Über soziale Teilhabe und moralische Selbstüberhöhung

Auszug aus dem Buch “A Long Covid Definion: A chronic, systemic disease state with profound consequences”, 2024 (187 Seiten, PDF gratis)

Es ist seit Beginn der Pandemie ein schwieriges Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen. Wie geht man mit Menschen um, die grundsätzlich in erhöhtem Maße schutzbedürftig sind, aber gleichzeitig so leben, als ob sie keinen Schutz bedürfen? Das betraf die Alten, die abseits der Lockdowns bei hohen Fallzahlen Wirtshäuser besuchten, weil ihnen soziale Teilhabe, der regelmäßige Stammtisch, die Pflege von Freundschaften in Präsenz wichtiger war, als nur über Whatsapp und Telefon zu kommunizieren. Das betraf Immunsupprimierte, die – sobald die Schutzmaßnahmen gelockert wurden – wieder auf Feiern und Konzerte gehen, in der Disco tanzten und auch sonst ihr Sozialleben wieder normalisierten, obwohl die Ansteckungsgefahr weiterhin hoch war. Für das “Team NoCovid” war diese kognitive Dissonanz kaum auszuhalten. Wir setzten uns gerade für ihren Schutz, für ihr Leben ein, und dann schien es ihnen egal, ob sie sich ansteckten oder nicht? Sie lebten einfach weiter ihr Leben, als gäbe es kein Morgen. Individuelle Unterschiede führen zu unterschiedlichen Bedürfnissen und Zielen im Leben. Das betrifft sowohl die Menschen ohne erhöhtes Risiko für schwere Akutverläufe als auch innerhalb der Risikogruppen. Jemand mit einer potentiell tödlichen Erkrankung wie Krebs oder Organversagen, möchte vielleicht wirklich so leben, als ob jeder Tag der Letzte wäre. Jeder Tag zählt. Genauso ältere Menschen, die vielleicht aufgrund von altersbedingten Grunderkrankungen spüren, dass sie nicht mehr viel Zeit haben, ihre Wünsche und Träume in die Tat umzusetzen. Die Pandemie hat viele Menschen getroffen, die jeden Tag so leben wollten, dass er zählt und nicht mit Nichtstun verschwendet wird. Darunter eben auch besonders schutzbedürftige Menschen. Im “Team Vorsicht” hat man impliziert, dass schutzbedürftige Menschen automatisch aus der Gesellschaft ausgeschlossen sind, sozial isoliert, immer zuhause, immer alleine. Schutzbedürftige Menschen, die sich nicht nach dieser Vorstellung verhielten, haben uns irritiert. Sie gingen in unseren Augen ein unverhältnismäßig hohes Risiko ein, das wir niemals eingegangen wären. Wir haben dabei über andere moralisch geurteilt, ohne je danach zu fragen, wo deren individuelle Bedürfnisse lagen. Andere schutzbedürftige Menschen, die sich weiterhin isoliert haben, haben uns hingegen in unserer Auffassung bestätigt.

Welcher Weg ist nun der Richtige? Gibt es DEN richtigen Weg überhaupt? Als Einzelkämpfer ist es unglaublich schwierig, in dem Spannungsfeld aus gesellschaftlichen Normen und neuen wissenschaftlichen zu Spätfolgen der SARS-CoV2-Infektion zurechtzufinden. Fast alle spüren den großen Druck aus der Gesellschaft, einen Alltag wie vor der Pandemie zu leben. Ich glaube, man muss den inneren Widerspruch zulassen können, anzuerkennen, dass SARS-CoV2 nicht wieder gut ist und – schlimmer – nie wieder gut wird. Das Virus wird ewig weitermutieren und ist von den Infektionszahlen her dauerhaft präsenter als andere, deutlich weniger ansteckende Viren. Das Risiko ist nicht vergleichbar mit “jeder kann vom Auto überfahren werden.”, sondern es ist eher so, als ob man die Ampeln und Zebrastreifen um die Hälfte reduziert hätte, und so eine sichere Überquerung einer Straße kaum noch möglich ist. Gleichzeitig kann man nicht nach dieser Erkenntnis leben aufgrund der gesellschaftlichen und sozialen Normen. Auf der anderen Seite der Straße wartet die Arbeit, die Schule, der Stammtisch.

Der Schaden für mich als Einzelkämpfer ist auf Dauer größer, weiterhin zu missionieren, als sich dem Alltag zu unterwerfen. Ich bin der Überzeugung, dass diese Sichtweise 2022 noch falsch gewesen wäre, denn damals gab es ansteckendere Virusvarianten und eine Vielzahl der bis heute von Long COVID betroffenen Menschen hat sich in den Omicron-Wellen ab 2022 angesteckt. Zudem war für mich 2022 die Hoffnung noch gegeben, gegen alle Widerstände mit Gleichgesinnten mehr Bewusstsein zu erreichen – auch wenn diese Hoffnung länderspezifisch unterschiedlich und in Österreich wohl den geringsten Realismus aufzuweisen hatte. NoCovid-Initiativen waren etwa in Deutschland viel besser organisiert. Leider muss ich zugeben, dass sich mein Verhältnis zu Bekannten und Arbeitskollegen deutlich verbessert hat, seit ich das Thema Covid, Pandemie und Infektionsschutz nicht mehr in den Vordergrund stelle. Je weniger ich darüber redete, Mails verschickte und Covid-Infos in den WhatsApp-Status stellte, desto besser kam ich mit ihnen wieder ins Gespräch. Der vorläufige Höhepunkt war, dass ich wieder ein paar gemeinsame Treffen in einem Lokal besuchte, und mich beim vierten Mal prompt mit einem Rhinovirus ansteckte, was mir über einen Zeitraum von vier Wochen trockenen Reizhusten bescherte. Daraufhin habe ich Indoor-Lokalbesuche bis auf die gut belüftete Kantine wieder auf Null reduziert, denn für mich sind sportliche Aktivitäten wie Wandern und Radfahren sehr wichtig und die Sauferei vertrage ich ohnehin nicht mehr so gut wie früher.

Kann ich es anderen verdenken, unabhängig von ihrem Immunstatus und der grundsätzlichen Gefahr von mildem LongCOVID mit kognitiven Einschränkungen und Einzelfällen Fatigue, ihr Leben wieder so leben zu wollen wie vorher? Nein. Ich spreche dieses Bedürfnis anderen nicht ab. Ich richte nicht darüber, dass dieses Bedürfnis umso stärker ist, je größer die soziale Bindung ist, sei es durch die eigene Familie, einer großen Verwandtschaft, einem weiten Bekanntenkreis, als auch dem Lebensstil vor der Pandemie entsprochen hat, häufige Reisen, Konzerte besuchen oder sonstwie viel in einer Gruppe zu unternehmen. Wer immer so gelebt hat, wird die Pandemie als härteren Bruch empfunden haben als jemand, der etwa wie ich als neurodiverser Mensch (Autist) eher wenige Freundschaften gepflegt hat, das Alleinsein von Zeit zu Zeit braucht, um sich zu regenerieren, und in seinem Urlaub Städtetourismus eher gemieden hat, weil es das Gegenteil von Ruhe und Erholung bedeutet hätte.

Meine Zeilen mögen für all jene, die immer noch Maske tragen und ihr Sozialleben einschränken, relativierend daherkommen, aber ich bitte auch zu respektieren, dass sich meine Lebenswege von denen anderer Menschen unterscheiden. Ich habe es lange versucht, Bewusstsein zu schaffen für Corona, habe noch sensibilisiert für neue Wellen, mehr Infektionsschutz und zu den Langzeitfolgen, als es längst niemanden mehr interessierte. Für Menschen wie mich, die etwa an einer Schulung teilnehmen müssen, aber eine Weihnachtsfeier absagen können, würde etwa Lufthygiene in Schulungsräumen sehr wohl einen Mehrgewinn bieten. Für alle anderen, die auf die Feier gehen wollen, sogar im Wissen, dass eine weitere Corona-Infektion damit sehr wahrscheinlich ist, spielt Lufthygiene während der Schulung keine Rolle. Ich weiß nicht, wie ich mit dieser Erkenntnis umgehen soll, wie sinnvoll es ist, viel Freizeit darin zu investieren, Bedingungen zu schaffen, die letztendlich nur für n = 1, also für mich selbst, eine Verbesserung bringen. Das ginge wesentlich einfacher: Ich setze die Maske auf und gut ist, und erspare mir eine Menge quälender Diskussionen mit Menschen, die nicht meinen Zugang zu Informationen und einen völlig veralteten Wissensstand haben.

Das Aber: Die Lernkurve

Das Leben sollte eine stetige Lernkurve sein. Aus Schaden klüger werden, bestenfalls aber aus neuen Erkenntnissen lernen und sein Verhalten danach anpassen, bevor überhaupt ein Schaden entsteht (Prävention). Ich habe gelernt, dass es nicht richtig ist, mit Krankheitssymptomen am Sozialleben teilzuhaben. Weil ich damit andere gefährde, die dafür büßen können. Die “Anderen” sind u.a. die oben angesprochene Gruppe, die durchaus heterogen sein kann. Menschen, die damit leben, dass es keinen 100%igen Schutz gibt und trotzdem wollen, dass jeder Tag zählt. Es können aber auch genauso Eltern sein, die ihr vulnerables Kind an einem normalen Sozialleben teilhaben lassen wollen, im Wissen, damit Risiken einzugehen. Ich habe auch gelernt, dass man bei respiratorischen Symptomen besser Maske trägt, wenn man seine Wohnung verlässt – selbst dann, wenn man sich irrend davon ausgeht, man habe nur starken Reflux und daher Halsschmerzen, weil sich einen Tag später mit Fieber herausstellen könnte, dass es doch ein Infekt ist und man in Wirklichkeit hochansteckend ist. Ich habe viel über andere Viren gelernt und dass eigentlich kein Virus völlig harmlos ist, nicht einmal das Rhinovirus, das am anderen Ende der Virusinfektionen steht, die uns jährlich quälen. Mit konsequentem Maske tragen im öffentlichen Raum kann ich mir viele Infektionen ersparen, was für mich noch mehr gilt als für Eltern von Kindern, die in den Kindergarten oder in die Schule gehen, und regelmäßige Infektionen in Kauf nehmen müssen.

Ich habe gelernt, dass der Staat von Langzeitfolgen betroffene Menschen im Stich lässt. Finanzielle Hilfe und Anerkennung von gesundheitlichen Schäden bis hin zur Invalidität müssen häufig erklagt werden, was den Gesundheitszustand weiterverschlechtert. Die Stigmatisierung und Verharmlosung als “psychische” Erkrankung, obwohl es körperliche Biomarker gibt, ist gerade in Österreich weit verbreitet. Hierzulande wird auch kaum über LongCOVID-Erkrankungen bei Personen des öffentlichen Lebens berichtet, weder bei Musikern, Spitzensportlern noch Politikern. Gerade so könnte nämlich Bewusstsein geschaffen werden. Es passiert aber das Gegenteil, denn gerade aus dem Bereich Kultur stammen die größten Leugner der Pandemie aufgrund der Selbstbetroffenheit von Verdienstausfällen während der Lockdowns. In Summe ist LongCOVID ein “low probability, high impact” – Risiko. Es betrifft etwa jeden zehnten bis zwanzigsten Infizierten in einer höchst unterschiedlichen Ausprägung und kann mit kognitiven Einschränkungen für Außenstehende zunächst kaum auffallen, wer nicht genau hinschaut oder zuhört. Das heißt im Umkehrschluss aber, dass 8-9 von 10 Infizierten keine Einschränkungen davontragen, und das ist die überwältigende Mehrheit. Damit ist das Risiko verhältnismäßig gering*, aber wenn der Fall eintritt, können die Auswirkungen auf die Lebensqualität beträchtlich sein. Wie gehe ich mit solchen Risiken um? Ich versuche sie zu minimieren, so wie ich bei Gewitter Schutz suche und nicht darauf setze, dass die statistische Wahrscheinlichkeit, dass mich ein Blitz trifft, extrem gering ist.

* Update: Schon klar, es ist absolut betrachtet nicht gering, sondern hoch, so wie 10% auf einer Medikamentenpackung für Nebenwirkungen als “häufig” gelten. In der Wahrnehmung der Bevölkerung ist es leider gering, und wenn diese eine betroffene Person von zehn nicht darüber redet, dann scheint es Null zu sein.

Ich lebe in einer Blase von aktivistischen, aufgeklärten Menschen, die sich über Social Media gefunden haben und gegenseitig bestärken, aber auch gegenseitig in die Irre führen können. Ich frage mich immer wieder, ob meine Wahrnehmung verzerrt ist, dass das Ausmaß der Gefahr, der Anzahl der Betroffenen nicht so schlimm ist wie befürchtet. Ich erlebe Spitalsärzte, die sagen, dass sie seit zwei Jahren kaum noch schwerkranke Patienten sehen, dass sie kaum Betroffene von LongCOVID kennen. ich erlebe Professoren, die sagen, dass sie kaum noch betroffene Studenten kennen, dass die Zahl der respiratorischen Infekte nicht höher sei als vor der Pandemie. Ich erlebe Ärzte, die sagen, dass sie kaum LongCOVID-Betroffene kennen und nicht den Eindruck haben, dass es mehr werden. Dann gibt es LongCOVID-Spezialisten, die weiterhin nach jeder Infektionswelle Zulauf zu ihren Ambulanzen erleben. Wir kennen die Berichte, dass die LongCOVID-Ambulanzen trotz hoher Nachfrage 2023 geschlossen wurden. In meinem Bekanntenkreis sind mindestens vier Betroffene, wo es offiziell diagnostiziert wurde. Einer ist wieder vollständig genesen (Lungenembolie), eine andere erhielt hingegen die MECFS-Diagnose. Andere arbeiten in Teilzeit, sind aber nicht mehr so gesund und leistungsfähig wie vor ihrer Infektion. Ist meine Blase repräsentativ oder nur ein n =1 und entbehrt damit wissenschaftlicher Rationalität?

Ich wäre mir selbst nicht mehr sicher, wenn es nicht Prävalenzstudien geben würde und andere Indikatoren, die leider daraufhinweisen, dass das keine selektive Wahrnehmung von mir ist, sondern LongCOVID ein Tabuthema ist, über das niemand gerne spricht. Weil es von Ärzten nicht geglaubt wird, weil Corona endlich vorbei sein soll und ein Outing andere auf unangenehme Weise ihrer Verdrängung den Spiegel vorhält.

Da gibt es die Berichte aus anderen Ländern, wo der Krankenstand auf hohem Niveau bleibt, wo Corona weiterhin der Hauptgrund für Berufskrankheiten ist, wo von Milliardenschäden für die Wirtschaft und das Gesundheitssystem die Rede ist, wo im Gesundheitswesen mehrheitlich Infektionen stattfinden, weil dort weniger Schutzmaßnahmen getroffen werden als vor der Pandemie. 95% der LongCOVID-Betroffenen berichteten von Stigmatisierung aufgrund ihrer Erkrankung (Pantelic et al. 2022), da ist es doch nicht verwunderlich, dass in der Wahrnehmung der Mehrheitsbevölkerung LongCOVID keine Rolle mehr spielt. Seit Jahren archiviere ich etliche Studien über die Prävalenz und Inzidenz von Spätfolgen nach einer Corona-Infektionen, die meisten bewegen sich mindestens im einstelligen Prozentbereich, was bezogen auf die Gesamtbevölkerung oft mehrere hunderttausend Betroffene sind, manchmal auch Millionen. Wer und wo sind all diese Betroffenen in Österreich? Wie kann es sein, dass so viele Menschen diese Betroffenen nicht wahrnehmen, wenn sie noch dazu oft im erwerbsfähigen Alter sind und “mitten im Leben stehen”? Dieser Widerspruch lässt mich wieder daran zweifeln, dass die Zweifel an meiner Wahrnehmung berechtigt sind, dass ich wirklich in einer Blase leben würde. Es ist zweifellos eine Blase im Hinblick auf Zugang zu Informationen und am Thema dranbleiben, das für die große Mehrheit selbst auf Twitter einfach keine Rolle mehr spielt. Aber nur weil es für die anderen vorbei ist, sind die Betroffenen nicht weg und Corona ist immer noch da.

SPÖ: Halbherziger Kampf für saubere Luft in Klassenräumen

Schuhmacher et al., Untersuchungen an Luftreinigern in verschiedenen Räumlichkeiten, 30.05.23

« Virus season » is just poor-indoor-air-quality-season, it’s a factor of how we use und operate buildings in cold weather – “Virus season” is entirely preventable.

Raumluftexpertin und Architektin Orla Hegarty, Irland (09.12.23, Twitter)

Mit einer Presseaussendung kündigte SPÖ-Vorsitzender Babler am 16. Mai 2024 einen Entschließungsantrag der SPÖ an, mit der sie Bildungsminister Polaschek zum Handeln für saubere Luft auffordern wollen. Die Aussendung fand kein Medienecho, lediglich unter Anhängern der SPÖ und der Initiative Gesundes Österreich (IGÖ) gab es viel Beifall für die notwendigen Forderungen.

Ich glaube, dass es mehr braucht als gelegentlich eine Presseaussendung und politische Forderungen, die an der neoliberal-esoterischen Teflonregierung wie das Amen im Gebet abprallen. Für eine gesellschaftliche Debatte über die Gesundheit der Bevölkerung und ihrer Kinder muss man das Thema breiter aufstellen, mit regelmäßigen Pressekonferenzen, Arbeitsgruppen, die sich zuerst einmal darum kümmern, die eigenen Mitglieder von der Notwendigkeit zu überzeugen. Wenn man Gewerkschaftler anspricht, warum sich nicht mehr für den Schutz der Gesundheit am Arbeitsplatz eingesetzt wird, wird man nur angeblafft “Das ist nicht unser Job, das ist die Aufgabe des Arbeitgebers!” Dann wird auf die geltenden Gesetzeregelungen verwiesen, die nicht mehr meldepflichtige schwerwiegende Erkrankungen wie Influenza oder SARS-CoV2 ignorieren, und auch sonst keine klaren oder veralteten Regeln vorschreiben zum Infektionsschutz.

Das C-Wort wurde aus der letzten Presseaussendung herausgehalten. Ohne einen realistischen Rückblick auf die Pandemie und auf die Gegenwart, wo weder SARS-CoV2 noch all jene Betroffene mit Spätfolgen verschwunden sind, kann ein Vorwärtsschauen aber kaum mit den richtigen Schlussfolgerungen gelingen. In weiten Teilen der Bevölkerung, darunter auch der SPÖ-Wählerschaft, hält sich hartnäckig der Irrglaube, SARS-CoV2 und auch andere Infektionskrankheiten wären für ihre Kinder harmlos, gehörten zur Kindheit dazu, würden das Immunsystem trainieren und Maßnahmen wie Luftreiniger und Fensterlüften würden diese notwendigen Infektionen unterbinden, oder durch “Zugluft” gar befeuern. Wenn man glaubt, dass Infektionen harmlos und notwendig sind, wird man sich nicht für Schutzmaßnahmen einsetzen, die die Anzahl von Infektionen verringern.

Esoterische Mythen, Steiner-Philosophie und vor allem die massive Desinformation über Jahre hinweg durch Pseudoexperten, Pandemieleugner und Verharmlosung durch die Bundesregierung sind sicherlich schwer zu durchbrechen, dazu kommt die neoliberale Menschenfeindlichkeit der ÖVP, die ja auch die wachsende (Kinder-)Armut in Österreich abstreitet.

Es gibt nun zwei Ansätze, diese einbetonierte Ignoranz zu durchbrechen: Entweder gelingt es, die Regierung oder künftige Regierungen zu überzeugen, dass Handlungsbedarf besteht. Dann würde es neue bundesweite Gesetzesregelungen geben, so sie nicht am Föderalismus scheitern, und saubere Luft in Innenräumen müsste vollzogen werden, ob das die Wähler wollen, für wichtig halten oder nicht. Oder aber, im Hinblick darauf, dass die Entscheidungsträger ihre Beliebtheit mehr interessiert als Umsetzung von sinnvollen Forderungen, man überzeugt genügend Teile der Bevölkerung davon, dass regelmäßige Infektionen tatsächlich schädlich und Gegenmaßnahmen sinnvoll sind – dann erreicht man auch leichter die Zustimmung der anderen Parteien. Die Schädlichkeit lässt sich eindrucksvoll demonstrieren anhand der Vervielfachung von Krankenständen, Milliardenschäden und die weiterhin wachsende Zahl von LongCOVID/MECFS-Betroffenen.

Ich glaube, dass langfristig nur der zweite Weg erfolgreich sein kann. Aus Furcht vor der FPÖ das C-Wort, P-Wort und M-Wort nicht mehr anzusprechen, und zu hoffen, trotzdem durchzukommen, ist keine langfristig tragfähige Strategie in meinen Augen. Ironischerweise hat ausgerechnet die FPÖ schon mehrfach Anträge für saubere Luft in Schulen eingebracht, wurde dafür aber z.B. von der Wiener SPÖ abgewiesen. Babler hat offenbar keinen Rückhalt durch Platzhirsch Ludwig.

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Mythen rund um die “Erkältungszeit” – Folge 3: Das Immunsystem braucht kein Training durch Infektionen

Anzahl der Keuchhusten-Fälle, die seit 2011 der ECDC gemeldet wurden, Stand 31.03.24

Das Immunsystem ist kein Bankkonto, in das man ständig Infektionen einzahlen muss, um keine Immunschulden anzuhäufen. Es ist auch kein Muskel, der ständig in Kontakt mit Viren und Bakterien kommen muss, um stark zu bleiben. Nach dem sukzessiven Ende aller Schutzmaßnahmen kamen die saisonalen und ganzjährigen Infektionskrankheiten zurück in die Mitte der Gesellschaft. Ein Umstand, der eindrucksvoll aufzeigt, dass Schutzmaßnahmen wie Kontaktbeschränkungen, Masken und etwa telefonische Krankmeldungen funktioniert haben. Leider fallen die Rückbetrachtungen zur Pandemie häufig vernichtend zu jenen Schutzmaßnahmen aus, die hunderttausenden von Menschen das Leben gerettet haben – darunter befinden sich auch Schulschließungen oder die Maskenpflicht im Gesundheits-, Bildungs- und öffentlichen Verkehrswesen. Genervte, empörte oder durch Verschwörungserzählungen allgemein verlorene Mitbürger verdrängen die Fakten und empfangen unwissenschaftliche Behauptungen, die Schutzmaßnahmen in Frage stellen, mit offenen Armen.

  • “Ich bin jetzt ständig krank, weil ich jahrelang Maske getragen habe.” höre ich dann von jenen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die die Maske meist widerwillig und so selten wie nur möglich getragen haben.
  • “Das Immunsystem ist nach den jahrelangen Lockdowns untrainiert”, behaupten selbst Hausärzte und Apotheker, aber auch so manche Infektiologen im Fernsehen, und ermuntern die Mitbürger dazu, sich achtlos erhöhtem Infektionsrisiko auszusetzen.
  • “Das sind alles Nachholeffekte, weil es in den Jahren mit Maßnahmen kaum Infektionen gab.” sagen Epidemiologen, und lassen einen damit im Unklaren, ob man diese Infektionen jetzt aktiv nachholen sollte, oder ob sich einfach mehr Menschen infizieren, aber man selbst könnte auf diese Infektionsrunde einfach verzichten und würde damit nichts verlieren.
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Mythen rund um die „Erkältungszeit“ – Folge 2: Zugluft löst keine Infektionen aus, nur Viren

Bei knapp zweistelligen Minusgraden und Sturmböen am Gipfel.

„ich bin im Regen mit dem Rad gefahren, deshalb jetzt krank.“

„Das war die kalte Klimaanlage im Büro“

„Die Zugluft beim Autofahren.“

“Ich saß mit nassen Haaren draußen.”

“Ich hab so stark geschwitzt und dann gefroren.”

“Der Luftreiniger wars, der so gezogen hat.”

Gängige Mythen in der Bevölkerung, wie Erkältungen zustandekommen

Es ist tatsächlich sehr verlockend zu glauben, dass ein kalter Luftzug und Frieren bereits der Auslöser für nachfolgende “schwere Verkühlungen” sind, schließtlich heißt es ja auch Erkältung, englisch common cold. In der kalten Jahreszeit häufen sich zudem Erkältungskrankheiten, weshalb der Zusammenhang naheliegt, dass nasskaltes Schmuddelwetter diese bedingt. Ich erinnere mich an eine Wanderung im März 2016. Auf der Rückfahrt blies mich die Klimaanlage unangenehm kalt an. Am Folgetag lag ich krank im Bett und dann mehrere Tage flach mit hohem Fieber. Ich erinnere mich an eine Radfahrt im Frühling in Innsbruck im kurzen Leiberl, aber warm war nur der Föhn und als dieser später abriss, fror ich erbärmlich. In den Folgetagen streckte mich ebenfalls eine Infektion nieder. Können Kälte, Zugluft und Frieren alleine Infektionen auslösen?

Die kurze Antwort: Nein. Es sind ausnahmslos Ansteckungen mit Viren notwendig.

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Kein Freifahrtschein für unsolidarisches Verhalten (K 16/04)

Menschenleerer Michaelerplatz, Innere Stadt vor der Hofburg, im ersten Lockdown im April 2020

Seit die Pandemie von der Politik mit Jahresbeginn 2023 für beendet erklärt wurde und das Ende des Internationalen Gesundheitsnotstands durch die WHO im Mai 2023 fälschlicherweise mit dem offiziellen Pandemieende gleichgesetzt wurde, läuft die sogenannte Aufarbeitung der Pandemie durchwegs in die falsche Richtung, nämlich fast ausschließlich als Versöhnung mit Pandemieleugnern konzipiert, um mittelfristig Protestwählerstimmen zurückzuholen. Im Vordergrund stehen ausschließlich die überschießenden Maßnahmen, die angeblich nicht notwendig gewesen wären, und dass man in künftigen Pandemien Grundrechte nie mehr so beschneiden dürfe wie zu Beginn der SARS-CoV2-Pandemie.

Egal ob man es Pandemie oder Endemie nennt, Corona ist weiterhin da und erfordert Anpassungen, um sich dauerhaft vor Reinfektionen und Erstinfektionen vor allem bei Kindern zu schützen.

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Mythen rund um die “Erkältungszeit” – Folge 1: Aerosole sind der Hauptübertragungsweg, nicht Schmierinfektion.

Der Massenanteil des Virus im Verhältnis zum Wassertröpfchen ist sehr gering (Quelle).

Ich starte eine weitere Serie neben meiner unregelmäßigen Kolumne. Hier soll es sich um typische Mythen, Aberglauben und schlicht Desinformation zur Erkältungszeit gehen. In der ersten Folge widme ich mich einem fundamentalen Paradigmenwechsel zu respiratorischen Erregern, bei denen es sich großteils um Atemwegserreger handelt wie Rhinoviren, Influenza- und RS-Viren, aber auch um Krankheitserreger, die sich als Atemwegsinfekt tarnen, dann aber im gesamten Körper randalieren können, wie SARS-CoV2 oder Masern.

Jahrzehntelang galt Händewaschen als die gängigste Empfehlung gegen respiratorische Infekte, bis hinterfragt worden ist, wie aussagekräftig denn die Beweislage wirklich für Schmierinfektion (“fomites”) und große (sichtbare) Tröpfchen ist, die beim Husten, Niesen und feuchter Aussprache entstehen. In der traditionellen Vorstellung und bis heute verbreiteten Handlungsempfehlungen zur Vorbeugung von Ansteckungen kontaminieren diese Tröpfchen dann Oberflächen, die häufig berührt werden – beim Händeschütteln, auf Türschnallen, an Haltegriffen in öffentlichen Verkehrsmitteln, gemeinsames Besteck, die gemeinsame Trinkflasche. Die empfängliche Person greift dann die kontaminierte Oberfläche an und reibt sich mit den Fingern die Schleimhäute, z.B. ins Auge greifen oder in der Nase bohren. So wird dann die Virusübertragung erklärt.

In diesem Beitrag werde ich dank zahlreicher Studien, die vor und seit der weltweiten Zirkulation von SARS-CoV2 erschienen sind, das Gegenteil belegen können – nämlich, dass Oberflächen berühren, Schleimhäute anfassen und große Spucktropfen nur im Ausnahmefall der Übertragungsweg sind, sondern ein Spektrum an Atemwegströpfchen, von denen die kleinsten Tröpfchen (Aerosole) am bedeutesten für die Infektion sind.

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Erratum: Sich nicht verrennen (K 15/03)

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen – up to date bleiben ist aufwändig.

Vor mittlerweile ein paar Jahren habe ich einen vergleichbaren Beitrag für eigene Irrtümer zur Pandemie erstellt. Selbstkritisch bleiben ist wichtig, ebenso seinen aktuellen Kenntnisstand anpassen, wenn es neue Erkenntnisse gibt. Sonst machen wir uns Kritikern gegenüber angreifbar, die uns nachfolgend als Extremposition abqualifizieren und nicht ernstnehmen. Ich habe den Eindruck, dass nicht nur in der Allgemeinbevölkerung viele am Stand März 2020 stehengeblieben sind, sondern auch innerhalb von #TeamVernunft ein Teil die Narrative lebt, die ich seit dem Sommer 2020 entschieden bekämpfe.

Inhaltsverzeichnis:

  • “Es gibt keine breite Immunität” – It depends …
  • “Ich desinfiziere mir häufig die Hände und alle Einkäufe”
  • “Ich nehme Virx, Augentropfen, Schutzbrille und Mundspülung, um mich nicht anzustecken.”
  • “Benutze doch einen kleinen Luftfilter für unterwegs!”
  • “Im Nahbereich schützen auch OP-Masken, weil es sich dann um Tröpfcheninfektion handelt.”
  • Steigende Krankenstände durch Vulnerabilität oder Exposition?
  • “Wir sind noch mitten in der Pandemie”
  • “Es gibt jederzeit überall ein Risiko”
  • Novavax versus mRNA
  • Angepasste Impfstoffe sind besser als ihr Ruf
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Blogpause

Für den restlichen März melde ich mich hiermit aufgrund von Zeitmangels ab – außer es tut sich an der Variantenfront gravierendes. Ein paar Themen hätte ich durchaus in der Pipeline, von “Wie sehr schwächt Corona wirklich unser Immunsystem?” über “Darf man eine andere Ansicht als Drosten haben?” bis hin zu “Häufig gestellte Fragen zu Luftreinigern”. Auch bin ich weiterhin der Meinung, dass der Alpenverein und die Naturfreunde sich mehr für Prävention einsetzen und sensibilisieren sollten. Das zeigte unlängst wieder eine nicht so glanzvolle CO2-Messung auf einer Alpenvereinshütte.

Aber zwischen schreiben wollen und schreiben können drängen sich derzeit Schichtdienst, Termine und das Bedürfnis nach Erholung und Tapetenwechsel abseits vom Computer.

Darum werde ich jetzt einmal nach recht genau 4 Jahren eine Pause einlegen. Ich versuche in der Zeit, die auf Twitter gespeicherten Lesezeichen sporadisch in den coronafakten.com-Blog zu übernehmen, aber Zeit für extra Beiträge habe ich keine.

Danke für Euer Verständnis und bis bald!

Der Wissenschaft folgen, Risiken reduzieren (K 13/02)

Ich werde auf meinem Blog nicht vorgaukeln, weiterhin strengste Vorsichtsmaßnahmen mit Null Risikoinkaufnahme einzuhalten, die ich selbst dann nicht lebe. Das Risikoprofil der Menschen ist verschieden und damit auch die Art und Weise, wie mit der aktuellen Situation umgegangen wird. Dritte nicht gefährden ist dabei die rote Linie für mich.

So wie ich auf hohe Abwasserwerte und viele symptomatische Personen im Umfeld reagiere, indem ich die Zügel fester anziehe, reagiere ich auch auf niedrige Abwasserwerte und gehe für mich vertretbare Risiken eher ein. Ich möchte das hier am Beispiel Restaurantbesuch erläutern. Persönlich lieber wäre mir in vielen Situationen Take-Away wie zu Lockdownzeiten bzw. die Möglichkeit draußen zu sitzen. Das Winterhalbjahr verläuft damit seit Ende der Schutzmaßnahmen recht eintönig – auch klassische Winterurlaube sind für mich nicht mehr umsetzbar. Dieses Ungleichgewicht ist belastend, wenn man ein halbes Jahr Freizeit und Urlaub nicht nutzen kann wie seine Kollegen. Das Höchste der Gefühle ist für mich daher ein gutes Auswärtsfrühstück oder eine Hütteneinkehr, zumindest aber in Verbindung mit einem Ausflug oder einer Wanderung auch auswärts essen gehen zu können, wenn ich schon auf Übernachtungen verzichten muss. All jene, die darauf keinen Wert legen, weil sie lieber zuhause essen oder sich gegenseitig bekochen, müssen ab hier nicht weiterlesen. Wenn das für Euch so passt, dann gibt es daran nichts zu kritisieren.

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Kolumne 12/01: Die Immunität wurde stärker, nicht das Virus milder

Grafik adaptiert von Jeff Bergheim (Twitter)

Manche Wahrheiten muss man so oft wiederholen, bis man es nicht mehr verhindern kann, es zu wissen: SARS-CoV2 war nie rein auf die Atemwege beschränkt. Die Übertragung des Virus passiert über die Atemwege durch winzige Aerosole, die inhaliert werden. Über die Atemwege gelangt das Virus in die Lunge und ruft dort bei schweren akuten Verläufen eine Lungenentzündung hervor. Das Virus verbreitet sich aber nicht nur in den Atemwegen, sondern im ganzen Körper und richtet an jedem Organ, in jeder Zelle Schäden an. SARS-CoV2 als systemische Gefäßerkrankung ist seit April 2020 bekannt.

Wiederholt behaupten Pseudoexperten, dass Viren mit der Zeit harmloser werden würden und begründen das mit der Behauptung, dass das Virus seinen Wirt nicht töten möchte, weil es sich sonst nicht verbreiten kann. Was ist dran an dieser Behauptung? Werden Viren wirklich mit der Zeit harmloser? Welchen Einfluss hat die Immunität durch Impfung und überstandene Infektionen? Ist Omicron tatsächlich mild? Diese Fragen möchte ich im folgenden Artikel adressieren. Spoiler: Es ist keinesfalls eine allgemein gültige Regel, dass Viren mit der Zeit harmloser werden, und Omicron ist nicht mild.

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