Tag 797: Wir müssen mehr miteinander reden

Pandemie als Entwicklung einer alternativen Realität – wie kommunizieren wir wieder miteinander?

Vor ein paar Monaten gab es eine eher verunglückte Rotes-Kreuz-Kampagne zum Aufeinanderzugehen der polarisierten Bevölkerungsgruppen – verunglückt, weil es der falsche Zeitpunkt war. BA.1 stand in den Startlöchern, BA.2 sollte folgen – in dieser Zeit wurde Public Health für tot erklärt und das Weihnachtsgeschenk OMICRON als Rechtfertigung für eine Durchseuchung der Bevölkerung genutzt. Aufeinanderzugehen, um die Durchseuchung über sich ergehen zu lassen? Das funktioniert nicht. Ebenso wenig, wie man Verständnis für einen Impfgegner haben wird, der von Bill-Gates-Verschwörung redet oder auf sein starkes Immunsystem schwört, und mit dieser Haltung andere gefährdet, die beim Russisch Roulette mit LongCOVID oder durch ein geschwächtes Immunsystem den Kürzeren ziehen. Zugespitzt – man wird mit Covidleugner oder Impfgegnern direkt selten reden können. Sie akzeptieren die Gegenargumente nicht, weil sie die Grundlage bereits abstreiten. An der Grundlage hapert es oft, auch im Gespräch mit Politikern, Journalisten und Experten. Mein Zugang sind daher weniger die Verharmloser als die Verantwortungsträger, die die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung mit ihrer Reichweite und ihrem Handeln beeinflussen. Sie müssen wir erreichen, die Politiker, die Journalisten, aber auch – soweit das wegen ihrer Interessenskonflikte möglich ist – auch die Regierungsberater.

Betroffene und engagierte Menschen müssen sichtbar sein

Ein gutes Beispiel dafür ist der Podcast ARS BONI von Nikolaus Forgó, der hier den Gründer Alex Brosch der Initiative Gesundes Österreich (IGÖ), die ich voll unterstütze, interviewt hat. In einer dreiviertel Stunde konnte Brosch darlegen, was die Ziele der Initiative sind, vor allem die gewählten Volksvertreter zu erreichen, die ihren Auftrag zu erfüllen haben, während sich die Mehrheit der Bevölkerung an die Maßnahmen hielt, impfen war und laut Umfrage auch für die Beibehaltung der Maskenpflicht ist.

„Es hat niemand gefragt, wie viele Menschen wir eigentlich sterben lassen, wie viele Operationen wir verschieben wollen.“

Die Bereitschaft zuzuhören, ist der erste Schritt, in ein wechselseitiges Gespräch zu kommen. Auf Twitter funktioniert das meistens nicht, denn es wird sich an der Ausdrucksweise hochgezogen, an Kleinigkeiten, auf inhaltliche Kritik wird nicht geantwortet, aber sobald man etwas angeblich nicht korrekt ausgedrückt hat, wird sich daran aufgehangen. Manche spulen ihr Worthülsenprogramm ab, das seit zwei Jahren von der Regierung gefahren wird: Vulnerable schützen, milde Infektion, keine Überlastung der Spitäler mehr. Gegenargumente werden überlesen oder als „Meinung“ abgetan. Experte und Fakten sind zu Reizwörtern verkommen, sie haben keinen Stellenwert mehr, weil sich jeder seinen Lieblingsexperten aussucht und jeder die Daten herauspickt, die zu seiner Ideologie oder Meinung passen. Das hat halt wenig mit Wissenschaft zu tun. Wenn Twitter nicht funktioniert, muss man andere Medien finden: Telefonate, Zoom-Gespräche, ein Treffen im Gastgarten oder Café. Die Schlagkraft von E-Mails hängt oft am Empfänger, wie viel Zeit nimmt er sich, um zu antworten, oder verfasst er seinen Standardtext, ohne auf Argumente einzugehen. Mir als Autist fällt verbale Kommunikation schwer, an sich aber jede Form der Kommunikation, auch schriftlich. Ich will meine eigenen Blogtexte hier nicht kleinreden, aber ich schweife oft vom Titel ab und verzettel mich in Nebenschauplätzen. Ich würde gerne öfter zum Punkt kommen können. Telefonate veranlassen eine sofortige Antwort, mir fehlt die Nachdenkzeit und ich vergesse Gehörtes zu schnell wieder. Oder ich sage vorschnell etwas, das ich anders hätte sagen wollen.

Es ist klar, dass sich vulnerable Personen nicht im Gasthaus oder im Café treffen wollen, aber man kann sich draußen treffen, in einem Rahmen, wo sich die gefährdete Person sicher fühlt. Für mich war das Vier-Augen-Gespräch mit dem ehemaligen Gesundheitsminister Anschober aufschlussreich und konstruktiv und gut bewältigbar, weil ich mich vorbereiten konnte. Ich hatte mir Notizen gemacht, was ich fragen wollte, aber auch wichtige Stichpunkte zu Themen, die ich gemeinsam durchgehen wollte. Ich machte eine Kopie, denn die Zeit reichte nicht, um alles zu besprechen, und manche Punkte lohnten durchaus, dass sich der Gesprächspartner die selbst nochmal in Ruhe durchlas. Das Gespräch war auch deswegen lohnend, weil wir auf Augenhöhe kommunizieren konnten und ich nicht das Gefühl hatte, dass meine Argumente schon alleine mit dem Umstand weggewischt werden, dass ich der ahnungslose Bürger bin und er der berühmte Politiker.

Diese direkten Gespräche werden Zeit kosten, und sie werden zwingend nur funktionieren, wenn man sich gut vorbereitet und seine Argumentation zu Ende führen kann, ohne reflexartiges „aber die Wirtschaft!“, „wir können uns nicht monatelang einsperren“, „lass die Kinder aus dem Spiel“, „wir müssen mit dem Virus leben“. Man kann Denkanstöße liefern, aber es wird selten darauf hinauslaufen, dass jemand in einem offenen Gespräch zugibt, sich geirrt zu haben. In unserer mangelnden Fehlerkultur bedeutet das Schwäche zeigen vor den anderen, Gesichtsverlust, und wird nicht toleriert. Mein Fehler in den letzten Monaten war vielleicht, dass ich zu oft erwartet habe, dass ein Eingeständnis kommen wird, aber in diesem politischen System nie kommen wird.

Schaffen wir es, uns auf die kleinste gemeinsame Basis zu einigen?

Unser Ziel lautet: Infektionen vermeiden.

Wir wollen nicht nur das Systemrisiko gering halten, oder eine bestimmte Infektionszahl tolerieren, damit die Wirtschaft weiter wächst und der Tourismus floriert. Es läuft immer wieder darauf hinaus, Infektionen zu vermeiden, wo es möglich ist. Da sind längst nicht alle Möglichkeiten ausgereizt.

Wir haben zwei Jahre verloren, in denen wir in verbesserte Lüftungsmaßnahmen und Luftfilter in jeder Schule investieren hätten können. Schutzmasken wurden immer als politische Maßnahme instrumentalisiert, die Lockerung als „Durchatmen können“ verkauft, statt als Freiheitsgewinn für sich selbst und andere, die man dadurch nicht gefährdet – sofern man die Maske richtig trägt und nicht vor dem Sprechen absetzt. Die Impfwirksamkeit lässt nach, doch die finanziellen Mittel für neue Impfstoffe wurden zurückgestutzt – dabei könnten Nasenimpfstoffe wie bei Influenza wesentlich effektiver auch die Übertragung unterbinden, und so anschwellende Wellen deutlich flacher gestalten. Die bisherigen Impfstoffe verringern lediglich das „Systemrisiko“, und auch das gilt nurmehr für Akutverläufe bei Patienten. Wer wegen Spätfolgen einer Infektion ins Krankenhaus muss, belastet auch das System, und langzeitkrankes Gesundheitspersonal, das den Pflege- und Ärztemangel verschärft, scheint auch nicht unter „Systemrisiko“ auf. Die volkswirtschaftlichen Kosten und der Versorgungsmangel werden uns noch weit über die aktuelle Legislaturperiode hinaus beschäftigen. Wir beherrschen in Virus nicht, indem wir die Pandemie politisch für beendet erklären. Wir brauchen die Masken und saubere Luft, bis bessere Impfstoffe zur Verfügung stehen. Und dann nützt die saubere Luft auch weiterhin bei anderen Infektionskrankheiten. Bei der Influenzapandemie 1918 hatte die Weltbevölkerung „nur“ 1,8 Milliarden Menschen, jetzt sind es knapp 8 Milliarden. Das Coronavirus hat um ein Vielfaches mehr Gelegenheit zu mutieren, und wie man bei OMICRON sieht, macht es das auch. Jetzt genügen bereits geringfügige Mutationen, um sich erneut zu infizieren, nachdem weniger Antikörper produziert werden als bei früheren Varianten. Gleichzeitig hat jede Infektion das Potential, LongCOVID zu verursachen bzw. das Immunsystem zu schwächen. Erwachsene spüren das, wenn sie sich wenige Wochen nach der Covid19-Infektion einen grippalen Infekt zuziehen, bei Kindern verursacht es wahrscheinlich die schweren Hepatitsfälle, die jetzt medial bekannt werden, und mit Leberversagen enden können.

Mit vermiedenen Infektionen müssen wir uns nicht mehr darum kümmern, dem erkrankten Einzelnen Reparaturmedizin anzubieten, von der es zu wenig gibt, kein Allheilmittel und zu wenig Anlaufstellen. LongCOVID-Betroffene sind unsichtbar: Sie müssen nicht ins Krankenhaus, jedenfalls nicht in der Akutphase der Infektion, solange der PCR-Test positiv ausfällt. Wenn sie später ins Krankenhaus müssen, sind sie meist offiziell schon ‚genesen‘. Sie tauchen in keiner Statistik auf, weil man sich nicht geeinigt hat, wie man LongCOVID für statistische Erhebungen definiert. Die Dunkelziffer der Betroffenen ist enorm, denn viele leichtere Symptome werden nicht mit LongCOVID in Verbindung gebracht.

Der bundesdeutsche Expertenrat hat kürzlich in einer Stellungnahme zum Ausdruck gebracht, dass LongCOVID langfristige Folgen für die Gesamtgesellschaft haben wird. Finnland war ein paar Monate früher dran, zu diesem Zeitpunkt hätte man noch gegensteuern können. Die österreichischen Expertengremien sind weit intransparenter, in der ersten Version des FutureOperationPapiers kam LongCOVID gar nicht vor, die zweite Version soll demnächst erscheinen. Auch das zeigt den Stellenwert der Langzeitfolgen und ihrer Betroffenen in Österreich deutlich auf, bei den Schulen war es immer ähnlich – erst musste die Frage des Tourismus und Après-Ski-Bars gelöst werden, dann kam das Schulkonzept dran – wo es meistens keines gab, das den Namen verdient gehabt hätte.

Oberstes Ziel muss daher sein, die Krankheitslast in der Gesamtbevölkerung zu verringern, angefangen bei den Kindern. Kann man sich darauf nicht einigen? Ist das kein Ziel, das auch für Journalisten befürwortet werden kann, ohne Wenn und Aber? Ist das schon Aktivismus?

Fragen stellen, ohne selbst erleben zu müssen

ZiB2-Star Armin Wolf hat in einem Interview mit Dauergast Epidemiologe Gartlehner (09.03.22) erkennen lassen, dass ihn die Schwere der Infektion nachdenklich gemacht hat:

„Offiziell gilt das als milder Verlauf, solange man nicht ins Krankenhaus muss. Aber ich muss gestehen, aus meiner persönlichen Erfahrung, ich habe mir einen milden Verlauf eigentlich anders vorgestellt. Also ich war zwar nicht im Krankenhaus, aber schon tatsächlich ziemlich krank. Unterschätzen wir die Infektion möglicherweise?“

„Aber haben Sie das eigentlich erwartet? Als die Impfungen angekündigt wurden, hatte man da nicht gedacht, ok, also wenn man drei Mal geimpft ist, hat man vielleicht ein bisschen Schnupfen, ein bisschen Halsweh, und das war es?“

Zugleich zeigt das auch die Tragik auf, dass diese Fragen erst dann gestellt werden, wenn ein Journalist die persönliche Erfahrung gemacht hat, dass die Infektion alles andere als ein Spaziergang ist. Das sollte nicht sein. Das wäre so, wie wenn ein Arzt erst dann die Leidensgeschichte eines Patienten glaubt, wenn er dieselbe Erkrankung in derselben Schwere erlebt hat. Ein Journalist sollte recherchieren, auch international, und das kann er gut, ich kann es auch mithilfe von Twitter. Es gibt viele gute Wissenschaftsjournalisten, die man sich als Vorbild nehmen kann. Dann findet man sehr schnell heraus, wie mild definiert ist, dass OMICRON deutliche Symptome auch bei Dreifachgeimpften verursacht, wie schon im Dezember 2021 bekannt wurde. Dann hätte man bereits an den Epidemiologen die Frage stellen können, ob OMICRON, wenn es selbst bei Dreifachgeimpften deutliche Symptome auslöst, nicht auch mehr LongCOVID auslösen kann. Dann hätte man recherchieren können, das sehr wenige Spezialisten in Österreich sich wirklich gut mit LongCOVID auskennen und darauf zehntausende, hunderttausende Betroffene kommen, und die Wartezeiten entsprechend lang sind. Und dann hätte man eins und eins zusammenzählen sollen, um die Grundsatzfrage zu stellen: Können wir es uns als Gesellschaft überhaupt leisten, so viele Infektionen und Reinfektionen zu tolerieren? Ganz unabhängig der Frage, ob Spitäler überlastet werden, was ja über das reine Bettenkapazitätsproblem hinausgeht, aber auch diese Frage wurde lange nicht gestellt. Was verschobene Operationen und Vorsorgeuntersuchungen bedeuten etwa.

Aber ich sehe die Schwierigkeit, hier selbst aktiv zu werden, gehört zu werden, denn ich bin kein Experte, ich bin von einem anderen Fachgebiet, ich bezeichne mich als Bürgerjournalist, bin aber kein bezahlter Journalist, ich schreibe hier unter Klarnamen, nicht aber auf Twitter, dafür hab ich meine Gründe. Es ist schwierig, aus der Anonymität heraus und ohne fachliche Reputation zu argumentieren, aber das wäre ja alles nicht nötig, wenn wir eine andere Fehlerkultur hätten, wenn Wissenschaft unabhängig funktionieren könnte in Österreich, wenn Wissenschaftler, die sich fortentwickeln wollen, nicht ins Ausland abgedrängt werden, weil unsere Bedingungen hier so schwierig sind, sich zu entfalten, wenn es nicht so viele Interessenskonflikte geben würde, abhängig von Wirtschaft und Parteizugehörigkeit, von Partei des Aufsichtsrats über den Geschäftsführer. In Österreich ist ALLES politisch, hier ist niemand unpolitisch, selbst wenn er sagt „Die Wissenschaft liefert nur die Daten, was die Politik daraus macht ist nicht unser Bier.“ Daher ist es leider nötig geworden, dass sich hier Privatpersonen engagieren, selbst fachfremde Personen. Traurig, aber wahr.

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