
Das neue Jahr beginnt mit dem gleichen Fatalismus, wie das alte Jahr aufgehört hat – mit dem Unterschied, dass nun auch jene ins gleiche Horn wie die GreatBarrington-“Wir müssen mit dem Virus leben”-Befürworter stoßen, die bisher berechtigt zur Vorsicht gemahnt haben. Was dabei immer wieder ignoriert wird, sind die gefährdeten Minderheiten – seien es Kleinkinder, die nicht geimpft werden können, deren Krankenhausaufenthalte durch OMICRON aber deutlich ansteigen (Prognose gut, aber es gibt nicht unbegrenzt Spitalspersonal), ältere Kinder, die geimpft werden könnten, aber noch nicht sind, weil es zu wenige Impftermine gibt, weil die Eltern von der Impfung nicht überzeugt wurden oder sie strikt ablehnen, seien es Erwachsene, die auch zwei Jahre nach Pandemiebeginn noch glauben, sie würde ein starkes Immunsystem oder ihr Alter schützen und in einer grauenhaften Desinformationsblase gefangen sind, seien es erwachsene Impfgegner- und -leugner, die uns nicht egal sein können, selbst wenn wir scheitern, sie zu überzeugen, weil auch sie kurz- und langfristig das Gesundheitssystem schwer belasten, seien es chronisch kranke Menschen, die trotz Impfung keinen ausreichenden Immunschutz aufbauen konnten, etwa nach einer Krebserkrankung oder Organtransplantion, oder auch angeborene Immundefekte – das sind in der Regel Menschen, die schon lange kämpfen und sich einschränken müssen, um zu überleben. Diesen nimmt man mit der Hochinzidenzstrategie die langfristige Perspektive, wieder etwas mehr aus der gesellschaftlichen Isolation zu kommen, und nicht Gefahr zu laufen, sich bei einem Krankenhausaufenthalt anzustecken und zu versterben. Und wir gefährden auch jene LongCOVID-Patienten, denen nach der ersten Impfung von weiteren Impfungen abgeraten wurde, weil sich ihr Zustand dadurch verschlechtert hat. Das mag ein kleiner Prozentsatz sein, aber wie überall in der Pandemie bedeutet das bei einer hohen Durchinfizierung eine große absolute Zahl an Betroffenen.
Ich plädiere daher weiterhin uneingeschränkt für eine Strategieänderung, die das erhöhte Risiko für die Schwächeren in der Gesellschaft berücksichtigt, und sich dabei unsere wirksamen Hilfsmittel – neben Impfungen “nichtpharmazeutische Maßnahmen” (kurz: NPI) – zunutze macht, um das Virus dauerhaft in die Schranken zu verweisen, und zwar so lange, ….
- bis auch in jenen Ländern mit niedriger Impfquote ausreichend Menschen geschützt werden können, damit keine neuen, potentiell gefährlicheren Varianten (Colson et al., 24.12.21) entstehen, die den Impfschutz unterlaufen können
- bis wirksame Medikamente weltweit erschwinglich und verfügbar sind, um vor allem die angesprochenen Minderheiten zu schützen
- bis die Gefährdung durch LongCOVID mit und ohne Impfung besser erforscht und anerkannt ist, und ausreichend Anlaufstellen und Therapiemöglichkeiten aufgebaut wurden
Wir wissen, dass eine vollständige Ausrottung des Virus nicht mehr möglich ist, da es bereits in der Tierwelt endemisch geworden ist und jederzeit ein erneutes Überspringen auf den Menschen möglich ist. Doch selbst in diesem Fall ist die langfristige Perspektive für alle Lebensbereiche zuversichtlicher, wenn man versucht Inzidenzen dauerhaft niedrig zu halten und sichere Freiräume zu schaffen für alle Teile der Gesellschaft, nicht nur für jene mit gutem Immunschutz.
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