Tag 820: Es geht wieder aufwärts – wie vorhergesagt!

In Niederösterreich ist die Zahl der Kläranlagen mit Stufe 3 (rot) von gestern 8.6. auf heute 9.6.2022 von 7 auf 18 gestiegen, Quelle: Abwassermonitoring Österreich

Im ersten Pandemiejahr hab ich die Lockerungen im Sommer 2020 bereits früh kritisiert (Tag 81, 31.05.20) und später nachgelegt (Tag 115, 04.07.20), im zweiten Pandemiejahr war ich erneut pessimistisch aufgrund der beschlossenen weitreichenden Lockerungen und warnte vor der nächsten Welle, was ich mit den ansteckenderen Virusvarianten (ALPHA und DELTA) begründet habe (Tag 418, 08.05.21), spätestens Anfang August (Tag 516, 10.08.21) war klar, dass DELTA die Spielregeln geändert hatte und auch Zweifachgeimpfte wieder Teil des Pandemiegeschehens wurden. Im dritten Pandemiejahr grüßt das Murmeltier. Anfang Mai wies ich das erste Mal auf BA.4/BA.5 hin (Tag 780, 02.05.22) und warnte später vor einer Reinfektionswelle im Sommer (Tag 800, 20.05.22).

Trotzdem reden alle nur vom Herbst. Laut EMS gab es innerhalb der letzten 24 Stunden 4481 neue Fälle. Vor einer Woche waren es 2525. Laut Aussagen eines Grünen-Funktionärs sind die Fallzahlen derzeit „niedrig“, was die aktuelle „Maßnahmenpause“ rechfertigen soll. Auf Widerspruch, dass die Zahlen hoch seien, kam der Vergleich zu den deutlich höheren Zahlen im März. Hier handelt es sich um eine klassische PLURV-Methode (Desinformationsrhetorik): „Torpfosten verschieben„, bei der das Ziel einer Argumentation immer weiter verrückt wird. Mit den Impfungen hat man die Inzidenzschwellenwerte, ab der Maßnahmen gesetzt werden, immer weiter nach oben verschoben, gestützt durch zahlreiche Expertenäußerungen „können uns höhere Fallzahlen erlauben, wenn % geimpft sind“. Wir haben früher bei wesentlich niedrigeren Zahlen schon Maßnahmen ergriffen. Jetzt gab es bei den höchsten Zahlen im März schon die Ankündigung weiterer Lockerungen. Das Signal war verheerend: OMICRON wäre so mild, dass man das Virus durchrauschen lassen könne. In dieser Tonart soll es auch weitergehen.

Ergänzung, 19.15 MESZ – weil ich gerade schrieb vom Torpfosten verschieben: Der Modus operandi der Corona-Ampel wurde angepasst, um das Risiko künstlich niedrig zu halten. Als Folge der wenigen Tests mit erhöhter Dunkelziffer werden „asymptomatische Fälle herausgerechnet“ und „stattdessen ein Omikron-Abschlag eingeführt, der die geringe Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisierung gegenüber Vorgängervarianten darstellen soll.“ Nur Wien hat dieses Vorgehen abgelehnt. Die Limitierung der Gratistests auf 5 PCR und 5 Antigen monatlich wurde übrigens bis Jahresende verlängert. So erstrahlen alle Bundesländer, die weniger Testen und hohe Dunkelziffer aufweisen, in einer besseren Risikozahl als Wien, das noch am meisten testet.

Die Befürchtungen sind eingetreten

Ich hatte meine berechtigten Gründe, weswegen ich das Future Operation-Paper kritisiert habe (Tag 785: Pläne ohne Prävention). Dort werden die Spätfolgen einer Coronainfektion nicht berücksichtigt. In den Szenarien geht es nur um die akute Überlastung des Gesundheitssystems, nicht um langfristige gesundheitliche und volkswirtschaftliche Auswirkungen. Das zeugt nicht von Weitsicht. Die Antwort der beteiligten Autoren war sinngemäß, dass in der zweiten Version Kritik berücksichtigt werden würde und LongCOVID dann ein Thema wäre. In der Zwischenzeit (!) haben die Medien die erste Version längst ausgeschlachtet, der Gesundheitsminister bezog sich mehrfach auf diese Szenarien. Im Gesundheitsausschuss wurde eine Änderung im Epidemiegesetz beschlossen, wonach die Isolationspflicht entfallen und durch Verkehrsbeschränkungen (FFP2-Maskenpflicht) ersetzt werden kann.

Begründung: „Die Erfahrungen mit der Omikron-Variante hätten gezeigt, dass bei milden Krankheitsverläufen auch Verkehrsbeschränkungen ausreichen können.“

Die HEUTE berichtete:

„Hintergrund sei laut APA-Informationen, dass bei weitgehend milden Infektions- und Krankheitsverläufen die Verkehrsbeschränkungen geeignet seien, die Verbreitung des Virus einzudämmen. Dies solle nicht nur für die aktuell eher milder verlaufenden Omikron-Krankheitsfälle, sondern auch für alle künftigen, ähnlich milden Virus-Mutationen gelten.“

Das entspricht dem im FuOp-Papier beschriebenen „bestmöglichen Szenario“.

Mildes Omicron. Eine dreifachgeimpfte Betroffene berichtet:

„Nach 5 Tagen endlich wieder fit genug für eine Dusche. Nach der kleinsten Anstrengung weiterhin Schweißausbrüche. F* you, C*rona.“

Was ist die riesige Gefahr dahinter? Nun, OMICRON und seine Subvarianten verursachen weitere LongCOVID-Fälle, auch mit der Impfung. Wir müssen warten, bis die bivalenten Impfstoffe zugelassen wurden und dann schauen, wie es mit dem Infektions- und LongCOVID-Risiko weitergeht. Die Regierung wird wieder warten, bis die Intensivstationen überlastet sind, bevor effektive Maßnahmen gesetzt werden. Was ist effektiv: Großveranstaltungen verbieten oder einschränken, Maskenpflicht in den Unterrichtsräumen, Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln, Take Away in der Gastronomie, Mobile Luftreiniger flächendeckend in Schulen. Gratistests für alle, um Weitergabe der Infektion zu vermeiden. Das wird lange nicht kommen, wenn es heißt, dass die Spitäler noch genug freie Betten hätten. Nun ist da aber noch ein weiteres Problem, das im Szenarienpapier nicht berücksichtigt wurde: Die massive Teuerungswelle, die alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche erfasst. Jede einschränkende Maßnahme treibt die Betriebe in Richtung Ruin, es bräuchte dann auch wieder Coronahilfen, die sich die Regierung natürlich sparen will. Dass auch ständige Krankenstände für Betriebe Verlustgeschäfte sind und ihre Wettbewerbsfähigkeit unterminieren, kommt natürlich zu kurz.

Am wahrscheinlichsten wird daher sein, dass sie eher spät und zu weich reagieren, und weitere LongCOVID-Fälle hinzukommen. Die ungeimpften Kinder gehören zu den großen Verlierern in der Pandemie.

Die Sommerwelle wird ebenso ignoriert wie die BA.2-Welle im Frühling

Im heutigen Ö1-Mittagjournal wurde berichtet, dass Simulationsforscher Popper mit bis zu 100 000 täglichen Neuinfektionen rechnet, sofern nicht geimpft wird. Es wird mit weiteren Wellen gerechnet. Impfen alleine werde weitere Wellen aber nicht verhindern. Mit einer Überlastung des Gesundheitssystems rechnet Popper aber nicht. Reich kündigt an, dass Vulnerable jetzt die 4. Impfung bekommen sollen und alle anderen im Herbst.

Rauch:Wir hatten im März 60000, fast 70000 Neuinfektionen ohne Lockdown.[…] Es geht nicht mehr, dass wir jetzt im dritten Jahr der Pandemie mit den Instrumenten, die wir zu Beginn der Pandemie hatten, nur operieren, die so grobschlächtig sind.“

Ja, und das war natürlich ein riesiger Fehler. Aber es gibt ja eine Menge Maßnahmen zwischen Lockdown und „Freedom Day“. Diese falsche Dichotomie regiert leider immer noch. Man hätte die Maskenpflicht behalten können, man hätte verpflichtende Tests in den Schulen behalten können oder das flächendeckende Gratis-Angebot, um Eigenverantwortung auch wirklich leben zu können.

Schulschließungen sollen so lange wie möglich vermieden werden aufgrund der Kollateralschäden. Im Herbst würden wir wohl alle wieder Maske tragen.

Und jetzt bei über 4000 Neuinfektionen pro Tag nicht?

Wissenschaftsjournalistin Elke Ziegler erwähnte lobenswerterweise, dass man Lüftungsanlagen in den Schulen braucht, um sich wenigstens auf den Schulbeginn im September vorzubereiten. Leider ist zu befürchten, dass Bildungsminister Polaschek in der Hinsicht nicht aktiv wird. Ich kann diesbezüglich nur wiederholt auf die „Initiative Gesundes Österreich“ verweisen, die sich genau dafür einsetzt.

BA.4/BA.5 Peak könnte höher liegen

Noch gibt es keinen Höhepunkt der BA.5-Welle in Portugal. Die Positivrate liegt über 50%, was einer enormen Dunkelziffer entspricht. Die Sterblichkeitsrate hat jene der BA.1-Welle überschritten. Portugal hat eine hohe Durchimpfungsrate mit 87% bei zwei Impfdosen, aber nur 63% bei drei Impfdosen (Österreich: 58%). Die Hoffnung in Österreich auf eine flachere Welle fußt im wesentlich darauf, dass die hohe BA.2-Welle im Spätwinter 2022 genügend Schleimhautimmunität bei Geimpften und Genesenen erzeugt hat, um gegen BA.4/BA.5 geschützt zu sein. Weiters hofft man, dass durch die BA.1/BA.2-Welle auch der Schutz vor schweren Verläufen hoch genug ist und Reinfektionen milder verlaufen. Viel Hopium.

Was ist mein Problem mit Eigenverantwortung?

Sie funktioniert in einem obrigkeitshörigen Land nicht, wie man daran erkennen kann, dass die Leute ihre Masken blitzschnell absetzen, sobald sie von Wien über die Stadtgrenze nach Niederösterreich gelangen. Außerhalb von Wien trägt fast keiner mehr Maske. Eigenverantwortung setzt voraus, dass die Menschen gut informiert sind. Wären sie gut informiert, würden sie anders handeln. Offenbar gibt es ein Informationsdefizit.

Und es gibt Egoismus in der Gesellschaft. ICH brauche die Atempause, DU kannst ja weiterhin Maske tragen. Und auch da gibt es wieder ein Informationsdefizit, denn viele Menschen tragen ihre Masken falsch. Sie tragen sie unter der Nase, sie tragen monatelang dieselbe Maske, bis sie anfängt zu fusseln, zu verschmutzen, oder schnell feucht wird und die FFP2-Wirkung verloren geht, sie tragen viel zu große Masken oder welche mit Ohrenschlaufen ohne Clip, die nicht richtig sitzen. Die Luft sucht sich immer den geringsten Widerstand, strömt über die Lücken ohne Filterung nach draußen statt gefiltert durch die Maske. Ich sehe immer wieder Vollbartträger mit skurriler Maskensitzposition. So dicht ist der Bart leider nicht, dass er eine elektrostatische Wirkung hat. Selbst die vorsichtigen Menschen tragen die Maske nicht immer dann, wo es notwendig wäre: Im Lift, im Stiegenhaus. Auch im Freien beim Gespräch mit der Nachbarin, wenn sie eng beisammen stehen. Beim Konzert. Bei der Vorstellung ja, aber nicht in der Pause mit den Snacks. „Ich hab immer Maske getragen, aber wo kann ich mich angesteckt haben?“ In der Kantine mit den Plexiglastrennscheiben. Nun treffen viele Menschen, die keine Masken tragen auf Menschen, die ihre Maske nicht richtig tragen. So geschehen Ansteckungen. Dann gibt es Kinder, die keine Maske tragen müssen oder können. Sie sind gänzlich ungeschützt. Vorher waren sie in öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Mehrheit der Maskenträger geschützt.

Heute hab ich im Mittagjournal wieder vernommen, dass man ja weiß, dass Masken vor Infektionen schützen. Das soll die Begründung sein, weswegen man auch ohne Pflicht Maske tragen soll. Doch warum sollen sich die Menschen vor einer Infektion schützen? Außerhalb Twitter glauben viele Menschen, dass LongCOVID nur Vorerkrankte betrifft, oder Leute, die schlecht aufgepasst haben, Pech gehabt haben, „der zaht halt jede Krankheit heim“. Viele Eltern haben nie von MISC oder Hepatitis gehört oder gelesen. Sie glauben tatsächlich, dass die Infektion nicht schadet. Manche sind überrascht, wenn sich ihre Kinder das zweite oder dritte Mal infizieren. Manche sind überrascht, wenn die weitere Infektion schwerer verläuft als die Erstinfektion. Viele haben geglaubt, OMICRON wäre wegen der Impfung nur ein Schnupfen. Leichte akute Verläufe bestätigen ihre Annahme. Langwierige Verläufe selbst nach drei Impfungen werden ausgeblendet, verdrängt oder „der hatte doch sicher Vorerkrankungen. Irgendwas MUSSTE da sein.“

Wenn man sich vor der Infektion nicht fürchtet und dann auf die aktuellen Spitalszahlen schaut – niedrig – , und keine Pflicht mehr herrscht, warum sollte der Durchschnittsbürger dann Maske tragen? Bitte erklärt mir das. Viele Menschen wissen gar nicht, welches Risiko sie jetzt eingehen.

Kein Restaurantbesuch (indoor), Konzert, Veranstaltung, Konferenz – nichts ist es wert, das Risiko von LongCOVID und Folgeerkrankungen (MECFS, Dysautonomie, Blutgerinnsel) einzugehen. In vielen Fällen zerstört LongCOVID die Fähigkeit, alle diese Dinge zu tun. Es ist sicher ein großer Verlust, auf all dies verzichten zu müssen, schreibt Hannah Davis auf Twitter, LongCOVID-Forscherin und selbst Betroffene, und es sei unfair, dass uns unsere Regierungen in diese Zwickmühle stecken, denn es wäre absolut möglich, diese Ereignisse und Orte sicher zu machen. Doch LongCOVID zerstört Dein Leben. Es ist wie mit einem alten Handy, dessen Akku rasch zur Neige geht. So ist es beim Körper von LongCOVID-Betroffenen. Es ist die Hölle. Man kann ein paar Kleinigkeiten am Tag tun und muss dann aufhören. Man erinnert sich nicht mehr an Dinge und Menschen, die einem am meisten bedeuten.

So nehmen LongCOVID-Betroffene die angeblich gewährleistete LongCOVID-Versorgung in Österreich wahr

Es muss einem daher klar sein: Wenn man LongCOVID bekommt, hat man lange Wartezeiten auf Ärzte, die sich damit auskennen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der eigene Hausarzt die körperliche Symptomatik abstreitet und einen zum Psychologen schickt. Lange Krankenstände und Verlust an Lebensqualität können die Folge sein. Es gibt keine klaren Rezepte zur Heilung, nur Ruhe und sich nicht überanstrengen – ein Geduldsspiel, das Monate dauern kann. Viele Behandlungen und Medikamente werden von der Krankenkasse nicht übernommen. In Kombination mit der größten Teuerungswelle seit Jahrzehnten kann das existenziell bedrohlich werden.

Nur darauf zu hoffen, dass wir eh so eine solidarische Gesellschaft haben, von der immerhin konstant über 50% FPÖ oder ÖVP wählen (jetzt noch MFG dazu), und die NEOS-Haltung mit Great-Barrington pur (Vulnerable schützen, Rest soll in „Freiheit“ leben), aber auch die SPÖ sehr still ist und die Grünen schon so wie die NEOS damit argumentieren, dass der Staat nicht alles regeln könne – was bei einer hochinfektiösen und im Hinblick auf immungeschwächte Menschen gefährliche, im Hinblick auf LongCOVID für die Gesamtbevölkerung existenzbedrohende Infektionserkrankung einer Selbstaufgabe gleichkommt, ist eine Verkennung der Realität. „So sind wir nicht.“ ist Wunschdenken.

Tatsächlich haben viele in der Bevölkerung egoistische Motive, sich nicht zu infizieren. Die Gefährdung der Mitmenschen zählt nicht dazu. Da wird der Opa geschimpft, weil er ohne Maske einkaufen geht, weil „ich fahr bald in Urlaub und will mich nicht bei ihm anstecken“. Da will man einen Marathon laufen und deswegen vorher noch aufpassen.

„Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den schwächsten ihrer Glieder verfährt.“ (Gustav Heinemann, dritter Bundespräsident von Deutschland)

„Trotzdem kann ich die Maßnahmenplanung nicht ausschließlich daran ausrichten, was für die am meisten gefährdete Gruppe gerade notwendig ist“ (Gesundheitsminister Rauch, 10.03.22)

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