Tag 145: Was an Informationen fehlt …

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Bewegung im Freien – die beste Prävention

Nehmen wir für einen Augenblick an, Österreichs Regierung hätte nicht mit Angst vor 100 000 Toten gearbeitet, sondern hätte eine Chefvirologin, Chefepidemologin oder mehrere Chefvirologinnen ernannt, die bei jeder Pressekonferenz dabei sind und den Sinn der einzelnen Maßnahmen erklären. Die Bevölkerung wäre kontinuierlich und umfassend über die Gefahr des Virus, die Übertragungswege und die Schutzmaßnahmen aufgeklärt worden. Dies wäre überdies mit der Ansprache an die „lieben Bürgerinnen und Bürger von Österreich“ geschehen und Gesundheitspersonal sowie Sozialarbeiter wäre in Orte oder Grätzel mit hohem Anteil nichtdeutscher Muttersprache gegangen, um Infoblätter in diversen Sprachen auszuteilen. Ich weiß nicht, ob wir in so einem Szenario so ein hohes Wurschtigkeitslevel wie derzeit erlebt hätten – die viel zitierte Eigenverantwortung, die in Wahrheit Fremdverantwortung und Solidarität bedeutet, hätte als Grundlage Wissen gehabt. Wenigstens in Grundzügen eine Ahnung darüber, dass ich unbemerkt Träger und Weitergeber des Virus sein kann und das Risiko drinnen viel größer ist als draußen. Das von mir gerne zitierte Vorbild Vietnam (siehe Tag 122: Mittendrin) hat zwei wesentliche Leitsätze, die für mehr Verständnis, aber auch gegenseitige Solidarität förderlich sind:

  • Klare Kommunikation ist entscheidend: Eine klare, konsistente und ernsthafte Erzählung ist während der ganzen Krise wichtig.
  • Ein starker gesamtgesellschaftlicher Ansatz beteiligt unterschiedlichste Interessensgruppen im Entscheidungsprozess und ermutigt zum Zusammenhalt bei geeigneten Maßnahmen.

Klarerweise hat Österreichs Regierung nichts davon durchblicken lassen. Es wurde (Wien-) Wahlkampf auf Kosten der Minderheiten und der wachsenden Bevölkerungsschicht geführt, die jetzt durch die Krise ihren Job verloren, Einkommenseinbußen erlitten haben oder ihren Job noch verlieren werden, weil die Pandemie noch mindestens ein Jahr lang andauern wird.

Was fehlt, sind Informationen* über ….

*Alle Kapitel habe ich mit Verweisen zu den für mich besten Artikeln versehen.

1) Spätfolgen

In den ersten drei Monaten war das noch nicht abschätzbar, was an Komplikationen auf uns zukommt. Seit Ende Mai bzw. Juni nimmt aber nicht nur die Anzahl beunruhigender Anekdoten von Betroffenen und (vorwiegend) Hausärzten, sondern auch aussagekräftige Studien deutlich zu.

In der Berichterstattung fehlen diese teils gravierenden und mitunter irreparablen Spätfolgen leider völlig. In den Köpfen der Menschen hat sich festgesetzt: 80% der Infizierten bemerken die Infektion gar nicht und leben danach weiter wie vorher – und insbesondere junge Menschen erkranken gar nicht oder höchstens leicht – was dazu geführt hat, dass gerade in dieser Bevölkerungsgruppe die Infektionszahlen sprunghaft angestiegen sind. Es sind aber gerade die wenigen Einzelfallberichte mit schwerwiegenden Langzeitfolgen, die vor allem von jungen Menschen kommen – nur wird darüber zu wenig und vor allem nicht offiziell berichtet.

Der Leiter der AGES äußert sich in diesem Artikel nur über die Sterberaten bei Covid19:

Allerberger gehört im Umgang mit dem neuen Coronavirus zu jenen Experten, die es nicht als „ganz gefährliches Virus“ sehen wollen. So plädierte er im Beraterstab der Coronavirus-Taskforce des Gesundheitsministers etwa dafür, Schulen und Kindergärten eher nicht zu schließen.

[…]

Für Personen unter 40 ist das Risiko, an Covid-19 zu sterben, im Vergleich zum Motorradfahren oder zum Bergsteigen gering.“

Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000119089756/oesterreichs-oberster-virendetektiv

Es war für mich auch lange Zeit beruhigend, dass in meiner Altersgruppe kaum infizierte Personen an Covid19 gestorben sind. Mit diesem Wissensstand hätte ich mich die letzten Monate wohl auch etwas sorgloser verhalten als ich es tatsächlich tat.

Was hier aber fehlt, ist ein Wort zu den Spätfolgen auch bei Menschen unter 40 Jahren, ebenso fehlt übrigens, dass über Monate hinweg umstritten war, ob Kinder gleich gute Überträger wie Erwachsene sind (was sie sind). Im Herbst ist völlig unklar, wie man das Risiko in beide Richtungen minimieren will – dass sich Kinder in der Schule anstecken und dann Eltern mit Risikofaktoren, oder dass im Umkreis der Schule die Infektionszahlen hoch sind und angesteckte Kinder andere Kinder anstecken. Und wenn man den Faktor Risikogruppe weglässt, bleiben immer noch unabsehbare Spätfolgen bei vorher gesunden Menschen.

Ich frage mich vor allem, wie es sich die erkrankten Betroffenen mit Spätfolgen auf Dauer leisten sollen, monatelang als Arbeitskraft auszufallen, einschließlich von pflegenden Angehörigen. Wer schaut auf sie? Wer nimmt sich bisher unbekannten chronischen Erkrankungen wie ME/CFS an, die von Covid19 und anderen Viruserkrankungen versucht werden können?

2) Aerosol-Übertragung

Was im Standard-Artikel ebenfalls wieder mit keinem Wort erwähnt wurde, ist die Übertragung über die Luft. Aber auch da hat sich bei der AGES noch nicht durchgesetzt, was sich in Studien und Fallbeispielen außerhalb Österreichs längst gezeigt hat: Das Virus wird überwiegend über winzige Tröpfchen (Aerosole) übertragen und nicht über größere Tröpfchen (Tröpfcheninfektion), die bis einen Meter Abstand rasch zu Boden sinken. Als aus Wahlkampfgründen seitens der ÖVP-Ministerin Köstinger die Bundesgärten in Wien während dem Lockdown geschlossen blieben, war ich Allerberger zunächst dankbar, als er etwas flapsig sagte „Das Virus hat keine Flügel.“ Bis heute besteht internationaler Konsens unter den Wissenschaftlern, dass die Ansteckungsgefahr draußen viel, viel geringer ist als drinnen. Sich über einen riesigen Park verteilende Menschen, selbst in Massen am Donaukanal oder am Strand, haben ein geringeres Risko sich zu infizieren als in einem Restaurant oder Club. Aber: Abstände in geschlossenen Innenräumen, wie von der AGES immer wieder verlautbart, reichen eben nicht aus, um sich vor einer Ansteckung zu schützen. Das wird nicht klar genug kommuniziert.

Update: Seit 31. Juli werden im Zusammenhang mit der Containment-Strategie des Sozialministeriums Aerosole explizit als Übertragungsweg genannt (S.3):

Personen die unabhängig von der Entfernung mit hoher Wahrscheinlichkeit einer relevanten Konzentration von Aerosolen ausgesetzt waren (z.B. Feiern, gemeinsames Singen oder Sporttreiben in Innenräumen) oder ungeschützten, direkten Kontakt mit infektiösen Sekreten eines bestätigten Falles hatten (inkl. medizinisches Personal während aerosolgenerierenden Prozessen ohne adäquate Schutzausrüstung)

Insbesondere der Text des Aerosol-Experten Jose-Luis Jimenez enthält umfassende Erklärungen über die Größenspektren von Aerosolen und was das für die Infektiösität bedeutet und widerlegt gleichzeitig die Argumente der Studie von Klompas et al. von der Harvard School:

3) Technische Prävention

Das hat natürlich auch Konsequenzen für Schulen, Universitäten und Arbeitsplatz. Es reicht eben nicht aus, ganztägig im Meterabstand auseinanderzusitzen, sondern entscheidend ist, wie oft und effektiv gelüftet bzw. die Luft gereinigt und ausgetauscht wird.

Es spielt aber selbst dann eine Rolle, wenn die infizierte Person den Raum schon längst verlassen hat, die von ihr ausgeatmeten Aerosole aber noch lange Zeit im Raum schweben. Vor kurzem war ich zwei Mal im Salonplafond des MAK am Ring. Ein großer Gastgarten, Liegestühle auf den Wiesen. Besser geht es nicht. Aber die Achillesferse waren die WC-Anlagen: Im Keller, mit schweren Glastüren, die von selbst wieder zufallen, keine geöffneten Fenster, extrem stickige und heiße Luft. Beim zweiten Mal setzte ich mir eine Maske auf, ich fühlte mich extrem unwohl dabei. Im Nachhinein ergab die scheinbar skurrile Verordnung, Masken am Weg zum Tisch und zum WC zu tragen, also doch Sinn. Insbesondere sollte man vor allem IM WC eine Maske tragen, selbst dann, wenn man alleine ist.

4) Masken als Selbstschutz 

Der wesentliche Punkt, der treibende Faktor der Pandemie, ist der Umstand, dass das Virus schon ein bis zwei Tage vor Auftreten der ersten Symptome übertragen werden kann, aber auch, wenn die Krankheit gar nicht ausbricht (infiziert, aber nicht erkrankt) – jedenfalls nicht sichtbar (Spätfolgen resultieren u.a. aus überschießenden Immunreaktionen nach bereits durchgemachter Erkrankung, weil das Virus sich in allen Organen festsetzt, die besonders empfänglich als ACE2-Rezeptoren sind). Ich neige inzwischen flapsig dazu zu sagen „Darum machen wir ja den ganzen Scheiß!“ Denn Infizierte mit Symptomen werden hoffentlich schon isoliert oder in freiwilliger Selbstquarantäne sein, sie werden die Nummer 1450 gewählt haben und abgesondert worden sein.  Mit anderen Worten: Im besten Fall hält sich jeder mit Symptomen schon gar nicht mehr unter anderen Menschen auf. Wenn die Erkrankten aber von der Liste zu streichen sind, warum trägt dann der Rest von uns Masken? Weil die Infektion unbemerkt vonstatten gehen kann. Das behirnen viele immer noch nicht. Was unsichtbar ist, existiert nicht – das ist wie mit psychischen Krankheiten.

Aus der Expertenrunde wird ein überzeugendes Beispiel genannt: Beim ersten Superspreading-Ereignis auf dem Kreuzfahrtschiff waren 40-45% durchwegs symptomfrei infiziert, bei einem weiteren Ereignis, wo frühzeitig Masken an alle verteilt wurden, waren es über 80%. Jeder schwere Erkrankungsfall, der vermieden werden kann, ist ein Gewinn. Je schwerer die Symptome, desto höher das Risiko von schweren und langwierigen Komplikationen in der Zeit nach dem letzten negativen Test, also wenn man in der Statistik längst als genesen gilt.

5) Gesundheitliche Prävention

Menschen mit Risikofaktoren wissen großteils selbst Bescheid, viele tragen prophylaktisch FFP2/3-Masken, wenn sie sich in die Öffentlichkeit wagen. Dennoch kann es zu Situationen kommen, wo keine Masken getragen werden können oder das Verständnis fehlt. Wo bleibt die große Präventionsoffensive? Oder wird die auch in die Eigenverantwortung abgeschoben?

6) Seelische Folgen 

Das umfasst soviele Aspekte, dass ich das allenfalls anreißen kann. Mir ist meine eigene Angst und Panikattacken in den ersten Wochen des Lockdowns noch in lebhafter Erinnerung. Das war alles viel zu absurd, das konnte gar nicht passieren, nicht mitten in Europa. Natürlich hatte ich Angst um mich, um meine Eltern, um die besten Freundinnen und Freunde. Immunsuppression, Asthma, Gefäßerkrankungen, Bypässe, Diabetes – die Risikofaktoren teilweise mehrfach vorhanden. Sich verabschieden quasi über Nacht vom alten Leben, von den Urlaubsplänen, von den Lebensentwürfen, von den eigenen Vorsätzen, die ich wenige Wochen noch während meines Kuraufenthalts erarbeitet habe und umsetzen wollte. Mit der zunehmenden Dauer der Pandemie und als langsam die wirtschaftlichen Folgen sichtbar wurden (natürlich begleitet vom dilettantischen und wahlkampfmotivierten Verhalten der türkisen Regierung) wuchs auch die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz – leider nur allzu berechtigt. Für mich steht meine Zukunft weiterhin auf der Kippe wie die von hunderttausenden anderen Arbeitsplätzen, wenn keine raschen und wirksamen Gegenmaßnahmen gesetzt werden. Ich wurde weich und habe eine wochenlange Isolation nicht durchgehalten. Wir haben im gegenseitigen Einverständnis beschlossen, das Risiko eingehen zu wollen und uns trotzdem getroffen – meistens im Freien, aber spätestens bei Ausflügen mit dem Auto gab es nur ein „entweder bist Du jetzt nicht infiziert oder ich hab es dann auch.“ Bisher ging es gut aus für uns, ob wir unwissentlich infiziert waren, werden wir nie erfahren. Ich kenne aber viele Bekannte, die die Selbstisolation konsequent durchzogen und über viele Wochen oder gar Monate keinen Besuch oder Umarmung hatten. Ohne seelische Narben hält das (fast) niemand durch. Selbst chronisch kranke Menschen, die unfreiwillig längere Phasen der Selbstisolation gewohnt sind, hatten zumindest vor Corona die Möglichkeit auf Besuch und Körperkontakt. Seit Corona ist selbst die Möglichkeit immer mit Gefahr verbunden, sich oder andere anzustecken. In einer globalen Lebenskrise, wie wir sie derzeitig erleben, finden wir den größten Trost ausgerechnet nur mit einer Handlung, die das Gegenüber dem größten Risiko aussetzt (direkter enger Kontakt). Ich glaube, dass wir an dieser paradoxen Situation noch lange zu nagen haben werden. Ein weiterer Punkt ist, dass viele Menschen gleichzeitig nicht so naiv sind und glauben, dass die alte Normalität wieder zurückkehrt. Selbst wenn mit einem oder mehreren Impfstoffen die Pandemie überwunden werden kann, bleiben die wirtschaftlichen, sozialen und finanziellen Verwerfungen bestehen. Deswegen glaube ich, dass ein Teil derer, die jetzt entgegen dem Risiko so weiterleben will wie vorher, das im Wissen tut, dass das bald nicht mehr so sein wird. Nächstes Jahr werden viele Hotels und Gastronomiebetriebe dauerhaft zusperren, die weltweite Pandemie sorgt für weiter nachlassende Nachfrage in vielen Wirtschaftszweigen und es stehen weitere hunderttausende Jobs auf dem Spiel. Einige von uns wissen jetzt nicht, ob sie im neuen Jahr noch oder wieder einen Job haben. Noch ungewisser ist die Perspektive für viele Jugendliche und junge Erwachsene nach Schule und Ausbildung. Man möchte jetzt nochmal die Sau rauslassen – weil dann, wenn es wieder geht, ist man vielleicht schon arbeitslos und kann es sich nicht mehr leisten. Deswegen wäre ein wesentlicher Ansatz seitens der Politik, Perspektiven anzubieten, Hoffnung zu machen statt zusätzlich Druck zu machen mit dem geringen Arbeitslosengeld (55% des Nettolohns vom Vorjahr), das nach den Plänen von türkisgrün künftig gar degressiv gestaltet werden soll. Die Kombination aus wirtschaftlicher und gesundheitlicher Krise ist nicht für jeden so einfach wegzustecken. Die einen machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder, die anderen leben alleine und fürchten alleine zu sterben, je länger die Krise andauert. Und chronisch Kranke fühlen sich von der Politik und der Mehrheitsgesellschaft ignoriert, die die Lockerungen voll ausnutzen und keine solidarische Eigenverantwortung mehr erkennen lassen. Es wird zu wenig über die psychischen Folgen der Pandemie geredet.