

Seitdem das Virus da ist, steigen die Infektionszahlen im Frühsommer an. Im ersten Jahr fiel es mit Aufhebung der Maskenpflicht zusammen, im zweiten Jahr mit allgemeinen Lockerungen aufgrund der Impfkampagne, im dritten Jahr mit weitreichenden Lockerungen und Aufhebung der Maskenpflicht und im vierten Jahr mit dem Ende der Meldepflicht und Aufhebung aller restlichen Schutzmaßnahmen. Im fünften Jahr ist nichts mehr da zum Aufheben und die Fallzahlen steigen bereits seit Ende April/Anfang Mai.
Mich eingeschlossen schränken hochvulnerable oder aufgeklärte Menschen seit fünf Jahren ihre Urlaubs- und Freizeitpläne unfreiwillig ein, weil sich die Mehrheitsbevölkerung nicht einmal an basale Gepflogenheiten halten will – nicht krank zur Arbeit gehen, nicht krank in ein Restaurant gehen, nicht krank frühstücken gehen im Hotel, keine kranken Kinder in die Schule schicken, etc. Im ersten Pandemiejahr hat das funktioniert, weil man musste oder Hotels schlichtweg geschlossen blieben. Das große Wirtshaussterben ist übrigens ausgeblieben dank der großzügigen Überförderung durch die Regierung, es hat lediglich die Schließungen bei jenen beschleunigt, wo absehbar war, dass kein Nachfolger übernehmen würde.
Auch wenn es nicht klug wäre, sich nicht auszuruhen, könnten Arbeit und Schule mit Fremdschutz stattfinden, wenn die erkrankten Personen eine FFP2-Maske tragen würden. Die gibt es seit Jahren längst in allen Farben. Niemand muss sich als medizinisch vulnerabel zu erkennen geben. Beim Restaurantbesuch sollte eben das Verantwortungsgefühl greifen – die Eigenverantwortung wird zur Fremdverantwortung, wenn mein Verhalten andere Menschen gefährden könnte. So wie ich auf einem schottrigen Steig am Berg keine Steine lostrete, die Wanderer weiter unten gefährden könnten, sondern aufpasse, wohin ich steige. Leider fehlt jegliches Gespür für die Folgen des eigenen Verhaltens, nachdem SARS-CoV2 als harmlose Erkältung oder “nicht schwerer als ein grippaler Infekt” geframed wurde.
Unabhängig vom aktuellen Schweregrad von SARS-CoV2 zirkulieren zahlreiche andere Infektionskrankheiten, die über die Luft übertragen werden. Das ist der Unterschied zu den ersten zwei Pandemiejahren, als Kontaktbeschränkungen, TTIQ und Maske tragen auch zur Verringerung von den endemischen Infektionskrankheiten wie RSV, Influenza, Rhinoviren, saisonale Coronaviren, etc. beigetragen haben. Bereits im zweiten Pandemiejahr gab es eine RSV-Welle, weil die Schulschließungen nicht mehr stattfanden, im dritten Pandemiejahr eine starke RSV- und Influenzawelle, weil sämtliche Schutzmaßnahmen aufgehoben wurden. Im Jahr 2024 zirkuliert wieder alles, was vor der Pandemie unterwegs war, aber es zirkuliert mehr als vorher, das ist statistisch belegt. Das heißt aber schlicht und einfach, dass jemand, der jetzt etwa sagt, “Corona ist vorbei” und daher keine Maske mehr trägt oder krank unter Leute geht, weil “Corona ist nur noch ein Schnupfen”, Influenza-, RS-Viren, Keuchhusten, bei Kindern mitunter Masern, Windpocken, Streptokokken und andere bakterielle und virologische Erreger weiterverbreitet, immer mit dem Hinweis auf Covid, dabei geht es längst nicht nurmehr um Covid! Und natürlich kann man den Familien- oder Wanderurlaub auch mit einer Angina (meist Streptokokken), einer Parainfluenza oder einem Rhinovirus vermiesen, nicht nur mit einer SARS-CoV2-Infektion!
Leider erleben wir normative Zwänge, trotz Krankheit die Aktivität umzusetzen, weil ….
- der Kündigungsschutz so schwach ist und/oder kein Betriebsrat vorhanden, dass bereits jeder einzelne Krankenstand auf Arbeit zum Problem wird
- man sich seine Karriere verbaut, wenn man im Krankenstand ist
- man sich Krankenstand nicht leisten kann aufgrund Selbstständigkeit
- man keine Pflegefreistellung bekommt, wenn das Kind eigentlich zuhause bleiben müsste
- wichtige Schularbeiten anstehen und das Kind die Vorbereitung/die Arbeit selbst nicht verpassen darf
- der Urlaub schon lange gebucht wurde und sich alle darauf gefreut haben und die Eltern sonst keinen Urlaub mehr haben im restlichen Jahr
- weil die kurzfristige Absage mit hohen Stornogebühren verbunden wäre
- weil man eine Gruppenreise geplant hat und sich so darauf gefreut hat
etc. etc… Finanzielle, soziale und gesellschaftliche Zwänge führen neben Unwissenheit und Verharmlosung oder schlicht Ignoranz dazu, dass viele Menschen trotz Erkrankung an gesellschaftlichen Aktivitäten teilnehmen und so diverse Viren verbreiten.
Statt einem “Sommer der Lebensfreude” wie es 2021 noch propagiert wurde, ist es für viele der Sommer der Enttäuschungen, sich im Urlaub oder nach der Reiserückkehr angesteckt zu haben, oder kurz vor Urlaubsantritt. Priviligiert und selig sind all jene, die Krankheit als bad timing wahrnehmen, aber viele Menschen sind nun einmal auch empfänglicher gegenüber Infektionskrankheiten und haben Begleiterkrankungen, weswegen sie sich nicht anstecken sollten. Für jene Betroffene ist eine weitere SARS-CoV2-Infektion nicht nur unbequem, sondern kann mitunter dauerhaft zur Einschränkung der Lebensqualität sorgen, oder ihren status quo weiter verschlechtern, etwa bei all jenen, die bereits Long Covid oder MECFS haben, und die recht verzweifelt und resigniert dabei sind, wenn sie etwa schulpflichtige Kinder haben, und fast nicht verhindern können, dass sich das Kind bei Schulaktivitäten infiziert und Viruserkrankungen nach Hause bringt. Dem Kind ist dabei kein Vorwurf zu machen, sondern dass Schulbehörden ihrer Fürsorgepflicht nicht nachkommen, oder Eltern von kranken Kindern das Verantwortungsbewusstsein fehlt, dass es da vulnerable Kinder oder vulnerable Angehörige geben könnte, die auch gerne am gesellschaftlichen Leben teilnehmen möchten, ohne ständig erhöhte Risiken eingehen zu müssen. Einigen Wenigen in der Bevölkerung ist diese Versehrtheit bewusst und sie wollen sich schützen, nehmen in Kauf, aufzufallen mit ihrer medizinischen FFP2-Maske, auch wenn es wieder einmal bedeutet, sich in Verzicht zu üben, weil die Mehrheit nicht verzichten will.
Niemand spricht davon, dass alle wieder verzichten müssen. Das Risiko von asymptomatischen Übertragungen von welcher Infektionskrankheit auch immer werden wir als Lebensrisiko akzeptieren müssen. Im öffentlichen Raum könnten wir Maßnahmen ergriffen werden, um die Luft sauberer zu machen, frei von jeglichen Krankheitserregern, durch Luftreinigung und Luftfilter – unabhängig davon, ob sich in den Innenräumen symptomatisch erkrankte Menschen befinden oder nicht. Doch an der Stellschreibe mit den Symptomen könnte man drehen.
Es ist mit Logik nicht mehr erklärbar, weshalb sich Zugreisende nicht neben mich mit der Maske setzen wollen, aber lieber gegenüber von einer Person sitzen, die hustet und schnupft. Ja, es gibt dazu Studien, wie die Person in einem Raum und Sitzkreis, wo Rauch eingeleitet wird. Die Person wird unruhig, aber alle anderen im Sitzkreis bleiben ruhig sitzen und tun nichts. Also besteht keine Gefahr? Würden sich mehr Menschen demonstrativ von Hustenden fernhalten oder gar etwas sagen “Schämen Sie sich nicht, keine Maske zu tragen und andere hier anzustecken?“, hätte das einen heilsamen Effekt auf die Logikprobleme der anderen. Man würde sich eher von denen fernhalten, die offensichtlich eine Krankheit übertragen können, und Maske tragen wäre mit der Rückkehr in die Vernunftgesellschaft verbunden.
Der Maskenträger, der sich selbst schützen will, wird stattdessen derzeit mit Kranksein assoziiert, aber – und auch da setzt die Logik aus – die Maske schützt ja vor Weitergabe, also ist man in der Nähe eines Maskenträgers IMMER sicherer aufgestellt as in der Nähe einer symptomatischen Person ohne Maske. Die Unlogik geht ja noch viel weiter. Masken schützen nicht, heißt es, darum sollen nur vulnerable Personen eine Maske tragen, aber wer Maske trägt, muss krank sein. Oder wenn die Ordinationshilfe der Hausärztin sich beim maskierten Patienten beklagt, wie viele im Umfeld derzeit krank sind, aber selbst keine Maske trägt. “Sie machen das schon richtig, tragen Sie nur weiter Maske!” Warum tut sie es selbst nicht? Ich glaube, man muss jenen Menschen, die zumindest die gestiegene Krankheitslast nicht leugnen und Schutz grundsätzlich für sinnvoll halten, direkt entgegnen, warum sie keine Masken tragen. Keine Vorwürfe, sondern nur das Bewusstsein schaffen, dass sie selbst den Schritt tun könnten. Nicht einmal die grassierende Unlogik innerhalb der Bevölkerung hätte schlagkräftige Argumente dagegen, dass in einer Arztpraxis mit kranken Patienten die Mitarbeiter Maske tragen, um sich nicht anzustecken und die Praxis offen zu halten. Ebenso wenig könnte man schlagkräftige Argumente gegen einen mobilen Luftreiniger vorbringen, der die mit Keimen belastete Atemluft der PatientInnen filtert – speziell in der kalten Jahreszeit, wenn es viele Patienten als unbehaglich empfinden, wenn ein Fenster geöffnet ist oder gar Durchzug herrscht. In der heißen Jahreszeit ist Lüften übrigens weniger effektiv und ein Luftreiniger würde auch dann Sinn machen, aber ich verzettel mich schon wieder in Details der Prävention, für die ich aus eigener Erfahrung heraus keinerlei Willen mehr bei den Verantwortlichen erkennen kann.
Kernaussage meines Beitrags ist – man darf auch einmal frustriert sein, dass wir erneut einen Sommer mit vielen Infektionen erleben. Die abflachende Abwasserkurve sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es pro Woche immer noch mit mehreren tausend SARS-CoV2-Infektionen zu tun haben, dazu kommen einige bakterielle und Viruserreger, die u.a. durch die Reiserückkehrer eingeschleppt werden. Großveranstaltungen und Overtourism tragen ebenfalls dazu bei, dass die Kurve nicht steil wieder abfällt. Zwar bleiben viele Touristen unter sich, in der Gastronomie und in öffentlichen Verkehrsmitteln findet aber die größte Durchmischung statt.
Ich hab von Viren generell und von den jährlichen, endemischen Erregern vor der Pandemie nichts gehört. Heute frage ich mich schon, warum ich mich etwa bei häufigen Lokalbesuchen vor der Pandemie so selten angesteckt habe, aber dieses Jahr etwa beim dritten Indoorbesuch dann schon (nicht SARS-CoV2). Zirkuliert nun mehr Virus? Gehen die Leute sogar noch eher krank ins Lokal? Früher hab ich nicht darauf geachtet, ob jemand Symptome hatte. Gut möglich, dass ich selbst mit einem beginnenden Virusinfekt unter Leuten war. Aber ich kann mein heutiges Wissen nicht rückgängig machen und wieder zum Ausgangswissen vor der Pandemie zurückkehren. Unser ganzes Leben besteht aus Fehlern und Lernprozessen, die Menschheit entwickelt sich nur so vorwärts – mit unfassbar vielen Kollateralschäden. Viele Menschen wollten nicht dazu lernen und möglichst schnell wieder zur heilen Welt von 2019 zurückkehren, wo es völlig normal war, dass im Winter halt die Alten und Immungeschwächten an Influenza sterben und man sich überall frei bewegen kann, egal wie krank man ist. Die Regierung hat diese Sehnsucht nach der alten Normalität leider gespiegelt und ein paar wichtige, aber entscheidende Informationen weggelassen. Corona ist nicht vorbei, sondern kommt zu all den saisonalen Viren hinzu, die vor der Pandemie zirkulierten. Selbst wenn Corona nurmehr so schwer sein würde wie eine Grippe, hätte man im Winterhalbjahr nun das doppelte Risiko mit Corona- und Influenzawellen.
Es ist mehr als bedauerlich, dass ich diese Erkenntnisse außer meinen Bloglesern niemanden vermitteln kann, mit denen ich öfter im direkten Kontakt zu tun habe. Es würde mir ein paar Freiheitsgrade mehr bringen, die andere für selbstverständlich hinnehmen, und anderen damit wegnehmen. Leider ist das politische Umfeld in Österreich alles andere als aufklärerisch und faktenorientiert. Die Rechtsextremen werden seit etlichen Monaten de facto bereits zum Wahlsieger erklärt – self-fulfilling prophecy? Die wenigen verbliebenen Freiheitsgrade, sich selbst zu schützen, stehen bei den Nationalratswahlen im Herbst auf dem Spiel – die Impfung und Maske in der Öffentlichkeit tragen, ohne verstärkte Anfeindungen, nicht nur verbale Attacken zu erleben. Rassistische und antisemitische Übergriffe hatten bereits nach der Wahl der letzten schwarzblauen Regierung spürbar zugenommen. Rechtsextreme in der Regierung, egal ob als Kanzlerpartei oder Koalitionspartner, bedeutet Legitimierung von antidemokratischer Ideologie – das gilt in noch abgeschwächter Form auch für die rechtspopulistische ÖVP. Es haben sich viele Splitterparteien gebildet, von denen sich keine für den Schutz der Gesundheit explizit stark macht, um es diplomatisch zu formulieren. Die Zukunft war sicher schon einmal besser, und das darf man ruhig auch einmal betrauern.
Auch wenn die Macht fehlt, etwas an den vielen frustrierenden Dingen in der Welt zu ändern, so ist es doch immer wieder sehr hilfreich, wenn jemand erfahren, kompetent darüber spricht. Say it, brother, say it!
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Genau! Viele lernen es auf die harte Tour, oder auch nicht. Apropos Tour ist es merkwürdig, dass ich manche auf die Tour de France oder Olympia hinweisen muss, dass ich nicht der einzige in EU/UK/US bin der Maske trägt.
Ich habe mich eben von einem drei wöchigen COVID-19 “Urlaub” erholt. Die Atemnot war echt, etwa von Tag 4 bis Tag 10. Dann wurds langsam besser. Für mich zusätzlich auch wie ein Boxkampf mit kräftigen Schlägen an den Kopf. Will ich nicht unbedingt zu oft wiederholen, wenn man auch bedenkt wie Kopfverletzungen später zu weiteren Problemen führen können. Habe mich zu Hause unwilkürlich von Familienmitgliedern angesteckt. Auch wenn ich jetzt ne frische “Gossenimpfung” habe und wieder negativ bin, trage ich weiterhin Maske. Ich würde auch nicht aufhören mich vor der Sonne zu schützen, wenn ich eine erfolgreiche Hautkrebs Behandlung hinter mir hätte. Im Gegenteil!
Habe letztens nichts mehr aus New York gehört Masken in der U-Bahn dort zu verbieten. Die FFP2 Maske ist einfach ein 08/15 Gegenstand wie ein Regenschirm. Ich kann auch wenns regnet nass werden wenn ich unbedingt will, geniere mich aber keineswegs wenn ich doch einen Regenschirm benütze um trocken zu bleiben. Klar, manche Bestimmungen sind zu lästig auf die Dauer aufrechtzuerhalten. Aber es ist z.B. auch nicht in der U-Bahn verboten sich in der Nase zu bohren und zu furzen. Man bekommt evtl. nur den Unmut von anderen Passagieren zu spüren. Das müsste eigentlich bei ohne Maske rumzuhusten auch ähnlich sein.
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Zu Deinem Text habe ich nichts zu ergänzen. Es ist frustrierend. Auch hier in D.
Fühle mich hoffnungs- und machtlos.
Danke für diesen Blog!
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Volle Zustimmung!!! Traurig aber wahr und das seit Jahren! Wird sich
leider in Zukunft nicht ändern 😭
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