Derzeit SARS-CoV2-Minimum in Österreich

Chronologie der Abwasserwerte seit Anfang 2022 in Österreich, Stand 16. März 2026
Anzahl der stationären Aufnahmen pro Kalenderwoche mit Covid19 seit Mitte 2023
Nachweise von SARS-CoV2 in den wöchentlichen Sentinelproben

In den drei wichtigsten Überwachungstools für respiratische Infektionen stimmt das Bild überein: SARS-CoV2 zirkuliert derzeit auf einem Minimum. Das bedeutet umgekehrt, dass die Wahrscheinlichkeit, sich derzeit anzustecken, sehr gering ist – nie Null, aber sehr sehr gering. Andere saisonale Viren sind meist viel weniger ansteckend als SARS-CoV2 und können auch schlechter in der Luft überleben. Übertragung ist dabei multikausal zu sehen – wie übertragbar ist ein Pathogen, wie empfänglich ist der Wirt? Die Übertragbarkeit hängt auch davon ab, ob und wie oft das Pathogen mutiert, die Empfänglichkeit hängt von Immunität und Immunsystem des Wirts ab.

Besonders beruhigend im Hinblick auf SARS-CoV2 ist derzeit, dass kaum neue Untervarianten von BA.3.2 bekannt sind. Die Omicron-Variante benötigte im vergangenen Jahr viele Monate, um signifikanten Anteil am gesamten Variantenzoo zu entwickeln. Mancherorts schaffte sie es zur Dominanz, aber nicht überall. Mit dem Wachstum kam es nicht zu einer Zunahme an schweren Krankheitsverläufen, mitunter nicht einmal zu einem Anstieg der Infektionszahlen überhaupt (z.B. in Australien oder Österreich). Ich folge noch einer Handvoll von “Variantentrackern”, die sozusagen das Frühwarnsignal für eine neue relevante Untervariante sind – mein Frühwarnradar ist seit einigen Monaten stumm.

SARS-CoV2 ist mittlerweile nicht nur zu einem saisonalen Virus geworden, es zeigt interessanterweise auch eine inverse Korrelation zu den saisonalen Coronaviren – hier am Beispiel Niederlande:

Obere Grafik: SARS-CoV2, untere Grafik: saisonale Coronaviren (Quelle)

Das heißt, wenn (meistens zwei von vier, die sich alle zwei Jahre abwechseln mit den anderen zwei) die saisonalen Coronaviren dominieren, ist die Zirkulation von SARS-CoV2 geringer und umgekehrt. Das tritt ähnlich auch mit Influenza A und RSV auf, aber nicht bei Rhinoviren.

Dadurch, dass andere Viren viel weniger übertragbar sind als SARS-CoV2, wird der Einfluss hoher CO2-Werte in Innenräumen momentan etwas überschätzt. Die Ansteckungsgefahr ist nicht mehr so hoch wie in der Akutphase der Pandemie. Hohe CO2-Werte bedeuten nicht, dass man am nächsten Tag krank ist. Insbesondere in Öffentlichen Verkehrsmitteln und Supermärkten ist die Gefahr, sich anzustecken, derzeit fast so niedrig wie vor der Pandemie. Ausnahme sind vor allem Verkehrsmittel mit schlechter Luftwechselrate, etwa manche Busse, Züge mit ausgefallener Klimaanlage oder in Flugzeugen. Wenn man also am Weg in den Urlaub nicht krank werden möchte, ist die Maske im Flieger die Schutzmaßnahme der Wahl. Anders ist es in Schulen, wo konstant zu hohe CO2-Werte auf tägliche Zusammenkünfte dutzender Haushalte kommen. Da sind Luftreinigungsmaßnahmen weiterhin sinnvoll und notwendig.

Die Wissenschaftskommunikatorin Mai Thi Nguyen-Kim weist in ihrer Show Maithink X aktuell auf Long Covid und ME/CFS hin – für hunderttausende Menschen in Deutschland (und Österreich) sei die Pandemie nie vorbei gegangen. Am gestrigen Sonntag war “Long Covid Awareness Day” – in Österreich protestierten tausend Menschen vor dem Parlament. Sechs Jahre nach Ausbruch der Pandemie sind vor allem die direkten gesundheitlichen Folgen für die Mehrheitsgesellschaft in Vergessenheit geraten.

Bei einer neuen Pandemie (etwa durch eine mutierte Form der Vogelgrippe, die sich an den Menschen angepasst hat) stünden wir mit heruntergelassenen Hosen da. Lehren aus der Corona-Pandemie wären gar nicht direkt anwendbar etwa auf eine schwere Grippe-Pandemie, die vor allem Kinder und Jugendliche treffen könnte, da sie keine Kreuzimmunität dank Kontakt zu früheren Grippestämmen aufweisen würden. Schulschließungen dann als ultima ratio zu sehen, könnte die Opferzahl noch viel höher treiben als bei Corona.

Im Status Quo kann man zumindest in einem Punkt ein wenig Entwarnung geben: Die Gefahr einer Reinfektion ist so niedrig wie seit Monaten nicht mehr. Ob es so bleibt, wird die Zukunft zeigen – die Entwicklung der Untervariante BA.3.2, die bisher nicht der Trajektorie von BA.2.86 gefolgt ist und nicht innerhalb kürzester Zeit global dominant wurde mit einer hohen Infektionswelle (siehe JN.1), zeigt, dass sich die Entwicklung potenter Untervarianten bei SARS-CoV2 verlangsamt hat. Es muss also nicht mehr zwingend alle vier Monate zu neuen Infektionswellen kommen, nicht einmal halbjährlich. Der Grund für diese Entwicklung ist die gestiegene Bevölkerungsimmunität, die Untervarianten besser erkennen kann (T-Zellen-Immunität). Wenn es positive Entwicklungen gibt, sollte man diese auch benennen dürfen – das ist mein Motto.

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