Das Auto, die Heilige Kuh

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Großer Barmstein fotografiert vom Kleinen Barmstein bei Hallein

Ich bemühe mich wirklich und beweise immer wieder aufs Neue, dass man im näheren und weiteren Umkreis von Salzburg-Stadt ganz tolle Wandertouren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln machen kann. Die Freude über die Realisierbarkeit wird jedoch über die offensichtliche Wurschtigkeit getrübt, mit der man im Grenzgebiet Salzburg- Oberbayern mit Fußgängern und Wanderern umgeht. Über mangelnde Überwege und Bedarfsampeln an stark frequentierten Übergängen habe ich mich schon in einem früheren Beitrag beklagt, doch speziell im Raum Bad Reichenhall – Berchtesgaden wird noch einmal eins oben draufgesetzt. Das fängt damit an, dass die Bahnhöfe in Berchtesgaden und Bischofswiesen nicht ausreichend barrierefrei sind, in Bischofswiesen fehlt etwa ein Überweg über die stark befahrene Straße. Die “Fahrgastinformationen” an den Haltestellen sind dürftig und irreführend, wenn man sie nicht oft benutzt und nicht weiß, wo etwa der Schienenersatzverkehr abfährt (keine Hinweistafeln, keine schriftliche Informationen). Bei der Bushaltestelle Abzweigung Eishöhle bei Marktschellenberg fehlt ebenfalls ein Überweg oder wenigstens ein “Achtung! Fußgänger queren!”-Warnschild, weil hier zwei Bushaltestellen sind und der markierte Anstieg zum Untersberg beginnt. Mangels Überweg verpasste ich bei der letzten Wanderung den Bus, weil ich schlichtweg keine Chance hatte, die Straße gefahrlos zu überqueren. Neben der Bushaltestelle, die nicht einmal einen Mistkübel aufzuweisen hat, befindet sich übrigens ein großer Parkplatz für den Individualverkehr.

Überhaupt ist das Individualverkehrsaufkommen entlang der “Deutschen Alpenstraße” und abseits davon enorm, obwohl es ausreichend Linienbusse gibt! Und das verwundert und erschüttert mich zugleich: Auf dem Weg ins Salzkammergut sitze ich neben vielen Japanern im Bus, für die man eine eigene Linie einrichten könnte, aber sehe ganz selten andere Wanderer, die den Bus benutzen.  Ohne die Japaner könnte man sämtlichen Linienverkehr ins Salzkammergut wohl gänzlich einstellen und es würden nicht viele vermissen. Heute, Sonntag, 8.30, war ich der einzige Fahrgast ab Traunstein Richtung Bad Reichenhall, obwohl dieser Bus eine Reihe von Tagestouren ermöglicht. Salzburg ist anders als Wien, wo meinem Empfinden nach die öffentlichen Verkehrsmittel viel häufiger genutzt werden, um in die Berge zu fahren. Das Publikum ist dort auch gemischter. Salzburg ist extrem selektiv. In den Bussen sieht man überwiegend Touristen von Übersee, die ohne Auto angereist sind, und Menschen mit niedrigem Einkommen aus “bildungsfernen” Schichten. Der Rest fährt alles mit dem Auto, trotz Stau, und sorgt dafür, dass die Busse auch im Stau stehen. Salzburg hat zahlreiche Straßen, die breit genug für eine Straßenbahn wären, aber darauf kann man wohl noch länger warten als auf ein Jahresticket, das günstiger als in Wien ist.

Es ist schade, dass offenbar viele Freizeitaktivisten das gute öffentliche Angebot ins Umland nicht nutzen. Stündliche Anbindung nach Bad Ischl und Bad Reichenhall bzw. Berchtesgaden, auch die Züge Richtung Pon- und Pinzgau fahren regelmäßig. Dass man in der Stadt frustriert ist, lasse ich mir einreden. In allen anderen Städten ist am Wochenende weniger Verkehr, nur in Salzburg steht man mit dem Bus im Stau. Wer zur Rush Hour zum Flughafen will, kann sich auch auf längere Wartezeiten auf der Innsbrucker Bundesstraße einstellen.

Ich frage mich, wie Klimaschutz gelingen will, wenn kein Umdenken einsetzt. Viele Autofahrer schneiden sich ins eigene Fleisch, weil sie durch die Menge der Autos Stau und Zeitverzögerungen selbst verursachen. Was Wanderungen betrifft, ermöglicht der öffentliche Verkehr die Gelegenheit, nicht denselben Weg zurückgehen zu müssen.

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