Der Wissenschaft folgen, Risiken reduzieren (K 13/02)

Ich werde auf meinem Blog nicht vorgaukeln, weiterhin strengste Vorsichtsmaßnahmen mit Null Risikoinkaufnahme einzuhalten, die ich selbst dann nicht lebe. Das Risikoprofil der Menschen ist verschieden und damit auch die Art und Weise, wie mit der aktuellen Situation umgegangen wird. Dritte nicht gefährden ist dabei die rote Linie für mich.

So wie ich auf hohe Abwasserwerte und viele symptomatische Personen im Umfeld reagiere, indem ich die Zügel fester anziehe, reagiere ich auch auf niedrige Abwasserwerte und gehe für mich vertretbare Risiken eher ein. Ich möchte das hier am Beispiel Restaurantbesuch erläutern. Persönlich lieber wäre mir in vielen Situationen Take-Away wie zu Lockdownzeiten bzw. die Möglichkeit draußen zu sitzen. Das Winterhalbjahr verläuft damit seit Ende der Schutzmaßnahmen recht eintönig – auch klassische Winterurlaube sind für mich nicht mehr umsetzbar. Dieses Ungleichgewicht ist belastend, wenn man ein halbes Jahr Freizeit und Urlaub nicht nutzen kann wie seine Kollegen. Das Höchste der Gefühle ist für mich daher ein gutes Auswärtsfrühstück oder eine Hütteneinkehr, zumindest aber in Verbindung mit einem Ausflug oder einer Wanderung auch auswärts essen gehen zu können, wenn ich schon auf Übernachtungen verzichten muss. All jene, die darauf keinen Wert legen, weil sie lieber zuhause essen oder sich gegenseitig bekochen, müssen ab hier nicht weiterlesen. Wenn das für Euch so passt, dann gibt es daran nichts zu kritisieren.

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Kolumne 11/01: Wie LongCOVID/MECFS -Betroffene im Stich gelassen werden

Berge sind für mich Lebensqualität – sie bleibt aber nur bei guter Gesundheit

“Die Gesellschaft demonstriert gegen Nazis, aber nicht für Zusammenhalt und Rücksichtnahme. Das würde ja persönliche Einschränkungen bedeuten. 40 Jahre Neoliberalismus zeigen ihr hässliches Gesicht.”

das Bruderherz

Mangelnde Prävention bei “Solidaraktionen”

Es brennt auf allen Ebenen, nicht nur hierzulande, aber ich schreibe als Bürger von Österreich und beziehe mich auf die Situation vor Ort. Vor wenigen Tagen schrieb ich darüber, wie wichtig es gewesen wäre, wenn die Demonstranten gegen Rechtsextremismus und Faschismus bei ihrer Anreise und zumindest innerhalb der Menge eine Maske getragen hätten. Ich konnte nicht mit gutem Beispiel vorangehen, weil ich an diesem Tag arbeiten musste. Die Bilder haben leider gezeigt, dass nur ganz wenige anständige Menschen unter den Demonstranten waren, die sich vor allem selbst schützen wollten oder mussten, und als Kollateralnutzen, weil Masken auch die Verbreitung von Viren verhindert, ihr Umfeld mitgeschützt haben. Keiner der Veranstalter und teilnehmender Organisationen oder Parteien hat eine Empfehlung zur Maske ausgesprochen – warum auch, wir haben ja nur eine starke Influenza- und RSV-Welle, die zu etlichen Krankenständen, Hospitalisierungen und Todesfällen führt. SARS-CoV2 ist zwar weiter am Rückzug, aber nicht vorbei und eben deutlich ansteckender als andere Viren. Es ist frustrierend und beschämend, dass die Gesellschaft ernsthaft glaubt, sie hätten ihre Standhaftigkeit gegen Faschismus aufgezeigt, diese dann aber im Alltag nicht leben. Vulnerable und kranke Menschen hätten es nicht verdient, an der Demonstration sicher teilnehmen zu können. Das ist die Botschaft der Bilder, und damit ist bereits ein Ziel der Neofaschisten erreicht – lebenswertes und lebensunwertes Leben wird getrennt. Wer sich auf der Demo oder in einer vollgestopften U-Bahn infiziert hat, der hat halt Pech gehabt, wird dann von der Mehrheit der standfesten Demonstranten ignoriert werden. Ich empfinde das als scheinheilig.

PR-Sprech vom Gesundheitsministerium

In Österreich hat der Oberste Sanitätsrat ein Kompetenzzentrum für postvirale Erkrankungen empfohlen. Einerseits um die große Zahl an durch SARS-CoV2 neu erkrankten Betroffenen behandeln zu können, andererseits um die bereits bestehende große Zahl an MECFS-Patienten zu adressieren. Beim MECFS-Symposium im Herbst 2023 kündigte Gesundheitsminister Rauch (Grüne) ein Referenzzentrum an – das Wording macht hier den Unterschied, denn es dient primär dem Austausch von Forschung und Ärzten, aber nicht als Anlaufstelle für Betroffene selbst. Es gibt aber de facto schon diesen Austausch durch Fortbildungen und Vorträge, wo sich die Universitäten und Institute mit Allgemein- und Fachmedizinern vernetzen. Ist das geplante Referenzzentrum also nur ein PR-Gag? Ein Kompetenzzentrum ist nur interdisziplinär sinnvoll, um sowohl medizinische als auch soziale Fragestellungen abzudecken. Betroffene, die auf der verzweifelten Suche nach wirksamen Therapien und Medikamenten sind, aber gleichzeitig um die Anerkennung ihrer Krankheit für ÖGK, AMS und PVA kämpfen, die “ausgesteuert” werden und aus dem System fallen – aus den sozialen Netzen.

Die Leitung des Referenzzentrums soll im Februar auf europäischer Ebene ausgeschrieben werden – die Bewerbungsfrist soll sechs Monate dauern – dann ist August und die heiße Wahlkampfphase, in der Parteien anything but Covid am Schirm haben werden. Welches Bundesland möchte dieses Referenzzentrum – oder gar ein Kompetenzzentrum haben? Die Weandmecfs-Stiftung, die durch die Bäckereifirma Ströck gegründet wurde, will den Aufbau eines echten Kompetenzzentrums vorantreiben und stellt dafür 1 Millionen Euro zur Verfügung. Bis jetzt hat sich aber unter den Sozialversicherungsträgern und der Regierung noch kein Abnehmer für das Geld und den damit verbundenen Zweck gefunden, schrieb die Österreichische Gesellschaft für ME/CFS am 31.01.24 auf Twitter.

Die SPÖ in Wien schaut weg

Die Stadt Wien macht auch keine Anstalten, hier Pionierarbeit leisten zu wollen und sich als Stätte für ein solches Kompetenzzentrum für Betroffene anzubieten. Das würde ja Kosten verursachen. Hier zeigt sich leider das wahre Gesicht der SPÖ-Wien, deren “strenger Weg in der Pandemie” reiner Populismus und Selbstzweck war. Die Initiative mit den Gurgeltests verhinderte die Durchseuchung der Kinder nicht, die Maskenpflicht galt einzig zum “Schutz” der Bettenkapazitäten der Wiener Spitäler. Als diese covidspezifische Überlastung nicht mehr gegeben war, hatte man keinerlei Skrupel, die Maskenpflicht in Wien trotz mehrerer Winterwellen aufzuheben und in den Spitälern ganz abzuschaffen. Betroffene von Spätfolgen waren auch der SPÖ Wien egal und trotz zahlreicher Aufforderung haben die Wiener Viruslinien zu keinem Zeitpunkt während der rekordhohen JN.1-Welle erwogen, eine Maskenempfehlung auszusprechen. Diebstahlgefahr von Gegenständen wird höher gewichtet als der Diebstahl der Gesundheit ihrer Fahrgäste.

Mangelndes Bewusstsein im Spitzen- und Breitensport

Es häufen sich klarerweise diesen Winter die Unfälle im Profi-Skisport. In vielen Fällen wurde trotz eines nicht auskurierten Infekts gefahren. Weil das böse C-Wort niemand ausspricht, war es die Verkühlung, der grippale Infekt, die plötzliche Schwäche oder das Pfeiffersche Drüsenfieber von 2018. Wir sehen direkt die unmittelbaren Folgen, wenn eine schwere Viruserkrankung nicht ernstgenommen wird, egal ob SARS-CoV2 oder Influenza. Spitzensportler müssen ihre Karriere vorzeitig beenden, weil sie PEM entwickeln und nicht mehr trainieren können. Der Spitzensport wäre so wichtig, nicht nur im Skizirkus, sondern auch im Fußball, um Bewusstsein für Prävention und Langzeitfolgen zu schaffen. Er wäre zugleich niederschwellig und würde die breite kritische Masse erreichen, um zu sensibilisieren.

Auch im Breiten- und Alpinsport herrscht keinerlei Bewusstsein dafür, wie viele bereits betroffen sind, wie viele Mitglieder dem Alpenverein oder den Naturfreunden durch Spätfolgen einer von Mensch zu Mensch übertragenen Viruserkrankung abhandengekommen sind. Offenbar hält man sich durch körperliche Fitness für unverwundbar und entwickelt den Survivorship-Bias: Wenn ich es ohne Probleme mit wenigen Symptomen überstanden habe, trifft das auf alle zu. Nur ist das eben nicht so. Selbst 1-2% Spätfolgen bei jeder Welle sind viel bei hunderttausenden Infektionen. Manche erwischt es bei der zweiten, dritten, vierten oder erst fünften Infektion dann, nachdem man vier Infektionen lang geglaubt hat, man würde jetzt jede Infektion gut wegstecken. Ein Trugschluss.

“Mach mit!” – Bewusstseinskampagne im Bergsport

Ich werde meine Strategie ändern müssen, wenn ich weiterhin für Bewusstsein sensibilisieren will – aus Eigennutz, weil ich eben mit mehr Risikoreduktion an Alpenvereinsveranstaltungen teilnehmen will, und als Ally für Betroffene, der die Ressourcen dafür hat, weiter das Thema Versorgung und Prävention bei postviralen Erkrankungen präsent zu halten.

Daher plane ich eine breite Umfrage, die sich an Betroffene richtet – die Mitglied der Gebirgsvereine sind oder einmal waren und dann aufgrund ihrer Corona-Spätfolgen sich vom Bergsport verabschieden mussten oder nurmehr sehr eingeschränkt ausüben können. Die gesammelten Texte möchte ich dann (anonymisiert) den Verantwortlichen der Bergsportvereine zukommen lassen – das verursacht vielleicht mehr Eindruck und Wille zu einer Reaktion als Aufklärungskampagnen, für die ich als Meteorologe, nicht als Mediziner oder Biologe, nicht qualifiziert genug erscheine, um ernstgenommen zu werden.

Wenn Betroffene oder deren Angehörige aus Österreich (!) hier mitlesen: Ihr könnt gerne Eure Story, egal wie lang, als Kommentar hier im Blog hinterlassen oder eine E-Mail schicken an: longcovidaustria (at) gmx.at – für Deutschland oder die Schweiz möge man bitte eigene Kampagnen organisieren, die man den dortigen Verantwortlichen dann zukommen lässt.

Ein offizieller Aufruf folgt noch.

Danke für Eure Hilfe!

Kolumne 09/01: Schutz der Kinder – Graustufen

Ich war auch einmal ein Kind und ging in den Kindergarten, in die Schule. Es gibt zweifellos Unterschiede zwischen der Kindesperspektive und der Elternperspektive. Die Sorgen und Nöte der Eltern bekamen wir als Kinder zwar mit, aber sich so richtig in sie hineinzuversetzen geht wohl nur als Elternteil, als Erziehungsberechtigter, der die Verantwortung, aber auch den hohen sozialen und finanziellen Druck erlebt, ein Kind großzuziehen. Sobald das Kind in der Schule ist und die Gruppendynamiken (Stichwort: Mobbing) zunehmen, bekommen die Eltern vieles nicht mehr mit. Insbesondere weil das Kind nicht mehr alles erzählt. Schulkarrieren verlaufen dann sehr unterschiedlich, je nachdem, wie das Umfeld des Kindes ist, wie sehr aufeinander Rücksicht genommen wird, und wie engagiert Schuldirektion und Lehrer sind, dass das auch so bleibt. Ich möchte damit sagen, dass die Kindheit alleine auf die Schulzeit bezogen nicht linear verläuft. Das können innere Faktoren wie Gruppendynamiken sind, aber auch äußere Faktoren wie die Krisen, die wir derzeit erleben.

Mein Zugang zur Pandemie war von Beginn an ein wissenschaftlicher. Im Laufe der Monate und Jahre änderte ich gelegentlich meine Ansichten und passte mich damit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen an. Manchmal waren es auch nur meine neuen Erkenntnisse – schließlich bin ich kein hauptberuflicher Alleswisser. Es war mir dank der Corona-Podcasts mit Virologe Drosten frühzeitig klar, dass Kinder ähnlich ansteckend sind wie Erwachsene und nicht aus der Übertragungsdynamik herausgenommen werden konnten, wie es das Hopium der Mehrheitsgesellschaft war. Die Kenner der Wahrheit waren ebenfalls von Beginn an mit hartem Widerstand konfrontiert. Wir erinnern uns: Schweden ließ die Schulen offen, um schneller Herdenimmunität zu erreichen – sie wussten sehr wohl, dass sich das Virus über Kinder und Jugendliche rasch in der Gesamtbevölkerung ausbreitete. Ebenso äußerte Epidemiologe Tegnell damals klar, dass Bildungseinrichtungen (Aufbewahrungsanstalten) offen bleiben mussten, damit die Eltern arbeiten können. Gleichzeitig fühlten sich die Eltern schutz- und machtlos gegenüber einer Ansteckung durch die Kinder, vor allem bei Kleinkindern, die keine Maske tragen konnten und gefühlt dauerkrank waren. Sie hofften daher sehr, dass Kinder von der Pandemie weniger oder gar nicht Teil des Infektionsgeschehens waren und nahmen jede Äußerungen von überheblichen oder ideologisch verbohrten Wissenschaftlern und Medizinern bereitwillig auf.

Nun ist, bzw. war es aber sehr wichtig, dass wir uns in der allgemeinen Bewältigung von Krisen nicht von Emotionen und Wunschdenken leiten lassen, sondern von wissenschaftlichen Faktoren und bewährten Konzepten. Wir sahen durchaus auch, dass die Schutzmaßnahmen in Bildungseinrichtungen funktioniert haben, von den halben Klassen über FFP2-Tragepflicht im Unterricht über Distance Learning im ersten Pandemiejahr. Es konnten sich aber auch die Erwachsenen nicht aus der Gleichung nehmen – sie waren zunehmend nicht mehr bereit zu verzichten. Hauspartys gab es schon im ersten Lockdown ebenso wie Garagentreffen und offene Hinterzimmer in den Gasthäusern. All das hat zugenommen in weiterer Folge, nachdem infolge des Präventionsparadoxons nicht erklärt wurde, weshalb wir so geringe Infektionszahlen gesehen hatten. Zurück zur Elternrolle: Wir hatten niederschwellige Testmöglichkeiten, FFP2-Masken, Isolationspflicht, Quarantäne, telefonische Krankschreibung, Pflegefreistellung, Homeoffice und noch ein paar Möglichkeiten mehr, die Infektionszahlen niedrig zu halten. Leider hat die ständige Desinformation dazu beigetragen, dass Kinder unter 10 Jahren nicht mehr getestet wurden. Das Ergebnis: Siehe Schweden. Im Herbst 2021 hat man lange gewartet, überhaupt eine Maskenpflicht am Sitzplatz einzuführen, von Distance Learning redeten wir da schon gar nicht mehr. Zur Erinnerung: Für Kinder unter 12 Jahren wurde die Impfung erst Ende November 2021 zugelassen – etwa zeitgleich mit der ersten Sequenzierung der Omicron-Variante. Kinder waren also vollkommen ungeschützt in der schweren Delta-Welle. Mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung hatte noch keine zweite Impfung zu einem Zeitpunkt, wo wir aufgrund der Delta-Variante bereits eine hohe Durchimpfungsrate mit drei Impfdosen gebraucht hätten.

Mit Omicron wurde in Kindergärten und Schulen rasch die Quarantäne gelockert, die Maskenpflicht schrittweise aufgehoben und schließlich die Testpflicht. Die Kinder wurden in vielerlei Hinsicht instrumentalisiert: Als Vektor für schnelle Herdenimmunität, mit offenen Schulen als Garant für aufrechterhaltene Arbeitsleistung der Eltern, als Infektionsradar, um die aktuelle Verbreitung des Virus abzuschätzen, aber auch ihre “psychische Belastung”, um gegen weitere Lockdowns oder sogar Maskenpflicht argumentieren zu können. Gegen diese Instrumentalisierung gab es nie Protest – im Gegenteil! Während es in Deutschland zumindest einzelne NoCovid-Initiativen gab, die für Schutzmaßnahmen in den Schulen eintraten, gab es in Österreich schon in der zweiten Welle Petitionen, die Schulen offen zu halten – allerdings mit unzureichenden Schutzmaßnahmen – dank der konsequenten Verharmlosung. Die NoCovid-Petition in Österreich erhielt wenige tausend Unterschriften.

Ich habe für vieles Verständnis, zumindest Mitgefühl, weil es eben viele Graustufen gibt. Das reicht von all jenen, die kein Homeoffice machen können (“Systemerhalter”) bis hin zu all jenen in beengten Wohnverhältnissen, sprich kein Platz, damit Kinder separat von den Eltern lernen können, kein eigenes Kinderzimmer, keine technische Ausstattung für Heim- oder Fernunterricht. Es geht da auch um die Arbeitsverhältnisse der Eltern in einem Land, wo man im Krankenstand leicht gekündigt werden kann – die sich eben nicht leisten können, mit kranken Kindern daheim zu bleiben oder selbst krank daheim zu bleiben. Das sind soziale Themen, an denen die ÖVP nie ein Interesse hatte und das war von Beginn an klar und nicht anders erwartbar. Anschober war damals nicht nur Gesundheits-, sondern auch Sozialminister und einer von vielen schweren strukturellen Fehlern war, beide Ministerien nicht zu trennen, mit einem Staatssekretär, der die Sozialagenden betreut, und in weiterer Folge einem Sekretär speziell für Pandemieagenden. Die andere Frage war natürlich der Spielraum mit einem türkisen Innen- und Wirtschaftsminister, aber passiert ist zweifellos zu wenig. In meinem Faktencheck zur ORF-Reportsendung über Schulschließungen im Herbst 2022 habe ich hervorgehoben, dass die ÖVP mit ihrer priviligierten Wählerschaft den Diskurs bestimmte, wie schmerzhaft die Schulschließungen waren – da geht es um die Stresstoleranz priviligierter Kinder und nicht um das bare Überleben von Kindern aus Migrantenfamilien, die finanzielle Sorgen haben, die überproportional von schweren Verläufen betroffen waren und für die Leistungsdruck in einer Pandemie noch schwerer zu bewältigen war als mit Eltern mit hohem Bildungsabschluss, die die Lehrerrolle besser ausfüllen konnten. Dieser Aspekt der Pandemie kommt zweifellos zu kurz, weil er nicht die Wählerklientel der ÖVP und großteils nicht der Grünen betrifft.

Ich habe auch Verständnis dafür, dass man irgendwann als Elternteil resigniert – so wie man vor der Pandemie schon resigniert hat, wenn die Kinder alle paar Wochen den nächsten Infekt aus Kindergarten und Schule nach Hause schleppten. Zu den Zeiten der vorhandenen Infrastruktur für niederschwellige Tests war es leicht, jeden Schnupfen zu testen, aber jetzt ist es das nicht mehr. Schon in den ersten Pandemiejahren hat man mit Gewalt versucht, den Schulstoff durchzupressen, der Leistungsdruck war immens und der Druck wuchs auf die Eltern, die Kinder auch mit Symptomen in die Schulen zu schicken, damit sie nicht den Lernstoff für die Klassenarbeiten verpassten. Es wäre die Aufgabe des Bildungsministeriums und der Bildungsdirektion gewesen, hier mehr Druck herauszunehmen – aber auch das passte nicht ins neoliberale Weltbild der ÖVP. Hier hätte ich mir ebenso mehr Proteste von Eltern erhofft, denn dann hätte man auch Schutzmaßnahmen wie Kinder länger zuhause zu lassen eher umgesetzt.

Was kann man als Elternteil im Jahr 2024 tun mit wiederkehrenden Infektionswellen – nicht nur SARS-CoV2?

Wir haben hier ein Dilemma, denn wir wissen, dass sich das Virus auch dann überträgt, wenn man noch keine Symptome hat. Das gilt übrigens auch für Influenza! Ebenso wissen wir, dass wir auch ohne Fieber ansteckend sein können. Kinder mit Husten, Schnupfen, Hals- und Kopfweh in die Schule oder den Kindergarten schicken ist bereits ein No-Go. Gleichzeitig ist klar, dass sich mit den Gesetzen weder Eltern langen Krankenstand oder Pflegefreistellung noch Kinder lange Unterrichtsabwesenheit wegen dem Leistungsdruck leisten können. Das ist mir vollkommen bewusst und ich verurteile Eltern nicht, wenn sie krank arbeiten oder ihr Kind krank in die Schule schicken müssen, weil sie keine andere Wahl haben, insbesondere auch alleinerziehende Elternteile.

Dennoch gibt es auch hier Graustufen zwischen völliger Resignation, Verdrängung und Egoismus und “Kinder wegen jedem Schnupfen einsperren”. Zur Erinnerung: Kinder, die lange krank sind oder ständig krank, verpassen ebenso Schulstoff. Kinder mit schwerem LongCOVID können mitunter gar keinem Unterricht mehr folgen. Mit leichtem LongCOVID würde Fernunterricht noch gehen. Auch krank in der Schule sind Kinder weniger konzentriert und leistungsfähig. Kranke Lehrer können nicht unterrichten. Unterrichtsausfälle tragen nicht zur Verringerung des Leistungsdrucks bei. Aushilfslehrer ohne angemessene pädagogische oder fachliche Ausbildung steigern die Qualität nicht. Infektionskrankheiten ungebremst durchlaufen zu lassen hat eben auch seine Kehrseiten. In England war (und ist?) die Zahl der Fehlzeiten bei Kindern nach Ende der Schulschließungen höher als vor der Pandemie.

Auch wenn man Infektionen in Bildungseinrichtungen nicht völlig verhindern kann, gibt es doch mehr als “Schulen ständig zuzusperren”. Obwohl es politisch extrem polarisiert wurde, erwähne ich es trotzdem:

  • Kinder-FFP2-Masken – wenigstens dann tragen, wenn die Kinder Symptome haben, um es nicht weiterzuverbreiten, wenn man die Kinder trotz Symptome in die Schule schickt.
  • Luftreiniger in allen Unterrichtsräumen: Das reduziert die Gesamtzahl der Keime, aller Krankheitserreger und die Gesamtzahl der Infektionen. Es bleibt natürlich ein Restrisiko, aber es kann bereits dafür sorgen, sich nur 1-2x im Jahr mit irgendeinem Erreger anzustecken als zehn bis zwölf Mal im Jahr.
  • Moderne Lüftungsanlagen mit Frischluftzufuhr sind wichtig, weil stickige Luft (Kohlendioxid) die Konzentration- und Leistungsfähigkeit behindert. Fenster öffnen reicht oft nicht oder wird bei Kälte nicht toleriert.

Im ersten Pandemiejahr hatte ich mir noch gedacht, dass es auch einen Systemwandel braucht, wie Ferienzeiten gesetzt werden. Denn in einer Zeit mit dauerhaft erhöhtem Infektionsrisiko sollten wir die warme Jahreszeit besser nutzen, wo Innenräume häufiger gelüftet werden. Mehr Ferien also im Winter als im Sommer. Natürlich äußerst unpopulär. Mit zunehmenden Wärmeperioden in der kalten Jahreszeit durch die globale Erderwärmung (siehe sommerlichen Oktober 2023) erübrigt sich diese Option ohnehin bald.

Was ich mir von Eltern wünschen würde:

Die Situation derzeit ist wie sie ist. Wiederkehrende Infektionen sind nicht verhinderbar, mit all dem damit verbundenen Leid, aber auch folgenreichen Ansteckungen vulnerabler Verwandter, die daran versterben können, oder infiziertes Gesundheitspersonal, das dann vulnerable Patienten ansteckt, die versterben können. Es ist nicht für alle Eltern bzw. Kinder einfach umsetzbar, das Kind ständig zuhause zu lassen, ständig zu testen, auf keine Kindergeburtstage mehr zu schicken, hermetisch abzuschotten, um jede Infektion zu vermeiden. Es schafft auch nicht jedes Kind mental, als einziges Kind eine Maske zu tragen in der Schule, und bei Kleinkindern geht es sowieso nicht, wenn man nicht gerade in Singapur aufwächst (Aerosole sind auch bei Kleinkindern nicht größer, insofern ist der Nutzen von Stoffmasken da fraglich).

Was aber möglich ist: Sagen, was ist. Das Thema nicht verdrängen, verleugnen, Infektionen verheimlichen, andere nicht zu informieren, dass das Kind gerade positiv ist. Für all jene, die sich weiter schützen müssen und wollen ist es eine große psychische Belastung, mit niemanden darüber reden zu können, abgeblockt zu werden, ignoriert zu werden bis hin zu Gaslighting und aktiver Blockade von sinnvollen Maßnahmen wie Lüften, Luftreiniger und Maske tragen. Das trifft Erwachsene natürlich genauso im (Berufs-)Alltag, ebenso wie Patienten im Gesundheitswesen.

Eltern können Infektionen kaum vermeiden, aber sie können für Schutzmaßnahmen eintreten, die realistisch sind. Luftreiniger kosten ein Bruchteil dessen, was wir durch Korruption und Freunderlwirtschaft im Staat jährlich verlieren. Es ist sehr wohl möglich, auf diesem Weg die Gesamtzahl der Infektionen, von denen eine einzelne folgenreich sein kann, zu verringern. Das ist das Ziel. Da liegt der Fokus.

Kernbotschaft:

  • zugänglich bleiben für Gespräche und Diskussionen, wie man Kinder besser schützen kann und warum man Infektionen vermeiden sollte
  • aktives Engagement und sei es nur durch kleine finanzielle Beiträge für Initiative und Vereine, die für den Schutz eintreten (z.B. bei der Initiative Gesundes Österreich)
  • selbst diesen Schutz leben, so es möglich ist – man muss sein Kind nicht von Kindergeburtstagen fernhalten, aber man kann sie in die warme Jahreszeit verlegen, sodass sie dabei draußen sind

Benefizaktion: “Höhenmeter für MECFS spenden”

Liebe bergsportbegeisterte Menschen,

seit ein paar Jahren engagiere ich mich für Betroffene der schweren immunologischen Erkrankung MECFS. MECFS steht für Myalgischen Enzephalitis/Chronic Fatigue Syndrome und bezeichnet eine unheilbare chronische Erkrankung, die nach viralen Infekten auftreten kann.

Was ist ME/CFS?

ME/CFS-Betroffene leiden unter extrem beeinträchtiger Leistungsfähigkeit, die von schwerer körperlicher wie geistiger Fatigue begleitet wird und mindestens 6 Monate andauert. Wesentliches Merkmal ist die Belastungsintoleranz (Englisch: Post Exertion Malaise, kurz PEM). Im Gegensatz zu anderen Erkrankungen oder Dekonditionierung kann man sich nicht aus der Erkrankung heraustrainieren. Ruhe und Schlaf bringen keine Erholung, viele Betroffene sind hausgebunden oder bettlägerig. Die Lebensqualität der Betroffenen liegt unter der von Multipler Sklerose und etwa in der Größenordnung von Krebs im Spätstadium. Auslöser für die Erkrankung sind Virusinfekte – z.b. Epstein-Barr-Virus, Influenza, SARS-CoV2.

Wie viele sind betroffen?

In Österreich waren vor der Pandemie rund 25000 Menschen betroffen, mit anhaltendem LongCOVID rechnen Experten mit weiteren 60 000 Betroffenen. Von der WHO klassifiziert ist ME/CFS bereits 1968, an den Ursachen wird seit Jahrzehnten geforscht. Es gibt aber immer noch keine zugelassenen Medikamente und in Österreich keine offiziellen Kompetenzzentren oder MECFS-Ambulanzen. Aufklärung und Selbsthilfe wird – soweit die Energie reicht – überwiegend von Betroffenen selbst geleistet. Sehr engagiert ist dabei die in Österreich ansässige Bäckereifirma Ströck mit der weandmecfs-Stiftung, denn zwei Söhne von Firmengründer Ströck sind selbst von MECFS betroffen.

Wer ist betroffen?

Menschen wie Du und ich, die vor ihrer Erkrankung mitten im Leben standen, vorher sportlich aktiv waren, die auch gerne in die Berge gegangen sind. Die Mehrheit der Betroffenen sind – wie bei LongCOVID – Frauen. Wie sich MECFS und welcher K(r)ampf mit Behörden entsteht, die Schwere der Erkrankung beweisen zu müssen, schildert die Schwerbetroffene Eva Maria Burger in diesem Protokoll. Im August gab es auch eine Ausstellung im Künstlerhaus von Wien mit Vorträgen.

Warum macht mich das betroffen?

Für viele von uns sind die Berge nicht nur ein einfach ein Hobby oder stetige Erweiterung persönlicher Grenzen, sondern auch zentral als Ausgleich zum Berufsalltag oder zum Trubel in der Stadt. Wir können in der Natur abschalten und uns richtig erholen.

Die Vorstellung, das aufgrund einer postviralen Erkrankung nicht mehr tun zu können, ist schlimm, und motiviert mich zusätzlich zu dieser Aktion. Nach einem Unfall oder Behinderung ist oft noch in anderer Form Sport und Ausgleich möglich, bei schweren MECFS-Formen geht nicht einmal Fernsehen oder Lesen, auch Sozialkontakte und Haustiere führen oft zur Zustandsverschlechterung. Ich kenne selbst Betroffene der Krankheit, auch Freunde und Bekannte, die vorher kerngesund waren.

Mit SARS-CoV2 ist jetzt eine weitere virale Erkrankung dauerhaft dazu gekommen, die neben Influenzawellen derartig schwerwiegende Folgen auslösen kann. Der einzige Schutz ist Prävention. Solange Prävention nicht existiert, kann man nur auf die Forschung hoffen und Betroffene soweit möglich unterstützen, dass sich ihre Lebensqualität nicht weiterverschlechtert.

Meine Aktion:

Aus diesem Grund spende ich pro Höhenmeter, den ich seit 1. September bis Jahresende erwandere , 10 Cent an die Österreichische Gesellschaft für MECFS. Spenden an die Österreichische MECFS Hilfe sind steuerlich absetzbar.

Über Mitstreiterinnen und Mitstreiter würde ich mich freuen – je nach Budget und Anzahl der Touren kann man die Summe ja variieren, oder sei es auch ein einmaliger Beitrag. Betroffene sind auf uns angewiesen, die die körperlichen und geistigen, aber auch finanziellen Ressourcen für Unterstützung aufbringen können.

Beitrag kann gerne geteilt werden.

CRASH-Symposium im Künstlerhaus Wien: MECFS sichtbar machen

Auswirkungen von MECFS im Alltagsleben der Betroffenen je nach Schweregrad der Erkrankung

Seit dem 11. August und noch bis 27. August 2023 läuft im Künstlerhaus Wien die Ausstellung “CRASH” über das Myalgische Enzephalitis/Chronic Fatigue-Syndrom MECFS. Am 18. August fand ein Symposium mit Vorträgen, Lesung und Performance statt. Ich bin zwar nicht selbst betroffen, kenne aber über die Online-Community MECFS-Betroffene und auch schwer LongCOVID-Betroffene. Es ist wichtig, dass sich die Mitstreiter und “Allys”, die mehr Ressourcen haben als die Betroffenen, einsetzen wie Andrea Strohriegel in ihrer Videobotschaft betont hat. Das versuch ich im Rahmen meiner Möglichkeiten zu tun – auf Twitter, mit diesem Blog, mit finanzieller Unterstützung für die Österreichische Gesellschaft für MECFS-Hilfe, mit einem MECFS-T-Shirt, um im Alltag darauf aufmerksam zu machen, und mit Kalender-Spendenaktion. Das Thema darf nicht untergehen. Die Betroffenen gab es schon lange vor der Pandemie, die Untätigkeit der Regierung ist himmelsschreiend ignorant.

Der Künstler Matthias Mollner und seine betroffene Partnerin Judith Schoßböck reflektieren in dieser Ausstellung die mit ME/CFS verbundene Lebensrealität. Projektpartner sind die Tempi-Stiftung und die MECFS-Hilfe, sowie die MECFS-Foundation Weandmecfs, die von dem Bäckereiunternehmen Ströck gegründet würde, die zwei von MECFS- betroffene Brüder haben. Neben Mollner moderierte auch Joachim Hermisson die Veranstaltung, dessen Tochter Mila schwerst an MECFS erkrankt ist. (Sprachnachricht von Mila).

Weitere Bilder im Tweet der Ö.Ges. für ME/CFS

Alle Redebeiträge jetzt auch beim Youtube-Kanal BlackFerkStudio (seit 06.09.23)

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Sag, wie hältst Du es mit der Desinfektion?

Übertragung in der Nähe durch ballistische Tropfen (“Tröpfchen”) und Tröpfchenaerosole (“Aerosole”) in verschiedenen Größenordnungen (inhalierbar, Mund-Rachenbereich; in die Brust/bis in die Bronchien; Atemwegsaerosole, die bis in die Lunge gelangen können) und der Effekt von OP-Masken (besser: FFP2/FFP3)
(Czypionka et al., 2021 – Abbildung von Don Milton)

“Brauchst Du noch Desinfektionsmittel? Ich habe noch jede Menge übrig und kann Dir gerne ein paar mitbringen.”

so eine Bekannter vor ein paar Tagen

Mein erster Gedanke war: Wie schafft man es in zwei Sätzen auszudrücken, dass man nichts von den Übertragungswegen in der Pandemie verstanden hat und zu glauben, nur ich hätte Bedarf und er nicht mehr? Was vielleicht gut gemeint war, ist leider eine völlige Zweckverfehlung. Ich verwende Desinfektionsmittel sehr sparsam. Viel wichtiger sind saubere Luft und qualitativ hochwertige Schutzmasken.

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Skandal: Die Versorgung der LongCOVID-Patienten funktioniert nicht

Dichtung (rechts) im Variantenmanagementplan der Bundesregierung und Wahrheit (links) für die Betroffenen LongCOVID/MECFS-Patienten

Vielleicht die gute Nachricht zuerst: Ich habe mir die Mühe gemacht, von einigen Ländern und Städten die öffentlich einsehbaren Abwasserdaten herauszusuchen, und diese zeigen derzeit ein einheitliches Bild: Die Abwasserwerte sind vielfach so niedrig wie seit dem Sommer 2021 nicht mehr, zum Teil seit Sommer 2020, sofern seitdem Abwasserwerte existieren. Die bedingt durch die vielfach abgeschafften Testangebote niedrigen Inzidenzen stimmen also mit den niedrigen Abwasserwerten überein. Es zirkuliert aktuell wirklich sehr wenig SARS-CoV2. Das zeigen auch die Sentinelproben in Österreich mit ca. 2% SARS-CoV2, sonst Adenoviren (8%), Enteroviren (11%) und Rhinoviren (17%).

Während die Zahl der Neuinfektionen in Europa also tatsächlich niedrig ist, sind sie in Japan deutlich höher, etwa in Sapporo, wo die Abwasserwerte so hoch wie im Winter 2022/2023 sind. In Okinawa ist die Notfallversorgung zusammengebrochen. Zwei Drittel der Patienten sind älter mit hohem Fieber (über 40°C) und kamen direkt in die Klinik. Rund 70% der Patienten wurden positiv auf SARS-CoV2 getestet. Virusvarianten gibt es natürlich weiterhin und weil das Virus jetzt frei zirkulieren kann, wird es weitere Varianten geben, die sich früher oder später wieder bei uns ausbreiten. Ein Kandidat ist z.B. EG.5.1, welche 30% aller Fälle in China ausmacht (Stand 02.07.23) und 55% Wachstumsvorteil aufweist. Die entscheidende Mutation ist F456L mit erhöhtem Immun-Escape-Potential. Es wird also nicht so bleiben.

Aktuell: Der Patientenverein MECFS in Österreich führt eine Erhebung zur sozialen Absicherung durch – mitmachen können alle mit MECFS-Diagnose: Link zur Umfrage

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Ist Long COVID eine Spektrum-Störung?

Folgen einer SARS-CoV2-Infektion als übersichtliches (vereinfachtes) Schaubild

In vielen westlichen Ländern, besonders im deutschsprachigen Raum, dominiert bei der Berichterstattung, in der politischen Debatte und bei Experteninterviews vor allem die linke Spalte, der sogenannte “schwere Akutverlauf”, der in den Spitälern für volle Normal- und Intensivstationen sorgt und dadurch das Gesundheitssystem überlastet – in den täglichen Krisenstabsmeldungen etwas abschätzig als “Belag” bezeichnet. Denn hinter jedem “Belag” stecken Einzelschicksale – Angehörige, die sich um schwerkranke Patienten sorgen. Die Betroffenen selbst mit Todesangst, insbesondere mit Erstickungsanfällen und Beatmungsmaske. Die Covid19-Patienten, die seit drei Jahren in den Spitälern landen, sind oft nicht mehr als eine Nummer, Statistik. Über ihre weitere Entwicklung erfährt man nichts. Wer wird wieder vollständig gesund: Nur rund 29% erholen sich innerhalb eines Jahres (Evans et al. 2022) Wer muss nach der Entlassung erneut ins Krankenhaus: bis zu vier Mal häufiger als ohne Krankenhausaufenthalt (Ayoubkhani et al. 2021). Einer von zehn hospitalisierten Patienten starb im März 2021 noch an den Folgen seiner Covid19-Infektion – das war vor der Impfung. Wie viele der hospitalisierten Patienten entwickeln ein Post-COVID-Syndrom: Rund ein Viertel (Ozonoff et al. 2022), daneben gibt es besonders nach längerer Beatmung/ECMO noch das PICS-Syndrom (Post-Intensive Care Syndrom), das neben körperlichen Schäden auch kognitive und psychische Symptome umfasst. Wie im letzten Blogtext erläutert, können diese Folgen auch Patienten betreffen, die im Krankenhaus zufällig positiv auf SARS-CoV2 getestet werden.

Zu wenig geredet wird über die Kollateralschäden, die mit einem dauerhaft belasteten Gesundheitswesen und hoher Krankheitslast in der Gesellschaft einhergehen: Die öffentliche Gesundheitsversorgung kann nicht mehr sichergestellt werden, etwa dass ein Rettungswagen zeitnah am Unfallort oder zuhause eintrifft, da Fahrer fehlen oder alle Rettungswägen im Einsatz sind, oder der Notfall abgewiesen werden muss, weil keine personellen Kapazitäten mehr verfügbar sind, weil alle Betten im Aufwachraum belegt sind. Überlasteten Pflegern und Ärzten unterlaufen häufiger Fehler, haben mehr Krankenstände, landen schneller im Burnout durch enorme Zahl an Überstunden. Die vielen Kündigungen durch drei Jahre Dauerbelastung verschärfen das Problem – eine beschleunigende Abwärtsspirale, vergleichbar mit Öl ins Feuer der globalen Erderhitzung gießen. LongCOVID führt auf Dauer zur Arbeitsunfähigkeit von Millionen Menschen weltweit. Das Problem ist schon lange bekannt, wird aber erst seit diesem Jahr breiter thematisiert (z.B. Aimee Picchi, 01.02.22), wenngleich überwiegend international und kaum hierzulande, mit Ausnahme eines PRESSE-Artikels vom 12.09.22. Die Wahrscheinlichkeit beträgt 40%, durch LongCOVID arbeitslos zu werden, auch die Vollzeitfähigkeit sinkt (Trujillo et al. 2022, preprint). Man rechnet inzwischen mit Trillionen Dollar Schaden durch LongCOVID. Letztendlich sinkt die Lebensqualität und Lebenserwartung auch für all jene, die sich nicht infizieren oder durch eine Infektion keine gesundheitlichen Folgen davontragen, denn ein marodes Gesundheitssystem kann auch chronisch kranke, Schmerzpatienten oder Krebspatienten nicht mehr bestmöglich versorgen, es versagt bei Notfällen und führt zu langen Wartezeiten bei geplanten Operationen und Reha.

In diesem Beitrag möchte ich vor allem auf die rechte Spalte eingehen, und weshalb ich es für sinnvoller halte, statt von LongCOVID oder PostCOVID besser vom Oberbegriff LongCOVID/PostCOVID-Spektrum zu sprechen.

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Tag 991: Kinder sterben

Es werden Kinder mit Beatmungsunterstützungssystemen in Kleinkinderkliniken auf den Normalstationen im Moment behandelt, die eigentlich auf eine Intensivstation müssten. Und die Situation ist so prekär, dass man wirklich sagen muss: Kinder sterben, weil wir sie nicht mehr versorgen können. Und das ist auch eine Aussage, die nicht zu widerlegen ist.

Dr. Michael Sasse, Medizinische Hochschule Hannover, Hallo Niedersachsen (01.12.22)

Man braucht nicht zu glauben, dass die Situation nur dort prekär wäre, wo Mediziner so offen darüber reden können.

Und sowohl in Deutschland als auch in Österreich ist man nicht bereit, eine Maskenpflicht wiedereinführen, um das Leben dieser Kinder zu retten, geschweige denn ist jemand bereit, auf Maskenempfehlungen zu hören, um potentiell lebensbedrohliche Infektionen einzudämmen – egal ob das Influenza, Covid oder RSV ist. Die Bereitschaft besteht weder bei fünf Minuten Supermarkteinkauf, bei einer halben Stunde öffentliche Verkehrsmittel noch für sonstige öffentlich zugängliche Räume, die man nicht meiden kann. “Im Wirtshaus trifft man sich ja auch”, nein, da treffen sich viele mit erhöhtem Risiko oder berechtigter Sorge vor LongCOVID eben nicht mehr. Wirtshaus ist freiwillig, öffentliche Anfahrt oder Arbeitsplatz nicht.

Ziemlich armselig, was die Mitmenschen da von sich geben.

Tag 977: Faktencheck ORF-Report “Die Schulschließungen waren ein Fehler”

Tyler Black ist Notfallpsychiater, Pharmakologe und Experte für Suizide. Derzeit ist der klinische Leiter von CAPE (Child and Adolescent Psychiatric Emergency) in British Columbia. Seine Auswertungen zeigen: Die Wahrscheinlichkeit für Suizide unter Kinder und Jugendlichen ist während der Schulmonate höher als in der schulfreien Zeitmehr dazu hier (22.08.22)

Am 15. November 2022 gab es im ORF-Report einen Beitrag (abrufbar noch bis 20.11.22) über die psychische Gesundheit junger Menschen. Darin fiel die irreführende Aussage von Gesundheitsminister Rauch, dass Schulschließungen aufgrund der Kollateralschäden ein Fehler gewesen wären. Die Aussage blieb ohne Nachfrage oder differenzierte Einordnung durch ExpertInnen stehen. Wann gab es Schulschließungen in Österreich? Wie lange haben sie gedauert? Welche Altersgruppen waren betroffen? Gibt es belastbare Daten zu Suizidversuchen in Österreich? Wie sah die Situation in jenen Ländern aus, wo es nie einen Lockdown gegeben hat, etwa in Schweden? Wie sah es in Ländern aus, wo es sehr lange und harte Lockdowns gegeben hat, wie in Neuseeland, Australien, aber auch Italien oder Spanien? Die Aussage ist daher nicht trivial, und eine kurze Einspielung dieser Art schlicht ungenügend, um daraus ein Fazit ziehen zu können.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Covidleugner, Gegner von Schulmaßnahmen und glühende Verfechter des “Schwedischen Weges” sahen sich bestätigt in ihrer verquerten Ansicht. Jetzt folgte die Bestätigung auch aus dem Gesundheitsministerium, aus der Regierung, also ganz offiziell. Und täglich grüßt das Murmeltier. Wenige Wochen vorher zitierte Lauterbach auf Twitter einen Zeitungsartikel der WELT, die aus dem Abschlussbericht der KITA-Studie das verkürzte Fazit zog, dass Kindergärten nie geschlossen hätten werden müssen. In meinem letzten Blogeintrag hab ich diese Aussage zerlegt – sinnerfassend lesen will gelernt sein.

An dieser Stelle möchte ich wieder einmal betonen, dass ich weder Arzt noch Sozialwissenschaftler bin. Ich bezeichne mich als Citizen Journalist, betreibe Recherchen und versuche Anreize zu geben, ebenfalls nachzubohren, gängige Narrative zu hinterfragen. In meiner naiven Vorstellung im ersten Pandemiejahr dachte ich, dass Journalisten meinen Blog als Ausgangsquelle für tiefgründigere Recherchen verwenden könnten, bzw. letztendlich selbst von der erdrückenden Beweislage internationaler Forschung überzeugt werden. Das ist leider nicht passiert. Daher bin ich immer noch aktiv.

Weil es hier um das Thema Depressionen und Suizidversuche geht und das Thema sehr belastend sein kann, wenn man sich selbst in einer emotional und psychisch instabilen Lebenssituation befindet, nachfolgend noch einmal die Kontaktdaten für Krisensituationen:

Wenn es Dir nicht gut geht und Du Suizid-Gedanken hast, rufe hier an:

  • 142 (Österreich, Erwachsene)
  • 147 (Österreich, Kinder und Jugendliche)
  • 143 (Schweiz, Erwachsene)
  • 147 (Schweiz, Kinder und Jugendliche)
  • 116 123 (Deutschland, Erwachsene)
  • 116 111 (Deutschland, Kinder und Jugendliche)
  • bzw. wende Dich an das Kriseninterventionszentrum Österreich bzw. Diakonie (beide auch Fremdsprachen)
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