Kür zur lebenswertesten Stadt – für wen?

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In der Ausgabe Nr. 490 der Wiener Straßenzeitung AUGUSTIN kommentiert Anna-Maria Apata auf S.8 den Status Wiens als „Lebenswerteste Stadt der Welt“ kritisch (ihren Text gibt es auch im Mosaik-Blog). Die Stadtregierung von Wien brüstet sich dabei mit der Mercer Quality of Living Study, die von einem internationalen Beratungsunternehmen speziell im Bereich Auslandsentsendungen tätig ist. Dabei werden nur Expats gefragt, also Fach- oder Führungskräfte, die im Rahmen einer Auslandsentsendung vorübergehend an eine ausländische Zweigstelle gesendet werden. In der Mercer-Studie geht es nur um das Angebot und Standard von internationalen Schulen in Wien. Top 1 ist Wien auch auf der Rangliste des Economic Intelligence Unit, einem Prognose- und Beratungsunternehmen, das mit der Wochenzeitung Economist zusammenhängt. Beides sehr repräsentativ für die Wiener Stadtbevölkerung – oder etwa nicht?

Was macht die Stadt lebenswert? Der vergleichsweise günstige öffentliche Verkehr, 365 Euro im Jahr, also ein Euro pro Tag. Ein bis auf Randbereiche gut ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz.

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Wiener Öffis

Das schlägt sich auch in der PKW-Statistik nieder: In allen Bundesländern außer in Wien stieg die Anzahl der PKWs bis April 2019 (Quelle). Für die Lebensqualität spricht außerdem das Wiener Leitungswasser, das Trinkqualität hat – es kommt nämlich aus dem 95km entfernten Rax-Schneeberg-Gebiet (Hochquellwasser).

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Aquädukt Mödling, 1872 fertiggestellt und 190m lang. Es trägt die 1. Hochquellenwasserleitung nach Wien.

Im gesamten Stadtgebiet gibt es zahlreiche öffentliche Trinkbrunnen – im Sommer werden zusätzlich mobile Trinkbrunnen in der Inneren Stadt aufgestellt.

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Lage der Trinkbrunnen im Stadtgebiet – Wiener Stadtplan

Ein weiterer Pluspunkt, wenn nicht der größte, ist der Gemeindebau. Im Roten Wien der Ersten Republik, regiert von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (1918-1934) begann ein Mammutprojekt zur Verbesserung der Lebensumstände der Arbeiter. Insgesamt wurden 65000 Wohnungen errichtet, in 382 Gemeindebauten, für 220 000 Bewohner. Einkommensschwache Bürger und Familien wurden bevorzugt. Die jüngsten Projekte sind die Seestadt Aspern, das Nordbahnhofgelände und das Sonnwendviertel.

Nicht minder zahlreich die Parkanlagen und Waldanteil:

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Lage von Parkanlagen

Darunter der innerstädtisch große Augarten, die Praterauen, Schloss Schönbrunn und Umgebung, der gesamte Westen mit Anteilen am Wienerwald, Bisamberg im Norden sowie die Lobau im Südosten. Natürlich gibt es auch dicht besiedelte innerstädtische Bereiche mit geringem Grünanteil, z.b. der Bezirk Neubau mit spärlichen 2% oder Teile Favoritens. Insgesamt sind 28,4% der Fläche Wiens Gartenfläche. Dank der ständig wehenden Südost- oder Nordwestwinde ist die Stadt die meiste Zeit des Jahres gut durchlüftet, die Anreicherung durch Schadstoffe beschränkt sich auf wenige Tage des Jahres, meistens länger andauernde Inversionslagen im Spätherbst und Winter. Die gute Durchlüftung reduziert nebenbei auch die Gefahr von Schimmelbildung in den Häusern.

Und was ist die Kehrseite?

Ein Thema, das alle beschäftigen wird, die nicht zu den Adressaten der Mercer-Studie gehören, ist die Klimaerwärmung. Der Alpenraum ist stärker betroffen als das restliche Mitteleuropa, und Wien ist davon nicht ausgenommen.

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Anzahl der Tage von 30,0°C und höher in Wien, Quelle: ZAMG, Grafik: Marcus Wadsak

Darauf ist die Stadt schlichtweg nicht vorbereitet! Die erste Generation an Niederflurbahnen der Wiener Linien ging 1995 in Betrieb. Damals gab es pro Jahr durchschnittlich 10-15 Hitzetage. Nun sind es über 35! Die Lebensdauer der Fahrzeuge beträgt rund 30 Jahre, also wird man noch rund 5 Jahre warten müssen, bis alle ersten ULFs durch die klimatisierte Nachfolgerversion ersetzt wurden. Aber das dichte Straßenbahnnetz ist nicht alleine betroffen, sondern auch alle, die in unklimatisierten Wohnungen leben müssen. Viele größere Wohnanlagen, die vor etwa 2010 gebaut wurden, sind schlecht gegen Trittschall gedämmt (Konflikte mit Nachbarn sind vorprogrammiert) und schlecht gegen große Temperaturunterschiede. Im Winter zieht es wie Hechtsuppe, im Sommer kühlen die aufgeheizten Mauern nie ab. Große Betonflächen in den Innenhöfen verschärfen das Problem im Sommer. Die Lösung kann nicht sein, alle Wohnungen mit Klimageräten nachzurüsten, denn die verbrauchen viel Strom, die Wartung ist für einkommensschwache Bewohner teuer und Außengeräte sind zusätzlich laut. Eine sinnvolle Lösung wäre die Subventionierung von Außenjalousien und -markisen, vgl. https://www.derstandard.at/story/2000105921457/wie-die-wohnung-vor-hitze-geschuetzt-werden-kann.

Gut, jetzt sind wir gegen die Hitze gewappnet, doch auch ein weiteres Problem betrifft kaum die Mercer-Studienteilnehmer: Gentrifizierung. Die Mieten steigen und einkommensschwache Bewohner werden aus den Grätzeln verdrängt.

Ein riesiges Fass ohne Boden ist der Bildungssektor, denn an den öffentlichen Schulen steigt der Bedarf an Sozialarbeitern, tatsächlich aber gibt es immer weniger Planstellen nach den Kürzungen durch die rechtspopulistische Regierung, die auch die „Experten“-Übergangsregierung nicht zurückgenommen hat. Ein großes Problem ist dabei die Integration von Kindern nichtdeutscher Muttersprache, kulturelle Konflikte und die Verständigung mit Eltern, die die Sprache nicht beherrschen oder sich zu wenig für die schulischen Leistungen ihrer Kinder interessieren oder aufgrund ihres Bildungsstatus ihren Kindern nicht helfen können. Ein anderes gesamtgesellschaftliches Problem scheint, dass immer mehr Eltern die Erziehungsverantwortung auf die Lehrer abwälzen. Es fehlt an Geld für schulische Mittel, für Ausflüge, für Schulassistenzen. Inklusion ist ein Reizwort. Ich kann die Problematik hier mangels eigener Erfahrung in Wien höchstens anreißen.

Gesundheit! Stand November 2018 haben sich 731 Allgemeinmediziner („Hausärzte“) auf 23 Bezirke verteilt, eine Abnahme von 35 in 3 Jahren. Noch ist die Situation nicht dramatisch, viele Hausärzte nehmen noch neue Patienten auf. Zudem gibt es immer mehr Gruppenpraxen, wo Patienten durch längere Öffnungszeiten profitieren. Die Situation wird sich die kommenden Jahre mit dem weiter steigenden Bevölkerungsanteil aber verschärfen – gleichzeitig ist der Beruf des niedergelassenen Arztes bei jungen Medizinern unpopulär. Die Wartezeiten werden also zunehmen. Die Spitäler sind gleichzeitig am Limit, neben Gastpatienten sind es auch Bewohner aus der Stadt, die kein Notfall sind oder die Ambulanz aufsuchen müssen, weil der Hausarzt oder Facharzt geschlossen hat. Auch hier wird sich langfristig etwas tun müssen, was aber nur von der Bundespolitik gelöst werden kann: Bessere Bezahlung von Hausärzten, zusätzliche Stellen, um den bürokratischen Aufwand in den Spitälern zu erledigen, mehr Planstellen für gesetzliche Kassen, um den Wildwuchs an Wahl- und Privatärzten einzudämmen, die über längere Zeit aufzusuchen schon mehrheitlich den Adressaten der Mercer-Studie vergönnt ist.

Bleibt ein letztes Thema, was speziell auch Wien betrifft (Mangelnde Inklusion ist eher ein gesamtösterreichisches Defizit) – Alltagsrassismus. Hier schließt sich der Kreis zum Artikel im AUGUSTIN. Unter der rechtspopulistischen Regierung wurde eine Sendung über Diskriminierung von PoC (People of Color) in Wien nicht auf einem populären Sendeplatz gesendet, sondern ins Nachtprogramm verschoben. Allgemein hat Rassismus unter der letzten Regierung massiv zugenommen, insbesondere gegen Muslime, legitimiert durch Ressentiments (Neid und Angst) beider Regierungsparteien, FPÖ UND ÖVP. Selbst habe ich schon mehrfach erlebt, wie Menschen dunkler Hautfarbe von Wienern rassistisch beschimpft wurden. Das N*-Wort ist keineswegs tabu.

Was bleibt in Summe? Eine Menge gesamtgesellschaftlicher und politischer Anstrengungen sind notwendig, damit die Lebensqualität in Wien hoch bleibt. Dabei dürfen aber diejenigen nicht übersehen werden, für die Wien nicht die lebenswerteste Stadt der Welt ist. Ihre Gründe gehen über das bloße Sudern bzw. Wiener Raunzen hinaus, sie sind handfest – die Sorge um einen guten Schulabschluss, leistbares Wohnen, Diskriminierung im Alltag und die gesundheitliche Versorgung.