Triplewelle Influenza-Covid-RSV ante portas

Mehr als Verdopplung der Spitalsbettenbelegung durch Influenza (noch nicht vollständig gemeldet),
Covid-Bettenbelegung: Rückgang stagniert auf erhöhtem Niveau bzw. steigt erneut an.
RSV-Bettenbelegung leicht steigend (Quelle aller Grafiken: SARI-Dashboard)

Derzeit steigt die Influenza in Österreich steil an und in den Spitälern spitzt es sich langsam zu. Überwiegend handelt es sich um die Driftvariante H3N2 subclade K. In Australien sorgt diese aktuell für eine ungewöhnliche Sommerwelle. Der Grippeimpfstoff schützt laut einer aktuellen Untersuchung weiterhin gut gegen schwere Verläufe, auch Tamiflu und CO sind wirksam (Quelle). Durchbruchsinfektionen kommen wahrscheinlich aber häufiger vor als sonst. Zu bedenken ist außerdem, dass es wie bei jeder Impfung 7-14 Tage braucht, bis der volle Impfschutz da ist.

Außerdem werden seit Ende November neuerliche Anstiege von SARSCov2 in den Kläranlagen beobachtet. Bisher wurde die neue Variante BA.3.2.* nur in 5% der Kläranlagen sequenziert, die allerdings seit der Umstellung auf die AGES nurmehr ein Bruchteil von Österreich abdecken. Es ist zu vermuten, dass der Anstieg mittlerweile von dieser Variante getrieben wird, die weltweit vermehrt nachgewiesen werden kann. Sie unterscheidet sich erheblich von den bisherigen Varianten  und erfordert aller Voraussicht nach einen angepassten Booster, der aber frühestens nächsten Sommer verfügbar sein wird.

Der bisherige Impfstoff wird Infektionen kaum verhindern können, schützt aber weiterhin vor schweren Verläufen. Ein Booster bleibt daher sinnvoll!

Sentineldaten bis Kalenderwoche 50 (Virologie MedUni Wien)

Leider sieht es heuer über die Feiertage und den Jahreswechsel hinweg nach hohem Infektionsdruck aus. Neben Influenza und COVID steigen auch die RSV-Zahlen langsam an. In den USA dominiert bei Parainfluenza Typ 2, der tendenziell mildere Verläufe verursacht als Typ 1. Auch andere respiratorische Erreger sind aktiv. Dennoch “lohnt” der Einsatz von Triple-Antigentests selten so wie in dieser Saison. Wer akute Symptome hat, wird relativ bald wissen, ob es Influenza oder RSV ist. Bei COVID steigt die Viruslast oft erst verzögert an, da das Immunsystem den Erreger schon erkennt. Da kann der Schnelltest mitunter erst am vierten oder fünften Tag positiv werden.

Mehr und vor allem kompetentere Infos zur aktuellen Grippe/Covid-Lage gibt es in einer aktuellen Podcast-Folge von Virologe Florian Krammer (auch die anderen Podcastfolgen klingen interessant, ich kam nur leider noch nicht zum Anhören).

Weitere Infos der letzten Monate:

Bisher bin ich nicht dazu gekommen, das fein säuberlich zu sortieren und im Blog einzuarbeiten. Mit Ausblick auf die kommenden Wochen werde ich dazu auch nicht kommen, daher hier einige aufgearbeitete Lesezeichen:

Zur Influenza

Ist es wirklich ein Super-Influenzajahr? In UK noch nicht, wie Christina Pagel auf Substack betont (11.12.25)

Viele Influenza-Infektionen verlaufen asymptomatisch, es stimmt also nicht, wenn behauptet wird, dass man noch nie eine Grippe hatte (Hayward et al. 2014)

Die saisonale Influenza tötet weltweit jährlich rund 700 000 Menschen.

Zu Covid

  • Die Covid-Impfstoffe haben 2024 und 2025 rund 76% Wirksamkeit gegen Notaufnahmebesuche gezeigt – bei immunkompetenten Kindern zwischen 9 Monaten und 4 Jahre, sowie 56% bei Kindern und Jugendlichen zwischen 5 und 17 Jahren (Irving et al. 2025)
  • Mehrfachimpfungen überfordern das Immunsystem nicht. Grippe und Covid gleichzeitig ist also kein Problem. Vorausgesetzt man verträgt die Impfungen unabhängig voneinander gut. (Bericht der Pharmazeutischen Zeitung, 21.11.25)

Covid und Immunsystem

Derzeit gibt es keine klinischen Daten, die auf eine Covid-bedingte Anfälligkeit für andere respiratorische Infektionen hinweisen (Andersson et al. 2023, Tadount et al. 2025, Allen et al. 2025)

Quelle: UK

Es gibt auch keine Hinweise auf eine Zunahme anderer bakterieller (opportunistischer) Infektionen, die man bei einer Immundeficiency/schäden/dysfunktion/erschöpfung erwarten würde. Gründe für temporäre Zunahmen sind meist multifaktoriell: Neue Varianten, verringerte Impfraten, komplexe Jahreszyklen.

Long Covid

  • Reinfektionen erhöhen das Longcovid-Risiko nicht. Bei Dengue kann eine Variante eine zweite Infektion mit einer anderen Variante schwerer ausfallen lassen. Auch HIV1 und HIV2 können einander verstärken, aber nicht im Sinne eines kumulativen Schadens, da es sich bei HIV um eine chronische Infektion handelt. Bei Long Covid sprechen aktuelle Daten eher gegen eine anhaltende Infektion, sondern für Immunzellenaktivität und chronische Zytokinproduktion (Reddy et al. 2025)
  • Spezifische selbst-reaktive Antikörper werden von Veldhoen als mögliche Ursache für Long Covid vermutet (z.B. Santos Guedes de Sa et al. 2024 preprint), dazu passt das vermehrte Auftreten bei Frauen, sowie Entzündungsschäden bei Zelltypen wie Mikroglia, ebenso genetische und Umweltfaktoren als Mitauslöser der Erkrankung.
  • kognitive Behinderung ist definiert als: schwerwiegende Probleme, sich zu konzentrieren, sich zu erinnern oder Entscheidungen zu treffen, aufgrund einer körperlichen, mentalen oder emotionalen Einschränkung. Nationale Trends zeigen schon seit 2013 (und nicht 2020) steigende Zahlen von Betroffenen. Es gibt keine geschlechtsspezifischen Unterschiede. Weder Impfung noch Infektion können dafür verantwortlich gemacht werden. (Wong et al. 2025)
  • 2022/2023 war das Risiko für Langzeitfolgen für Covid19 nur etwas höher als für Influenza – außer nach schweren Verläufen, wo das Risiko über ein halbes Jahr lang höher als bei Influenza blieb. Influenza werde möglicherweise unterschätzt (Lewnard et al. 2025)
  • 2023/2024 in den Niederlanden nurmehr geringes Long Covid-Risiko verglichen mit der pandemischen Phase (De Bruijn et al. 2025). Null wird es aber niemals sein.
  • Bei Kindern und Jugendlichen wurde in der Omicron-Ära eine Inzidenz von 0,09% gefunden und ein Anstieg auf 0,18% (“Verdopplung”), aber auf einem sehr niedrigen Ausgangsniveau. Die Studie leidet unter unterschiedlichen Gruppengrößen, übersehene Reinfektionen und mögliche Confounder in der Reinfektionsgruppe, die mitunter anfälliger dafür war (Zhang et al. 2025)

Eine allgemeine Empfehlung von Marc Veldhoen: Wenn man verunsichert ist, was Studien oder furchteinflößende Schlagzeilen in den Medien bedeuten: Immer fragen, nachhaken, mit Onlinequellen verifizieren, andere (echte) Experten auf dem Gebiet fragen, im Fall immunologischer Studien also andere ImmunologInnen.

Science Communication

Der Labormäuserich @bmauschen.bsky.social schrieb einmal über verzerrte Einschätzungen durch unausgeglichene Informationen, nicht nur Covid, sondern auch andere Themen wie Ausländerkriminalität, Unfallstatistiken, gesunde Ernährung, etc.

  1. Mehr Informationen ist nicht immer besser, sondern verlässliche Informationen müssen vorliegen, aber wenn dabei die Menge an Desinformation zunimmt, bleibt es trotzdem schwierig, z.B. zunehmendes Verständnis, dass Homöopathie unwirksam wird, gleichzeitig zunehmende fehlerhafte Studien, die angebliche Wirksamkeit beweisen. Selbiges für Impfstoffe.
  2. Informationserhebung kann verzerrt sein (z.B. ein Arzt, der nur bestimmte Patienten sieht, während andere Patienten woanders hingehen). Covid19 wurde so gut erforscht wie keine Infektionskrankheit davor. Daher besteht ein gewaltiger Wissensvorsprung gegenüber anderen Erkrankungen – Infektionsmechanismen, Komplikationen, Immunsystemreaktionen müssen nicht spezifisch für Covid sein. Das mag spezifisch bei Sterblichkeit zutreffen, aber zurückhaltender sollte man für Häufigkeit von Spätfolgen sein (für Einzelne Betroffene macht das keinen Unterschied, über Statistik sollte man nie Individuen vergessen!), z.B. auch bei Auswirkungen auf das Immunsystem oder zelluläre/mitochondriale Schäden. Die Gefährlichkeit und Komplexität von Corona gegenüber anderen erkrankungen könnte überschätzt werden.
  3. Bisher zeigen Daten v.a., dass wir es nun mit einer zusätzlichen, großen Infektionskrankheit zu tun haben, womit die Krankenstände insgesamt ansteigen. Spezifische Probleme wie viele zu beatmende Patienten und auch vermehrte MECFS-Fälle stammen vor allem aus der Anfangsphase der Pandemie. Das soll das Auftreten von MECFS aber nicht verharmlosen, auch heute nicht.
  4. Wenn wir zu einzelnen Aspekten viel mehr Infos haben als zu anderen und dann Vergleiche anstellen, kann viel Information ebenfalls in die Irre führen, etwa wurde keine Infektionskrankheit so gut immunologisch erforscht wie Covid und AIDS, aber deswegen sind beide nicht zwingend ähnlich, sondern das kann für andre Infektionen auch gelten.

Zur wahrgenommenen deutlichen Zunahme von MECFS sagt er:

  • SARS-CoV-2 kann wie auch andere Infektionen ME/CFS und andere schwere Spätfolgen haben
  • Dass wir in der Anfangsphase und der akuten Hochphase der Pandemie sehr viele Infektionen hatten
  • Dass diese viele Menschen ohne solide Immunität betroffen haben und Dass durch die Infektionsschutzmassnahmen andere Erkrankungen zurückgedrängt wurden, so dass Covid eine zeitlang das Infektionsgeschehen extrem dominiert hat
  • Diese vier Faktoren alleine führen eigentlich zwangsläufig zu einer Welle an schweren, auf Covid zurückzuführenden Spätfolgen.

Präventions- und Public Health-Mediziner Jeffrey S. Morris (@jsm2334.bsky.social) schreibt zum Thema Social Media und Behauptungen aller Art. Wie soll man entscheiden, was richtig, falsch oder ungewiss ist und wie sehr sollten diese Urteile von wissenschaftlicher Evidenz verfügbarer Literatur abhängen?

Viele Menschen bestehen darauf, dass ihren Ansichten von “der Wissenschaft” gedeckt sind. Doch haben sich viele schon ihre Meinung gebildet. Bedeutet das, die Evidenz ist definitiv und ihre Schlussfolgerungen notwendigerweise korrekt. Nein, überhaupt nicht.

Viele haben gelernt, wie man Literatur in der Art missbrauchen kann, um ihre vorbestehenden Schlussfolgerungen zu verstärken. Die wahre Frage ist, ob das Framing das wiederspiegelt, was man aus einer vollständigen und objektiven Analase aller verfügbaren Daten und Studien gefolgert hätte, indem man die Grundsätze der Wissenschaft anwendet. Wenn das Framing echte Einblicke ausblendet oder herunterspielt, die beständig in weiten Bereichen der Literatur aufkommen, kann es nicht als korrekt oder gültig betrachtet werden.

  • Das Herauspicken einzelner Studien, während andere ignoriert werden.
  • Zusammenfassend große Teile der Forschung nicht Ernst zu nehmen, weil man Interessenskonflikte annimmt.
  • Selektive Subgruppenergebnisse vergrößern, während man die primären Ergebnisse ignoriert.
  • Fehlerhaft darstellen, was eine Studie tatsächlich schlussfolgerte.
  • Labordaten extrapolieren, um klinische Auswirkungen zu behaupten.
  • Hypothesen mit etablierten Fakten verwechseln

Wir sollten niemand damit davonkommen lassen. Menschen sollten dafür verantwortlich gemacht werden, nachzuweisen, dass ihre gewagten Behauptungen durch eine vollständige und objektive Analyse aller verfügbaren Belege gestützt sind, die gemäß den Prinzipien der Wissenschaft interpretiert werden. Und wichtig: Dieser Standard sollte für alle von uns gleichermaßen gelten, egal, wie unsere Schlussfolgerungen oder Betrachtungen lauten.

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