Offener Appell an die Stadtregierung

Liebe schwarz-grüne, insbesondere grüne, Stadtregierung von Salzburg,
als ich vor einem Jahr aus beruflichen Gründen von Wien nach Salzburg übersiedelte, war mir nicht bewusst, vom Öffi-Paradies in die Steinzeit zurückzugehen. Ich hörte zwar schon hinter vorgehaltener Hand, wie umständlich und benutzerunfreundlich der öffentliche Verkehr in Salzburg sei, habe es mir aber nicht so schlimm vorgestellt. Die erste Salzburgerin, die ich noch vor der Übersiedlung kennenlernte, war Anfang 60 und hatte sich erst eben ein Auto gekauft, “weil sie dann mobiler sei”. Schon da war mir klar, dass in Salzburg etwas gewaltig schiefrennt. Sicherlich ist ein Teil des Stauproblems der Tourismus aus dem Nachbarland, aber vieles wird hausgemacht sein.

Wenn ich dann lese, dass es eine Kilometerleistung bei den O-Bussen gibt, und an einer Stelle gekürzt werden muss, um an anderer verlängern zu können, fasse ich mir ungläubig an den Kopf. Salzburg ist mir bisher nicht als unfassbar arme Stadt ohne kulturelle Zugpferde vorgekommen, auch die viel zu hohe Anzahl an Zweitwohnungen spricht eine andere Sprache.

Von allgemein ärgerlichen Aspekten, hier zu wohnen, etwa, dass sämtliche, größere Bergsportgeschäfte oder auch Buchhandlungen (Morawa, Thalia) an den Stadtrand in teilweise verwaiste Einkaufszentren ausgelagert wurden, die nicht alle öffentlich gut erreichbar sind, möchte ich mich hier schwerpunktmäßig den Mängeln im öffentlichen Verkehr widmen.
Umwelt- und Klimaschutz ist natürlich speziell im Salzburger Land ein heikles Thema, wenn man sich anschaut, wie viele Berge durch Skigebiete verschandelt wurden und in schneearmen Wintern die Schneekanonen Tag und Nacht laufen, damit sich die sozioökonomisch benachteiligte Familien den teuren Schipass nicht mehr leisten können. Aber russische und britische Schitouristen wird man behalten, keine Sorge. Heikel ist es auch im historischen Bewusstsein, wenn man sieht, was mit den Lokalbahnen und Zahnradbahnen im Laufe des 20. Jahrhunderts geschehen ist. Bestrebungen eines Wiederaufbaus sind bisher halbherzig, so bleibt es bei überfüllten Bussen Richtung Bad Ischl und starkem Autoverkehr zum Gaisberg. Salzburg ist sowohl in Richtung Innsbruck als auch Linz beim Fernverkehr hinten nach, das Deutsche Eck kostet Zeit und verhindert mangels zusätzlichen Gleisen, dass Nah- und Fernverkehr friedlich koexistieren können. Die private Westbahn schafft den Halbstundentakt nach Osten, die staatliche ÖBB nicht. Mehr als ein Halbstundentakt bei der S-Bahn ist auch in Salzburg-Stadt nicht verwirklicht, mit den ungünstigen Abfahrtszeiten der beiden Railjets am Hauptbahnhof ist das ärgerlich.
Tirol hat eine Gesamtfläche von 12600 km², das Jahresticket-Land inklusive Innsbruck kostet 490 €, im nur 7100 km² großen Salzburg kostet es inklusive Salzburg-Stadt hingegen stolze 1540 €.  Eine Menge Geld für die vielen Nichtzweitwohnungsbesitzer, die aufgrund der Zweitwohnungsbesitzer überteuerte Mieten und unverschämte Maklerprovisionen bezahlen müssen. Das öffentliche Netz in Salzburg ist eine Zumutung, wenn man aus Überzeugung, Armut, Krankheit oder anderen Gründen kein Auto besitzt oder benutzen kann.

Kritik im Einzelnen:

* Das betrifft etwa die Anbindung zum Europark am Wochenende, wenn in Österreichs größtes Einkaufszentrum nur alle halbe Stunde ein Bus fährt, oder auch zum Flughafen. Eine einzige frühere Busverbindung und man käme rechtzeitig in die Arbeit oder zum Gate für den ersten Flug.

* Das betrifft sämtliche Umstiegsverbindungen, weil die Umstiegszeiten oft zu knapp sind und der chronische Zeitverlust durch Stau nicht eingerechnet ist.

* Das betrifft die zu kurzen Haltestellen, wo entweder keine zwei Busse hintereinander passen oder der vordere Bus schlicht nicht wartet, sodass man umsteigen kann. In Wien ist das kein Problem, in Salzburg wartet man leicht wieder 15min auf den nächsten Bus. Für Pensionisten oder Touristen ist das vielleicht nicht tragisch, für die arbeitende Bevölkerung ist das schlicht nicht zeitgemäß.

* Das betrifft insbesondere den Hauptbahnhof, wo dringend zusätzliche Ausstiegsstellen zu errichten sind, sodass man nicht im Bus warten muss, bis die vorausfahrenden Busse an der Haltestelle abgefahren sind.

* Viele Haltestellen an Kreuzungen sind aufgrund der autofahrerfreundlichen Ampelregelungen nicht rechtzeitig erreichbar und der Bus fährt vor der Nase weg, z.b. LKH/West oder Maxglaner Hauptstraße/Schwedenstraße (1 -> 27).

* Insbesondere am Wochenende abends bestehen zu wenig Busverbindungen Richtung Maxglan vom Hauptbahnhof weg. Wenige Minuten Verspätung des Zuges bedeuten bis zu 20min Wartezeit. Eine 10 Euro teure Taxifahrt für 2,5 km kann wohl kaum ein adäquater Ersatz sein – von der Unübersichtlichkeit am Taxistand, in welches Taxi man einsteigen darf, abgesehen.

* Mehr Linien, die dafür weniger Haltestellen bedienen, würden ein kürzeres Durchkommen mit weniger Staupotential ermöglichen. Ich will als Nichtautofahrer keine Stadtbesichtigung, sondern zügig ankommen. Die Albusse sind hierfür zwar praktischer, aber die Intervalle zu gering.
* In der Ferienzeit werden die ohnehin der Größe der Stadt nicht angemessenen Intervalle oft empfindlich ausgedünnt, obwohl dann mehr Touristen unterwegs sind, speziell im Sommer. Und natürlich gibt es auch in der Ferienzeit genügend Menschen, die arbeiten müssen, damit andere in Urlaub gehen können.
* Die Bezahlung der Tickets beim Fahrer gehört abgeschafft. Es braucht deutlich mehr Automaten an den Haltestellen, aber auch in den Bussen. Es kann nicht sein, dass zusätzlich zum Stau auch noch der Zeitverlust durch den Bezahlvorgang hinzukommt. Das gilt auch für die Busse Richtung Bad Ischl oder Berchtesgaden, die mobile Bezahlmöglichkeit an den Bussteigen sollte noch öfter angeboten werden.
* Um den immensen Verkehr am Gaisberg zu reduzieren, würde sich außerdem anbieten, die ganze Strecke des 151er in die Kernzone einzurechnen. Denn für eine vierköpfige Familie ist ein Ausflug zur Gaisbergspitze mit knapp 30€ schon ein Batzen Geld. Der Bus könnte dann stündlich fahren und der Massenverkehr würde deutlich zurückgehen – es ist ohnehin ein Wunder, dass auf der kurvenreichen Strecke nicht mehr passiert. Für die ohnehin kaum vorhandene Tierwelt am Gaisberg wäre weniger Individualverkehr auch ein Segen.

Auch bei Barrierefreiheit und Sicherheit für Fußgänger gibt es Verbesserungsmöglichkeiten:

 

* Hier und da sind mir fehlende Überwege aufgefallen, sei es bei der Flughafendirektion, Haltestelle des 2er Kröbenfeldstraße, oder am Hellbrunner Zoo, wo es bei der Haltestelle weder Zebrastreifen noch Bedarfsampel gibt, obwohl hier zwischen den Ortschaften meist deutlich über 50 gefahren wird. Offenbar geht man davon aus, dass sowieso jeder mit dem Auto zum Zoo fährt.

* Die Grünphasen für Fußgänger sind außerdem viel zu kurz. Denken Sie bitte auch gehbehinderte Menschen – sowohl bei Bedarfsampeln als auch etwa beim Übergang Mozartsteg – Ferdinand-Hanusch-Platz oder bei der Staatsbrücke am Rathausplatz.

* Der Hauptbahnhof ist ein sehr trostloser Ort mit wenig Sitzmöglichkeiten und latent vorhandenem Unsicherheitsgefühl zu späten Uhrzeiten. Praterstern in Salzburg. Die Vorschläge dagegen sind konzeptlos und verlagern das Problem nur. Verbote sind keine Angebote an Menschen, die ohnehin stigmatisiert und ausgegrenzt werden.

Schlusspunkt:

 

Ich nutze natürlich trotz aller Missstände das Rad und die Öffis, bezahle brav die völlig überzogenen Preise für die Zeitkarten, aber sehe ehrlich gesagt für die Zukunft schwarz, wenn nicht in effizientere und zeitnah realisierbare Verkehrsprojekte investiert wird, die sich ja auch langfristig auszahlen. Sehr bedauerlich, dass die Salzkammergutbahn nicht mehr vorhanden ist, sie wäre für Pendler ideal und würde die Busse Richtung Bad Ischl vor allem im Sommer deutlich entlasten. Realistisch gesehen bietet sich kurzfristig nur an, die Fördermittel für die Kilometerleistung der Busse zu erhöhen, damit das Angebot und die Intervalle ausgebaut werden können. Damit einhergehen sollte eine deutliche Reduzierung der Preise für Einzel- und Zeitkarten. Inwiefern das zu erheblichen Einbußen mit den Touristen führt, sei dahingestellt, ein großer Anteil scheinen ohnehin nur die ungeliebten Tagesgäste mit den angekarrten Bussen darzustellen. Für die nicht ganz so wohlhabende Bevölkerung wäre es ein Segen, wenn die Fahrtkosten erschwinglich wären. Für vom Stau gepeinigte Autofahrer wäre es eine kostengünstige Alternative. Eine U-Bahn oder unterirdische Stadtbahn halte ich persönlich für keine gute Alternative, da sie nur einen Bruchteil der nötigen Strecken abdeckt, extrem teuer und aufwändig ist und U-Bahnen erwiesenermaßen längere Strecken zu Fuß zu den Stationen bedeuten. Straßenbahnen halte ich da für deutlich sinnvoller, breit genug sind die Hauptstraßen dafür allemal. Damit können deutlich mehr Fahrgäste transportiert werden, die Wege zu den Haltestellen sind erheblich kürzer als unterirdisch. Es muss allen Beteiligten klar sein, dass die Übergangszeit das Staupotential verschärfen wird, bis tatsächlich ein Umdenken einsetzt und das Auto endlich stehengelassen wird.

Mit freundlichen Grüßen,

ein Zugereister (vorher Wien und Innsbruck)

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