Tag 240: Gefahr ist, was sichtbar und unmittelbar ist

Wienliebe

Wenn das Virus ein bekannter Dschihadist wäre, hätte die Regierung längst Gegenmaßnahmen ergriffen (hat sie nicht, der Terroranschlag in Wien geht auf unfassbares Versagen zurück). Terror ist unmittelbar, ein Attentäter mit einem Maschinengewehr ist sichtbar, die Waffe wird unmittelbar als Bedrohung erkannt, die Kausalität von Tat und Opfer ist augenscheinlich für jeden. Während der Tat war auch die Konsequenz eindeutig: Möglichst weit weg vom Geschehen, Schutz suchen und warten, bis die Gefahr vorbei ist. Selbst am Folgetag hatte die Tat noch Auswirkungen, die Leute blieben lieber drinnen (auch wenn man mit der Ausgangsregelung hätte spazieren gehen dürfen). Ich hab mich auch nicht aus der Wohnung getraut, erst im Laufe des Tages verdichteten sich die Hinweise darauf, dass es sich um einen Einzeltäter gehandelt hat und niemand mehr frei mit einem Sturmgewehr herumläuft und eine Bedrohung darstellt. Trotzdem war ich seit Montag nicht mehr in der Inneren Stadt unterwegs. Mein Gehirn kann keine zwei Katastrophen gleichzeitig verarbeiten, darum ist erst einmal Verdrängung angesagt. Priorität hat jetzt die weiterhin bestehende Gefahr durch das Virus.

Das Virus hat gegenüber den Terroristen einen Vorteil: Es ist nicht sichtbar, sondern verbreitet sich über winzige Tröpfchen und die Leute merken die Infektion erst, wenn sie Symptome bekommen, also erkrankt sind. In diesem Beitrag möchte ich darauf eingehen, wie schwierig es für den menschlichen Verstand ist, die Bedrohung zu erkennen, die vom Coronavirus ausgeht – und das vor allem deswegen, weil weder der zeitliche Verlauf in den Fallzahlen noch die Ansteckungsraten einer einfach verständlichen Beziehung folgen.

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Tag 239: Faktencheck Pressekonferenz mit Apfalter, 02.11. – Teil 2

Der Faktencheck besteht aus zwei Teilen – erst zum einleitenden Statement über Kinder und Jugendliche und die Rolle der Schulen, dann zu den beantworteten Fragen des Journalisten.

Vorab: Ich bin medizinischer Laie, Naturwissenschaftler, aber kein Fachexperte. Für alle meine Aussagen gilt das, was für wissenschaftliche Methoden und journalistische Recherche auch gilt: check, check, recheck, doublecheck.

Zum 1. Teil noch ein Nachtrag.

Die ÖGKJ (Österreiche Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde) gab ja im Namen des Sozialministeriums die Empfehlungen für die Gesundheitsbehörden (AGES) ab, Kinder unter 10 Jahren nicht zu testen und bei Symptomen ohne Fieber ebenfalls nicht zu testen. Kinder im Klassenverband, die einem infizierten Kind ausgesetzt waren, sollen nur als Kontakt-2-Person behandelt werden. Die ÖGKJ beruft sich dabei auf das ECDC und CDC, deren Webseiten jeweils Mitte August abgerufen wurden. Die Empfehlung selbst stammt vom 28. Oktober, ist also brandaktuell.

In der ersten Quelle steht nichts davon, Kinder unter 10 Jahren nicht zu testen oder als Kontakt-2-Personen zu behandeln. Es wird sogar noch einmal extra betont, dass der 15min-Schwellenwert willkürlich gesetzt ist.


Longer duration of contact is assumed to increase the risk of transmission; the 15-minute limit is arbitrarily selected for practical purposes. Public health authorities may consider some persons who have had a shorter duration of contact with the case as having had high-risk exposure, based on individual risk assessments.

Die zweite Quelle bewegt sich auf einem veralteten Kenntnisstand lange vor der Schulöffnung im September, doch selbst hier wird vor den Schlussfolgerungen festgestellt:

Children are more likely to have a mild or asymptomatic infection, meaning that the infection may go undetected or undiagnosed.

When symptomatic, children shed virus in similar quantities to adults and can infect others in a similar way to adults. It is unknown how infectious asymptomatic children are.

While very few significant outbreaks of COVID-19 in schools have been documented, they do occur, and may be difficult to detect due to the relative lack of symptoms in children

Kinder übertragen aber in die Haushalte so leicht wie Erwachsene. Deswegen ist es eben sehr wichtig, auch symptomfreie Infektionen zu erkennen, nicht nur symptomatisch erkrankte Kinder.

Die dritte Quelle verweist auf den aktuell in Österreich vorherrschenden Fall mit hohem Infektionsgeschehen in der Gesamtbevölkerung.

Testungen sollten in Betracht gezogen werden, wenn

People in a school setting who show signs or symptoms consistent with COVID-19 while at school.
Schools in a community where public health officials are recommending expanded testing on a voluntary basis including testing of a sample of asymptomatic individuals, especially in areas of moderate to high community transmission.

In der vierten Quelle gibt es nach aktuellem Stand deutliche Einschränkungen bei der Sinnhaftigkeit von ausschließlich symptomatischen Testungen, da u.a. symptomfreie Fälle übersehen werden können.

In Summe basiert die Empfehlung also auf einer anderen Interpretation der zitierten Quelle als von den Autoren der Quelle selbst.

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Tag 238: Faktencheck Pressekonferenz mit Apfalter, 02.11. – Teil 1

Nach meinem Faktencheck des Sektionsleiters für die Öffentliche Gesundheit bei der AGES, Franz Allerberger bei “Frühstück bei mir” in Ö3 am 25.10. kommt hier nun ein weiterer Faktencheck zu den Aussagen der Leiterin des Instituts für Hygiene, Mikrobiologie und Tropenmedizin im Ordensklinikum von Linz, Petra Apfalter, die am 02. November bei einer Pressekonferenz mit ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann zum Thema Schulen während des zweiten Lockdowns auftrat.

Vorweg: Solche Faktenchecks sind immer im Nachteil gegenüber geäußerten Lügen oder Halbwahrheiten. Denn:

“Jemand, der zwar alle Tage lügt, aber die Lüge in den Rang einer rituellen Wahrheit erhoben hat, kann nicht mehr dadurch unschädlich gemacht werden, daß man ihm von Fall zu Fall eine Lüge nachweist.”

und

“Wer zuerst eine lügnerische Behauptung aufstellt, ist immer im Vorteil vor demjenigen, der sie nachträglich als Lüge kennzeichnen muß.”

“So ergibt das Ganze zwar keinen Sinn, aber eine Resonanz.”

Quelle: Erik Reger: Naturgeschichte des Nationalsozialismus, Vossische Zeitung, 1931

Deshalb sollten solche Faktenchecks bereits von jenen Journalisten erfolgen, bevor sie Apfalter und andere in ihre Sendungen einladen oder interviewen. Deswegen sollten sich Journalisten nicht damit zufrieden geben, sondern kritisch nachhaken, wenn Apfalter, Bhakdi und andere offensichtlich nicht auf die Frage antworten. Das setzt aber voraus, vorher zu recherchieren, um einen breiten wissenschaftlichen Diskurs abzudecken. Wissenschaft beruht auf Daten und Fakten, nicht auf Meinungen.

Die konsequente Verharmlosung der Pandemiefolgen hat eine Agenda: Die “Great Barrington Declaration”, die das Konzept der Herdenimmunität durch den völligen realitätsfernen Ansatz, nur Risikogruppen zu schützen, verfolgt vs. John Snow Memorandum.

Fakt: Die Sterblichkeit nimmt mit dem Alter zwar deutlich zu (von 65 aufwärts), aber Langzeitschäden können alle Altersgruppen betreffen. Je höher die Zahl der Neuinfektionen, desto mehr Patienten müssen intensivmedizinisch betreut werden. Unzureichende Maßnahmen sorgen für ein enormes Infektionsgeschehen, für das selbst das österreichische Gesundheitssystem nicht ausgerüstet ist. Der Zusammenbruch des Gesundheitssystems, nicht nur in den Spitälern, sondern durch infizierte Fachkräfte auch außerhalb, führt dann ganz massiv zulasten aller Menschen im Land, auch ohne Covid-19-Bezug. Gleichzeitig führt der starke Anstieg akut und länger erkrankter Menschen zu einer Lahmlegung der Wirtschaft mit der Gefahr, dass systemkritische Betriebe und Organisationen die Basisversorgung nicht mehr aufrechterhalten können.

Durch das Konzept der Herdenimmunität durch natürliche Durchseuchung, das sogenannte Experten in den letzten Monaten immer wieder in den Medien vertreten haben, auch durch Verharmlosung (“gelassener werden”, “nur symptomatische Verdachtsfälle testen”), wird der Anschein erweckt, man könnte von Lockdown-Methoden und Freiheitsbeschränkungen absehen und die Mehrheit der gesunden Bevölkerung würde ein weitgehend normales Leben führen und arbeiten gehen, während nur eine Minderheit definierter Risikogruppen, v.a. ältere Menschen geschützt werden müsste.

Tatsächlich ist die Definition der Risikogruppe in Österreich sehr eng gefasst, dazu zählen vor allem chronisch-fortgeschrittene Erkrankungen (Lungen-, Herz-, Krebs-, Leber- und Nierenerkrankungen, Immunsuppression, Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie und Adipositas ab Grad III mit BMI >= 40). Insbesondere bei Übergewicht ist der Schwellenwert viel zu hoch, wie eine große US-Studie mit 17000 Patienten gezeigt hat. 29% waren übergewichtig (BMI 25-29) und 48% fettleibig (BMI > 30). Bereits eine große britische Studie Anfang April mit 2900 Intensivpatienten zeigte, dass 35,7% übergewichtig waren und 30,7% fettleibig. Nur 7% waren stark übergewichtig. In Österreich gilt man erst mit starker Fettleibigkeit als Risikopatient. Das nur als Hinweis dafür, dass die sogenannten Risikogruppen erstens nicht nur ältere Menschen sind, sondern jede Altersgruppe betreffen kann, und zweitens deutlich weiter gefasst sind als vom Gesundheitsministerium derzeit vorgegeben. Warum geht man nicht den Weg der Vorsicht statt in Kauf zu nehmen, dass wesentlich mehr Menschen stärker erkranken, die trotz erhöhtem Risiko in die Schule oder in die Arbeit müssen?

Der Faktencheck besteht aus zwei Teilen – erst zum einleitenden Statement über Kinder und Jugendliche und die Rolle der Schulen, dann zu den beantworteten Fragen des Journalisten – das Transkript verlinke ich dann im zweiten Teil.

Vorab: Ich bin medizinischer Laie, Naturwissenschaftler, aber kein Fachexperte. Für alle meine Aussagen gilt das, was für wissenschaftliche Methoden und journalistische Recherche auch gilt: check, check, recheck, doublecheck.

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Tag 237 (2): Verarbeitung

Das kommt jetzt etwas unsortiert.

Ich stehe noch unter dem Einfluss einer sehr schlechten Nacht und dem Alptraum, der sich gerade entfaltet. Die vielen Floskeln, die jetzt fallen, sind nicht mein Stil. Ich habe Österreich immer so wahrgenommen, dass in meiner eigenen Blase viele solidarisch, hilfsbereit gegenüber Fremden, verantwortungsvoll und offen gegenüber anderen Kulturen sind. Auch jetzt habe ich mir meine persönliche Twitterblase so geschnitzt, dass die differenzierten Worte überwiegen. Sobald ich aber meine Blase verlasse, ist das anders. Da liest die Mehrheit Krone, Kurier oder Österreich, die nur auf Quote schauen oder als Regierungsfunk fungieren. Da höre ich Kommentare, die vor der schleichenden Islamisierung warnen, vor Islamisten, die eigene Gesetze aufstellen würden und dies in wenigen Jahren für ganz Österreich vorhätten. Das glauben tatsächlich sehr viele, sonst grundvernünftige Menschen mit Zugang zu höherer Bildung. Und dann sehe ich diese fürchterliche Politik in Österreich seit vielen Jahren. Ich fing 2006 mit dem Bloggen an, als Arigona Zogaj vor ihrer Abschiebung untertauchte. Schon damals regierte ein kompromissloser Innenminister der Volkspartei, der das humanitäre Bleiberecht nicht anwenden wollte. Platter, Fekter, Sobotka, Mikl-Leitner, Kickl, Nehammer – ein Innenminister nach dem anderen übertraf sich mit immer strengeren Asylgesetzen, abgeschobenen Lehrlingen, Abschiebebescheid, die offenbar durch juristische Anfänger und mit haarsträubenden Begründungen zustande gekommen sind. Während der Ausgangsbeschränkungen in der ersten Pandemie-Welle wurde Flüchtlingen suggeriert, es gäbe ein Ausgangsverbot. Geflüchtete Frauen klärten via Facebook auf, dass das falsch sei und man sehr wohl raus dürfe (Quelle: dasbiber), aber viele waren eingeschüchtert.

Die Politik in Österreich ist leider sehr fremdenfeindlich und längst nicht auf die FPÖ oder ÖVP beschränkt. Die SPÖ gerade im Burgenland koalierte lange mit der FPÖ. SPÖ-Bürgermeister Ludwig lehnte noch im Wahlkampf ein Wahlrecht für (EU-) Ausländer in Wien ab. Ein Drittel der Wiener Bevölkerung darf bei den Gemeinderatswahlen nicht mitwählen. Ausgrenzung gibt es auch in der Bildung mit eigenen Deutschklassen. Man sollte stattdessen viel mehr auf JournalistInnen wie Melisa Erkurt hören, die zuletzt ein Buch darüber schrieb, wie Migranten in Österreich systematisch diskriminiert werden. Das spielt aber in der öffentlichen Debatte nur eine untergeordnete Rolle, und noch weniger der kleine grüne Koalitionspartner. Es ist so absurd, wir haben einen grünen Bundespräsidenten, eine grüne Koalitionspartei, aber der Diskurs verschiebt sich trotzdem immer weiter nach rechts. Weil ÖVP und FPÖ die parlamentarische Mehrheit besitzen. Wenn die ÖVP etwas von Rechtsaußen beschließen will, ringen sie den Grünen einen ideologisch-moralisch unmöglichen Kompromiss ab, um die Koalition zu bewahren, denn sonst könnten sie gegen die Grünen mit der FPÖ ihr Gesetzesvorhaben durchwinken. In Wahrheit ist es also eher eine ÖVP-Minderheitenregierung, zumindest sobald es um Themen geht, die den Kurs der Gesellschaft nach rechts verschieben. Und das ist das Bittere in diesem Land. In meiner privaten Blase würde jetzt richtig reagiert, wir würden auf den Terror mit Solidarität antworten, wir lesen Solidaritätsbekundigungen der muslimischen Gesellschaft und freuen uns, wir sehen die beiden Türken, die unter Einsatz ihres Lebens eine Frau und den Polizisten gerettet haben. Für viele zählt das leider nicht, sie bezeichnen das ihrerseits als Propaganda und werten die Leistung der beiden ab, indem sie sagen, dass alle Helden waren. Ja, Zivilcourage gab es überall, auch durch jene, die noch in der Nacht Fremden anboten, in ihrer Wohnung Zuflucht zu finden, wenn sie nicht mehr heimkiommen. Es ist überhaupt schlimm, dass man extra darauf hinweisen muss, dass es Islamzugehörige waren, die den Polizisten gerettet haben. Als ob man rechtfertigen muss, dass nicht alle Muslime Attentäter sind. Für die ÖVP und FPÖ ist der Anschlag eine Bestätigung ihres ausländerfeindlichen Kurses, ebenso für geplante Verschärfungen der Überwachung der Bürger.

Für uns aufrechte und anständige Menschen ist es eine Niederlage ihres Kurses, denn wir sehen, wohin Ausgrenzung auf Dauer führt – in die Radikalisierung.

Pandemie, Pandemie…. die scheiß Pandemie gibt es auch noch. Ich hatte die letzten Tage den Eindruck, dass mein Faktencheck über Allerberger was bewirkt. Gestern war dann eine fürchterliche Pressekonferenz mit Frau Laborwelle alias Petra Apfalter, die die Chuzpe hatte zu behaupten, der sprunghafte Anstieg der jetzigen Infektionszahlen wäre durch andere Atemwegserkrankungen verursacht und nicht durch Covid. Die Schule wäre ein sehr sicherer Ort für Lehrer. Ich wollte die Pressekonferenz eigentlich noch einem Faktencheck unterziehen, das mach ich vielleicht noch, um mich vom Terroranschlag abzulenken (abstruse Zeiten, in denen wir leben). Es ist trotz der aktuellen Situation wichtig, jetzt nicht nachzulassen mit den Hygieneregeln.

Es ist gleichzeitig so absurd, wie groß der Unterschied ist, wenn eine abstrakt wirkende, unsichtbare Bedrohung wie das Virus durch einen Attentäter ersetzt wird, dessen Schüsse zu hören, der auf Handyvideos zu sehen ist. Plötzlich ist Schulpflicht kein Thema mehr, plötzlich bleiben viele aus Angst zuhause, die schon vorher zuhause hätten bleiben sollen, um sich nicht anzustecken. Der Anschlag hatte mit der Pandemie aber nur indirekt zu tun, als dass die Täter wussten, dass gestern der letzte Abend war, wo die Lokale zum Weggehen offen hatten. Der Zeitpunkt war geplant. Das ist das Tragische.

Wir dürfen jetzt die Gleichzeitigkeit nicht aus den Augen verlieren. Denn bis vor dem Attentat befanden wir uns in einer kritischen Phase der zweiten Welle, die wir, wenn wir sie nicht deutlich brechen, zu einem Kollaps des Gesundheitssystems, zur Triage führen wird. Dem Virus ist unsere Trauer, unser Schock, unsere Wut egal – es macht keine zwei Wochen Pause, um das Geschehen zu verarbeiten. Deswegen müssen jetzt auch Journalisten diesen Spagat schaffen, mit Berichterstattung über den Anschlag aber auch die Strategie der Regierung hinterfragen. Natascha Strobl fragte gestern zurecht ….

Wie steht die österreichische Bundesregierung zur Great Barrington Deklaration und dem neoliberalen Think Tank dahinter? Ist das eine wünschenswerte Strategie? Wird die österreichische Bundesregierung führend von Expert_innen beraten, die eine Durchseuchungsstrategie gut finden?

Das darf man jetzt nicht aus den Augen verlieren. Sonst läuft durch den Anschlag verdeckt etwas ab, was noch viel mehr Opfer bringen wird, nicht nur in der älteren Bevölkerung, sondern auch unter den Jungen und mit einem anhaltenden Spitalskollaps kann es jeden, mit oder ohne Covid. treffen.

Tag 237: Terror in Wien

Bin immer noch fassungslos. Das passierte bisher nur in anderen Städten, nie in Österreich. Wien, die sicherste Großstadt, die ich kenne. Jetzt haben Attentäter mit Sturmgewehren und Sprengstoffgürtel in der Innenstadt herumgeballert. Mindestens 2 Tote, über 10 Verletzte. Der mit dem Sprengstoffgürtel konnte zum Glück rechtzeitig gestoppt werden. Der andere läuft anscheinend noch frei herum. An Schlaf ist nicht zu denken. Ich wohne nur einen knappen Kilometer Luftlinie von einem der Anschlagsorte entfernt.

Der Zeitpunkt denkbar katastrophal. Unfassbar viele Menschen an einem milden Novemberabend unterwegs, letzter Tag vor dem “Lockdown light” mit geöffneten Lokalen. Die jetzt mindestens einen Monat geschlossen bleiben (Lieferservice und Abholung aber erlaubt). Die Situation in den Spitälern ist eigentlich zu katastrophal, um das in der Form “auszunutzen”. Ich hatte es mir heute verkniffen. Ich hätte ein schlechtes Gewissen gehabt, im Gastgarten zu sitzen, während die Ärzte auf den Intensivstationen bereits organisieren müssen, dass sie noch freie Betten bekommen für jene, die sie dringend brauchen.

Vermutlich war das der Plan, denn ab heute wäre ab 20.00 eine Ausgangssperre in Kraft getreten, und der Anschlag, der kurz nach 20 Uhr begann, wäre ins Leere gelaufen. Es ist nicht nur fatal wegen den Opfern und den Traumatisierten, sondern dass etliche Menschen nach drinnen flüchten mussten, und mehrere Stunden ausharren mit Fremden, teilweise vermutlich ohne Masken. Genau das, was man in der jetzigen Situation dringend vermeiden sollte. Es ist auch fatal wegen befürchteter Racheakte und Anfeindungen gegenüber der muslimischen Bevölkerung.

Einer der Täter läuft noch frei herum. Morgen gibt es keine Schulpflicht. Daheim bleiben sollte man ohnehin wegen Covid. Auch das macht den Anschlag so perfide in dieser Situation, wo nur menschliche Nähe den größtmöglichen Trost bieten kann. Ich muss morgen zum Glück nicht arbeiten und mich belastet die Covid-Situation schon enorm genug. Das ist jetzt als Draufgabe schwer zu verkraften.

Tag 235: Zurück in die Vergangenheit

Stand, 31.10.2020 – Quelle: Neuwirth

In Österreich überschlagen sich seit meinem Faktencheck letzte Woche die Ereignisse. Die von Allerberger kolportierten “4000, 4500, 5000 Neuinfektionen pro Tag am Höhepunkt des Winters“, den er im übrigen erst im Dezember, Jänner sah, wurden bereits drei Tage später übertroffen. Es passieren gerade viele Dinge gleichzeitig und es ist schwierig die Übersicht zu behalten. Am Donnerstag gab es eine Pressekonferenz, in der eine Pressekonferenz für Samstag verkündet wurde. Am Freitag wurde der Entwurf der neuen Verordnung, die erst am Dienstag gilt, vorab an die Presse und die ÖVP-geführten Bundesländer geleakt. Die anderen haben erst in der Nacht davon erfahren und Einwände der Opposition erst unmittelbar vor der Verkündung angehört. Über die Journalisten und Zeitungen gelangte der Entwurf vorab in die Öffentlichkeit. So gesehen war die Pressekonferenz nur noch Makulatur. Die neue Verordnung endet am 30. November, die Ausgangsregeln gelten vorerst zehn Tage und können befristet verlängert werden. Die Art und Weise, wie kommuniziert und Angst vor allem bei jenen erzeugt wird, die sich ohnehin diszipliniert verhalten und nun zaudern, ob sie sich mit der engsten Bezugsperson treffen dürfen, spricht für sich. Gastronomen wurden kalt erwischt mit der plötzlichen Schließung. Es herrscht ein völliges Chaos in allen Bereichen und Unsicherheit. Das ist fatal. Unsicherheit und Panik sind der Nährboden für Coronaleugner. Es passt heute nicht alles in einen Blogtext, was erwähnt werden sollte. Ich möchte mich auf ein paar wesentliche Aussagen und die Kernbotschaft, die Situation ernstzunehmen, beschränken.

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