Kolumne 09/01: Schutz der Kinder – Graustufen

Ich war auch einmal ein Kind und ging in den Kindergarten, in die Schule. Es gibt zweifellos Unterschiede zwischen der Kindesperspektive und der Elternperspektive. Die Sorgen und Nöte der Eltern bekamen wir als Kinder zwar mit, aber sich so richtig in sie hineinzuversetzen geht wohl nur als Elternteil, als Erziehungsberechtigter, der die Verantwortung, aber auch den hohen sozialen und finanziellen Druck erlebt, ein Kind großzuziehen. Sobald das Kind in der Schule ist und die Gruppendynamiken (Stichwort: Mobbing) zunehmen, bekommen die Eltern vieles nicht mehr mit. Insbesondere weil das Kind nicht mehr alles erzählt. Schulkarrieren verlaufen dann sehr unterschiedlich, je nachdem, wie das Umfeld des Kindes ist, wie sehr aufeinander Rücksicht genommen wird, und wie engagiert Schuldirektion und Lehrer sind, dass das auch so bleibt. Ich möchte damit sagen, dass die Kindheit alleine auf die Schulzeit bezogen nicht linear verläuft. Das können innere Faktoren wie Gruppendynamiken sind, aber auch äußere Faktoren wie die Krisen, die wir derzeit erleben.

Mein Zugang zur Pandemie war von Beginn an ein wissenschaftlicher. Im Laufe der Monate und Jahre änderte ich gelegentlich meine Ansichten und passte mich damit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen an. Manchmal waren es auch nur meine neuen Erkenntnisse – schließlich bin ich kein hauptberuflicher Alleswisser. Es war mir dank der Corona-Podcasts mit Virologe Drosten frühzeitig klar, dass Kinder ähnlich ansteckend sind wie Erwachsene und nicht aus der Übertragungsdynamik herausgenommen werden konnten, wie es das Hopium der Mehrheitsgesellschaft war. Die Kenner der Wahrheit waren ebenfalls von Beginn an mit hartem Widerstand konfrontiert. Wir erinnern uns: Schweden ließ die Schulen offen, um schneller Herdenimmunität zu erreichen – sie wussten sehr wohl, dass sich das Virus über Kinder und Jugendliche rasch in der Gesamtbevölkerung ausbreitete. Ebenso äußerte Epidemiologe Tegnell damals klar, dass Bildungseinrichtungen (Aufbewahrungsanstalten) offen bleiben mussten, damit die Eltern arbeiten können. Gleichzeitig fühlten sich die Eltern schutz- und machtlos gegenüber einer Ansteckung durch die Kinder, vor allem bei Kleinkindern, die keine Maske tragen konnten und gefühlt dauerkrank waren. Sie hofften daher sehr, dass Kinder von der Pandemie weniger oder gar nicht Teil des Infektionsgeschehens waren und nahmen jede Äußerungen von überheblichen oder ideologisch verbohrten Wissenschaftlern und Medizinern bereitwillig auf.

Nun ist, bzw. war es aber sehr wichtig, dass wir uns in der allgemeinen Bewältigung von Krisen nicht von Emotionen und Wunschdenken leiten lassen, sondern von wissenschaftlichen Faktoren und bewährten Konzepten. Wir sahen durchaus auch, dass die Schutzmaßnahmen in Bildungseinrichtungen funktioniert haben, von den halben Klassen über FFP2-Tragepflicht im Unterricht über Distance Learning im ersten Pandemiejahr. Es konnten sich aber auch die Erwachsenen nicht aus der Gleichung nehmen – sie waren zunehmend nicht mehr bereit zu verzichten. Hauspartys gab es schon im ersten Lockdown ebenso wie Garagentreffen und offene Hinterzimmer in den Gasthäusern. All das hat zugenommen in weiterer Folge, nachdem infolge des Präventionsparadoxons nicht erklärt wurde, weshalb wir so geringe Infektionszahlen gesehen hatten. Zurück zur Elternrolle: Wir hatten niederschwellige Testmöglichkeiten, FFP2-Masken, Isolationspflicht, Quarantäne, telefonische Krankschreibung, Pflegefreistellung, Homeoffice und noch ein paar Möglichkeiten mehr, die Infektionszahlen niedrig zu halten. Leider hat die ständige Desinformation dazu beigetragen, dass Kinder unter 10 Jahren nicht mehr getestet wurden. Das Ergebnis: Siehe Schweden. Im Herbst 2021 hat man lange gewartet, überhaupt eine Maskenpflicht am Sitzplatz einzuführen, von Distance Learning redeten wir da schon gar nicht mehr. Zur Erinnerung: Für Kinder unter 12 Jahren wurde die Impfung erst Ende November 2021 zugelassen – etwa zeitgleich mit der ersten Sequenzierung der Omicron-Variante. Kinder waren also vollkommen ungeschützt in der schweren Delta-Welle. Mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung hatte noch keine zweite Impfung zu einem Zeitpunkt, wo wir aufgrund der Delta-Variante bereits eine hohe Durchimpfungsrate mit drei Impfdosen gebraucht hätten.

Mit Omicron wurde in Kindergärten und Schulen rasch die Quarantäne gelockert, die Maskenpflicht schrittweise aufgehoben und schließlich die Testpflicht. Die Kinder wurden in vielerlei Hinsicht instrumentalisiert: Als Vektor für schnelle Herdenimmunität, mit offenen Schulen als Garant für aufrechterhaltene Arbeitsleistung der Eltern, als Infektionsradar, um die aktuelle Verbreitung des Virus abzuschätzen, aber auch ihre “psychische Belastung”, um gegen weitere Lockdowns oder sogar Maskenpflicht argumentieren zu können. Gegen diese Instrumentalisierung gab es nie Protest – im Gegenteil! Während es in Deutschland zumindest einzelne NoCovid-Initiativen gab, die für Schutzmaßnahmen in den Schulen eintraten, gab es in Österreich schon in der zweiten Welle Petitionen, die Schulen offen zu halten – allerdings mit unzureichenden Schutzmaßnahmen – dank der konsequenten Verharmlosung. Die NoCovid-Petition in Österreich erhielt wenige tausend Unterschriften.

Ich habe für vieles Verständnis, zumindest Mitgefühl, weil es eben viele Graustufen gibt. Das reicht von all jenen, die kein Homeoffice machen können (“Systemerhalter”) bis hin zu all jenen in beengten Wohnverhältnissen, sprich kein Platz, damit Kinder separat von den Eltern lernen können, kein eigenes Kinderzimmer, keine technische Ausstattung für Heim- oder Fernunterricht. Es geht da auch um die Arbeitsverhältnisse der Eltern in einem Land, wo man im Krankenstand leicht gekündigt werden kann – die sich eben nicht leisten können, mit kranken Kindern daheim zu bleiben oder selbst krank daheim zu bleiben. Das sind soziale Themen, an denen die ÖVP nie ein Interesse hatte und das war von Beginn an klar und nicht anders erwartbar. Anschober war damals nicht nur Gesundheits-, sondern auch Sozialminister und einer von vielen schweren strukturellen Fehlern war, beide Ministerien nicht zu trennen, mit einem Staatssekretär, der die Sozialagenden betreut, und in weiterer Folge einem Sekretär speziell für Pandemieagenden. Die andere Frage war natürlich der Spielraum mit einem türkisen Innen- und Wirtschaftsminister, aber passiert ist zweifellos zu wenig. In meinem Faktencheck zur ORF-Reportsendung über Schulschließungen im Herbst 2022 habe ich hervorgehoben, dass die ÖVP mit ihrer priviligierten Wählerschaft den Diskurs bestimmte, wie schmerzhaft die Schulschließungen waren – da geht es um die Stresstoleranz priviligierter Kinder und nicht um das bare Überleben von Kindern aus Migrantenfamilien, die finanzielle Sorgen haben, die überproportional von schweren Verläufen betroffen waren und für die Leistungsdruck in einer Pandemie noch schwerer zu bewältigen war als mit Eltern mit hohem Bildungsabschluss, die die Lehrerrolle besser ausfüllen konnten. Dieser Aspekt der Pandemie kommt zweifellos zu kurz, weil er nicht die Wählerklientel der ÖVP und großteils nicht der Grünen betrifft.

Ich habe auch Verständnis dafür, dass man irgendwann als Elternteil resigniert – so wie man vor der Pandemie schon resigniert hat, wenn die Kinder alle paar Wochen den nächsten Infekt aus Kindergarten und Schule nach Hause schleppten. Zu den Zeiten der vorhandenen Infrastruktur für niederschwellige Tests war es leicht, jeden Schnupfen zu testen, aber jetzt ist es das nicht mehr. Schon in den ersten Pandemiejahren hat man mit Gewalt versucht, den Schulstoff durchzupressen, der Leistungsdruck war immens und der Druck wuchs auf die Eltern, die Kinder auch mit Symptomen in die Schulen zu schicken, damit sie nicht den Lernstoff für die Klassenarbeiten verpassten. Es wäre die Aufgabe des Bildungsministeriums und der Bildungsdirektion gewesen, hier mehr Druck herauszunehmen – aber auch das passte nicht ins neoliberale Weltbild der ÖVP. Hier hätte ich mir ebenso mehr Proteste von Eltern erhofft, denn dann hätte man auch Schutzmaßnahmen wie Kinder länger zuhause zu lassen eher umgesetzt.

Was kann man als Elternteil im Jahr 2024 tun mit wiederkehrenden Infektionswellen – nicht nur SARS-CoV2?

Wir haben hier ein Dilemma, denn wir wissen, dass sich das Virus auch dann überträgt, wenn man noch keine Symptome hat. Das gilt übrigens auch für Influenza! Ebenso wissen wir, dass wir auch ohne Fieber ansteckend sein können. Kinder mit Husten, Schnupfen, Hals- und Kopfweh in die Schule oder den Kindergarten schicken ist bereits ein No-Go. Gleichzeitig ist klar, dass sich mit den Gesetzen weder Eltern langen Krankenstand oder Pflegefreistellung noch Kinder lange Unterrichtsabwesenheit wegen dem Leistungsdruck leisten können. Das ist mir vollkommen bewusst und ich verurteile Eltern nicht, wenn sie krank arbeiten oder ihr Kind krank in die Schule schicken müssen, weil sie keine andere Wahl haben, insbesondere auch alleinerziehende Elternteile.

Dennoch gibt es auch hier Graustufen zwischen völliger Resignation, Verdrängung und Egoismus und “Kinder wegen jedem Schnupfen einsperren”. Zur Erinnerung: Kinder, die lange krank sind oder ständig krank, verpassen ebenso Schulstoff. Kinder mit schwerem LongCOVID können mitunter gar keinem Unterricht mehr folgen. Mit leichtem LongCOVID würde Fernunterricht noch gehen. Auch krank in der Schule sind Kinder weniger konzentriert und leistungsfähig. Kranke Lehrer können nicht unterrichten. Unterrichtsausfälle tragen nicht zur Verringerung des Leistungsdrucks bei. Aushilfslehrer ohne angemessene pädagogische oder fachliche Ausbildung steigern die Qualität nicht. Infektionskrankheiten ungebremst durchlaufen zu lassen hat eben auch seine Kehrseiten. In England war (und ist?) die Zahl der Fehlzeiten bei Kindern nach Ende der Schulschließungen höher als vor der Pandemie.

Auch wenn man Infektionen in Bildungseinrichtungen nicht völlig verhindern kann, gibt es doch mehr als “Schulen ständig zuzusperren”. Obwohl es politisch extrem polarisiert wurde, erwähne ich es trotzdem:

  • Kinder-FFP2-Masken – wenigstens dann tragen, wenn die Kinder Symptome haben, um es nicht weiterzuverbreiten, wenn man die Kinder trotz Symptome in die Schule schickt.
  • Luftreiniger in allen Unterrichtsräumen: Das reduziert die Gesamtzahl der Keime, aller Krankheitserreger und die Gesamtzahl der Infektionen. Es bleibt natürlich ein Restrisiko, aber es kann bereits dafür sorgen, sich nur 1-2x im Jahr mit irgendeinem Erreger anzustecken als zehn bis zwölf Mal im Jahr.
  • Moderne Lüftungsanlagen mit Frischluftzufuhr sind wichtig, weil stickige Luft (Kohlendioxid) die Konzentration- und Leistungsfähigkeit behindert. Fenster öffnen reicht oft nicht oder wird bei Kälte nicht toleriert.

Im ersten Pandemiejahr hatte ich mir noch gedacht, dass es auch einen Systemwandel braucht, wie Ferienzeiten gesetzt werden. Denn in einer Zeit mit dauerhaft erhöhtem Infektionsrisiko sollten wir die warme Jahreszeit besser nutzen, wo Innenräume häufiger gelüftet werden. Mehr Ferien also im Winter als im Sommer. Natürlich äußerst unpopulär. Mit zunehmenden Wärmeperioden in der kalten Jahreszeit durch die globale Erderwärmung (siehe sommerlichen Oktober 2023) erübrigt sich diese Option ohnehin bald.

Was ich mir von Eltern wünschen würde:

Die Situation derzeit ist wie sie ist. Wiederkehrende Infektionen sind nicht verhinderbar, mit all dem damit verbundenen Leid, aber auch folgenreichen Ansteckungen vulnerabler Verwandter, die daran versterben können, oder infiziertes Gesundheitspersonal, das dann vulnerable Patienten ansteckt, die versterben können. Es ist nicht für alle Eltern bzw. Kinder einfach umsetzbar, das Kind ständig zuhause zu lassen, ständig zu testen, auf keine Kindergeburtstage mehr zu schicken, hermetisch abzuschotten, um jede Infektion zu vermeiden. Es schafft auch nicht jedes Kind mental, als einziges Kind eine Maske zu tragen in der Schule, und bei Kleinkindern geht es sowieso nicht, wenn man nicht gerade in Singapur aufwächst (Aerosole sind auch bei Kleinkindern nicht größer, insofern ist der Nutzen von Stoffmasken da fraglich).

Was aber möglich ist: Sagen, was ist. Das Thema nicht verdrängen, verleugnen, Infektionen verheimlichen, andere nicht zu informieren, dass das Kind gerade positiv ist. Für all jene, die sich weiter schützen müssen und wollen ist es eine große psychische Belastung, mit niemanden darüber reden zu können, abgeblockt zu werden, ignoriert zu werden bis hin zu Gaslighting und aktiver Blockade von sinnvollen Maßnahmen wie Lüften, Luftreiniger und Maske tragen. Das trifft Erwachsene natürlich genauso im (Berufs-)Alltag, ebenso wie Patienten im Gesundheitswesen.

Eltern können Infektionen kaum vermeiden, aber sie können für Schutzmaßnahmen eintreten, die realistisch sind. Luftreiniger kosten ein Bruchteil dessen, was wir durch Korruption und Freunderlwirtschaft im Staat jährlich verlieren. Es ist sehr wohl möglich, auf diesem Weg die Gesamtzahl der Infektionen, von denen eine einzelne folgenreich sein kann, zu verringern. Das ist das Ziel. Da liegt der Fokus.

Kernbotschaft:

  • zugänglich bleiben für Gespräche und Diskussionen, wie man Kinder besser schützen kann und warum man Infektionen vermeiden sollte
  • aktives Engagement und sei es nur durch kleine finanzielle Beiträge für Initiative und Vereine, die für den Schutz eintreten (z.B. bei der Initiative Gesundes Österreich)
  • selbst diesen Schutz leben, so es möglich ist – man muss sein Kind nicht von Kindergeburtstagen fernhalten, aber man kann sie in die warme Jahreszeit verlegen, sodass sie dabei draußen sind

Kolumne 08/01: Wir lagen von Beginn an falsch.

Impfraten bei SARS-CoV2 und Influenza in Österreich (links) und ausgewählten europäischen Ländern (rechts), aus der Seuchenkolumne von Epidemiologe Zangerle – seither wurden weniger als 0,5% zusätzlich geimpft.

Ein Kardinalfehler von Beginn an war, das neuartige Coronavirus wie eine Grippe-Pandemie zu behandeln. Europa war schlecht auf eine Pandemie vorbereitet. Als Blaupause diente der Influenza-Pandemieplan. Zielgröße waren und sind die Spitalskapazitäten (“flatten the curve”) und nicht eine generelle Eindämmung der Pandemie, um mit dem Virus NICHT leben zu müssen. Die frühere Coronabeauftragte des Weißen Hauses, Dr. Deborah Birx, kritisierte kürzlich in einem Interview das CDC (Center of Disease Control), dass man zu spät damit begonnen habe, Testkapazitäten hochzufahren und über asymptomatische Übertragung zu sprechen. Zudem sei man sehr spät dran gewesen, die Aerosol-Übertragung dieses Virus zu thematisieren. LongCOVID durch wiederholte Infektionen werde unterschätzt. Hätte man MECFS früher ernstgenommen, könnten wir jetzt schon Therapien für LongCOVID haben.

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Kolumne 06/12: Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorne?

Regelmäßige Wandertouren in der Natur geben mir Kraft.

Das vierte Pandemiejahr geht zu Ende. Die Zukunft war auch schon mal besser. Die kollektive Verleugnung der neuen Realität mit SARS-CoV2 als ständigen Begleiter scheint irreversibel. Im Herbst 2024 stehen Nationalratswahlen in Österreich an – bis dahin geht beim Thema Prävention und bessere Versorgung für Langzeitbetroffene nichts weiter. Aber selbst danach sieht es bei den zu erwartenden Mehrheitsverhältnissen nicht danach aus, als ob man große Sprünge in Richtung generelle Schutzmaßnahmen erwarten darf.

Ich hab noch nicht aufgegeben, auch wenn es durch die Standhaftigkeit, weiterhin FFP3-Maske zu tragen und Indoor-Veranstaltungen zu vermeiden zu ständigen Reibungsverlusten kommt – unbedingt förderlich ist es für den Job auch nicht. Mittlerweile beschäftige ich mich aber seit 3 Jahren und 9 Monaten intensiv mit der Pandemie und seinen multiplen Folgen. Jene, die einen jetzt belächeln, ignorieren oder gar mobben, weil man immer noch Maske trägt, werden nicht dieselben sein, die später zur Stelle sind, wenn man von der Infektion Spätschäden davonträgt. Ich kenne die sozialen, finanziellen und gesundheitlichen Langzeitfolgen und weiß, dass der Sozialstaat auf diesem Auge blind ist. Darum versuche ich weiter, die Infektion zu vermeiden und meinen Impfstatus aktuell zu halten. Gleichzeitig verliere ich all jene nicht aus den Augen, die nicht auf der Straße stehen können und laut für ihre Rechte kämpfen, weil sie durch SARS-CoV2 oder einen anderen viralen Infekt zu schwach oder bettlägerig geworden sind. Sie sind darauf angewiesen, dass die noch Gesunden oder “leichter” Betroffenen laut werden. Statt wegzuschauen.

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Covid isn’t over and never will be

There are times when I feel rewarded for years of engagement to get reliable information and facts to the people. It is a long painful road to with naked feet, meaning I can neither rely on my longstanding expertise in my job nor on being a medical professional working with patients in a clinical environment. Nevertheless, I succeeded to gain tons of data, facts and studies in the past four years, and sometimes it actually happens that I’m able to convince the people to step forward into the right direction – taking precautionary measures to protect the people from dangerous viral diseases. Even more, protecting them from themselves, their own ignorance and stupidity to follow the herd into their own undoing.

Yesterday when the Austrian Government presented their final study of “working through the pandemic” (authors rather called it “muddling through”) entitled “After Corona – Reflections for future crises”, it rather felt like failure. It has been very clear what will happen afterwards in the entire media reports – whitewashing what happened not only during the active period of the countermeasures but also what does not happen now when record sick leaves are registered, a lack of antiviral drugs like Paxlovid are present and the vaccine uptake of the adapted booster against xbb.1.5 is well below 10% of the entire population. The denial is strong but it is bought by the vast majority population. I will dive into the reasons for denial later, probably in a german-speaking posting (here’s a good summary in english which I intend to translate).

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Kolumne 05/12: Ist die Pandemie zu Ende? Eine Diskussion um des Kaisers Bart.

“Nach der Coronakrise”, “nach Corona”, “nach dem Ende der Pandemie”, “wisst ihr noch…. in der Coronazeit…”

Sowohl politisch, medial als auch im Alltag sind diese Phrasen bei vielen Menschen in Fleisch und Blut übergegangen. Insbesondere durch voreilige “wenn, dann…” Ableitungen wie “die Pandemie ist vorbei, wir können alle Maßnahmen aufheben“. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es eine akademische Diskussion, ob es sich um eine Pandemie, Epidemie oder einen endemischen Zustand handelt. Es gibt hierfür keine allgemein gültige Definition und die Interpretationen sind mannigfaltig. Einig sind sich aber alle dahingehend, dass SARS-CoV2 bleiben wird. Entsprechend befinden wir uns nicht “nach Corona” – diese Welt haben wir mangels Eindämmung der Pandemie bereits 2020 verlassen. Wir leben zwar “nach SARS-CoV1” – der Pandemie von 2002/2003, aber weiterhin “in der Coronazeit“, oder auch “in der Coronakrise“, denn die derzeitigen Entwicklungen kann man kaum anders bezeichnen. Es besteht auch wissenschaftlicher Konsens darüber, dass mit endemischem SARS-CoV2 dieser Krankheitsschwere dauerhaft Gegenmaßnahmen etabliert werden müssen, so wie Moskitonetze gegen endemische Malaria.

Unter Verkennung der Realität sind vor allem neoliberale und autoritäre Regierungen davon ausgegangen, dass wir dank Impfung und Medikamente und hoher Bevölkerungsimmunität durch wiederholten Viruskontakt sehr gut mit endemischen SARS-CoV2 leben können. Die Annahme war, dass die Mehrheit der gesunden, jungen Bevölkerung weder regelmäßige Impfungen noch antivirale Medikamente benötigt, weil die wiederholten Viruskontakte genügend Immunität gegen schwere Verläufe aufbauen würden – zumal sie ohnehin ein geringeres Risiko für schwere Verläufe haben. Unter dieser Grundannahme würde man eine wiederholte Durchseuchung der Bevölkerung zulassen können, um Gegenmaßnahmen so schnell wie möglich abzuschaffen. Es zeigen sich frappierende Parallelen zu den Ergebnissen eines im Jänner 2021 erschienenen Fachartikels von Lavine et al. 2021:

Darin wird genau diese Hypothese beschrieben, dass SARS-CoV2 mit wiederholtem Viruskontakt immer milder werden würde. Endemisch wird hier gleichgesetzt mit Erstinfektion in der Kindheit – eine klassische Kinderkrankheit also, die im Erwachsenenalter nicht mehr zu schwereren Verläufen führt, mit Ausnahme in der älteren oder immunsupprimierten Bevölkerung (Immunoseneszenz, Immunschwäche). In diesem Modell war eine Infektion demzufolge sogar erwünscht, um schneller den endemischen Zustand erreichen zu können. Wie wir heute wissen, entwickelte sich die Pandemie in eine andere Richtung. Im Laufe des Dezembers 2020 kam die erste Virusvariante, ein Jahr später Omicron und zahlreiche Subvarianten, die weitere pandemische Wellen auslösten. Reinfektionen wurden mit Omicron häufiger und das Ausmaß von LongCOVID wurde 2021 sichtbar – zumindest in medizinisch-wissenschaftlichen Kreisen. Die Ausgangsbedingungen haben sich geändert, die Hypothese vom Jänner 2021 wurde damit hinfällig. SARS-CoV2 hat sich spätestens im April 2020 als systemische Gefäßentzündung entlarvt (Varga et al. 2020) und Schätzungen zeigen, dass weltweit hunderte Millionen Menschen von Spätfolgen betroffen sind (Chen et al. 2022 ,Woodrow et al. 2023, Kuang et al. 2023). Ähnlich wie bei SARS-CoV-1 (Li et al. 2023) sind bei Betroffenen auch drei Jahre nach der Infektion noch die Lebensqualität einschränkende Symptome vorhanden (Zhang et al. 2023).

“Coronaviren zerstören Endothelzellen. Das Endothel ist mehr als nur eine Zellschicht, es ist fast ein eigenes Organ innerhalb der Gefäße. Es reguliert den Stoffaustausch vom Blut in umliegende Gewebe, reguliert den Blutdruck und damit die Versorgung mit Blut, Sauerstoff und Stoffwechselprodukten. Ein kaputtes Endothel ist die Grundlage für Bluthochdruck, Schlaganfälle und Herzinfarkte.”

Och nö, schon wieder Covid? (Doccheck, 19.12.23)

Welche Lehren ziehen wir aus der Pandemie?

Wir reden nur darüber, welche Maßnahmen wie geschadet haben sollen (und meistens stimmt das nicht einmal, siehe Schweiz), aber nicht darüber, wie viele Opfer wir damit verhindert haben. Wir sollten vielmehr darüber reden, warum wir weiterhin zulassen, dass neben SARS-CoV2 auch Influenza und RSV jährlich so viele Opfer fordern und ebenfalls Spätfolgen auslösen. Wir hätten so viel lernen können.

Ich hab meine Lehren schon im November 2022 ausführlichst verbloggt.

  • wenn symptomatische Menschen zuhause bleiben würden statt arbeiten zu gehen, ins Wirtshaus, ins Hotel oder zu sozialen Anlässen, könnte man bereits die Verbreitung von vielen Infektionskrankheiten reduzieren (Isolation)
  • wenn es sich zum respektvollen Miteinander einspielen würde, dass man im Gesundheitswesen eine FFP2-Maske trägt, könnte man Infektionen, die im Krankenhaus stattfinden und zu 100% gerade oder dauerhaft Vulnerable gefährden, deutlich reduzieren
  • wenn man, sofern es unumgänglich ist, doch mit Symptomen das Haus verlassen muss, sollte man bei Menschenansammlungen sowie generell in Innenräumen eine FFP2-Maske tragen
  • wenn man kürzlich Kontakt zu jemandem mit Symptomen oder nachweislicher Infektion hatte, sollte man in bestimmtem Abstand testen oder vorsichtshalber Maske tragen
  • in öffentlichen Verkehrsmitteln erspart einem die Maske alles, was dort an Viren herumfliegt
  • Weihnachtsfeiern sind ideale Keimschleudern, um sich das Weihnachtsfest oder den Urlaub vermiesen zu lassen
  • mit Luftfiltern kann man viel erreichen, und sei es die Auswirkungen der eigenen Hausstaubmilbenallergie im Schlafzimmer deutlich abzuschwächen, es bringt aber auch etwas gegen andere Infektionskrankheiten und reduziert neben Allergenen auch Viren, Bakterien, Pilze, Ultrafeinstaub.
  • regelmäßige Impfungen sind nicht nur gegen Corona sinnvoll, sondern auch gegen Influenza und andere Infektionskrankheiten
  • wenn ich krank bin, dann geh ich nicht unter Menschen – vielen immungeschwächten Menschen sieht man ihre Grunderkrankung nicht an. Für manche kann ein banaler Infekt lebensgefährlich werden.
  • wenn ich mich selbst richtig auskuriere, beuge ich Folgeschäden vor, die mangels Schonung entstehen, etwa Herzmuskelentzündungen oder chronische Lungenprobleme
  • was man telefonisch oder per Mail erledigen kann, sollte man beim Arzt anfragen, so spart man sich die Seuchenstätte Wartezimmer

Der Staat hätte natürlich allgemeingültige Regeln für das künftige Zusammenleben aufstellen können, die die ehemalige Patientenanwältin Sigrid Pilz hier zusammengefasst hat, und auch für die Arbeitgeber hätte längst ein Umdenken stattfinden können, ohne dass man Mitarbeiter ausbrennt, die jahrelang auf notwendige Schutzmaßnahmen hinweisen und dafür noch ins Lächerliche gezogen werden.

Ist die Gefahr also vorbei? Nein, mitnichten. Weder ist SARS-CoV2 ein harmloses Erkältungsvirus geworden noch können wir auf alle Schutzmaßnahmen verzichten – völlig unerheblich davon, ob es offiziell Pandemie oder Endemie genannt wird. Das ist die Kurzfassung – mehr zu den Hintergründen:

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Kolumne 04/12: Die vergessenen Kinder

Ergebnisse der Pisa-Studie: In Schweden, wo die Schulen immer offen waren, war der Rückgang der Bildungsleistung größer als im OECD-Durchschnitt. Österreich schnitt besser ab. Wenn die Zahlen eines mit Gewissheit zeigen, dann, dass es keinen klaren Zusammenhang zwischen Schulschließungen und Lerndefiziten gibt (siehe Bericht im Schweizer Tagesspiegel, 05.12.23)

Die wichtigste Schlussfolgerung aus der aktuellen Pisa-Studie: Es gibt keine “uneinholbaren” Bildungsverluste durch notwendige Schutzmaßnahmen in den ersten Pandemiejahren. Im Gegenteil, erst ohne jeden Schutz entstehen so viele krankheitsbedingten Fehlzeiten, sowohl durch Lehrermangel als auch durch krankheitsbedingt wiederholt abwesende Kinder, sodass der Schulstoff kaum noch nachgeholt werden kann. Kinder mit LongCOVID verlieren am meisten, nicht nur Bildung, sondern auch ihr soziales Umfeld und vor allem gesunde Lebensjahre und -jahrzehnte. Es verlieren aber auch “Schattenkinder”, die aufgrund schwerer Grunderkrankungen nun ganzjährig aufpassen müssen, nicht nur in der kalten “Jahreszeit”. Dabei sind saisonale Erkrankungen nur deswegen saisonal, weil wir in der kalten Jahreszeit nichts tun, Innenräume infektionssicher zu machen.

In der jetzigen Welle wird zwar wieder ans Maske tragen in den Öffis appelliert, nicht aber in den Bildungseinrichtungen und überhaupt, kranke Kinder zuhause zu lassen. Hat man sich vorher zurecht über die überfüllten Kinderpsychiatrien entrüstet, spielt die Psyche der Kinder jetzt anscheinend keine Rolle mehr – in einem Land, wo jeder dritte Schüler regelmäßig gemobbt wird, das war schon vor der Pandemie signifikant. PädagogInnen zählen neben Gesundheitspersonal zu den am meist gefährdesten Berufsgruppen für wiederholte Infektionen und LongCOVID, das ergaben Untersuchungen u.a. aus Schweden und Neuseeland, zwei Ländern mit lange gegensätzlicher Pandemiepolitik.

Ich bitte vorab um Verzeihung, dass der Beitrag wieder etwas länger wurde als beabsichtigt. Aus Zeitgründen schaff ich es derzeit nicht, mehrere Beiträge aus einem zu machen.

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Kolumne 03: Don’t blame the messenger!

Typischer Arbeitstag: Hin- und Rückfahrt in unzureichend belüfteten Schnellbahnen mit CO2-Werten deutlich über den Grenzwerten für saubere Luft (800ppm), im Großraumbüro dank Frischluftzufuhr über Quell-Lüftung (“vertical displacement ventilation”) konstant niedrige CO2-Werte und niedrige Ansteckungsgefahr, sofern eine infizierte Person keinen engen Kontakt mit einer empfänglichen Person hat. Im Büro verzichte ich daher meist auf eine Maske, in den Zügen trage ich ausnahmslos immer Maske.

Ich kämpfe seit Jahren um meine Gesundheit, die Gesundheit der Menschen, die mir etwas bedeuten, und um die von Menschen, die mir egaler nicht sein können. Obwohl ich keine eigenen Kinder habe, habe ich mich immer dafür eingesetzt, auch ihre Gesundheit zu schützen. “Die armen Kinder werden zu Sündenböcken gemacht!”, “Du kannst sie nicht ewig einsperren!” waren die Reaktionen von Erwachsenen. Die Kinder und Jugendlichen selbst wurden auch dann nicht gehört, als sie einen Offenen Brief an den Bildungsminister richteten. Erst als drei Schülerinnen der ÖVP-nahen Schülerunion für ORF-Report interviewt worden, wo sie psychischen Schäden des Lockdowns beklagten, aber keine Schutzmaßnahmen in den Schulen forderten, hörte man ihnen zu.

Unzählige Beiträge habe ich in den Medien gesehen, gehört und gelesen. Klar war immer: Sobald es für die eigene Stresstoleranz bequemer war, wurde es gesendet. Unbequeme Wahrheiten hört man eben nicht gerne, besonders darin ein elementarer Vorwurf der Pandemiebekämpfung eingebettet ist: Erwachsene wollten sich nicht einschränken, um Kinder zu schützen, aber umgekehrt wurde es verlangt. Dann kam die Impfung für Erwachsene und auf die Zulassung des Impfstoffs für Kinder unter 12 Jahren wollte man nicht mehr warten. Statt sich heimlich im Wirtshaus zu treffen, sollte es wieder hochoffiziell möglich sein. Das ist die Wahrheit, und indem die Konsequenzen ebenso wie Schutzmaßnahmen für Kinder und Jugendliche auf ewig negiert werden, bleibt die bequeme Illusion am Ende stehen, dass die Erwachsenen “alles richtig gemacht” haben.

Die Botschafter unbequemer Tatsachen sind immer unbeliebt und werden entsprechend behandelt, dabei werden sie von mehreren psychologischen Phänomenen unterstützt.

Da wäre das Major Consensus Narrative:

Die Mehrheit der öffentlichen Meinung ist nicht zwingend an Fakten orientiert, dominiert aber den Meinungskurs, zum Beispiel, dass Lockdowns psychische Schäden an Kindern hervorrufen würden und daher vermieden werden sollten. Tatsächlich sollten Lockdowns immer als ultima ratio dienen, wenn alle anderen Optionen versagt haben. Wir haben andere Optionen aber nie genutzt seit Pandemiebeginn, weder wissenschaftliche Aufklärung, transparente Information, empathische Risikokommunikation als klare Regeln, über die sich auch die Länder nicht hinwegsetzen können. Eine Pandemie ist nicht Aufgabe der Länder, sondern Aufgabe des Staates, denn eine Pandemie macht vor Ländergrenzen nicht hat.

Da wäre die Schweigespirale nach Noelle-Neumann:

Bei kontroversen Themen neigen Menschen dazu, ihre eigene Meinung zu verschweigen, um sich besser in die Gesellschaft einzufügen. Wer öffentliche Unterstützung spürt, äußert seine Meinung eher laut und deutlich. In der Überbetonung der “Impfschäden” etwa, die zu einem kleinen Teil tatsächlich auf die Impfung zurückgehen, weil bei Milliarden Impfungen weltweit auch sehr geringe Risiken zu nennenswerten absoluten Zahlen führen, aber zu einem größeren Teil haben sich Betroffene bereits vor der Impfung oder kurz danach infiziert und die Symptome gehen ursächlich auf die Infektion zurück, die alle Symptome, welche die Impfung verursachen kann, um ein Vielfaches übersteigt. Die NÖ-Landesregierung aus ÖVP und FPÖ etwa, die “Impfgeschädigte” mit medialer Inszenierung entschädigt, obwohl es dafür bereits einen Fonds gibt, und gleichzeitig eine Werbeverbot für weitere Impfkampagnen beschließt. In so einer Stimmungslage kann dann auch ein ORF-Journalist einen Kniefall vor den Blauen machen und einen vermeintlichen Impfschaden präsentieren, der mit hoher Wahrscheinlichkeit keiner war.

Da wäre Phänomen der “spontaneous trait transference”, nach dem Kommunikatoren als jene wahrgenommen werden, die die Eigenschaften oder Verhaltensweisen aufweisen, die sie bei anderen beschreiben. Man wird dafür bestraft, beleidigt, sich lustig gemacht, als “ängstlich” pathologisiert oder bedroht, weil man andere wiederholt vor den Spätfolgen einer Corona-Infektion warnt. Wenn man Lügen bloßstellt und Desinformation kenntlich macht, verbinden einen die Leute mit Lügen und Desinformation. Leider gibt es keinen einfachen Ausweg als sein Ding weiter durchzuziehen und weiter zu warnen, aufzuklären und emotionale Appelle zu richten. Es funktioniert aber auch umgekehrt: Wer gut über andere spricht, wird ebenfalls als gut wahrgenommen. Statt also immer nur jene Scharlatane hervorzuheben, die Lügen verbreiten, sollten wir mehr unsere Experten und Aktivisten hervorheben, die sich immer am Boden von Fakten und wissenschaftlichem Konsens bewegen.

Mir bleibt selbst nichts anderes übrig als weiterzumachen, solange ich die Kraft und Gesundheit dafür habe. In meinem Fall bedeutet das weiterzubloggen, die Zitate der Scharlatane, aber auch der Vorbilder zu sammeln, die sich solide mit wissenschaftlichem Fundament äußern und nicht der Politik vorauseilend gehorchen. Es heißt überdies, dass ich mich an meiner bescheidenen Wirkungsstätte für die Bedeutung von sauberer Luft einsetze und mich mit CO2-Messgerät und Luftfilter bewaffne, um mich und irgendwann vielleicht auch andere vor Infektionen mit Viren und Bakterien zu schützen, die kein Mensch braucht, weil das Immunsystem kein Training braucht, wohl aber das kognitive Denken.

Kolumne 02: Das Zeitalter der Eigenverantwortung

Alle Meldungen zeigen ein systematisches Problem: Mangelnde Eigenverantwortung durch fehlende Informationen mit teilweise beträchtlichen Folgen, die über materielle und finanzielle Schäden hinausgehen können, wobei im Fall der Schulschließungen die staatliche Fürsorgepflicht aufgegeben wurde und der Schutz von Pädagogen, Schülern und deren Eltern durch den hohen sozialen Druck, sich nachteilig zu exponieren durch Eigenverantwortung de facto nicht möglich ist.

Warnungen und Fakten wurden längst zu Meinungen degradiert. Ein Problem, das längst nicht nur mehr die SARS-CoV2-Pandemie und ihre langfristigen Folgen betrifft, sondern alle Gesellschaftsbereiche. Natürlich hat es das schon immer gegeben, aber durch Social Media und Kontrolle der Medien wurde die Unlogik noch nie so tiefgreifend zur Staatsräson erhoben wie jetzt durch die Pandemie sichtbar wurde. Der Journalismus ist in einer globalen Krise mit schwerwiegenden Folgen und Österreich ist davon besonders stark betroffen. Die Presseförderung bzw. Förderung mit politischen Inseraten begünstigt überproportional Boulevardmedien, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Nischenmedien für Migranten wie OktoTV, DasBiber oder “DaStandard” werden eingestellt, Magazine für Menschen mit Behinderungen wie Anderererseits kämpfen ums Überleben.

Die Regierungen nützen die Journalismuskrise eiskalt aus für ihre Ziele, die Botschaften ihres Regierungsprogramm möglichst mundgerecht und kritiklos an die Wähler zu bringen. Im Fall der Pandemie lauten sie: Wir haben alles unter Kontrolle, es gibt keinen Grund zur Panik, eine neuerliche Überlastung der Spitäler ist nicht zu erwarten, daher besteht keine Veranlassung für neue freiheitsbeschränkende Maßnahmen. Die österreichische Regierung hat aber nicht nur die Kontrolle darüber, was geschrieben wird (Stichwort: Intervention in der Redaktion), sondern sie gibt auch nur jene Daten preis, die sie nicht in Misskredit bringen. So haben wir in Österreich seit dem Fall der Meldepflicht eben keine aktuellen Mortalitätsdaten mehr zu SARS-CoV2, wir haben eine Surveillance-Datenbank zu Hospitalisierungen mit “schweren Atemwegserkrankungen”, das etwa vier Wochen hintenliegt und eine große Zahl unbekannter Erreger ausweist – weil routinemäßig nicht mehr getestet wird, wir haben ein Abwassermonitoring mit unterbrochenen Zeitreihen und auf bestimmte Regionen beschränkte Messungen, das 1-2 Wochen hintenliegt und keine Informationen auf Bezirksebene liefert, ausgenommen in Vorarlberg und Tirol. Mit Verweis auf Datenschutz und Amtsgeheimnis verweigert man der Wissenschaft den Zugang zu einer “Plattform zur gemeinsamen Sekundärnutzung von Daten aus dem Gesundheitsbereich”. So waren und sind etwa keine Verknüpfung von Berufsgruppen mit erhöhtem Infektions- und Hospitalisierungsrisiko erforschbar und wir müssen uns mit Daten aus anderen Ländern begnügen, die hierzulande aber nicht beachtet oder journalistisch thematisiert werden.

Wenn man wichtige Daten vorenthält, ist das genauso Datenfälschung (durch Unvollständigkeit) – im wissenschaftlichen Kontext ein absolutes No-Go, weil man so einseitige Schlussfolgerungen fördert. Es ist aber auch für die Eigenverantwortung ein No-Go, denn wenn mir wichtige Informationen fehlen, passe ich mitunter mein Verhalten falsch oder gar nicht an. Wenn ich den Wetterbericht nicht lese und mir keine Gedanken zur Tourenplanung im hochalpinen Gelände im Spätherbst mache, dann werde ich vom “Wintereinbruch” überrascht werden. Ich kann noch so viele Vorträge zum Risikomanagement halten, aber sich Informationen zu beschaffen, ist letztendlich Aufgabe des Bergsteigers. Dabei würde es hier ausreichend Daten und Prognosen geben, angefangen von täglichen Wetterberichten, Alpenvereinswetter, Anruf bei einer nahegelegenen Hütte, Webcams bis hin zu Daten von Lawinenwarndiensten. Mit diesen Informationen wird es in den meisten Fällen gelingen, eine sichere Tourenplanung durchzuführen und bei unsicheren Bedingungen eben abzusagen.

Im Fall des Infektionsrisikos durch SARS-CoV2, unabhängig davon, ob man es nun pandemisch oder endemisch nennt, haben wir diese Fülle an Daten nicht – wobei man hier differenzieren muss: Wissenschaftler, durchaus auch Politiker und interessierte Bürger haben detaillierte Kenntnisse über die Folgen einer SARS-CoV2-Infektion, zu LongCOVID, zu Krankenständen, zu den Folgen für das Gesundheitssystem, welche die Allgemeinbevölkerung nicht hat. Es ist nicht die Aufgabe der Allgemeinbevölkerung, ihr eigenes Informationsdefizit aufzuholen. Das ist Aufgabe des Staates und es ist Aufgabe eines funktionierenden Journalismus, die Lücken aufzufüllen und Kritik an der Datenqualität und den Schlussfolgerungen zu üben. Was aber noch schlimmer wiegt, ist, dass die Bevölkerung nicht darüber aufgeklärt wird, wer eigentlich vulnerabel ist (“alle”) und dass eine Gesellschaft wie ineinander geschwungene Zahnräder funktioniert. Es kann sich nicht eine Gruppe herausnehmen und glauben, das Getriebe läuft von alleine weiter. Jetzt haben nicht einmal jene, die wissen, dass sie vulnerabel sind und sich schützen wollen oder müssen, genügend Daten zur Verfügung, dies eigenverantwortlich zu tun.

15. Jänner 2023, Kronenzeitung

Seit 1. September 2023 haben erst 3,6% der Gesamtbevölkerung das XBB-Impfupdate erhalten, in der Gruppe der 65+ erst rund 20%. Paxlovid wird vielfach nicht verschrieben und wer es rechtzeitig bekommen will, möglichst vor oder um Symptombeginn herum, sollte sich testen, was aber nur bei den völlig überlasteten niedergelassenen Ärzten geht oder auf eigene Kosten. In Zeiten zunehmender Verarmung durch die hohe Inflation sind das Kosten, die sich längst nicht jeder leisten kann oder will. Selbstverständlich hat die Bundesregierung den Selbstschutz auf den Bürger abgewälzt – in einer Phase mit pandemische Ausmaße erreichenden Infektionszahlen ist das schlicht Arbeits- und Verantwortungsverweigerung des Staates (Stichwort: Fürsorgepflicht).

Wissenschaft und Fakten werden ausgerechnet von jenen, die die sie manipulieren – sei es durch Falschaussagen wie “steigende Suizidfälle durch Lockdowns” oder durch Weglassen relevanter Aspekte wie LongCOVID, oder auch durch Verharmlosungen wie “Atemwegserkrankungen” – angeführt, um sich selbst mit weißer Weste zu präsentieren, als Personen, die über den Fakten stehen, die eben Politik machen und Kompromisse eingehen müssen, während “die Wissenschaft” als realitätsfremd und kompromisslos dargestellt wird.

Innenminister Karner (ÖVP), STANDARD, 26.08.22)
Gesundheitsminister Rauch (Grüne), KURIER, 18.03.22
Rauch, STANDARD, 25.03.22
Rauch, Tweet, 19.04.22
Rauch, Bluesky, 16.10.23

In Österreich gab es nie eine objektive, gesellschaftliche Debatte darüber, was Verhältnismäßigkeit für reale Auswirkungen auf die Bevölkerung haben wird. Wie viele Tote wir dauerhaft in Kauf nehmen werden, wie viele Langzeitkranke, die nicht mehr gesund werden, wie viel Arbeitskräftemangel, wie wir die Wirtschaft schädigen, aber auch die Zahl der gesundenen Lebensjahre der Kinder senken, so wie überhaupt die Lebenserwartung gesenkt wird, was nur geschieht, wenn jüngere Menschen vorzeitig sterben. Was bedeutet Verhältnismäßigkeit in einem demokratischen Rechtsstaat, wo mehrere hunderttausend Menschen seit Pandemiebeginn von sozialer Teilhabe ausgeschlossen wurden? Nach aktuellem Stand dauerhaft für den Rest ihres Lebens. Was heißt Verhältnismäßigkeit im Gesundheitswesen, wenn Patienten mit schweren chronischen Erkrankungen im Spital infiziert werden und kränker entlassen werden als sie hineingekommen sind, oder sogar infolgedessen versterben?

Gesundheitsministerium auf orf.at-Anfrage, 23.11.23

Wie kann man diese Aussage anders interpretieren als eine gezielte Falschmeldung, als faktenwidrig und ohne Expertise? Wir reden hier nicht einmal vom Alltag vulnerabler Menschen, die – auch das seit Pandemiebeginn eine gezielte Falschinformation – die nicht nur in Heimen leben, sondern mitten in der Gesellschaft unter uns leben, in die Schule gehen, ins Theater, im Büro sitzen, an der Supermarktkasse oder als Reinigungskraft im Spital. Wir reden hier vom Gesundheitswesen, einem Ort, den man sich nicht aussuchen kann, in Zeiten akuten Ärztemangels schon gar nicht, und in Zeiten eines medizinischen Notfalls erst Recht nicht. Nicht einmal dort will man Patienten schützen – verweist auf eine Immunität der Gesamtbevölkerung, die eben gerade auf vulnerable Patienten NICHT zutrifft, und auf die aktuellen Varianten, die trotz Update der Impfung für symptomatische Verläufe sorgen, die durchaus milder verlaufen, aber eben nicht immer. Die Mehrzahl der momentan behandelten CoV2-Patienten im Spital hat das Impfupdate nicht erhalten und wurde zuvor nicht mit Paxlovid behandelt – ein klares Versagen des Staates in der Aufklärung der Bevölkerung, aber auch der Ärzte, in die Patienten notgedrungen ihr Vertrauen setzen müssen.

Dann wundern sich WissenschaftlerInnen, die in der Öffentlichkeit LongCOVID niemals erwähnen darüber, dass ihre Appelle zum freiwilligen Maske tragen nicht fruchten.

Auch wenn die Pandemie offiziell vorbei ist, „das Virus bleibt”, sagt Virologin Redlberger-Fritz. Sie rät Personen,die Symptome haben, sich zu testen, zu Hause bleiben und wieder Masken zu tragen. „Derzeit beobachte ich in den Straßenbahnen leider nicht, dass das auch passiert.

FALTER Newsletter, 24.11.23

Das meine ich mit unvollständigen Informationen. Aus allen Kanälen hören wir derzeit “Experten sind entspannt/gelassen”, “kein Grund zur Beunruhigung”, “kein Grund zur übertriebenen Sorge”, “alles milde Verläufe”, “Vulnerable sollen ihre Impfung auffrischen”. Das Resultat ist klar: Der Durchschnittsbürger sieht sich nicht als vulnerabel: “Mich betrifft das nicht.” – warum sollte er sich dann eine Maske aufsetzen?

Ein Problem ist natürlich auch die Art, WIE Wissenschaftler kommunizieren, mit vorauseilendem Gehorsam vor der Politik. Im eher spannungsarmen Film “St. Helens” (1981), der die Tage von den ersten Anzeichen für einen Vulkanausbruch bis zum Tag der Katastrophe schildert, fiel mir besonders eine Szene auf. Der Vulkanologe David Jackson ließ sich auf riskante Weise zum Vulkankrater fliegen, um entscheidende Proben zu sammeln, die einen unmittelbar bevorstehenden großen Ausbruch beweisen sollten. Sein Vorgesetzter Lloyd kritisierte danach sein Vorgehen als rücksichtslos und unverantwortlich. Bei einer Bürgerversammlung zuvor hatte Jackson die dramatischen Folgen eines drohenden Ausbruchs geschildert, aber Lloyd hat diese heruntergespielt und behauptet es würde keine Beweise geben. Daraufhin unterschrieben die meisten eine Verzichtungserklärung (waiver), dass sie sich nicht evakulieren lassen würden.

David: “What about those waivers you’d advised people to sign?”
Lloyd: “I advised no one to sign anything, David!
David: “Because you’ve become a politician, Lloyd! You risked the life of every single person in this community with your damn crock of shit at that meeting. You knew the bulge was growing. 5 feet a day. But you didn’t say anything. So don’t talk to me about irresponsibility. As far as I’m concerned I have a chance of a lifetime here to watch a dormant volcano awaken. And that’s what I gonna do. I wanna watch it, all of it. Because I’m a scientist Lloyd. I really don’t know what you are.”

This pretty much sums the shit up.

Wenn die eigene Popularität (“wie ich mein Handeln erklären kann…”) wichtiger wird als die Bereitstellung aller notwendigen Daten und Fakten, auf deren Basis man zur Eigenverantwortung erziehen kann, dann wird diese Strategie immer Schiffbruch erleiden. Wenn es Pflichten nicht dort gibt, wo das Risiko der Nichteinsicht zu hoch ist, wie im Gesundheitswesen oder in der Arbeit mit Kindern, dann werden die Folgen immer unverhältnismäßig sein – nämlich vermeidbare gesundheitliche Schäden der Bevölkerung, die sich bei Kindern, die viele gesunde Lebensjahrzehnte vor sich hätten, ungleich schwerwiegender auswirken, in der momentanen öffentlichen Diskussion um erneute freiwillige Maßnahmen aber nahezu völlig ignoriert werden. Solange die Folgen der Nichteinsicht nicht thematisiert werden: Ich stecke eine Person an, die daraufhin einen schweren Verlauf hat und stirbt, oder einen leichten Verlauf, aber LongCOVID bekommt, solange wird man die Bevölkerung nicht dazu bewegen können, auf andere und auf sich selbst aufzupassen – in einem Ausmaß, dass es die Infektionswelle tatsächlich bremst und den Peak verringert. Und da kommen Influenza, RSV, die Mycoplasma-Lungenentzündungen und andere Infekte noch hinzu.

Kolumne 11/01: Verrat statt Solidarität

Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) im STANDARD-Interview (10. März 2022) während der starken BA.2-Welle

Start eines (zusätzlichen) Formats im Form einer regelmäßigen Kolumne, mit dem ich den Blog hier weiterführe. Auf coronafakten erscheinen weiterhin ausführliche Hintergrundrecherchen. Hier mehr Text zu gesellschaftlichen Entwicklungen und persönliche Interpretation. Die Kolumne hat noch keinen Namen, vielleicht fällt mir noch etwas ein.

Das Eis der Zivilisationsdecke ist sehr sehr dünn geworden. Wir erleben das in den Krisen weltweit, wir sehen es mit der Entwicklung der Pandemie. Waren es zu Beginn schon die Solidaritätsverweigerer, die sich trotz strengem Lockdown in der Garage, zu Wohnungspartys oder im Hinterzimmer der Lokale getroffen haben, sind es jetzt hauptberuflichen Helfer in der Not, die sich nicht mehr darum scheren, ob sie den Menschen, die um Hilfe ansuchen, eine potentiell folgenreiche Krankheit anhängen. Die Politik hat für wenige Monate ihre Pflicht erledigt, im Glauben, die Krise wäre damit ausgestanden. Seitdem regiert die viel propagierte Eigenverantwortung. Zwischen den vielen Wahlterminen der letzten Jahre blieb nicht viel Platz für vernunftgesteuerte Vorschläge, geschweige den Umsetzungen. Mit der Festlegung auf die Intensivbettenkapazitäten als einzig relevanten Indikator einer Überlastung wurde die Öffentliche Gesundheit zu Grabe getragen. Der Untergang der niedergelassenen Ärzte interessiert niemanden.

Zu Beginn wurde das Bild vermittelt, dass wir alle in einem Boot sitzen: Die gesunde Mehrheit schützt die vulnerable Minderheit durch Verzicht auf ihren gewohnten Alltag und Bequemlichkeit. Es hat nicht lange gedauert, bis sich herausstellte, dass dieses Boot die Titanic ist. In der ersten Klasse sitzen Priviligierte mit Zugang zu Information, Homeoffice, Privatärzten und hochwertigen Masken und Luftfiltern. In der Klasse darunter eine breite Mehrheit, die darauf angewiesen war, was Priviligierte an Almosenschutz anboten, an Maßnahmen beschlossen, die sie selbst ehestmöglich umgehen konnten. In der dritten Klasse sitzen bis heute die Vulnerablen, darunter Armutsbetroffene, Pflegebedürftige, all jene, die regelmäßig zum Arzt oder ins Spital müssen, prekär arbeitende ohne jeden Schutz am Arbeitsplatz oder in den Schulen, ohne Zugang zu Medikamenten, guten Masken oder Luftreinigern. Das Leck durch die Eisbergkollision lässt den Vulnerablen längst das Wasser bis zum Hals stehen, doch man hat die Aufgänge versperrt, es hört niemand zu. Die Notsprechanlagen wurden schon lange abgedreht. Der größte Teil des Eisbergs liegt unter Wasser, LongCOVID und MECFS, sichtbar sind nur die Schnupfen- und Hustensymptome der ersten und zweiten Klasse, die häufig glimpflich abgehen. Sollte es hier und da bleibende Schäden geben, wird nicht darüber geredet – man möchte unter den Passagieren keine Panik auslösen.

Im vierten Jahr der Pandemie, die nach allen Daten und Fakten ohne Zweifel so genannt werden muss, profitieren gesunde Menschen überproportional von der epidemiologisch spürbaren Abschwächung der Krankheitslast. Obwohl wir uns diesen Herbst in der wahrscheinlich größten Welle seit Pandemiebeginn befinden, liegen im Verhältnis zur Delta-Welle deutlich weniger Kranke auf den Intensivstationen und es kommen weniger mit Atemnot ins Spital. Wer jedoch immunsupprimiert ist oder zu den neuen Vulnerablen zählt, weil das Immunsystem oder Organe durch Covid-Infektionen geschädigt wurden, für den ist die neue Normalität viel gefährlicher geworden als noch zu Pandemiebeginn. Dann enden Spitalsaufenthalte mit einer Verschlechterung ihrer Grunderkrankungen, mit neuen chronischen Symptomen oder tödlich.

Und die Lebensrealitäten driften immer weiter auseinander. Für die Mehrheit ist es weniger gefährlich als vorher, daher gibt es auch im Spital keine Maßnahmen mehr und gefährdet akut Menschen, die ein Recht auf Gesundheitsschutz haben. Das hat übrigens jeder, auch eine breite Mehrheit, die ihre Gesundheit gefährdet, weil man ihnen eingeredet hat, dass regelmäßige Infektionen notwendig sind, jedenfalls nicht schädlich – ein schwerwiegender Irrtum, der in allen Diskussionen und Debatten zwei wesentliche Aspekte kontinuierlich ignoriert: LongCOVID und Infektionsprävention. Wir werden keine Chance haben, die breite Mehrheit davon zu überzeugen, sich weiterhin für eine Minderheit einzusetzen, wenn der Faktor Solidarität nicht zieht. Dann geht es nur über den Eigennutzen, seine eigene Gesundheit zu schützen und als Kollateralnutzen die der Schwächeren mit. “Vulnerable zu schützen” hat nie funktioniert – es handelte sich um eine Strohmann-Forderung der “Great-Barrington-Declaration”-Vertreter, um den Schwedischen Weg der Health Supremacy solidarisch mit den Schwächeren erscheinen zu lassen.

Am schwersten wirkt der Verrat im engsten Umfeld. Wenn Partnerschaften auseinandergehen, wenn ein Riss durch die Belegschaft geht, wenn Freundschaften zerbrechen, weil eine Person mehr Wert auf ihre Gesundheit legt als die andere. Nicht nur das. Wenn man sich wie ein Bittsteller vorkommt, seine Gesundheit erhalten zu wollen – oder seinen status quo einer chronischen Erkrankung nicht zu verschlechtern. Das macht die veränderte Lebensrealität zwischenmenschlich noch viel schwieriger als der Alltag ohnehin abverlangt. Der Verlust an Empathie ist enorm. Glauben die Menschen im Umfeld denn ernsthaft, man würde dem früheren Leben nicht hinterhertrauern, man würde nichts vermissen, wenn man sich aus allen sozialen Anlässen zurückzieht und jeden Abend alleine zuhause sitzt? Wenn dieser Gedanke nur einmal käme, und sich die Frage daran anschließen würde: Warum verzichtet ihr noch immer, was glaubt ihr denn zu wissen, was ich nicht weiß? Könnte daran am Ende etwas dran sein? Dann wären wir schon weiter.

Warum gibt es jetzt zwei Corona-Blogs?

Ursprünglich hab ich coronafakten.com hochgezogen, weil es Probleme mit der automatischen Speicherung bei coronawissen.com gab und öfter mal ganze Beiträge nicht gespeichert wurden oder ich komplett kopieren musste, um sie zu veröffentlichen. Zudem hat sich bei längeren Texten die Anzeige der geschriebenen Buchstaben immer mehr verlangsamt, ein Problem, das mit der Software WordPress selbst zu tun haben dürfte und nichts mit dem Server zu tun hat, weil es auch selbst gehostet auftritt.

Wie dem auch sei: Die geschriebenen Blogtexte bleiben hier natürlich erhalten und mangels einer guten Idee für eine übersichtlichere Gliederung wird auch vorerst der “Schwedische Weg”, also das Herzstück meiner Dokumentation der Verbrechen an der Öffentlichen Gesundheit, auf coronawissen.com fortgeführt. Alle anderen Menüpunkte werden fortan auf coronafakten.com aktuell gehalten und auch neue Beiträge dort geschrieben.

Unabhängig von technischen Problemen sind die Bloginhalte nun als Backup gesichert, das kann nicht schaden.

Ich dachte zu Beginn der Pandemie naiverweise, dass professionelle Journalist*Innen zunehmend wissenschaftliche Erkenntnisse aufgreifen und korrekt berichten bzw. aufklären werden. Das ist in Österreich nie geschehen. Selbst in Deutschland sind weitaus mehr faktenorientierte Interviews erschienen als in Österreich, auch wenn es natürlich in Summe auch dort zu viel False Balance gab und gibt. Trotzdem…. die qualitativ hochwertigen Reportagen und Interviews sind in Österreich rar gesät.

Als Quereinsteiger in die Materie mit Virologie, Biologie, Genetik, Epidemiologie, Public Health und auch Bildungswesen, der nebenher einen Vollzeitjob zu bewältigen hat und offenbar als einziger Bürger in Österreich die gesamte Pandemie dokumentiert in allen möglichen Facetten, konnte ich es mir nicht erlauben, alles abzudecken und mich trotzdem kurz zu fassen, damit es lesergerecht verdaulich bleibt. Noch einmal: Das war und ist die Aufgabe von Journalist*Innen in etablierten Medien. Ich halte mich gerne an die wissenschaftlichen Fakten, deren Herleitung und Interpretation, die zielorientierte Aufbereitung sollten jene machen, die hauptberufliche Schnittstelle zwischen Institutionen und Bevölkerung sind.

Mir ist bewusst, dass meine Texte immer sehr lang sind, und ich mich meist in der Einleitung verliere, eh ich zum eigentlichen Inhalt komme. Gerne würde ich einzelne Themenbereiche auf mehrere Beiträge aufteilen oder eine Serie machen. Das geht sich als quasi ehrenamtlicher Nebenberuf leider nicht aus.

Meine derzeitige Überlegung ist, ob ich coronawissen.com dazu nutzen soll, eine wöchentliche oder zweiwöchentliche Kolumne zu starten, in der ich neue Erkenntnisse verdichtet zusammenfasse – weniger Herleitung und Literaturhinweise, mehr Interpretation. Wer mehr wissen möchte, findet auf beiden Blogs reichhaltige Literaturverweise vor. Ich werde mich auch bemühen, dies in möglichst einfacher Sprache zu tun, damit es auch ohne besondere Vorkenntnisse verstanden werden kann.

Aus der skeptischen bis verharmlosenden Ecke kommt dann, wenn man mich fachlich nicht widerlegen kann, ohne auf dubiose Verschwörungsplattformen zu verweisen, meist das ad hominem Totschlagargument:

Warum sollte man einem Meteorologen trauen, wenn er über Medizin oder Virologie schreibt?

Die wenigsten Journalist*Innen sind tatsächlich von dem Fach, über das sie einen Artikel recherchieren. Ebenso wenig sind Infektiolog*innen, die sich bisher mit Bakterien beschäftigt haben, Expert*innen für Viren. Die Einschätzung der jeweiligen Expertise hängt von den Daten ab, auf die man sich beruft. Ich beziehe mich auf meinem Blog überwiegend auf Primärquellen, sprich wissenschaftliche Veröffentlichungen, deren Autoren und Interpretationen durch andere Wissenschaftler, die sich innerhalb des wissenschaftlichen Mehrheitskonsenses bewegen. So ist sichergestellt, dass ich keine Extrempositionen vertrete.

Expert*innen sind auch nur Menschen. Insbesondere mit Preisen überhäuft können sie der Nobelpreis-Krankheit anheim fallen – sprich, der Größenwahnsinn steigt ihnen zu Kopf und sie äußern sich in fremden Fachgebieten mit unerschütterlicher Selbstsicherheit (“epistemic trespassing“), obwohl sie keine fundierten Beweise dafür haben. Dasselbe trifft auch auf renommierte Journalist*innen zu. Es kann natürlich auch Citizen Journalists wie mir passieren, mich zu verrennen, aber man soll nicht glauben, dass ich mich nie hinterfragen würde. Das mache ich ständig und rückversichere mich, nicht auf dem Holzweg zu sein.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Das gilt nicht nur für mich, sondern für alle. Jemandem zu vertrauen, nur weil er Experte genannt wird, ist gefährlich. Und wir alle wissen, wie die Karriereleiter so funktioniert – mit Einfluss, Rhetorik und Vitamin B kommt man in einflussreiche Positionen, nicht zwingend aber mit Idealismus und Festhalten an Grundprinzipien.