Tag 803: Kritik am STANDARD-Kommentar von Bathke et al. (23.05.22)

OMICRON reiht sich bei der Sterblichkeit zwischen ALPHA und DELTA ein. OMICRON ist NICHT mild! Quelle: @zeitferne (Twitter)

Der Text steht symbolhaft für viele grundsätzliche Versäumnisse der Politik, aber auch die missverstandene Rolle der Wissenschaft. Die Diskursverschiebung hat nämlich schon stattgefunden. Sie ging weg vom ersten strengen Lockdown, der uns auf nahe ZEROCOVID brachte (wenn auch nicht so nah wie lange geglaubt angesichts der dramatischen Nachmeldungen an Covid19-Toten aus der Zeit nach dem ersten Lockdown) zum Entschluss der Regierung das Virus einfach „durchrauschen“ zu lassen, und am Höhepunkt der BA.2-Welle von der „Vorbereitung auf den Herbst“ zu reden. Über die BA.1/BA.2-Welle redet niemand mehr. Es schmerzt mich, hier Autoren kritisieren zu müssen, die ich an sich als fähig einschätze. Es ist wohl, wie von Bergthaler einmal in der PRESSE geschrieben, eine Kommunikationskrise.

Kritikpunkt 1: Hier wird suggeriert, dass mehr Menschen an den Maßnahmen als an der Erkrankung Covid19 gelitten haben.

„Viele haben in den letzten zwei Jahren unter Covid-19 gelitten; und alle an den Maßnahmen, die zur Eindämmung der Pandemie getroffen wurden.“

Wahr ist: Viele, die vor zwei Jahren erkrankt sind, wurden bis heute nicht mehr gesund, leiden an MECFS in unterschiedlichen Ausprägungen. Über 20000 Menschen sind direkt als Folge von SARS-CoV2 gestorben, unbekannt ist die Zahl der „Genesenen“, die durch sekundäre Krankheitsfolgen (Herzinfarkt, Schlaganfall) verstorben sind. Sogenannte vulnerable Personen haben stärker unter der vorzeitigen Aufhebung der Maßnahmen gelitten als unter den Maßnahmen selbst. Für manche Personen hatten die Maßnahmen auch positive Nebeneffekte, etwa Einführung von Homeoffice oder telefonische Krankmeldung. Manche haben wieder mehr Zeit mit der Familie verbringen können. In den vergangenen Monaten waren die Maßnahmen so minimal geworden, weder Ausgangsbeschränkungen noch geschlossene Hotels oder Gastronomie, dass man kaum von zwei Jahre Leiden an Maßnahmen sprechen kann.

Kritikpunkt 2: Beschönigung der Auswirkungen

„Gesellschaftlich stellte uns die Pandemie vor enorme Herausforderungen: die Wirtschaft, die sich mit viel Mühe durch diverse Lockdowns quälen musste. Das Gesundheitssystem, welches immer wieder an den Rand seiner Kapazitäten gebracht wurde. Die Schulen, in denen oft Planungsunsicherheit herrschte und in denen sich auch die größer werdenden Ungleichheiten der Gesellschaft spiegeln. Eine erste bittere Erkenntnis nach mehr als zwei Jahren Pandemie ist, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt gerade auch in Österreich arg zerzaust wurde.“

Die Wirtschaft hat nach Ende des ersten Lockdowns das Pandemiemanagement übernommen. Das ist kein Geheimnis. Sie hat immer wieder Wirtschaft gegen Gesundheit ausgespielt, wir erinnern uns an das vorzeitige Ende des zweiten Lockdowns fürs Weihnachtsgeschäft, für die Ausnahmeregeln beim Skitourismus, für die Vorbereitung auf die Sommersaison, Österreich das Land, wo man sicher urlauben können würde. Quälen mussten sich vor allem Selbstständige und Klein- und Mittelunternehmen, um die versprochenen Entschädigungen ausgezahlt zu bekommen. Sie hatten durch die Versäumnisse [Ignoranz] der Regierung mit großer Planungsunsicherheit zu kämpfen.

Das Gesundheitssystem wurde nicht nur an den Rand seiner Kapazitäten gebracht, sondern darüber hinaus, wie es in einzelnen Bundesländern wiederholt vorgekommen ist. In der DELTA-Welle mussten Eltern stundenlang auf den Notarzt für ihre Kinder warten, weil die Spitäler überlastet waren. Ab wie viel vermeidbaren Todesfällen spricht man von Überlastung der Kapazitäten?

Die Schulen sind Gebäude, betroffen waren die Kinder, so wie in den Spitälern das Personal betroffen war, nicht die Bettgestelle. Mehr als die Hälfte der Kinder wurde im Lauf der Pandemie durchseucht, tausende sind an LongCOVID erkrankt, an MISC sowie an schwerer Hepatitis. Planungsunsicherheit hat die Gesamtbevölkerung getroffen, ist hier aber ein Euphemismus für alle betroffenen Kinder, die schwer erkrankt oder verstorben sind, sowie deren Geschwister und Angehörige, die sich bei ihnen aus der Schule angesteckt haben und schwer erkrankt sind oder LongCOVID bekommen haben.

Wo ist ein Zusammenhalt möglich, wenn seitens der Regierung, aber auch Wissenschaftler immer wieder an die Eigenverantwortung appelliert wird?

Kritikpunkt 3: Warum wird die OMICRON-Welle verschwiegen?

„Welche Varianten kommen im Herbst auf uns zu? Um wie viel verläuft eine Covid-19-Erkrankung milder, wenn ich bereits mehrmals erkrankt war und drei- oder viermal geimpft bin?“

Die riesige BA.1/BA.2-Winterwelle kommt im Artikel nicht vor. Wir hatten Höchststände Anfang März, als der Freedom Day verkündet wurde. Wichtig war nurmehr der Herbst, während hunderttausende in Isolation oder Quarantäne waren. Die Leiterin von GECKO, Katharina Reich, hat damals bestätigt: „Es wird zu einer Durchseuchung kommen.“ Durchseuchung nennen durfte man es trotzdem nicht, „Das sei ein so negativ besetztes Wording“. Die Bevölkerung wurde und wird bewusst fehlinformiert, OMICRON wäre so mild. Das stimmt nur nicht. Für immunsupprimierte Menschen stimmt es nicht, für Kinder, die zu jung für eine Impfung sind und für Dreiviertel aller Kinder und Jugendlichen, deren Eltern sich gegen eine Impfung entschieden haben, sowie für die Allgemeinbevölkerung, die auch nach dreifacher Impfung noch an LongCOVID erkranken kann. Wer sich intensiver mit LongCOVID/MECFS auseinandersetzt, stellt rasch fest, dass wir auf eine riesige Erkrankungswelle, wie sie bereits stattfindet, nicht vorbereitet sind. Es gibt zu wenig Anlaufstellen, zu wenig Spezialisten und zu viele Ärzte, die LongCOVID in die psychische Ecke abschieben. Es gibt vor allem keine sichere Aussicht auf Heilung. Und Reinfektionen verlaufen nicht zwingend immer milder.

Kritikpunkt 4: Langzeitfolgen für die gesunde Bevölkerung werden ausgeblendet.

„Kann das Kind mit Vorerkrankung auch nach dem Ende der Maskenpflicht unbesorgt in die Schule gehen?“

Was ist mit den Kindern ohne Vorerkrankung? Das Multientzündungssyndrom ist zwar selten, aber trifft eher Kinder ohne Vorerkrankungen. Die häufigste Vorerkrankung ist Übergewicht. LongCOVID kann unter den Erwachsenen JEDEN treffen. Ob man vulnerabel dafür ist, weiß man leider erst hinterher – wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer.

Kritikpunkt 5: Auf Basis fehlender oder falscher Informationen darf eine Bevölkerung nicht solche schwerwiegende Entscheidungen treffen.

„Letztlich geht es auch darum, zu diskutieren, wie viele Erkrankungen, wie viele Long-Covid-Fälle und wie viele Tote wir (zusätzlich) tolerieren wollen. Kann eine Antwort darauf gefunden werden, die für alle oder zumindest eine Mehrheit in Ordnung ist? Vielleicht nicht. In einer demokratischen Gesellschaft sollte es aber unser Ziel sein, diese Diskussion zu führen – schon allein deshalb, um die anderen Positionen auch nachzuvollziehen.“

Solange die Maskenpflicht als Bestrafungstool instrumentalisiert wird, dessen Aufhebung politischen Zuspruch erhält, wird es allgemein schwierig, die Bevölkerung zur Infektionsvermeidung zu bringen. Die Impfpflicht wurde ausgesetzt, und auch wenn die Impfung Longcovid nicht verhindert, reduziert sie das Risiko trotzdem (Ayoubkhani et al., 2022). Für die Aussetzung haben sich vier „ExpertInnen“ ausgesprochen. Wir wissen außerdem, dass die Impfung auch bei Kindern effektiv MISC verhindern kann (Levy et al. 2021), wahrscheinlich auch die schweren Hepatitisfälle als Folge einer überschießender Immunreaktion nach einer Corona-Infektion. Warum hat man nie einen Diskurs zur Kinderimpfung gefördert statt lang und breit die angebliche Milde von OMICRON hervorzuheben, die zudem bei Kindern zu drei Mal mehr Spitalsaufnahmen führt als vorherige Varianten?

Kritik 6: Das FUOP-Szenarienpapier (Version 1.0) blendet LongCOVID aus.

„Nicht zuletzt dank des hier ermöglichten Austauschs und des aufgebauten Vertrauens hat die Politik inzwischen verstanden, vorausschauender zu agieren. Mit dem Varianten-Management-Plan gibt es einen ernsthaften Versuch der Bundesregierung, sich auf den Herbst vorzubereiten. Der Plan beruht unmittelbar auf einem Szenarienpapier, welches bei der „Future Operations“-Plattform erarbeitet wurde. Darin geht es weniger darum, die Zukunft vorherzusagen, sondern die Optionen und Handlungsnotwendigkeiten auszuformulieren. Denn ein gutes Pandemiemanagement muss auf alle realistischen Szenarien vorbereitet sein.“

Nur sind die darin ausgearbeiteten Szenarien unvollständig, weil sie Krankheitslast durch LongCOVID ausblenden. Die durch Covid19 gestohlenen gesundenen Lebensjahre werden hier nicht berücksichtigt, sondern es steht wieder nur die Überlastung der Intensivstationen im Vordergrund. Spätfolgen werden im Sinne der Reparaturmedizin genannt, aber nicht als Zielgröße für Prävention. Auf eine erste Kritik hieß es, dass der Themenbereich LongCOVID in der zweiten Version behandelt werden soll. Wie aber kann sich die Bundesregierung ernsthaft vorbereiten, wenn ein wesentlicher Baustein für Prävention fehlt? Die allgemeine Sensibilisierung der Bevölkerung für die schwerwiegenden Folgen von Covid19, das alle Organe, die Blutgefäße und sogar das Gehirn angreifen kann. Der Solidaritätsappell wegen vulnerabler Gruppen ist stumpf geworden, denn viele sagen jetzt „sollen die sich doch selbst schützen, die können ja weiter Maske tragen, aber warum muss ich das?“ Das Zugpferd für das Mittragen der Maßnahmen ist eine ehrliche und schonungslose Aufklärung über die Krankheit Covid19.

Die Regierung hat sich aber bereits entschieden, die Bevölkerung in falscher Sicherheit zu wiegen, was LongCOVID betrifft. Früher hieß es lapidar, dass die Impfung auch vor LongCOVID schützen würde (warum hat man dann die Impfpflicht ausgesetzt?), jetzt wird so getan, als ob die Versorgung in Österreich bestens aufgestellt sei:

Flow-Chart für die vermeintlich abgesicherte LongCOVID-Versorgung

Für Betroffene blanker Hohn: Hausärzte können nicht weiterhelfen, Fachärzte können nicht weiterhelfen und raten im besten Fall noch zur Aktivierung, was die Symptome verschlimmert. Ein interdisziplinäres Versorgungsangebot existiert nicht. Durch die Reha und weitere Bewegungstherapie verschlimmern sich bei manchen Betroffenen die Beschwerden, sie kommen noch kränker wieder nach Hause. Auch Ärzte und Public-Health-ExpertInnen schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, in der Theorie klingt es schön, aber die Praxis sieht anders aus:

  • Präventionsmaßnahmen (Infektionsschutz) fehlen völlig, Kassenärzte können es systembedingt nicht leisten, sich für eine gute Erstabklärung 30-60 Minuten Zeit zu nehmen.
  • wichtige diagnostische Untersuchungen sind keine Kassenleistung (Weg in die Armut)
  • es gibt kaum Kassen-Fachärzte, die sich mit weiterer Diagnostik und Therapie auskennen (lange Wartezeiten)
  • spezialisierte Zentren fehlen weitgehend (lange Wartezeiten)
  • Auf Reha wird PEM nicht immer berücksichtigt
  • wo ist die Investitionsinitiative zur Förderung von guten Daten und Therapieforschung (inklusive MECFS)?

Mein subjektiver Eindruck ist, dabei darf man mich gerne korrigieren, dass „die Beraterinnen und Berater“ längst akzeptiert haben, dass die Politik nichts zur Infektionsvermeidung tun will. Es geht nurmehr um die Abschwächung der Folgen. „Es kümmert uns nicht mehr“ (Kanzler Nehammer) und „Ja, es wurde zu früh geöffnet. Aber ruhige Hand ist wichtig und deswegen wird jetzt nichts mehr geändert.

Es ist daher ein schlechtes Zeichen, wenn das so wichtige Thema LongCOVID auf Version 2.0 verschoben wurde, aber die Regierung und Medien bereits mit Bezug auf Version 1.0 hausieren gehen.

Kritik 7: Für konstruktiven Austausch brauchen wir vor allem Fehlerkultur, wenn sie schon von der Politik nicht vorgelebt wird.

„Um in Zukunft sicherzustellen, dass diese und andere Fragen offen diskutiert werden können, braucht es aber eine Verstetigung des konstruktiven Austauschs über die Fachgrenzen hinweg. Die „Future Operations“-Plattform könnte dafür in Österreich ein Instrument sein – auch über die Pandemie hinaus.“

Nach dem letzten ZiB2-Interview mit Bergthaler (17.05.22) kritisierte ich Bergthaler dafür, dass LongCOVID nicht erwähnt wurde (übrigens auch eine Bringschuld der Nachrichtensprecherin). Er entgegnete scharf, dass man sich nicht an einzelnen Begriffen aufhängen solle, dass es ein Live-Interview und kein Monolog war, und verwies auf einen Artikel in der PRESSE (16.05.22), wo er LongCOVID erwähnt hätte. Ich schaute nach:

„Ein weiteres Beispiel betrifft die Risikoeinschätzung von Langzeitfolgen wie LongCOVID, für die verbesserte Datenanalysen wesentlich wären.“

Was die Zahl der Betroffenen in Österreich betrifft, fehlen uns sicherlich die Daten, aber dass das Risiko hoch genug ist, um wirksamen Infektionsschutz anzustreben, wissen wir auch ohne Daten aus Österreich.

Wir engagierten Laien, Citizen Journalists, „Vulnerable“, aber auch Betroffene von LongCOVID fühlen uns in der Pandemie nicht vertreten, von niemandem. Keine Partei in Österreich ist aufgestanden und hat dem Parlament gesagt, dass man Infektionen vermeiden müsse. Kein Parteichef hat gesagt, was Ex-Gesundheitsminister Anschober leider erst in seiner Rücktrittsrede sagte: „Es geht um jeden einzelnen Fall.“ Keiner! Nicht die letzten zwei Jahre, nicht die Regierung, aber auch nicht die SPÖ, die NEOS gleich gar nicht. Im Fokus ind bei allen Volksvertretern nur die Intensivstationen bis heute, damit sind meist die Betten gemeint, und nicht das zugehörige Personal. In der OMICRON-Welle, als die Normalstationen überlastet waren, wurde darüber kaum geredet – weil der Fokus nicht dort lag.

Auch vom Gros der JournalistInnen fühlen sich wir engagierten, vernunftgesteuerten, aber auch betroffene, schwerkranke Menschen nicht vertreten. Sie rücken LongCOVID nicht in den Fokus, wenn es um Maßnahmen geht, um Masken tragen, um Luftfilter, um Kinder impfen und schützen. LongCOVID wird hin und wieder thematisiert, aber nicht in Zusammenhang mit Prävention, sondern „kann man da noch was machen?“ Was kann man für Betroffene tun? Eine Menge, aber Heilung wird für Langzeitkranke schwierig. Also sollte man weitere Fälle möglichst verhindern! Wenn uns Politiker und Journalisten nicht ausreichend vertreten, es selbst ansprechen in Interviews und Medien mit großer Reichweite (zib2 rund 600000 Zuschauer, Presse rund 300000 Leser am Tag, aber teils Paywall), LongCOVID kein ImZentrum-Thema wird, wer vertritt uns dann?

Dann bleiben als letzte Bastion WissenschaftlerInnen. Die teilen sich dann in verschiedene Gruppen auf:

  • Es gibt Wissenschaftler, die durch die Bank solide, vernünftige Einschätzungen abgeben, sie sitzen aber erstaunliche nicht in den Expertengremien.
  • Dann gibt es WissenschaftlerInnen, die immer wieder haarsträubende Einschätzungen abgeben und auch fachlich gegen den Mehrheitskonsens reden. Die hört man erstaunlich oft im Fernsehen oder sieht sie Pressekonferenzen neben Politikern, wo sie verkünden, was jeder hören will. Denn es logisch, dass gute Nachrichten beliebter sind als schlechte, jedenfalls in einer Krise, auch wenn das Gesagte den Fakten widerspricht und die Empfehlung dem gesunden Menschenverstand. Solche *BeraterInnen* sind also sehr beliebt, wenn der Politiker im Gegenzug nichts Unpopuläres tun muss und das Populäre, wie die Aufhebung von Maßnahmen, sogar noch Zustimmung bringt.
  • Dann gibt es BeraterInnen, die sagen, ich kümmer mich um die Wissenschaft, die Politik entscheidet, das ist nicht meine Aufgabe und Verantwortung. Sonst wäre es eine Expertokratie, heißt es, aber was ist, wenn die Poltik ständig Fehlentscheidungen trifft?

In der Situation sind wir seit Ende des ersten Lockdowns. Noch dazu haben sukzessive die GreatBarrington-Vertreter das Zepter übernommen, von der Teststrategie bei Kindern über Symptome streichen (Schnupfen), nur Erkrankte testen, Masken abschaffen, etc. Es ist also gewissermaßen noch schlimmer. Die Politik trifft nicht nur falsche Entscheidungen, sie wird auch noch falsch beraten: Labor-Tsunami, Kinder spielen keine Rolle, Lockdown unnötig, Face-Shield als Ersatz für Masken, Impfpflicht aussetzen.

Vielleicht seht ihr unser Dilemma: Die Politiker haben ihre Spins von „Vulnerable schützen, mit zwei (drei) Impfungen ist die Pandemie vorbei“ solange eingeatmet, dass sie nicht mehr vom Gegenteil zu überzeugen sind, oft nicht einmal zuhören. Viele einflussreiche Journalisten merken gar nicht, wenn sie sich verrannt haben, dass sie den Regierungsspin nachbeten statt kritische Fragen zu stellen, statt mal einem Dauergastexperten seine eigenen Einschätzungen um die Ohren zu hauen. Wissenschaftler zeigen aber auch in der Öffentlichkeit nicht immer ein vorbildliches Verhalten, setzen die Masken ab, wenn sie mit dem Sprechen dran sind, dabei sollte es am ehesten umgekehrt sein, oder noch besser konsequent tragen. Warum leben sie den Unsinn vor, nachdem Corona über Aerosole verbreitet wird?

Ihr, die Regierungsberater, seid unsere letzte Hoffnung. Ihr habt viel mehr Einfluss als ihr denkt. Was ihr sagt, hat Gewicht. Und auch wenn es den Druck erhöht: Es kommt auf jeden Satz an. Was liegt, das pickt. Und wenn der Experte jetzt LongCOVID wiederholt anspricht, selbst wenn es in .Österreich keine vernünftigen Zahlen gibt, wir leben in einer globalisierten Welt, auch wenn das einige Nachteile hat, aber wir haben ja aussagekräftige Daten von vielen internationalen Studien. Das wird in Österreich kaum anders sein. Wenn wir wissen, dass 76% der LongCOVID-Erkrankten vorher nicht im Spital waren, und 31% keine Vorerkrankungen haben, dann lässt sich das auf Österreich umlegen. Ebenso das ungleiche Geschlechterverhältnis mit mehr betroffenen Frauen, die eher zu Autoimmunerkrankungen neigen. Damit kann man arbeiten, und alleine von dem, was bisher aus der Forschung zu LongCOVID über alle (!) Altersgruppen bekannt ist, wissen wir, dass man LongCOVID-Fälle verhindern muss, und das geht eben nur über Infektionen vermeiden.

Seit dem Sommer 2020 hatte ich mehr Respekt vor LongCOVID als im Spital zu landen. Ich hab es nie verstanden, warum man im Herbst 2020 statt Covid kleinzureden LongCOVID nicht zur „psychologischen Kriegsführung“ benutzt hat. Damit hätte man alle Altersgruppen erreichen können. An Solidarität zu appellieren ist an verschiedenen Stellen der Pandemie fehlgeschlagen. Empfehlungen hatten nie denselben Effekt wie Verpflichtungen. Selbst bei vierstelligen Inzidenzen gab es noch Garagenpartys. Wenn Solidarität nicht zieht, dann eher noch der Eigenschutz, Schutz vor LongCOVID ist Eigenschutz, nämlich der Schutz vor einem (restlichen) Leben mit verminderter Lebensqualität, mit Existenzängsten durch Jobverlust, mit Isolation durch die Krankheitslast und mit dem Gefühl, seinen Angehörigen nur noch zur Last zu fallen. Darum könnte man mit Aufklärung über LongCOVID vermutlich mehr erreichen als mit „vulnerablen Gruppen“ zu argumentieren, wo sich viele wahrscheinlich denken, dass sie 1. nicht dazu gehören (bei Longcovid ist jeder vulnerabel) und 2. die sich gefälligst selbst schützen sollen. LongCOVID wird zudem, wie in UK bereits ersichtlich, zum gesellschaftlichen, zum volkswirtschaftlichen Problem. Das wird nicht kleiner, wenn es jetzt eine *Taskforce* dazu gibt, denn solange Infektionen und Reinfektionen passieren, entstehen neue LongCOVID-Fälle.

Daher bitte ich zu überlegen, wie wichtig es ist, dem Thema LongCOVID, und damit verbunden auch MISC (dagegen schützt die Impfung bei Kindern sehr gut) und Hepatitisfälle, den Stellenwert zu geben, den es nach allen Daten und Fakten auch haben sollte. Deswegen insistiere ich hier so penetrant, deswegen sind das für mich keine Kleinigkeiten oder Befindlichkeiten, die Erwähnung „einzelner Begriffe“ einzufordern, denn hinter LongCOVID stecken individuelle Schicksale. Dahinter steckt auch die nette Frau, die mir im ersten Lockdown noch die Stoffmasken genäht hat und jetzt seit Herbst 2020 schwer an LongCOVID/MECFS erkrankt ist. Dahinter stecken nahestehende Menschen, die seit der Infektion nicht mehr fit geworden sind und ich mich machtlos fühle, weil es zu wenig Ärzte gibt, die sich damit auskennen. Daher kämpfe ich dafür, dass wir nach über zwei Jahren anerkennen, dass dieses LongCOVID *ebenso* ein schwerer Verlauf ist, der in den Maßnahmen berücksichigt werden muss – noch vor der Überlastung der Intensivstationen, zu der es nicht kommen würde, wenn man mehr in die Vermeidung von Infektionen durch saubere Luft und Maskentragen setzt (siehe Petition zur Sauberen Luft in Klassenzimmern).

PS: Es ist ein Fehler, die „Neutralität“ der Wissenschaft falsch als wertfrei definieren und nicht als „unvoreingenommen, nach Wahrheit strebend“. Die Wissenschaft steht nicht „zwischen Maßnahmengegnern und ZeroCOVID“, sondern muss die Fakten argumentieren.

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