Tag 521: NoCovid oder Flatten the curve?

ZeroCovid-Land Australien und Great-Barrington-Staaten UK, Israel und USA

Objektiv haben *wir* NoCovid-Befürworter den Kampf verloren. Seit der zweiten Welle weisen wir auf die schwerwiegenden Fehler in der Pandemiepolitik hin. Wir kritisieren die Umsetzung der Schutzmaßnahmen, die Teststrategie und vor allem den mangelnden Schutz der Kinder.

Wer die Gesundheit aufgibt, um Wirtschaft zu schützen, der wird am Ende beides verlieren.“

Wir kritisieren die falsche Abwägung von Interessen, denn wer sich für einen ZeroCovid-Weg entscheidet, rettet die Gesundheit und die Wirtschaft (Oliu-Barton et al., 2021). ZeroCovid kam in der österreichischen Berichterstattung so gut wie nie vor. Selbst im FALTER gilt die Lebensretter-Strategie als totalitäre Phantasie, die maximal verächtlich gemacht statt differenziert beleuchtet wird. Wenn selbst seriöse Wochenzeitungen sich auf KRONE-Niveau begeben, haben ZeroCovid-Argumente keine Chance in einer ohnehin polarisierten Gesellschaft.

ZeroCovid hat gegen Great Barrington verloren

Wir hatten nie eine Chance bei der Übermacht an rechtsliberalen bis sozialdarwinistischen Denkweisen, die an allen Schlüsselpositionen nisten, die maßgeblichen Einfluss auf die Pandemie ausüben. Great-Barrington-Vertreter sitzen in der WHO, im europäischen Seuchenzentrum ECDC, in der AGES – sie beraten die österreichische Regierung als Wissenschaftler und Mediziner, die “alte und vulnerable” schützen wollen, und beim Rest glauben (oder in Kauf nehmen), dass man die Pandemie einfach durchlaufen lassen könnte. Wiederholt hat sich gezeigt, dass die Spitäler relativ schnell überlastet werden, ohne dass es dafür riesige Infektionszahlen braucht. Keine hunderttausend Infektionen täglich wie in Indien oder in den USA. Das liegt vor allem daran, dass die Spitäler schon in Normalzeiten bei 80-90% Kapazität ausgelastet sind. Normalzeit! Da sind die Covidfälle gar nicht eingerechnet. Es ist selbst für Statistikbanausen wie mich leicht erkennbar, dass sich das mit > 20% Bettenbelegung für Covidfälle gar nicht ausgehen konnte.

Erst kommt die weiche Triage, wenn wichtige Operationen für Normalpatienten verschoben werden müssen oder Krebsbehandlungen nicht stattfinden können. Dann kommt die harte Triage, wenn Patienten mit geringeren Überlebensschancen, meist aufgrund des Alters, nur ein Normal- und kein Intensivbett bekommen, oder überhaupt nach Hause geschickt werden, so wie in der zweiten und dritten Welle geschehen. Oder man zieht dem Intensivpatienten mit geringeren Überlebenschancen wortwörtlich den Stecker, damit ein Patient mit besseren Überlebenschancen sein Bett bekommt. In der ersten Welle wurden die Kollateralschäden durch den Lockdown moniert, aber in der zweiten und dritten Welle waren die Kollateralschäden klar Folge der Überlastung der Spitäler, genauer gesagt der Mitarbeiter. Denn selbst mit unendlicher Bettenkapazität würde es nie eine unendliche Personalkapazität geben.

Ich hatte bereits darüber gebloggt, wo ich die Ursachen für das Versagen in der Pandemiepolitik in Österreich sehe, bei Inkompetenz, Kompetenzüberschreitung und liberal-brauner Ideologie. Zudem habe ich akribisch dargelegt, wo die Schnittmengen der “Experten” und Ideologen liegen, und wie sie sprachlich identizierbar sind. Zur Pandemie politik gehören aber auch die Medien, die ich in Punkto Versagen als gleichwertig zu Pseudoexperten und Ideologen betrachte – denn sie sind das Bindeglied zwischen Desinformation, Message Control und dem, was die Bevölkerung als Grundlage für ihre Handlung annehmen kann.

False Balancing

Ob Pandemie oder Klimaerwärmung – beides sind keine Lifestyle-Themen. Bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall diskutiert man auch nicht lange, ob man mit lebensrettenden Maßnahmen beginnen soll, wenn ein Mensch vor seinen Augen kollabiert. In Österreich wird Covid19 von den Medien wie ein Lifestyle-Thema behandelt – als ob das Virus eine neue Mode, sich zu kleiden wäre, das neueste I-Phone, bei dem man pro und contra abwägen könnte, oder ob man sich das Regal bei IKEA oder LEINER kauft. False Balancing führt zu unnötigen Infektionen, Langzeitgeschädigkten und Toten. Den Medien geht es um Quote, um Wettbewerbsvorteile. Stephen Kings “The Running Man” wird in der Pandemie Wirklichkeit. Die Medien verdienen kräftig mit, während Menschen um ihr Leben kämpfen – weil “der Experte im Radio gesagt hat, dass Covid19 nicht schlimmer als eine Grippe sein würde”.

Die Medien haben nicht begriffen, dass wir hier alle an einem Strang ziehen müssen – denn es geht um Leben oder Tod, auch langfristig, wenn eine jahrelang andauernde Pandemie zur Destabilisierung der Demokratien auf der ganzen Welt führt, zu gesellschaftlichen Verwerfungen durch die anhaltende Polarisierung in pro und contra, und zu einer menschlichen Verrohung, wie man sie jetzt schon beobachten kann, indem Solidarität sich nicht durchsetzen kann – indem Menschen nicht einmal ihre einfachen Stoffmasken, die Aerosole ohnehin durchlassen, ÜBER der Nase tragen können, für die wenigen Minuten im Supermarkt oder für zwanzig Minuten in den Öffis.

Menschliche Werte, Solidarität, Rücksichtnahme bestehen darin, dass möglichst viele von uns die Pandemie unbeschadet überstehen, allen voran unsere Kinder. Damit wir unsere größte Sorge in einer materialistischen Weltanschauung wieder sein kann, über Mode, I-Phones und Möbel zu debattieren – statt über die katastrophalen Folgen einer sich beschleunigenden Erderwärmung, die sich jetzt zeigt und nicht erst Generationen später.

Wo es bei den Medien- und Wissenschaftsjournalisten nicht nur hierzulande krankt, ist offenbar die falsche Einordnung von Experten und deren Aussagen im Kontext wissenschaftlichen Konsens.

  1. Was macht Experten zu Experten? Die Frage sollte erst einmal geklärt sein, ehe man dazu übergeht, wie gut jemand für ein Massenpublikum erklären kann. Was nützt ein charismatischer Mediziner oder Wissenschaftler, der im Dialekt zur Bevölkerung spricht und sich als “einer von ihnen” darstellt, und dadurch gut ankommt, wenn er PLURV am laufenden Band produziert?
  2. Dazu gehört auch die Frage an Journalist*Innen: Wie gut bin ich auf das Gespräch vorbereitet? Wie ist der aktuelle Stand auf dem Gebiet? Was sagt die Mehrheit der Wissenschaftelr? Kann ich wilde Annahmen ohne wissenschaftliches Fundament (Nachfrage: Welche Studie belegt, was er sagt) erkennen? Was hat er früher so gesagt? Was davon hat gestimmt?
  3. Mir ist klar, dass viele Journalist*Innen, die Experten im Laufe der Pandemie interviewen, nicht vom Fach sind. Trotzdem können auch sie sich an das “Geflecht von Fakten” (© Florian Aigner) aus dem In- und Ausland halten, und den Interviewpartner damit konfrontieren, wenn er davon abweicht.
  4. Insbesondere können sie den Experten mit früheren Aussagen konfrontieren, die sich als falsch erwiesen haben und ob er seine Meinung inzwischen geändert habe basierend auf neuen Erkenntnissen (besonders wichtig der Verweis aufs Ausland, Forschung hierzulande fehlt oft). Wer Fehler nicht zugeben kann, wer nicht fähig ist, aufgrund neuer Erkenntnisse oder Fakten, seine Meinung zu ändern, unfähig ist, sich weiterzuentwickeln, ist als Experte ungeeignet.
  5. Das gilt genauso umgekehrt! Epidemiologin Schmid hat z.b. im Mai 2020 gesagt, bei Kindern müsse man aufpassen, weil sie mehrheitlich asymptomatisch wären, das könnte man leicht übersehen. Warum hat sie dann im Herbst abgestritten, dass Kinder eine Rolle spielen – ohne Tests?!
  6. Was in Österreich fehlt: Ein “Science Media Center” wie in Deutschland – wird es überhaupt vermisst oder hält sich jeder für ausreichend kompetent, um fachfremde Interviews zu führen? Wenn ja, wäre das bedenklich.
  7. Wir erleben in Österreich elementare Defizite in der Wissenschaftskommunikation. Die AGES-FAQ ist veraltet, zum Teil Querdenker-Unsinn. Die Regierung kommuniziert über Politiker bzw. Wissenschaftler als Verlautbarungsorgane. Ohne Bezug zu internationalen Studien. Es ist für JournalistInnen, aber auch für die Bevölkerung generell schwierig, an objektive, vertrauenswürdige Daten und Aussagen zu kommen. Österreich ist keine Insel in der Pandemie. Wir profitieren von Ländern mit freiem Datenzugang und besser geförderter Grundlagenforschung. Ich habe in der Pandemie einen Blick über den Tellerrand vermisst. Statt Rosenpickerei mit Schweden oder Deutschland mal ein Blick nach UK, in die USA, nach Asien und Australien. Sowohl NoCovid-Strategien als auch umfassende Daten über Erkrankungsrisiken bei Jüngeren.
  8. Es ist geradezu die Pflicht von seriösen Journalist*Innen, sich internationaler Quellen zu bedienen, um eine objektive Aussagen zu treffen. Wenn hierzulande Kinder nicht verpflichtend getestet werden, kann man aus den (AGES-)Daten nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass sie seltener infiziert werden.
  9. Wie Judith Kohlenberger hier im Interview anführt, wenn man Daten zum Infektions- und Erkrankungsrisiko bei Migranten nicht erhebt, dann lässt sich auch keine Prävention betreiben. Statt die Schuld bei Verwandtschaftsbesuchen, im falschen Lebensstil, bei Verschwörungsmythen oder generell bei “kulturellen Unterschieden” zu suchen, könnte man auch prekäre Arbeitsplatzumstände mit unzureichendem Infektionsschutz thematisieren und gesetzlich angehen.
  10. Wir sind weder in der Lage, Berufsgruppen und Patientendaten zu verknüpfen, noch Impfschutz und Hospitalisierungsdaten. Alles muss mühsam in Telefonaten mit den einzelnen Spitälern erfragt werden. Eine Statistik existiert nicht.

Zurück zur Ausgangsfrage: Ist NoCovid gescheitert? Sollten wir bei DELTA auf den “flatten the curve”-Ansatz gehen, was defakto Lockdown für Ungeimpfte bedeutet?

Tägliche Zahl der Neuinfektionen pro Million in Australien

Obwohl Australien durch DELTA mit steigenden Infektionszahlen kämpft, muss man die Anstiege in Relation zu den Infektionsraten in anderen Ländern sehen. Das Bild im Teaser zeigt, dass sie immer noch auf sehr niedrigem Niveau sind. Die Strategie mit strengen Lockdowns auf geringe Infektionszahlen zu antworten und damit die Infektionsherde niedrig und kontrollierbar zu halten, funktioniert weiterhin.

Voll geimpfter Bevölkerungsanteil in ZeroCovid-Staaten (inklusive Mongolei) und Great-Barrington-Staaten (UK, Österreich).

Was in den ZeroCovid-Staaten hingegen schlechter funktioniert, ist die Versorgung mit ausreichend Impfstoffen bzw. die Impfstoff-Kampagnen. Taiwan, Vietnam oder Ghana haben trotz niedriger Vollimmunisierung noch relativ niedrige Infektionszahlen. Die Mongolei fällt etwas aus dem Rahmen. Zwar haben sie sogar etwas höhere Impfraten als UK, aber seit Februar eine starke DELTA-Welle mit vergleichbar hohen Infektionszahlen wie UK.

Die australische Regierung wollte vor allem Pfizer und AZ verimpfen, aber stellte die Versorgung mit Pfizer nicht sicher und musste von AZ abrücken, als die Probleme mit Thrombosen in den Mittelpunkt rückten.

In Taiwan funktioniert ZeroCovid weiterhin, wie dieser lange Thread eines Auslandsdeutschen zeigt.

Es ist nicht nur das Virus, sondern es liegt auch an uns

Das Ziel von Menschenfreunden bleibt unverändert: Die Infektionszahlen so niedrig wie möglich zu halten, und da tun wir viel zu wenig dafür. Ein paar einfache Vorschläge, die sofort umsetzbar wären:

  • FFP2-Maskenpflicht in geschlossenen Räumen ohne Ausnahme – also in Öffis, in Schulen (auch am Sitzplatz!!!!!!), in Spitälern und Ordinationen, auf dem Amt und vor allem ausnahmslos für Ungeimpfte, also auch am Arbeitsplatz.
  • Verbot von Großveranstaltungen in geschlossenen Räumen, wo keine Masken getragen werden
  • Zutritt in der Nachtgastronomie nur für Geimpfte und Genesene (2G)
  • Zunehmende Umstellung auf 2G in vielen Bereichen der Freizeitgestaltung, um die Sicherheit v.a. für ungeimpfte Kinder zu erhöhen, die durch Ungeimpfte bevorzugt infiziert werden können
  • Verpflichtende CO2-Messungen in etlichen öffentlichen Räumen, vor allem aber in Schulen
  • Öffentlich einsehbare Abwasser- und Inzidenzdaten auf Gemeindeebene, um eine seriöse individuelle Risikoabschätzung überhaupt treffen zu können
  • Generelle Verlagerung von Zusammenkünften ins Freie, wo möglich (“Waldkindergarten”).
  • Finanzielle Anreize für Betriebe, wenn sich ihre Mitarbeiter zu 100% impfen lassen
  • Echte Aufklärungskampagnen seitens Gesundheitsministerium/AGES, die wertfrei über Risiken aufklären, sowohl Aerosole, Infektions- und Erkrankungsrisiko von Kindern (USA-Daten!), Gesunden generell (erste Frage von ahnungslosen Bürgern bei steigenden Hospitalisierungszahlen ist immer: Weiß man was, wie viele Vorerkrankungen hatten?), als auch LongCOVID. Nur durch Aufklärung lassen sich Impfskeptiker erreichen, die noch nicht ins radikale Impfgegner-Milieu abgerutscht sind.

Eine Menge weiterer Ideen habe ich hier aufgelistet.

Ich denk nicht daran, von den Grundanliegen von NoCovid wegzugehen, nur weil es aussichtslos ist, sie im ultra-konservativ-rechtsliberalen Österreich umzusetzen. Wir setzen nicht einmal das um, was MÖGLICH wäre. Und “zu teuer” ist für mich angesichts von “Kaufhaus Österreich”, “210 Millionen Euro für Regierungs-PR” und anderen Auswüchsen in der Regierung und WKÖ kein Argument. Wir versagen bereits bei Grundlagen, desinfizieren exzessiv, aber das mit den Aerosolen haben viele IMMER NOCH NICHT KAPIERT. Wir lassen mit 3G Großveranstaltungen zu, obwohl längst wissen müssten, dass ein 48 Stunden alter Antigentest nicht davor schützt, dass ein Ungeimpfter zig andere Ungeimpfte ansteckt. Erst Recht mit DELTA. Mangelnde Kontrollen tun ihr Übriges, vor Ort und an den Grenzen. Wir verhindern Infektionen nicht dort, wo man es besser wissen könnte.

Wenn wir einmal ein Level der Aufklärung wie in Taiwan, Vietnam oder Neuseeland erreicht haben, und DELTA oder eine neue, noch gefährlichere Variante durchrauscht, kann man sagen – “Wir haben alles versucht”, aber solang es im fundamentalen Gebälk kracht und der politische Wille fehlt, proaktiv zu handeln, und die Medien (was zum Teufel wird auf diesen FH-Schulen für Journalisten gelehrt???) dies durch falsebalancing sabotieren, gebe ich nicht auf, darauf hinzuweisen, was zu tun wäre.

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