
Ich war jetzt eine Woche auf Wanderurlaub und bin erst heute zurückgekommen. Corona-Recherche war in dieser Zeit vollständig auf Pause, aber auch die Pandemie selbst scheint derzeit auf Pause. Um Missverständnissen vorzubeugen: SARS-CoV2 ist nicht verschwunden. Die Abwasserwerte zeigen weiterhin Infektionsgeschehen, wenn auch auf niedrigem Niveau. Über die Gründe wird momentan gerätselt. Fakt ist, dass die von mir im März vermutete große XBB.1.16-Welle ein Rohrkrepierer war. Ich habe mich geirrt, das gebe ich offen zu. Auf der sicheren Seite irre ich mich gerne. Derzeit kann sich keine neue Variante entscheidend absetzen wie zuletzt XBB.1.5, die bestehenden Varianten in Österreich verändern nur langsam ihre Anteile. Eine neue Variante oder lange genug abnehmende Immunität in der Bevölkerung gegen die aktuell dominierende Variante sind aber die Voraussetzung für eine neue Welle. Inwiefern saisonale Effekte eine Rolle spielen, sei dahingestellt. Der Reiseverkehr hat sich in der Mehrheitsgesellschaft normalisiert, ebenso Großveranstaltungen und allgemein Sozialverhalten. In den letzten Jahren begannen immer Ende Juni die erneuten Anstiege. Das heißt, wenn es da eine Regelmäßigkeit gibt, sollten wir das die kommenden zwei bis drei Wochen sehen.
Infektionsrisiko derzeit sehr gering
Das reale Infektionsrisiko bezüglich SARS-CoV2 ist derzeit wirklich gering. Die Abwasserdaten lügen nicht. Spitalsdaten sind kein guter Indikator, da sie verzögert auf die Fallzahlen reagieren. Wenn man einigermaßen sicher Sozialkontakte pflegen will, ist das momentan eine gute Zeit dafür. Im Freien sowieso. Bei Symptomen würde ich im jeden Fall Zurückhaltung üben und Antigen testen.
Zudem sollte man bedenken, dass auch weiterhin nur 10-20% aller Infizierten Superspreader sind, wo long range Aerosol-Übertragung eine Rolle spielt. Für die Mehrheit braucht es enge Kontakte über längere Zeit (short-range aerosol transmission) und ein Teil scheidet gar kein infektiöses Virus aus. Mit Stand 21. Juni 2023 zeigten die Sentinelpraxen in Österreich 21% Anteil von Rhinoviren, 17% Adenoviren, 7% Parainfluenza und 7% Enteroviren (Sommergrippe). Nicht jede laufende Nase ist also Corona, abgesehen von Allergien (v.a. Gräser).
Wenn man das Testangebot aufrechterhalten hätte, könnte man das bei Bedarf selbst überprüfen oder leichter zu Tests kommen. So werden das nur noch jene machen, die sich informiert haben und es für sich und ihr Umfeld wissen wollen. Die Grünen argumentieren gerne damit, dass man bei anderen Infekten auch nicht so einen Aufwand betreibt. Tja, es sind vor der Pandemie auch viele Ältere und Immungeschwächte an Influenza, RSV oder anderen Viren gestorben – vermeidbare Todesfälle, wenn man aus der Pandemie gelernt hätte: Testen, Maske tragen, Luftfilter, regelmäßig lüften, sich isolieren. Wir haben aber nichts gelernt – im Gegenteil: Highlight meines Urlaubs war die Frau mit Schnupfennase beim Frühstücksbuffet, hat sich dann direkt beim Buffet geschneuzt und hielt das verrotzte Taschentuch in der Hand, während sie den Orangensaft eingeschenkt hat. Danach ist mir der Appetit vergangen.
Ratlos
Ich weiß zum jetzigen Zeitpunkt nicht, wie es weitergehen wird und wie wir weiterverfahren sollen. Für mich gibt es einen großen Unterschied zwischen “aufgeben” und “Risiken gewichten“. Wenn ich aufgebe, dann hau ich mich in die Massen, gehe wieder in die Indoorgastronomie, in Discos und auf Konzerte. Das wäre volles Risiko. Dann erwischt man einen auch der ein oder andere “normale” Infekt wieder, den man jetzt drei Jahre lang erfolgreich vermieden hat. Vielleicht ist aber auch Covid dabei und das wird nach allem, was man über die Langzeitfolgen weiß, niemals ein harmloser Schnupfen sein. Dieses Restrisiko bleibt also. Ich bin derzeit nicht bereit, in dieses Restrisiko in einer Massenveranstaltung zu gehen, und trage auch in öffentlichen Verkehrsmitteln weiterhin FFP3-Maske.
Wenn es um “Risiko gewichten” geht, dann sind für mich die meisten Outdoor-Situationen sicher. Ich hab in den letzten drei Jahren immer wieder Leute im Freien getroffen, auch ohne Test, aber eben meistens vernünftige Menschen, die selbst aufpassen oder zumindest etwas sagen, wenn sie Symptome haben oder später entwickeln, und dann Bescheid geben. Ganz ohne Vertrauen geht es nicht. Auch indoor sind (kleinere) Treffen möglich, wenn man für gute Durchlüftung sorgt bzw. einen mobilen Luftfilter hat. Derzeit könnte man wohl größere Indoortreffen abhalten, aber hier kommt zur Risikoanalyse nicht nur die Inzidenz dazu, sondern auch individueller Impfstatus und Risikofaktoren – v.a. für LongCOVID.
Ich werde immer wieder gefragt, wie es mit der Impfung weitergeht. Nach allem, was ich weiß, bringen Pfizer und Moderna im Juli ein monovalentes XBB-Update heraus, das frühestens im September 2023 bei uns zugelassen wird. HIPRA und SANOFI ändern voraussichtlich nichts und bei Novavax rechnet man nicht vor Dezember mit einem auf XBB angepassten Impfstoff. Für Immunsupprimierte bzw. Personen, die offenbar stärkere Impfreaktionen (nicht: Impfschäden!) auf mRNA haben als auf andere Impfstoffe, ist das eine schlechte Nachricht. Es hängt auch da wieder davon ab, wann die letzte Impfung/Infektion her war, ob man warten kann, ob man Kinder hat und öfter exponiert ist, ob man mehrere Wochen schlechtere Verträglichkeit lieber aushält oder man besser mit den nicht angepassten Impfstoffen impft als gar nicht.
Ich kann dazu nichts raten, weil ich kein Arzt bin. Das Gschichtl mit der Hybrid-Immunität kaufe ich trotzdem nicht, denn wir wissen, dass signifikant viele Menschen nach einer Infektion kognitive Probleme entwickeln, die mehrere Monate andauern können. Je nach Job kann das echt gefährlich sein und wir sehen bereits mehr Autounfälle, aber auch Beinahekollissionen im Flugverkehr. Von den körperlichen Langzeitfolgen spreche ich da noch gar nicht. So gesehen lautet mein Rat nur: Besser Impfung als keine Impfung. Besser angepasste Impfung als Impfung mit Wildtyp-Anteil. Und das gilt explizit auch für (gesunde) Kinder. Wer nicht will, dass Kinder krank werden, impft seine Kinder.
Die politische Verantwortung ist nicht vergessen
Die Meldepflicht fällt im Juli. Die SPÖ-interne Personaldebatte ließ die Änderung im Epidemiegesetz in den Hintergrund treten. Nette Sonntagsreden schwingen im Nationalrat, wo das Gesetz dann beschlossen wurde, war zu wenig, liebe SPÖ. Auch Babler schweigt zum Infektionsschutz, auch zu LongCOVID, zu den vielen Krankenständen. Das Schweigen wird uns teuer zu stehen kommen. Jeder neuerliche Todes- oder LongCOVID-Fall bis zu den Wahlen 2024 hat nichts mehr davon, wenn das Team Babler erst dann das Thema anspricht. Man darf auch die psychologische Komponente nicht vergessen: Jene, die sich weiterhin schützen wollen oder müssen, haben keinerlei Fürsprecher in der Öffentlichkeit, werden ausgegrenzt und sogar aus Jobs gemobbt. Wer erhebt die Stimme für sie? Niemand? Wenn schon keine politischen Taten folgen, wäre es wenigstens seelischer Support, wenn man gehört wird, aber auch in der Öffentlichkeit vertreten wird. Natürlich ist klar, dass die Hauptverantwortung nicht bei der SPÖ liegt, sondern bei der Regierung. Ich habe da auch noch längst keinen Schlussstrich gezogen. Das ist nicht vergessen, was die letzten Jahre alles schiefgelaufen ist.
Ausblick
Selbst wenn wir einen ruhigen Sommer erleben, kommt uns der Herbst teuer zu stehen, durch Mehrfachwellen verschiedenster Erreger. Ich lehne mich ein wenig aus dem Fenster und vermute, dass wie im Vorjahr erst wieder eine starke RSV-Welle durchgeht, dann je nach Wachsumsvorteil der nächsten SARS-CoV2-Variante entweder Corona oder Influenza eine starke Winterwelle erzeugt, und danach die Corona/Influenzawelle sich draufsetzt. Also ein Herbst/Winter mit vielen Krankenständen – von denen wir jetzt eigentlich wissen, wie wir sie verhindern können – aber wir tun es nicht.
Manche hoffen darauf, dass die Wirtschaft zuerst schreit und Infektionsschutz durchsetzen will, um die vielen Krankenstände bei gleichzeitigem Personalmangel zu reduzieren. Solang genügend Menschen krank arbeiten gehen, ihre Kinder krank zur Schule schicken und vor allem Migranten in prekären Jobs gar keine andere Wahl haben als krank arbeiten zu gehen, wird die Wirtschaft wohl nicht groß aufmucken. Die Politik wird das heiße Eisen gar nicht mehr anfassen, weil nächstes Jahr gewählt wird.
Ein letzter Kommentar: Man kann die Maske nicht zu oft tragen. Wenn man unsicher ist, lieber Maske aufsetzen. Ich bin die letzten Tage viel im Regionalverkehr gefahren, auch mit Bus. Was da gehustet wird, ging auf keine Kuhhaut. Auch wenn es nicht Covid war, möchte ich als sportlich aktiver Mensch das andere Virenglumpat auch nicht mehr. Wie die Virologin Isabella Eckerle einmal schrieb: Es gibt kein Immunschuldkonto, auf das man ewig einzahlt und am Ende hat man immerwährende Immunität. Was man vermeiden kann, hat man nicht – ganz einfach.
Umgekehrt müssen sich immunkompetente Menschen aber auch nicht vor jedem Schnupfen fürchten, dass daraus Langzeitfolgen entstehen können. Das einzig Blöde an der Sache ist jetzt aber: Woher weiß man, was was ist? Ohne Surveillance, ohne öffentliches PCR-Testangebot, ohne gratis Antigentests in jeder Apotheke, ohne PCR-Tests beim Hausarzt, ohne bezirksgenaue Daten, ohne Meldepflicht. Genau das ist mein Problem: Mir geht es nicht darum, JEDEN Schnupfen zu vermeiden, sondern den trojanischen Schnupfen, mit dem sich SARS-CoV2 tarnt und im Körper sein Unwesen führen kann.
Blog Engagement
Ich schaff es nicht mehr, jede freie Minute bzw. Teil meiner Freizeit, und schon gar nicht meiner Bürozeit, Recherchen zu Corona zu betreiben. Daher werden die längeren Abstände zwischen einzelnen Texten wohl bleiben. Mit einem Redaktionsteam würde ich das wohl schaffen, aber als Einzelperson geht das einfach nicht. Ich bitte um Verständnis, dass ich auf mich selbst schauen muss und genügend Regenerationsphasen brauche, um weiterhin so stark zu bleiben.