Tag 633 – Über Framing, Kampfvokabeln und Urteilskraft als Kernkompetenz von Journalisten

„Auf Interviews bereitet er sich akribisch vor. Belesen und vielseitig interessiert, wissenschaftlich trainiert und journalistisch erfahren, das sind gute Voraussetzungen für kompetente Recherchen.“ (Seite 20)

Seit ich in Österreich bin, habe ich den ZiB2-Journalisten Armin Wolf für seine kritischen Interviews geschätzt. Seit der Pandemie bin ich im Zweifel, was das wissenschaftliche Training betrifft. Gegenüber den anwesenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gab es auf Antworten, die nicht im Einklang mit dem aktuellen Wissensstand standen, kaum kritischen Nachfragen. Das betrifft nicht nur die Interviews mit Wolf, sondern auch der anderen ZiB2-ModeratorInnen oder der ImZentrum-Moderatorin.

Was seit letztem Jahr zuverlässig fehlte, waren die vier Themen, deren Abwesenheit ich seit Monaten auf meinem Blog wiederholt anprangere: Long COVID (vor allem in Zusammenhang mit Maßnahmen; die einzelnen guten Dokumentationssendungen scheinen separat in einem anderen ORF-Universum zu laufen), CovidIsAirborne (Aerosol-Übertragung), Intensivstationen als falsche Steuerungsgröße und die Rolle der Kinder bzw. Schulen.

Der Elefant im Raum (Kinder) hielt sich am längsten, bei ImZentrum, in der ZiB2, in sonstigen Diskussionsrunden. Psychosoziale Folgen werden immer alleine auf Schulschließungen zurückgeführt, dass auch Kinder schwer erkranken können, kommt praktisch nicht vor. Bildung wird so gegen Gesundheit ausgespielt, Kinder gegen Kinder.

Die ZiB2-Sendung vom Freitag, 03. Dezember 2021, stellt zumindest vorübergehend den Höhepunkt der einseitigen Berichterstattung dar. Mehr noch als False Balance, nämlich gar keine Balance.

Framing von Schulen

In der besagten ZiB2-Sendung kommt ein Bericht zum neuen Bildungsminister nach dem Abgang von Heinz Faßmann. Zuerst kommt eine Einspielung mit Faßmanns Abschiedsrede, aus der zitiert wird:

„Die sozialen und psychischen Auswirkungen geschlossener Schulen sind bekannt. Deswegen habe ich mich auch immer für offene Schulen eingesetzt und das ist nach wie vor meine Überzeugung.“

Kein Wort zu den gesundheitlichen Auswirkungen offener Schulen bei Inzidenzen weit über 1000, in manchen Bundesländern zeitweise 2000 bis 3000. Wir hatten die Chance auf offene Schulen das zweite Mal nach 2020 erneut im Sommer verspielt. Es hätte dazu geeignete Schutzmaßnahmen gebraucht und eine sinnvolle TTIQ-Strategie (Gurdasani et al., 03/21), das heißt zum Einen CO2-Monitoring, Luftfilter, größere Räume/Hallen bereitstellen (für Kinder statt für Festln), Unterricht/Ausflüge/Sport im Freien, Maskenpflicht im Unterricht mit Kindermasken für die kleinsten, zum Anderen Ausbau der PCR-Kapazitäten im Sommer als Vorbereitung auf die Winterwelle (Hinweis: Niedrige Impfquote, DELTA!) und regelmäßiges Gurgeln auch abseits von Wien, aerosol-basierende Quarantäne-Maßnahmen, mit der die ganze Klasse in Quarantäne geschickt und durchgetestet werden muss, wissenschaftsbasierte K1/K2-Regeln (unabhängig von Altersgruppen und seit DELTA auch vom Impfstatus, mit Omicron dann auch Genesenenstatus, sowie vom Abstand in einem Raum).

Das ist jetzt nur ein Bruchteil der nötigen Maßnahmen, die mir spontan einfallen. Leider wollte man darüber nicht nachdenken, man hat auch in der Erwachsenengesellschaft versäumt, rechtzeitig zu bremsen, und mit hoher Hintergrundinzidenz und gleichzeitig fehlender Maskenpflicht im Unterricht (größter Fehler) einen massiven Perkolationseffekt (clusterübergreifende Infektionsketten, nicht mehr auf einzelne Cluster rückführbar, sinkende Erfolgsquote von Contact Tracing) erzeugt. Das Ende vom Lied ist ein vierter Lockdown und eine Situation, die jeder vermeiden will, nämlich Distanzunterricht ohne Sonderbetreuungsrechte, wodurch jetzt plötzlich die psychischen und sozialen Folgen für Kinder enorm an Popularität gewonnen haben.

Über die gesundheitlichen Folgen einer Infektion bei Kindern redet niemand, und während man bei einer Wahrscheinlichkeit von 1:100 000 für Hirnvenenthrombosen nach Astra Zeneca-Impfung noch hysterisch Impftermine abgesagt hat, sind 1:1000 oder 1:5000 beim Multientzündungssyndrom MISC bei Kindern offenbar tolerabel genug, die Kinder stillschweigend durchzuseuchen. Nur: Es gibt eine ganze Menge Kinder im Land, und das sind dann nennenswert viele Betroffene. Offenbar erwischt es aber nur jene Eltern, die nicht politisch oder journalistisch aktiv sind, sonst könnte man durch Erfahrung am eigenen Leib auf mehr flammende Plädoyers für Kinderschutz hoffen. Dazu kommen schwere Verläufe durch Doppelinfektion mit RSV und Long COVID auch bei Kindern. Und auch hier wird „erkranken seltener“ zu „nehmen wir in Kauf, solang es unsere Familie nicht betrifft“.

In der nächsten Einspielung wird „ein Teil der Eltern und Schülerinnen sorgt sich nun, ob der neue Bildungsminister etwas an der Politik der offenen Schulen ändern könnte.“ Gelegenheit für eine Aussage gegeben ….

Karl Dwulit, Landesverband der Wiener Elternvereine: Wir Eltern haben schon eine klare Vorstellung, was der neue Minister, so er denn angelobt wird, auch beibehalten sollte, nämlich die Schulen offen zu halten. Wir waren sehr froh, dass es der Bundesminister Faßmann geschafft hat, die Schulen offenzuhalten, bei all den Unwägbarkeiten, die es dort gibt.“

Mal abgesehen vom königlichen Wir ist Unwägbarkeiten schon ein starker Euphemismus für das massive Infektionsgeschehen, was sich dort entwickelt hat. Und auch, wenn man das nicht so gerne hört: Kinder infizieren sich und geben die Infektion weiter – die berühmten Haushaltscluster. Der ORF ist sich auch nicht zu blöde, das offen zu schreiben:

Was die Orte der Ansteckung betrifft, dominierten – mitten im österreichweiten harten Lockdown keine Überraschung – die privaten Haushalte. Von den geklärten Fällen ließen sich 87,3 Prozent diesem Setting zuordnen, in Wien waren es sogar 90,3 Prozent.

Dem Bildungsbereich wurden österreichweit 6,7 Prozent der Infektionen zugerechnet. Das ist ein geringerer Wert als in den beiden vorangegangenen Wochen, was insofern von Interesse ist, als Schulen vom Lockdown ausgenommen sind. Weiter auffallend: 0,8 Prozent wurden dem Sektor Arbeit zugeordnet, dem Bereich Freizeit 2,8 Prozent.

Ja, nur wie kam das Virus in die Haushalte? Durch den Abfluss? Schule und Arbeit sind die am geringsten beschränkten Virusdrehscheiben mit den meisten potentiellen haushaltsfremden Kontakten.

Infektinszahlen pro Altersgruppe und Bundesland, Stand 03.12.21

Man braucht keine größere Grafik, um zu erkennen, dass in allen Bundesländern mit großem Abstand die 5-14jährigen führen, also Schulkinder, und die meisten davon sind noch ungeimpft. Die infizierten Kinder tragen es in die Haushalte, Pech gehabt haben Hochrisikopatienten, bei denen der Impfschutz nicht gut wirkt und generell alle, die noch keine dritte Impfung erhalten haben, oder gar nicht geimpft sind. Das Mitleid mag sich in Grenzen halten, aber fast jeder hat Schwurbler im größeren Verwandtenkreis, denn irgendwoher müssen die 15-20% Impfverweigerer ja herkommen, und jeder ungeimpfte Covidschwerkranke belegt ein Spitalsbett, das ein NonCovid-Patient brauchen wird. Also ja, auch wenn es uns ankotzt, die Ungeimpften [Eltern] sind Teil des Problems.

Welchen Sinn haben offene Schulen, wenn sie zu so einem gewaltigen Anstieg an Infektionen führen, der nachweislich nicht nur Kinder selbst betrifft, sondern auch die Pandemie im Lockdown weiter antreibt? Der Rückgang wäre viel schneller und nachhaltiger, wenn man die drei Wochen durchgestanden hätte im Distance Learning, sich zu den Weihnachtsferien gerettet und dann mit weitgehend uninfizierten Kindern ein einigermaßen sicheres Weihnachtsfest in der Familie ermöglicht hätte. So werden infizierte Kinder auf zu spät geboosterte Großeltern treffen. Good luck!

Natürlich könnte man differenzieren – warum muss eine ganze Klasse, die geimpft ist, ins Distance Learning? Warum werden Skikurse für Schüler gestrichen, aber für den Tourismus bleiben Skipisten und Hotels geöffnet? Es ist die gleiche Bigotterie wie im letzten Winter, und wird leider die Vermehrung von OMICRON beschleunigen, durch „Genesung/Impfung“ ungetestete Reisende, die gegen OMICON nicht immun sind. Letzendlich trifft es dann wieder die Schulen, denn auch die vielen, vielen infizierten Kinder sind wahrscheinlich nicht gegen OMICRON immun (Pulliam et al., 02.12.21).

Der designierte Bildungsminister Martin Polaschek, Nachfolger von Faßmann, wollte sich bei der nächsten Einspielung nicht zum Schulbereich äußern, zumal er die letzten 1,5 Jahre damit beschäftigt war, die „Pandemie an der Universität zu meistern“.

In Summe kommen Gegenstimmen in diesem Beitrag nicht vor. Von ausgewogener Berichterstattung kann keine Rede sein. Man hätte Interviews und Aussagen von AHS-Schulsprecher Mati Randow einspielen können, damit auch SuS zu Wort kommen, die auf eine sichere Schule gehen wollen und nicht an einen Ort, wo sie ständig der Gefahr ausgesetzt sind, sich zu infizieren, wo es jede Woche zu Quarantäne kommt, und sie in der Quarantäne im Gegensatz zum Distance Learning nicht am Unterricht teilhaben können.

False Balancing nicht erkannt?

Armin Wolf gibt FALTER-Chefredakteur Florian Klenk in diesem weinerlichen Text auf Twitter Recht, dessen Ursprung teilweise eine Reaktion von mir auf Aussagen der grünen Bildungsprecherin Sibylle Hamann war. Auf sachlich vorgetragene Gegenargumente reagiert er so:

„Ich habe zur Kenntnis genommen, dass sich in der Schuldebatte Expert·innen ziemlich uneins sind. Und kein Debattenbeitrag in der Sache rechtfertigt etliche der Kommentare, die Klenk zitiert.“

Es besteht wissenschaftlicher Konsens darüber, dass Inzidenzen von 3000 an Schulen nicht ausschließlich über Erwachsene auf Kinder übertragen werden, sondern sehr wohl umgekehrt und untereinander. Es besteht ebenso wissenschaftlicher Konsens darüber, dass Schulen ohne ausreichende Schutzmaßnahmen ideale Superspreadingorte sind. Es besteht Konsens darüber, dass Schulschließungen am effektivsten wirken (Mendez-Brito et al., 06/21). Es besteht Konsens darüber, dass Kinder zwar seltener als Erwachsene, aber schwer erkranken können. Der RKI-Chef in Deutschland, Lothar Wieler, sagt deutlich, dass jedes schwer erkrankte Kind vermieden werden muss.

Auf Nachfrage, welche Expertinnen sich denn uneins wären, antwortet Wolf mit dem Link auf die Stellungnahme der ÖGKJP.

So ging es weiter….False Balance in Reinkultur. Unwissenschaftliche Veröffentlichungen von Kinderärzten werden auf eine qualitative Ebene mit denen von Mikrobiologe Wagner (und zahlreichen internationalen Experten) gestellt. Da passt dann gut das folgende Bild:

Genau die Regeln gelten, aber halt nicht an den Schulen und Kindergärten:

  • keine Maskenpflicht im Unterricht
  • wenig sensitive Nasenbohrtests seit Jänner 2021
  • teilweise nur 1x Gurgeln die Woche, sonst Antigen
  • „Alles-Spült“-PCR lange Zeit mit zu niedrigem Cut-Off-Ct-Wert.
  • K2 statt K1 bei Kontaktfall, dürfen weiter in die Schule gehen
  • Kinder unter 10/12 Jahren lange gar nicht getestet
  • Kindergarten weitgehend ungeschützt, nicht einmal Impfpflicht für ErzieherInnen
  • Quarantäne nicht für alle Kontaktpersonen, sondern nur im engen Abstand, Aerosole ignorierend

Man muss sagen, Respekt an Allerberger, Schmid, Faßmann und Apfalter (und Kerbl) – die Strategie ging perfekt auf: „Flood the zone with shit!“ Wir binden den Eltern wöchentlich einen neuen Bären auf mit all den angeblich so perfekten, sicheren Maßnahmen, die wir einführen, und zwar so oft, bis sie es glauben. Nur, lieber Herr Wolf, der mich auf Twitter geblockt hat: Wenn es diese zig Regeln und Maßnahmen gibt, warum haben sich dann von den ca. 850 000 5-14jährigen in Österreich bereits 145 000 infiziert? Das sind bereits 17% dieser Altersgruppe (Stand, 03.12.21). Ab welchem Prozentsatz ist Durchseuchung keine „polemische Kampfvokabel“ mehr, zumal sie von anderen Politikern und Beratern der Regierung offen suggeriert bzw. zugegeben wird?

„Ich glaube, dass „digitaler Heugabelmob“ eine abs. zutreffende Beschreibung für ein best. Diskursverhalten auf Twitter ist. Ich glaube nicht, dass man Menschen, die seriös über Strategien für sichere Schulen/Kinder diskutieren, bewusste „Durchseuchung“ unterstellen sollte.“

Das ist so wie mit „Zwangsgebühren“. Wer diese Dumm-Vokabel verwendet, will nicht diskutieren und schon gar nicht lernen, sondern agitieren. Das interessiert mich nicht. Würde mich Agitprop interessieren, wäre ich Parteifunktionär geworden.“

Siehe meine vergangenen Blogtexte dazu. Eine Politikerin, die einen Prozentsatz LongCOVID auf die Gesamtheit aller Kinder und nicht auf infizierte Kinder bezieht, dann in einer öffentlichen Stellungnahme noch zwischen Infektion und Erkrankung unterscheidet (Leerdenkerlogik, dass ein positiver PCR-Test keine Erkrankung nachweisen würde) und gar behauptet, wer viel testet, würde viele Infektionen finden, und dabei ignoriert, dass Schulen per se effektive Virendrehscheiben sind, will offenbar nicht seriös diskutieren.

Ja, und das ist ja bewiesen in anderen Ländern, siehe Brasilien, siehe Indien, siehe UK, überall dort, wo der Lockdown zu spät kam, siehe viele Länder Osteuropas, siehe Balkan mit niedrigen Impfquoten. Das ist das Konzept Durchseuchung. Nicht immer gewollt. Tiefes Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den ehemaligen Ostblockstaaten. Verschwörungsmythen gegen die Impfung, die Hochkonjunktur haben, teilweise religiös verwurzelt sind. Es gibt viele Gründe. Dazu zählt auch der schwedische Weg:
Und siehe da: Österreich ist einen großen Teil des schwedischen Wegs (hier in rot verglichen: Österreich) mit gegangen!
Kerbl im Zib-Interview am 20. August 2021 – „Grundinfektionsrate“ als Euphemismus für Durchseuchung.“

Auf den vorgebrachten Screenshot eines Intensivmediziners reagierte Wolf nicht.

Auf Kommentare darunter reagiert Wolf nicht mehr.

Ja, zugegeben, wenn ich völlig blank in der Pandemie wäre, kein Twitter hätte, keinen Wissenschaftlern aus aller Welt seit Beginn folgen würde, dann tät ich auch so reagieren: Grüne Politiker, die neoliberal-rechte Ideologiepolitik durchpeitschen wollen? Seriously? Ich hab dazu schon einiges rercherchiert und meine Chronologie des Schwedischen Weges ab März 2020 zeigt die politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Verstrickungen der Great-Barrington-Ideologen auf. Um sich darauf einzulassen, muss man aber weggehen von politischen Farben und Abneigung gegenüber vermeintlichen „Kampfvokabeln“.

Zuletzt verwendete auch Epidemiologe Robert Zangerle diese „Kampfvokabel“ in seiner letzten Seuchenkolumne:

„Auf die wieder Genesenen zu setzen, um die Auslastungen des medizinischen Systems „danach“ wieder zu mildern („Mitigationseffekt“) und dabei wie selbstverständlich LongCovid zu ignorieren, das ist schon starker Tobak. Oder eine schöne Umschreibung für die „zugelassene“ Durchseuchung durch die Politik. Welche Familiendramen sich jetzt häufen, ist schlicht unfassbar. Und es ist kein Klischee, dass Kinder das Virus nach Hause bringen, und Großeltern dann nicht selten schwer krank werden und sterben.“

Wozu brauchen wir noch Journalisten?

Zuletzt hatte ich das Buch in der Hand, als ich über Citizen Journalismus (S. 70ff) recherchierte.

„Wolf hat (wie alle) eine vorbereitete Liste von Fragen, die er durchzubringen versucht. Aber er hört dem Interviewten genau zu und weicht (und das können nicht viele) spontan von der Fragenbatterie ab und verfolgt möglicherweise lohnendere Spuren durch gezieltes Nachfragen.“ (Seite 21)

Nach Wolf sind die vier zentralen Funktionen des Journalisten (Seite 64)

  • Recherche: Sammeln und Überprüfen von Informationen
  • Selektion: Bewerten und Auswählen von Informationen
  • Redaktion: Aufbereiten
  • Publikation: Veröffentlichung

Wenn es um wissenschaftliche Themen der Pandemie geht, fällt auf, dass politisch versierte Journalisten wie Wolf, Klenk, Tóth, aber auch viele andere Politik-Profis große Defizite bei Recherche und Selektion aufweisen, was vor allem die Erkennung von PLURV und davon besonders False Balance (siehe Aufgeblähte Minderheit) betrifft.

„Wir haben den falschen Konsens, also das Präsentieren einer Gruppe von scheinbaren Experten. Ich sage hier nur Great Barrington Declaration: Das ist eine ganze Gruppe von Pseudoexperten. Die sind alle nicht aus dem Fach, haben sich aber über infektionsepidemiologische Themen laut geäußert, in Form von schriftlichen Stellungnahmen. [….] Wir haben das typische Phänomen der „false balance“ in den Medien: Das Präsentieren vom Vertreter der einen und der anderen Meinung, sodass diese Meinungen als gleichgroß dargestellt werden, wohingegen in Wirklichkeit eine absolute Minderheitsmeinung gegen eine Mehrheitsmeinung steht. Die Mehrheitsmeinung wird aber häufig von Leuten vertreten, die professionelle Wissenschaftler sind und die neben der Medientätigkeit auch andere Berufstätigkeiten haben. Die können nicht so auf die Trommel hauen, die schaffen das einfach aus zeitlichen Gründen nicht. Deswegen sieht das am Ende in den Medien so aus, als wäre das 50:50. [….] Wenn man auf die Intensivstation schaut, sieht man, dass die durchschnittlichen Patienten um die 60 Jahre alt sind und nicht über 80 Jahre. Die kommen nicht aus Altersheimen. Die kommen aus der normalen Breite der Gesellschaft. Und denen ist nicht geholfen, wenn man die Altersheime abschirmt. Das meine ich mit so einem Blendgranaten-Argument.“

NDR-Podcast mit Christian Drosten, Nr. 82 (30.03.21)

„Das heutige Bild eines Journalisten ist des deshalb nicht mehr das eines Gatekeepers, glaube ich, sondern das des Kurators. Derjenige, dem Sie zutrauen, dass er für Sie auswählt, welchen Informationen Sie ihre begrenzte Zeit und Aufmerksamkeit widmen sollen.“ (Seite 78)

„Genau diese Urteilskraft – die Unterscheidung zwischen wichtig und unwichtig, wahr und unwahr, Sinn und Unsinn – ist die Kernkompetenz professioneller Medien, Redaktionen und Journalisten.“ (Seite 79-80)

Beides hat bei mir gelitten seit Pandemiebeginn – sowohl das Zutrauen in den Kurator als auch die Urteilskraft als Kernkompetenz. Nicht nur bei mir und anderen BürgerjournalistInnen und BürgerInnen anscheinend, sondern auch bei Virologe Drosten und vielen anderen WissenschaftlerInnen, die sich innerhalb des wissenschaftlichen Konsens bewegen und von der normativen Kraft des Faktischen beseelt sind, die sich selbst korrigieren oder auch mal frei heraus sagen, dass sie sich geirrt haben, während sich „zu einer Überlastung des Gesundheitssystems wird mit hundertprozentziger Wahrscheinlichkeit nicht kommen“-Klogreifer erst zurückzuziehen und dann auf Facebook weiterhin gegen jede wissenschaftliche Faktenlage agitieren.

Wenn es also um das Thema Kinder geht, das in der gesamten Pandemie von Politik, Scheinberatern und Medien unehrlich behandelt wurde, dann erwarte ich mir von einem bezahlten, professionellen Journalisten, der Preise für seine Qualität als kritischer Interviewgeber bekommt und dieses schlaue Büchlein geschrieben hat, dass er seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird.

In unzähligen NDR-Podcasts sowie in zahlreichen Studien wurde belegt, dass Kinder Teil des Infektionsgeschehens sind, sie infizieren sich und übertragen das Virus. Heimische CSH-Wissenschaftler kamen schon im Juli 2020 zum Schluss, dass Schulschließungen am effektivsten sind. Ein systematischer Review von Mendez-Brito et al. (07/21) bestätigte das nochmals. Wenn Schulschließungen so effektiv sind, heißt das im Umkehrschluss, dass viel Infektionsgeschehen in den Schulen stattfinden muss, oder? Die normative Kraft des Faktischen. Und zwar egal, wie viel oder wenig dort getestet wird. Tests ohne Absonderungs-Konsequenz sind lediglich die Dokumentation der „zugelassenen“ Durchseuchung. Tests schützen ungeimpfte Kinder nicht vor Ansteckung. Bei niedriger Hintergrundinzidenz kann man mit den oben aufgezählten Maßnahmen (v.a. Maskenpflicht im Unterricht) Präsenzunterricht aufrechterhalten. Bei explodierender Hintergrundinzidenz geht das nicht mehr, da das Virus dann über die Kinder auf andere Kinder und zurück zu den Erwachsenen durchrauscht und ab einem bestimmten Anteil an infizierten Kinder auch Masken nicht mehr so gut vor Ansteckung schützen (speziell nicht, wenn Kinder meistens Stoffmasken tragen).

Ebenso besteht Konsens darüber, dass Long COVID existiert, PIMS und auch schwere Verläufe. Viel seltener als bei Erwachsenen, aber für gewöhnlich gewichten wir die Gesundheit der Kinder höher als die von Erwachsenen. Sie haben ihr Leben noch vor sich und eine chronische Krankheit oder Behinderung in der Kindheit erworben wird sie möglicherweise ihr ganzes Leben noch beeinträchtigen. Daneben wissen wir natürlich, dass psychische Folgen auch auf Schulschließungen zurückgeführt werden können, neben allgemeinen psychischen Folgen der gesamten Pandemiesituation, Angst vor eigener Erkrankung, Angst, seine Angehörigen anzustecken, Angst um schwerkranke oder chronisch kranke Angehörige. Zukunftsängste, aber auch Belastungen durch ständige Quarantäne und Isolation, Bewegungsmangel, etc. Entsprechende „Studien“ von bestimmten Kinderarzt-Vereinigungen und des ÖGKJ und manch schwindliger Schlafforscher aus Salzburg, die Monate vor noch Bhakdi auf Twitter gelobt haben, sind aber häufig als tendenziöse Umfragen ausgeführt, versagen bei wissenschaftlichen Standards und werden zufällig immer dann aktiv beworben, wenn sich so etwas wie Widerstand in der Politik formt, Schulen zu schließen, so wie zuletzt sogar von den Landeshauptleuten in Salzburg und Oberösterreich bei horrenden Inzidenzen in der Altersgruppe der Schüler.

Dabei hätte es seit dem Sommer 2020 ein banales „one size fits all“-Heilmittel bereits verabreicht gegeben: ZERO COVID. Im Sommer 2020 waren die Inzidenzen für einige Wochen sehr niedrig und mit dem damals schon von Aerosolforschern bekanntem Wissen um den Übertragungsweg (Aerosole) hätte man mit CO2-Messungen und Maskenpflicht sicheren Unterricht gestalten können, oder gleich so oft wie möglich ins Freie wechseln. Leider lässt das starre Bildungssystem mit festen Semesterzeiten die saisonal günstigeren Bedingungen für Outdoor-Schooling nicht nutzen (außer: Sommer-Schulen), und etwa längere Ferienzeiten stattdessen für den Winter einplanen. Die Chance wurde versäumt, ZERO COVID als totalitäre Phantasien (Klenk, Tóth) verschrieen und tief in eine Schublade gelegt – und nur gelegentlich von vielen Medien hervorgeholt, um ZERO COVID schlecht zu reden, deren Strategie als gescheitert oder realitätsfern. Mit einer abklingenden schweren DELTA-Welle und einer OMICRON-Welle in den Startlöchern, mit zehntausenden zunehmend aggressiven Demonstranten, die auch vor Spitälern und deren Personal nicht Halt machen, mit dem überlasteten Spitalspersonal, ivon dem viele zu kündigen drohen und das ohnehin schon dünner aufgestellt ist als bei der zweiten Welle, und mit über 12000 Toten, geschätzten 50000 bis 60000 LongCOVID-Kranken, darunter auch tausende Kinder, kommt vielleicht die leise Erkenntnis, dass ZERO COVID besser gewesen wäre – das hätte alle Probleme, die psychischen, sozialen und gesundheitlichen Folgen ebenso wie die wirtschaftlichen Folgen in Luft aufgelöst – oder zumindest den Schaden bei einer konstant niedrig gehaltenen Fallzahl und damit lokal, regional beherrschbarem Infektionsgeschehen gering gehalten.

So müssen wir mit Maßnahmen immer alle mit einschließen, und weil auch im zweiten Jahr aufgrund von Föderalismus und vorgeschobenem Datenschutz keine wissenschaftliche Begleitung einzelner Maßnahmen und deren Effekte stattfindet, sorgt das Gießkannenprinzip dafür, dass auch geimpfte Schüler in Wien auf Zoobesuch, Wandertag und Skikurs verzichten müssen, während Freizeitskifahren in den westlichen Bundesländern erlaubt ist. Absurde Welt. Dafür kann der Nikolaus mit 2G-Nachweis maskenlos ganze maskenlos Familien mit DELTA oder OMICRON ansandeln, weil die Regierung immer noch sehr darauf erpicht ist, die Bevölkerung ständig mit wegfallenden Käsescheiben zu belohnen, statt sie bestmöglich zu schützen und die Ansteckungsgefahr gering zu halten.

Schweizer Käse-Verteidigung gegen das Virus. Je mehr Käsescheiben, desto besser der Schutz vor Infektion.

Das könnte sie auch, wenn sie neue wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen würde, z.B. dass Impfstoffe alleine die Pandemie nicht beenden werden (Moore et al., 03/21), dass man für impfinduzierte Herdenimmunität mindestens die Kinder und Jugendlichen braucht (Liu et al., 07/21), zuvorderst natürlich für ihren eigenen Schutz, und Empfehlungen, Kinder zu impfen nicht ausreichen werden, speziell nach der Negativkampagne von den Kinderschwurblern, die mit Sicherheit viele abhalten werden, aber auch von beratenden Wissenschaftlern, die bei jedem Interview nur für Risikokinder die Impfung ab Zulassung empfohlen hätten. Und: wie zahlreiche Studien zu Impfdurchbrüchen schon lange zeigen, auch Zweifach Geimpfte können sich anstecken und das Virus übertragen. Und – leider zeigt das die neueste Correspondence von Kissler et al. (01.12.21) – gab es keine signifikanten Unterschiede beim Höhepunkt der Viruslast zwischen geimpften (Breakthrough Infection) und ungeimpften Infizierten, oder anders ausgedrückt: Geimpfte, die sich infizieren, sind ähnlich ansteckend wie Ungeimpfte, wenngleich die Viruslast rascher abnimmt und die Infektion kürzer dauert als bei Ungeimpften.

Heißt, nach dem Wildtyp kam ALPHA und die Impfung hätte, hohe Durchimpfungsraten vorausgesetzt, den Herbst und Winter um einiges gemütlicher machen können. Es kam aber DELTA und die Impfquote blieb niedrig. Obwohl wir wissen, dass Geimpfte das Virus übertragen können, wird stur an 2G festgehalten, am Arbeitsplatz an 3G. Dabei ist längst klar, dass die Tests weitergehen werden und ebenso wie die Masken integraler Bestandteil der „neuen Normalität“ sein werden. Tests werden immer dann nötig sein, wenn die Inzidenz hoch ist und/oder Indoor-Situationen aufgesucht werden, wo Masken nicht getragen werden können (Konsumation bzw. Feiern). Und jetzt kommt OMICRON und befällt zunehmend Genesene (Pulliam et al., 12/21, preprint). Damit stehen mit einem Schlag sämtlich gerade erst „genesenen“, aber noch ungeimpften Kinder wieder auf dem Präsentierteller für OMICRON, dazu kommen mehrere hunderttausend Erwachsene, die die Infektion überstanden haben. Hat schon jemand darüber nachgedacht, was es für LongCOVID-Kranke bedeuten kann, wenn sie vor OMICRON nicht geschützt sind?

Zib2 vom 05.12.21, aktuellstes Beispiel für „Aufgeblähte Minderheit“:Seit Beginn wird ja über die Gefahr, die für Kinder ausgeht, diskutiert.“ Kein Wort zu Longcovid bei Kindern – und dafür war der Intensivmediziner auch gar nicht eingeladen. Warum lädt man eigentlich nicht zwei Mediziner ein, Hausärzte z.B. oder LongCOVID-Ärzte wie Ramin Nikzad oder Michael Stingl?

Also in Summe könnte man da einiges recherchieren, wenn man ein wenig outside of the box denkt, bei der Selektion hilft Erfahrung seit Pandemiebeginn: Wie unterscheide ich Sinn von Unsinn? Ich verfolge die Empfehlungen von Mai Thi Nguyen-Kim, wie man relevante Experten erkennt, ich achte auf die typischen PLURV-Anzeichen und habe meine private Zitatsammlung von relevanten Experten und solchen, die sich zwar gerne ins Rampenlicht drängen, aber ständig epistemic trespassing betreiben. Daraus habe ich einen relativ zuverlässigen Kompass entwickelt, der mich sicher durch das Fahrwasser der Falschaussagen navigiert – die relevanten Experten lagen einfach viel seltener falsch, korrigierten sich früher und trafen vor allem keine schwerwiegend falschen Aussagen, die Menschenleben gefährdet hätten.

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