Tag 780: BA.4 im Lande, Neues zu LongCOVID und zu Hepatitisfällen bei Kindern

Abseits von Südafrika (35%) werden derzeit die meisten BA.4-Fälle in Europa festgestellt, dabei vor allem in Österreich, wo der Anteil rasch die 4%-Marke übersprungen hat (36 Proben, alle aus Wien), Einschränkung: keine Qualitätskontrolle der Daten, die von einem umstrittenen Wiener Labor kommen, noch nicht bestätigt durch Bergthaler/Elling

Man kann es ruhig aussprechen: Die Pandemie ist in den Köpfen längst vorbei. Durch den Abbau der freiwilligen Testmöglichkeiten, der Testpflicht in Schulen und am Arbeitsplatz, ohne Zutrittstests in der Gastronomie, ohne Impfpflicht und Impfnachweis, und weitgehend ohne Maskenpflicht gibt es kaum noch sichtbare Maßnahmen, die an die Pandemie erinnern. Gleichzeitig hat der Reiseverkehr das höchste Niveau seit Pandemiebeginn erreicht, rund 83% Starts und Landungen am Flughafen Wien im Vergleich zu den Flugbewegungen vor dem ersten Lockdown. Das Resultat ist in der Wiener Innenstadt sichtbar.

Im Bekannten- und Kollegenkreis häufen sich die positiven Fälle, jetzt erwischt es auch jene, die sich zwei Jahre lang davor schützen konnten. Manche Kinder erwischt es das zweite Mal, manche bereits das vierte Mal. Zuvor gesunde Bekannte, die die Gefahr durch das Virus lange Zeit heruntergespielt haben, sind seit ihrer Infektion leiser und vorsichtiger geworden, sie haben jetzt Respekt davor, nachdem sie seit zwei Monaten und länger von ihrer früheren Fitness entfernt sind. “Ich hätte darauf verzichten können”, sagen sie jetzt. Die Mehrheit der BA.1/BA.2-Infizierten hat sich bei ihren Kindern angesteckt.

Vor einem Jahr hatten wir eine ähnliche Situation wie jetzt: Die Infektionszahlen gingen deutlich zurück, geholfen haben neben dem Lockdown wahrscheinlich die Impfungen, denn die Zahlen sanken auch weiter, als die Maßnahmen längst gelockert wurden. Ich warnte schon früh davor, dass wir uns “im Blindflug” (Tag 411) befanden und zweifelte daran, dass der “positive Trend” (Tag 418) anhalten würde. Grund für meine Skepsis war vor allem DELTA sowie die mangelhafte Risikokommunikation der Regierung.

Ein Jahr später sind es BA.4/BA.5 und die mangelhafte Risikokommunikation der Regierung.

Worin liegt die Gefahr von BA.4/BA.5?

BA.4 ist wahrscheinlich aus einer Rekombination von BA.1 und BA.3 entstanden. In Südafrika und einzelnen anderen Ländern wurden die Subvarianten BA.4 und BA.5 als Erstes gefunden, die zumindest in Südafrika BA.2 zu verdrängen scheinen. Über Infektiösität und Schwere der Verläufe ist noch nichts bekannt, aber sie haben zumindest zwei Mutationen, die Immun Escape verstärken können (L452R und F486V). Es wird damit gerechnet, dass dadurch eine (größere) Reinfektionswelle erzeugt werden kann. Es gibt anekdotische Berichte zu auffallenden Symptomveränderungen wie sehr schwere Atemwegsinfekte, schwere Ohrinfekte, die bei den vorherigen Varianten noch nicht beobachtet wurden, dazu anhaltende Übelkeit, Erbrechen, schwere Dehydration und keine Verbindung zu Vorerkrankungen. Bisher wurde das aber noch nicht aus einer zweiten Quelle bestätigt.

BA.4/BA.5 haben einen Wachstumsvorteil gegenüber BA.2. Gleichzeitig schützt eine BA.1-Infektion nicht vor einer Reinfektion mit BA.4/BA.5. Wir erinnern uns: Von Dezember 2021 bis etwa Februar 2022 dominierte in Österreich noch BA.1, ehe BA.2 für die höchsten Infektionszahlen Anfang März gesorgt hat. Ungeimpfte nach BA.1-Infektionen haben dabei einen schwächeren Schutz vor Reinfektion als Geimpfte nach BA.1-Infektion. (Khan et al., 29.04.22). Das wird vor allem bereits infizierte Kinder und Jugendliche betreffen, wo rund Dreiviertel noch ungeimpft sind.

Studien aus UK, USA, Dänemark und Deutschland unterstützen die Behauptung, dass die Impfwirksamkeit gegen Hospitalisierung auch über vier Monate hinaus anhält, bei OMICRON nicht. Sie nimmt jedes Monat ab, in Dänemark ist sie vier Mal niedriger nach 3 Monaten.

Wegen der geringen Boosterquote (54,7%) wird die nachlassende Impfwirksamkeit ein Problem, viele haben sich im Sommer 2021 den zweiten Stich geben lassen, den dritten dann im Herbst 2021. Wir wissen, dass die Impfung das LongCOVID-Risiko verringert, aber nicht auf Null setzt. Damit steigt die Gefahr, dass die LongCOVID-Rate wieder zunimmt. Anekdotisch berichten deutsche Hausärzte auf Twitter, dass sie pro Tag drei neue LongCOVID-Patienten haben, häufig junge, vorher gesunde Menschen.

Wie sich das dann über die nächsten Monate und im Herbst auswirkt, wird immer schwieriger zu beurteilen. Wir haben erneut einen Datenblindflug, unklar ist, wer wie oft geimpft wurde, mit was, in welchen Intervallen, ob die Infektion davor oder danach war, oder zwischen den Impfungen, und mit welcher Variante. DELTA-Infizierte haben einen schlechten Schutz gegen BA.x, BA.1 sind schlechter gegen BA.2 und BA.4/5 geschützt, aber bei Dreifachgeimpften mit BA.2 vermutet man einen besseren Schutz gegen BA.4/5. Voraussetzung: Keine Folgeschäden wie LongCOVID durch die Infektion, die das Immunsystem nachhaltig schwächen kann und Reinfektionen erleichtert. Daher rate ich persönlich auch davon ab, sich jetzt mutwillig zu infizieren (z.B. Indoorveranstaltungen mit schlechter Lüftung und ohne Masken), um gegen künftige Varianten geschützt zu sein.

Hoffnung auf den saisonalen Effekt unbegründet?

Quelle: @zeitferne – kein saisonaler Effekt erkennbar, sondern starke Abhängigkeit von den jeweils gesetzten Maßnahmen

Ein klarer Zusammenhang zwischen Ausbreitung und saisonalen Effekten ist nicht erkennbar, das zeigen die deutlichen Anstiege jeweils im Hochsommer 2020 und 2021, und die beiden deutlichen Rückgänge in Verbindung mit dem Lockdown im Winter 2020 und im Dezember 2021. Zudem haben sich die Spielregeln mit der hochinfektiösen DELTA-Variante letzten Sommer geändert und sind mit OMICRON und Immun Escape noch einmal eine andere Voraussetzung. Zu glauben, der saisonale Effekt würde die Infektionszahlen von alleine sinken lassen, ist ein Trugschluss. Generell gibt es seit dem ersten Lockdown wieder eine Normalisierung der Sozialkontakte. Nur nicht bei Schattenfamilien und vulnerablen Einzelpersonen, die und deren Umfeld inzwischen größte Mühe haben, noch an kostenlose PCR-Tests zu kommen – sofern sie nicht in Wien leben.

LongCOVID ist ….COVID

Derzeit kursiert eine noch nicht veröffentlichte Studie der Uni Innsbruck durch die Medien, wonach bei chronisch kranken Darmpatienten Virusreste im Darm gefunden wurden. Einschränkung: Hier handelt es sich um eine vorselektierte Auswahl an autoimmunkranken Patienten, die aufgrund der Besonderheit ihrer chronischen Erkrankung (Colitis Ulcerosa und Morbus Crohn) einhergehend mit Immunsuppressiva das Virus im Darm nicht eliminieren konnten. Es gibt auch andere Ursachen für LongCOVID, z.B. die Reaktivierung des Epstein-Barr-Virus, getriggerte Autoimmunerkrankungen oder Gefäßerkrankungen.

“Es gebe übrigens auch andere Viruserkrankungen, wo Ähnliches vermutet wird, aber diese seien wesentlich seltener, so Tilg”.

So selten ist MECFS nicht, immerhin sind rund 0,3-0,9% der Bevölkerung betroffen, allerdings werden ihre Beschwerden meist als psychosomatisch oder psychiatrisch abgestempelt.

Interessant ist aber, dass die Erkenntnis des persistierenden Virus im Darm bei SARS-CoV2 nicht neu ist. Erstmals davon gelesen habe ich in einem Tweet des Kardiologen Eric Topols, der auf eine Studie von Gaebler et al. (05.11.2020) hinwies. Darin ging es eigentlich um Antikörper gegen Covid19, spannend ist aber die folgende Aussage:

Analysis of GI biopsies from asymptomatic individuals 3 months after COVID19….revealed persistence of SARSCoV2 in the small bowel in 7 out of 14 volunteers“

Bei der Hälfte der symptomfreien Individuen wurde drei Monate nach der Infektion im Magendarmtrakt SARS-CoV2 im Dünndarm gefunden. Topol merkte dazu an, dass dies relevant bezüglich LongCOVID sein könnte.

Bekannt ist diese Hypothese aber schon viel länger, und zwar generell für Coronaviren, wie im Kapitel von Robb and Bond (1979) zu lesen ist.

Derzeit laufen erste Studien, ob antivirale Medikamente wie Paxlovid auch gegen LongCOVID helfen, zumindest bei jenen, wo tatsächlich Virusreste der Urheber für die anhaltenden Beschwerden sind.

Schwere Hepatitisfälle bei Kindern

Ich halte meinen gesonderten Blogeintrag dazu so aktuell wie möglich.

Ob Adenoviren oder Coronaviren – beides sind Infektionskrankheiten, die über Aerosole übertragen werden. Entsprechend könnte man viel mehr als nur Schulschließungen umsetzen:

  • Lüftung überwachen (CO2-Ampeln)
  • Luftfilter benutzen
  • Regelmäßig testen und angemessen isolieren bei Krankheit oder Verdacht
  • Keine überfüllten Klassen, Klassen nicht mischen
  • Maskentragen
  • Positive Fälle den Eltern sagen
Konsultationsinzidenz akute Atemwegserkrankungen nach Altersgruppen in Deutschland, Quelle: RKI – falsch ist jedenfalls die Behauptung, es hätte die letzten zwei Jahre sonst keine anderen Infekte bei Kleinkindern gegeben. Man denke an die RSV-Welle im vergangenen Herbst.

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