
Im ersten Pandemiejahr hielt ich mich an den Leitspruch von Hanlons Razor “never attribute to malice that which is adequately explained by stupidity” und machte ihn auch zum Motto meiner Zitatsammlung. Dummheit hängt jedoch stark mit Unwissenheit zusammen – ein Vorwurf, den man der Regierung bis zum Ende der ersten Welle machen konnte. Die Pandemie hatte die europäischen Regierungen kalt erwischt, das Gesundheitsministerium war von der FPÖ-Vorgängerregierung frisch zusammengespart und mit dem Sozialministerium zusammengelegt. Deutschsprachige Koryphäen wie Virologe Drosten (erster SARS-CoV2-PCR-Test) und Virologe Krammer (erster Antikörpertest) hatten schon im April 2020 vor einer starken Winterwelle gewarnt, bis zum Frühsommer zogen Mikrobiologe Michael Wagner, Virologin Dorothee von Laer, die Infektiologen Richard Greil und Heinz Burgmann nach.
Die Warnungen hat es gegeben, aber das Präventionsparadoxon machte sich bemerkbar und sowohl die Politiker als auch die Bevölkerung glaubten, die Pandemie wäre bereits überwunden. Diese Zustandserfassung zeigte bereits früh den engstirnigen Lokalpatriotismus, denn der Blick in die Nachbarländer, gerade nach Tschechien, aber auch ins Lieblingsurlaubsland Kroatien hätte im Sommer gereicht, um auf der vorsichtigeren Seite zu bleiben, ganz zu schweigen von den erneuten Anstiegen in Uk, Portugal, Israel oder USA.
Inkompetenz zeigte sich auch bei der Zulassung von Gesichtsvisieren und Spuckschanzen (Kinnvisiere) als Alternative für Masken durch die AGES. Schon im Sommer erschienen mehrere Studien, die die Wirksamkeit von Face Shields anzweifelten – weil das Virus über Aerosole übertragen wird und höchstens zu einem geringen Anteil über Tröpfchen. Bis heute haben sich die Plexiglasscheiben als Trennwände bei Kassen, sogar im Büro (kürzliches Bild vom Ö1-Newsroom im Funkhaus), im Parlament gehalten. Fehlanzeige hingegen bei konsequenter Maskenpflicht in Innenräumen und mit einem generellen Einbau von modernen Lüftungsanlagen, überbrückungsweise auch mobilen Luftreinigern und zur Überwachung CO2-Ampeln.
Wir kennen den weiteren Verlauf. Bis heute hält die Regierung (aber auch Opposition) am Grundsatz fest, dass für Eingriffe in die Grundrechte die Intensivstationen überlastet sein müssen, und zwar keine Überlastung bevorsteht, sondern bereits eingetreten ist – abhängig von der Definition (erste OPs verschieben, nur Akuteingriffe möglich, Notfallversorgung gefährdet). Lockdown und Impfpflicht werden von ÖVP und Grünen als tiefgreifende Grundrechtseingriffe gesehen. In der polarisierenden Debatte gibt es dabei keine Abstufungen: Lockdown ist kein klar definierter Begriff, “alle einsperren” eine unzulässige Polemisierung, zählt Distance Learning in der Oberstufe schon zum Lockdown? Dann müsste man Homeoffice auch zum Lockdown rechnen. Bei der Impfpflicht hätte man wenigstens für Gesundheitspersonal, aber auch Erzieherberufen eine verpflichtende Impfung einführen können, um Kinder, alte und chronisch kranke Menschen sowie generell Patienten zu schützen. Eine differenzierte Debatte findet aber nicht einmal im öffentlich-rechtlichen Rundfunk statt. Die Standardfrage bei Interviews lautet “Rechnen Sie im Herbst wieder mit einem Lockdown?” oder “Kommt wieder eine Überlastung der Intensivstationen?”
Die treibende Feder hinter meiner Blogaktivität ist die Bedeutung von LongCOVID als individuelle Bedrohung und für die langfristigen Folgen der Pandemie. Zweieinhalb Jahre nach Pandemiebeginn taucht LongCOVID hier und da in der Berichterstattung auf, aber es wurde selten von einem Experten oder Politiker die Frage gestellt: “Sollten wir nicht die Infektionszahlen niedrig halten, um LongCOVID-Fälle zu verhindern?” (erst Genetiker Elling hat es am 21. Juni 2022 in selten gehörter Klarheit ausgesprochen)
LongCOVID wird ausschließlich im Kontext von Reparaturmedizin gesehen und eher stiefmütterlich behandelt, während es eine zentrale Rolle bei der Prävention spielen sollte. Die Frage stellte sich immer wieder, ob die Politiker das Ausmaß von LongCOVID nicht begreifen [Inkompetenz, Dummheit] und es daher in der öffentlichen Thematisierung ignorieren, oder ob sie sehr wohl Bescheid wissen, aber “andere Interessen” höher gewichten, etwa “Verfassungskonformität” oder “Wirtschaftswachstum”.
Spoiler: Sie wissen sehr wohl Bescheid – damit verdient die Pandemiestrategie das Attribut fahrlässig und vorsätzlich gemeingefährdend. Eines Tages wird das hoffentlich nicht nur wissenschaftlich und politisch, sondern auch juristisch aufgearbeitet werden.
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