Tag 833: BA.4/BA.5-Welle: Inkompetenz oder Vorsatz?

Berechtigtes Misstrauen

Im ersten Pandemiejahr hielt ich mich an den Leitspruch von Hanlons Razor „never attribute to malice that which is adequately explained by stupidity“ und machte ihn auch zum Motto meiner Zitatsammlung. Dummheit hängt jedoch stark mit Unwissenheit zusammen – ein Vorwurf, den man der Regierung bis zum Ende der ersten Welle machen konnte. Die Pandemie hatte die europäischen Regierungen kalt erwischt, das Gesundheitsministerium war von der FPÖ-Vorgängerregierung frisch zusammengespart und mit dem Sozialministerium zusammengelegt. Deutschsprachige Koryphäen wie Virologe Drosten (erster SARS-CoV2-PCR-Test) und Virologe Krammer (erster Antikörpertest) hatten schon im April 2020 vor einer starken Winterwelle gewarnt, bis zum Frühsommer zogen Mikrobiologe Michael Wagner, Virologin Dorothee von Laer, die Infektiologen Richard Greil und Heinz Burgmann nach.

Die Warnungen hat es gegeben, aber das Präventionsparadoxon machte sich bemerkbar und sowohl die Politiker als auch die Bevölkerung glaubten, die Pandemie wäre bereits überwunden. Diese Zustandserfassung zeigte bereits früh den engstirnigen Lokalpatriotismus, denn der Blick in die Nachbarländer, gerade nach Tschechien, aber auch ins Lieblingsurlaubsland Kroatien hätte im Sommer gereicht, um auf der vorsichtigeren Seite zu bleiben, ganz zu schweigen von den erneuten Anstiegen in Uk, Portugal, Israel oder USA.

Inkompetenz zeigte sich auch bei der Zulassung von Gesichtsvisieren und Spuckschanzen (Kinnvisiere) als Alternative für Masken durch die AGES. Schon im Sommer erschienen mehrere Studien, die die Wirksamkeit von Face Shields anzweifelten – weil das Virus über Aerosole übertragen wird und höchstens zu einem geringen Anteil über Tröpfchen. Bis heute haben sich die Plexiglasscheiben als Trennwände bei Kassen, sogar im Büro (kürzliches Bild vom Ö1-Newsroom im Funkhaus), im Parlament gehalten. Fehlanzeige hingegen bei konsequenter Maskenpflicht in Innenräumen und mit einem generellen Einbau von modernen Lüftungsanlagen, überbrückungsweise auch mobilen Luftreinigern und zur Überwachung CO2-Ampeln.

Wir kennen den weiteren Verlauf. Bis heute hält die Regierung (aber auch Opposition) am Grundsatz fest, dass für Eingriffe in die Grundrechte die Intensivstationen überlastet sein müssen, und zwar keine Überlastung bevorsteht, sondern bereits eingetreten ist – abhängig von der Definition (erste OPs verschieben, nur Akuteingriffe möglich, Notfallversorgung gefährdet). Lockdown und Impfpflicht werden von ÖVP und Grünen als tiefgreifende Grundrechtseingriffe gesehen. In der polarisierenden Debatte gibt es dabei keine Abstufungen: Lockdown ist kein klar definierter Begriff, „alle einsperren“ eine unzulässige Polemisierung, zählt Distance Learning in der Oberstufe schon zum Lockdown? Dann müsste man Homeoffice auch zum Lockdown rechnen. Bei der Impfpflicht hätte man wenigstens für Gesundheitspersonal, aber auch Erzieherberufen eine verpflichtende Impfung einführen können, um Kinder, alte und chronisch kranke Menschen sowie generell Patienten zu schützen. Eine differenzierte Debatte findet aber nicht einmal im öffentlich-rechtlichen Rundfunk statt. Die Standardfrage bei Interviews lautet „Rechnen Sie im Herbst wieder mit einem Lockdown?“ oder „Kommt wieder eine Überlastung der Intensivstationen?“

Die treibende Feder hinter meiner Blogaktivität ist die Bedeutung von LongCOVID als individuelle Bedrohung und für die langfristigen Folgen der Pandemie. Zweieinhalb Jahre nach Pandemiebeginn taucht LongCOVID hier und da in der Berichterstattung auf, aber es wurde selten von einem Experten oder Politiker die Frage gestellt: „Sollten wir nicht die Infektionszahlen niedrig halten, um LongCOVID-Fälle zu verhindern?“ (erst Genetiker Elling hat es am 21. Juni 2022 in selten gehörter Klarheit ausgesprochen)

LongCOVID wird ausschließlich im Kontext von Reparaturmedizin gesehen und eher stiefmütterlich behandelt, während es eine zentrale Rolle bei der Prävention spielen sollte. Die Frage stellte sich immer wieder, ob die Politiker das Ausmaß von LongCOVID nicht begreifen [Inkompetenz, Dummheit] und es daher in der öffentlichen Thematisierung ignorieren, oder ob sie sehr wohl Bescheid wissen, aber „andere Interessen“ höher gewichten, etwa „Verfassungskonformität“ oder „Wirtschaftswachstum“.

Spoiler: Sie wissen sehr wohl Bescheid – damit verdient die Pandemiestrategie das Attribut fahrlässig und vorsätzlich gemeingefährdend. Eines Tages wird das hoffentlich nicht nur wissenschaftlich und politisch, sondern auch juristisch aufgearbeitet werden.

Wissende „Experten“

  • Infektiologe und Leiter der Abteilung Public Health in der AGES, Franz Allerberger, laut Kollegen vor der Pandemie als Koryphäe auf seinem Gebiet (z.B. Durchfallerkrankungen) bekannt, betonte mehrfach, dass für ihn „am Ende des Tages“ einzig die Anzahl der Todesfälle zählt. Ein einziges Mal erwähnte er LongCOVID, bei einem ZiB2-Interview am 19. August 2020:

Dennoch hält Allerberger die gegen die Corona-Pandemie ergriffenen einschränkenden Maßnahmen für angebracht. Dies auch im Blick darauf, dass die Covid-19-Infektionen sehr viel schwerer verlaufen kann als
Grippe – und wesentlich öfter schwere Spätfolgen verursacht. Auch bei milderen Verläufen könnten Dauerschäden nicht nur an der Lunge, sondern auch an Herz, Nieren etc. aufgetreten, die „wochen-, monate- wenn nicht jahrelang“ anhalten können
. (Leider kannte ich damals die Transkripts noch nicht)

Ich betone: … sehr viel schwerer als Grippe und wesentlich öfter schwere Spätfolgen … auch bei milderen Verläufen ….“

  • Infektiologe Günter Weiss, der die ersten beiden Covid19-Patienten in Innsbruck behandelt hat und bei der Aufnahme der Patienten mutmaßlich ohne Maske gesehen wurde, war fallweise Berater von ÖVP-Landeshauptmann Platter.

In einem Interview mit Reeins.tv, dem Außerferner Regionalsender, am 10. Februar 2021 spricht er auch LongCOVID bzw. schwere Verläufe auch bei gesunden Menschen an:

„Es ist keine harmlose Erkrankung, sondern eine Erkrankung, die es durchaus in sich hat.

Dennoch forderte Weiss im Mai 2020 als einer der ersten Experten die Lockerung der Maskenpflicht, gehörte im September 2020 zur Gruppe an Pseudoexperten, die von einem Labor-Tsunami sprach, war gegen die Abriegelung Tirols wegen Ausbreitung der BETA-Variante im Februar 2020, behauptete gemeinsam mit Thalhammer (ÖGIT), es gäbe zu viele falschpositive PCR-Tests, war Gegner von Lockdowns und allgemein Maskenpflicht, und zeichnete sich daher als Prototyp der Great-Barrington-Ideologie aus: „Vulnerable schützen, für den Rest zurück zur Normalität.“

  • Infektiologe Christoph Wenisch, ebenso wie Weiss auch Intensivmediziner, bezog sich meist auf die Spätfolgen einer intensivmedizinischen Betreuung (PICS, Post-intensive Care Syndrome), das aber von LongCOVID nach milden Verläufen zu trennen ist.

Bei einem ZiB2-Interview mit Lou Lorenz-Dittlbacher Mitte März 2021 (13. oder 14.) versprüht Wenisch übertriebenen Optimismus zur Behandlung von LongCOVID:

„wir haben am Wochenende die große Diskussion gemacht mit LongCovid, ob man diese Patienten impfen sollen, weil die einen Defekt in der zellulären Abwehr haben, ja, also es ist wirklich alles, was auftritt, da wird wirklich konzentriert dagegen auch gearbeitet, um Lösungen zu finden. Und für sehr, sehr viele Menschen gibt es ja schon Lösungen.“

So klar ist das mit dem Defekt nicht, heutige Theorien zur Ursache von LongCOVID gehen von winzigen Blutgerinnseln, Persistenz des Virus und Immunsuppression aus. Der Defekt in der zellulären Abwehr ist am ehesten mit Immunschwäche erklärbar, es gibt aber auch die anderen Ursachen.

Der Respekt von COVID kommt ja vor die Folgeerkrankungen, der erhöht sich ja. Wenn ich weiß, ich bin drei Tage krank, das halte ich schon aus, das ist so wie ein schlechtes Essen, des geht, aber immer schlechtes Essen, das ist schon was anderes. Genauso ist es mit der Erkrankung, Myokarditis, immer schwach, kognitive Störungen, nie wieder einen Vortrag halten, nie wieder, du bist weg da, keine Luft kriegen, du kannst nimmer Ski fahren gehen, laufen, nix mehr kannst, da wird richtig der Stecker aus dem Leben gezogen. Und das ist das, was 50% der COVID-Patienten betrifft. Die nicht betreffenden können eh, aber das ist ein Thema, das man mit dem Impfen auch weggekriegt, das ist eine Bedeutung, die ein bissl unterschätzt wird.

Vortrag im St. Josef Krankenhaus Wien, 21. Jänner 2021

Unklar auch hier, ob er sich auf die Intensivpatienten bezieht oder auf milde Verläufe.

Am 25. Dezember 2021 dann diese unüberlegte Aussage:

„Omicron ist ein Weihnachtsgeschenk. Es wird uns rasch umdenken lassen und Maßnahmen – etwa ob man mit Schnupfen in die Quarantäne muss – wird man neu bewerten müssen. Wenn man an die ersten Analysen am Beginn der Pandemie schaut: Damals hieß es, COVID-19 sei vom Schweregrad her zehn Mal so schwer wie Influenza. Ende des Jahres 2020 war Covid-19 dann nur noch dreimal so
schwer wie Influenza. Wenn das Virus leichter übertragbar ist, wird es weniger virulent.“
(KURIER)

Auf vielen Ebenen falsch: Nicht einmal für Dreifachgeimpfte war es zwingend ein Schnupfen, sondern ein schwerer Infekt, die Beschreibungen reichten von „Stacheldrahtzaun im Hals“ bis „Glassplitter in der Lunge beim Atmen“. Symptomlose oder sehr leichte Verläufe kamen vor, aber nicht seltener als bei den früheren Varianten. Beim Vergleich mit Influenza bezog sich Wenisch rein auf die Mortalität und auf Piroth et al. (2021) – dies gilt aber nur für Erwachsene! Patienten unter 5 Jahren benötigten häufiger eine Intensivstation als bei Influenza, bei Jugendlichen (11-17) war die Sterblichkeit im Spital zehn Mal höher als bei Influenza. LongCOVID wird hier nicht erwähnt, das natürlich erheblich mehr Langzeitfolgen macht als bei Influenza. Auch der letzte Satz war falsch, denn DELTA war deutlich infektiöser und zugleich pathogener. BA.2 führte wieder zu mehr LongCOVID als BA.1 (Ayoubkhani and Bosworth, 2022), und BA.4/5 nähern sich von der Pathogenität in der Lunge wieder DELTA an.

  • Simulationsforscher Niki Popper, Mitglied im Prognosekonsortium und neben Komplexititätsforscher Peter Klimek wohl der einflussreichste Wissenschaftler in Österreich.

Am 11. November 2021, inmitten der DELTA-Welle ,bat ich Niki Popper auf Twitter, nur ein einziges Mal auch etwas zu LongCOVID zu sagen, und um eine Abschätzung durch Gesundheit Österreich (GÖG), „was das mittel- und langfristig für da Gesundheits- und Arbeitsleben bedeutet, wenn zehntausende dauerkrank sind.„:

Seine Antwort: „Es tut mir sehr leid, aber wir kommen nicht dazu uns das wichtige Thema anzuschauen. Und deshalb kann ich nichts dazu schreiben. So weit gelesen schaut Thomas Czypionka vom IHS Vienna es sich an und wenn wir irgend etwas liefern oder beitragen können, werden wir das gerne tun.“ (12.11.21)

Am 12. Januar 2022 schrieb er:

Zu Long Covid können wir kaum modellieren. Grund: wir brauchen u.a. standardisierte Verknüpfung v. Spitals- und Arztdaten. Wie das funktioniert haben wir in DEXHELPP vorgeschlagen und in Projekten gezeigt. Bisher wurde nur „teilweise“ umgesetzt ;-(

Er schwächte aber auch die Bedeutung ab, indem er wie die Regierung mit „anderen Interessen“ argumentierte:

„Viele Menschen fürchten sich vor schwerer Erkrankung und Long Covid oder, dass Menschen, die sich nicht schützen können, alleine gelassen werden. Andere sorgen sich um psychische Folgen, Arbeitsplatzverlust, dass Ihre Kinder den Anschluss verlieren oder „um die Demokratie“. Politik muss mit den unterschiedlichen. Interessen, geänderten Rahmenbedingungen und Unsicherheiten umgehen, um alle Interessen möglichst optimal umzusetzen. Als Modellierer versuchen wir möglichst klar und transparent die Grundlagen zu liefern: Status, Prognose, Szenarien, Einordnung – und auch warnen.“

Auch diese Aussage hat mehrere Argumentationslücken: Weiter oben beklagt er, dass sie zu LongCOVID mangels Datenanalysen kaum modellieren können. Wie soll die Politik dann die Interessen „möglichst optimal umsetzen“, wenn die Datengrundlage unzureichend ist? Eine Niedriginzidenzstrategie hätte alle Interessen bedient: Kein Arbeitsplatzverlust durch längeren Krankenstand oder plötzlich notwendige Pflege von Angehörigen, keine psychischen Folgen durch Sorge um Angehörige oder durch die eigene Erkrankung, keine Waisenkinder, keine Unterrichtsausfall wegen wiederholter Krankheits- oder Quarantänefälle, während Distance Learning sowohl Infektionszahlen reduziert als auch weiterhin Unterricht ermöglicht hätte. Die Aufgabe der Politik wäre es gewesen, die Maßnahmen wissenschaftlich und transparent zu begründen, korrekt und empathisch aufzuklären, damit auch vorübergehend (nicht dauerhaft!) stringentere Maßnahmen mitgetragen werden.

Mikrobiologe Michael Wagner, Pressekonferenz: (17. August 2020, sinngemäß)

„Wenn uns Kinder, Vorerkrankte und Alte wichtig sind, dann müssen wir auf gewisse Sachen verzichten. Dann geht man mal nicht in eine Bar oder Disco und verzichtet auf die Kreuzfahrt oder das Fitnessstudio.“

In der ORF-Sendung „Im Zentrum“ am 09.01.22 behauptete Katharina Reich, GECKO-Leiterin und Direktorin für Public Health im Gesundheitsministerium, dass sie das Problem mit LongCOVID sehr wohl am Schirm haben würden:

„Wir wollen nicht LongCOVID behandeln, sondern dass die Menschen kein Long COVID bekommen. Das geht nur mit der Impfung.“

Das ist der Zunahme an Durchbruchsinfektionen mit DELTA und spätestens mit OMICRON nicht ausreichend. Wir brauchen die saubere Luft und Masken in Innenräumen.

Im Gesundheitsministerium gibt es einen „Fachausschuss COVID-19-Beraterstab“ als Teil des Obersten Sanitätsrats. Die Arbeitsgruppe „Ad Hoc Thinktank“ wurde mit dem Amtsamtritt von Rauch aufgelöst. Dann gibt es noch eine Arbeitsgruppe „Long COVID“ mit Susanne Rabady als Vorsitzende (Allgemeinmedizinerin, Herausgeberin der LongCOVID-Leitlinie). Mitglieder sind Karin Eglau (GÖG, 6 Jahre Allgemeinärztin, Systementwicklung), Alexandra Ferdin (Neurologin, Schwerpunkt psychische Gesundheit, seit 2020 Abteilungsleiterin im Gesundheitsministerium in Sektion VII), Florian Götzinger (Infektiologe, Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde), Herwig Ostermann (Geschäftsführer der GÖG, Gesundheitsökonom), Georg Psota (Chefarzt der psychosozialen Dienste, Landessanitätsrat Wien, ÖGPB), Arschang Valipour (Lungenfacharzt und Intensivmediziner), Roman Winkler (GÖG, Kommunikationswissenschaftler) und Ralf Harun Zwick (Lungenreha). Ostermann ist auch GECKO-Mitglied.

In Summe also genügend praktische Ärzte mit Erfahrung im Longcovid-Bereich. Warum kommt Longcovid nicht im Szenarienplan vor?

Wie gut informiert war und ist die Politik?

Im Ministerium gibt es seit Anfang Juni einen eigenen Bereich LongCOVID für öffentliche Informationen, auch wenn der „Versorgungspfad“ bis dahin viel Wunschdenken enthält, weil die Anlaufstellen in der notwendigen Zahl schlicht nicht existieren.

Wie sind sie mit ihrem Wissen um LongCOVID umgegangen?

  • Anschober: „„Heute haben wir einmal den Grundkonsens geschaffen, dass unser Hauptblickpunkt und unser Entscheidungskriterium die Situation auf den Intensivstationen ist.“ (22.03.21, ZiB2)
  • Mückstein: „„Lockdowns gehören dann gemacht, wenn Intensivbetten voll sind und wenn Leute sterben. Das glaube ich auch immer noch. Da habe ich meine Meinung nicht geändert.“ (20.04.21, ZiB2)
  • Rauch: „Trotzdem kann ich die Maßnahmenplanung nicht ausschließlich daran ausrichten, was für die am meisten gefährdete Gruppe gerade notwendig ist.“ (10.03.22, STANDARD) und „Mein Job als Gesundheitsminister ist es allerdings, darauf zu schauen, dass wenn die Zahlen hoch sind, wenn die Spitäler beim Personal an Überlastung leiden, nicht wegzuschauen, sondern zu agieren“ (23.03.22, ZiB2)

LongCOVID schön und gut, aber unsere Aufgabe als Gesundheitsminister ist es, erst dann zu reagieren, wenn es zu spät ist.

Gesundheitsökonom Thomas Czypionka am 21. September 2020 im STANDARD:

„Ein Spitalsaufenthalt wegen Covid sollte in jedem Fall verhindert werden, da stecken ja Schicksale dahinter.“

Virologin Isabella Eckerle am 09. Oktober 2020 bei Maybritt Illner:

„Wenn ich nach den Intensivbetten-Zahlen schaue und dann Maßnahmen treffe, treffe ich die Maßnahmen, die ich vor einem Monat hätte treffen müssen.“

Genetiker Segal am Weizmann Institut Israel am 20. Oktober 2020 in einem Tweet:

Lockdown is always indicative of failure to manage the pandemic in Israel, managing the pandemic based on the capacity of the healthcare system was the one major mistake from which all else followed. Define a capacity and you will reach it, at record levels and high death toll.

Mikrobiologe Michael Wagner am 29. Oktober 2020 in einem Tweet.

„Ein Grundfehler bei der Pandemiebekämpfung ist es als „rote Linie“ erst die Überlastung des Gesundheitssystems anzusehen. Damit reagiert man viel zu spät, nimmt viele schwer Kranke und Tote in Kauf und rennt am Ende unvermeidlich in den Lockdown.“

Man könnte von einem doppelten Fehler sprechen:

Sie haben LongCOVID bei der Prävention nicht berücksichtigt, aber auch die Intensivstationen (bzw. das dortige Personal) nicht schützen können und rannten jedes Mal in den Lockdown. Beim Wildtyp im Herbst (Anschober), bei ALPHA (Anschober), bei DELTA (Mückstein). BA.1 (Mückstein) und BA.2 (Rauch) ließ man durchlaufen, BA.5 (Rauch) lässt man auch durchlaufen. Jedes Durchlaufenlassen produziert noch viel mehr LongCOVID-Fälle als ein zu später Lockdown.

Der Sinneswandel von Johannes Rauch

Warum hat die grüne Partei den dritten Gesundheitsminister in der Pandemie? Die offizielle Begründung waren gesundheitliche Probleme bei Anschober und der Polizeischutz wegen Drohungen bei Mückstein. Man könnte sich natürlich auch fragen, was die grüne Bundespartei hätte tun können, um Anschober zu entlasten – etwa das Sozialministerium abgeben, ein Fehler, es nicht zu tun, den er selbst zugeben hat, oder den Obersten Sanitätsrat nicht erst nach einem Jahr Pandemie einzuberufen. Anschober hat den dritten Lockdown im Osten ohne Absprache mit Kurz in die Wege geleitet, der Anfang vom Ende der Zusammenarbeit mit einem narzisstischen Rechtspopulisten. Mückstein tat sich als Quereinsteiger in die Politik (vorher Allgemeinarzt) von Beginn an schwer. Seine Auftritte waren hölzern, er erinnerte zeitweise mehr an ÖVPs Wolfgang Gerstl mit Politikerphrasen. Mit der Impfkampagne konnte er sich nicht durchsetzen, es blieb bis zum Schluss bei Ankündigungen ohne Umsetzung. Die zunehmenden Anfeindungen waren vor allem das Ergebnis des „Lockdowns für Ungeimpfte“ -da Geimpfte mit DELTA Überträger sein konnten und waren, war dieser Personengruppenlockdown Unsinn und hat wütenden Protesten Auftrieb gegeben.

Rauch kam am 10.03.22 in die Regierung. Wie war seine Position zur Pandemie vor seinem Amtsantritt? Dazu Tweets, Interview-Zitate und sein persönlicher Blog:

Zitate aus dem ersten Pandemiejahr: Die Lernkurve hat leider nicht mitgehalten.

In der ersten Welle war Rauch noch der Meinung, dass das Virus die Schäden anrichtet, nicht die Maßnahmen, um es zu bekämpfen. Am 07.06.22 betonte er, was die Maßnahmen für Kollateralschäden machen würden (ZiB2). Zwar schützen einfache Masken da Gegenüber weniger, weil die kleineren Aerosole ohne Filter durch Stoffmasken kommen, aber damals hatte er noch den Fremdschutz im Sinn. Heuer schaffte er die Maskenpflicht ab und verwies auf Eigenverantwortung. Jetzt bedrohen aber maskenlose Infizierte jene, die sich auf den Dichtsitz ihrer Maske verlassen müssen. Kinder sind ohne Schutz. Was ich damals verdrängt habe: Rauch hat meinen Faktencheck zu Allerberger gelesen!

Dann begann das False-Balance-Problem mit den widersprüchlichen Expertenmeinungen und Studien. Im Juli 2020 bezeichneten CSH-Forscher Schulschließungen als wirksamste Maßnahme. Es erschienen mehrere Studien, die zeigten, dass bei niedriger Hintergrundinzidenz Kindergärten und Schulen zunächst keine Infektionstreiber waren (Johnson et al. 2020, Hoehl et al 2020). Schulen ohne Schutzmaßnahmen nach einem Lockdown öffnen führt zu einem Anstieg der Reproduktionszahl um durchschnittlich 24%.

Ein früher wichtiger Kommentar von Dr. Sallie Permar (31.05.2020)

Studiendaten zum Ansteckungs- und Übertragungsrisiko gab es bis November 2020 u.a. aus Indien, USA, Österreich (Gurgelstudien), Israel, die klar zeigten, dass Kinder Teil des Infektionsgeschehens sind. Bei Studien, die das Gegenteil zeigten, hätte man Interessenskonflikte hinterfragen sollen.

Der Seuchenkolumne von Robert Zangerle stimmte er zu. In dem Text kritisiert Zangerle u.a. den alleinigen Fokus auf die Intensivstationen. Rauch legt den Fokus alleinig auf die Intensivstationen.

Ende Dezember 2020 kritisierte er noch die liberalen Sonderwege und die Sozialpartner und die „Sehnsucht nach Normalität“: „Je mehr Normalität, desto normaler wird das Sterben an COVID.“

Im Februar 2021 machte sich wieder False-Balance bemerkbar. Auch bei späteren Gesprächen mit grünen Politikern bemerkte ich deren Defizite, echte und falsche Experten differenzieren zu können.

Dazu passt auch schon seine Aussage im ORF, wonach am Ende des Tages emotionale Beweggründe „politisch“ entscheiden lassen und nicht auf die Wissenschaft gehört wird. Zig Gremien, Kommissionen, Beraterstäbe dienen lediglich als Feigenblatt für die Regierung und durch große Abhängigkeiten (Interessenskonflikte) kann man den schwarzen Peter immer den „Expert:innen“ in die Schuhe schieben, deren Gegenwehr wird sich in Grenzen halten.
Ein Jahr und 3 Tage später kündigte Rauch die Aufhebung der Maskenpflicht an und brachte damit die BA.5-Welle in Schwung, mit einer OMICRON-Variante, die sich die Pathogenität von DELTA angeeignet hatte.

Bei ähnlichen Steigungswerten bei BA.1 und BA.2 produzierte Rauch nur heiße Luft und redete vom Herbst.

Geht es um Signale? Ja, die Aufhebung der Maskenpflicht und fast aller übriger Maßnahmen signalisierte der Bevölkerung, dass die Pandemie vorbei sein würde. Die geringe Maskendisziplin im öffentlichen Raum zeigt eindrucksvoll, dass Eigenverantwortung nicht funktioniert. Nicht nur von potentiellen Überträgern, sondern auch den „vulneralen“ Älteren, die sie unbedingt schützen wollen. Gerade ältere Menschen tragen auch kaum Masken, wenn sie nicht müssen.

Eintrag im persönlichen Blog vom 29. November 2021, er veröffentlicht ein offenbar von Experten verfasstes Dokument mit dem (bereits veralteten!) Wissensstand zu LongCOVID, Impfstoffen und Masken:

„Der monatelange Verlust an Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit gehen einher mit hohen Kosten für die Gesundheitssysteme und die betroffenen Volkswirtschaften.“

Der Text wurde vor der DELTA-Welle geschrieben, darauf deutet die genannte Basisreproduktionszahl R0 von 2 bis 3,5 hin, und die veraltete Literatur zu LongCOVID. Zudem gingen die Autoren damals noch von einer erreichbaren Herdenimmunität von 60-80% Immunität aus. Die Grafik zur mRNA-Impfung wurde im März 2021 veröffentlicht. Literatur aus dem Jahr 2021 kommt nicht vor.

Warum veröffentlicht Rauch einen veralteten Text und kennzeichnet ihn nicht, nennt die Autoren nicht?

Zwischen Ende November 2021 und Ende Jänner 2022, 10 Tage vor seiner Angelobung, ändert sich der Duktus deutlich.

[1] Er fällt wieder auf False Balance herein, seriöse Experten wissen, dass endemisch nicht bedeutet, dass eine Erkrankung ihren Schrecken verliert. Polio und Malaria sind auch endemisch.

[2] Reihenfolge demokratischer Zumutung: Er beginnt mit Masken im öffentlichen Raum, sogar noch vor den Lockdowns.

[3] Er nennt unter den Spuren der Pandemie zwar LongCOVID zuerst, aber nicht das Ausmaß der Betroffenen., dafür die „erschreckende Zunahme an psychischen Erkrankungen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen.“ Das kann man als Vorgriff auf spätere Äußerungen als amtierender Minister sehen, wonach er die „psychischen Lockdownschäden“ als höher gewichtet als die Zahl der erkrankten Kinder und Waisenkinder.

„Mein dreijähriger Enkel hat zwei Drittel seines bisherigen Lebens unter den Bedingungen der Pandemie verbracht, meine letzten Herbst geborene Enkelin kennt erwachsene Menschen, die nicht dem engsten Familienkreis angehören, nur als Maskenträger:innen.“

Darf man sich von persönlicher Abneigung gegen Masken leiten lassen, wenn man für die Gesamtbevölkerung Entscheidungen trifft, die tatsächlich Leben oder Tod bedeuten können?

In den weiteren Aussagen sieht man bereits den „Fahrplan“, den Rauch kurz nach Amtsantritt vollzogen hat:

„Nach dem Ende des „Lockdowns für Ungeimpfte“ brauchen wir weitere Ventile, durch die der Druck entweichen kann… Ebenso wenig ist es einfach, den richtigen Zeitpunkt für die Aufhebung dieser Maßnahmen zu finden. Dieser sollte zumindest mit jenen Parlamentsparteien koordiniert werden, die der Einführung der Impfpflicht zugestimmt haben.“

Als nächster Schritt sollten die in den diversen Covid-Maßnahmengesetzen verankerten Sonderbestimmungen für Legislative und Exekutive außer Kraft treten. Regierungen und Parlamente (Nationalrat, Landtage, Gemeinderäte) kehren in den verfassungsrechtlichen Normalbetrieb zurück.“

Rauch spricht hier überwiegend von Ventilen, über die der Druck von (radikalen) Maßnahmengegnern entweichen kann, doch was ist mit dem gestiegenen Infektionsdruck für Kinder, alte und vulnerable Menschen sowie zunehmende LongCOVID-Fälle? Die spielen seit seinem Antritt keine Rolle mehr. Aus seiner Sicht waren die umfangreichen Lockerungen erfolgreich: Die militanten Covidleugner und Impfgegner wurden besänftigt, sie haben derzeit de fakto keinen Grund, um in zehntausenden um den Ring zu maschieren und Drohungen zu skandieren. Vor einer Wiedereinführung von strengeren Maßnahmen wurde das Epidemiegesetz so geändert, dass die Isolationspflicht aufgehoben werden kann, was natürlich das Narrativ von Covidleugnern fördert, dass SARS-CoV2 nie so gefährlich war, dass man sich damit überhaupt hat isolieren müssen. Vernünftige und engagierte Menschen hingegen prallen mit ihrer Kritik ab, und er kann es sich wie auch andere Grüne leisten, hier hart zu bleiben, denn vernünftige Menschen randalieren nicht, sie drohen nicht und sie üben keine Gewalt gegen Andersdenkende aus. So wie es eiskaltes Kalkül ist, dass weder Erzieher- noch Gesundheitspersonal aufmucken wird, hat man auch von den „ZeroCovid“-Aktivisten nichts zu befürchten.

Rückblickend betrachtet war Herr Rauch also schon lange vor Amtsantritt einigermaßen gut informiert und vertrat vernünftige Positionen. Diese scheinen in der schwarzgrünen Landesregierung in Vorarlberg des öfteren auf taube Ohren gestoßen zu sein, denn Vorarlberg war „Modellregion“ und lockerte fatalerweise in die ALPHA-Welle hinein. Ende November 2021 veröffentlichte er einen weitgehend faktengetreuen, wenn auch mindestens acht Monate alten Expertenkommentar, wo aber LongCOVID und die Nützlichkeit der Maskenpflicht explizit angesprochen wurden. Dann kam OMICRON, das von Scheinexperten wie Weiss, Gartlehner, Klimek und leider auch Wenisch als „Ticket in die Endemie“ gesehen wurde, Corona würde damit zur Grippe werden, titulierten sie. Die ungeheure Kurzsicht, zum einen LongCOVID herunterzuspielen, zum anderen nicht zu begreifen, dass hohe Inzidenzen weitere Virusvarianten hervorbringen würden, die zu Reinfektionen führen werden und mit anhaltender Dauer auch wieder schwerere Verläufe bringen können, macht mich bis heute fassungslos. Ende Jänner 2022 klingt sein Beitrag wie eine Bewerbungsrede fürs Ministeramt – der Minister, der die gespaltene Bevölkerung zusammenführt, der die psychische Gesundheit vor Maßnahmen wie Masken, Testen oder 3G-Regeln stellt. Nur elf Tage nach dem letzten Blogeintrag gab es ein von einem FPÖ-Politiker gestreutes Gerücht, dass sein Vorgänger Mückstein von der ÖVP abgesägt werden sollte. Spekulativ hatte sich Kogler also schon vor dem 31. Jänner für Rauch als Nachfolger entschieden.

Gute Journalisten hätten kurz nach dem Wechsel in der Regierung also zwei spannende Fragen gestellt: Was hat Rauch zu seinem Sinneswandel bewogen zwar über das Ausmaß von LongCOVID, auch für das Gesundheitswesen und die Volkswirtschaft, Bescheid zu wissen, dann aber alle Maßnahmen aufzuheben, um Covidleugner zu beschwichtigen? Und Vizekanzler Kogler hätte unbequeme Fragen beantworten müssen, wie er Rauch und Mückstein „auf Linie“ gebracht hat, nämlich die ÖVP-Linie, die Pandemie mit möglichst wenig Schutzmaßnahmen durchlaufen zu lassen, um das Wirtschaftswachstum über Gesundheit zu stellen.

Wie türkis denken die Grünen?

Vor zwei Wochen traf ich einen Mitarbeiter aus dem Kabinett Kogler zu einem Informationsaustausch. Seitdem ist mir vieles klar geworden, wie grüne Entscheidungen und Aussagen zustande kommen.

„3000 Neuinfektionen am Tag sind niedrig.“

„Das ist viel.“

„Niedrig. Im Vergleich zu den Zahlen im März.“

Wie kann man ernsthaft diskutieren, wenn man keine gemeinsame Grundlage hat? PLURV-Argumentation: Torpfosten verschieben. Mehrere tausend Neuinfektionen bei steigender Positivrate sind natürlich viel und am Beginn jeder Welle mit exponentiellem Wachstum sorgen hohe Infektionszahlen dafür, dass die Welle rasch außer Kontrolle gerät.

„Die Leute haben die Nase voll von den Maßnahmen, sie sehen es nicht ein, bei den niedrigen Zahlen weiter Maske tragen zu müssen. Für sie ist es jetzt erleichternd, dass sie so niedrig sind, das würde die Atempause verschaffen.“

Nur sorgt das eben nicht für eine konsistente Kommunikation, wenn man man erst sagt, dass sie bis 8. Juli bleiben und dann am 1. Juni abgeschafft werden. Es sorgt auch nicht dafür, die Maske als Eigen- und Fremdschutz wahrzunehmen, wenn die Aufhebung der Maskenpflicht als „Atempause“ tituliert wird und die erneute Einführung wie eine kollektive Bestrafung konnotiert wird, weil die Bevölkerung ihre Eigenverantwortung nicht wahrgenommen hat.

Fachleute hätten gesagt, dass man fallenden Zahlen lockern kann wie man will, sie fallen immer weiter. Daher habe man die Lockerungen ab Anfang März schrittweise fortgesetzt. Die weitreichenden Lockerungen am 5. März wären ein Fehler gewesen, aber das habe man mit der Wiedereinführung der Maskenpflicht ja rückgängig gemacht.

Das stimmt nur teilweise. Am 5. März fielen die 3G-Regeln, die Sperrstunden der Gastronomie und die Nachtgastronomie öffnete wieder – also gerade dort, wo Cluster am wahrscheinlichsten waren. Zwar wurde am 24. März die Maskenpflicht wieder eingeführt, dafür hat man gleichzeitig die Isolationspflicht auf fünf Tage verkürzt, um den Personalmangel zu beheben, dabei zählten nicht nur völlige Symptomfreiheit, sondern auch abklingende Symptome – sehr subjektiv. Eine Verschlimmbesserung also. Rauch behauptete hinterher, durch die Wiedereinführung der Maskenpflicht wäre die BA.2-Welle gebrochen werden. Plausibler scheint aber, dass durch die Höhe der BA.2-Welle kurzzeitig ein größerer Teil der Bevölkerung immun gegen die Infektion war und die Kontaktnetzwerke zusammenbrachen, über die sich das Virus verbreiten konnte. Später half die Woche Osterferien auch noch mit.

Ihm bzw. den Verantwortlichen sei vollkommen klar, dass Menschen erkranken und versterben, aber es würde auch andere Interessen in der Bevölkerung geben. Zehntausende Geschädigte durch Maßnahmen, viele hätten keine Vorstellung davon, wie viele Familien es gibt, die unter den Maßnahmen gelitten hätten. Das Wirtschaftswachstum dürfe man nicht abwürgen. Sie wissen sehr wohl, dass LongCOVID ein Problem ist und dass es zu wenig Anlaufstellen gibt. Sie wissen, dass man nach einer Infektion Ruhe einhalten sollte. Sie wissen, dass OMICRON nicht mild ist und dass mild nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist.

Ich kritisierte vor allem die Kommunikation, dass LongCOVID zu wenig erwähnt wird. Das wies er entschieden zurück. Im Herbst hätten Kogler und Mückstein ständig von LongCOVID geredet. Er hat dann gemeint, er führe ständig Gespräche mit Bürgern und jeder wirft vor, dass sein Thema nicht erwähnt würde. Rauch würde etwa auch nicht in jedem Interview Tierschutz erwähnen, trotzdem würde daran gearbeitet.

Es ist natürlich richtig. Mückstein hat bei der Zulassung der Impfung für 5-11jährige LongCOVID erwähnt, aber trotzdem hat man das Virus durchrauschen lassen. Das ist dann inkonsequent, wenn Eltern ihre Kinder nicht vor einer Infektion schützen können, die sich zwei Wochen oder einen Tag vor dem Impftermin anstecken. Was nützt es heute, lang und breit über Versorgung von LongCOVID-Patienten zu debattieren, wenn es keine Schutzmaßnahmen mehr gibt? Vielen LongCOVID-Patienten kann nicht geholfen werden. Manche Schäden sind irreparabel! LongCOVID vermeiden heißt Infektionszahlen senken. Daran führt kein Weg vorbei, solange es keine Wunderpillen und sterile Immunität gibt.

Ich versuchte zu erklären, dass Intensivstationen der falsche Fokus sind, weil die Inzidenzen dann schon zu hoch sind. In dem Zusammenhang kritisierte ich das FutureOperation-Arbeitspapier, das LongCOVID nicht einbezogen hat. „Das ist auch richtig, was hat LongCOVID bei den Akutbelastungen verloren?“

Ich hab dann vorgerechnet, dass auch LongCOVIDkranke Personalmangel erzeugen und volkswirtschaftlich eine Rolle spielen. Da hat er mir zugestehen müssen, dass man das unter diesem Gesichtspunkt in den FuOp hätte berücksichtigen müssen – so wie es explizit in dem von Rauch veröffentlichten Text auch erwähnt wurde.

Bei der Zuständigkeit von Maßnahmen für Schulen schieben Polaschek und Rauch sich öffentlich gegenseitig die Verantwortung zu. Offenbar ist es so, dass sie sich im beiderseitigen Einvernehmen ausmachen, was in den Schulen gilt. Da es kaum Maßnahmen gibt und auch den Aussagen Rauchs und aus dem Kabinett Koglers gewichten sie die psychische Belastung durch Lockdowns offenbar höher als das Erkrankungsrisiko der Kinder selbst (bzw. deren Geschwister und Eltern). Durchseuchung habe es nie gegeben, den Begriff wies er entschieden zurück.

Ich hab versucht zu erklären, dass es zwischen offenen und geschlossenen Schulen etliche Abstufungen gibt, von Masken tragen über mobile Luftreiniger, moderne Lüftungsanlagen bis befristetes Distance Learning.

Vorbild sei für ihn die Schweiz. Die Schweiz habe nur bei der ersten Welle versagt und stünde seitdem besser da als Österreich, weil das mit der Eigenverantwortung dort besser funktionieren würde. Der Staat könne nicht alles regeln. Die Leute müssten mehr zur Eigenverantwortung gebracht werden.

Ich konterte mit Konrad Liessmann, dass Eigenverantwortung nicht funktioniert, wenn die Leute schlecht informiert sind und zudem egoistisch sagen, es würde ihnen nichts ausmachen, wenn sie erkranken, aber wenn sie dann krank herumlaufen und andere gefährden. Zudem, bei einer meldepflichtigen Krankheit wie Masern oder Polio würde man auch nicht auf Eigenverantwortung setzen.

Das Thema False Balance hab ich ebenfalls angesprochen. Er dazu sinngemäß:

„Und irgendwo auf der Welt gibts immer einen Wissenschaftler, der irgendwas sagt und glaubt, so ist das.“

Das ist eben False Balance, wenn man seine eigenen Berater nicht regelmäßig verifiziert mit Blick auf die Datenlage. Wenn unsere Datenlage unzureichend ist, muss man eben in Länder mit sehr guter Datenlage schauen, z.B. Dänemark, UK. Es herrscht internationaler Konsens, wie Covid19 übertragen wird, was Masken bringen, dass LongCOVID mittlerweile die größte Volkskrankheit ist und dass hohe Inzidenzen weitere Varianten erzeugen, die zu wiederkehrenden und hohen Krankheitswellen führen, die Impfstoffe unter Druck setzen und immungeschwächte Patienten gefährden, weil die entwickelteten therapeutischen Antikörper schlechter wirken. Wenn die eigenen Berater von diesem Konsens abweichen, sollte man mal hinterfragen, warum sie das tun. Wie oft lagen sie in den letzten Jahren daneben im Vergleich zu anderen Wissenschaftlern, die das nicht taten? Warum ist das so? Kann es mit Interessenskonflikten zu tun haben? Gibt es innerhalb der Wissenschaft in Österreich stärkeren Druck auf Berater, möglichst wenig an der Regierung anzustreifen, wenn man sich seine Karriere nicht verbauen will?

Beispiele:

Komplexititätsforscher Peter „OMICRON kommt wie eine Wand. Aber positiv ist, dass je höher die Welle wird, desto früher ist sie vorüber“ (Die OMICRON-Welle dauerte insgesamt dann über fünf Monate) Klimek wurde Wissenschaftler des Jahres 2021.

Virologin Monika „Früher oder später wird es eine ganz normale Zirkulation eines respiratorischen Virus werden, das wir auch von anderen Viren kennen. Wann das sein wird? Wenn genügend Leute eine Impfung erhalten haben oder natürliche Immunität erlangen.“ Redlberger-Fritz wurde „Kommunikatorin des Jahres“ 2021.

Bildungsminister Heinz „COVID ist keine Kinderkrankheit. Das ist etwas, was sich glaub ich unbestritten im letzten Jahr herausgestellt hat (06/21).Faßmann wurde Präsident des ÖAW.

Epidemiologin Daniela „Volksschulen hätten nie geschlossen werden müssen“ Schmid wurde Leiterin der neu gegründeten Infektionsepidemiologie auf der AGES.

Simulationsforscher Niki „Mehr Infizierbare als angenommen“ Popper erhielt Preis der Forschung (Österreicher des Jahres) 2021, nominiert war u.a. auch Virologe Florian Krammer.

Infektiologin Petra „Labor-Tsunami“ Apfalter beriet Bildungsminister Faßmann.

Was rennt falsch in diesem Land, dass man jene Wissenschaftler (und Ex-Minister), die wiederholt daneben liegen, auch noch befördert? Dagegen sind WissenschaftlerInnen, die seit zweieinhalb Jahren den Mehrheitskonsens der Wissenschaft vertreten, in der Berichterstattung und als Berater unterrepräsentiert bzw. wird einfach nicht auf sie gehört. Warum hinterfragt das keiner, wenn es uns so offensichtlich in die Scheiße reitet? Bei der Energieversorgung wiederholt sich das ja offenkundig, im Winter 2022/2023 wird Österreich blöd aus der Wäsche schauen.

Eines ist klar.

Die Grünen sind nicht die unschuldigen Opfer in der Regierung, die sich auf die Seite der Schutzbedürftigen nur nicht gegen den großen Koalititonspartner durchsetzen können.

Erst sagt Rauch, die Masken bleiben bis Juli, dann schafft er sie Anfang Juni ab. Erst sagt Rauch, die Maske würde zurückkommen, wenn die Infektionszahlen 10-14 Tage steigen, dann sagt er, die Spitalszahlen wären stabil, man könne abwarten. Wenn es unangenehm wird, ändert man die Messgröße. PLURV-Methode: Torpfosten verschieben. Corona- und Klimaleugner agieren so. Mit Amtsantritt kündigte er an, die Fehler mit Aufkommen einer neuen Welle im Herbst nicht wiederholen zu wollen. Wenn er darunter die Durchseuchung im Sommer verstanden hat in der Hoffnung, dass die Bevölkerung im Herbst dann geschützt wäre, muss er das so sagen.

Molekularbiologe Elling hat dazu sehr deutlich gesagt, was er davon hält:

„geradezu absurde Strategie, sich mit einer potenziell tödlichen Krankheit zu infizieren und so einen Immunschutz gegen diese potenziell tödliche Krankheit aufzubauen.“

Elling sprach sich deshalb für Maßnahmen aus, um das Infektionsgeschehen zu bremsen – etwa die Rückkehr der Maskenpflicht. Stoppen könnte es die Welle alleine nicht, aber niedriger halten „und wohl auch früher knicken“. Mit der Entscheidung, die Maskenpflicht aufzuheben, ging er hart ins Gericht: „Bei 30.000 Fällen pro Tag im Sommer brauchen wir keine Masken, bei 30.000 Fällen pro Tag im Herbst aber schon. Das ist nicht nachvollziehbar.“ Auch die Testangebote wieder hochzufahren, sah er als hilfreich im Kampf gegen die neue Welle an. (APA, leider ist die Originalquelle unter APA-OTS nicht zu finden).

Rauch am 19.04.22 auf Twitter: „Fakt ist: Ich bewege mich auf dem Fundament von Expertise (Wissenschaftlichkeit) und Verhältnismäßigkeit (Verfassungskonformität).“

Ich überlasse es dem Leser, was er von diesem Sittenbild hält. Über die ÖVP hab ich hier nur sehr wenig geschrieben, weil nicht extra bewiesen werden muss, dass Wasser nass wird oder Frösche quaken. Bei den Grünen hatten viele Hoffnung, dass sie im Geiste doch *auf unserer* Seite wären, also der Seite der anständigen, vernünftigen Menschen, die sich natürlich nicht freiwillig infizieren wollen. Und dass es doch möglich sein sollte zwischen „Durchseuchung“ und „alle einsperren“ differenzierte Graustufen zu finden, vieles, was wenig einschränkt und doch effektiv ist, wie etwa Maske und für saubere Luft sorgen.

Diese Hoffnung habe ich längst aufgegeben.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.