Manipulative Grafiken helfen in der Sache nicht.

Screenshot, Bluesky, 9. Februar 2026, 20.50 Uhr Lokalzeit

Mir war erst nicht klar, was die Grafik zeigt. Es handelt sich um einen 10-Jahres-Zeitraum. Dargestellt ist die Änderung (!) der durchschnittlichen Arbeitstage je nach Alter, bezogen auf Beamte in England und bezogen auf 2019. Die Grafik ist dazu falsch beschriftet, denn die Linie, wo “Covid ankommt”, markiert das Jahr bis 1. April 2019. Das heißt, es gab von April 2019 bis April 2020 bereits einen Anstieg um 15%. SARS-CoV2 kam aber erst im Laufe des März 2020 nach UK. Der Anstieg begann also VOR der Pandemie.

“This is exactly what we predicted repeated covid infections would do.”

Stimmt das?

Die Daten und Grafiken findet man im Krankenstandsreport für Beamte für 2025 (Link).

Durchschnittlicher Verlust an Arbeitstagen nach Alter.

Hier sieht man die absoluten Zahlen. Daraus wird ersichtlich, dass die Zahl der Krankenstandstage von rund 5,8 bis 10 auf 6,9 bis 10,9 gestiegen ist. Der Anstieg begann in etwa 2017, 2018 – etwa 1-2 Jahre nach dem Brexit. Wir reden also von einer Änderung von 1 Tag pro Altersgruppe in einem Zeitraum von zehn Jahren. Dank der Schutzmaßnahmen von 2020 bis 2021 gab es einen Rückgang der Krankenstandstage. Nach Aufhebung der Schutzmaßnahmen stiegen die Krankenstände wieder an (“Nachholeffekte”). Dass die Krankenstandstage nach einer Pandemie nicht mehr auf Baseline zurückgehen, erscheint auch plausibel – eine zusätzliche Infektionskrankheit pro Jahr.

Doch es ist in Wahrheit komplizierter. Es gibt immer mehrere Faktoren. Eine Pandemie wirkt sich langfristig auf die körperliche und mentale Gesundheit aus. Das Gesundheitssystem war überlastet. Diagnosen, Operationen, Behandlungen wurden verschoben. Behandlungen wurden unzureichend überwacht. Mehr Menschen haben selbst nach Medikamenten gesucht oder früher eine Behandlung abgebrochen. Es gab Personen, die nicht mehr wussten, welcher Tag war, sie vergaßen zu essen und ihre Medikamente regelmäßig zu nehmen. Das hat alles langfristige Auswirkungen. Man hat ein Fibrom, es wird nicht rechtzeitig diagnostiziert und wächst, und es zu entfernen erfordert invasivere Methoden. Das bedeutet längeren Krankenstand, mehr potentielle Komplikationen. Man hatte hohe Cholesterinwerte, die nicht überprüft wurden. Eine Diät hätte ausgereicht. Nun braucht man Medikamente, mitunter mit Nebenwirkungen. Wie “Princess Mycelia” auf Bluesky so treffend schreibt:

12-23% Anstieg mag viel klingen – ein Tag zusätzlich in 10 Jahren (!) klingt jetzt nicht so viel. 47% der Langzeitkrankenstände werden durch psychische Erkrankungen verursacht, 27% der kurzen Krankenstandsphasen von Atemwegserkrankungen.

Würden wir durch wiederholte Infektionen immer kränker werden, müssten wir – in meinen Augen – viel deutlichere Anstiege sehen, da bis 2025 etliche Beamte sicherlich schon zwei bis drei Mal oder häufiger infiziert waren.

In Summe reden wir also von einem Tag zusätzlichen Krankenstand aus multifaktoriellen Gründen.

Leider kursieren auf Social Media zahlreiche ähnliche Grafiken mit eigener Skalierung, relativen Änderungen oder abgeschnittene Vorjahre, damit Anstiege stärker wirken. Auf Twitter bekam Widerspruch wenigstens dank Algorithmus auch die entsprechende Reichweite. Auf Bluesky sehe ich, dass Desinformation in die “andere” Richtung (also weniger Impfgegner, mehr Covid-Doomer) einen größeren Fanclub hat.

Als eine Studie (Zhang et al. 2025) etwa eine Verdopplung der Long Covid-Inzidenz durch Reinfektionen bei Kindern sah, schaffte es diese Aussage sogar in die deutschsprachige Presse (z.B. in die österreichische Tageszeitung “Die Presse”). Dabei litt die Studie unter unterschiedlichen Gruppengrößen, übersehene Reinfektionen und mögliche Confounder in der Reinfektionsgruppe, die mitunter anfälliger dafür war. Während viele nur die “Verdopplung des Risikos” sahen, fand ich die absoluten Werte bemerkenswert: Die Inzidenz stieg während der Omicron-Ära von 0,09% auf 0,18%!

Ich kann mich erinnern, wie 2021/2022 noch von 10 bis 20% Long Covid bei Kindern und Jugendlichen ausgegangen wurde. Diese hohen Prozentangaben wurden früh in Frage gestellt. Dann waren es 1% und jetzt zeigt sich eine Inzidenz von 0,1%. Das Risiko für Long Covid ist also viel geringer. Das sagt auch der Kinderinfektiologe Roland Elling im Interview mit Medscape (26.06.2025). Ellings Studien hab ich früh gelesen, aber seine Schlussfolgerungen verworfen, weil sie nicht in mein Narrativ passten, dass Long Covid bei Kindern so häufig wie bei Erwachsenen sei. Dabei sollte man froh sein, dass das Risiko nicht so groß ist.

Ist Long Covid bei Kindern deswegen selten? NEIN! 1 von 1000 Betroffenen ist KEINE seltene Erkrankung (erst ab unter 5 von 10 000 spricht man von einer seltenen Erkrankung) und bezogen auf die Gesamtbevölkerung sind es viele betroffene Kinder und Jugendliche, die entsprechende Versorgung brauchen – alleine in Deutschland sind das rund 25 000 bis 30 000 Betroffene, die mit einer unsicheren Zukunft aufwachsen -inwieweit sie wieder gesund werden und irgendwann selbst für sich sorgen können.

Zurück zu Social Media. Es gilt das Gleiche wie im seriösen Journalismus: Check, check, doublecheck.

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