Tag 3 – 19.30

Ich hab mich entschieden, mein Tagebuch auf diesem Blog weiterzuführen, da zum Einen die Themen in den nächsten Wochen und Monaten wenig von Autismus geprägt sein werden und zum Anderen mein Lebensmittelpunkt Wien sein wird. Wann die Grenzen wieder offen sind, ist ungewiss.

Bisherige Beiträge:

Der Tag 0 ist natürlich nicht der Tag mit den ersten Infektionen, sondern der erste Tag, wo die Katastrophe erstmals unmittelbar zu Einschränkungen geführt hat bzw. spürbar war, dass sich eine fatale Entwicklung abzeichnet, die unser Leben für einige Zeit massiv einschränken wird.

Zum heutigen Tag ein Update. Ich hab zum dritten Mal in Folge sehr schlecht und viel zu kurz geschlafen. Inzwischen fehlt mir auch der Appetit. Ich wollte heute eigentlich Blumenerde einkaufen gehen, aber als ich davon las, dass im Baumarkt bereits die Massen einströmen, ließ ich das bleiben. Außerdem weiß ich als Meteorologe, dass die Wettermodelle seit Tagen in der letzten Märzdekade einen markanten Kaltluftvorstoß rechnen, mit trockener Eiseskälte aus Osteuropa. Das ist unter Garantie mit Nachtfrost verbunden und es wäre schade, wenn die frisch austreibenden Keime gleich wieder erfrieren. Ich bin dann mit der fast leeren Straßenbahn und Baumwollhandschuhen zum Schwedenplatz und zu meinem Lieblingsbergsportgeschäft. Dort ließen sich gerade drei Kunden fachlich beraten, ich kaufte meine dünnen Untersocken, das letzte Paar in meiner Größe. Wenigstens bekomm ich so keine Blasen mehr, hoffe ich. Anschließend war ich im SparGourmet im ersten Bezirk, da war mittags gerade angenehm wenig los. Bis auf Klopapier (seids ogrennt?!) und Küchenrollen sowie Gemüse war noch das meiste da. Ich besorgte mir frische Putenbrust und noch ein paar Konserven, die Putenbrust gabs später geschnetzelt als Mittagessen. Danach war ich noch im Papierladen, die Besitzerin unterhielt sich gerade mit einer Kundin über das ganze Thema und Abstand halten wegen Ansteckung, und wie man dafür sorgen könnte, weiterhin Kundenverkehr zu haben, nur eben maximal fünf im Geschäft oder noch weniger. Sie brachte auch das Beispiel vom Arzt, dass sich immer nur fünf anstellen, die anderen fünf sitzen draußen im Park oder so, und wenn die fünf fertig sind, holen sie die wartenden fünf. Man merkt, die Not fördert die Kreativität. Ich hab mich dann ebenfalls mit ihr – im Sicherheitsabstand unterhalten, das tat gut, war befreiend. Am Nachmittag fuhr ich mit dem Rad den Donaukanal entlang, dort waren zahlreiche Sportler, Jogger, Inline-Skater und Radfahrer unterwegs, auch andere turnten an den Geräten im Freien. Einem Skateboarder kam ich gerade in die Quere, als sein Kumpel mit der Videokamera auf ihn draufhielt und ich ins Bild fuhr, weil ich es zu spät sah (und es mir wurscht war). Weiter stromaufwärts verstreute Angler und ein professioneller Maler mit Farben und Bildständer, der ein Bild vom Donaukanal und Stadt im Hintergrund malte. Auf der Donauinsel verstärkte sich der Zulauf noch, neben zahlreichen Familien mit vor allem Kleinkindern waren auch Gruppen (!) von Jugendlichen und Studenten unterwegs. Auf der Rückfahrt sah ich eine Gruppe von jungen Menschen den Grill auf der Donauinsel in Beschlag nehmen. Dieses Freizeitverhalten ist sicher nicht förderlich, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Nach der Salamitaktik der Regierung würde mich nicht wundern, wenn auch Ausgangssperren noch kommen. Und nach den ersten Tagen, wo man noch nicht begriffen hat, dass die Welt gerade einstürzt, wo ich noch egoistisch den nutzlosen Urlaubstagen im Frühling und Sommer hinterhertrauerte, bin ich jetzt soweit, dass ich alles in Kauf nehme, nur um italienische Verhältnisse bei uns zu verhindern – auch wenn das hieße, zwei Wochen gänzlich auf Bewegung im Freien zu verzichten. Die derzeit gesetzten Maßnahmen gehen jedenfalls noch nicht weit genug.

In Österreich betrug der Zuwachs seit gestern Nachmittag 150, es sind nun 655 registriert.Die Dunkelziffer dürfte gewaltig sein, nachdem bekannt wurde, dass Nordtirols Skigebiete das Virus wie eine gigantische Schleuder schon 10 Tagen über heimkehrende Urlauber in die Herkunftsländer gebracht haben, vor allem Deutschland und Nordeuropa sind betroffen. Die Verantwortlichen in den Skigebieten haben die Gefahr damals heruntergespielt. In Wien stieg die Zahl von 74 auf 101.

Eindrücke von heute:

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Coronadingsbums

Die gewöhnliche Influenza ist immer noch sehr umtriebig, auch in der elften Kalenderwoche gibt es 11600 Neuerkrankungen alleine in Wien. Die Vorbeugemaßnahmen sind identisch zum Coronavirus, mit den Griffeln nicht ins Gesicht fassen, keine Türklinken oder Haltestangen in den Öffis anfassen. Und wenn man es tut, Hände waschen, mit Seife, sonst kann es gleich bleiben lassen, und mindestens eine halbe Minute, besser eine Minute, was so gut wie niemand macht. Gegen die gewöhnliche Grippe hat sich nur etwa 20% der Bevölkerung impfen lassen. Aber, das große Aber… warum verbreiten sich Influenza und Corona so gut in Europa? Zum Einen durch den Massentourismus, zum Anderen durch Menschen, die krank arbeiten gehen [müssen]. Der Billigflugtourismus ist, seit es Niedrigstdumpingpreise bei den Fluglinien gibt, aus dem Ruder geraten. Und ob man sich im Urlaub befindet oder in der Hackn, gebucht ist gebucht, Arbeit ist Arbeit, daheim bleiben die wenigsten. Die Werbung und Apotheken propagieren an jeder Ecke ihre Grippemittelchen, Neocitran und Co, mit denen man so tun kann, als sei man gesund und könne den Urlaub genießen oder weiterarbeiten. Krank sein dürfen erlaubt sich kaum noch einer. Und nebenbei erlauben das viele Chefs nicht. Im Krankenstand kann gekündigt werden. Das österreichische Arbeitsrecht ist diesbezüglich ziemlich lasch. Dazu kommt in fast allen Branchen Personalmangel, was dazu führt, dass die Arbeit erledigt werden muss, und der Druck auf einzelne wächst, die Burnoutgefahr zunimmt, das Immunsystem darunter leidet, etc., etc. Eine echte Grippe auskurieren dauert mindestens zwei Wochen. Es. ist. nicht. möglich, damit nach drei Tagen wieder arbeiten zu gehen. Es werden schwerwiegende Folgeerkrankungen riskiert, bis hin zur Herzmuskelentzündung, Herzschrittmacher und am Ende steht der Tod. Vorbeugung my ass – die effektivste Lösung, andere nicht anzustecken, wäre daheim zu bleiben. Auch wenn es im Fall eines lang geplanten Urlaubs wehtut, oder im Fall eines Billigurlaubs sicher nicht wehtut, wenn der Flug weniger als einmal Volltanken kostet. Es passt nicht in unses neoliberales Ausbeutersystem, sich selbst etwas gutes zu tun. Es gibt keine Gegenmaßnahmen gegen Personalmangel, Arbeitszeitverkürzung wird als Untergang der Wirtschaft verteufelt.

Was ich damit sagen will: Die Gegenmaßnahmen werden nicht wirken, wenn man kranken Mitarbeitern nicht erlaubt, daheim bleiben zu können und sich auszukurieren, statt andere anzustecken und ihre eigenen Gesundheit zu ruinieren – das betrifft beides – die aktuelle Influenzawelle als auch die folgende Coronawelle. Und warum können es sich nicht erlauben? Weil am Personal gespart wird, und weil die Löhne niedrig sind und Fachkräftemangel herrscht, sodass dem verbleibenden Personal gar nichts anders übrig bleibt, als Mehrarbeit zu leisten. Die drohende Grippepandemie ist also in Wahrheit eine Systemkrise, deren Auswirkungen sich jetzt auch darin zeigen, dass es zu Engpässen bei Medikamenten kommt und die Zulieferer diverser Technologiebetriebe keinen Nachschub mehr erhalten. Möglichst billig soll produziert werden, das geht nur im Ausland, was nebenbei schädlich fürs Klima ist und meistens mit der Ausbeutung von Niedrigstverdienern verbunden ist. Wenn das Coronadingsbums jetzt schrittweise die Infrastruktur weltweit lahmlegt, könnte man ja mal grundsätzlich hinterfragen, ob man weiter sehenden Auges mit Vollgas in den Untergang reiten will oder ob man – fünf vor zwölf – zu nachdenken anfängt, ob das klug ist, was wir gerade machen. Wenn man sieht, wie Australien darauf reagiert hat, dass zwanzig Prozent ihres gesamten Waldbestands durch die Feuer vernichtet worden sind, hält sich mein Optimismus allerdings in Grenzen.

Kür zur lebenswertesten Stadt – für wen?

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In der Ausgabe Nr. 490 der Wiener Straßenzeitung AUGUSTIN kommentiert Anna-Maria Apata auf S.8 den Status Wiens als “Lebenswerteste Stadt der Welt” kritisch (ihren Text gibt es auch im Mosaik-Blog). Die Stadtregierung von Wien brüstet sich dabei mit der Mercer Quality of Living Study, die von einem internationalen Beratungsunternehmen speziell im Bereich Auslandsentsendungen tätig ist. Dabei werden nur Expats gefragt, also Fach- oder Führungskräfte, die im Rahmen einer Auslandsentsendung vorübergehend an eine ausländische Zweigstelle gesendet werden. In der Mercer-Studie geht es nur um das Angebot und Standard von internationalen Schulen in Wien. Top 1 ist Wien auch auf der Rangliste des Economic Intelligence Unit, einem Prognose- und Beratungsunternehmen, das mit der Wochenzeitung Economist zusammenhängt. Beides sehr repräsentativ für die Wiener Stadtbevölkerung – oder etwa nicht? Continue reading

Homöopathie und die Grünen

Der Auslöser, darüber zu bloggen, war ein Thread auf Twitter.

Mein Hintergrund:

Ich hatte im Gymnasium Chemie-Leistungskurs sowie zwei Semester Chemie auf der Uni. Dort hab ich ein naturwissenschaftliches Fach (Meteorologie) studiert, wodurch ich eine wissenschaftliche Arbeitsweise annahm. Es ist zwar keine Voraussetzung für meine Sicht der Dinge, aber mein (diagnostizierter) Autismus bekräftigt sicherlich den inneren Wunsch nach Rationalität, Logik und ist grundsätzlich ablehnend gegenüber Wirksamkeit, die rein auf Glauben und nicht auf Fakten basiert.

Am 26. Mai 1019 schrieb der HNO-Arzt und Globuli-Kritiker Dr. Christian Lübbers folgenden Tweet:

Homöopathie wirkt nicht über den Placebo-Effekt hinaus. ¹⁻¹³

¹ Kleijnen, 1991
² Linde, 1997
³ Linde, 1998
⁴ Cucherat, 2000
⁵ Shang, 2005
⁶ Mathie, 2014
⁷ NHMRC, 2015
⁸ FTC, 2016
⁹ Mathie, 2017
¹⁰ NHS, 2017
¹¹ EASAC, 2017
¹² Mathie, 2018
¹³ Antonelli, 2018

Eine der schärfsten Kritikerinnen von Homöopathie ist die ehemalige Homöopathin Nathalie Grams, die die Wirksamkeit von Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus anzweifelt.

Am 01.Juni 2019 kommentierte das der Twitter-Account der “Grüne Frauen Wien” (also der Partei “Die Grünen” in Wien) so:

Weil die Medizin ja inzwischen ganz genau weiss wie der körper und heilung funktioniert! 🤣🤣🤣

Am 04. Juni 2019 führten sie aus …

da müssten wir jetzt drüber diskutieren, was als wissenschaftlich erwiesen gilt. westlich und östlich wissenschaftlich ist schon einmal ein unterchied. wie wurden die probanden ausgesucht, wer hat interesse am ergebnis, und was ist mit den menschen bei denen es gewirkt hat?

Von den deutschen Grünen war mir unlängst der Hang zu esoterischen Heilungsmethoden ja bekannt. In Deutschland wird schon länger diskutiert, ob Kassen homoöpathische Medikamente übernehmen sollen. In Frankreich ist man schon weiter, da wurde kürzlich angekündigt, dass Homöopathie nicht mehr als Kassenleistung übernehmen werden soll. In Österreich sind Schüssler-Salze, Bachblüten und esoterische Heilmethoden sehr präsent, viele Apotheken werben damit. Das Homöopathische Zusatzdiplom vieler (Allgemein-)Ärzte wirkt wie eine Auszeichnung.

Die Position der Wiener Grünen wirkt auf mich befremdlich, wissenschaftsfeindlich und nicht zuletzt bedenklich, wenn man über die Folgen nachdenkt:

1. Homöopathische Wirkstoffe sind nicht nachweisbar, das liegt in der Definition. Je höher die Potenz, desto weniger nachweisbar. Wenn die empfohlene Tagesdosis an Magnesium bei 300mg liegt, können das fünf Globuli mit 0,0000000 xx mg niemals aufwerten. Ich hatte schon wiederholt Muskelkrämpfe in den Waden in der Nacht, weil ich zu wenig Wasser oder zu viel Alkohol getrunken hatte. Üblicherweise nehm ich dann ein Mg-Stick mit 300mg und die Krämpfe verschwinden rasch wieder. Mir fehlt schlicht die Vorstellungskraft, wie diese Wirkung durch extreme Verdünnung zustandekommen soll.

2. Homöopathie statt Impfung: Manche Eltern verzichten auf Impfen und behandeln mit Homöopathie. Kinderkrankheiten wie Masern oder Mumps können dadurch schwere Verläufe bis hin zu bleibenden Schäden oder Tod annehmen. Außerdem sind ungeimpfte Kinder eine Gefahr für immunschwache Personen, die sich gegen gefährliche Erreger nicht wehren können.

3. Homöopathie macht Homöopathen reich und Menschen in Notsituationen arm. Weil wer sich teure Privatärzte leisten kann (und das ist auch die Kritik am Gesundheitssystem, dass Kassenarztbehandlungen unzureichend sind und an den Bedürfnissen von Patienten vorbeigehen), muss nicht zum Heilpraktiker oder homöopathischen Hausarzt gehen. Vielleicht ist das unabhängig, aber das macht es nicht besser, wenn man Pensionistinnen und anderen Menschen in Armut das Geld für teure homöopathische oder andere dubiose Mittel aus der Tasche zieht. Von falschen Hoffnungen auf Heilung abgesehen, im schlimmsten Fall, wenn Homöopathie der Chemotherapie vorgezogen wird.

4. Hier spielt dann auch eine Rolle, wer Homöopathie verschreibt. In Österreich sind es oft Hausärzte, in Deutschland subjektiv eher die Heilpraktiker.

5. Ja, Placeboeffekt – aber das müsste nicht Homöopathie sein, bei leichten Beschwerden könnte auch ein Facharzt Zuckerkügelchen verschreiben, die nichts beinhalten und nichts kosten.

Was muss sich ändern?

Eines ist klar, Homöopathie verteidigen löst das grundsätzliche Problem nicht. Das grundsätzliche Problem besteht darin, dass das Gesundheitssystem zu Tode gespart wird, wortwörtlich. Die Grundgehälter der Ärzte müssten deutlich steigen, sodass die Ärzte nicht auf Überstunden angewiesen sind und – subjektiv – eher mehr Personal verweigern, weil dann die lukrativen Überstundenzulagen wegfallen [das lasse ich jetzt mal an Behauptung so stehen]. Kassenarztstellen müssten vervielfacht werden und nicht weiter eingespart, sodass in Summe wieder weniger Patienten auf einen Kassenarzt kommen und somit mehr Behandlungszeit. Es müsste sich aber auch der Lohn für Kassenärzte deutlich erhöhen, unabhängig davon, wie viele Patienten er behandelt. Der Arztberuf darf nicht gleich organisiert sein wie der Taxifahrerberuf. Derzeit ist für viele Ärzte lukrativer auf Dauer, eine Wahlarzt- oder Privatarztpraxis zu machen, die Rückerstattung durch die Kassen ist ein Witz. Zusatzversicherungen schließen viele Personen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen von vorneherein aus.

Homöopathie (und Heilpraktiker) sind in meinen Augen nur ein Symptom für die Schieflage im Gesundheitssystem. Wenn der Patient wieder im Mittelpunkt steht, wenn sich Ärzte ausreichend Zeit nehmen, zu hören, ganzheitlich behandeln (d.h., Psyche und Körper zusammen betrachten und bisweilen mal über den fachlichen Tellerrand hinaussehen), sich auf sie einlassen, vielleicht auch mal etwas recherchieren statt zu resignieren und Dauermedikation verschreiben.

Leider geschieht derzeit das Gegenteil – aufgeblähte Bürokratie, schlechte Bezahlung, Spardruck und die selbst auferlegte Schuldenbremse werden dafür sorgen, dass die neue “Österreichische Krankenkasse” noch weniger Leistungen bietet. Es wird noch weniger Kassenärzte geben, noch mehr Wahl- und Privatärzte, damit bleibt der Wunsch bestehen, auszuweichen auf “Alternativmedizin” (in meinen Augen synonym mit “alternativen Fakten”).

 

 

Neuanfang

Von 2017 bis 2019 war die Webseite unter todesmuseum.wordpress.com erreichbar und beschäftigte sich mit der Hassliebe zu Salzburg, zwischen dörflichem Charakter und Verkehrsinfarkt, zwischen mangelnder NS-Vergangenheitsbewältigung und Overtourism. Der Titel Todesmuseum lehnte sich an ein Zitat von Thomas Bernhard an.

Seit Oktober 2019 habe ich die Adresse seit meiner Rückübersiedlung nach Wien umbenannt in pandemiearchiv.wordpress.com Hier geht es um Erlebnisse in der Stadt selbst, um BeHindernisse, um Inklusion, um die Infrastruktur, um Stadtpolitik, aber auch um Sehenswürdigkeiten. Ich werd auch nicht umhin kommen, meinen Senf zum Klimawandel abzugeben, zur Umwelt, zu Alltagsrassismus und zu allem anderen, was einem eben im Alltag begegnet. Ich bin zurückgekommen, um zu bleiben.

Der Hauptgrund, den Blog mit veränderter Themenrichtung fortzuführen (und keine Blogleiche aufrechtzuerhalten), ist mein Bedürfnis für mehr Zeichenplatz. Denn via Twitter ist die Möglichkeit begrenzt, Gedanken ausführen zu können. Manches bedarf einfach mehr Raum, um seriös recherchiert und zu Ende gedacht zu werden.

Ich mach hier dann zu.

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Ich hatte schon immer die Muße, über den Ort zu bloggen, in dem ich lebe. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Das Sein wird allerdings nicht in Salzburg bleiben. Vor zwei Jahren zog ich aus Jobgründen von Wien hierher und nach relativ exakt zwei Jahren werde ich Salzburg in Richtung Wien wieder verlassen. Ich hätte dauerhaft bleiben können, wohl nicht für immer, aber noch einige Jahre. Ich habe mich anders entschieden. Nach vielen Monaten reiflicher Überlegung steht eine endgültige Entscheidung. Ein Résumée, mit etwas Wehmut, aber auch mit vielen Blicken nach vorne.

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Leben in Salzburg

Wieder in Salzburg seit gestern abend.

Nachbar in der Früh brüllt und klopft auf dem Tisch herum, keine Ahnung, was das war. Später seh ich einen alten weißhaarigen Mann das Haus verlassen, danach herrscht Ruhe.

Zwei junge Männer hupen, als sie bei einer nicht extrem jungen Frau vorbeifahren.

Dieselbe Frau versucht den Bus mit der Bedarfsampel zu bremsen, damit sie gemütlich zur Haltestelle hatschen kann, schlägt aber fehl, aber sie erwischt ihn trotzdem.

Eine Einheimische regt sich darüber auf, dass der erste Ischler Bus sonntags erst ab 8.15 fährt.

Ein seit drei Jahren vorbildlich in Salzburg integrierter Pakistanischer Flüchtling soll kurz nach der Ankündigung, dass Flüchtlinge die Ausbildung abschließen dürfen, abgeschoben werden. Er hat eine Lehrstelle und spricht sehr gut deutsch.

Di merk i ma, die merk i ma, du Huund! Drecksbusfahrer, ruft ein junger Mann nach dem Einsteigen. Sein Begleiter stößt hinzu: “Alter, der Busfahrer!”

Zwei junge Frauen wollen in Fuschl aussteigen, der Busfahrer öffnet hinten kurz die Tür, zu kurz, sie schließt sich wieder, bevor sie rauskommen. Alle rufen mehrfach Stop, bis er endlich wieder stehenbleibt und sie rauslässt.

Nachtrag: Auf der Rückfahrt war der Bus wieder voller Touristen und ich durfte nach 18km Wanderung noch eine ganze Stunde bis zur Rückkehr in Salzburg stehen. Ein Verstärkerbus ist ab St. Gilgen gefahren, war aber ebenfalls schon gefüllt. In Fuschl haben wir diesen dann überholt, d.h. unser Bus blieb dann einfach nicht mehr stehen, zur Verwunderung der potentiellen Fahrgäste an den Haltestellen. Schlechte Kommunikation, sie wussten ja nicht, dass noch ein Verstärkerbus fahren würde.

Abhilfe würde ein Shuttle Bus direkt nach Hallstatt schaffen, laut Tweet von Sepp Schellhorn geht das aber wegen dem dichten Zeitplan des Tour Operators nicht. Verstehe zwar den Zusammenhang nicht ganz, aber es ändert sich offenbar nichts.

“Integration” in Österreich

Selbst ein ehemaliger FPÖ-Nationalratsabgeordneter schreibt …

Integrierte Asylbewerber abzuschieben ist unverständlich und dumm. Wir müssen uns glücklich schätzen, gut ausgebildete, integrierte Menschen im Land zu halten.

Der “Trend” berichtet über Erfolgsgeschichten.

Und “NEWS” resümiert, dass Erfolgsgeschichten nichts gegen Abschiebung nützen.

Was ändert sich? Vermutlich nichts.

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O-Ton eines Salzburger Taxifahrers: “Die Stadt wurde für Pferdekutschen gebaut, nicht für diese Massen an Autos.”

Im ORF-Text ist heute ein ausführlicher Bericht (abgerufen am 16.04.18, 09.30) über die katastrophale Wohn- und Verkehrssituation erschienen. Die Vorschläge der antretenden Parteien zur Salzburger Landtagswahl in der Elefantenrunde sind gut, aber ohne realistische Finanzierung mit der aktuellen Bundesregierung.

Die angestrebte Verlängerung der Lokalbahn dauert alleine vom Hauptbahnhof bis Mirabellplatz mindestens sechs Jahre, für 750m Länge. Obwohl ein Drittel davon bei der Errichtung der Endhaltestelle Hauptbahnhof 1996 in weiser Voraussicht bereits weitergebohrt wurde. Inbetriebnahme also nicht vor 2025. Sinnvoll ist aber nur, den Tunnel gleich weiter bis nach Nonntal im Süden der Allstadt zu verlängern, damit eine sinnstiftende Umfahrung der Altstadt und ein realistisches Ende des Verkehrschaos auf der Nord-Süd-Achse erreicht werden kann.

Der viergleisige Ausbau der Westbahn zwischen Salzburg und Wels wird nicht vor 2024 begonnen werden können. Dieser ist aber dringend notwendig, um die Nahverkehrsintervalle der S-Bahn ins Umland zu verdichten. Auch könnten dann nicht nur die Westbahn, sondern auch die ÖBB einen halbstündigen Takt zwischen Salzburg und Wien anbieten, und nicht, wie derzeit, einen 4minütigen (’08 und ’12).

Ein Jahresticket fürs ganze Bundesland im Ausmaß von 400€ wäre ein ganz dringender Schritt in die richtige Richtung. Tirol hat eine Gesamtfläche von 12600 km², das Jahresticket-Land inklusive Innsbruck kostet 490 €, im nur 7100 km² großen Salzburg kostet es inklusive Salzburg-Stadt hingegen stolze 1540 €, für ein nicht gerade flächendeckendes Busangebot. Die Bahn spielt von der S-Bahn abgesehen in Salzburg-Land nur eine untergeordnete Rolle. Zwischen Bischofshofen und Radstadt wird die Bahn mangels Ausbau der Ennstalstrecke nur im Zweistundentakt geführt, die Pinzgauer Lokalbahn ist noch erwähnenswert, und die Achse Wörgl-Hochfilzen -Zell am See. Ein Landesticket würde idealerweise für Bus und Bahn gelten. Stattdessen gibt es derzeit in jedem Gau ein eigenes Ticket. Ein gemeinschaftliches Ticket würde zudem den Nachteil der ÖBB ausgleichen, wonach die Ermäßigungskarten nicht bei Busverbindungen im Verbundstarif gelten. Je mehr Nebenbahnstrecken aufgelassen oder ausgedünnt werden, desto mehr werden die Ermäßigungskarten entwertet.

Zu der öffentlichen Verkehrssituation innerhalb Salzburgs wurde leider wenig geschrieben im ORF-Artikel. Das Hauptproblem ist die vertraglich zwischen Stadt und Salzburg-AG festgelegte Kilometerleistung der Busse, mit der keine dichteren Intervalle und Verlängerung von Linien möglich sind, ohne bei anderen Linien zu kürzen. Der größte Humbug in einer Stadt, in der seit 1940 öffentlicher Verkehr mit Bussen betrieben wird. Den ALBUS gibt es sogar seit 1927.

Ein schienengebundenes Transportmittel bleibt dennoch die einzige Möglichkeit, langfristig dem Stauchaos zu entgehen, denn die Busse behindern sich bei den oft zu kurzen Haltestellen häufig gegenseitig. Auch dafür gibt es genug Vorschläge, z.b. die Revitalisierung der Stieglbrauerei-Bahn, die man unterirdisch bis zum Flughafen verlängern könnte. Damit wäre auch eine viel kürzere Anbindung vom Hauptbahnhof zum Flughafen gegeben.

Für Straßenbahntrassen gibt es auf der Nord-Süd-Achse zugegeben wenig Spielraum, das Nadelöhr zwischen Festungs-, Mönchs- und Kapuzinerberg ist zu schmal. Vorstellbare wären Trassenführungen am ehesten auf den breiten Bundesstraßen 1 zwischen Flughafen, Hauptbahnhof und Schallmoos sowie zwischen Lieferung und Leopoldskron bis Moosstraße.

Nebenbei bemerkt halte ich es für längst überfällig, dass in ein kostengünstiges Ticket der Salzburger Linien ohne Aufpreis auch Wals-Siezenheim eingebunden werden sowie der Gaisberg. Die Auffahrt zum Gaisberg sollte mit einem Schranken und einer Maut versehen werden.

Zum Problem, dass Salzburg oft von Touristen durchfahren statt umfahren wird, gäbe es ebenso zwei Lenkungsmöglichkeiten. Der Entfall der Autobahnmaut zwischen Knoten Salzburg und Salzburg-Nord wäre eine Möglichkeit, scheint aber momentan kein Thema. Eine andere wäre die Einführung einer City-Maut, die nur für Bewohner mit Hauptwohnsitz in Salzburg absetzbar oder ermäßigt wäre. Eine dritte Möglichkeit wäre,  die Einführung einer Tages-Vignette, was z.B. für Tagesausflügler und Urlauber von Bayern Richtung Salzkammergut sinnvoll erscheint.

Langfristig muss das Bus-Verkehrsnetz in der Stadt, aber auch ins Umland attraktiver werden, das gilt auch für Touristen, die nunmal ein wichtiger Wirtschaftszweig sind, das Bahnnetz muss ausgebaut werden, damit Intervallverdichtungen möglich sind, und gleichzeitig muss das Autofahren unattraktiver werden.