
Wie an anderer Stelle schon betont, ist das Influenzavirus heuer an sieben Stellen am Kopf des Hämagglutinins (H3HA) mutiert (subclade K). Durch die Impfung erzeugte Antikörper erkennen das Virus nicht so gut, weshalb die Übertragungsraten heuer erhöht sind. Das bedeutet aber nicht, dass die Verläufe unbedingt schwerer sein müssen, wie die Virologin Angela Rasmussen unterstreicht. Die Impfung verringert die Schwere der Erkrankung substantiell, selbst wenn Impfstrang und zirkulierender Strang nicht gut zusammenpassen (Yegorov et al. 2025). Davon kann die österreichische Bevölkerung bei mickrigen 13% Impfrate aber nicht profitieren. Da die Influenzsaison noch einige Wochen anhalten wird, ist es auch jetzt noch sinnvoll, die Impfung nachzuholen.
Mittelfristig wird das Problem mit der Impfmüdigkeit kaum lösbar sein. Grund dafür sind die politischen Mehrheitsverhältnisse und der Föderalismus, der allen Bemühungen regelmäßig ein Bein stellt. Eine mRNA-Plattform für Influenzaimpfstoffe würde sicherlich helfen, den Impfstoff zeitnah auf die dominierende Variante anzupassen, aber dank Impfhasser RFK und der erfolgreichen Impfgegnerpropaganda rechter Parteien sind mRNA-Impfstoffe unpopulär geworden. Es gilt die nächste Zeit, Rechtsextreme in den Regierungen zu verhindern, damit Impfungen nicht noch weiter zurückgefahren werden. Da ist noch gar nicht die Rede von weiteren sinnvollen Public-Health-Maßnahmen, die man als Lehre aus der Corona-Pandemie ableiten könnte (siehe Beitrag von Elvira Rosert 2022).
So könnte man Versorgungsengpässe jeden Winter abfedern, die nun durch zusätzliches Covid und saisonweise stärker mutierte Influenzastränge auftreten. Das betrifft nicht nur die Kapazitäten im Gesundheitswesen (Hausarztpraxen, Spitäler), sondern auch Blutkonserven, da man nur im gesunden Zustand Blut spenden darf. Profitieren würde auch das Bildungswesen, wenn der Unterricht nicht ständig ausfallen würde.

Leider verbreiten einige Social-Media-Accounts hartnäckig die Mär, dass von Covid geschwächte Immunsystem für die starke Grippewelle verantwortlich sein würden, die teilweise niedrigen Impfraten und signfikanten Mutationen des H3N2-Strangs (der von Haus aus stärkere Grippewellen auslöst als H1N1) geflissentlich ignorierend.
Red flag: Wenn “niemand” im Öffentlichen Gesundheitsbereich diese Hypothese auch nur in Erwägung zieht, kann das entweder an einer Verschwörung aller Gesundheitsexperten liegen oder daran, dass die Hypothese nicht durch Fakten belegt ist (siehe Thread von Edward Nirenberg) und dadurch keine Rolle spielt! Anders etwa bei Masern, wo T-Zellen infiziert werden und das Immunsystem für Wochen bis Monate nach der Genesung unterdrückt sein kann (Diane E. Griffin 2021).
Saisonale Viruserkrankungen am Beispiel Niederlande
Für die folgenden Infos habe ich einen Thread des Immunologen Marc Veldhoen ins Deutsche übersetzt:
In den Niederlanden gibt es ein Infektionsradar, wo rund 10 000 Personen regelmäßig auf Atemwegsviren testen. Ganzjährig sind demnach rund 2,5-10% der Bevölkerung symptomatisch infiziert:

Bereits hier sieht man gut, dass es keinen klaren Trend gibt. Nachdem jeder von uns mindestens einmal Covid hatte, viele deutlich häufiger, müsste es einen deutlichen Anstieg in den letzten Jahren geben, wenn die “Covid schreddert unsere Immunsysteme”-Theorie korrekt wäre.
Tests finden statt, wenn potentielle Infektionssymptome vorhanden sind (verstopfte Nase, Husten, etc.).





Weitere saisonale Viren sind RSV, Parainfluenza, HMPV und Parainfluenza, die alle zur gesamten Infektionslast beitragen.
SARS-CoV2

Die Häufigkeit der anfänglichen pandemischen Wellen hat sich deutlich verringert, und zwar hin zu einer jährlichen Welle (doppelter Gipfel 2024). Die Viruszirkulation hat jedes Jahr abgenommen, doch ist es zu früh, um Schlussfolgerungen für die künftige Viruszirkulation zu ziehen. Es zeichnet sich aber ab, dass die Leute seltener symptomatisch infiziert sind seit 2023 – und zwar trotz neuer Subvarianten und der fortschreitenden Virusevolution (zuletzt: BA.3.2, siehe Dor et al. 2025 preprint).
Das gleiche Bild sieht man auch bei Hospitalisierungen und Intensivaufenthalten, auch Todesfälle gibt es deutlich seltener (hier am Beispiel SARI-Dashbaord Österreich):

Unter den obigen Beitrag von Conor Browne haben sich weitere Experten eingeschaltet, darunter Mikrobiologe Alex Crits-Christoph, der ebenfalls betont, dass es keine biologischen Beweise für diese Hypothese gibt. Die starke Grippewelle sei durch den dominanten Grippestrang verursacht. Wiederholt wird dann auf einen Meinungsartikel von Nick Tsergas verwiesen. Crits-Christoph entgegnet so:
“Dabei handelt es sich um klare Außenseitertheorien, die meist von Nichtexperten kommen. Es gibt ein paar Probleme mit diesem Artikel:
- Schwache und eingeschränkte In vitro- und Mausdaten.
- Fehl- bzw. Überinterpretation einzelner Ergebnisse
- Unzulässige Extrapolation der unter #1 und #2 gemachten Fehler auf epidemiologische Aussagen (wie im ursprünglichen Beitrag hier)”
Zudem fügt er an, dass es so etwas wie eine Internetechoblase zu diesem besonderen Thema geben würde, und es sei es einmal wert nachzudenken, ob man in diese Blase gezogen wurde (wie der BMJ-Reporter). Die Mehrheit der Virologen und Immunologen seien sich nicht einmal bewusst, dass diese Behauptungen hier existieren.
Die Hypothese, dass Covid19 das Immunsystem dahingehend beeinflusst, dass es langfristig zu erhöhter Empfänglichkeit in epidemiologischer Größenordnung gegenüber anderen Erkrankungen führt, wird nicht durch die Wissenschaft gestützt. So viel zu #TeamWissenschaft, wie sich viele FollowerInnen dieser Accounts selbst bezeichnen. #TeamWissenschaft muss offenbar lernen, Widerspruch auszuhalten, ohne in persönliche Attacken zu verfallen, wie es in diesem Thread mehrfach passiert ist (z.B. gegenüber Angela Rasmussen).
Abschließend begründet Nirenberg, weshalb er andere User bezüglich Auswirkungen von Covid19 auf das Immunsystem ständig korrigiert, weil es reale Schäden gibt, wenn man im Brustton der Überzeugung behauptet, dass ein nicht belegbarer Mechanismus (mit kritischer negativer Evidenz) zu einer Krankheit beiträgt:
T-Zellen-Exhaustion gibt es wirklich, er spielt bei Krebs und bestimmten chronischen Infektionen eine wichtige Rolle. Es gibt eine Behandlungsklasse, die diesen immunologischen Zustand direkt anspricht: Immune checkpoint inhibitors (ICIs), siehe Sharma et al. (2023). Worin besteht das Risiko, wenn man jemandem ICIs gibt, obwohl es dafür keine Indikation gibt? Immunvermittelte Nebenwirkungen (IRAEs).
Die Exhaustion-Marker, die von ICIs angezielt werden, sind Bremsen im Immunsystem. Sie zu aktivieren führt zur Unterdrückung der Immunantwort. Wird diese Unterdrückung blockiert, entfesselt das die unkontrollierte Wucht des Immunsystems – auch gesunde Zellen bleiben davon nicht verschont (Wang et al. 2025). Das kann zu Lungen-, Schilddrüsen-, Herzmuskel-, Leberentzündung Entzündung der Hypophyse und entzündlichen Darmerkrankungen führen. Manche davon haben einen sehr schlechte Prognose, z.B. ICI Herzmuskelentzündung (Tang et al. 2025). Das Problem ist hier nicht das Medikament an sich, sie retten Leben unter Umständen, die dafür “klinisch indiziert” sind.
Das Problem ist, dass eine Menge Leute schwer erklärbare Symptome erleben und ihnen nun gesagt wird, sie kämen zustande, weil ihre T-Zellen erschöpft sein würden. Es braucht nur jemand, der diesen Patienten ICIs anbietet und die Büchse der Pandora ist geöffnet.
Das ist keine theoretische Sorge. Menschen mit Lyme-Borreliose-Erkrankung haben manchmal anhaltende Symptome. Das hat zu einer Reihe von Individuen geführt, denen Therapie für sogenannte chronische Lyme-Erkrankung angeboten wurde, darunter langfristige Einnahmen von intravenösen Antibiotika über peripher eingeführte zentralvenöse Katheter (PICC Lines). Das hat zu Sepsis geführt und Patienten getötet (Marzec et al. 2017). Obwohl die Richtlinien explizit aussagen, Patienten mit anhaltenden Symptomen nach Lyme-Behandlung keine zusätzlichen Antibiotika zu geben (Lantos et al. 2020).
Mit Long COVID werden wir nicht vorankommen, wenn wir weiterhin unbelegte Behauptungen übernehmen und Geistern hinterherjagen, anstatt konsequent von dem auszugehen, was durch die Daten gut belegt ist. Dieses Narrativ weiter aufrechtzuerhalten verursacht reale Schäden – und es wird Patientinnen und Patienten schaden, falls es das nicht bereits getan hat.