder von 5-11 Jahren kam aber erst Ende November 2021, nur in Wien schon ab 15.11. Bis heute hat nicht einmal jeder Fünfte unter 15 Jahren eine zweite Impfung erhalten.

Ein weiterer Punkt mangelnder Ehrlichkeit fehlt gegenüber jenen, die als Hochrisiko eingestuft werden und am häufigsten trotz Impfung im Krankenhaus bzw. auf den Intensivstationen landen: Schwer immunkranke Menschen – darunter fallen vor allem Krebserkrankungen, Transplantationen, primäre Immundefekte (PID) und erworbene Immundefekte (z.B. Long COVID, MECFS). OMICRON ist für diese Gruppe nicht milder, da sie entweder nicht geimpft werden können oder nach der Impfung häufiger eine zu schwache Immunantwort entwickeln. Und weil ich sie gerade erwähnt habe – warum nimmt man nicht die längst existierenden Schätzungen von LongCOVID in der infizierten Bevölkerung, die von 40% für die ersten drei Monate bis 10% nach einem Jahr reichen, und von denen sich 1% nie erholen werden (MECFS). Wenn man grob 10% Betroffene rechnet und deren Einfluss auf die Erwerbsfähigkeit, kurz- und mittelfristigen Arbeitskräfte, dann kommen signifikante Zahlen heraus – die man – selbst wenn man es nur durch die rosarote Wirtschaftsbrille sieht – einfach nicht ignorieren kann. Dass es hier um tausende Einzelschicksale geht, denen es an finanzieller Absicherung, genug Anlaufstellen, Spezialisten und wirksamen Medikamenten fehlt, steht auf einem anderen Blatt. Zu oft sieht man in der Pandemie nur Zahlen und nicht die menschlichen Schicksale dahinter – daher stört es mich auch, wenn überproportional Simulations- und Komplexititätsforscher interviewt werden, und selten PflegerInnen, ÄrztInnen und LongCOVID-Betroffene.

Wie gedenkt die Regierung, diesen Teil der Bevölkerung langfristig zu schützen, wenn man das Infektionsgeschehen endemisch werden lassen will, bevor man überhaupt eine realistische Perspektive für sie geschaffen hat? Es ist sehr praktisch für die Regierung, dass LongCOVID-Betroffene aufgrund der Eigenschaften dieser Erkrankung – massive Erschöpfung und tagelange Crashs – aus dem gesellschaftlichen Leben verschwinden. Sie werden unsichtbar und was nicht da ist, stört auch nicht weiter, wenn man die Durchseuchung durch „OMICRON ist mild“ schmackhaft machen will. Betroffene erzählen eine andere Geschichte – nach anfangs symptomfreien oder leichten Verläufen, mit den bekannten Folgen, die vom ORF dann nicht einmal erwähnt werden, als man in einem Beitrag über LongCOVID ausschließlich ältere Rehapatienten nach Intensivaufenthalt zeigt, die Krafttraining machen. Bei LongCOVID/MECFS genau das Falsche, denn Aufbautraining ist kontraproduktiv wegen post exertional malaise (PEM), das zu einer Zustandsverschlechterung nach zu viel körperlicher und geistiger Aktivität führt.

2. Wissenschaftsbasierte Aufklärungskampagnen

Wir schreiben das Jahr Schnee und ein Großteil der Bevölkerung ist noch immer nicht über Aerosol-Übertragung aufgeklärt. Im Herbst 2021 kam in einer steirischen Regionalbuslinie die Durchsage, dass das Virus über Tröpfchen- und Schmierinfektion übertragen werde. Im Stiegenhaus meiner Wohnanlage tragen 95% der Bewohner und Lieferanten keine Maske, das gilt genauso für die Aufzüge. Den Menschen ist nicht klar, dass Aerosole stundenlang in schlecht belüfteten Räumen schweben können und man sich dort auch dann anstecken kann, wenn man alleine ist. Umgekehrt könnte man bereits infiziert sein und unbemerkt seine infektiösen Aerosole in den schlecht belüfteten Raum blasen. Jeder tägliche Gang zur Arbeit oder zum Einkaufen zeigt eine signifikante Zahl an Menschen mit schlecht sitzenden Masken, nicht nur aus Nachlässigkeit oder Unwillen, sondern auch aus Unwissenheit. Denn Tröpfchen würden ja von jedem „Mundschutz“ aufgefangen, egal, wie viel Platz zwischen Stoff und Haut ist. Tatsächlich suchen sich die Aerosole immer den geringsten Widerstand, also Lücken, und nicht durch den Filterstoff, wenn es Lücken gibt. Gerade bei Menschenmassen, etwa in Schulen, in den Öffis, aber auch bei größeren Veranstaltungen oder bei längerer Zeit im Wartezimmer kann man sich so trotz Maske infizieren – wenn sie undicht getragen wird.

Die AGES verlinkt auf ihrer inhaltlich sehr dürftigen Seite zu Corona großteils auf das deutsche RKI – Eigeninitiative für eine Aufklärungskampagne zum korrekten Tragen und Erfolg von dicht sitzenden Masken gibt es nicht. Lange Zeit haben erklärte Maskengegner, Allerberger und Schmid, die Corona-Belange geführt. Ebenso fehlt eine Impfkampagne für Kinder mit Verweis auf bekannte schwere Verläufe durch MIS-C, die durch die Impfung vermieden werden können und auf LongCOVID. Langzeitfolgen von Viruserkrankungen kennt man bereits von früheren Coronaviren, Ebola, Russische Grippe, Influenza und Epstein-Barr-Virus u.a.

Überhaupt kommt Infektionsvermeidung in der Risikokommunikation nur im Zusammenhang mit Eigenverantwortung vor. Wie soll man sich und andere aber gut schützen, wenn man nicht in Wien wohnt und täglich einen gratis und hochsensitiven Speichel-PCR-Test machen kann? Wie soll man sich und seine Kinder schützen, wenn es in Kindergärten praktisch keine Schutzmaßnahmen gibt? Weder sensitive Tests, Impfpflicht für ErzieherInnen noch Luftfilter und Verlagerung von Aktivitäten so oft wie möglich ins Freie, und weder ausreichende Pflegefreistellung noch Homeofficepflicht, um Kinder daheim betreuen zu können? Die österreichische Lösung „dort, wo es möglich ist“ führt dazu, dass es sich Besserverdiener mit Homeoffice-Möglichkeit richten können, aber gerade Migranten, die häufiger prekäre und zugleich systemkritische Jobs haben, nicht – die haben auch nicht die Wahl, die Kinder zuhause zu lassen oder Schulstoff mit ihnen selbstständig zu erarbeiten, ihnen fehlt es an technischen Werkzeugen und an Platz. Eigenverantwortung ist in Wahrheit zutiefst ungerecht und ein Spaltpilz der Gesellschaft, denn er trennt „die, die es sich richten können“ wie einen Gesundheitsminister und eine GECKO-Leiterin, die sich in „freiwillige Selbstisolation“ begeben und weiterarbeiten, von „denen, die keine andere Wahl haben“, und sich entscheiden müssen, ob sie den Job und damit die Existenz riskieren, oder Bildung gegen Gesundheit ausgespielt wird, nachdem der Leistungsdruck auch in den Bildungseinrichtungen erhalten bleibt.

Lasst uns reden ….

Jeden Samstag gehen anständige, vernünftige Wiener, die kein Auto besitzen, in den privaten Lockdown, damit Rechtsextreme und Esoteriker von der Polizei geschützt und vom Innenminister geduldet die Stadt terrorisieren. Sie beschimpfen und bespucken uns, sie tragen keine Masken, während sie zu tausenden dicht beisammen stehen. Die zunehmenden Stimmen in der Politik und von „Experten“, die die Impfpflicht aufweichen oder abschaffen wollen, hatten bereits einen Teilerfolg: Die Impfpflicht soll nicht am Arbeitsplatz gelten – was sie ad absurdum führt, denn Menschen im erwerbsfähigen Alter verbringen nun mal den Großteil ihres Lebens am Arbeitsplatz.

Wir sind tief frustriert, enttäuscht und tun uns immer schwerer, Vertrauen aufzubauen, wenn auf die Gegner einer konsequenten Pandemiebekämpfung zugegangen wird. Mit einer NoCovid-Strategie hätte es viele Probleme, die jetzt zur Polarisierung führen, nicht gegeben. In den überwiegenden Phasen niedriger Inzidenzen oder in covidfreien Zonen hätte sich niemand einschränken müssen, während man bei steigenden Fallzahlen hart, aber nur kurz hätte eingreifen müssen – ohne monatelange Halblockdowns mit florierendem Wintertourismus und offenen, aber unsicheren Schulen. Stattdessen hat man nicht einmal bestehende Maßnahmen mit guter Absicht ernsthaft kontrolliert und durchgesetzt.

  • Schutz am Arbeitsplatz? Die Risikogruppenverordnung kam immer spät.
  • Impfpflicht? Gewerkschaften und Arbeiterkammer dagegen – das gefährde Impfunwillige in ihrer Existenz. Gefährdete oder zerstörte Existenz durch schwere Verläufe/LongCOVID? Auf Einzelschicksale können wir leider keine Rücksicht nehmen.
  • Luftfilter und CO2-Messungen? Eieruhren tun es doch auch und sind viel billiger!
  • Häufiger lüften? Die böse Zugluft – im Winter kann man sich ja so schnell erkälten!
  • Maskenpflicht? Wer sich einmal die Woche testet oder geimpft, muss keine Maske tragen. Wir brauchen schließlich Anreize für Impfunwillige und ignorieren die Realität, wenn Virusvarianten den Impfschutz unterlaufen.
  • PCR-Tests? Viel zu umständlich, Antigentests sind bequemer. Oder wir erhöhen die Gültigkeit auf eine Woche oder 72 Stunden (Pendler, Firmen), auch wenn das die Realität ignoriert, wenn man nach negativem Test rascher ansteckend sein kann (seit DELTA schon übrigens), statt zeitnahe Tests zu ermöglichen, deren Kosten übernommen werden könnten.
  • PCR-Kapazitäten zu gering – na dann steigen wir wieder auf die wenig sensitiven Antigentests um, statt jene Bereiche zu schließen, die nicht essentiell notwendig sind, etwa Après-Ski
  • Zu viele in Quarantäne? Na dann lockern wir die Regeln. Dreifachgeimpfte nehmen wir raus, weil sonst der Anreiz fürs Boostern fehlt.
  • Klassen zu schnell geschlossen? Na dann sind nur die engsten Sitznachbarn Kontaktperson, longrange airborne transmission wird ignoriert.
  • Geld ist genug da für Mediamarkt und Novomatic, aber nicht einmal für den Pflegebonus oder saftige Gehaltserhöhungen und Personalausbau im Gesundheitswesen, um es langfristig am Laufen zu halten

All jene, die seit zwei Jahren so mitschwimmen, „sich an die Regeln halten“, und Kritik wie eine Betonwand abprallen lassen, weil man alles darf, was die Verordnung vorschreibt, und sich dafür nicht rechtfertigen muss, tragen zur deprimierenden Gesamtsituation bei. Ja, man darf mit 2G ins Gasthaus, aber wenn 50-80% der Geimpften und Genesenen für OMICRON empfänglich sind, ist 2G eine lahme Ente und verhindert keine Infektionen. Wir haben einen moralischen Kompass, der uns sagt, auch dann zu verzichten, obwohl es erlaubt wäre. Wir wissen um reale Gefahren, weil wir so gut es geht, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse mitverfolgen. Daher sind wir zurückhaltend, selbst wenn die Regierung progressiv ist und nachweislich haltlose Behauptungen aufstellt.

Manchmal schleudern uns unsere Mitmenschen offen ins Gesicht, wie egal wir ihnen sind – unsere Ängste, unsere Sorgen, unser Wissen, das wir uns aus Neugier, Interesse und vorurteilsfrei erarbeitet haben, unsere Rücksichtnahme auf kranke Angehörige oder Freunde, zählen nicht. Es geht nur darum, möglichst Normalität zu leben – eine Scheinnormalität, die offenbar ein Irrtum war, denn jetzt wird uns erst bewusst, wie groß die soziale Ungerechtigkeit auf der Welt ist, die Ungleichheit bei den Impfstoffen, bei den Löhnen, die nicht erfasste Lebensrealität von finanziell Schwächeren, die Lebenssituation von immunkranken Menschen, die jahrzehntelang in Kauf genommene Zahl an Toten durch die Influenzagrippe, die erkrankten Kinder und deren Spätfolgen.

Wir sehen, wie schnell der moralische Kompass über Bord geworfen wird, wenn es eigennützigen Motiven dient: „Ungeimpfte nicht mehr auf Intensivstationen behandeln„, heißt es da, sobald Triage ansteht. Dass darunter auch Menschen sind, die unter schlechtem Einfluss stehen, nicht geimpft werden können oder schlicht Eltern von Kindern betroffen sind, die es sich nicht ausgesucht haben, dass ihre Eltern nicht an die Impfung glauben, wird ausgeblendet. „Mehr Intensivbetten hätte man aufbauen sollen und mehr Personal einstellen„, glauben andere, doch begreifen sie nicht, dass hinter jeder Zahl ein Schicksal steht, eine Familie, ein Freund, ein Angehöriger, und niemand die Intensivstation so verlässt, wie er sie betreten hat. „Die Kinder haben schon genug gelitten. Warum schimpft man sie jetzt als Treiber?“ sagen sie, und ignorieren, dass sich Kinder natürlich genauso infizieren und übertragen können wie Erwachsene auch, wie wir das von allen anderen Atemwegsinfekten kennen. Ihre Perspektive wird nicht gehört – es müssen erst Schüler mit Streik drohen, um ihnen die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie schon seit Monaten verdienen. Überhaupt ist die Polarisierung der Gesellschaft so ein „theory of mind“-Ding – eigentlich ein Begriff, den man eher in Zusammenhang mit Autismus-Spektrum verwendet. Die Fähigkeit, sich in die Perspektive des anderen zu versetzen. Im Streit beharren Menschen auf ihren Positionen und sind unfähig, sich in die Situation ihres Kontrahenten zu versetzen.

Ich verstehe, dass die aktuelle Situation nervt. Mich nervt sie genauso. Ich kann meine Hobbys nicht mehr ausüben wie früher. Für fast jede Aktivität bräuchte ich ein Auto, um das Risiko deutlich zu reduzieren. Meine letzte Fahrt am Steuer war vor 16 Jahren. Ich würde gerne bei winterlicher Kälte auf Berghütten einkehren oder im Frühstückslokal sitzen, stundenlang Zeitung lesen, mehrtätige Wanderungen in geführter Gruppe, die nicht stattfinden können, weil man sonst mit Fremden in einem Zimmer schlafen müsste und den Aerosolen auch beim Essen nicht aus den Weg gehen kann. Ich verstehe auch das Dilemma vieler Familien, die es sich nicht aussuchen können, ihre Kinder daheim zu lassen, weil beide Elternteile arbeiten, weil sie nicht wollen, dass ihre Kinder in der Schule zurückfallen, weil sie Sonderbedarf hätten, weil die Kinder leiden, wenn sie keine Sozialkontakte mehr haben, usw.

Worüber sollen wir reden, wenn die Regierung keine Perspektive bietet? Kann ich Urlaub planen oder muss ich wie heuer im Spätwinter zum wiederholten Male damit rechnen, dass ich ihn absagen muss, weil entweder Lockdown herrscht oder Regeln, die keine Sicherheit garantieren? Wie oft soll ich noch weghören, wenn die altbekannten PLURV-Argumente kommen, „wir sind keine Insel“, „NoCovid ist was für Diktaturen“, „wir müssen mit dem Virus leben“, „mach dich nicht verrückt“ (Im Gegenteil, ich informiere mich und weiß, was auf mich zu kommt – das gibt mir wenigstens darin Sicherheit, dass ich nicht mehr überrascht werden kann), „es gibt auch andere Themen“ (was ist denn derzeit nicht von Covid beeinflusst?), „Impfunwillige sind mir egal“ (können uns nicht egal sein, weil sie erkrankt die Versorgung von NonCovid-Patienten einschränken und Immunschwache bzw. ungeimpfte Kinder gefährden). Wie soll ich den ersten Schritt auf Menschen zugehen, wenn sie mich seit Monaten durch rücksichtsloses Verhalten oder Aussagen verletzen?

Ich kann aber auch nicht ausblenden, was derzeit geschieht. Die Masseninfektion, so viele schwer kranke oder dauerhaft kranke Menschen. Ich hab den Film UNREST von Jennifer Brea gesehen, über ihre eigene MECFS-Erkrankung und die von vielen tausend Betroffenen weltweit, die durch Covid19 jetzt in die Millionen gehen. Ich kann auch die Menschen mit Immundefekten oder nach Krebserkrankung nicht ausblenden, die ums Überleben kämpfen und sich im Lockdown befinden, solange man das Virus auf diesem Inzidenzlevel endemisch werden lassen will.

Miteinander reden wird nur funktionieren, wenn wir die Realität anerkennen – wenn wir akzeptieren, dass sich die Welt verändert hat und zum früheren Leben nicht mehr zurückkönnen, egal ob der Leistungsdruck in Schule und Arbeit, die gebuchten Skiurlaube während OMICRON und die angekündigten Konzerte und Schulungen in Präsenz anderes vorgaukeln. Wir müssen uns beide in dieser Realität befinden, sonst reden wir aneinander vorbei.

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