Pandemieversagen in Österreich: False Balance in den Medien (Teil 4)

2 Jahre Pandemie, keine Lernfähigkeit der Medien (rot: Scheinexperten, grün: Experten)

In den ersten drei Teilen bin ich auf weltweite Einflüsse, nationales Versagen in der Risikokommunikation und politisches Versagen eingegangen. Grundlage meiner zahlreichen Faktenchecks ist die Sammlung von dutzenden Zitaten von PolitikerInnen und ExpertInnen (Stand: 14.04.22).

Wer die Regierung berät, und nicht unabhängig seine ehrliche, unverblümte Meinung sagen kann, weil es Interessenskonflikte gibt, der wird Teil der politischen Entscheidungen. Hier sollten Journalisten ansetzen, diese Interessenskonflikte aufzuzeigen. Das Problem liegt allerdings darin, dass etliche Journalisten in Österreich selbst Interessenskonflikte aufweisen. Österreich ist bei der Pressefreiheit nicht aus Jux und Tollerei um 14 Plätze abgestürzt.

Im Mittelpunkt dieser Analyse steht der ORF, ich könnte *jede* andere Zeitung nennen, die mit False Balance aufgefallen ist, möchte mich aber dennoch schwerpunktmäßig mit dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk befassen, der von den Bürgern gebührenfinanziert ist, also einen Bildungsauftrag hat. Wer meine Zitatsammlung so durchliest, wird feststellen, dass über die vergangenen zwei Jahre immer wieder dieselben „ExpertInnen“ eingeladen werden, obwohl sie zwischendrin immer wieder haarsträubende Fehleinschätzungen von sich gegeben haben. Wer seit zwei Jahren nach jeder Welle behauptet, dass die Pandemie vorbei sein würde, hat an Glaubwürdigkeit verloren und sollte nicht mehr befragt werden, auch wenn er sich aus Geltungsdrang immer wieder anbietet.

Journalisten stehen unter hohem Zeitdruck und sind chronisch unterbezahlt, das ist nachvollziehbar. Doch haben sie in ihrem Job auch eine hohe Verantwortung für ihre Leserschaft. Fehlinformationen, etwa die derzeit verbreitete Charité-Studie, wonach die Zahl die Impfschäden 40 Mal höher sein soll als angegeben, sind ein schwerer kommunikativer Fehler, der Menschen vom Impfen abhält und Leben kosten wird. Die Studie weist schwere methodische Mängel auf, eine wissenschaftliche Einordnung fehlt.

Wenn ein Politiker oder Wissenschaftler im Inland etwas sagt, was diametral zu den Beobachtungen Erkenntnissen im Ausland steht, ist es die Pflicht des bezahlten Journalisten, die Hintergründe zu recherchieren und kritisch zu hinterfragen, woher die Unterschiede kommen.

Bisherige medienkritische Analysen

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen, dass ich den ganzen Rechercheaufwand alleine und in meiner Freizeit betreiben. Umfassende, alle Aspekte berücksichtigende Analysen sind mir kaum möglich. Ich werde daher auch in diesem Beitrag repräsentative Beispiele herausgreifen – es gilt dann pars pro toto, bzw. schrieb ich dazu zahlreiche Analysen und Faktenchecks im Blog, u.a.:

Suggestivfragen statt notwendige Fragen

Beispiel, 07. November 2021, ZiB2

Auf die Frage, ob Suggestivfragen bei einem Experteninterview angebracht wären, antwortete ein ZiB-Journalist auf Twitter so:

„Die ZiB2 ist keine Studie. Wir versuchen Fragen zu stellen, auf die das Publikum gerne eine Antwort hätte.“ (06.05.22)

Wer ist dieses Publikum? Wer bestimmt, auf welche Fragen das Publikum gerne eine Antwort hätte? Wie kann es z.B. sein, dass die Fragen vieler Eltern nicht gestellt werden: Wie sieht es mit LongCOVID aus? Warum gibt es keine Schutzmaßnahmen in Schulen gegen Aerosolübertragung? Ist Durchseuchung nicht gegen das Präventionsprinzip?

Beispiel ZiB2 am 15.12.2020

Bei Erwachsenen wurde die Frage, ob sich gesunde Menschen impfen lassen sollen, ebenso gestellt. Zu diesem Zeitpunkt gab es schon seit Monaten Berichte zu LongCOVID. Nun wäre es legitim zu sagen, die Journalisten fragen das, was die Mehrheitsbevölkerung denkt. Ich bin davon ausgegangen, dass der Fortschritt der Pandemie auch die Wissensvermittlung beeinflusst: Covid19 ist auch für junge, gesunde Menschen gefährlich. Auch sie können schwere Akutverläufe entwickeln, niemand weiß warum, auch sie können an LongCOVID erkranken, gerade junge Frauen. Das hätte Kollaritsch Antwort sein können, sein sollen. Er erwähnte LongCOVID aber nicht. Damit bleibt der Irrtum, ein 30jähriger gesunder, junger Mensch würde die Infektion „relativ problemlos“ überstehen, unwidersprochen im Raum stehen. Und das ist ein Problem seit Beginn der Pandemie: Es werden häufig Fragen gestellt, die zwar der Faktenlage widersprechen, aber ein „Bauchgefühl des Publikums“ repräsentieren sollen. Seriöse ExpertInnen würden Klartext reden, er bleibt aber häufig aus, weil die ExpertInnen über ihr Fachgebiet hinaus befragt werden (epistemic trespassing) oder weil sie Interessenskonflikte haben.

Wie diese Interessenskonflikte aussehen können, zeigte ich am Beispiel (Dauergast) Epidemiologe Gartlehner. Welche Beispiele gibt es noch? Umweltmediziner Hutter erstellte Öffnungs/Sicherungskonzepte für die Stadt Wien, Virologe Steininger wertete für Wien PCR-Tests aus, Infektiologe Weiss beriet ÖVP-Landeshauptmann Platter, Infektiologin Apfalter hat ein eigenes PCR-Labor, ist in einer Expertengruppe mit Ärztekammer und beriet Bildungsminister Faßmann, Labormediziner Oswald Wagner war/ist im Beraterstab von Kurz/Nehammer, die AGES ist dem Landwirtschafts- und Gesundheitsministerium unterstellt, wird aber von FPÖ-Burschenschaftlern geführt.

Beispiel für eine alternative Fragestellung, die die Interessen von besorgten Eltern berücksichtigt hätte:

Journalist:

Zugleich gibt es auch schon viele Eltern, die wegen der hohen Inzidenzen besorgt sind, ihre Kinder impfen wollen. Wien hat deswegen sogar eine eigene Impfstraße eröffnet oder will sie eröffnen. Die FDA hat die Impfung der 5-11jährigen in den USA bereits zugelassen. Die Entscheidung der EMA soll frühestens im Dezember kommen. Zur Zeit wird in Europa nur Off-label geimpft. In den vergangenen Monaten hat es immer mehr Studien gegeben, wonach einzelne Kinder unabhängig von Vorerkrankungen das gefährliche Multientzündungssyndrom MISC entwickelt haben. Es sind auch schon Kinder an LongCOVID gestorben. Halten Sie es für sinnvoll, noch bevor eine Zulassung der EMA da ist, dass Eltern ihre Kinder impfen lassen?

Redlberger-Fritz: Ich denke, wir sollten wirklich auf die Zulassung warten […]

Journalist: Ihr Kollege Infektiologe Herwig Kollaritsch, Mitglied des Nationalen Impfgremiums, meinte am 18. September im STANDARD, dass man eher mit nichtpharmazeutischen Maßnahmen versuchen sollte, die Infektionsgefahr so gering wie möglich zu halten, bis die Impfung für Kinder zugelassen wurde. Sollte man nicht das Vorsichtsprinzip anwenden und die Maskenpflicht auch für Volksschüler in Betracht ziehen, oder aufs Distance Learning wechseln, wenn positive Fälle in der Klasse auftauchen, wie es Experten und auch Schülervertreter immer wieder vorschlagen?

Wer sieht den Unterschied? Auch gesunde Kinder können das schwere Multientzündungssyndrom MIS-C bekommen. Das stellte auch das amerikanische CDC fest. Bei Kindern mit MIS-C, die eine Vorerkrankung gemeldet haben, war Übergewicht am häufigsten (Quelle). Die Impfung war und ist immer für alle Kinder sinnvoll, unabhängig von Vorerkrankungen. Zum Zeitpunkt des Interviews war die Inzidenz bei den 5-14-jährigen am höchsten.

Beispiele aus der ZiB2 mit Gartlehner vom 26.10.21, 5.11.21, 9.3.22

Wenn man jetzt Thürs Frage „vielleicht sogar gesunde Kinder impfen lassen?“ in den Kontext stellt, dann wird eine Systematik sichtbar, und die heißt: Gesunde Kinder braucht man nicht impfen, denn die können nicht schwer erkranken. Viele Eltern wissen gar nicht, was MIS-C ist, worauf man achten muss, und dass es eine Spätfolge von Covid19 sein kann.

Das betrifft nicht nur Kinder, auch bei Erwachsenen hören wir seit Pandemiebeginn, dass man nur die alten und vulnerablen Personen schützen muss. Mit vulnerabel werden meist pflegebedürftige Menschen suggeriert, und nicht die fitte 30 Jahre Lehramtsstudentin mit Herzfehler, oder der 40jährige mit einem angeborenen Immundefekt, dessen Tochter die Volksschule besucht und darauf angewiesen ist, dass die sich nicht bei Mitschülern ansteckt, deren Eltern beschlossen haben, ihre Kinder nicht impfen zu lassen, weil es doch überall heißt, dass Kinder nicht schwer erkranken könnten. Deswegen funktioniert die oft proklamierte „focused protection“ nicht. LongCOVID wird dabei völlig ausgeblendet, die *alle* Menschen zur vulnerablen Gruppe macht. Das Resultat monatelanger Verharmlosung schlägt sich in den Durchimpfungsraten nieder: Bei Kindern unter 25% zweifach geimpft, bei Erwachsenen unter 60% dreifach geimpft.

Das Problem war damals eigentlich ein anderes: Die Fallzahlen bei Volks- und Sekundarschülern explodierten. Die Maßnahmen in den Schulen waren aber an die Intensivbettenbelegung gekoppelt (ziemlich zynisch), darunter auch die wichtige Maskenpflicht im Unterricht. Viele Eltern waren gezwungen, sich *vorzeitig* für eine Offlabel-Impfung zu entscheiden, WEIL es nicht ausreichend Schutzmaßnahmen gab. Der Offene Brief der SchülerInnen und Schüler an den Bildungsminister verhallte ungehört.

Noch zynischer war es dann, aufgrund der verzögerten EMA-Zulassung zu sagen, dass man unbedingt auf die Zulassung warten solle, das haben mehrere Experten und Impfärzte getan. Es wäre auch verwunderlich gewesen, wenn die Impfärzte empfohlen hätten, eine nicht zugelassene Impfung (off-label) zu verimpfen. Nur: Die Inzidenzen waren hoch, es gab keine Schutzmaßnahmen im Bildungssektor.

Warum hat sich kein Journalist, keine JournalistIn, ein Herz gefasst und diesen emotionalen Zwiespalt thematisiert? Ich habe mich übrigens selbst auch für die vorzeitige dritte Impfung entschieden, weil ich längst mitverfolgt hatte, dass zwei Impfungen bei DELTA nicht ausreichen werden und der Lockdown viel zu spät kommen würde. Aber leicht ist es mir nicht gefallen, aus Mangel an Alternativen zum Schutz meiner Gesundheit entscheiden zu müssen. Bei Kindern denkt man sicher noch einmal anders.

Woher kommt die Lernresistenz?

Es ist immer ein bisschen gewagt, hier zu spekulieren. Ich kenne die interne Organisation im ORF nicht. Es gibt eine Wissenschaftsredaktion, aber jedes Landesstudio kocht offenbar sein eigenes Süppchen. Ich verweise als Vorbild gerne auf Deutschland, neben dem berühmt gewordenen NDR-Podcast mit Drosten hat man dort auch das Science Media Center aufgebaut. Dort gibt es eine eigene Rubrik zu Covid19, wo sich Journalisten informieren können. Es gibt sogar einen Artikel über die Wirkung von Faktenchecks!

Wo laufen sonst viele Informationen zusammen? Na auf Twitter, wo sonst! Es schreiben oder lesen auch immer mehr österreichische Forscherinnen und Forscher auf Twitter mit, wenn man internationales Knowhow haben will, ist man hier richtig. Doch es ist nicht immer leicht, Experten von Scheinexperten zu unterscheiden. Dafür gibt es aber eine gute Anleitung. Nach zwei Jahren haben wir außerdem das Wissen über die Chronik der Pandemie – wir können Prognosen und Aussagen von ExpertInnen überprüfen. Auf diese Weise lässt sich relativ leicht feststellen, wie oft bestimmte Interviewlieblinge richtig oder falsch lagen. Wir sehen, wer konstant richtig lag, aber auch, wer konstant darauf verzichtet hat, substanzlos zu spekulieren, oder nur das zu erzählen, was die Bevölkerung hören wollte. Wir sehen vorsichtige Experten , die nicht über ihr Fachgebiet hinaus Empfehlungen abgeben, und wir sehen, wer authentisch ist, denn dazu gehört, eigene Fehleinschätzungen öffentlich einzugestehen. So funktioniert Wissenschaft nun mal. Ein Vordruckartikel (Preprintpaper) erscheint, es wird im Peer-Review zerrissen oder bestätigt, kann aber jedenfalls deutlich angepasst werden müssen. Es kann auch durchfallen oder zurückgezogen werden müssen.

Nach zweieinhalb Jahren Pandemie fällt es mir schwer, Unwissen und Inkompetenz zu unterstellen. Eine Journalistin hat mir vor einem Jahr geschrieben, dass die Pandemie in Österreich eher als „Lifestyle“-Thema behandelt würde. Ein Thema unter vielen, das so nebenher mitläuft. Es muss ins starre Sendungskonzept eingepasst werden, bekommt keinen oder nur vorübergehend Extraraum oder neue Formate. Wie groß ist der Einfluss der Politik? Die türkise Umfärbung im ORF-Stiftungsrat ist allgemein bekannt, ebenso die Inseratförderungen für Zeitungen, die Eigentümerverhältnisse (Raiffeisen….), und gewisse Regionalzeitungen, die sich eher wie Landesparteizeitungen lesen, die ÖVP-nahe Tiroler Tageszeitung, die Oberösterreichischen Nachrichten, die NÖN, die Kleine Zeitung in der Steiermark. Im ORF wurde der Parteitag der Jungen ÖVP live übertragen, was gegen das eigene Gesetz verstieß.

Ich spekuliere jetzt ein wenig: Wenn es eine Wissenschaftsredaktion gibt, dann ist sie nicht zentral, denn dann würden nicht so viele haarsträubende Beiträge und Interviews durchgehen. Es gibt gute WissenschaftsjournalistInnen auch beim ORF, es gibt immer wieder einzelne gute Beiträge, etwa in den Ö1-Journalen, im REPORT, Am Schauplatz oder THEMA. dann gibt es aber auch haarsträubende Interviews wie damals in Ö3 mit Allerberger am 28.10.2020, der offensichtlich von einer Lifestyle-Journalistin interviewt wurde, die sich auf das Interview nicht vorbereitet hatte, bzw. nicht die Kompetenz hatte, richtig von falsch zu unterscheiden (siehe meinen Faktencheck).

Nachdem sich seit zwei Jahren nichts verbessert hat, im Gegenteil, könnte es daran liegen, dass man selbst keinen Fortbildungsbedarf sieht („betriebsblind“). Vielleicht gibt es zu wenige im Umfeld, die anderer Meinung sind, die offen bzw. scharfe Kritik üben (dürfen), vielleicht denkt man, dass es im Großen und Ganzen eh passt, wie die Pandemie bei uns bewältigt wird. Vielleicht liegt es an der ORF-Policy „Fragen stellen, die das Publikum beschäftigt“, was auch immer wieder auf die Moderation und Einladepolitik bei „Im Zentrum“ zutrifft, wo sich Verharmloser und Experten die Klinke geben können – klassisches False Balance.

Wie könnte mein Eindruck entstanden sein, dass es keine Wissenschaftsredaktion im ORF geben würde?

Weil Falschaussagen stehen bleiben, sie werden nicht sofort berichtigt, es wird nicht kritisch nachgefragt, es folgt kein Faktencheck. Wobei bei letzterem leider gilt: The first frame wins! Wenn also nicht im laufenden Gespräch nachgehakt wird, dann hat eine nachträgliche Klarstellung das Nachsehen. Am deutlichsten ist das, wenn eine Falschaussage in der Zeitung steht und am Tag darauf oder erst Tage später eine Richtigstellung erfolgt. Das wird meist nicht mehr gelesen.

Beispiel 23. März 2022, ZiB2

Seit Ende Januar 2020 wissen wir, dass Übertragungen stattfinden, bevor jemand erste Symptome zeigt (nennt sich präsymptomatisch). Dass Aerosol-Übertragung auch bei normalen Gesprächen stattfindet, hat Asadi et al. (2019) bereits VOR der Pandemie publiziert. Ohne asymptomatische Übertragung hätte es keine Pandemie gegeben! Bei anderen respirativen Erregern ist eine asymptomatische Übertragung zwar ebenfalls möglich, aber wegen viel kürzerer Inkubationszeiten meist nicht das Thema. Wer nach zwölf Stunden schon massive grippale Symptome hat, der bleibt eh daheim. Wer sich dagegen fit fühlt, eine Chorprobe besucht und damit den halben Chor flachflegt, weil er erst am nächsten Tag Symptome entwickelt und dann testen geht, der trägt zur Verbreitung des Virus bei. Warum werden zur besten Sendezeit mit der größten Reichweite Fakten infrage gestellt, die seit zwei Jahren feststehen?

Beispiel 5.Dezember 2021, ZiB2

Hier wird schon wieder vermengt, dass man von einer Einzelbeobachtung nicht auf die Gesamtanzahl an Betroffenen schließen darf. Für die Grundsatzfrage, ob Kinder durch Covid gefährdet sind, gibt es wissenschaftliche Studien und Beobachtungsdaten. Diese zeigen zwar ein geringeres Risiko für schwere Verläufe als bei Erwachsenen, aber erstens besteht ein Risiko für MISC auch bei gesundenen Kindern und zweitens sorgt eine enorme Infektionsrate in den jüngeren Altersgruppen, wie mit DELTA und OMICRON aufgetreten auch für eine absolut steigende Zahl an schwer erkrankten (oder verstorbenen) Kindern.

Kinderarzt und Mitglied des NIG, Karl Zwiauer, warnt aber vor schiefen Vergleichen. Kinderkrankheiten dürfe man nicht mit Erwachsenenkrankheiten vergleichen. Keine Kinderkrankheit sei so stark wie COVID. In den USA hat Covid19 die Influenzagrippe längst als Todesursache bei Kindern abgelöst. Durch OMICRON kam es bei Kindern zu drei Mal mehr Hospitalisierungen als bei früheren Varianten (Martin et al., 2022).

Die Frage wurde aber keinem Kinderartzt gestellt, sondern einem Intensivmediziner, der LongCOVID-Patienten ohne vorherige Hospitalisierung wahrscheinlich seltener zu Gesicht bekommt. Was wäre, wenn er nein gesagt hätte? Er hätte keine Kinder angetroffen mit schweren Verläufen? Wäre dann als Grundaussage fürs Publikum stehen geblieben, dass Kinder durch Covid nicht gefährdet wären? Der Expertinnenrat der deutschen Bundesregierung sprach in seiner 7. Stellungnahme (17.02.22) von „primär durch SAS-CoV2-Infektionen bedingte Krankheitslast.“ Auch deutsche Krankenversicherungsdaten zeigen mögliche Langzeitfolgen bei Kindern und Jugendlichen.

Was heißt selten überhaupt in Zahlen ausgedrückt? Die Häufigkeit von LongCOVID bei Kindern wird im niedrigen einstelligen Prozentbereich geschätzt (2-8%). Bei grob überschlagenen 1 Mio infizierten Kindern und Jugendlichen sind das immerhin 20000 bis 80000 betroffene Kinder. Wir legen schon bewusst und berechtigt höhere Maßstabe bei Kindern als bei Erwachsenen an. Es ist eben nicht tolerabel, wenn Kinder im Straßenverkehr durch Unfälle sterben. Dafür gibt es sichere Überwege, sichere Wege zur Schule. Wenn nun aber mehrere Kinder pro Jahr an einer akuten Infektion sterben oder an den Folgen einer LongCOVID-Erkrankung, dann wird das warum hingenommen?

Das ist ein übrigens ein weiteres Problem, dass ExpertInnen häufig zu Themen befragt werden, die über ihr Fachgebiet hinausgehen. Das wäre so, wie wenn man einen Vorhersagemeteorologen zu Klimaforschung befragen würde. Hat zwar im weitesten Sinn mit Wetter zu tun, erfordert aber anderes Detailwissen.

Beispiel 01. April 2022, ORF Aktuell nach Eins:

Stefan Pilz, Leiter einer Ambulanz für Hormon/Stoffwechselerkrankungen beantwortete Fragen zur Immunität bei Covid19. Fragwürdig ist aber vielmehr, dass er sich für den „Infosperber“ interviewen ließ, einer Verschwörungsplattform. Warum wurde der Hintergrund des „Experten“ nicht hinterfragt? Das hätte ihn als Interviewpartner diskreditiert.

Beispiel 19.Februar 2021, ORF Studio 2:

Moderator: „Wir haben darüber gesprochen, 2500 Neuinfektionen pro Tag, das ist die Ziffer, wo Sie davon ausgehen, dass es einen nächsten Lockdown gibt. Wie lange haben wir noch Zeit?

Virologe Nowotny (lacht): „Ja, also, es ist wirklich schlimm, Journalistne haben das Archiv, und graben daraus. Ich möchte die Zahl vielleicht etwas nach oben revidieren. Und zwar aus einem einfachen Grund. Wenn wir, und es schaut so aus, dass bereits über 80% der Menschen der Hochrisikogruppen in den Alten- und Pflegeheimen geimpft sind, das heißt jetzt müssen noch alle über 80jährigen, alle 75 bis 80jährigen außerhalb von Alten- und Pflegeheimen geimpft werden. Wenn wir diese Risikogruppen geimpft haben, dann können wir uns auch eine höhere Fallzahl erlauben. Denn dann werden nicht so viele Menschen hospitalisiert werden, nicht so viele Menschen eine intensivmedizinische Behandlung benötigen, das heißt, ich revidiere von 2500 auf etwa 3000 (grinst).“

Moderator: Sehr gut!

Warum fragt der Moderator nicht nach? Wie kommt er auf 75? Was heißt „nicht so viele Menschen“ in Zahlen? Was bedeutet das für ungeimpfte Schwangere? Was für Kinder? Was für immungeschwächte jüngere Menschen? LongCOVID war ebenfalls schon bekannt zu dieser Zeit. Viele Zuseher mit Herz und Hirn fanden das Lachen von Nowotny zynisch, ebenso die Reaktion des Moderators.

09.März 22 ZiB2

Gartlehner behauptete, dass SchülerInnen keine vulnerable Personengruppe wären. Warum hakt da Wolf nicht nach? Insgesamt war das eines seiner kritischeren covidbezogenen Interviews, vermutlich war er da geprägt von seiner eigenen Covid-Erkrankung.

2. Februar 2022, ZiB1 zur Lockerung der Maskenpflicht im Unterricht:

„Durchatmen im Unterricht können vorerst nur die Volksschulkinder.“

Es gibt auch positive Beispiele, z.B. das Interview von Susanne Schnabl im ORF-REPORT mit Gesundheitsminister Rauch, wo sie mehrfach kritisch nachsetzt, am 05. April 2022:

Gute Beispiele für kritischen Journalismus waren auch die beiden Interviews mit Rauch im Ö1-Mittagjournal am 24.03.22, ebenso am 2.03.22 (siehe Transkript).

Zusammenfassung

Da gäbe es jetzt noch viel mehr zu sagen, vor allem zu False Balance, aber das würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Mein Auszug soll zeigen, dass oft schon die Fragestellung die Antwort des Interviewpartners beeinflusst (Suggestivfragen). Was soll vermittelt werden? Welches Bedürfnis soll befriedigt werden? Dass die Bevölkerung auf häufig gestellte Fragen eine Antwort bekommt, die sie beruhigt?

Die britische Epidemiologin Deepti Gurdasani schrieb:

„It’s been over 2 years now. Can the media actually start judging the credibility of ‚experts‘ on their track records, at least now? Or are they going to keep platforming ‚experts‘ who’ve been wrong on almost everything they’ve said so far, in the hope that this time they’ll be right? It’s really hard to imagine that at this point this is naivety – anyone whose been following experts here by now knows who is credible and who isn’t. It does seem that popular and comforting narratives are platformed regardless of them being proven completely false again & again.“

Die Reaktionen auf meine Kritik am Wording, an Fragestellungen, an möglicher politischer Einfluss, an suggerierter Regierungsnähe (im Sinne von, die Narrative der Regierung zur Pandemie werden in den Medien unkritisch transportiert und gefestigt) sind über jede Kritik erhaben und sich keiner Schuld bewusst. Das ähnelt sehr den Reaktionen der Politiker, wenn sie denn überhaupt reagieren, oder Ärzten und Experten, die sich unglücklich oder falsch ausdrücken.

In Österreich kommt hinzu, dass jährlich zahlreiche Journalistenpreise verliehen werden. Gegenseitige Selbstbeweihräucherung in einem Land mit hoher Dichte an Parteizeitungen und „Umfärbungen“ unbequemer Chefredakteure oder anderer Journalisten. Ein Land, in dem viel verhabert ist, das zur Wahldemokratie abgerutscht ist, keine liberale Demokratie mehr ist.

Mein Appell: Mehr Fehlerkultur zu wagen, sich der eigenen Interessenskonflikte bewusst werden, mehr Interessenskonflikte aufzeigen und sich den schärfsten Kritikern zu stellen. Voraussetzung dafür ist aber im Zuge dieser Pandemie, anzuerkennen, dass das Pandemiemanagement nicht gelungen war und ist, und dass wir alles dafür tun sollten, dass sich Fehler nicht wieder und wieder wiederholen. Das ist kein Lifestyle-Thema, sondern es geht um Leben und Tod. Es geht darum, dass der Zusammenhalt in der Gesellschaft zerbricht, wenn wir nicht mehr auf die Schwächsten in unserer Mitte Rücksicht nehmen. Wo ist ihre Stimme in der Pandemie? Wo ist sie im Parlament? Wo ist sie in den Medien vertreten?

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