
„The uncomfortable truth is that knowledge alone won’t protect you. Having higher levels of education can actually make you more vulnerable to cognitive traps like confirmation bias and overconfidence.“ (The Psychology of Deception, 25. Juli 2025)
Dass ich mittlerweile ausrücke, um Immunologe Marc Veldhoen zu verteidigen, mag den ein oder anderen verwundern, aber mich hat er die letzten ein bis zwei Jahre mit den schlüssigeren Argumenten basierend auf aktuellen Daten überzeugt. Ich wurde auf den obigen Artikel bzw. den ihn verbreitenden Account aufmerksam gemacht. Daraus schlussfolgert der User (Arzt, keine näheren Angaben zum Spezialgebiet), dass wir deswegen alle ständig krank sein würden, das Immunsystem sei dysreguliert. Naturgemäß versammeln sich in den Antworten viele Impfgegner, aber auch einzelne Gegenreaktionen, etwa des Immunologen Fabio Haslers, die vor Überinterpretation warnen.
Update, 08.12.: Von Science Communicator Edward Nirenberg gibt es nun ebenfalls eine kritische Analyse (man könnte sagen “Verriss”) dieser Studie. Im Thread äußern sich weitere Experten, etwa darüber, dass man eine solche “Gamechanger”-Studie, wie die Autoren selbst behaupten, kaum in diesem Journal veröffentlichen würde (auch Veldhoen geht in seinem Substack-Artikel darauf ein).
Dieser Immunologe (Zweitberuf Schafbauer, nicht vom Usernamen irritieren lassen), der u.a. zu Post-Covid forscht, spricht von der sogenannten “seesaw fallacy” (Kippfehler), einem Methodenfehler, den sonst nur Amateure machen würden. Nirenberg erklärt es im Beitrag davor (sinngemäß übersetzt): “Wenn man sich die Prozentanteile dieser Zellen im Blut anschaut (im Gegensatz zu absoluten Zahlen), werden kleine Unterschiede aufgebläht, weil sie insgesamt 100% ergeben müssen müssen. Das bedeutet: Ein Rückgang in einem Zellentyp bedeutet zwangsläufig eine Zunahme bei den Prozentanteilen eines anderen Zellentyps.”
Tatsächlich würde es aber keine biologischen Änderungen geben, das sei eine Folge der mathematischen Methode, mit relativen Prozenten zu arbeiten. Es gibt also keine T-Zellen-“Exhaustion”.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Veldhoen freundlich antwortet, wenn man höflich nachfragt – und wenn man an ihn Fachartikel heranträgt, dann macht er sich sogar die Mühe, diese zu analysieren und interpretieren – was naturgemäß enorm zeitaufwendig ist. Seltsamerweise bekommen die Beiträge von Veldhoen aber kaum große Reichweite auf Bluesky – mangels Algorithmus geht das nur über Reposts. So wirkt es dann so, als ob Veldhoen hier eine Außenseiterposition vertreten würde, und die Aussage, wir hätten alle unsere Immunsysteme durch Infektionen geschreddert, sei der wissenschaftliche Konsens. Die Gruppe wirkt aber nur auf Social Media so groß und spielt im realen Leben keine Rolle.
Der wissenschaftliche Konsens ist von Beginn an, dass es sich bei SARS-CoV2 um ein normales Atemwegsvirus handelt. SARS-CoV2 infiziert die Gefäßinnenwandzellen nicht, es ist keine vaskuläre Infektion, sondern vaskuläre Entzündung und die Folgen für das Herz-Kreislauf-System sind großteils indirekte Folge der Entzündungsreaktionen (Ahmetaj-Shala et al. 2025). Das erklärt auch, weshalb kardiovaskuläre Komplikationen mit der Impfung vielfach zurückgingen. Infektionen erzeugen Immunität durch B- und T-Zellen. Das Antikörperlevel geht mit der Zeit zurück, bei Reinfektionen werden neue Antikörper gebildet. T-Zellen sind langlebig und erkennen auch Varianten, weil sich bestimmte Bereiche der Virusoberfläche kaum verändern.
Das obige rezente Paper (Jiang et al 2025) wurde jedenfalls dankenswerterweise von Veldhoen ausführlich auf seinem Blog besprochen.

Die wichtigste Einschränkung, die im Beitrag von Holstein nicht erwähnt wird – übrigens auch sonst nicht von allen Accounts, die in dem Artikel einen Beleg für den “Leonardi-Effekt” sehen wollen (Anthony Leonardi behauptet seit Pandemiebeginn, SARS-CoV2 würde unser Immunsystem dauerhaft schwächen und vergleicht es mit AIDS): Es handelt sich um drei unterschiedliche Kohorten – einer vor Covid (China: Januar 2021 bis November 2022), einer während der Durchseuchung (Dezember 2022 bis Februar 2023) und einer nach der Durchseuchung (März 2023 bis August 2024). Es lassen sich also auf individuellem Niveau gar keine Aussagen darübertreffen, wie sich einzelne Infektionen ausgewirkt haben. Die Darstellung als Liniengraph suggeriert das aber!
Weiters gab es im “Post-Covid”-Zeitraum nach Aufhebung aller Schutzmaßnahmen auch etliche weitere respiratorische Infektionen wie in anderen Ländern auch, egal wie strikt die Maßnahmen ausfielen (also sowohl in Neuseeland, Schweden als auch Deutschland oder Österreich). Das ist auch für China belegt (Li et al. 2025). Im deutschsprachigen Raum sprach man von “Nachholeffekten” oder “Immunschuld” – Veldhoen und andere halten den Begriff Immunitätslücke oder Infektionspause für treffender. Damit ist zugleich klar, dass sie nicht für Reinfektionen werben und Covid damit verharmlosen wollen. Das klang bei Drosten zumindest in den Medien anders. Jeder müsse sich infizieren, damit Covid zum normalen Erkältungsvirus werde, hieß es damals und wir arbeiteten uns an Drosten ziemlich ab deswegen. Ich denke bis heute, dass sein Wording kommunikativ unglücklich war, auch im Kontext von Long Covid.
“Interessanterweise konnten Sympathie und Verehrung auch schnell in Enttäuschung und Hass umschlagen, wenn man das Gefühl hatte, der verehrte Held sei nicht mehr auf derselben Seite. Exemplarisch seien hier Personen genannt, die bis zur breiten Verfügbarkeit der Impfung eher für Vorsicht und Mitigation eintraten, anschließend aber den Weg heraus aus dem Ausnahmezustand skizzierten. Ab diesem Zeitpunkt galten sie in ihrer einstigen Fanbase als „Durchseucher“, ja gar als „Virenverkäufer“.” (Kathrin Schönberger, Laborjpurnal 2024).
Der Artikel zeigt unterm Strich jedenfalls nicht das, was er behauptet, weder eine dauerhafte Immundysregulation, weil die Werte innerhalb der natürlichen Variation bleiben und klinisch wahrscheinlich nicht signifikant sind, noch warum die Werte so dramatisch abstürzen. Andere Ursachen dafür sind wahrscheinlicher. Auch die Achsendimension bei der Subkohorte mit den kardiovaskulären Erkrankungen passt nicht, wie aufmerksame User herausfanden. Im Zeitraum Februar – August 2023 könnte sich also etwas geändert haben, was ursächlich nicht mit Covid zusammenhing. Bei der anderen Vergleichsgruppe sind andere Infektionen, die durch ZeroCovid vorher ausgeblieben sind, am wahrscheinlichsten und deshalb bleiben Lymphozyten erniedrigt. Wenn es einen Effekt geben würde, wird man das erst Jahre später feststellen. Doch spricht ebenso dagegen, dass es keinen Anstieg an opportunistischen Infektionen gibt. Diese sind nicht zu verwechseln mit saisonalen Krankheitserregern bzw. anderen Viren und Bakterien, die in wiederkehrenden Wellen zirkulieren – das hab ich die letzten Jahre recherchiert, weil mich das mit den “Nachholeffekten” damals nicht überzeugt hat, aber ich musste dann zugeben, dass es gestimmt hat. Fehlende Exposition durch die Pandemiemaßnahmen führte zur Abnahme der spezifischen Immunität. Deswegen war man nicht zwingend schwerer krank, aber eben häufiger. Ich infizierte mich im Dezember 2022, April 2024 und Oktober 2024 mit einem saisonalen Virus, dann im Juli 2025 mit Covid und seitdem nichts mehr (symptomatisch).

Die Covid-Doomer-Sekte geht aber noch weiter, sie sehen nicht nur den “Leonardi-Effekt” belegt, sondern darin auch die Begründung für das heuer mutierte Influenzavirus. Schmerzhafterweise sehe ich hier Accounts, denen ich selbst noch vor einem Jahr gefolgt bin: Harry Spoelstra, Conor Browne, darüber hinaus auch Spela Salamon, Vipin Vashishta, Yaneer Bar-Yam u.v.a. Dabei hat die aufkommende starke Influenzasaison 2025/2026 NICHTS mit Covid zu tun!
Unmittelbar vor Pandemiebeginn gab es eine schwere Influenzasaison – sogar einzelne Schulen in Tirol wurden deswegen geschlossen! (2019/2020). Ursache dafür waren gleich mehrere gedriftete H3N2-Stränge (Kladen 3c2.A und 3c3.A). Die letzte Wintersaison (2024/2025) fiel ebenfalls mancherorts stärker aus, hier war H3N2 an drei Stellen mutiert. Diese Saison gibt es sieben Mutationen. H3N2 ist dafür bekannt, dass sie stärker driftet als andere Influenzastränge und häufiger nicht ideal zum Grippeimpfstoff passt. Für unsere großteils ungeimpfte Bevölkerung (< 20% Impfrate) kann das auch heißen, dass die (kurzlebige) Immunität schlecht gegen die Driftvariante schützt.
Warum wird es schlimmer dargestellt als es ist?
Es ist nicht “#TeamScience”, wenn man unangenehme Studien ignoriert und sich nur das herauspickt, was in die eigene Meinung passt. Es ist nicht “#TeamVorsicht”, wenn man ein ohnehin sehr geringes Risiko weiter aufbläht.
Veldhoen verteidigt sich mit Daten und erhält dafür den Vorwurf, seine Agenda sei bekannt. Ich frage mich: Cui bono? Wem nutzt es? Veldhoen ist Professor der Immunologie und würde wohl seinen Ruf verlieren, wenn er sich gegen den wissenschaftlichen Mehrheitskonsens stellen würde. Was aber haben die zu verlieren, die sich hier häufig fachfremd sehr weit aus dem Fenster lehnen? Was hat ein Internist, ein Nephrologe oder ein Evolutionsbiologe mit Spezialgebiet Spinnenmilben zu verlieren, wenn er immunologische Thesen zu Covid aufstellt? Vor kurzem verwies Veldhoen auf einen Artikel zu PostCovid/MECFS, wiederholt interpretiert er Studien zur Ursachensuche zu MECFS. Meist sind die Ergebnisse frustrierend – Wissenschaft geht eben nicht so schnell und eindeutig wie man es auf Social Media gerne hätte, aber der Vorwurf, er würde Covid oder MECFS verharmlosen, ist unberechtigt.
Ist Covid nicht schlimm genug, so wie es noch ist? Jährlich über 1000 Tote in ? Immer noch auftretende Long Covid-Fälle? Unheilbares MECFS (von einzelnen, individuellen Besserungen durch Offlabel-Medikamente abgesehen, für die man aber keine Garantie hat)? Gefährdung bei Non-Respondern auf die Impfung? Muss man unbedingt airborne AIDS bemühen, wie es das WHN behauptet? Unbedingt Tuberkulose und Turbokrebs und regelmäßige Influenza-Mutationen auf Covid zurückführen?
Klar messbare Größen wie Hospitalisierung oder Sterblichkeit würden sonst nicht weiter zurückgehen, die Lebenserwartung wieder steigen. Zu all der Scheiße mit Putin, Trump, Afd und Klima ist es wenigstens ein wenig beruhigend zu wissen, dass die Gefahr durch Covid nicht mehr so hoch ist wie 2020. Eher ist es so, dass man dank oder durch die Pandemie gesehen hat, wie gefährlich Influenza ist und bleibt.
Ungeachtet dessen wäre es sinnvoll, die Impfraten zu steigern und starken Influenza/Covid-Saisonen wieder Maskenpflicht im Gesundheitswesen zu verhängen und etwa in den Öffis zu empfehlen, und sonst häufiger zu lüften, und sich halt warm anzuziehen, wenn man friert. Und krank daheim bleiben oder wenigstens Maske tragen. Das würde insgesamt die Krankheitslast reduzieren, da haben wir alle etwas davon.