Mit Trauer und Bestürzung habe ich heute gelesen, dass sich Judith Schossböck am 10. Dezember für Euthanasie entschieden hat, um ihrem schweren MECFS-Leiden ein Ende zu setzen. Ihre Abschiedsnachricht und die Mitteilung von ihrem Partner findet ihr auf ihrer Webseite.
Ich bin im Laufe der Pandemie auf ihren Twitteraccount @judyintheskynet gestoßen und habe ihre Geschichte mit MECFS verfolgt. Sie hat mich neben vielen weiteren Betroffenen darin bestärkt, sich dafür zu engagieren, diese schwere chronische Erkrankung bekannter zu machen, die seit der Pandemie deutlich häufiger geworden ist – und leider immer noch wird, da SARS-CoV2 und auch andere Viren weiterhin MECFS auslösen können. Im August 2023 hab ich ihre Ausstellung im Künstlerhaus Wien besucht und war beim Symposium mit spannenden Vorträgen dabei, die zugleich aufgezeigt haben, wie dringend politisches Handeln ist. Persönlich hab ich sie nie gesehen oder kennengelernt, aber sie zählt zu den MECFS-Schicksalen der letzten Jahre, die mich innerlich berührt haben. Sie gehört zu der Minderheit an Betroffenen, bei denen die Impfung die Erkrankung leider verschlechtert hat. Das ist kein Plädoyer gegen die Impfung. Betroffene anerkannter Impfschäden haben genauso das Recht verdient, gehört statt instrumentalisiert zu werden. Letztendlich ist es durchaus wahrscheinlich, dass ähnliche Mechanismen die Erkrankung auslösen oder beschleunigen, und eine umfasssende Erforschung der Erkrankung hilft dann auch den wenigen Betroffenen, wo die Impfung tatsächlich der Auslöser war.
Wenn junge Menschen keinen anderen Ausweg als assistierten Suizid sehen, um ihre qualvollen Leiden zu beenden, dann läuft etwas gewaltig schief in der Aufmerksamkeit für und der Reaktion auf diese Erkrankung! Ihr Schicksal ist kein Einzelfall! Long Covid und MECFS-Betroffene haben deutlich häufiger Suizidgedanken als die Durchschnittsbevölkerung oder bei anderen, besser therapierbaren Erkrankungen. Die öffentliche Berichterstattung während der Pandemie bis zum Ende der Schutzmaßnahmen war ausgesprochen deprimierend, lange Zeit Spätfolgen negierend. Inzwischen häufen sich sich die Berichte hierzu, doch mit wechselnden politischen Verhältnissen ist nicht gewährleistet, dass auch mittelfristig in den Aufbau von Versorgungsstrukturen investiert wird. Gesundheitsminister Rauch finanzierte zwar das Nationale Referenzzentrum mit einem niedrigen Millionenbeitrag, aber Anlaufstellen für Betroffene sind Ländersache. Wo er Einfluss gehabt hätte, hat er ihn nicht genutzt – indem MECFS nicht in die Einschätzungsverordnung aufgenommen wurde, um einen Grad der Behinderung festzustellen. Was ist der Nationale Aktionsplan für PAIS dann wert, der keine anvisierte Zieldaten enthält?
In die richtige Richtung geht momentan die wachsende Aufmerksamkeit bei MECFS, die aber nicht vergessen darf, dass es auch sehr viele leicht bis moderat Betroffene gibt, die sich kontinuierlich verschlechtern, wenn man sie nicht ernstnimmt, falsch diagnostiziert, falsch therapiert, sie durch unkontrolliert zirkulierende Viruswellen gefährdet und durch die sozialen Netze fallen lässt. Was fehlt, ist neben sozialer Absicherung auch ein klares Bekenntnis der Politik, sich für Forschung einzusetzen, viel Geld zu investieren, um Medikamente zu entwickeln, die die Krankheit verlangsamen, aufhalten, bestenfalls heilen können. Ein Referenzzentrum, wo bestehendes Wissen gebündelt und an die Ärzteschaft weitergegeben wird, deckt die Grundlagen ab, aber nicht mehr. Da ist noch viel zu tun.
Es tut mir für sie leid, dass sie den Zeitpunkt nicht mehr erleben durfte, wo es wirklich einen Durchbruch in der Forschung geben wird. Ich hoffe, viele weitere Betroffene, die um ihr Leben im wahrsten Wortsinn kämpfen, können dies noch erleben.
“Eine Behandlung der Ursache gibt es nicht, nur die Symptome können therapiert werden. Die erste Prävention ist laut Vizerektor Enzinger ein gesunder Lebensstil, das stärke das Immunsystem. Die zweite Präventionsmaßnahme sei, „die Infektion selbst zu vermeiden und sich durch eine Impfung vor einer Infektion zu schützen.“
An sich ein guter und wichtiger Artikel, bis auf den letzten Absatz. Bekanntermaßen sind am häufigsten Menschen betroffen, die mitten im Leben stehen, mehrheitlich Frauen und darunter viele, die vor der Infektion mit SARS-CoV2 oder einem anderem Virus kerngesund waren. Am ungesunden Lebensstil kann es also nicht gelegen haben. Und wie soll man damit etwa als prekär lebender Mensch umgehen, der auf einen stressigen oder körperlich anstrengenden Job angewiesen ist, um durchzukommen? Die ersten beiden Aussagen wälzen die gesamtgesellschaftliche Verantwortung, Gesundheit zu ermöglichen und Viruszirkulation zu verringern, auf den Einzelnen ab. Nach den aktuellen Impfplänen wird die Impfung nur Risikogruppen eines schweren Verlaufs, nicht aber allgemein empfohlen. Zwar kann man sich impfen lassen, wird aber nicht explizit darauf hingewiesen, es zu tun. Diesen Winter gab es auch keine Alternative zu mRNA-Impfstoffen (Pfizer), der Proteinimpfstoff Novavax ist wahrscheinlich erst im Dezember verfügbar. Die Impfung schützt nach jetzigem Wissensstand höchstens wenige Wochen bis Monate vor einer Infektion, was bei einem jährlichen Impfrhythmus zu wenig ist, wenn man bedenkt, dass das Virus ganzjährig zirkuliert, so wie das vergleichsweise deutlich harmlosere Rhinovirus.
Ich hoffe, die künftigen Empfehlungen vom Vizerektor der MedUni Graz fallen zielgerichteter an die Politik und Gesellschaft, aber auch an die Gesundheitsbehörden und insbesondere die Gesundheitslandesrätinnen aus, denn das Umdenken kann in Österreich nur von oben herab erfolgen.
Manchmal würde ich mein über die letzten Jahre erlangtes Wissen gerne rückgängig machen. Es belastet, wenn man im Alltag nicht darüber reden kann oder darf. Es interessiert niemanden und der Niveauunterschied in meinem Wissen zu Corona und dem der Mehrheitsbevölkerung ist inzwischen so groß, dass ich nicht einmal wüsste, wo ich anfangen soll zu erklären. Es scheitert oft schon daran, dass der Irrglaube an Zugluft und Immunsystem stärken so beharrlich vertreten wird, dass Widerspruch zwecklos ist. Was hindert mich am Versuch zu vergessen? Ich erlebe gerade jetzt wieder, wie sich Erstinfektionen bei immunkompetenten Menschen auswirken – die zwei Wochen und länger positiv testen und mehr oder weniger deutliche Symptome aufweisen. Ich erlebe mit, was es bedeutet, wenn die Longcovid-Symptome nicht mehr verschwinden und die Lebensqualität deutlich einschränken. Nicht nur den Alltag beeinträchtigen, sondern auch Pläne für die Zukunft zerstören. Zugleich weiß ich, dass ein Restrisiko immer bleiben wird, solange dieses Virus dauerhaft zirkuliert.
Die Kontrollgruppe – scherzhaft sind damit jene unter uns gemeint, die sich noch nie nachweislich infiziert haben – wird mit jeder Welle kleiner. Ein harter Kern an “covidbewussten Menschen” beobachtet diesen Trend mit Sorge und teilweise auch Unverständnis. Bringen die Schutzmaßnahmen nichts mehr oder sind die vorsichtigen Menschen unvorsichtig geworden? Und wenn ja, warum? Sie wissen doch, was ihnen blüht, wenn sie sich anstecken. Warum schützen sie sich dann nicht mehr? Ist es heuchlerisch zu sagen, man sei vorsichtig, wenn man zwar Maske in den Öffis trägt, aber dann doch zur Geburtstagsfeier ins Restaurant mitgeht? Ist man eine schlechte Mutter, wenn das Kind mit anderen Kindern drinnen spielen darf, aber dabei keine Maske trägt?
Eine Urlaubswoche bei durchwachsenem Wetter konnte ich gut nutzen. Der Preis meines Risikos waren zehn Tage Krankenstand und mindestens eine Woche Aktivitäten auf Sparflamme, weil sich die Rekonvaleszenz noch zieht. Insgesamt gut drei Wochen Sportpause und ein anschließender Wanderurlaub mit reduziertem Programm, weil ich so schnell wo nicht fit werde. Eigentlich ist der Herbst meine liebste Urlaubs- und Wanderzeit. In der Regel muss man nicht auf Gewittergefahren achten, die meisten erreichbaren Gipfel sind noch schneefrei und die Laubfärbung hübscht Landschaftsaufnahmen auf. So gesehen kam dieser Krankenstand sehr ungelegen (und daher auch meine Pause hier am Blog).
Das verantwortliche Virus – Parainfluenzatyp 1 (Humanes Respirovirus) – verursacht meist grippale Infekte und betrifft eher die oberen Atemwege, bei immungeschwächten Menschen kann es auf die Lunge gehen und Komplikationen verursachen – festgestellt im Rahmen der Sentinelproben durch die Ärztin meines Vertrauens. Zwar war ich erleichtert, dass ich von Corona verschont blieb, aber ich lag trotzdem eine Woche überwiegend in der Horizontalen und mein Bedarf an weiteren Infektionen, egal mit welchem Virus, ist erstmal gedeckt.
Es ist das Dilemma für viele verantwortungsbewusste Menschen, die sich oder die Gesundheit ihrer Angehörigen schützen wollen, aber Teil der Gesellschaft sind – die schulpflichtige Kinder haben oder einen fordernden Vollzeitjob. Jedem Arbeitnehmer stehen seine fünf Wochen Urlaub vom Gesetz her zu. Aber ihn so zu nehmen, wie ich das vor der Pandemie getan habe, auch im Herbst oder Winter, geht durch den mangelnden Infektionsschutz nicht mehr. Ich habe mich wahrscheinlich im Hotel beim Abendessen oder bei einem Wirtshausbesuch angesteckt – in allen Indoor-Situationen waren Menschen mit respiratorischen Symptomen anwesend. Es waren immer alle Fenster geschlossen und die Luft sehr schlecht – teilweise habe ich Werte bis 2000ppm mit dem Aranet gemessen. Es war eine Infektion mit Ansage – wahrscheinlich habe ich es meiner Booster-Impfung einen Monat davor zu verdanken, dass ich mich nicht mit Corona angesteckt habe. Guess what … andere Viruserreger können ebenfalls krankmachen und zu längeren Krankenständen oder Sport/Trainingspausen führen. Die fehlende Erholungszeit holt man nicht mehr auf, denn nach dem Krankenstand geht der Alltagstrott weiter.
Es ist ernüchternd, dass wir nicht nur nichts aus der Pandemie gelernt haben, sondern zur Normalität gehört, seine Mitmenschen anzustecken, weil man selbst nicht zurückstecken will. Mit dem Ende der Corona-Schutzmaßnahmen waren nicht gar keine Maßnahmen gemeint, denn Corona existiert weiter und andere Virusinfektionen können ebenfalls schwer krankmachen, betrifft außerdem oft ähnliche Risikogruppen. Betroffene Patienten bestätigen, dass es vor der Pandemie eine Maskentragepflicht auf Krebs- oder Transplantionsstationen gegeben habe. Heute trägt man sie weder beim Umgang mit Krebs-, Transplant-, Herz- noch Lungenpatienten im Gesundheitswesen. Das ist fahrlässige Körperverletzung bis hin zur Todesfolge – vom Gesetz neuerdings gedeckt bzw. unwidersprochen.
Zugegeben war es suboptimal, meine Urlaubswoche am Geburtsort von Jörg Haider ausgerechnet am Wahlsonntag für die Nationalratswahl in Österreich enden zu lassen. Als ich gestern Abend ins Hotel zurückkehrte, flogen im ganzen Ort die Böller, auch vor dem Hotel. Verstörend. Ich hatte ja keine Ahnung. Im Grunde kam nichts überraschend. Ich schrieb in epischer Länge bereits 2021 einen Blogtext dazu, wie die Regierung (vor allem die ÖVP) die Pandemie instrumentalisierte, um die Bevölkerung zu spalten und den Staat nach Vorbild Ungarn umzubauen. Die FPÖ hat weiterhin auf das Reizthema Corona gesetzt, während sich ÖVP und Grüne seit 2022 bemüht haben, die Fehler der Vergangenheit rasch in Vergessenheit geraten zu lassen. SARS-CoV2 ging zwar nicht weg, aber sozial wurde die Pandemie beendet und damit nicht nur die Schutzmaßnahmen gegen Corona, sondern gegen ALLE Infektionskrankheiten. Der FPÖ und kleineren Splitterparteien reichte das aber nicht. Sie wollten Vergeltung für die beschlossene, aber nie umgesetzte Impfpflicht und vor allem für den Lockdown für Ungeimpfte, der zu diesem Zeitpunkt – das kann man ruhig zugeben – bereits wissenschaftlich gesehen völliger Schwachsinn war. Bezüglich Lockdowns per se setzt die selektive Erinnerung der Rechtswähler aus, denn Kickl forderte zu Beginn der Pandemie einen strengen Lockdown, der keinen Aufenthalt zu Erholungszwecken im Freien vorgesehen hätte. Diesen gab es übrigens nur dank der Grünen (Anschober).
Ich will irgendwelchen Wählerstrom- und Wahlmotivanalysen nicht vorgreifen. Die Staats- und Demokratiekrise ist hausgemacht, auch wenn großzügige Förderer russischen Hintergrunds bei den Rechten sicher eine wichtige Rolle spielen. Die Medien hängen an der Nabelschnur von staatlichen Förderungen, die es nur dann gibt, wenn die Berichterstattung die jeweilige Regierung im besten Licht dastehen lässt. Die Chefredakteure der großen Zeitungen wurden seit der Ära Kurz umgefärbt, Nehammer hat das nur fortgesetzt. Zuletzt ist auch der ehemals linksliberale STANDARD gefallen. Im ORF verbirgt man die tendenziöse Berichterstattung seit geraumer Zeit nicht mehr. Zur Ukraine, zu Israel, zur SPÖ, zum Klimaschutz, es gibt neben der Pandemie längst unzählige Beispiele, wo man nicht mehr von objektiver Berichterstattung sprechen kann, siehe auch die umfassende DOSSIER-Recherche zum Netzwerk Sobotka in Niederösterreich und die Einflussnahme der ÖVP auf das ORF-Landesstudio und die Wochenzeitung Niederösterreichische Nachrichten (NÖN). Selbst ohne den innerparteilichen Zwist großkotziger Narzissten hatte Babler nie eine reelle Chance gegen die Übermacht an ÖVP-nahen Medien. Die Rechnung der ÖVP ging jedoch nicht ganz auf. Zwar hat man die SPÖ auf Platz drei verwiesen, aber die FPÖ hat der ÖVP schlicht den Rang abgelaufen. Und das ist jetzt wirklich nicht neu, dass man zum Schmied und nicht zum Schmiedl geht. Die ÖVP hat massiven migrationsfeindlichen Wahlkampf betrieben und damit gerade die Themen der FPÖ befeuert und ständig am Köcheln gehalten.
Die Intention war wohl, gemäßigte Rechte zurückzuholen, aber stattdessen hat die ÖVP an die FPÖ verloren. Wie gesagt, es wird Wahlmotivanalysen geben, warum enttäuschte Parteiwähler gewechselt sind. Bei den Grünen mag die Pandemiepolitik eine kleine Rolle spielen, aber nicht die Hauptrolle. Die Covid-Awaren Menschen kann man in Österreich gefühlt anhand der Twitterblase bestimmen. Wesentlich größer dürfte der Anteil an Betroffenen von Longcovid/MECFS und deren Angehörigen sein, die von der Pandemiepolitik der Grünen enttäuscht waren und sind. Sonst haben die Grünen natürlich der ÖVP jahrelang bei Themen die Stange gehalten, wo es gegen die Werteanschauung der Grünen ging, von Moria über nächtliche Kinderabschiebungen bis zur Chataffäre der ÖVP, wo die Grünen die Vertrauensfrage hätten stellen können. Daneben auch diverse Kuhhandel wie ORF-Stiftungsratsmehrheit der ÖVP und Klimaticket. Zuletzt die Causa-Schilling, die manche Grünen-Wähler sehr übel genommen haben, lanciert wurde das vom DerStandard, der damit seiner Stammklientel schadete. Ich halte es dennoch für naiv zu glauben, dass die Verluste der Grünen vor allem auf Rauch und Co zurückzuführen waren. Das ist nicht mein Eindruck im Alltag gewesen, dass das auch nur irgendwer durchschaut hätte. Man erntet man maximal ein “Wer in Europa hätte das besser gemacht?” Es ist schon eine sehr kleine Blase auf X, die sich da tiefergehend mit beschäftigt hat. Ich wünschte, es wäre anders, aber die breite Health Literacy, die Konsequenzen bei Wahlen folgen lässt, existiert in Österreich nicht. Nicht vergessen darf man, dass ein Teil der Longcovid-Betroffenen glaubt, ihre Beschwerden würden von der Impfung kommen, was die reaktionären, antiwissenschaftlichen Propagandamedien der Rechten erfolgreich indoktriniert haben. Die Bundesregierung hat nicht widersprochen und sich im Gegenteil noch hingestellt und davon gesprochen, dass es ein Fehler gewesen wäre, die Schulen zu schließen – mehrfach. Auch die Impfpflicht bereute man öffentlich, aber aus den falschen Gründen – statt wissenschaftlich zu argumentieren, redet man sich auf die Spaltung aus. Doch was hat überhaupt erst in die Situation gebracht? Falsche Krisenkommunikation, mangelhafte Aufklärung zur Impfung und den Impfstoffen und dass sie kein Allheilmittel gegen eine (symptomatische) Infektion darstellen.
In den letzten vier Jahren sind so viele Fehler passiert, und viele davon habe ich am Blog dokumentiert, dass es die FPÖ sehr leicht hatte, mit dem Corona-Thema durchzumarschieren. Die Esoteriker und antiwissenschaftlichen Denker ziehen sich quer durch alle Parteien, über “ich umarme den Baum”-Strolz von den Neos zur “man kann ja auch eine Eieruhr benutzen” Hamann von den Grünen zu den SPÖ-Landesorganisationen in Salzburg und Oberösterreich, die Pandemieleugner und -verharmloser auf ihre Parteiveranstaltungen eingeladen haben. Die ÖVP ist diesbezüglich schwer greifbar, denn Kurz folgte lange Zeit eher Drosten als Allerberger, und in einzelnen ÖVP-Gemeinden von Niederösterreich wurden frühzeitig Luftreiniger für Schulen angeschafft. Die ÖVP argumentierte halt mit der Wirtschaft, um die Maßnahmen frühzeitig abzuschaffen, dabei schädigen sie die Wirtschaft so auf Jahrzehnte durch die gestiegene Krankheitslast und zunehmende Arbeitsunfähigkeit. Die Grünen bemerkten die Abspaltungen in der eigenen Partei mit den “Grünen gegen die Impfung” und der MFG und wollten “Gräben zuschütten”, aber getan haben sie das Gegenteil. Sie haben die Pandemieleugner legitimiert und die gesundheitlich Betroffenen ihrer Politik vor den Kopf gestoßen. Das Schlechteste aus beiden Welten. Dafür hätte man sich einen deutlicheren Verlust bei den Grünen erwartet, doch dafür ist die Gesundheit eben nicht das einzige Thema. Sonst gibt es keine Partei, die klar pro Klimaschutz auftritt – was man nach dem verheerenden Hochwasser ja als Anreiz hätte nehmen können, sein Wahlverhalten zu überdenken.
Meine Blogs coronawissen.com und coronafakten.com sind Zeitzeugen der Geschichte, wie sie die Verlierer erlebt haben – also wir, die mit der verfehlten Pandemiepolitik und dem Rückfall ins Mittelalter, eine Zeit, wo es noch keine Impfstoffe gab und dafür eine hohe Kindersterblichkeit, leben müssen, denn es sieht weit und breit nicht nach Mehrheiten aus, die die Geschichte so erzählen, wie sie passiert ist. Tote können nicht protestieren gegen Geschichtsverklitterung. Bettlägerige oder hausgebundene Betroffene mit Longcovid können nicht lautstark aufschreien gegen die vielen Corona-Demonstranten und die Medienübermacht, die auch vier Jahr nach Beginn der Pandemie Verharmlosern eine Bühne bietet. Ich weiß, wie sich die Pandemie wirklich zugetragen hat – kenne die Daten und Fakten, die Studien. Dieses Wissen wird nie mehr verloren gehen. Damit leben zu müssen, dass sich das Umfeld nicht mehr auf wissenschaftliche Fakten einlassen will, ist die große Bürde der Zukunft, speziell, wenn man weiß, dass 1. Corona nicht vorbei ist, sondern sich 2. zu den anderen Viruserkrankungen dazugesellt, und 3. weitere Pandemien im Anmarsch sind, etwa die Vogelgrippe, dazu die laufenden Epidemien von Keuchhusten und Mycoplasmen, stark steigende Masernzahlen und klimaerwärmungsbedingt Dengue und Westnilfieber eine immer größere Rolle einnehmen werden. Prävention ist in Österreich kein Zugpferd – das ist eine schmerzvolle Erkenntnis, nicht nur als Citizen Journalist in der Pandemie, sondern auch als Berufsmeteorologe, der die akute Klimakrise direkt auf die Wetterkarten abgebildet sieht.
Narrative werden sehr sehr kritisch beäugt – aus gutem Grund!
Der eigentliche Anlassfall war das Facebook-Posting eines in der Akutphase der Pandemie bekannten Arztes, der vor allem Longcovid-Fälle am AKH betreut hat. Das habe ich bereits mit einer E-Mail in die Kritik genommen, erwarte aber nicht wirklich eine Antwort. Die wesentlichen Aspekte seines Beitrages tauchen seit Jahren immer wieder in reichweitenstarken Interviews und öffentlichen Diskussionen auf. Das kann man ignorieren, aber dann besteht die Gefahr, dass sich falsche Narrative in den Köpfen festsetzen. Die übereinstimmende Ansicht einer Mehrheit ist immer nicht wahrheitsgetreu (“major consensus narrative”). Der einhellige Tenor der Pandemieverharmloser und rechtsextremen Profiteure der mangelhaften Risikokommunikation ist der Fokus auf “Pflichten”, “Zwang” und “Bestrafung”. Indem auch seriöse Experten dieses Wording zunehmend in ihre Beiträge übernehmen, wird dieses normalisiert und nicht mehr hinterfragt. Zwang und Bestrafung lösen immer eine reflexhafte Abwehr aus. Davon nehme ich mich selbst nicht aus – ich habe manche Covid-Maßnahmen in der Anfangsphase der Pandemie auch heftig kritisiert, weil ich den Hintergrund dafür noch nicht kannte.
Es kann aber keine kluge und vernunftgesteuerte Vorausschau als Lehre aus der Pandemie entwickelt werden, wenn wir nur den “Zwang” als zentrale Botschaft behalten, und nicht etwa den “Schutz” von Minderheiten. Ich möchte das an den drei folgenden Beispielen festmachen – jeweils an Experten und Medizinern, die ich grundsätzlich für ihre Verdienste schätze und daher nicht umhin komme, Kritik zu üben.
Bedrohliche Wolken, nicht nur am Horizont, sondern schon mitten über uns.
SARS-CoV2 verschwindet nicht, nur weil radikale Islamisten Anschläge verüben und Rechtsextreme Wahlen gewinnen und sich der ganze Diskurs längst dorthin verschoben hat, wo die Rechten schon seit Jahren die Deutungshoheit haben, weil sie die Medienklaviatur besser zu bespielen wissen. Frustrierend ist, wie einfach es den Rechten gemacht wurde, sich Mehrheiten zu erarbeiten, und dass das nach vielen Jahren immer noch keiner erkennen mag. Wenn weiter links stehende Parteien die Narrative der Rechten übernehmen und deren Forderungen umsetzen, dann legitimiert das rechte Parteien und schwächt sie nicht. Sie wählen dann erst recht weiter rechte Parteien, denn die Strategie ging schließlich auf. Und ohne dass die rechte Partei in der Koalition war, wurde rechte Politik umgesetzt. Auch die Medien spielen bereitwillig mit und setzen ihre abstruse False-Balance-Doktrin, die sie sich in der Pandemie entwickelt haben, fort, und stärken damit die Ränder. In Deutschland treffen sich die Ränder bei zentralen Positionen, in Österreich gibt es auf Bundesebene keinen ernstzunehmenden linken Rand, wodurch der Diskurs ohnehin seit Gründung der Zweiten Republik nach Rechts verschoben ist, die Kreisky-Ära vielleicht ausgenommen, wobei ich da auch an die SPÖ-Minderheitenregierung unter Toleranz der FPÖ denke (und nicht weiter ausführen will, weil ich zu wenig darüber weiß). Die Strategie des Virus hat sich unterdessen nicht geändert. Es mutiert weiter und zwingt zu einer dauerhaften Adaption der Lebensweise. Und alle, die sich nicht anpassen wollen, sondern so leben wollen wie vor der Pandemie, infizieren sich eben wiederholt – freiwillig und unfreiwillig. Gegen hochansteckende Infektionskrankheiten helfen nur bevölkerungsübergreifende Schutzmaßnahmen, da gibt es für Zahnrädchen eines großen Getriebes keine individuellen Lösungen. Das Zahnrädchen kann sich nicht in die andere Richtung drehen, wenn sich das Getriebe in eine Richtung bewegt.
“What is with people watching videos, TikToks, whatever in crowded places without wearing headphones? Everyone else doesn’t was to hear your stuff.”
Helen Branswell, Wissenschaftsjournalistin (16.08.24)
“People stopped caring about others a long time ago…and we see it in various places in our day-to-day. It’s a me-first world out there. [….] When narcissism rises, empathy falls. People are losing the ability to talk to each other, jointly solve problems, and have perspective-taking skills that lead to seeing another’s point of view.”
Dr. Julie Gurner, Psychologin (16.08.24)
Ich blogge nun seit über vier Jahren zur Pandemie und kläre auch über andere Infektionskrankheiten auf. Es ist erstaunlich, wie wenig die Öffentlichkeit schon vorher wusste und jetzt anscheinend noch viel weniger wissen will. Der K(r)ampf um Aufklärung wurde teuer erkauft. Mit dem Verlust von Bekannt- und Freundschaften, mit der Stigmatisierung als Außenseiter und mit Mobbing und Diskriminierung über Jahre, weil ich nicht gewillt war (bin), mich anzustecken wie alle anderen auch. Ohne meine naturwissenschaftliche Ausbildung und die direkten Wahrnehmungen in meinem Umfeld würde ich tatsächlich glauben, mich einer Sekte angeschlossen zu haben, im wahrsten Sinne des Wortes verrückt geworden zu sein und definitiv irgendwo falsch abgebogen zu sein.
Es macht was mit Dir, wenn Du anhand der Fülle an Daten und Studien weißt, dass SARS-CoV2 nie harmlos war und ist, die Menge der Toten real ist und auch die Langzeitgeschädigten keine Einzelfälle sind, wenn Du im direkten Umfeld, bei Bekannten und Freunden siehst, was Covid anrichten kann, und dass es nach einer Weile “nicht wieder gut ist”, und das Thema erledigt, nur weil die Regierung das gesagt hat. Gleichzeitig herrscht ein Ausmaß an Verdrängung und Verharmlosung, das ich mir nicht im Entferntesten vorstellen konnte vor vier Jahren. Nach Corona gibt es nicht. Corona ist jetzt für immer da, aber löst nicht alle anderen Infektionserreger ab, sondern kommt noch hinzu. Das erfordert eigentlich eine fundamentale Anpassung unseres Lebensstil. Statt “No Risk, no fun” heißt es immer öfter “High Risk for Fun” – die bewusste oder unwissende Inkaufnahme erhöhter Infektionsrisiken mit potentiellen Langzeitfolgen, nicht nur für mich, sondern wahrscheinlicher für ein vulnerables Umfeld – oft auch Menschen, die auf Fun verzichten müssen und sich dann trotzdem bei jenen anstecken, die nicht auf Fun verzichten wollen.
Den allerwenigsten ist bewusst und das wird auch nicht kommuniziert, dass Longcovid-Betroffene zum vulnerablen Umfeld zählen. In der öffentlichen Berichterstattung wird – die Pandemie ignorierend – so getan, als wären das immer noch dieselben Altersgruppen: Residenten in Alten- und Pflegeheimen, nicht Menschen jeder Altersgruppe mitten unter uns.
Verlauf der Pandemie in den Abwasserwerten der Bundesländer in Österreich, Stand 07.08.24“Das unbeugsame Coronavirus” – wie man reagieren sollte, ohne zu verleugnen oder nachlässig zu werden, Eric Topol 03.08.24 (Geschätzte Inzidenz für die USA aufgrund von Abwasserdaten seit Pandemiebeginn)
Seitdem das Virus da ist, steigen die Infektionszahlen im Frühsommer an. Im ersten Jahr fiel es mit Aufhebung der Maskenpflicht zusammen, im zweiten Jahr mit allgemeinen Lockerungen aufgrund der Impfkampagne, im dritten Jahr mit weitreichenden Lockerungen und Aufhebung der Maskenpflicht und im vierten Jahr mit dem Ende der Meldepflicht und Aufhebung aller restlichen Schutzmaßnahmen. Im fünften Jahr ist nichts mehr da zum Aufheben und die Fallzahlen steigen bereits seit Ende April/Anfang Mai.
Mich eingeschlossen schränken hochvulnerable oder aufgeklärte Menschen seit fünf Jahren ihre Urlaubs- und Freizeitpläne unfreiwillig ein, weil sich die Mehrheitsbevölkerung nicht einmal an basale Gepflogenheiten halten will – nicht krank zur Arbeit gehen, nicht krank in ein Restaurant gehen, nicht krank frühstücken gehen im Hotel, keine kranken Kinder in die Schule schicken, etc. Im ersten Pandemiejahr hat das funktioniert, weil man musste oder Hotels schlichtweg geschlossen blieben. Das große Wirtshaussterben ist übrigens ausgeblieben dank der großzügigen Überförderung durch die Regierung, es hat lediglich die Schließungen bei jenen beschleunigt, wo absehbar war, dass kein Nachfolger übernehmen würde.
Auch wenn es nicht klug wäre, sich nicht auszuruhen, könnten Arbeit und Schule mit Fremdschutz stattfinden, wenn die erkrankten Personen eine FFP2-Maske tragen würden. Die gibt es seit Jahren längst in allen Farben. Niemand muss sich als medizinisch vulnerabel zu erkennen geben. Beim Restaurantbesuch sollte eben das Verantwortungsgefühl greifen – die Eigenverantwortung wird zur Fremdverantwortung, wenn mein Verhalten andere Menschen gefährden könnte. So wie ich auf einem schottrigen Steig am Berg keine Steine lostrete, die Wanderer weiter unten gefährden könnten, sondern aufpasse, wohin ich steige. Leider fehlt jegliches Gespür für die Folgen des eigenen Verhaltens, nachdem SARS-CoV2 als harmlose Erkältung oder “nicht schwerer als ein grippaler Infekt” geframed wurde.
Für mehrere Jahre ein fester Begleiter im Alltag interessierter Bürgerinnen und Bürger war der NDR-Podcast zur Pandemie mit Korinna Hennig und Christian Drosten (später auch Sandra Ciesek)
Ich habe meine Geschichte schon öfter erzählt: Ende Jänner 2020 kehrte ich von einer Kur zurück, absichtlich mit Twitterfasten. Im Februar war mein Kopf noch woanders und im März kam die Pandemie wie eine Wand und erwischte mich kalt. Bei anderen Twitter-Nutzern begann die Pandemie viel früher, weil sie sich bereits über Twitter informierten, als ich lediglich die Öffentliche Berichterstattung verfolgte. Erst holte ich mir die Infos von Dr. John Campbell, einem Lehrer für Krankenschwester, der über Youtube aktuelle Daten und erste Fachartikel erläuterte. Er bewegte sich leider früh außerhalb der Evidenz (vor allem zur angeblichen Wirkung von Vitamin D) und wechselte 2021 endgültig ins Schwurbeleck (“Audience capture is a worse disease than covid.”). Damit blieb der Podcast mit Drosten über viele Monate meine wichtigste Quelle. Ich habe nicht alle Folgen gehört oder im Transkript gelesen, insbesondere im Verlauf der Pandemie wurden die Folgen immer länger und mir fehlten Zeit und Muße, alles nachzulesen.
Update, 22.08.25:
Rückblickend betrachtet hab ich hier an etlichen Stellen einen überheblichen Topfen geschrieben (epistemic trespassing). Bin ich Bürgerjournalist oder Wissenschaftler? Diese Rolle darf ich nicht vermischen, weil es mir einfach nicht zusteht, Drosten für wissenschaftliche Aspekte zu kritisieren, für die ich keine Expertise habe. Ich kann seine Kommunikation kritisieren, wie sie bei mir als Hörer bzw. Teil der Bevölkerung ankam, aber ob er richtig lag oder falsch, das müssen KollegInnen beurteilen.
Wie kennzeichne ich das hier? Ich werd das durchstreichen, was ich heute anders sehe.
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