Persönliche Erkenntnisse aus der Wissenschaft

Mein Blog erregte während der Pandemie viel Aufmerksamkeit, auch unter Politikern, Journalisten und in der Wissenschaft. Selbstverständlich war ich nie frei von Irrtümern und lernte ständig dazu. Diese Seite dokumentiert aus Transparenzgründen frühere Aussagen und spätere neue Erkenntnisse.

Über meine Läuterung bloggte ich seitdem an mehreren Stellen:

2020

Wahr ist: Schmierinfektion wurde von Beginn an überschätzt.

Der Hauptübertragungsweg sind Aerosole, das heißt, winzige virusbeladene Tröpfchen, die eingeatmet werden. Schmierinfektion ist als Übertragungsweg bei respiratorischen Erregern sehr begrenzt nachgewiesen worden. (Mondelli et al. 2020, Port et al. 2020, Zhang et al. 2021, Rocha et al. 2021, Butot et al. 2022, Zhang et al. 2022, Pan et al. 2023, Matsui et al. 2024, Lin et al. 2024). Damit war und ist der exzessive Gebrauch von Seife und Desinfektionsmittel sowohl auf Oberflächen als auch der Hände übertrieben, um eine Infektion mit SARS-CoV2 zu verhindern.

Bei Magendarm-Viren wie dem Norovirus oder bestimmten Bakterien sieht es anders aus – da ist eine regelmäßige Handhygiene sinnvoll, ebenso wenn mit leicht verderblichen Lebensmitteln gearbeitet wird. Dann gilt die besondere Sorgfalt aber explizit anderen Krankheitseregern und nicht SARS-CoV2. Die Wahrscheinlichkeit, sich alleine dadurch anzustecken, dass man die Maske falsch angreift oder die Haltestange im Bus umklammert und sich anschließend mit dem Finger ins Aug fährt, ist sehr sehr gering.

Die von ECDC und WHO bis heute empfohlene Husten-Nies-Etiquette („Hand vor den Mund“, „in die Armbeuge niesen“) hat keine Evidenz für Wirksamkeit, weil kleinste Tröpfchen in der Gesamtheit überwiegen und nicht blockiert werden (Zayas et al. 2013). Natürlich gebietet es die Höflichkeit, seine Mitmenschen nicht ins Gesicht zu husten, aber eine Übertragung verhindert nur eine getragene Maske.

Wahr ist:

“Wenn man jeden Tag 200 km am Limit Rad fährt, dann ist das Immunsystem schon ein bisschen geschwächt.”

„Weiß, dass Fahrer mit Covid fahren“ (11.07.24)

Tatsächlich ist der “Open Window Effect” für Profisportler und exzessiv trainierende Hobbysportler aber schon länger wissenschaftlich untersucht (D.C. Nieman 1995, Neil P. Walsh 2018, Simpson et al. 2020). Bis zu 8 Stunden nach dem Training ist die Aktivität von Lymphozyten, Killerzellen herabgesetzt (Kakanis et al. 2010) und das Immunsystem empfänglicher für Infektionen. Ein Mini-Review ergab keine klaren Empfehlungen für oder gegen Intensivtraining während der Anfangsphase der Pandemie (Ferreira-Júnior et al. 2020). Tourfahrer T. Pogacar bekommt regelmäßig während der langen Grand Tours Herpesbläschen, weil sein Immunsystem so geschwächt ist, dass Herpesbläschen reaktiviert werden. Gelegenheitssportler neigen dazu, zu intensiv zu trainieren und fallen dann besonders leicht ins Offene Zeitfenster, wo das Immunsystem beschäftigt ist, Zellschäden zu reparieren und die Stresshormone herunterzufahren.

Weitere Faktoren, die ein “Open Window” sein können:

  • Kälte und zu dünne Bekleidung
  • ausgekühlte Schleimhäute (Filtereigenschaft der Nasenschleimhaut herabgesetzt)
  • nasse Haare, kalte Klimaanlage, Luftzug
  • Schlafdefizit
  • Stress

Wichtig ist aber: Ausgenommen von Herpesviren können Infektionskrankheiten (“ich hab mich verkühlt”) nur auftreten, wenn es einen Erreger von außen gibt! Wer nach einer intensiven Sporteinheit also nach Hause fährt, sollte große Menschenmengen oder symptomatische Personen (Öffentliche Verkehrsmittel, Einkaufen, Lokalbesuch) besser meiden bzw. eine Maske tragen. Nach moderaten Einheiten ist der Open Window Effect sicherlich kürzer als nach einer Tour de France Etappe.

Zum Zeitpunkt der Kogler-Aussagen gab es noch keine Empfehlungen für Masken. Damit war sein Hinweis richtig und wichtig, um erhöhte Empfänglichkeit für Infektionen zu verhindern. Umgekehrt schützt aber auch moderater Sport nicht vor einer Infektion oder Long Covid, sondern nur eine kürzliche, angepasste Impfung und Schutzmaßnahmen.

Wenn man an die Superspreading-Events in Ischgl denkt, war eine vollgestopfte Bar mit rotzenden und alkoholisierten Menschen nach dem Skisport ideal, damit sich Menschen gehäuft und leichter ansteckten.

Wahr ist: Clemens Arvay war nie eine glaubwürdige Quelle.

Sein 2023 begangener Suizid wurde insbesondere in rechtsesoterischen Kreisen als Märtyrertod instrumentalisiert.

Auf eine Empfehlung hin kaufte ich mir sein Buch über den Biophilia-Effekt, wonach der Aufenthalt im Wald die Zahl der Killerzellen im Blut steigern würde. Das Buch hatte ich im Februar 2020 begonnen, wiewohl ich über das Vorwort von Esoteriker Rüdiger Dahlke entsetzt war, dessen umstrittene Dokumentation über Lichtnahrung vom ORF gesendet wurde. Danach konnte ich das Buch nicht mehr ernstnehmen. Später fand ich einen Gastbeitrag von Arvay im Forum Sempervivum, das von Wolf-Dieter Storl gegründet wurde. Storl hat einen rechtsesoterischen Hintergrund. Arvay klärte zu der Beginn der Pandemie über seinen Youtube-Kanal auf, bis er einmal auf Bill Gates und die RNA-Impfstoffe zu sprechen kam und damals mehrmals betonte, dass er kein Verschwörungstheoretiker sei. Das hat mich als Naturwissenschaftler dann doch skeptisch gemacht und zum Glück hab ich mich rechtzeitig distanziert, bevor ich falsch abgebogen wäre. Der Effekt des Waldbadens [Terpene in Nadelwäldern] war jedenfalls höchstens eine temporär gesteigerte Killerzellenaktivität. Doch auch am Land “im Wald” lebende Menschen sind schwer an Covid erkrankt oder verstorben.

Wahr ist:

Ich folgte anfangs dem britischen Krankenschwester-Ausbilder Dr. John Campbell, der schon früh Vitamin D als mögliche präventative und akute Therapie für Covid19 zum Hauptthema machte. Aus dieser Zeit stammen auch meine Literaturhinweise auf Vitamin D. Meine Twitter-Timeline, darunter auch viele Ärzte, waren von Beginn an skeptisch bezüglich Nutzen von Vitamin D. Zugegeben, und das war meine Achillesferse in den ersten Monaten, hing ich da selbst Wunschdenken nach und sehnte mich wie so viele Menschen nach einer einfachen, praktikablen Lösung – als ob hochdosierte Vitamine und andere rezeptfreie Hausmittel das individuelle Risiko senken könnten. Doch ist dem nicht so. Ich hätte auf die Ärzte hören sollen, die genervt sofort abgewunken haben, sobald man Vitamin D erwähnt hat.

Denn ein Nutzen ist nie belegt worden. Hochdosiertes Vitamin D bringt also bei einem milden Verlauf zuhause keinen zusätzlichen Nutzen. Unbelegt ist auch der Nutzen von Vitamin C noch Zink. Bei Vitamin D ist er unklar. Der empfohlene Einsatz kommt aus der orthomolekularen Medizin, einer alternativmedizinischen Behandlungsmethode, für die es allerdings keinen wissenschaftlichen Nachweis gibt.

Nobelpreisträger Linus Pauling war überzeugt, dass hochdosiertes Vitamin C nicht nur vor Erkältungen, sondern auch vor Krebs schützt. Nguyen-Kim klärt auf: Vitamin C verringert das Erkältungsrisiko im Schnitt um 3%, verkürzt die Erkrankungsdauer bei Erwachsenen um 8%, bei Kindern um 14%. Ob das bei Covid19 den schlagenden Erfolg hatte, sei dahingestellt. Von der dauerhaften Einnahme von hochdosierten VitC/D-Präparaten ist jedenfalls abzuraten, weil man damit u.a. die Bildung von Nierensteinen fördert.

Wahr ist:

Herdenimmunität war nie über Durchseuchung erreichbar. Anfangs dachte man, wenn sich nur genügend Menschen mit dem Virus infizieren, wird Herdenimmunität hergestellt. Die ersten Angaben bewegten sich bei 60-70% Durchseuchung der Bevölkerung. Herdenimmunität war jedoch unrealistisch (Yewdell 2021) und selbst die Durchseuchungsstrategien einzelner Länder verhinderten keine Reinfektionen, und gingen mit unverhältnismäßig vielen Toten und Kranken einher. Saisonale Coronaviren zirkulieren jedoch dauerhaft in der Bevölkerung, nur wenig mutierende Viren wie Masern oder Polio wären durch die Impfung ausrottbar. Impfstoffe erzeugen keinen dauerhaften Schutz gegen Infektionen, das gilt für alle Pathogene. Das Konzept der Herdenimmunität wird oft vereinfacht dargestellt, ist aber doch etwas differenzierter, wie der Immunologe Marc Veldhoen auf seinem Blog ausführt.

Der Virologe Ulf Dittmer (Dt. Gesellschaft für Virologie) differenziert Herdenimmunität weiter. Er spricht von “weitgehender Herdenimmunität auf T-Zellebene”, da es immer weniger Todesfälle geben würde. Dieser können auch mutierte Varianten von SARS-CoV2 nicht entkommen. Sie schützt nicht vor Infektion, aber vor Erkrankung. Gefährdet seien aber weiterhin Menschen mit geschwächter T-Zellen-Antwort. Auch vor Long Covid könne es mitunter nicht schützen (Quelle: E-Mail-Korrespondenz).

Wahr ist:

Es gibt keinen bewiesenen Nutzen durch Nasensprays.

Seit dem Sommer 2020 hatte ich auch das Coldamaris-Nasenspray beworben, dessen Rotalgenextrakt Carragelose (Carrageenan) das Virus angeblich neutralisiert und die Zellen vor einer Infektion schützen soll (siehe Aussendung von Hersteller Marinomed).

Generell sollen Gurgellösungen, Nasensprays und Lutschtabletten helfen, die Schleimhäute feucht zu halten, damit Viren schlechter anhaften können (Quelle). Zumindest für die Rotalgen-Nasensprays wie das oft beworbene Coldamaris Plus ist ein Nutzen aber nicht belegt (Quelle: medizin-transparent).

Die öfter angesprochene klinische Studie zu Coldamaris fand unter Leitung von Christoph Wenisch im SMZ-Süd beim Spitalspersonal statt. Davon hatte man allerdings seit dem Jahreswechsel 2020/2021 nichts mehr gehört, und mit der Durchimpfung des Spitalspersonals hätte die Studie enden oder angepasst werden müssen.

Auch zu Gurgellösungen wie Listerine gab es kritische Beiträge von CORRECTIV und Tagesschau. Viren, die bereits in Zellen eingedrungen sind, kann eine antivirale Lösung nicht mehr erreichen. Eine Milderung der Symptome ist damit unwahrscheinlich. Gurgeln erreicht auch nur den Rachen, nicht die Nasenschleimhaut.

Bleiben VirX, Bioblock, etc: Studien zu innovativen, bahnbrechenden Nasensprays sind oft vom Hersteller finanziert, die natürlich Interesse daran haben, ihr Produkt zu verkaufen (Interessenskonflikte). Ich muss leider eingestehen, dass ich hier mehr auf den Gruppendruck als die Werbung selbst hereingefallen bin und wahrscheinlich über Jahre hinweg viel zu viel Geld ausgegeben habe.

Wahr ist:

Bei gemäßigten Temperaturen herrschte der geringste Einfluss, während bei Hitze und Kälte in Innenräumen häufig Klimaanlage oder Heizung laufen. Die Luft ist dann besonders trocken. Die Atemwege werden aber durch die Selbstreinigung frei gehalten („mucociliary clearance„) – dabei werden Partikel in der Atemluft durch den Schleim aus der Lunge befördert. Trockene Luft beeinträchtigt diesen Vorgang und erhöht das Risiko, dass ein Viruspartikel auf eine Körperzelle trifft und sie infiziert.

Selbst in diesem Fall gibt es noch die zelleigene Immunantwort mit Interferon als Hauptakteur. Bei 37°C Körpertemperatur ist diese biochemische Reaktion optimiert. Im Winter ist die Oberfläche der Atemwege aber der kühleren Atemluft ausgesetzt. Bei 28°C ist die Interferonaktivierung deutlich verzögert. Die Verzögerung der Abwehrmechanismen kann die entscheidende Rolle spielen, dass sich Viren schneller vermehren.

In beiden Fällen gilt aber: Viruspartikel müssen überhaupt erst anwesend sein, um sich zu infizieren. Kalte Klimaanlagenluft reicht ebenso wenig wie trockene Heizungsluft noch der berühmte „kalte Luftzug“. Wenn ich mich vorher nicht infiziert haben, friert man einfach oder hat einen trockenen Hustenreiz, aber wird deswegen nicht krank.

Vom Wetter selbst sind viele Superspreader-Gelegenheiten unbeeinflusst: Schule findet ganzjährig überwiegend drinnen statt, auch im Hochsommer gibt es keine Sitzplätze auf den Flugzeugtragflächen und für den Öffentlichen Verkehr gilt das Gleiche. Im Winter wird aber seltener gelüftet „weil es zieht“, während das Lüften im Sommer meist weniger effektiv ist durch den geringen Unterschied zur Außentemperatur.

Die Jahre mit Corona zeigen, dass neue Wellen durch abnehmende Immunität und neue Varianten getrieben werden. SARS-CoV2 erzeugte von Beginn an die höchsten Wellen im Winterhalbjahr, sowie ein sekundäres Maximum in der warmen Jahreszeit. Wenn sich signifikant veränderte Varianten durchsetzen können, kann es auch große Sommer- und kleinere Winterwellen geben (siehe 2022 in Österreich oder 2024 in den USA).

2021

Wahr ist: Der Krankenschwester-Ausbilder Dr. John Campbell ist falsch abgebogen.

In den ersten Wochen der Pandemie habe ich parallel zum NDR-Podcast mit Virologe Drosten täglich die Youtube-Erklärungen von Dr. Campbell, einem Krankenpfleger-Lehrer in Pension, verfolgt. Er informierte über die Situation in UK, weltweit und stellte meist ein oder mehrere Paper vor. Durch ihn hatte ich frühzeitig die Info, dass etwa Übergewicht (BMI) ein bedeutender Risikofaktor für einen schweren Verlauf ist.

Im Laufe des Sommers 2020 wurden mir die Podcasts zunehmend zu langwierig, denn ich hatte mittlerweile eine schlagkräftige, kompetente Timeline aus Expertinnen und Experten zusammengestellt. Zudem sah ich meinen Irrtum mit Vitamin D zunehmend ein und konnte die Fixierung darauf nicht mehr mitgehen. Seitdem hab ich nichts mehr verfolgt.

Dr. Rohin Francis (Kardiologe, @MedCrisis) stellte am 24.01.22 wegen eines Youtube-Beitrags von Campbell nüchtern fest:

“John Campbell has completed his inexorable and predictable journey from sensible health educator to full-on crank.”

In dem verlinkten Beitrag behauptet Campbell, dass nur 17371 der 137133 Toten bis September 2021 ohne Vorerkrankungen, also durch Covid selbst bedingt waren. Die Mehrheit wäre “mit” und nicht “an” Covid gestorben, was kompletter Bullshit ist. Insbesondere weil “Vorerkrankungen” suggeriert, dass sie ohne Covid19 an was anderem gestorben wären – dabei hätten viele noch Jahrzehnte zu leben gehabt. Auf Youtube nahmen Ärzte Campbells Aussagen auseinander (hier in textlicher Form).

Crisis ergänzt, dass Campbell inzwischen 2,14 Millionen Zuseher hätte, 427 Millionen Klicks auf beinahe 2000 Videos. Durch Youtube-Werbeschaltung würde er monatlich zehntausende Pfund einnehmen. Eine Userin bezeichnet es so:

Audience capture is a worse disease than covid.”

2022

Wahr ist: Die Impfpflicht hätte wahrscheinlich nicht funktioniert.

Ich hab die Impfpflicht lange Zeit verteidigt und auch die Abschaffung der in Österreich nie exekutierten Impfpflicht für falsch gehalten, denn es gab mit dem Übergang zu Omicron keine Hinweise darauf, dass von nun an alle Infektionen deutlich milder verlaufen würden. Zumindest im Gesundheits- und Erziehungsbereich hätte man sie durchsetzen müssen. Das völlig falsche Signal war und ist in meinen Augen gewesen, Kinder, Jugendliche und Schwangere von der Impfpflicht auszunehmen. Wie man heute sieht, hat diese Bevölkerungsgruppe nach der Pandemie keinerlei Infektionsschutz (mehr).

Die Impfpflicht war aber in einem konservativ-rechtsesoterisch geprägten Land wie Österreich von Beginn an Wasser auf die Mühlen der lautstarken Gegner und hat mehr Widerstand als Verständnis erzeugt. Statt aufklären und überzeugen mit sachlichen Argumenten, wollte die Regierung wieder einmal über Strafen gehen.

Mit Omicron ist ein wesentlicher Grund weggefallen, nämlich der Schutz vor Infektion durch die Impfung. Bei Delta hätte das mit drei Impfdosen als Grundimmunisierung noch funktioniert. Bei Omicron hätte es einen bevölkerungsweiten Effekt gegeben, also eine deutliche Inzidenzreduktion, weil der Impfstoff zumindest kurzzeitig einen Ansteckungsschutz bot, aber eben nur, wenn möglichst viele zur Impfung gegangen wären.

Wahr ist: Es gibt nicht nur Covid.

Ende Februar 2022 überfiel Russland die Ukraine und begann einen grausamen Vernichtungskrieg, der bis heute andauert. Im Schatten der russischen Invasion wurden die Schutzmaßnahmen weitgehend abgeschafft. Die Hoffnung war, dass das milde Omicron die Bevölkerung durchseuchen und Herdenimmunität erzeugen würde. In Zeiten hoher Infektionszahlen (BA.2-Welle) fanden im März zwei Benefizkonzerte in Wien statt. In Wien waren gab es einen geringen Effekt auf die Fallzahlenentwicklung. Ich hab die Organisatoren dafür heftig kritisiert, angestachelt durch eine empörte Zero-Covid-Gruppe, die auch persönliche Ressentiments zeigte. Hätte ich das anders lösen können? Ja. Statt öffentlichem Bashing hätte ich es zuerst mit einem persönlichen Gespräch versuchen können. Auch in Zeiten von Kontaktbeschränkungen standen niederschwellige Kommunikationswege wie WhatsApp oder DMs offen. Heute bereue ich es, dass ich mich damals vor den Karren spannen ließ und selbst Freunde offen anging.

Wahr ist: ZeroCovid war nicht in jedem Land umsetzbar und erst Recht nicht auf Dauer.

Das Inselargument hab ich immer belächelt, aber die normative Kraft des Faktischen hat gezeigt, dass ZeroCovid wie in Australien oder Neuseeland nur auf Inselstaaten funktioniert hätte, oder in einer anderen Kultur (asiatische Staaten wie Japan und Südkorea) oder in einer Diktatur (China). In Österreich mit hohem Tourismusanteil und als Binnenstaat war es von Beginn an unrealistisch. Möglicherweise hätte man stringentere Kommunikation fahren können mit mehr Kompetenzen beim Bund (Stichwort: Gesundheitsministerium), da der Förderalismus viel Inkonsistenz erzeugt hat.

2023

Wahr ist: Social Media emotionalisiert und kann auf die falsche Fährte locken.

Der Jahreswechsel 2022/2023 war eine schwierige Zeit für mich. An Weihnachten steckte ich mich mit dem humanen Coronavirus OC43 an und hatte einen fürchterlichen Reizhusten. Das berüchtigte Interview mit Virologe Drosten verkündete das Ende der Pandemie, was Drosten später relativierte – aber da war es schon zu spät. Inmitten der Winterwelle mit Covid und Influenza wurden Schutzmaßnahmen wie verpflichtende Schnelltests zu Arbeitsbeginn abgeschafft. Ich fühlte mich ohnmächtig und erinnere mich noch, wie ich sagte “Die werden wohl nicht so blöd sein, ausgerechnet jetzt alles abzuschaffen“. Here we were.

In der Phase meines emotionalen Vakuums fiel ich auf meist anonyme User auf Twitter herein, die fearmongering betrieben und vor neuen großen Wellen warnten, die nie eintrafen. Gelehrig klingender Schwachsinn – für den Laien kaum zu unterscheiden. Ich warnte vor XBB.1.16, unglücklicherweise wurde meine Reichweite dadurch amplifiziert, dass ein beliebter User Teile meines Beitrags 1:1 auf Twitter kopierte. So konnte ich Fehler nicht mehr korrigieren. Die XBB.1.16-Welle ist ausgeblieben. Die Variante unterschied sich, anders als behauptet, nicht wesentlich von XBB.1.5 und der Variantensuppe im Frühwinter – sodass die Bevölkerungsimmunität ausreichte, keine weitere Welle entstehen zu lassen. Ich begann daraufhin, all jene falsche Fuffziger loszuwerden, die konstant Ängste vor neuen Varianten schürten, aber ohne wissenschaftliche Substanz.

Speziell hellhörig wurde ich auch dadurch, dass „Team Vorsicht“ wiederholt seriöse Expertinnen angriff, teilweise ad hominem, etwa mit dem Vorwurf das Virus zu verharmlosen oder von „nach der Pandemie“ zu reden.

Wahr ist: Die Pandemie ist vorbei. Über den Zeitpunkt des Übergangs von der Pandemie in die Endemie lässt sich streiten.

Ich möchte in diesem Punkt sehr korrekt sein. Behauptungen, die WHO hätte die Pandemie beendet, sind und bleiben falsch. Die WHO hat am 5. Mai 2023 den Internationalen Gesundheitsnotstand (PHEIC) beendet, aber nicht die Pandemie.

Die WHO lag bei einer Reihe von zentralen Aspekten der Pandemie daneben. Sie hat die PHEIC zu spät ausgerufen, sie hat sich in der Pressekonferenz mit Tedros und Ryan im Februar 2020 vom Begriff „airborne transmission“ verabschiedet, sie haben die Krankheit Covid19 benannt, obwohl es selbst von chinesischen Ärzten und Wissenschaftlern SARS genannt wurde – in Anlehnung an SARS-1 von 2002/2003. Um keine Panik in China auszulösen, nannte man das Virus kurzerhand um, und vertuschte das Ausmaß, bis es zu spät war. Von der WHO übernahm man den Meter Abstand ebenso wie das Händewaschen. Die WHO hat viele Monate gebraucht, um Long Covid auf die Agenda zu setzen, während erste Warnungen aus China schon mit Pandemiebeginn kamen. Sie hat noch länger gebraucht, um Aerosol-Übertragung anzuerkennen. Sie hat quälend lange gebraucht, den Nutzen von FFP2-Masken zu propagieren. Die WHO ist wirklich nicht die beste Instanz in dieser Pandemie gewesen. Von daher würde ich davon abraten, „aber laut WHO ist es noch eine Pandemie“ unkritisch 1:1 zu übernehmen – das ist cherrypicking, nur das herauszugreifen, was ins eigene Weltbild passt. Rückblickend halte ich es für einen Fehler, dass ich so oft auf „Pandemie ist vorbei“ eingestiegen bin. Ob Endemie oder Pandemie, ist für die weitere Vorgehensweise egal, Prävention sollte unabhängig davon einen höheren Stellenwert einnehmen. Was machen wir, wenn die WHO einen neuen Chef bekommt und der die Pandemie offiziell beendet? Fällt dann unser Forderungskatalog wie ein Kartenhaus in sich zusammen?

Die Pandemie ist auch epidemiologisch zu Ende. Die Bevölkerungsimmunität ist weltweit so stark diversifiziert, dass man von der Entwicklung in einem Land/Kontinent nicht mehr auf den anderen schließen kann. Es gibt zeitlich verschobene Wellen unterschiedlicher Höhen mit unterschiedlichen Varianten, man könnte auch von lokalen Epidemien sprechen, sofern sie überhaupt noch mit Abwassermonitoring erfassbar bleiben. Weltweite Wellen gab es zuletzt mit JN.1, XFG und jetzt BA.3.2.* – doch mit jeder Welle nimmt die Inzidenz schwerer Verläufe ab.

Ausführlicher zum Pandemieende hier.

Wahr ist: Infektionsschutz darf nicht über allem stehen.

Ein Twitter-User, der mir anfangs folgte, und mich später in die Nähe der „ZeroCovid-Sekte“ rückte, schrieb einmal sinngemäß, dass er therapeutische Hilfe brauchte, um wieder ins Gasthaus gehen zu können, weil ihm das lange von uns indoktriniert wurde, wie gefährlich das sei. Natürlich war meine erste Reaktion eine reflexhafte Abwehr, nicht zuletzt aufgrund des unfreundlichen Tonfalls.

Aber die Aussage ist in meinem Gedächtnis hängengeblieben und hat mich seit letztem Jahr ziemlich nachdenklich gemacht. Ich schrieb einmal über Graustufen beim Schutz der Kinder – dass man es nicht dem Kind anlasten darf, dass Erwachsene hier versagt haben – indem man sie etwa auf keinen Kindergeburtstag mehr lässt, der drinnen stattfindet, dass sie immer Maske tragen müssen, selbst wenn es sie zu Außenseitern macht – weil es auch ein gewisses Selbstbewusstsein braucht, um das durchzuziehen.

Seit 2023 habe ich mir schrittweise mehr Freiheitsgrade erlaubt und die ausdrückliche Wohltat dieser Entwicklung bemerkt, wieder Socialising zu betreiben, ohne ständig Furcht vor Ansteckung zu haben. Gleichwohl es mich immer noch aufregt bis empört, wenn Erwachsene krank, mit Symptomen, scheinbar selbstverständlich, unter Leute gehen, sehe ich es als notwendigen Teil des Lebens, diese Risiken einzugehen, weil man sonst vereinsamt, verschrobener wird, abzudriften droht.

Natürlich könnte man auch hier über den Zeitpunkt diskutieren – 2022 hätte ich mir noch nicht soviel zugetraut, und ich denke, angesichts der damals nicht angepassten Impfstoffe und noch fehlender antiviraler Medikamente war die Vorsicht noch berechtigt. Spätestens 2023 war aber weit mehr möglich als man zugelassen hat. Da war ich im wahrsten Sinne des Wortes abgehängt und musste erst wieder zu einem vernünftigen Mittelmaß zurückfinden.

Insofern tut es mir leid, wenn ich manchen FollowerInnen zu viel Angst über eine Infektion beim Socialising eingejagt habe. Es ist natürlich alles sehr individuell, doch schon 2022 konnte ich beobachten, wie immunsupprimierte Menschen nach einer schweren Erkrankung wieder unter Leute gingen, auf Parties, in die Disco. Wer war ich, mir anzumaßen, wie man sich als vulnerabler Mensch zu verhalten hätte? Es war lediglich entscheidend, das Risiko zu kennen, um eine rationale Kosten-Nutzen-Abwägung machen zu können. Aber das oblag nicht mir, diese zu übernehmen. Wie in der Wettervorhersage und bei der Beratung von Piloten: „Decision aid, not made.

Eine Bluesky-Userin schrieb:

Als sie auf mich gingen und mich „ableistisch“ nannten, weil ich meine geimpften Kinder (und nach „bestem Bemühen“ Maske tragend) in die Schule schickte (eine Woche Stadium 3a Nierenerkrankung, die Ironie), vorschlugen, dass ich meine 20 Jahre und länger Karriere beendete, um sie zuhause einzuschulen oder dass sie ihr Mittagessen in meinem Auto einnahmen… wandte ich mich schnell davon ab.

Edward Nirenberg, Wissenschaftskommunikator:

Es ist von der Realität entkoppelt. Sie verlangen ein Niveau an Askese, die für nahezu niemanden aufrechtzuerhalten oder ermöglichbar ist.“

2024

Wahr: SARS-CoV2 löst keine Massenmanipulation der Bevölkerung aus.

Eine weitere klare Distanzierung ist notwendig: Vor allem linke Accounts behaupten wiederholt, die Massendurchseuchung würde erklären, weshalb jetzt immer mehr Menschen rechts wählen oder die Frauenmorde deutlich zunehmen. Begründet wird das mit dem Hinweis auf Studien, die kognitive und behavoriale Beeinträchtigungen nach Infektionen nahelegen. Doch ist so eine lineare Schlussfolgerung nicht sehr vereinfacht und macht zahllose Historiker und Extremismusexperten weltweit arbeitslos?

Ich übersetzte im Februar den X-Thread einer Behindertenaktivistin über das mutmaßliche Trauma der Bevölkerung, die die Folgen von Corona herunterspielen würden, um sich selbst vor Schuldgefühlen zu schützen. Das ist vielleicht nicht so falsch, aber im Alltag nimmt Corona nicht mehr den Stellenwert ein, den es in der Akutphase der Pandemie hatte. Ist es wirklich das Trauma der Mehrheitsbevölkerung oder nicht vielmehr unser eigenes, weil es vorbei ist und wir es nicht geschafft haben, unser Umfeld überzeugen zu können, mehr Prävention zu betreiben? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. CoV2 zirkuliert mit kleineren und größeren Wellen ganzjährig, bringt v.a. Kleinkinder und alte Menschen weiterhin ins Spital, ein kleiner Teil hat auch jetzt noch Spätfolgen. Das alte Normal ist das nicht. Mit der aktuellen Welle an MECFS-Berichterstattung (Stand 10.12.24) bringt man den Menschen hoffentlich wieder mehr ins Bewusstsein, das auch LC-Betroffene mitten unter uns sind und an der Gesellschaft teilhaben wollen, und die Ursachen für ihre schwerwiegende Erkrankungen das verdrängte Covid ist.

Es gibt aber noch weitere Erklärungen als andauerndes Trauma, weshalb Covid gerade verdrängt wird:

  • Survivorship Bias („bei mir war es harmlos, kann daher nicht so schlimm sein“)
  • Egoismus
  • sozialer Druck
  • gezielte Desinformation (rechtsextreme Parteien, Verschwörungserzählungen, gefördert von Russland, um die westlichen Demokratien zu destabilisieren)
  • grundlegend falsches journalistisches Verständnis: Wenn aus „audiatur et altera pars“ zum „False Balance“ führt – und Aussagen nebeneinander stehen bleiben statt nach der Wahrheit, den Fakten zu suchen. Wenn einer sagt, es regnet gerade, und der andere, nein, es ist trocken, dann gibt es nur eine Wahrheit. Und wenn es Graustufen gibt, muss man die überzeugendere Studienlage finden, und nicht die unplausiblere übernehmen, weil sie besser in persönliche Befindlichkeiten passt
  • Message Control: Wenn Regierungen ihren falschen Pandemiekurs absichern wollen, indem sie relevante Informationen vorenthalten (z.B. bezirksgenaue Abwasserdaten, Sterblichkeitsraten, akkurate Longcovid-Codierung) oder pandemische Wellen tabuisieren, bestimmte Begriffe einfach nicht mehr nennen, oder Falschaussagen treffen. Wenn man Lügen oft genug wiederholt, werden sie zur Wahrheit, etwa, dass Kinder wiederholte Infektionen für Immunsystem brauchen würden, dass Schulschließungen ein Fehler gewesen sein würden, dass nur der erste Lockdown notwendig war, oder dass die Impfung nie vor Ansteckung geschützt hätte.

Die Ursache für die Verdrängung ist multikausal und hat viel mit der Sozialisierung zu tun, mit dem Umfeld, in dem man sich bewegt, mit den Medien, die man liest, und mit der Verhaberung von Politik und Medien gerade in Österreich.

Der Rechtsruck in Deutschland ist weder plötzlich noch die zugehörige Gewalt. . Ein paar Stichworte, die mir als Exildeutscher einfallen:

  • Historischer Verlauf der DDR als Diktatur, wenig Ausländer
  • „Blühende Landschaften“ nach der Wiedervereinigung als leeres Versprechen
  • Hohe Arbeitslosigkeit im Osten
  • Hartz4 (größtes Verbrechen einer linken Regierung in der Geschichte der Bundesrepublik) und damit Welle an Armutsbetroffenen
  • Social Media seit jeher von Rechten besser bespielt als von Linken, die sich lieber untereinander spalten
  • seit jeher höherer rechtsextremer Anteil im Osten mit Jugendangeboten und gesellschaftlich entsprechend gut vernetzt
  • Flüchtlingswelle
  • Pegida
  • Afd-Gründung
  • in der Pandemie blieben die Jugendangebote der rechtsextremen Parteien offen (gegen die geltenden Regeln)
  • Radikalisierung durch das Internet und Messenger-Gruppen (Tiktok, Instagram, Telegram), auch in den Zeiten der Kontaktbeschränkungen
  • Rechtsextreme Parteien instrumentalisieren Verschwörungserzählungen wie über die Pandemie, um Wähler/Mitglieder zu gewinnen
  • (einen hohen Anteil an Rechtswählern gab es in Österreich bereits vor der Pandemie)
  • russischer Einfluss (Propaganda, um westliche Demokratien zu destabilisieren) und mutmaßlich hoher Geldfluss zu rechtsextremen Parteien

Diese vereinfachten Thesen von strukturellen Gehirnschäden für erhöhte Vulnerabilität für Rechtspopulismus (warum nicht Linkspopulismus?) sind nicht nur sehr weit hergeholt und blenden maßgebliche politische, historische und soziale Faktoren aus, sondern sind in meinen Augen gefährlich – denn sie sind nicht mehr weit entfernt von den „kriminellen Genen“. Wir stempeln dadurch Menschen ab als potentiell gefährlich, weil sie vielleicht in einem entsprechenden Umfeld sozialisiert wurden, und ab der wievielten Infektion sollen wir sie besser in Sicherheitsverwahrung nehmen?

Wahr ist: Es gibt Immunitätslücken und Nachholeffekte durch das Ende der Maßnahmen.

Was ich weiterhin ablehne: Immunschuld („immune debt“) und Nachholeffekte sind keine Aufforderung, sich jetzt absichtlich zu infizieren. Wir können bis zu einem gewissen Grad steuern, ob wir uns infizieren wollen, unter Aufgabe unseres Soziallebens. Ob man jetzt in den Öffis und beim Arzt Maske trägt, ja, kann helfen, aber außerhalb von Krankheitswellen sind es nicht die Ansteckungsorte. Daneben gibt es noch die stille Feiung durch asymptomatische Verläufe, wo man also gar nicht mitbekommt, dass man gerade etwas „ausbrütet“, das einen wieder eine Weile immunisiert.

Die Begrifflichkeiten sind hier wichtig. Das Immunsystem wurde durch die Schutzmaßnahmen nicht geschwächt, die spezifische Immunität gegen zahlreiche Erreger hat aber abgenommen. Auch asymptomatische Verläufe sind aufgrund der jahrelang unterdrückten Erreger nicht vorgekommen. Die vorübergehende Herdenimmunität konnte sich nicht aufbauen. Nach der Aufhebung sämtlicher Maßnahmen zirkulierten die Erreger wieder weltweit, und die spezifische Immunität muss sich erneut aufbauen, ehe die Viren und Bakterien wieder in Zyklen zirkulieren können. Bei RSV und Influenza gab es 2021/2022 (RSV) und 2022/2023 (Influenza) jeweils starke Wellen. 2023/2024 war die Influenzawelle zwar hoch, aber vom Zeitpunkt her wieder genretypisch und 2024/2025 findet der Peak voraussichtlich ebenfalls wie vor der Pandemie im Jänner statt. Auch andere Erreger wie Keuchhusten (pertussis) oder Mycoplasmen zirkulieren in Wellen durch die Bevölkerung. Durch die Schutzmaßnahmen hat man eine Welle ausgelassen, diese wird nach Ende der Schutzmaßnahmen „nachgeholt“. Das ist weder ein Schaden durch die Schutzmaßnahmen noch durch geschwächte Immunsysteme nach einer SARS-CoV2-Infektion.

Was wahrscheinlich schon so ist: Es zirkulieren jetzt neben den vergleichsweise harmloseren Rhinoviren ganzjährlich auch SARS-CoV2-Wellen. Wenn gerade eine Mycoplasmen-Epidemie vorherrscht, hilft es ganz sicher nicht, wenn man gerade SARS-CoV2 gehabt hat und das Immunsystem anfällig für bakterielle Zweitinfektionen ist. Diese Anfälligkeit ist ganzjährig möglich, nicht nur bevorzugt im Winter oder wenn man sich gerade im Ausland mit Dengue infiziert hat. Es ist also keine Spezialität, nach CoV besonders häufig nochmal was aufzuschnappen, sondern die Spezalität von CoV ist es, sich ganzjährig was aufschnappen zu können, nicht nur im Hochwinter.

In vielen Beiträgen wurde auch von mir kritisiert, wenn von „breiter Immunisierung“ die Rede war. Nach wie vor kritikwürdig ist in meinen Augen, die Kollateralschäden dieser Immunisierung auszublenden, also die vielen fraglosen Fälle von Longcovid, schweren Verläufe zu ignorieren. Die Immunisierung selbst hat allerdings zweifellos stattgefunden. Solange kein weiterer Variantensprung wie mit JN.1 stattfindet, werden die Abstände zwischen den Coronawellen immer länger und nähert sich einem wintersaisonalen Verlauf an, zumindest aber zwei Peaks im Jahr statt vier wie letztes Jahr noch vermutet. Das heißt aber auch übers Jahr gesehen weniger Reinfektionen und damit sinkende LC-Inzidenz.

Es wird nicht gelingen, alle Pathogene für immer und ewig zu beseitigen, aber natürlich ist und bleibt es sinnvoll, Pathogene in der Luft zu reduzieren, so wie man Schadstoffemissionen in der Umwelt reduzieren will. Die Infektionswellen werden dadurch flacher und gefährden vulnerable Alters- und Risikogruppen in geringerem Ausmaß. Luftreinigungsmaßnahmen reduzieren außerdem die Viruslast und können die Krankheitsschwere damit abmildern. Idealerweise gibt es Impfstoffe, um die spezifische Immunität zu aktualisieren, statt über Infektionen, und antivirale Medikamente.

Aber der Gaul, dass man jede Epidemie an Infektionskrankheiten nun auf eine rezente oder wiederholte SARS-CoV2-Infektion zurückführt, wurde bereits totgeritten, nur sind manche noch nicht abgestiegen.

2025

Wahr: Die Bedrohung durch den Faschismus hat höhere Priorität als Infektionsschutz

Ich habe wahrscheinlich zu spät erkannt, dass wir Differenzen überwinden müssen, um das big picture nicht aus den Augen zu verlieren. Gegen demokratische Regierungen kann man demonstrieren, Kritik üben, Proteste organisieren. Bestenfalls kommt man noch in eine Form der Diskussion und kann zumindest Argumente vortragen. Mit autoritären Regimen wie unter Trump, künftig möglicherweise unter Kickl und Weidel gibt es keinen demokratischen Diskurs mehr. Das Gegenteil passiert: Wissenschaft wird zerstört, ihre Vertreter gejagt und denunziert. Der Kampf um besseren Infektionsschutz war dann umsonst. Nach kurzer oder längerer Zeit, wo das Regime besteht, ist davon nichts mehr übrig. Bei der EU-Wahl hab ich rechtzeitig die Kurve bekommen und so gewählt, wie ich die Bedrohungslage als prioritär empfunden habe, und meine Ressentiments aus der Pandemie beiseite geschoben. Babler wurde viel dafür kritisiert, auch von mir, weil er bei seinen Wahlkampfveranstaltungen keine Maske trug oder keine Luftreiniger benutzte. Es zeigte sich aber auch, dass der Glaube, Babler würde jetzt TeamVorsicht-Forderungen aktiv umsetzen, ausgesprochen naiv war. Die Mehrheit, auch der SPÖ-Wähler, scherte sich zu dieser Zeit nicht mehr um Schutzmaßnahmen und Infektionen vermeiden. Es ging darum, zu mobilisieren, um einen Rechtsruck in der SPÖ zu verhindern. Und das war legitim.

Meine Erst-Infektion

Ich hab mich in der Woche vom 5.-11. Juli 2025 das erste mal mit SARS-CoV2 infiziert. Mir war von Beginn an klar, dass ich die Infektion nicht ewig verhindern kann. Im Winter wäre es mir lieber gewesen als im Hochsommer, zugegeben. Entgegen jeder Empfehlung für immunkompetente Personen behielt ich ab November 2021 einen halbjährlichen Booster-Rhythmus bei. Im März hab ich mich verschätzt mit dem Beginn der nächsten Welle, und war zu früh impfen (KP.2-Pfizer-Impfstoff). Laut Variantenmonitoring ist eine Infektion mit XFG bzw. dessen Nachkommen sehr wahrscheinlich.

Rund um meine Infektion ranken sich Mythen für die Gründe. Ist die Impfung etwa wirkungslos? Bin ich selbst Schuld, weil ich keine Maske mehr getragen habe?

Es ist von der Realität entkoppelt. Sie verlangen ein Niveau an Askese, die für nahezu niemanden aufrechtzuerhalten oder ermöglichbar ist.“ (Edward Nirenberg, Science Communicator über die Vorstellung mancher, dass man auch jetzt noch eine strenge Maskenpflicht durchziehen müsse)

Ich vertraute bis dahin auf den Effekt der „leaky immunity“ – bei niedriger bis moderater Virusexposition ist man nach Impfung gegen Ansteckung geschützt (Lind et al. 2023). Das ist jahrelang aufgegangen. Symptomatische Personen hab ich gemieden bzw. Abstand gehalten, und lange Zugfahrten konnte ich an einer Hand abzählen.

Ansteckungsort

Inkubationszeit 2-4 Tage im Schnitt, erste Symptome waren am Donnerstag, 10. Juli. Am Wochenende davor waren wir am Samstag wandern, lange Zugfahrt, aber eher dünn besetzt. Sonntag war ich daheim. Montag ging ich spät am Nachmittag eine flotte Runde am Stadtwanderweg. Auf der Hinfahrt musste ich mich in einen überfüllten Bus quetschen. Ich war zeitgleich mit dem Bus an der Haltestelle und kam nicht mehr dazu, mir die FFP3-Maske, die ich im Rucksack hatte, aufzusetzen. Dort kann die Ansteckung passiert sein. Am Dienstag und Mittwoch hatte ich mit einem stark symptomatischen Kollegen Dienst, der leider nie getestet hat. Im Zug auf der Hin/Rückfahrt hab ich an beiden Arbeitstagen Maske getragen. Im Büro nicht – dort herrscht seit jeher sehr gute Frischluftzufuhr mit Quell-Lüftung (Frischluft strömt über Lüftungsschlitze am Boden zu und verbrauchte Luft wird an der Decke abgezogen). Bisher gab es noch keine nachgewiesene Infektionen im Büro.

Schnelltests mit Hotgen und Longsee (der kurze): Positiv am zweiten Tag mit Symptomen, deutliche Linie am dritten Tag, schwächer am fünften Tag und verschwunden am siebten Tag.

Am 1. Tag (Donnerstag, 10. Juli 2025) wachte ich mit starken Halsschmerzen auf, schob es fälschlicherweise schon wieder auf Refluxbeschwerden, die ich vor meiner Gallenblasen-OP (2022) häufig hatte. Schon bei früheren Infekten hab ich Halsweh mit Reflux verwechselt. Ich sollte es besser wissen. Das Halsweh blieb tagsüber, sonst fühlte ich mich aber gut. Ich nahm daher das Rad zum Nachtdienst, immerhin Rückenwind. In der Nacht konnte ich kurz ruhen, im Liegen wurde das Halsweh aber schlimmer – auch das typisch für Reflux.

Am 2. Tag (Freitag) kamen in der Früh Schmerzen in der Lendenwirbelsäule dazu. Das passte nicht mehr zum Reflux, aber ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, sondern meine Checkliste abzuarbeiten. Mit Gegenwind und Regenschauern am Rückweg hatte ich gerechnet, doch nun wäre es vernünftiger gewesen, das Rad stehen zu lassen oder mit in den Zug zu nehmen. Im letzten Drittel des Rückwegs wurden die Gliederschmerzen stärker und ich bekam noch dazu stechende Knieschmerzen – was ich davor noch nie hatte. Ich war dann wirklich heilfroh, daheim anzukommen. Mein Nasenflügeltest mit Hotgen zeigte eine dünne zweite Linie, zur Sicherheit schoss ich einen Longsee-Test nach. Beide Tests sind schon gut zwei Jahre alt, aber solange die Kontroll-Linie dick ist, funktionieren sie noch. Schnelltests weisen Fragmente des Virus nach, sagen nichts darüber, ob das Virus tot oder lebendig ist, aber gemeinsam mit den Symptomen war es natürlich sehr lebendig.

Gott sei dank hatte ich noch eine – seit zwei Jahren abgelaufene – Packung Paxlovid zuhause, die ich eigentlich meinen Eltern mitbringen wollte, aber nun war ich froh, sie selbst nehmen zu können. Die Symptome verschärften sich am Nachmittag: Massive Glieder- und Gelenkschmerzen, Schüttelfrost und heiße Stirn. Leider war mein Fieberthermometer ausgerechnet am Vortag „eingegangen“. Ich bestellte Lebensmittel bei Gurkerl, wo es auch Apotheken-Artikel gab, und ersparte mir so die Fußwege. Ich fühlte mich ohnehin nicht mehr fit genug dafür. Dann rief ich auf der Arbeit an und sagte dazu, dass es wahrscheinlich eine Covid-Infektion sei. Zugegeben war es mir etwas peinlich, hatte ich doch jahrelang Maske getragen und mich oft geärgert, wenn andere mit Symptomen keine Maske trugen. Nun hatte ich selbst Symptome, sie aber mit dem nicht ansteckenden Reflux verwechselt – das war wohl das Unterbewusstsein (Wunschdenken). Andererseits hat der Kollege mit dem – über Nacht einsetzenden – starken Husten auch nicht getestet und lieber Bronchostop genommen statt zuhause zu bleiben. Auch danach kam ihm nie in den Sinn, dass er mich angesteckt haben könnte. Es wäre gelogen, wenn ich nun sagen würde, dass mir das gleichgültig sein würde. Ich war noch wochenlang sauer.

Ich schlief am Nachmittag und Abend bereits stundenweise, nahm später noch Antihistaminika (Desloradatin) und Melatonin (Faridzadeh et al. 2022 – steht allerdings in keiner Leitlinie und kann maximal unterstützend wirken) und schlief die Nacht dann gut zehn Stunden durch.

Am dritten Tag (12. Juli) testete ich gleich nach dem Aufwachen im Nasenflügel, der Schnelltest war nun fett positiv und jede Zweifel beseitigt. Ich hatte damit gewisse Hoffnung, niemand angesteckt zu haben. Dank meiner guten Immunität (zehn Impfungen!) bekam ich erst Symptome, bevor die Viruslast anstieg. Jetzt war ich also hochansteckend, aber bereits zuhause und für niemand eine Gefahr.

Schüttelfrost und Gliederschmerzen waren bereits verschwunden, das Halsweh tagsüber besser. Jeder Huster schmerzt allerdings im Stirnbereich. Ich führte Elektrolyte zu, aß eine Hühnersuppe (von Radatz, bereits fertig) und machte mir am Abend ein paar Rühreier. Appetitlosigkeit hatte ich während der Infektion keine ausgeprägte. Ich aß bewusst Proteinriegel und trank Elektrolytlösungen, um den geschwächten Körper mit Nährstoffen zu versorgen. Leider hatte ich nun nur noch zwei Hotgen-Tests, sonst noch eine Packung Longsee-Tests mit grenzwertiger Menge an Pufferlösung in den Gefäßen. Solange die Symptome anhielten, brauchte ich nicht weitertesten – neue Hotgen bestellte ich bei Amazon, da ich nur dort davon ausgehen konnte, dass sie zügig geliefert wurden und notfalls in der Post-Empfangsbox im Haus landeten.

In der Nacht auf den 4. Tag schlief ich schlechter. Das Halsweh – insbesondere die Schluckbeschwerden – waren intensiv, rasiermesserartig traf es gut, aber das gab es laut Hörensagen schon bei früheren Varianten. Anekdotisch soll es bei XFG häufiger vorkommen. Ibuprofen 400 half nur kurzzeitig und selbst 2mg Melatonin reichten nicht aus, um durchzuschlafen. Zudem schwitzte ich stark, hatte aber laut Stirnthermometer nie Fieber. Hitzewallungen ohne Fieber treten übrigens auch bei Reflux in Verbindung mit Histamin-Intoleranz auf. Starker Nachtschweiß war dagegen typisch für eine Covid-Infektion.

Das mit dem bitteren Geschmack durch Paxlovid stimmte ebenfalls. Grund dafür ist das antivirale Nirmatrelvir, welches die Bitter-Rezeptoren TAS2R aktiviert, welche wiederum Bitterzellen aktivieren. Diese regen die Geschmacksnerven an, die das Signal ans Gehirn senden, damit dieses „bitter“ wahrnimmt. Gegenmittel gibt es keines. Seitdem schmecktr fast alles nach Gin Tonic, sogar Bananen.

Noch ein spezielles Symptom, das zum Glück nur einen Tag anhielt: Glühende Haut und wenn ich sie berührte, brannten die Finger „nach“. „Burning sensation“ ist selten, aber beschrieben als Covid-Symptom.

In der Nacht auf den 5. Tag schlief ich wegen den Schluckbeschwerden erneut nur stundenweise. Lutschtabletten, Tantum Verde, Tee – alles schien nutzlos. In der Früh nahm ich die letzte verbliebene Parkemed-Tablette aus meiner Hausapotheke (eigentlich für Notfälle bei Bergtouren reserviert) – damit konnte ich den Vormittag durchschlafen und wachte dann schweißgebadet auf.

Für VitC/D/Zink gibt es keinen bewiesenen Nutzen. VitC nahm ich trotzdem, weil es gegen eskalierende Histaminproduktion hilft, ebenso Antihistaminika, die ich wegen meiner Hausstaubmilben/Pollenallergie nehmen muss. Magenknurren weiterhin als positives Zeichen, dass Magen-Darm nicht stärker beeinträchtigt war. Sauerstoffsättigung 96-98% – es zählt der höhere Wert. Puls recht niedrig um 55, aber als Ausdauersportler nicht beunruhigend.

Am Nachmittag war ich kurz mit Maske den Müll runterbringen und in der Apotheke, stärkere Ibuprofen holen – die mir die Hausärztin auf die E-Card stellte. Den Arztbesuch sparte ich mir. Weder die paar Meter zur Apotheke noch das Stiegensteigen strengten mich besonders an. Am Abend versuchte ich vergebens die Ibu 600 zu schlucken, zu groß die Tabletten. Ich blieb also bei Ibu 400.

Ibuprofen hat eine schmerzstillende Komponente, die mit höherer Dosierung nicht größer wird („Ceiling-Effekt“), und eine entzündungshemmende Komponente, die mit höherer Dosierung zunimmt (Erklärung). Ich setzte auf den Anti-Entzündungseffekt, damit die Halsschmerzen ursächlich bekämpft werden.

Am Dienstag, 6. Tag wachte ich erholter auf. Die Halsschmerzen wurden tatsächlich besser. Der neueste Schnelltest zeigte eine blasse Linie, die später kam als beim letzten Mal – das sprach für eine abklingende Infektion.

Post-Akute Phase:

  • Tag 7: minimaler Hustenreiz nachts, letzte Ration Paxlovid, Schnelltest wieder negativ
  • Tag 8: schlecht geschlafen, leichter trockener Husten
  • Tag 11: Halskratzen, trockener Hustenreiz, 3. Test in Folge negativ
  • Tag 12: Krankenstandsende und längerer Spaziergang unter Belastungsgrenze
  • Tag 13: Ständig Kratzen im Hals, Stimme sehr rau
  • Tag 14: Halsweh fast weg, aber Stimme schlechter
  • Tag 15: längerer Spaziergang, trockener Reizhusten tagsüber schwächer
  • Tag 16: weiterhin trockener Reizhusten (laryngeal)
  • Tag 19: Reizhusten verschwunden
  • Tag 20: Hitzewallungen, Gliederschmerzen, Kopfweh im kalten Eck vom Büro, nach Dienstende gingen Beschwerden wieder weg

Rückblickend hatte ich wohl von Tag 11 bis 18 einen leichten Rebound nach Absetzen von Covid, aber keinen Leistungseinbruch mehr.

Zwar hatte ich meine Withings-ScanWatch reaktiviert, aber keine Vergleichswerte zu vor der Infektion. Der Körper würde mir schon deutlich sagen, wenn etwas zu viel war. Es bringt nichts, ständig nur auf Messwerte zu starren und zu viel in den Körper hineinzuhören. Ich muss aber gestehen, dass mir das schwerfiel, gerade mit meiner Vorgeschichte als Coronablogger, der bestens Bescheid weiß, was alles passieren könnte. Dasselbe trifft auch auf Bergtouren bei erhöhter Gewitterwahrscheinlichkeit zu – da bin ich als Berufsmeteorologe auch relativ unruhig.

2026

Unmittelbar vor Pandemiebeginn gab es eine schwere Influenzasaison – sogar einzelne Schulen in Tirol wurden deswegen geschlossen! (2019/2020). Ursache dafür waren gleich mehrere gedriftete H3N2-Stränge (Kladen 3c2.A und 3c3.A). Die letzte Wintersaison (2024/2025) fiel ebenfalls mancherorts stärker aus, hier war H3N2 an drei Stellen mutiert. Diese Saison gibt es sieben Mutationen. H3N2 ist dafür bekannt, dass sie stärker driftet als andere Influenzastränge und häufiger nicht ideal zum Grippeimpfstoff passt. Für unsere großteils ungeimpfte Bevölkerung (< 20% Impfrate) kann das auch heißen, dass die (kurzlebige) Immunität schlecht gegen die Driftvariante schützt.