Mythen rund um die „Erkältungszeit“ – Folge 2: Zugluft löst keine Infektionen aus, nur Viren

Bei knapp zweistelligen Minusgraden und Sturmböen am Gipfel.

„ich bin im Regen mit dem Rad gefahren, deshalb jetzt krank.“

„Das war die kalte Klimaanlage im Büro“

„Die Zugluft beim Autofahren.“

“Ich saß mit nassen Haaren draußen.”

“Ich hab so stark geschwitzt und dann gefroren.”

“Der Luftreiniger wars, der so gezogen hat.”

Gängige Mythen in der Bevölkerung, wie Erkältungen zustandekommen

Es ist tatsächlich sehr verlockend zu glauben, dass ein kalter Luftzug und Frieren bereits der Auslöser für nachfolgende “schwere Verkühlungen” sind, schließtlich heißt es ja auch Erkältung, englisch common cold. In der kalten Jahreszeit häufen sich zudem Erkältungskrankheiten, weshalb der Zusammenhang naheliegt, dass nasskaltes Schmuddelwetter diese bedingt. Ich erinnere mich an eine Wanderung im März 2016. Auf der Rückfahrt blies mich die Klimaanlage unangenehm kalt an. Am Folgetag lag ich krank im Bett und dann mehrere Tage flach mit hohem Fieber. Ich erinnere mich an eine Radfahrt im Frühling in Innsbruck im kurzen Leiberl, aber warm war nur der Föhn und als dieser später abriss, fror ich erbärmlich. In den Folgetagen streckte mich ebenfalls eine Infektion nieder. Können Kälte, Zugluft und Frieren alleine Infektionen auslösen?

Die kurze Antwort: Nein. Es sind ausnahmslos Ansteckungen mit Viren notwendig.

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Kein Freifahrtschein für unsolidarisches Verhalten (K 16/04)

Menschenleerer Michaelerplatz, Innere Stadt vor der Hofburg, im ersten Lockdown im April 2020

Seit die Pandemie von der Politik mit Jahresbeginn 2023 für beendet erklärt wurde und das Ende des Internationalen Gesundheitsnotstands durch die WHO im Mai 2023 fälschlicherweise mit dem offiziellen Pandemieende gleichgesetzt wurde, läuft die sogenannte Aufarbeitung der Pandemie durchwegs in die falsche Richtung, nämlich fast ausschließlich als Versöhnung mit Pandemieleugnern konzipiert, um mittelfristig Protestwählerstimmen zurückzuholen. Im Vordergrund stehen ausschließlich die überschießenden Maßnahmen, die angeblich nicht notwendig gewesen wären, und dass man in künftigen Pandemien Grundrechte nie mehr so beschneiden dürfe wie zu Beginn der SARS-CoV2-Pandemie.

Egal ob man es Pandemie oder Endemie nennt, Corona ist weiterhin da und erfordert Anpassungen, um sich dauerhaft vor Reinfektionen und Erstinfektionen vor allem bei Kindern zu schützen.

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Mythen rund um die “Erkältungszeit” – Folge 1: Aerosole sind der Hauptübertragungsweg, nicht Schmierinfektion.

Der Massenanteil des Virus im Verhältnis zum Wassertröpfchen ist sehr gering (Quelle).

Ich starte eine weitere Serie neben meiner unregelmäßigen Kolumne. Hier soll es sich um typische Mythen, Aberglauben und schlicht Desinformation zur Erkältungszeit gehen. In der ersten Folge widme ich mich einem fundamentalen Paradigmenwechsel zu respiratorischen Erregern, bei denen es sich großteils um Atemwegserreger handelt wie Rhinoviren, Influenza- und RS-Viren, aber auch um Krankheitserreger, die sich als Atemwegsinfekt tarnen, dann aber im gesamten Körper randalieren können, wie SARS-CoV2 oder Masern.

Jahrzehntelang galt Händewaschen als die gängigste Empfehlung gegen respiratorische Infekte, bis hinterfragt worden ist, wie aussagekräftig denn die Beweislage wirklich für Schmierinfektion (“fomites”) und große (sichtbare) Tröpfchen ist, die beim Husten, Niesen und feuchter Aussprache entstehen. In der traditionellen Vorstellung und bis heute verbreiteten Handlungsempfehlungen zur Vorbeugung von Ansteckungen kontaminieren diese Tröpfchen dann Oberflächen, die häufig berührt werden – beim Händeschütteln, auf Türschnallen, an Haltegriffen in öffentlichen Verkehrsmitteln, gemeinsames Besteck, die gemeinsame Trinkflasche. Die empfängliche Person greift dann die kontaminierte Oberfläche an und reibt sich mit den Fingern die Schleimhäute, z.B. ins Auge greifen oder in der Nase bohren. So wird dann die Virusübertragung erklärt.

In diesem Beitrag werde ich dank zahlreicher Studien, die vor und seit der weltweiten Zirkulation von SARS-CoV2 erschienen sind, das Gegenteil belegen können – nämlich, dass Oberflächen berühren, Schleimhäute anfassen und große Spucktropfen nur im Ausnahmefall der Übertragungsweg sind, sondern ein Spektrum an Atemwegströpfchen, von denen die kleinsten Tröpfchen (Aerosole) am bedeutesten für die Infektion sind.

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Erratum: Sich nicht verrennen (K 15/03)

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen – up to date bleiben ist aufwändig.

Vor mittlerweile ein paar Jahren habe ich einen vergleichbaren Beitrag für eigene Irrtümer zur Pandemie erstellt. Selbstkritisch bleiben ist wichtig, ebenso seinen aktuellen Kenntnisstand anpassen, wenn es neue Erkenntnisse gibt. Sonst machen wir uns Kritikern gegenüber angreifbar, die uns nachfolgend als Extremposition abqualifizieren und nicht ernstnehmen. Ich habe den Eindruck, dass nicht nur in der Allgemeinbevölkerung viele am Stand März 2020 stehengeblieben sind, sondern auch innerhalb von #TeamVernunft ein Teil die Narrative lebt, die ich seit dem Sommer 2020 entschieden bekämpfe.

Inhaltsverzeichnis:

  • “Es gibt keine breite Immunität” – It depends …
  • “Ich desinfiziere mir häufig die Hände und alle Einkäufe”
  • “Ich nehme Virx, Augentropfen, Schutzbrille und Mundspülung, um mich nicht anzustecken.”
  • “Benutze doch einen kleinen Luftfilter für unterwegs!”
  • “Im Nahbereich schützen auch OP-Masken, weil es sich dann um Tröpfcheninfektion handelt.”
  • Steigende Krankenstände durch Vulnerabilität oder Exposition?
  • “Wir sind noch mitten in der Pandemie”
  • “Es gibt jederzeit überall ein Risiko”
  • Novavax versus mRNA
  • Angepasste Impfstoffe sind besser als ihr Ruf
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Blogpause

Für den restlichen März melde ich mich hiermit aufgrund von Zeitmangels ab – außer es tut sich an der Variantenfront gravierendes. Ein paar Themen hätte ich durchaus in der Pipeline, von “Wie sehr schwächt Corona wirklich unser Immunsystem?” über “Darf man eine andere Ansicht als Drosten haben?” bis hin zu “Häufig gestellte Fragen zu Luftreinigern”. Auch bin ich weiterhin der Meinung, dass der Alpenverein und die Naturfreunde sich mehr für Prävention einsetzen und sensibilisieren sollten. Das zeigte unlängst wieder eine nicht so glanzvolle CO2-Messung auf einer Alpenvereinshütte.

Aber zwischen schreiben wollen und schreiben können drängen sich derzeit Schichtdienst, Termine und das Bedürfnis nach Erholung und Tapetenwechsel abseits vom Computer.

Darum werde ich jetzt einmal nach recht genau 4 Jahren eine Pause einlegen. Ich versuche in der Zeit, die auf Twitter gespeicherten Lesezeichen sporadisch in den coronafakten.com-Blog zu übernehmen, aber Zeit für extra Beiträge habe ich keine.

Danke für Euer Verständnis und bis bald!

Der Wissenschaft folgen, Risiken reduzieren (K 13/02)

Ich werde auf meinem Blog nicht vorgaukeln, weiterhin strengste Vorsichtsmaßnahmen mit Null Risikoinkaufnahme einzuhalten, die ich selbst dann nicht lebe. Das Risikoprofil der Menschen ist verschieden und damit auch die Art und Weise, wie mit der aktuellen Situation umgegangen wird. Dritte nicht gefährden ist dabei die rote Linie für mich.

So wie ich auf hohe Abwasserwerte und viele symptomatische Personen im Umfeld reagiere, indem ich die Zügel fester anziehe, reagiere ich auch auf niedrige Abwasserwerte und gehe für mich vertretbare Risiken eher ein. Ich möchte das hier am Beispiel Restaurantbesuch erläutern. Persönlich lieber wäre mir in vielen Situationen Take-Away wie zu Lockdownzeiten bzw. die Möglichkeit draußen zu sitzen. Das Winterhalbjahr verläuft damit seit Ende der Schutzmaßnahmen recht eintönig – auch klassische Winterurlaube sind für mich nicht mehr umsetzbar. Dieses Ungleichgewicht ist belastend, wenn man ein halbes Jahr Freizeit und Urlaub nicht nutzen kann wie seine Kollegen. Das Höchste der Gefühle ist für mich daher ein gutes Auswärtsfrühstück oder eine Hütteneinkehr, zumindest aber in Verbindung mit einem Ausflug oder einer Wanderung auch auswärts essen gehen zu können, wenn ich schon auf Übernachtungen verzichten muss. All jene, die darauf keinen Wert legen, weil sie lieber zuhause essen oder sich gegenseitig bekochen, müssen ab hier nicht weiterlesen. Wenn das für Euch so passt, dann gibt es daran nichts zu kritisieren.

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Kolumne 12/01: Die Immunität wurde stärker, nicht das Virus milder

Grafik adaptiert von Jeff Bergheim (Twitter)

Manche Wahrheiten muss man so oft wiederholen, bis man es nicht mehr verhindern kann, es zu wissen: SARS-CoV2 war nie rein auf die Atemwege beschränkt. Die Übertragung des Virus passiert über die Atemwege durch winzige Aerosole, die inhaliert werden. Über die Atemwege gelangt das Virus in die Lunge und ruft dort bei schweren akuten Verläufen eine Lungenentzündung hervor. Das Virus verbreitet sich aber nicht nur in den Atemwegen, sondern im ganzen Körper und richtet an jedem Organ, in jeder Zelle Schäden an. SARS-CoV2 als systemische Gefäßerkrankung ist seit April 2020 bekannt.

Wiederholt behaupten Pseudoexperten, dass Viren mit der Zeit harmloser werden würden und begründen das mit der Behauptung, dass das Virus seinen Wirt nicht töten möchte, weil es sich sonst nicht verbreiten kann. Was ist dran an dieser Behauptung? Werden Viren wirklich mit der Zeit harmloser? Welchen Einfluss hat die Immunität durch Impfung und überstandene Infektionen? Ist Omicron tatsächlich mild? Diese Fragen möchte ich im folgenden Artikel adressieren. Spoiler: Es ist keinesfalls eine allgemein gültige Regel, dass Viren mit der Zeit harmloser werden, und Omicron ist nicht mild.

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Kolumne 11/01: Wie LongCOVID/MECFS -Betroffene im Stich gelassen werden

Berge sind für mich Lebensqualität – sie bleibt aber nur bei guter Gesundheit

“Die Gesellschaft demonstriert gegen Nazis, aber nicht für Zusammenhalt und Rücksichtnahme. Das würde ja persönliche Einschränkungen bedeuten. 40 Jahre Neoliberalismus zeigen ihr hässliches Gesicht.”

das Bruderherz

Mangelnde Prävention bei “Solidaraktionen”

Es brennt auf allen Ebenen, nicht nur hierzulande, aber ich schreibe als Bürger von Österreich und beziehe mich auf die Situation vor Ort. Vor wenigen Tagen schrieb ich darüber, wie wichtig es gewesen wäre, wenn die Demonstranten gegen Rechtsextremismus und Faschismus bei ihrer Anreise und zumindest innerhalb der Menge eine Maske getragen hätten. Ich konnte nicht mit gutem Beispiel vorangehen, weil ich an diesem Tag arbeiten musste. Die Bilder haben leider gezeigt, dass nur ganz wenige anständige Menschen unter den Demonstranten waren, die sich vor allem selbst schützen wollten oder mussten, und als Kollateralnutzen, weil Masken auch die Verbreitung von Viren verhindert, ihr Umfeld mitgeschützt haben. Keiner der Veranstalter und teilnehmender Organisationen oder Parteien hat eine Empfehlung zur Maske ausgesprochen – warum auch, wir haben ja nur eine starke Influenza- und RSV-Welle, die zu etlichen Krankenständen, Hospitalisierungen und Todesfällen führt. SARS-CoV2 ist zwar weiter am Rückzug, aber nicht vorbei und eben deutlich ansteckender als andere Viren. Es ist frustrierend und beschämend, dass die Gesellschaft ernsthaft glaubt, sie hätten ihre Standhaftigkeit gegen Faschismus aufgezeigt, diese dann aber im Alltag nicht leben. Vulnerable und kranke Menschen hätten es nicht verdient, an der Demonstration sicher teilnehmen zu können. Das ist die Botschaft der Bilder, und damit ist bereits ein Ziel der Neofaschisten erreicht – lebenswertes und lebensunwertes Leben wird getrennt. Wer sich auf der Demo oder in einer vollgestopften U-Bahn infiziert hat, der hat halt Pech gehabt, wird dann von der Mehrheit der standfesten Demonstranten ignoriert werden. Ich empfinde das als scheinheilig.

PR-Sprech vom Gesundheitsministerium

In Österreich hat der Oberste Sanitätsrat ein Kompetenzzentrum für postvirale Erkrankungen empfohlen. Einerseits um die große Zahl an durch SARS-CoV2 neu erkrankten Betroffenen behandeln zu können, andererseits um die bereits bestehende große Zahl an MECFS-Patienten zu adressieren. Beim MECFS-Symposium im Herbst 2023 kündigte Gesundheitsminister Rauch (Grüne) ein Referenzzentrum an – das Wording macht hier den Unterschied, denn es dient primär dem Austausch von Forschung und Ärzten, aber nicht als Anlaufstelle für Betroffene selbst. Es gibt aber de facto schon diesen Austausch durch Fortbildungen und Vorträge, wo sich die Universitäten und Institute mit Allgemein- und Fachmedizinern vernetzen. Ist das geplante Referenzzentrum also nur ein PR-Gag? Ein Kompetenzzentrum ist nur interdisziplinär sinnvoll, um sowohl medizinische als auch soziale Fragestellungen abzudecken. Betroffene, die auf der verzweifelten Suche nach wirksamen Therapien und Medikamenten sind, aber gleichzeitig um die Anerkennung ihrer Krankheit für ÖGK, AMS und PVA kämpfen, die “ausgesteuert” werden und aus dem System fallen – aus den sozialen Netzen.

Die Leitung des Referenzzentrums soll im Februar auf europäischer Ebene ausgeschrieben werden – die Bewerbungsfrist soll sechs Monate dauern – dann ist August und die heiße Wahlkampfphase, in der Parteien anything but Covid am Schirm haben werden. Welches Bundesland möchte dieses Referenzzentrum – oder gar ein Kompetenzzentrum haben? Die Weandmecfs-Stiftung, die durch die Bäckereifirma Ströck gegründet wurde, will den Aufbau eines echten Kompetenzzentrums vorantreiben und stellt dafür 1 Millionen Euro zur Verfügung. Bis jetzt hat sich aber unter den Sozialversicherungsträgern und der Regierung noch kein Abnehmer für das Geld und den damit verbundenen Zweck gefunden, schrieb die Österreichische Gesellschaft für ME/CFS am 31.01.24 auf Twitter.

Die SPÖ in Wien schaut weg

Die Stadt Wien macht auch keine Anstalten, hier Pionierarbeit leisten zu wollen und sich als Stätte für ein solches Kompetenzzentrum für Betroffene anzubieten. Das würde ja Kosten verursachen. Hier zeigt sich leider das wahre Gesicht der SPÖ-Wien, deren “strenger Weg in der Pandemie” reiner Populismus und Selbstzweck war. Die Initiative mit den Gurgeltests verhinderte die Durchseuchung der Kinder nicht, die Maskenpflicht galt einzig zum “Schutz” der Bettenkapazitäten der Wiener Spitäler. Als diese covidspezifische Überlastung nicht mehr gegeben war, hatte man keinerlei Skrupel, die Maskenpflicht in Wien trotz mehrerer Winterwellen aufzuheben und in den Spitälern ganz abzuschaffen. Betroffene von Spätfolgen waren auch der SPÖ Wien egal und trotz zahlreicher Aufforderung haben die Wiener Viruslinien zu keinem Zeitpunkt während der rekordhohen JN.1-Welle erwogen, eine Maskenempfehlung auszusprechen. Diebstahlgefahr von Gegenständen wird höher gewichtet als der Diebstahl der Gesundheit ihrer Fahrgäste.

Mangelndes Bewusstsein im Spitzen- und Breitensport

Es häufen sich klarerweise diesen Winter die Unfälle im Profi-Skisport. In vielen Fällen wurde trotz eines nicht auskurierten Infekts gefahren. Weil das böse C-Wort niemand ausspricht, war es die Verkühlung, der grippale Infekt, die plötzliche Schwäche oder das Pfeiffersche Drüsenfieber von 2018. Wir sehen direkt die unmittelbaren Folgen, wenn eine schwere Viruserkrankung nicht ernstgenommen wird, egal ob SARS-CoV2 oder Influenza. Spitzensportler müssen ihre Karriere vorzeitig beenden, weil sie PEM entwickeln und nicht mehr trainieren können. Der Spitzensport wäre so wichtig, nicht nur im Skizirkus, sondern auch im Fußball, um Bewusstsein für Prävention und Langzeitfolgen zu schaffen. Er wäre zugleich niederschwellig und würde die breite kritische Masse erreichen, um zu sensibilisieren.

Auch im Breiten- und Alpinsport herrscht keinerlei Bewusstsein dafür, wie viele bereits betroffen sind, wie viele Mitglieder dem Alpenverein oder den Naturfreunden durch Spätfolgen einer von Mensch zu Mensch übertragenen Viruserkrankung abhandengekommen sind. Offenbar hält man sich durch körperliche Fitness für unverwundbar und entwickelt den Survivorship-Bias: Wenn ich es ohne Probleme mit wenigen Symptomen überstanden habe, trifft das auf alle zu. Nur ist das eben nicht so. Selbst 1-2% Spätfolgen bei jeder Welle sind viel bei hunderttausenden Infektionen. Manche erwischt es bei der zweiten, dritten, vierten oder erst fünften Infektion dann, nachdem man vier Infektionen lang geglaubt hat, man würde jetzt jede Infektion gut wegstecken. Ein Trugschluss.

“Mach mit!” – Bewusstseinskampagne im Bergsport

Ich werde meine Strategie ändern müssen, wenn ich weiterhin für Bewusstsein sensibilisieren will – aus Eigennutz, weil ich eben mit mehr Risikoreduktion an Alpenvereinsveranstaltungen teilnehmen will, und als Ally für Betroffene, der die Ressourcen dafür hat, weiter das Thema Versorgung und Prävention bei postviralen Erkrankungen präsent zu halten.

Daher plane ich eine breite Umfrage, die sich an Betroffene richtet – die Mitglied der Gebirgsvereine sind oder einmal waren und dann aufgrund ihrer Corona-Spätfolgen sich vom Bergsport verabschieden mussten oder nurmehr sehr eingeschränkt ausüben können. Die gesammelten Texte möchte ich dann (anonymisiert) den Verantwortlichen der Bergsportvereine zukommen lassen – das verursacht vielleicht mehr Eindruck und Wille zu einer Reaktion als Aufklärungskampagnen, für die ich als Meteorologe, nicht als Mediziner oder Biologe, nicht qualifiziert genug erscheine, um ernstgenommen zu werden.

Wenn Betroffene oder deren Angehörige aus Österreich (!) hier mitlesen: Ihr könnt gerne Eure Story, egal wie lang, als Kommentar hier im Blog hinterlassen oder eine E-Mail schicken an: longcovidaustria (at) gmx.at – für Deutschland oder die Schweiz möge man bitte eigene Kampagnen organisieren, die man den dortigen Verantwortlichen dann zukommen lässt.

Ein offizieller Aufruf folgt noch.

Danke für Eure Hilfe!

Kolumne 10/01: Respektlosigkeit

“The Vertlartnic”: Wie kommt es, dass so viele Menschen Masken tragen? Gibt es etwas, was wir nicht wissen wollen?

Michael A. Osborne, Professor für Machine Learning, von LongCOVID betroffen

Stellt Euch vor, ihr geht zu einer Beratung im Sozialbereich, weil Euch der Schuh drückt und ein Teil des Problems ist der Umgang der Bevölkerung mit dem Infektionsrisiko durch SARS-CoV2. Ihr seit gut informiert, weil ihr euch auskennt oder jemanden kennt, der sich auskennt. Daher wisst ihr, dass die Abwasserinzidenzen stark am Steigen sind. Ihr habt ebenso Augen und Ohren, bekommt das Gehuste in den öffentlichen Verkehrsmitteln, am Arbeitsplatz und beim Einkaufen mit, und natürlich die vielen Krankenstände im Umfeld, Absagen von Veranstaltungen und Konzerten. Daher ist für Euch völlig logisch, und das sagt Euch der Hausverstand: In geschlossenen Räumen nur mit FFP2-Maske. Mit der aufgesetzten Maske betretet ihr die Beratungseinrichtung, wo euch die maskenlose Empfangsdame die Tür öffnet. Der Desinfektionsspender der Nächstenliebe steht gleich neben dem Eingang. Er ist immerhin halbleer, denn seit Jahren spatzen es die Pfeifen in der Regierung, dass Handhygiene die wichtigste Maßnahmen gegen eine Infektonskrankheit sein würde, die überwiegend über die Inhalation winziger Aerosole übertragen wird. Am Widerspruch stört sich niemand, denn Vuaschrift ist Vuaschrift. Die Beraterin kommt entgegen, auch sie trägt keine Maske. Sie führt dich wortlos ins Zimmer. Sie fragt immerhin nicht, ob man positiv oder krank sei und deswegen Maske trägt. Sie fragt aber auch nicht, ob sie sich eine aufsetzen soll, geschweige denn es automatisch zu tun, wie man es sich erwartet hätte.

Das Fenster ist geschlossen. Der Raum schmal und klein. Du hast natürlich an alles gedacht und auch Dein CO2-Messgerät mitgenommen. Die Werte steigen innerhalb der Beratungsstunde über 1000ppm. Unhealthy. Doch das ist gerade Deine geringere Sorge, denn die mangelnde Rücksichtnahme am Beginn der Stunde nagt an Deinem Vertrauen in die Beratung. Jetzt meidest Du das Thema Pandemie, Infektionen vermeiden, Maske tragen, weiterhin aufpassen. Das hinterlässt jedoch ein unbefriedigendes Gefühl. Du suchst schließlich nach Verständnis für Dein Anliegen, für Deine Belastung. Dann sprichst Du es doch an, ringst mit den Worten, stammelst herum, denn jetzt musst Du Dich behutsam des Pudels Kern nähern. Dir ist klar, dass die Beraterin zu den Unwissenden gehört. Die das tut, was ihr von oben vorgegeben wurde. Die es nicht für selbstverständlich hält, in sensiblen Settings Maske zu tragen. Denn es ist ein sensibles Setting, dieses Zwiegespräch in einem geschlossenen Raum und schlechter Durchlüftung. Hat sie sich vorher getestet? Warum sagte sie nichts? Das hätte Dich beruhigt, auch wenn Du weißt, wie wenig aussagekräftig Schnelltests oft sind. Dennoch – eine Käsescheibe mehr. Es ist auch sensibel, weil Du vulnerabel bist. Sonst säßest Du nicht hier, sondern würdest Dich vielleicht von der eigenen Partnerin oder Freunden beraten lassen. Offenbar brauchst Du externe Hilfe. Vielleichst ist es eine staatliche Einrichtung, die Menschen mit einer Behinderung berät – dann sind es erst recht vulnerable Menschen, die sich dorthin wenden.

Du sprichst es endlich aus, was Dich bedrückt und die Reaktion ist wie erwartet, vielmehr befürchtet. Relativ emotionsfrei, fast kühl, und letztendlich folgen die Stehsätze, die Du zuvor schon dutzende Mal gehört hast: Die Pandemie ist offiziell vorbei. Es gibt keine verpflichtenden Maßnahmen mehr. Es steht Dir frei Dich selbst zu schützen, aber Du hast keinen Anspruch darauf, geschützt zu werden. Das mag stimmen, aber Du hattest natürlich gehofft, dass Dein Gegenüber aus freien Stücken mehr tun würde als vorgeschrieben ist. Sie könnte ein CO2-Messgerät verwenden und öfter lüften, sie könnte einen Luftreiniger aufstellen. Sie könnte eine Maske aufsetzen, weil Du eine trägst. Nicht, weil sie glaubt, sich anzustecken, oder weil Deine Maske nicht ausreicht, sondern weil es auch einen relevanten psychologischen Effekt hat: Du fühlst Dich nicht mehr alleine. Du bist nicht mehr das Alien wie an den anderen 300 Tagen im Jahr, wo Du das Haus verlässt. Dir wird signalisiert, dass Du das Richtige tust, das Vernünftige in dieser Situation. Das Gegenüber zeigt Dir aber auch den Respekt, der Dir zusteht. Denn in Deiner aktuellen vulnerablen Lage brauchst Du eine zusätzliche Virusinfektion nicht auch noch. Und: Du kennst die potentiellen Folgen von SARS-CoV2, Du kennst Deine eigenen Grunderkrankungen. Eine weitere Verschlechterung wäre mitunter fatal, nicht nur gesundheitlich, sondern auch für Deine Arbeitsfähigkeit, für den Lebensunterhalt.

Du ärgerst Dich, denn die Person, die Dich berät, die Menschen, wie Dich berät, sollte das wissen und darauf Rücksicht nehmen. Du solltest nicht darum bitten müssen, respektvoll behandelt zu werden. Bitten und betteln musst Du im Alltag genug. Oft schluckst Du Deinen Ärger herunter und sagst nichts. Oft geht es gut, aber es belastet mental immens. Was ist, wenn es nicht mehr gut geht? Du kennst die Situation der Langzeitbetroffenen, die Schikanen durch die Ämter und Behörden, durch Krankenkassen und Versicherungen, durchs Arbeitsamt, durch den Arbeitgeber, der sich weigert, Teilzeit oder Homeoffice zu ermöglichen. Du kennst die deprimierenden Erzählungen von Betroffenen, die nicht mehr so fit werden wie vor der Infektion. Obwohl sie mehrfach geimpft waren. Doch das Virus ist der Impfung immer einen Schritt voraus. Einmal im Körper kann es dort noch Wochen und Monate wüten. Du kannst wenig dagegen tun, musst auf Glück hoffen, auf teure Offlabel-Therapien. Mit Schaudern denkst Du daran und tust daher das Richtige: Dich gar nicht erst anstecken. Warum versteht Dich Dein Gegenüber nicht? Wie kannst Du es erklären, ohne als überängstlich oder gar extrem zu erscheinen? Die Menschen wollen sich damit oft nicht mehr beschäftigen. Blocken gleich ab, bringen ihre Standardsätze, wechseln das Thema. Das macht es ungeheuerlich schwer, verstanden zu werden. Nur wenn man verstanden wird, versteht man auch die Belastung durch die aktuelle Situation der kollektiven Verdrängung. Diese beeinflusst eben alle Bereiche des Lebens, einschließlich derer, die einem in Krisensituationen eigentlich behilflich sein würden – der Urlaub, die Kur, soziale Anlässe, alles, das stundenlange Schmökern im Kaffeehaus. Die Unbekümmertheit ist weg, denn jetzt sind es potentielle Ansteckungsherde. SARS-CoV2 ist ein anderes Kaliber als bisherige endemische Viren, von Masern einmal abgesehen. Und Influenza, das aber in einem viel kürzeren Zeitraum aktiv ist.

Du hättest zum Ende der Stunde gerne etwas gesagt, aber die Gelegenheit kam nicht. Die Situation auszuhalten, das behutsame Herantasten an das Tabuthema Corona, das Aussprechen der empfundenen Belastung und die Reaktion, die anders ausfällt als erwartet – das kostete viel Kraft. Dabei wolltest Du Kraft aus dieser Stunde schöpfen. Solche Erlebnisse frustrieren, lassen an der Menschheit zweifeln.

Die geschilderte Situation basiert auf einer wahren Begebenheit. Viele SARS-CoV2-bewusste Menschen kennen das. Sie erleben es auch in anderen Settings, wo man besonders viel Fingerspitzengefühl erwarten würde. Beim Hausarzt, beim Facharzt, in der Notaufnahme, beim stationären Aufenthalt, vor der Operation, in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, in Vereinen und Redaktionen für Menschen mit Behinderung – bei allem, wo es sich im weitesten Sinn um Gesundheit dreht. Das ist bereits das absolute Minimum dessen, was erforderlich wäre. Denn ob jemand Risikofaktoren für einen schweren Akut- oder Langzeitverlauf hat, sieht man den Betroffenen meist nicht an. Viele wissen es selbst nicht. Viele Risikofaktoren, etwa für LongCOVID, kennen wir noch nicht. Dann trifft es zuvor kerngesunde Menschen, die mitten aus dem Leben gerissen werden, die vielleicht im Glauben, sie seien unverwundbar und das Virus inzwischen harmlos, seit zwei Jahren nicht mehr zur Auffrischimpfung gegangen sind. Und dann bereuen, denn sie können die Zeit nicht mehr zurückdrehen. Sie müssen nun hoffen, dass die Zeit alle Wunden heilt – oder irgendwann Therapien gefunden und auch bezahlt werden, die ihnen helfen. Vielen Menschen könnte man dieses Schicksal ersparen, wenn man von sich aus – ohne auf gesetzliche Vorgaben zu warten – alles zu ihrem Schutz tun würde. Ob wir diesen Paradigmenwechsel noch erleben werden? In Österreich fehlt mir der Glaube daran, aber ich kämpfe weiter dafür.

Kolumne 09/01: Schutz der Kinder – Graustufen

Ich war auch einmal ein Kind und ging in den Kindergarten, in die Schule. Es gibt zweifellos Unterschiede zwischen der Kindesperspektive und der Elternperspektive. Die Sorgen und Nöte der Eltern bekamen wir als Kinder zwar mit, aber sich so richtig in sie hineinzuversetzen geht wohl nur als Elternteil, als Erziehungsberechtigter, der die Verantwortung, aber auch den hohen sozialen und finanziellen Druck erlebt, ein Kind großzuziehen. Sobald das Kind in der Schule ist und die Gruppendynamiken (Stichwort: Mobbing) zunehmen, bekommen die Eltern vieles nicht mehr mit. Insbesondere weil das Kind nicht mehr alles erzählt. Schulkarrieren verlaufen dann sehr unterschiedlich, je nachdem, wie das Umfeld des Kindes ist, wie sehr aufeinander Rücksicht genommen wird, und wie engagiert Schuldirektion und Lehrer sind, dass das auch so bleibt. Ich möchte damit sagen, dass die Kindheit alleine auf die Schulzeit bezogen nicht linear verläuft. Das können innere Faktoren wie Gruppendynamiken sind, aber auch äußere Faktoren wie die Krisen, die wir derzeit erleben.

Mein Zugang zur Pandemie war von Beginn an ein wissenschaftlicher. Im Laufe der Monate und Jahre änderte ich gelegentlich meine Ansichten und passte mich damit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen an. Manchmal waren es auch nur meine neuen Erkenntnisse – schließlich bin ich kein hauptberuflicher Alleswisser. Es war mir dank der Corona-Podcasts mit Virologe Drosten frühzeitig klar, dass Kinder ähnlich ansteckend sind wie Erwachsene und nicht aus der Übertragungsdynamik herausgenommen werden konnten, wie es das Hopium der Mehrheitsgesellschaft war. Die Kenner der Wahrheit waren ebenfalls von Beginn an mit hartem Widerstand konfrontiert. Wir erinnern uns: Schweden ließ die Schulen offen, um schneller Herdenimmunität zu erreichen – sie wussten sehr wohl, dass sich das Virus über Kinder und Jugendliche rasch in der Gesamtbevölkerung ausbreitete. Ebenso äußerte Epidemiologe Tegnell damals klar, dass Bildungseinrichtungen (Aufbewahrungsanstalten) offen bleiben mussten, damit die Eltern arbeiten können. Gleichzeitig fühlten sich die Eltern schutz- und machtlos gegenüber einer Ansteckung durch die Kinder, vor allem bei Kleinkindern, die keine Maske tragen konnten und gefühlt dauerkrank waren. Sie hofften daher sehr, dass Kinder von der Pandemie weniger oder gar nicht Teil des Infektionsgeschehens waren und nahmen jede Äußerungen von überheblichen oder ideologisch verbohrten Wissenschaftlern und Medizinern bereitwillig auf.

Nun ist, bzw. war es aber sehr wichtig, dass wir uns in der allgemeinen Bewältigung von Krisen nicht von Emotionen und Wunschdenken leiten lassen, sondern von wissenschaftlichen Faktoren und bewährten Konzepten. Wir sahen durchaus auch, dass die Schutzmaßnahmen in Bildungseinrichtungen funktioniert haben, von den halben Klassen über FFP2-Tragepflicht im Unterricht über Distance Learning im ersten Pandemiejahr. Es konnten sich aber auch die Erwachsenen nicht aus der Gleichung nehmen – sie waren zunehmend nicht mehr bereit zu verzichten. Hauspartys gab es schon im ersten Lockdown ebenso wie Garagentreffen und offene Hinterzimmer in den Gasthäusern. All das hat zugenommen in weiterer Folge, nachdem infolge des Präventionsparadoxons nicht erklärt wurde, weshalb wir so geringe Infektionszahlen gesehen hatten. Zurück zur Elternrolle: Wir hatten niederschwellige Testmöglichkeiten, FFP2-Masken, Isolationspflicht, Quarantäne, telefonische Krankschreibung, Pflegefreistellung, Homeoffice und noch ein paar Möglichkeiten mehr, die Infektionszahlen niedrig zu halten. Leider hat die ständige Desinformation dazu beigetragen, dass Kinder unter 10 Jahren nicht mehr getestet wurden. Das Ergebnis: Siehe Schweden. Im Herbst 2021 hat man lange gewartet, überhaupt eine Maskenpflicht am Sitzplatz einzuführen, von Distance Learning redeten wir da schon gar nicht mehr. Zur Erinnerung: Für Kinder unter 12 Jahren wurde die Impfung erst Ende November 2021 zugelassen – etwa zeitgleich mit der ersten Sequenzierung der Omicron-Variante. Kinder waren also vollkommen ungeschützt in der schweren Delta-Welle. Mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung hatte noch keine zweite Impfung zu einem Zeitpunkt, wo wir aufgrund der Delta-Variante bereits eine hohe Durchimpfungsrate mit drei Impfdosen gebraucht hätten.

Mit Omicron wurde in Kindergärten und Schulen rasch die Quarantäne gelockert, die Maskenpflicht schrittweise aufgehoben und schließlich die Testpflicht. Die Kinder wurden in vielerlei Hinsicht instrumentalisiert: Als Vektor für schnelle Herdenimmunität, mit offenen Schulen als Garant für aufrechterhaltene Arbeitsleistung der Eltern, als Infektionsradar, um die aktuelle Verbreitung des Virus abzuschätzen, aber auch ihre “psychische Belastung”, um gegen weitere Lockdowns oder sogar Maskenpflicht argumentieren zu können. Gegen diese Instrumentalisierung gab es nie Protest – im Gegenteil! Während es in Deutschland zumindest einzelne NoCovid-Initiativen gab, die für Schutzmaßnahmen in den Schulen eintraten, gab es in Österreich schon in der zweiten Welle Petitionen, die Schulen offen zu halten – allerdings mit unzureichenden Schutzmaßnahmen – dank der konsequenten Verharmlosung. Die NoCovid-Petition in Österreich erhielt wenige tausend Unterschriften.

Ich habe für vieles Verständnis, zumindest Mitgefühl, weil es eben viele Graustufen gibt. Das reicht von all jenen, die kein Homeoffice machen können (“Systemerhalter”) bis hin zu all jenen in beengten Wohnverhältnissen, sprich kein Platz, damit Kinder separat von den Eltern lernen können, kein eigenes Kinderzimmer, keine technische Ausstattung für Heim- oder Fernunterricht. Es geht da auch um die Arbeitsverhältnisse der Eltern in einem Land, wo man im Krankenstand leicht gekündigt werden kann – die sich eben nicht leisten können, mit kranken Kindern daheim zu bleiben oder selbst krank daheim zu bleiben. Das sind soziale Themen, an denen die ÖVP nie ein Interesse hatte und das war von Beginn an klar und nicht anders erwartbar. Anschober war damals nicht nur Gesundheits-, sondern auch Sozialminister und einer von vielen schweren strukturellen Fehlern war, beide Ministerien nicht zu trennen, mit einem Staatssekretär, der die Sozialagenden betreut, und in weiterer Folge einem Sekretär speziell für Pandemieagenden. Die andere Frage war natürlich der Spielraum mit einem türkisen Innen- und Wirtschaftsminister, aber passiert ist zweifellos zu wenig. In meinem Faktencheck zur ORF-Reportsendung über Schulschließungen im Herbst 2022 habe ich hervorgehoben, dass die ÖVP mit ihrer priviligierten Wählerschaft den Diskurs bestimmte, wie schmerzhaft die Schulschließungen waren – da geht es um die Stresstoleranz priviligierter Kinder und nicht um das bare Überleben von Kindern aus Migrantenfamilien, die finanzielle Sorgen haben, die überproportional von schweren Verläufen betroffen waren und für die Leistungsdruck in einer Pandemie noch schwerer zu bewältigen war als mit Eltern mit hohem Bildungsabschluss, die die Lehrerrolle besser ausfüllen konnten. Dieser Aspekt der Pandemie kommt zweifellos zu kurz, weil er nicht die Wählerklientel der ÖVP und großteils nicht der Grünen betrifft.

Ich habe auch Verständnis dafür, dass man irgendwann als Elternteil resigniert – so wie man vor der Pandemie schon resigniert hat, wenn die Kinder alle paar Wochen den nächsten Infekt aus Kindergarten und Schule nach Hause schleppten. Zu den Zeiten der vorhandenen Infrastruktur für niederschwellige Tests war es leicht, jeden Schnupfen zu testen, aber jetzt ist es das nicht mehr. Schon in den ersten Pandemiejahren hat man mit Gewalt versucht, den Schulstoff durchzupressen, der Leistungsdruck war immens und der Druck wuchs auf die Eltern, die Kinder auch mit Symptomen in die Schulen zu schicken, damit sie nicht den Lernstoff für die Klassenarbeiten verpassten. Es wäre die Aufgabe des Bildungsministeriums und der Bildungsdirektion gewesen, hier mehr Druck herauszunehmen – aber auch das passte nicht ins neoliberale Weltbild der ÖVP. Hier hätte ich mir ebenso mehr Proteste von Eltern erhofft, denn dann hätte man auch Schutzmaßnahmen wie Kinder länger zuhause zu lassen eher umgesetzt.

Was kann man als Elternteil im Jahr 2024 tun mit wiederkehrenden Infektionswellen – nicht nur SARS-CoV2?

Wir haben hier ein Dilemma, denn wir wissen, dass sich das Virus auch dann überträgt, wenn man noch keine Symptome hat. Das gilt übrigens auch für Influenza! Ebenso wissen wir, dass wir auch ohne Fieber ansteckend sein können. Kinder mit Husten, Schnupfen, Hals- und Kopfweh in die Schule oder den Kindergarten schicken ist bereits ein No-Go. Gleichzeitig ist klar, dass sich mit den Gesetzen weder Eltern langen Krankenstand oder Pflegefreistellung noch Kinder lange Unterrichtsabwesenheit wegen dem Leistungsdruck leisten können. Das ist mir vollkommen bewusst und ich verurteile Eltern nicht, wenn sie krank arbeiten oder ihr Kind krank in die Schule schicken müssen, weil sie keine andere Wahl haben, insbesondere auch alleinerziehende Elternteile.

Dennoch gibt es auch hier Graustufen zwischen völliger Resignation, Verdrängung und Egoismus und “Kinder wegen jedem Schnupfen einsperren”. Zur Erinnerung: Kinder, die lange krank sind oder ständig krank, verpassen ebenso Schulstoff. Kinder mit schwerem LongCOVID können mitunter gar keinem Unterricht mehr folgen. Mit leichtem LongCOVID würde Fernunterricht noch gehen. Auch krank in der Schule sind Kinder weniger konzentriert und leistungsfähig. Kranke Lehrer können nicht unterrichten. Unterrichtsausfälle tragen nicht zur Verringerung des Leistungsdrucks bei. Aushilfslehrer ohne angemessene pädagogische oder fachliche Ausbildung steigern die Qualität nicht. Infektionskrankheiten ungebremst durchlaufen zu lassen hat eben auch seine Kehrseiten. In England war (und ist?) die Zahl der Fehlzeiten bei Kindern nach Ende der Schulschließungen höher als vor der Pandemie.

Auch wenn man Infektionen in Bildungseinrichtungen nicht völlig verhindern kann, gibt es doch mehr als “Schulen ständig zuzusperren”. Obwohl es politisch extrem polarisiert wurde, erwähne ich es trotzdem:

  • Kinder-FFP2-Masken – wenigstens dann tragen, wenn die Kinder Symptome haben, um es nicht weiterzuverbreiten, wenn man die Kinder trotz Symptome in die Schule schickt.
  • Luftreiniger in allen Unterrichtsräumen: Das reduziert die Gesamtzahl der Keime, aller Krankheitserreger und die Gesamtzahl der Infektionen. Es bleibt natürlich ein Restrisiko, aber es kann bereits dafür sorgen, sich nur 1-2x im Jahr mit irgendeinem Erreger anzustecken als zehn bis zwölf Mal im Jahr.
  • Moderne Lüftungsanlagen mit Frischluftzufuhr sind wichtig, weil stickige Luft (Kohlendioxid) die Konzentration- und Leistungsfähigkeit behindert. Fenster öffnen reicht oft nicht oder wird bei Kälte nicht toleriert.

Im ersten Pandemiejahr hatte ich mir noch gedacht, dass es auch einen Systemwandel braucht, wie Ferienzeiten gesetzt werden. Denn in einer Zeit mit dauerhaft erhöhtem Infektionsrisiko sollten wir die warme Jahreszeit besser nutzen, wo Innenräume häufiger gelüftet werden. Mehr Ferien also im Winter als im Sommer. Natürlich äußerst unpopulär. Mit zunehmenden Wärmeperioden in der kalten Jahreszeit durch die globale Erderwärmung (siehe sommerlichen Oktober 2023) erübrigt sich diese Option ohnehin bald.

Was ich mir von Eltern wünschen würde:

Die Situation derzeit ist wie sie ist. Wiederkehrende Infektionen sind nicht verhinderbar, mit all dem damit verbundenen Leid, aber auch folgenreichen Ansteckungen vulnerabler Verwandter, die daran versterben können, oder infiziertes Gesundheitspersonal, das dann vulnerable Patienten ansteckt, die versterben können. Es ist nicht für alle Eltern bzw. Kinder einfach umsetzbar, das Kind ständig zuhause zu lassen, ständig zu testen, auf keine Kindergeburtstage mehr zu schicken, hermetisch abzuschotten, um jede Infektion zu vermeiden. Es schafft auch nicht jedes Kind mental, als einziges Kind eine Maske zu tragen in der Schule, und bei Kleinkindern geht es sowieso nicht, wenn man nicht gerade in Singapur aufwächst (Aerosole sind auch bei Kleinkindern nicht größer, insofern ist der Nutzen von Stoffmasken da fraglich).

Was aber möglich ist: Sagen, was ist. Das Thema nicht verdrängen, verleugnen, Infektionen verheimlichen, andere nicht zu informieren, dass das Kind gerade positiv ist. Für all jene, die sich weiter schützen müssen und wollen ist es eine große psychische Belastung, mit niemanden darüber reden zu können, abgeblockt zu werden, ignoriert zu werden bis hin zu Gaslighting und aktiver Blockade von sinnvollen Maßnahmen wie Lüften, Luftreiniger und Maske tragen. Das trifft Erwachsene natürlich genauso im (Berufs-)Alltag, ebenso wie Patienten im Gesundheitswesen.

Eltern können Infektionen kaum vermeiden, aber sie können für Schutzmaßnahmen eintreten, die realistisch sind. Luftreiniger kosten ein Bruchteil dessen, was wir durch Korruption und Freunderlwirtschaft im Staat jährlich verlieren. Es ist sehr wohl möglich, auf diesem Weg die Gesamtzahl der Infektionen, von denen eine einzelne folgenreich sein kann, zu verringern. Das ist das Ziel. Da liegt der Fokus.

Kernbotschaft:

  • zugänglich bleiben für Gespräche und Diskussionen, wie man Kinder besser schützen kann und warum man Infektionen vermeiden sollte
  • aktives Engagement und sei es nur durch kleine finanzielle Beiträge für Initiative und Vereine, die für den Schutz eintreten (z.B. bei der Initiative Gesundes Österreich)
  • selbst diesen Schutz leben, so es möglich ist – man muss sein Kind nicht von Kindergeburtstagen fernhalten, aber man kann sie in die warme Jahreszeit verlegen, sodass sie dabei draußen sind