Tag 41: Offene Fragen

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Hinter Gitterstäben: Das Virus sperrt uns ein. 

Heute erstmals mit dem Zug aus Wien hinaus gefahren. Es ist aufwändig, erfordert mehr Planung als früher. Ich bin kein Frühaufsteher, frühstücke eigentlich nie und hol mir erst beim Bäcker das Essen. Das verzehre ich normalerweise im Zug und trinke den Kaffee dazu. Jetzt muss man im Zug Maske tragen. Naja, offiziell. Während bei den Wiener Linien von neun Leuten zehn eine Maske trugen, war das Verhältnis im Regionalzug etwa 50:50. Doch kann ich nicht darauf setzen, dass genug Platz im Zug sein wird, dass ich die Maske absetzen und mein Essen einnehmen kann. Jedenfalls hat mir das heute früh Kopfzerbrechen bereitet, ich trödelte zu lang und machte dann eine andere Wanderung als geplant, weil ich die Verbindung verpasst hätte. Den Kaffee trank ich am Bahnsteig und bei nur fünfzehn Minuten Zugfahrt statt knapp eineinhalb Stunden in der ursprünglichen Planung ließ sich der Hunger unterdrücken. Natürlich hab ich die Maske wieder mehrmals angefingert, weil die Brillengläser erst so stark beschlugen, dass ich nichts sah und es dauerte, bis sie korrekt saß, dass das nicht mehr passierte. Im Zug dann mehrfach die MNS-Durchsagen, ebenso in der U-Bahn. Für meinen Geschmack zu oft. Ich werd kein Maskenfreund werden. Längere Zugfahrten werden beschwerlich sein, aber selbst kürzere Öffifahrten im Hochsommer könnten zur Tortur werden. Und wenn die Trinkbrunnen dann immer noch zu sind, muss man extra Geld ausgeben für Getränke. Der Ortswechsel tat gut, herrlicher Mischwald nördlich von Rekawinkel und Pressbaum. Ich hab die Waldluft mehrere Stunden lang mit vollen Atemzügen genossen, das steigert bekanntlich die Zahl der T-Zellen im Blut und damit die Immunabwehr. Hüfts nix, schods nix, kostet a nix.

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Tag 40: Besuch des Augartens

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Wieder geöffnet: Der Augarten im zweiten Bezirk

Letzte Woche hab ich’s nicht geschafft, heute war ich am Nachmittag im Augarten. Zu dieser Uhrzeit war er sehr gut gefüllt, aber Probleme mit Abstand halten gab es naturgemäß keine. Die meisten Familien blieben für sich, von den Wiesen wurde niemand vertrieben. Am Eingang standen zwei Gartenzwergsheriffs mit Maske, hatten aber nichts zu tun, warum sollte es sich auch stauen? Davor war ich noch im Merkur einkaufen. Keine Einkaufswagenpflicht, kein Mitarbeiter beim Eingang, der auf Desinfektion achtet, dafür hatte man genügend Platz, um anderen Kunden auszuweichen. Die Kassiererin wirkte gestresst, ich lächelte ihr zu, bemerkte sogleich, dass sie das wegen meiner Maske nicht sehen konnte. Ich zahlte mit Bargeld und rundete wieder um 1-2 Euro auf. Sie hat sich herzlich bedankt – wenigstens das finanzielle Lächeln kam an.

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Tag 39: Reichweitenverantwortung

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Ausblick auf Wien von der Perchtoldsdorfer Heide, 17. April 2020

“No model will take into consideration the increase in family violence. No model will track the number of suicide from financial loss, job loss. No model will track the number of people who will die of other conditions because they could not access care during covid. No model will show the increase in addiction, overdoses because of the situation. No model will track the number of divorces. And more importantly, no model will track who has profited from this, and no model will track how our rights and freedom have been violated.” – Patricia Careau

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Tag 37: Gemeinsam oder gegeneinander?

Vielleicht bestell ich den FALTER doch nicht ab, aber eine Kritik schreibe ich noch (aber auf meinem MeteoError-Blog) zum Thema Abstandsregeln. Das, was Chefredakteur Klenk heute in FALTER-Newsletter schreibt, ist richtig gut.

Es erklärt einerseits, weshalb die Exekutive von Beginn so hart durchgreift, andererseits aber auch die Sympathie des Chefredakteurs zum schwedischen Modell.

Wie Klenk im Newsletter ausführt, erleben wir die unverhältnismäßigen Strafen der Polizei vor allem deswegen, “weil eine an sich sehr liberale Rechtslage verwirrend formuliert wurde”. Ursprünglich wollte Kurz tatsächlich nur drei Ausnahmen gestatten: Arbeit, Einkauf und Besuch von Bedürftigen. Defakto also eine Ausgangssperre. Nur dank der grünen Abgeordneten Hamann befand sich “Betreten des öffentlichen Raums alleine oder mit Abstand zu Haushaltsfremden” in der Covid-Verordnung.

Das Ergebnis haben wir gesehen: Die Polizei verlangte Passierscheine bei Kontrollen und strafte Menschen, die alleine auf einer Parkbank saßen oder Klimmzüge am Sportplatz machten. Neoliberale Politik in Reinkultur, denn Öffis am Weg zur Arbeit waren zumutbar, übrigens lange Zeit ohne Maske, aber Öffis ins Grüne nicht. Einkaufen und den Konsum ankurbeln waren zumutbar, aber das Verweilen im Park nicht. Der Mensch als Leistungsrobotor, der ohne Sport, Kultur und Erholung funktionieren soll. Keine Möglichkeit, den immensen psychischen Stress durch die Pandemie abzubauen, aber viele Ausnahmen, wenn es um Arbeit geht. Ganz zu schweigen von den Rückholaktionen bei Erntehelfern versus unterlassener Hilfeleistung bei Flüchtlingen in den griechischen Lagern oder im Mittelmeer. Menschenverachtend, ich kann es nicht anders ausdrücken.

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Tag 36: Körperlich aktiv sein trotz #Bleibtdaheim

Mündung vom Wienfluss in den Donaukanal bei der Urania, Bild von heute morgen

War ganz erfrischend, mal einen anderen Rückweg genommen zu haben. Am Donaukanal entlang ist gut frequentiert und vor allem entlang der Ostautobahn ziemlich laut. Heute früh fuhr ich mit dem Kollegen über Kaiserebersdorf und am Gasometer vorbei zurück. Dort war ich vorher nie. Seit Beginn der Coronakrise bin ich noch nie soviel Rad gefahren in Wien, hab einige neue Teile der Stadt kennengelernt. Die nächste Gelegenheit hab ich am Freitag in acht Tagen, auch da werd ich wieder nach dem Nachtdienst diese Strecke fahren und noch dazu ein paar Bilder machen.

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Tag 35: Populismus und Fakten

Gegen Depressionen, Angst und chronischen Stress

Im gestrigen Podcast [31] hat Dr. Drosten angesprochen auf die Joggerstudie offen zugegeben, dass er sich da nicht gut genug auskenne, er schätze aber das Risiko im Freien eher niedriger ein, weil die Tröpfchen schneller austrocknen und das Virus verdünnt wird. Ich komme gleich darauf zurück….

Reinfektion

Wichtiges Thema. Größte Furcht für verängstigte Menschen ist, dass man nach einer durchgemachten Erkrankung nicht immun ist, sondern sich erneut infizieren kann. Oder dass sich das Virus nur schlafend stellt wie Herpesviren und bei bestimmten Bedingungen reaktiviert werden können. Drosten führt die Berichte um Reinfektionen auf die asiatische Kultur zurück. Dort gibt es strikte Regeln. Wenn jemand zwei Mal negativ getestet wurde, gilt er als geheilt. Wird er dann erneut positiv getestet, als reinfiziert. Er vermutet aber stark, dass diese Ergebnisse mit der schwankenden Nachweisgrenze des Virus zusammenhängen. Sein anschaulicher Vergleich:

Ein Planschbecken mit Goldfischen und jemand nimmt mit verbundenen Augen einen Eimer heraus, mal sind Fische drin, mal nicht. Am Ende der Krankheit sind immer weniger Viren vorhanden, immer weniger Goldfische. Man erwischt auch mal einen Eimer ohne Goldfische, der Patient wird als geheilt entlassen. Problematisch ist vor allem die Art des Nachweises:

  • Lungensekret bleibt nach der Entlassung viel länger positiv, ist aber nicht mehr infektiös
  • Der Rachenabstrich wird am frühesten negativ, mit Beginn der zweiten Krankheitswoche, Stuhl und Sputum aber noch positiv
  • Stuhlproben bleiben länger positiv, aber nur totes ausgeschiedenes Virus

Das alles kann dazu führen, dass jemand erneut positiv getestet wird. Echte Reinfektionen sind aber weiterhin sehr unwahrscheinlich.

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Tag 32: Ostersonntag

Osterhäschen

Dritter Urlaubstag. Gestern Abend hatte ich einen Durchhänger. Die Vorstellung ist schrecklich, noch monatelang nicht die Menschen umarmen zu dürfen, die einem nahestehen. Ich wäre ja zu großen Opfern bereit, es wieder zu dürfen, sogar zu zwei Wochen Quarantäne, um auf Nummer sicher zu gehen, bevor ich mich einem Menschen mit Vorerkrankung unter dem Mindestabstand nähere.

Wie hoch die Gefahr in öffentlichen Verkehrsmitteln und Supermärkten ist, wissen wir derzeit nicht. Bisher gibt es keine eindeutigen Ergebnisse, die für ein erhöhtes Ansteckungsrisiko sprechen. Wir wissen bisher, dass es Situationen gibt, die “super spreading” ermöglichen, aber fast ausschließlich indoor:

  • Begräbnisse mit Menschenansammlungen in Aufbahrungshallen und Kirchen
  • Chorveranstaltungen (Singen befördert viel Virus in die Umgebung)
  • Karnevalssitzungen (Heinsberg)
  • Bridgeturniere
  • Nachtclubs, Bars (siehe Ischgl)
  • Kantinen – selbst Rücken an Rücken (siehe München)
  • Lange Busfahrten (Patient 1 in China, 4 Std. Busfahrt, Ansteckungen selbst 30min später, nachdem er ausgestiegen ist)
  • Ansteckungen im Büro (Konferenzen, Büros ohne Raumluftumwälzer/Fenster)

Ich wäre ja dafür, die Gesunden einzusperren, die mild Infizierten und Risikogruppen sollten (getrennt voneinander) in die Natur gehen, Frischluft und Sonnenlicht tanken. Aber gut, das ist eine ketzerische Einzelmeinung, basierend aus meinen Erkenntnissen vor vier Tagen. Aber ich bin kein Virologe, es wird schon seine Richtigkeit haben, welchen Teil der Bevölkerung man ins Innere verbannt und wer nach draußen gehen darf.

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Tag 31: Karsamstag: Normalität für die anderen?

Kaltenleutgeben

Karsamstag. Ich hab nicht lang geschlafen, konnte aber etappenweise noch etwas länger schlafen. Ich war auch noch einkaufen im Merkurmarkt, mit Maske in der Straßenbahn. Im Supermarkt steht ein Desinfektionsspender am Eingang. Ich hatte Handschuhe an. Einkaufswagenpflicht war keine, es waren einige mit und ohne unterwegs. Eng wurde es nur bei den Leuten mit Wagen. Aber der Maskenanteil betrug annähernd 100%. Auf der Rückfahrt gab es die Durchsage, dass “in den Öffis ab 14. April Maskenpflicht herrsche”, ja, die weibliche Stimme hat wirklich Öffis gesagt. Soviel Wienliebe. Ich hab erstmals nach Wochen wieder durchgesaugt und den Balkon notdürftig mit Kartons abgeklebt als Schattenspender. Nächster Schritt sind noch ein paar Schälchen Wasser für die durstenden Vögel, allerdings scheißen die auch alles voll. Draußen ist viel los, aber die meisten haben kapiert, dass man derzeit Abstand halten muss. Selbst die alten Männer auf den Betonplätzen sitzen im Respektabstand auseinander. In den Öffis fühle ich mich sicher, speziell im 20. Bezirk mit hohem Migrantenanteil. Das sind Menschen, die kaum aus dem eigenen Grätzel herauskommen, wie sollen sie sich infizieren? Ach ja, über den Migrantenanteil erfährt man gar nichts in den offiziellen Statistiken. Meine Vermutung wäre, dass es großteils Einheimische sind, die das Virus weiterverbreiten, höhere Mobilität, besserer Verdienst.

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Tag 30: Stichproben, Öffi-Revival und Auszeit

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Heute hätte ich nach Oberösterreich fahren sollen, mit der Seilbahn auf den Dachstein und über Ostern schneeschuhwandern. Manchmal kommt es anders als man denkt und statt im Schnee zu watscheln, schnappte ich mein Fahrrad und fuhr nach Kaltenleutgeben, vom zweiten Bezirk eine halbe Weltreise, genauer gesagt 25,7km. Von dort ging ich zu Fuß weiter in die Rodauner Berge, drehte aber wegen der mühsamen Anfahrt (teils schlecht beschilderte Radwege, unendlich viele Ampeln, immer noch viel Verkehr, und doch einige Höhenmeter bergauf) nur eine kurze Runde. Nebenbei meine längste Radfahrt seit über 10 Jahren. Den Urlaubstag würdig genutzt. Continue reading

Tag 29: Nichts ist mehr wie vorher

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Leer gefegter Michaelerplatz am Donnerstagvormittag

Zu den gesellschaftlichen Verwerfungen hat eine Freundin bereits einen trefflichen Text geschrieben. Die Verdrängungsmechanismen funktionieren nur stunden- oder tageweise, leider unterbrochen von den täglichen Pressekonferenzen der Regierung mit mehr oder weniger glaubwürdigen Informationen. Man gibt uns nicht viel Zeit, sich auf etwas einzustellen. Ich hätte damit leben können, wenn sich bis Ende April nichts am status quo ändert (abgesehen von der überfälligen Öffnung der Bundesgärten und Zurechtweisung der außerhalb jeder Erlässe strafenden Polizei), um neue Routinen aufzubauen. Stattdessen kommt im Schnitt alle drei Tage eine Änderung. Die letzte Stichprobe hat ergeben, dass von 422 Supermarkt-Mitarbeitern kein einziger infiziert sei. Maskenpflicht? Aber sei es wie es sei. Solange man nur Zahlen erfährt und nicht, wie sie zustandegekommen sind, glaube ich der Regierung kein Wort mehr. Ich habe die letzten Wochen exzessiv viele wissenschaftliche Artikel und Zusammenfassungen gelesen, und wenn eine repräsentative Statistik/Studie so aufbereitet werden würde wie die Heinsberg-Protokolle, dann müsste man in Österreich nicht soviel Kaffeesud lesen und hätte mehr Vertrauen in die Entscheidungen der Regierung. Ich hab leider gar keines mehr. Kurz missbraucht die Ausnahmesituation, um seine Vorstellungen eines feudalen Ständestaats weiter voranzutreiben, die Verteilung geht weiterhin von unten nach oben. Mangels Versammlungsfreiheit kann derzeit niemand öffentlichkeitswirksam protestieren. Continue reading