Tag 825: Rezension „Pandemia“ von Ex-Gesundheitsminister Anschober

Bei der Ankündigung seines Buchs hatte ich wie viele Kritiker meine Vorbehalte: Was soll das sein, ein fiktives Sachbuch? War es nicht zu früh für eine Pandemierückschau inmitten neuer Varianten? Würde er sich seine Zeit als Gesundheitsminister und die politische Zusammenarbeit in der Koalition schönreden? Sucht er nach seinem Rücktritt nach einer neuen Einkommensquelle?

In meiner Zitatsammlung kommt Anschobers berühmter Sager „Die nächsten Wochen werden entscheidend sein“ häufig vor, ebenso wie wiederholte Aussagen zum (fatalen, weil einseitigen) Fokus auf Intensivstationen. Zu meiner Kritik stehe ich, auch nach der Buchlektüre. Manche Aussagen und Handlungen sehe ich jetzt in einem anderen Licht, für manches kann zumindest die Beweggründe nachvollziehen. Andere Hauptkritikpunkte bleiben, sei es, weil ich die Begründung nicht teilen kann, oder weil sie im Buch gar nicht vorkommen.

Ein Kritikpunkt steht aber gleich am Anfang: Inkonsequenz. Wenn er seine Kritik und Haltung im Buch ernst meint, sollte er auf seinen Buchvorstellungen ausnahmslos auf Maskenpflicht bestehen. Warum lobte er wiederholt seinen Nachfolger Mückstein, der die Fehler und falsche Argumentation mit Fokus Intensivstationen fortgesetzt hat? Warum hebt er dessen Nachfolger Rauch in den Himmel, der seit Amtsantritt etliche haarsträubende Entscheidungen getroffen und noch haarsträubender begründet hat? Beide haben nicht aus seinen Fehlern gelernt. Wenn die grünen Bundespolitiker nur das Beste für uns im Sinn hätten, warum verteidigen sie dann ständig die ÖVP-Politik?

Eines muss ich ihm zugute halten. Anschober hat sich seinen schärfsten Kritiker gestellt. Er lud mich im September 2021 zu einem Gespräch ein, es war von gegenseitigem Respekt geprägt. Ich hatte das Gefühl, wir redeten auf Augenhöhe. Ich konnte ihm anhand von Notizen meine Argumente nachvollziehbar darstellen, ich durfte ausreden und er blieb im Tonfall höflich und professionell. Daran können sich so manche Kabinettsmitarbeiter von den Grünen ein Beispiel nehmen.

Formaler Aufbau

Titel: Pandemia. Einblicke und Aussichten, von Rudi Anschober, erschienen im Paul-Zsolnay-Verlag, 1. Auflage 2022, ISBN 978-3-552-07288-6

Das fiktive Sachbuch beschreibt chronologisch die Entwicklung der Pandemie in seiner Amtszeit und danach mit einem Ausblick und Appell für eine Strategieänderung. Es wechseln anonymisierte Schilderungen von Erkrankten und Hinterbliebenen mit den fiktiven Lebenswegen von drei fiktiven Figuren, einer Oberärztin, einer Forscherin und einer Buchhändlerin und den „Berichten aus dem Maschinenraum“, wenn politisch weitreichende Entscheidungen getroffen wurden. In Summe sind die Maschinenraumberichte eher knapp gehalten, obwohl das viele Leser wahrscheinlich mehr interessiert hätte, wie politische Entscheidungen zustande kamen. Ich kenne Leser, die deswegen enttäuscht vom Buch waren und es eher als durchwachsen bezeichnen.

In den Danksagungen werden Shirley und ich (InViennaVeritas) fälschlicherweise bei den „engagierten Ärztinnen und Ärzten, Pflegerinnen und Pflegern“ mitaufgezählt. Tatsächlich sind wir aber BürgerjournalistInnen (Citizen Journalists) – auch ohne beruflich direkten Bezug zur Pandemie engagierten wir uns in unserer Freizeit für die Aufklärung und Verbreitung wissenschaftlicher Fakten.

Anmerkungen zu den Maschinenraumberichten

Aus Platzgründen werde ich mich auf seine geschilderte Chronologie beschränken.

Seite 22: „Fahrlässigkeit ist niemandem vorzuwerfen: Zu Beginn der Pandemie weiß noch niemand, wie das Virus mit der Fachbezeichnung SARS-CoV2 funktioniert.“

Das vielleicht nicht, doch wusste man, dass es sich um ein Coronavirus handelt. Ebenso hatte man Erfahrung aus der SARS-Pandemie 2003. Die Wissenschaftsjournalistin Helen Branswell berichtete bereits Ende Jänner 2020 von asymptomatischer Übertragung in China. Die Aerosolwissenschaftlerin Linsey Marr äußerte sich Ende Jänner 2020 in einem Tweet skeptisch über die vermutete Tröpfcheninfektion:

Not sure I believe that coronavirus droplets fall to the ground within a few feet, while measles, chickenpox, and tuberculosis can travel ~100 feet, but why do people think this?

Wenn es niemand wusste, warum trug man in Asien sofort Masken?

Um obige Aussage zu konkretisieren: Niemand in Europa bis auf ein paar Spezialisten wusste, wie das Virus funktioniert. Politiker und Gesundheitsbehörden wurden unvorbereitet getroffen. Gegenüber Erkenntnissen aus China war man skeptisch bis ablehnend eingestellt und wartete lieber wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem eigenen Land ab.

„Da lernen wir: Was wir lernen, ist von den 37 europäischen Patienten, den Rest glauben wir oder glauben wir nicht.“

„China ist ja jetzt der, der unterrichtet und nicht mehr der, der unterrichtet wird.“
(Allerberger am 14.02.20 in einem Vortrag auf der Uni Salzburg)

Seite 33: „Bundeskanzler Kurz strebt eine rasche Ausgangsbeschränkung an. Aber ohne meine Zustimmung ist das nicht möglich, ich bin für die Ausfertigung der notwendigen Verordnung zuständig, die von beiden Koalitionspartnern getragen werden muss. So lauten die Regeln der Koalition.“

Die Kompromissnotwendigkeit hat im ersten Lockdown verhindert, dass aus den Ausgangsbeschränkungen Ausgangssperren wurden – die Grünen haben im letzten Moment hineinreklamiert, dass man zum frische Luft schnappen nach draußen darf. Umgekehrt haben Länder und ÖVP-dominierte Wirtschaft nach Ende des ersten Lockdowns auf Lockerungen gedrängt und den zweiten Lockdown verzögert. Auch wenn Kurz wiederholt im Sommer vor eine zweiten Welle gewarnt hat und den Grünen vorgeworfen hat, auf der Bremse zu stehen. Die gegenseitige Blockade hat rasche Maßnahmen jedenfalls verhindert. „Be fast, have no regrets!“ hat nur einmal funktioniert, dank Präventionsparadoxon dann nie wieder.

S.80-83: Anschober springt vom 09. September gleich weiter zum 16. Oktober. Was ließ er aus?

Am 21. September zeigte er sich in der ORF-Diskussionssendung „Im Zentrum“ zuversichtlich, dass „wir nicht eine zweite Welle kippen“, am 11. Oktober sagte er dem ORF „Hohes Haus“:

Das Gesundheitssystem ist von einem drohendem Zusammenbruch „meilenweit entfernt“. Dass es aufgrund der Coronakrise in diesem Herbst zu einem zweiten Lockdown kommen könnte, ist für Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) kaum denkbar. „Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen“.

Am gleichen Tag fanden die Wien-Wahlen statt, auch kein unwesentliches Detail – niemand wollte in der Elefantenrunde vor der Wahl einen zweiten Lockdown – außer die damalige Vizebürgermeisterin der Grünen, Birgit Hebein. Wir wissen, wie es ausging. SPÖ-Bürgermeister Ludwig entschied sich gegen eine Fortsetzung der Koalition mit den Grünen und für die NEOS.

Zwei Wochen später gab es den zweiten Lockdown.

S.84: Anschobers Verdienst war die Corona-Ampel, aber seine Forderung, dass aus erhöhten Risikostufen verbindliche Maßnahmen abgeleitet werden, wurde von den Ländern und vom Bundeskanzler abgelehnt. Jedes Bundesland soll selbst entscheiden, wie es reagiert. Die öffentliche Konfrontation mit dem Kanzler habe er wegen dem Konsensprinzip vermieden, es hätte die Bevölkerung zudem weiter verunsichert, wenn öffentlich gestritten worden wäre.

Das ist neben den Konsensprinzip ein weiterer großer Hemmschuh in der Pandemiebekämpfung. Es fördert zudem das Narrativ der Kurz-Partei, dass die Bevölkerung davon genug hätte, dass öffentlich in der Regierung gestritten werde. Nein, die Bevölkerung hat die Nase voll von schlechter Politik. Streit ist ein Zeichen einer lebendigen Demokratie. Lieber kantige Parteien mit Profil als harmoniesüchtiger Einheitsbrei. Wenn Aussagen der Kurz-Partei gegen jede Evidenz sprechen, hätte man sich öfter gewünscht, sie wären nicht zur Verteidigung gegen Kritik ausgerückt, sondern hätten widersprochen.

„Sinken die Temperaturen, steigt gleichzeitig das Risiko“ (Seite 84) und „in den vergangenen Tagen sind die Infektionszahlen nach einem Kälteeinbruch in ganz Österreich sprunghaft gestiegen. Die Prognoserechnungen hatten das in dieser Intensität nicht angekündigt.“ (Seite 85)

Quelle: @zeitferne (Twitter)

Der Zusammenhang zwischen Umgebungstemperatur und Inzidenz ist nicht so eindeutig, wie es anfangs schien. Tatsächlich stiegen die Inzidenzen im Sommer jeweils erneut an. Das Risiko steigt also vor allem durch Indoor-Gastronomie und -Veranstaltungen, Großveranstaltungen und durch Kindergärten und Schulen. Die Ferien hatten einen dämpfenden Effekt, solange der Reiseverkehr auf niedrigem Niveau blieb und die Nachtgastronomie geschlossen blieb.

S.93: „Die Prognoserechnungen haben im September keinen Anlass gegeben, Alarm zu schlagen.“

25.4.20 Virologe Drosten: „Vielleicht kommen wir glimpflich über den Sommer, haben dann aber immer noch wenig Bevölkerungs-Immunität und laufen dann mit einer immunologisch naiven Bevölkerung in eine Winterwelle rein. Darauf müsste man sich vorbereiten. Das wäre gefährlich. Und man müsste dann auch sich darauf einstellen, dass man wieder in den Lockdown gehen muss im Winter.“ (zib2)

27.4.20 Virologe Krammer: „Zweite Welle kann große Wucht haben […] Im Fall des neuen Coronavirus sei durchaus möglich, dass es durch die Lockerung der Containment-Maßnahmen nicht mehr nur zu lokalen Clustern, sondern zu einer flächigeren Verteilung mit eher wenigen Fällen kommen kann. Nehmen dann die Ansteckungsraten wieder zu, lasse sich die Situation möglicherweise schlechter in den Griff bekommen als das in den vergangenen Wochen bei den Fall-Häufungen etwa in den Skigebieten der Fall war.“ (Kurier)

Zahlreiche andere Wissenschaftler wie Michael Wagner, Heinz Burgmann, Robert Zangerle, Dorothee von Laer, etc. haben vor der zweiten Welle gewarnt. Im September 2020 gab es bereits exponentielles Wachstum, warum haben die Prognosen das nicht gezeigt?

S.94: „Die Regierung und viele Fachleute werden ab Mitte Oktober von der explosionsartigen Zunahme der Infektionszahlen überrascht.“

Er nennt keine Namen, als er „selbsternannte Experten“ erwähnt. Warum eigentlich nicht? Er hätte sie in Direktzitatform nennen können – das sollte wohl kaum klagbar sein. Was auch nicht erwähnt wird, ist der Grund für die „explosionsartige Zunahme“, was Drosten in einem Podcast anschaulich mit dem Perkolationseffekt erklärt hat. Viele kleine Haushaltscluster verbinden sich zu großen Clustern und bilden einen Flächenbrand. Wie entstanden die Haushaltscluster? Über die Kindergärten und Schulen, was Anschober am 21. September 2020 in einem Tweet noch kleingeredet hat:

„Influenza-Impfung im kostenlosen Kinderimpfprogramm ist ein Meilenstein. Dient dem Individualschutz
und schützt Risikogruppen, weil Kinder im Gegensatz zu COVID-19, bei Influenza wesentliche Rolle in der Verbreitung spielen.“

In der vierten Welle sahen wir eine ähnliche Entwicklung, mit deutlich steigenden Fallzahlen nach Schulbeginn.

7-Tages-Inzidenz logarithmisch dargestellt, Schulmaßnahmen

Noch über den Jahreswechsel 20/21 drückte Anschober in Interviews seine Verwunderung darüber aus, wie die zweite Welle so groß werden konnte.

Auf Seite 95ff beschreibt Anschober aber auch die ersten Morddrohungen gegen seine Personen von Maßnahmengegnen und Coronaleugnern und dass mit dem erfolgten Personenschutz der direkte Kontakt zur Bevölkerung bei seinen Spaziergängen und U-Bahn-Fahrten zunehmend abhanden kam.

Auf Seite 98ff beklagt sich Anschober über die passiven Landeshauptleute, dass der Bund nicht für den Schutz der Altenheime zuständig sei und dass die Bevölkerung die Maßnahmen nicht mehr mittragen würde.

S.101: Wie so oft hab ich den Eindruck, als Gesundheitsminister in der schlechteren Verhandlungsposition zu sein, weil ich die Zustimmung des Koalitionspartners benötige.“

Die nachfolgende Kompromisslösung mit Wintersportbetrieb im Dezember im zweiten Lockdown verteidigt Anschober so: „Besser ein Kompromiss als Streiterei in aller Öffentlichkeit. Wir müssen das Land mit ruhiger Hand durch die Krise führen.“

Die ruhige Hand betont auch sein zweiter Nachfolger Rauch seit März als Umschreibung für unbegründete Lockerungen oder Nichtstun. Ich wiederhole meine Kritik: Das Virus hat mehrfach gezeigt, dass ihm Kompromisse nur gelegen kommen. Am Ende zahlen alle dafür, auch jene, die durch halbherzige Maßnahmen oder Lockerungen kurzfristig profizieren.

S.102-103: Am 16. Dezember 2021 wird das Amt der Generaldirektorin für Öffentliche Gesundheit, das die Vorvorgängerin Beate Hartinger-Klein von der FPÖ hat streichen lassen, wieder besetzt – mit Chief Medical Officer Katharina Reich, der Anschober mit „höchste Kompetenz und großes Engagement“ Rosen streut.

Reich am 17.02.21: „Nur durch Testen könne diese Welle gebrochen werden.“ (Ö1-Mittagjournal) und am 07.01.22: „Es wird zu einer Durchseuchung kommen. Aber Omikron ist so ansteckend, dass wir nicht daran vorbeikommen. Es sei denn, wir sind gut geschützt, und das ist die Impfung, vor allem die Dreifachimpfung“

Wie wir wissen, waren die Kinder und ein Großteil der Jugendlichen am Beginn der OMICRON-Welle noch ungeimpft. Wir wissen, dass die Generationszeit von OMICRON kürzer als von DELTA war und Maßnahmen wie zwei Wochen Distance Learning oder Social Distancing effektiver gewesen als beim Wildtyp. Und wir wissen heute, dass auch eine Dreifachimpfung immungeschwächte Personen nicht vor schweren Verläufen schützt, ebenso wie man auch als gesunder Mensch nicht vor LongCOVID geschützt ist.

S.108ff: Am 24. Dezember 2020 besucht Anschober eine der stark belasteten Intensivstationen.

„Etliche Intensivstationen sind an ihre Grenzen gelangt. Und trotzdem: Harte Triagen, das Verweigern einer lebensnotwendigen Behandlung aufgrund fehlender Kapazitäten, konnten bisher vermieden werden, sagen Fachleute. Es kommt aber in einzelnen Bereichen zu Priorisierungen – zur Entscheidung, wer die bessere Überlebensschancen hat. […] Fraglos geht das in einzelnen Phasen und Bereichen auf Kosten der Qualität.“

Bei Puls24 klangen die anonymen Berichte dramatischer. Offizielle Bestätigungen gab es aber aus keinem Krankenhaus. Einzelne Intensivmediziner, die sich auf Social Media etwas deutlicher äußerten, wurden zurückgepfiffen, ein Maulkorb verhängt. Die Kommunikation sollte nur über den Pressesprecher laufen. „Triage-Gerüchte“ gab es auch aus Kärnten (ORF-Meldung). Die etwas flapsige Wortwahl „auf Kosten der Qualität“ heißt nichts anderes, als dass nicht mehr die bestmögliche Behandlung in den Spitälern möglich war. Dazu zählte auch der nicht gerichtete Nasenbeinbruch beim jugendlichen Fußballspieler, der Beinbruch, der nach Hause geschickt wurde oder der Kreuzbandriss, dessen OP verschoben werden musste.

Der Spitalsbesuch hatte Anschober jedenfalls nachdenklich gemacht, die Schilderungen der Pflegekräfte waren sehr eindringlich.

S.127: „Es ist ja nicht neu: Kommt öffentliche Kritik, habe ich den Eindruck, dass sich Kurz wegduckt. Anstatt sich gegen die Welle der Kritik zu stellen oder von der Welle erfasst zu werden, surft er auf ihr. Das macht Zusammenarbeit – höflich formuliert – schwierig.“

„Die ÖVP wünsche raschere Öffnung, wird mir von Mitarbeitern vermittelt. Wäre ich in diesem Punkt beweglicher, dann sei mehr Entgegenkommen und auch öffentliche Unterstützung bei den Impfungen möglich, wird spekuliert.“

Ein Kuhhandel, auf Deutsch gesagt.

S.128-129 Das Gesundheitsministerium habe die Impfkampagne monatelang vorbereitet, plötzlich wollen die Länder die Impfkampagne selbst übernehmen. Anschober wurde übergangen, die Länder hatten sich mit Kurz vorab besprochen, ohne ihn in Kenntnis zu setzen.

S. 129 Anschober beschreibt die „Eintrittstests“ (Antigentests) für Dienstleistungen als Erfolg, nennt sie als wichtige Ergänzung, „bergen aber auch das Risiko falscher Ergebnisse, müssen also stark mit PCR-Tests gekoppelt sein.“ (05.02.21)

Das wurde öffentlich aber nie so deutlich kommuniziert und stand lange Zeit selbst auf der Seite des Gesundheitsministeriums falsch. Dort hieß es, dass man mit einem negativen Antigentest nicht infiziert sein würde, tatsächlich war man nur höchstwahrscheinlich nicht hochinfektiös. Negative Antigentests waren nie als Ausschluss einer Infektion gedacht, sondern positive Tests nur als raschere Bestätigung für das Vorliegen einer Infektion (in meinem Blogeintrag ausführlich kiritisiert). Am Land gab es viel länger keinen Zugang zu kostenlosen bzw. erschwinglichen PCR-Tests als in Wien. Die Kopplung an PCR-Tests war bis zum Herbst 2021 schlicht nicht in dem Umfang wie erforderlich möglich.

S.135ff (07.02.21) Die BETA-Variante in Tirol. Kurz unterstützt Anschober, während sich Platter gegen einen regionalen Lockdown wehrt. Am Ende kommen die Ausreisetests.

„Durch diese eine große und viele kleinere Maßnahmen sowie durch die konsequente Arbeit der Tiroler Behörden kann die Südafrika-Variante eingedämmt werden.“

Was Anschober hier unter den Tisch fallen ließ, ist die erfolgreiche Ringimpfung in Schwaz mit 100 000 Impfdosen von Pfizer. Kurz und Platter hatten behauptet, dass es dafür zusätzliche Impfdosen durch die EU gegeben habe. Tatsächlich wurde die Lieferung einfach vorgezogen. Ob man das als kleinere Maßnahmen darstellen kann, überlasse ich der Urteilskraft des Lesers.

S. 139ff Anschober übt deutliche Kritik am Verhalten von Kanzler Kurz (01.03.21), demzufolge begann Kurz im Sommer 2020 seinen Kurs zu ändern, unterstützte ihn nicht bei der Corona-Ampel und seit Jahreswechsel hatten sie Konflikte wegen Impfungen und Öffnungsschritte.

„Manchmal wirkte er auf mich, als wäre er getrieben von Umfragedaten, in erster Linie von seinen eigenen.“

Eine ehrliche, wenn auch naive Erkenntnis. Dafür musste man kein Mitglied der Regierung sein.

S.140 „Im vergangenen Herbst hat die Regierung auf den Zuwachs der Neuinfektionen zu spät reagiert. Jetzt ziehe ich eine offensive Kommunikationsstrategie durch, zum Teil ohne Abstimmung in der Koalition.“ (16.03.21)

Naja, offensiv. Er warnte vor der kritischen Auslastung der Spitäler, aber:

„Heute haben wir einmal den Grundkonsens geschaffen, dass unser Hauptblickpunkt und unser Entscheidungskriterium die Situation auf den Intensivstationen ist.“ (22.03.21, ZiB2)

Durch diesen Grundkonsens zementierte man bis heute ein, dass signifikante Schutzmaßnahmen erst dann erfolgen, wenn der Kollaps unmittelbar bevorsteht. Dadurch sind die Infektionszahlen schon wochenlang zu hoch, ein Teil der Intensivpatienten stirbt oder stirbt schon auf der Normalstation. Etliche Betroffene entwickeln Spätfolgen. Der Lockdown bzw. die harten Maßnahmen dauern Wochen, bis das Infektionsgeschehen wieder deutlich zurückgeht.

Am gleichen Tag wird auch der Ost-Lockdown beschlossen, ohne Einigung mit dem Kanzler, aber mit Ludwig, Doskozil und Mikl-Leitner.

S.152 Kurz attackiert Anschober, während dieser mehrere Tage im Krankenhaus liegt und nicht reagieren kann. Kurz beklagt sich über die Impfstoffbeschaffung und bewirbt medienwirksam Sputnik, von dem alle Fachleute abraten, solange es keine Zulassung in der EU gibt.

„Warum macht Kurz das?“

Was Anschober hier auslässt, ist die ÖVP-Chataffäre im März 2021, als die Chats von Kurz, Blümel und Schmid bekannt werden: Postenschacher und Machtmissbrauch, davor schon der Laptop-Spaziergang von Blümel. Warum erwähnt Anschober das nicht?

S.156ff Anschober hadert damit, dass er als Minister die Folgen seiner Entscheidung zu verantworten hatte, „vielfach ohne ihren konkreten Auswirkungen zu erleben. Dafür bleibt meist keine Zeit.“

Warum hatte er kein Team, das ihm genau dieses Feedback gegeben hat?

S.166ff, 13. April 2021 – Anschober bemerkt, dass ihm die Kraft ausgeht und hält seine Rücktrittsrede. Er sieht durchaus selbstkritisch, dass er Teile seines Ministeriums an Kollegen hätte abgeben müssen, als die Pandemie ausbrach.

„Vor einigen Tagen ist für mich die Entscheidung gefallen, mehrfach hab ich mit Werner Kogler telefoniert, er ist ein echter Freund.“

In der Öffentlichkeit sieht es nicht so aus, als hätte ihm Kogler den Rücken frei gehalten.

S.170: „Ich habe einen ausgezeichneten Nachfolger und werde eine gute Übergabe sicherstellen.“

Das dachten wir auch zunächst. Mückstein fiel in Talksendungen kritisch auf und machte gleich eine vollmundige Ankündigung bei seiner Antrittsrede:

Ich werde unpopuläre Entscheidungen treffen, weil ich mich als Gesundheitsminister und Arzt dazu verpflichtet sehe.“ (Pressekonferenz)

Nur eine Woche später:

Lockdowns gehören dann gemacht, wenn Intensivbetten voll sind und wenn Leute sterben. Das glaube ich auch immer noch. Da habe ich meine Meinung nicht geändert.“ (ZiB2)

„Das Wichtigste sei, Intensivkapazitäten zu schützen, „das ist das oberste Ziel, und das ist auch meine Aufgabe als Gesundheitsminister und als Arzt“ – und die Intensivkapazitäten in Vorarlberg seien frei.“ (Kurier, 02.05.21)

Kinder bis zum Alter von zehn Jahren müssen nicht getestet werden. Sie können ohne eigenem Test mit ihren geimpften oder getesteten Eltern zum Beispiel ins Gasthaus oder auch ins Kino gehen. Kinder ab zehn Jahren brauchen ein eigenes Testergebnis“ (Pressekonferenz, 05.05.21)

In dieser Tonart ging es bis zu seinem Rücktritt durch: Kinder kein Teil des Pandemiegeschehens, außer im Herbst, als die Impfung für 5-11jährige zugelassen wurde, da war sogar LongCOVID plötzlich Thema. Die Durchseuchung in der DELTA-Welle und BA.1/2-Welle ging trotzdem weiter.

Wohlwollend hätte man ihm zugute halten können, dass er kein Politiker war und in der Kommunikation nicht geschult war, aber auch verteidigte haarsträubende Kompromisse mit immer denselben Phrasen, weil ihm offenbar eingetrichtert wurde, bloß die Harmonie in der Koalition nicht zu stören. Unpopuläre Forderungen hatten da keinen Platz. Warum eigentlich nicht?

S. 196 Hier geht Anschober doch noch auf die Chataffäre und Kurz Sinneswandel ein, er beschreibt im wesentlichen einen Narzissten und Populisten, keine wirklich neue Erkenntnis. Warum sich die Grünen nach der Koalition der ÖVP mit der FPÖ überhaupt auf die Kurz-Partei eingelassen haben, ist wohl die unausgesprochene Grundsatzfrage im Raum.

Anschober beschreibt mithilfe seiner fiktiven Charaktäre und anonymisierten Betroffenen mehrfach und ausführlich LongCOVID und dessen Folgen. Viele wissenschaftliche Fakten und Vermutungen werden durch „Astrid Norton“, ein fiktiver Charakter, ausgesprochen. Ein merkwürdiger Stil in seiner Pandemieaufarbeitung, denn dort steht alles, was er hätte wissen und in zahlreichen Interviews deutlicher ansprechen müssen. Norton lässt sich schlecht zitieren, weil sie nicht existiert, ebenso wenig kritisieren. Hier wäre es besser gewesen, man hätte reale Wissenschaftler:Innen zu Wort kommen lassen, die es reichlich auf der ganzen Welt gegeben hat. Das hätte auch klargestellt, dass innerhalb von Österreich seit mehr als zwei Jahren False Balance betrieben wird – eine Minderheit an Scheinexperten wird als gleichwertig zur Mehrheit seriöser WissenschaftlerInnen dargestellt.

In seinem Schlusswort appelliert Anschober für eine gesamteuropäische Strategie, eine Niedriginzidenzstrategie, dafür bräuchte es aber neben politischer Durchsetzbarkeit auch schnelle Entscheidungen und Umsetzungen, sowie eine klare, einheitliche und „radikal ehrliche Kommunikation.“ Wichtig sei auch eine „offensive europaweite Aufklärungsarbeit gegen Fake News, klare Kontrollregeln für Messenger-Dienste und strafrechtliche Schritte gegen – auch verbale – Gewalttäter.“

Das fordert Buchautor Anschober nach seinem Rücktritt – er ist aber kein Politiker mehr, und wenn man sieht wie Kogler, Rauch und andere Grüne kommunizieren, dann haben seine Forderungen keinen Rückhalt in der eigenen Partei. Von radikal ehrlicher Kommunikation kann derzeit keine Rede sein. Die BA.2-Welle wurde ebenso ignoriert wie die beginnende BA.4/BA.5-Sommerwelle. Es geht immer nur um den Herbst, wofür Reich den unglücklichen Vergleich mit der „Winterreifenpflicht“ brachte.

Ex-Kanzler Kurz: „Die Pandemie finde in Wellen mit saisonalen Höhepunkten statt, die steigenden Zahlen im Herbst hätten nichts mit dem Sozialverhalten der Menschen im Juli zu tun.“ (20.06.21, ÖSTERREICH)

Molekularbiologe Elling: „Sars-CoV-2 ist noch keine saisonale Krankheit, die nur im Winter auftritt. Bei Delta hat man ab Anfang Juli ein exponentielles Wachstum beobachtet. Und Omikron ist mitten im Sommer in Südafrika aufgetaucht. Das Infektionsgeschehen ist also noch sehr von der jeweiligen Variante getrieben.“ (08.03.22, ÖAW)

Jetzt steigen die Zahlen zwar wieder, aber die Menschen hätten sich die „Atempause verdient“, gegen jede Public-Health-Logik.

Zusammenfassung

Deutliche Kritik am Koalitionspartner ÖVP liest sich anders. Es ist keine Abrechnung wie bei Mitterlehner geworden. Viele Leser hätten sich wohl mehr Maschinenraumberichte und weniger fiktive Geschichten erwartet. Damit will ich nicht sagen, dass die anonymisierten Erzählungen schlecht sind. Die LongCOVID-Berichte sind eindringlich und rütteln wach ebenso wie die Berichte über die Intensivpfleger und zum Sterben überhaupt.

„Es geht um jeden einzelnen Infektionsfall, der vermieden werden muss.“

Anschober war der erste und einzige amtierende Politiker in Österreich, der dies so deutlich aussprach, leider erst in seiner Rücktrittsrede. Was im Buch doch etwas zu kurz kommt, ist die Rolle der Kinder im Infektionsgeschehen, immerhin verantwortlich für die tausenden Haushaltscluster in der zweiten Welle, die sich die Chefepidemiologin Daniela Schmid öffentlich nicht erklären konnte. Auch hätte man das Interview von Schmid im FALTER erwähnen können, wo die Rolle der Kinder abgestritten wurde. Über Allerberger hat Anschober kein Wort verloren, weder das unsägliche Interview in Ö3 im Oktober 2020 noch die Einführung der minderwertigen Antigentests für Volksschüler Anfang 2021 mit nur knapp 20% Sensitivität, die als Feigenblatt für die Durchseuchung der Kinder dienen sollten, um den Eltern zu signalisieren, seht, wir tun was für den Schutz der Kinder. In einer Presseaussendung am 26. Februar 2021 hatte Anschober bereits auf LongCOVID hingewiesen, hat aber offenbar zu wenig Gehör gefunden. Warum hat Kogler öffentlich nie gesagt: „Es geht um jeden einzelnen Fall.“?

Unverständlich bleibt, warum der Oberste Sanitätsrat erst ein Jahr nach Pandemiebeginn neu konstituiert wurde und nicht spätestens während dem ersten Lockdown.

Bei Ischgl deutet Anschober lediglich an, dass Platter behauptete, die Ansteckungen wären auf der Rückreise nach Island erfolgt und nicht in Tirol. Mehr ins Detail geht Anschober nicht. Was war seine eigene Rolle und der AGES beim Bekanntwerden der ersten Fälle aus Tirol? Die Seuchenkolumnen von Robert Zangerle und geleakte Beraterprotokolle sind hier präziser.

Abschließend – meine Rezension ist nicht umfassend, es mag sein, dass man andere Details noch hätte ansprechen sollen oder ich etwas vergessen habe zu erwähnen, was nicht vorkommt. Aber es ist auch so schon lang genug.

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