Tag 8, 19.03.

Überleben in Zeiten der Coronakrise – mit selbstgemachtem Bärlauchpesto

Wer kennt auch den Film “Das Experiment” mit Wärtern und Häftlingen, die zwei Wochen lang in einem Gefängnis ein Sozialexperiment durchführen sollen? Nach 3 Tagen wurde bereits abgebrochen wegen überschießender Gewalt. So ähnlich fühle ich mich derzeit auch, nur dass man Gewalt durch Emotionen ersetzen kann. Samstag vor einer Woche war ich das letzte mal radfahren. Ich hab zwar einen Tagesplan für die Zeit in der Wohnung, halte mich aber nicht daran. Es triggert zu viel. Meine bisher gültigen Ausgleichsroutinen für den autistischen Stressalltag erweisen sich als Bumerang. Inzwischen hab ich die geographischen Karten von den Wänden abgehängt. Die Kalender hab ich alle abgehängt und außer Sicht gebracht. Sie wecken zu viel Erinnerungen an eine Zeit, die nicht mehr kommt. Meine Bookmarkliste im Browser wurde auch um die ganzen Wanderziele und Urlaubspläne bereinigt, digitale Wanderkarten brauche ich nicht mehr.

Die Regierung hat heute betont, dass rund 90% der Bevölkerung sich an die Vereinzelungsmaßnahmen hält, es gäbe nur wenig Unbelehrbare. Grundprinzip sei jetzt das Abstand halten, mindestens einen Meter – das Virus hat große Virenpartikel, die rasch zu Boden sinken. Es sollen daher auch alle Parks wieder geöffnet werden, und, das interpretiere ich jetzt so, um meine Motive zu rechtfertigen, man darf auch die U-Bahn benutzen. Es gilt in allen Situationen “Abstand halten”, oberste Priorität, sogar noch über der Würde des Menschen. Unter diesen Voraussetzungen werd ich das riskieren, die U-Bahn nehmen oder Straßenbahn am Schottenring und bis Stadtgrenze fahren. Dann ab in den Wienerwald und immer abseits der Wege bleiben. Der Wald verändert sich nicht durch die jetzige Situation, er liefert mir die Gleichförmigkeit, die ich jetzt dringend benötige, um diese lange Phase der Isolation zu überstehen.

Die Unsicherheit darüber, ob Maßnahmen verschärft werden, verschärft auch die Panik und vor allem die Handlungsstarre. Ich werde einige Zeit brauchen, um den Tagesplan durchzuhalten, und ein Minimum an Stabilität zu bekommen, um nach draußen zu gehen. Ich möchte nicht, dass Fremde sehen, wenn ich emotional zusammenbreche.

Letzte Nacht bin ich sehr spät und hochdepressiv eingeschlafen, laut Fitnesstracker war mein Schlaf hervorragend, fast zwei Stunden Tiefschlaf. Ich schlief bis halb elf durch, mit Ohrnstöpseln abgekapselt, nachdem ich gegen 6 Uhr von der Meditations-CD der alten Nachbarin wachgeworden bin. Gestern war ich deutlich ruhiger und hatte wieder Ideen und Pläne, abends ein nettes Videotelefonat mit einer Freundin. Warum bin ich trotzdem wieder so eingebrochen?

Radio und Fernsehen versuche ich zu meiden, ebenso blockiere ich weiter User, die mir regelmäßig Worst-Case-News in die Timeline tweeten. In meinem ehemaligen Lieblingswetterforum hat jemand einen Thread aufgemacht mit “Positive Neuigkeiten zum Coronavirus”, eine gute Idee. Da finden sich auch zahlreiche Nachrichten über mögliche Impfstoffe oder Medikamente. Ich hab auch eine Verantwortung als reichweitenstarker User mit über 2000 Followern, das gilt auch für den Blog hier. Deswegen sind im Menüpunkt unter “Scientific Articles” auch nur sachliche Informationen verlinkt, bestenfalls optimistisch stimmende. Der Mensch lebt nur durch Hoffnung weiter. Ich werd meinen Twitterkonsum weiter beschränken müssen, das ist auch klar, das Hauptproblem ist die bestehende Timeline, denn in den Listen hab ich neben “Ärzten” und “Polizei/Verkehr” nur noch die “Allerliebsten”, und die sind am wichtigsten, sie sind meine Nabelschnur.

Nach dem späten Frühstück werd ich das Rad nehmen und sinnlos durch die Gegend fahren. Ich hoffe weiterhin schwer auf den Wintereinbruch und die Kältewelle ab übermorgen, dass dadurch die Massenausflüge weniger werden und es leichter wird, Abstand zu halten. Mir hat schlechtes Wetter beim Wandern nie etwas ausgemacht, dafür kann man sich anziehen. Und man schwitzt wesentlich weniger unter einer Sturmhaube, wenn es plus fünf statt zwanzig Grad hat.

Hinweis zum Schluss an Unbelehrbare, vor allem junge Menschen, die jetzt tendenziell eher draußen und oft symptomlos übertragen: Ihr bekommt das Intensivbett und nehmt es jenen mit schlechteren Überlebenschancen weg. Ihr werdet wahrscheinlich überleben, aber auf Kosten eines Schwächeren. Bitte daran immer denken, wenn ihr absichtlich Risiken eingeht, in dem ihr den Mindestabstand unterschreitet. Ich weiß, wie weh das tut, es nicht mehr zu dürfen und zu können. Der Schmerz darüber ist nicht in Worte zu fassen. Je größer der Anteil derer, die jetzt den Schmerz teilen, desto kürzer wird die Zeit sein, in der wir diesen Schmerz in dieser Härte werden ertragen müssen. Je länger es dauert, desto größer wird das Risiko Menschenleben zu riskieren, wenn Depressionen und Suizidgedanken vereinsamter Menschen zunehmen.

Daher bitte bitte: Teilt den Schmerz und haltet Abstand, danke!

20.00 Runde durch den Prater

Ich hab es am Nachmittag nicht mehr ausgehalten und war wahnsinnig sauer, dass zwar offizell die Parks offen bleiben, aber es der Stadt obliegt, ob die Bundesgärten, wie Augarten, geöffnet werden. Und die entschieden sich dagegen. So kommt es, dass Bewohner in den westlichen Bezirken in offene Parks gehen können, aber die Leopoldstädter rund um den Augarten draußen bleiben müssen. Es ist wirklich sehr eng dort. Ich las dann sogar noch etwas davon, dass nur kurze Spaziergänge und Radtouren erlaubt seien und die Polizei überall Durchsagen macht, man solle nicht verweilen, sondern durchspazieren und nach Hause gehen. Ich schiss dann darauf und hab das Rad genommen, meine schicken weißen Baumwollhandschuhe von Bipa angezogen und bin Richtung Prater gefahren. Hunderte haben genauso gedacht, es war viel los und am Anfang unerträglich viel Polizei. Ich hab aber niemand gesehen, der gestraft wurde. Die meisten hielten den Abstand. Ich dachte mir, wenn die grüne Partei jetzt die Absolute stellen würde, dann würde es Durchsagen auch auf Englisch, Türkisch und in einer der slawischen Sprachen geben, aber die Polizei ist der türkisen Partei unterstellt, und die bedankt sich nun mal nur bei den ÖSTERREICHERN. Krisenkommunikation patriotisch gefärbt, da sollte man mit Kritik wirklich dranbleiben, weil es geht hier nicht um politisches Kleingeld herausschlagen, sondern dass die Dringlichkeit der Maßnahmen alle in Österreich erreicht, egal welcher Herkunft und welcher Sprache.

Ich fand es am Anfang nicht erholsam, die Hubschrauber sorgten für beständigen Lärm aus der Luft. Es fehlten nur noch Hunde und Maschinengewehre. Es hatte tatsächlich etwas Faschistisches an sich. Aber es ist nicht eskaliert, im Gegenteil. Ich nahm einen der Reitwege in die entlegeneren Teile der Praterauen. Das schmeckte einer Blockwartradfahrerin nicht, die mir hinterher rief: “Das ist der Reitweg, das ist nicht zum Radfahren!” Typisch Wiener Grantler, ist doch blunzn jetzt, eh keine Pferde unterwegs. Ich sah auf den schmalen Schleichwegen später noch andere Radfahrer und einzelne Jogger. Im Wald verstreut saßen einzelne Familien – alleine, auf den abgestorbenen Baumstämmen. Es hatte wirklich eine Endzeitstimmung. Ich fand meinen Lieblingsbaum und umarmte ihn. Die letzte menschliche Umarmung hatte ich am 4. März, die letzte herzliche Begrüßung einen Tag später. Das wars erstmal. Ich sammelte Bärlauch, ohne zu wissen, wie ich ihn zubereiten sollte, sprich, morgen muss ich einkaufen gehen, hab weder Olivenöl noch Sonnenblumenkerne da.

Am Rückweg war die Polizei verschwunden, ebenso der Hubschrauber. Es hielten sich trotzdem die meisten an den Abstand. Um 18.00 fand wieder Klatschen auf den Balkonen in der Wohnanlage statt. Kurz darauf spielte ein Kind von einem Balkon ein kurzes Flötenlied und der Applaus brandete erneut auf. Ich wärmte meine Nudeln mit Faschiertem von gestern auf und aß sie bei Kerzenlicht am Balkon. Zum vorletzten Mal. Ab Samstag wird es dafür zu kalt sein. Derzeit liegt der März über 3 Grad über dem Schnitt, mit dem Kälteeinbruch werden wir dafür sogar unter dem Schnitt liegen.

Man darf nicht darüber nachdenken, was später anders sein wird. Auch wenn Supermärkte, Lieferdienste, Onlinehandel jetzt boomen und die Grundversorgung weiterläuft, ebenso Pflege, Rettung, etc. Tourismus, Gastronomie, Kultur und Luftfahrtbranche gehören zu den am stärksten betroffenen Bereichen, sie werden sich fundamental verändern bzw. am längsten mit den Nachwehen zu kämpfen haben. Andere Branchen wie Baugewerbe oder Autobranche finden wesentlich schneller zurück. Es wird sicher auch nach Corona noch Wettervorhersagen geben müssen, denn der Klimawandel pausiert nicht und lebenswichtige Produkte werden weiter mit dem Flugzeug kommen. Man fragt sich, wer das alles später bezahlen soll. 38 Mrd Euro umfasst das Hilfspaket der Regierung, selbst die ÖVP hat betont, koste es, was es wolle, jetzt zählt nur die Hilfe. Und das wird nicht reichen, denn der Gesundheitsbereich wird massiv ausgebaut werden müssen. Und vor allem dürfen jetzt nicht jene Bevölkerungsgruppen unter die Räder kommen, die durch das Coronavirus einem besonders hohem Risiko ausgesetzt sind – Alte, Behinderte, chronisch Kranke und psychisch Gefährdete. Ich erwähne jetzt auch die letzte Gruppe, weil ich nicht weiß, wie sich der extreme Stress auf das Immunystem auswirkt, und letzendlich auch auf die steigende Suizidgefahr. Das gehört dringend thematisiert. Es geht hier nicht lapidar um “die Decke auf den Kopf fallen” oder “auf den Partner gepickt” sein, die aktuelle Lage bringt bei einer Vielzahl von Menschen Angst- und Panikattacken mit sich, und legt den Grundstein für ein handfestes Trauma, wenn das alles vorbei ist, z.b. vor dem Alleinsein, vor engen Räumen, vor Hubschrauberlärm, vor zu wenig körperliche Nähe zu anderen Menschen. Hier sollte man sich echt was überlegen, auch in der Art und Weise, wie kommuniziert wird. Es macht zum Beispiel einen Unterschied, ob Kontakte nur reduziert werden oder auf Null gebracht werden sollen (was ja angestrebt wird, weil man zu JEDEM Menschen, außer in der Familie, Abstand halten soll). Für ohnehin alleinstehende Menschen, womöglich noch ohne Haustier, bedeutet das soziale Isolation. Mein Lebensinn bestand darin zu wandern und über das beständige Naturerlebnis Kraft zu tanken, um den Alltag zu bestehen. Diese Kompensationsstrategie ist jetzt durch die Maßnahmen stark beschnitten, sie erfordert einen immensen Aufwand inmitten unklarer polizeilicher Verordnungen und Strafen. Deswegen wirkt sich die aktuelle Situation auch so dramatisch auf meinen Alltag aus und macht es mir schwer, neue Routinen aufzubauen.

Es gibt eine neue Übersichtsseite für Österreich mit Echtzeitangaben zu Coronafällen, nach Bezirken aufgelistet, ebenso mit Alters- und Geschlechterverteilung: Link Gesundheitsministerium.

Eindrücke vom Nachmittag, 15km Radtour.

Tag 7, 18.03. 2020

uedokroea

Links die Altersverteilung bei den bestätigen Fällen, rechts die der Todesfälle, blau männlich, orange weiblich, Daten für Südkorea, Quelle: https://www.cdc.go.kr/board/board.es?mid=a30402000000&bid=0030

Ich hab Filme gesehen wie “I am legend”, “Twelve Monkeys”, “Snowpiercer” oder “Interstellar”. Und ich hab Robert Harris “Der zweite Schlaf” gelesen, eine Dystopie. In letzerer befinden wir uns gerade. Optisch hat sich nichts verändert. Die Häuser stehen alle noch, es gibt Industriegebäude und Gasthäuser. Nur hat sich die Benützung verändert. Das ist der Grund, weshalb es mir immer noch schwer fällt, hier einen Spaziergang im Grätzel zu machen. Die Alltagswege zu beschreiten, die kein Alltag mehr sind. Der geschlossene Augarten direkt gegenüber. Es ist ein schöner Frühlingstag heute und herrlich warm auf dem Balkon, eigentlich ideales Gastgartenwetter. Eigentlich…

Heute Nacht hab ich das erste Mal richtig gut geschlafen, knappe sieben Stunden am Stück, davon fast zwei Stunden Tiefschlaf, das ist mehr als die gesamte letzte Woche zusammen. Ich war schon am Abend gelöster, bekam endlich wieder Hunger und hab noch was essen können. Mein Blutdruck war heute Vormittag deutlich niedriger als gestern (130/90 statt 152/93) und ich fühle mich ausgeruhter und entschlossener. Und es gibt auch Gutes. Ich hab grad das erste Mal seit dem Einzug im Vorjahr ein paar Worte mit dem Nachbarn nebenan gewechselt (über den Balkon), er hat Homeoffice und putzt, ich schreibe grad den Blogeintrag und überlege, was ich alles machen könnte mit den limitierten Bewegungsfreiheiten. Meiner Physiotherapeutin hab ich angeboten, die verbleibenden beiden Termine vorzeitig auszuzahlen, sie wird die nächsten Monate unter einem kompletten Verdienstausfall leiden. Laut Budgetrede werden auch die Selbständigen Hilfen erhalten.

Mir kommen, seit ich ausgeruhter bin, eine Menge kreative Gedanken. Ich überleg, wie ich meinen Beitrag dazu leisten kann, dass sich an der Gesamtsituation etwas verbessert, etwa über solidarische Hilfen, Übersetzungen wissenschaftlicher Artikel, um – wie ich es einmal ausdrückte – den Schrecken zu versachlichen. Ich werd mein Falter-Abo wohl kündigen und stattdessen die Obdachlosenzeitung Augustin abonnieren. Denn ohne den Verkauf von Straßenzeitungen bricht vielen Flüchtlingen und Obdachlosen die Existenz weg. Ich kann den Zustand quo nicht ändern, die Gefahr ist da und wir müssen damit leben, bis ein Antikörpertest entwickelt wurde, bis es Medikamente gibt, die schwierige Verläufe verhindern oder abmildern, bis ein Impfstoff nicht nur entwickelt und gestestet, sondern auch für 4 Mrd Menschen zur Verfügung steht. Es wäre zum Beispiel hilfreich, wenn Mundschutzmasken in Massenproduktion gehen könnten, möglichst aus dem vorhandenen Material, da Importe auf unabsehbare Zeit schwierig sein werden. Statt den Unterricht für Oberstufen weiterlaufen zu lassen über das Internet, sollte man die Jugendlichen dazu ermutigen, kreativ zu werden, alles, was uns hilft, den Zeitraum zu verkürzen, in dem wir auf physische Distanz gehen müssen, rettet auf lange Sicht gesehen mehr Leben als das Virus jetzt auslöscht.

Wir stehen vor einer Zeitenwende, die durch unfassbares Leid beschritten werden wird. Aber aus jeder Krise wächst auch etwas Gutes. Wir erleben eine unfassbare Welle der Solidarität, der Kreativität. Die Natur erholt sich spürbar. Gestern früh hörte ich das erste Mal, seit ich in Wien wohne, mitten in der Stadt, einen laut hämmernden Specht! Die globale Erwärmung wird nicht gestoppt werden können, aber durch das Coronavirus dürften die Klimaziele jetzt halten. Die Luftfahrt geht auf ein Minimum zurück für lange Zeit. Generell der gesamte Verkehr wird entschleunigt. Die Art, wie wir uns bewegen, wird verlangsamt, wieder der natürlichen Gangart angepasst. Wir bemerken die Entschleunigung zuhause. Es besteht kein Grund, sich jeden Tag zig Dinge vorzunehmen, die man erledigen muss. Es werden noch zig Tage kommen, wo wir das erledigen können. Wir können uns den Tag maximal frei einteilen, von Homeoffice abgesehen. Es wird individuell geschehen, wie viel Zeit wir brauchen, um uns an die neue Realität anzupassen. Das ist bei jedem anders, und bei anderen, die von Beginn an besonnen und ruhig sind, kommt der Zusammenbruch vielleicht erst später. Aber wenn wir es akzeptiert haben, dann sind wir frei für neue Gedanken und neue Pläne. Vor einer Woche war ich noch unruhig wegen Urlaubsplänen und hab damit gehadert, dass ich keine Wohnung am Stadtrand habe, wie ich das vorhatte, und meine Eigentumswohnung am Land kann ich mir abschminken ohne Geld. Es ist natürlich für (uns) Autisten noch viel schwieriger, wenn alle Routinen einbrechen, alles ungewiss ist, und für uns war vieles vorher schon nicht gewiss. Ich nehms mit Galgenhumor und sag mir, dass derzeit so viel unsicher ist, dass wenigstens sicher ist, dass vieles unsicher ist. Diese Unsicherheit ist ein neutraler Raum, in dem alles geschehen und alles gedacht werden darf, inklusive Überlegungen, seine Lebenspläne vollkommen über den Haufen zu werfen. Aktuell geschieht das fremdbestimmt, durch diverse Erlässe, Zusammenbruch der Weltwirtschaft, etc., und es muss uns gelingen, die nächsten Wochen und Monate wieder mehr zur Selbstbestimmtheit zurückzufinden, wie wir unseren eigenen Weg aus der Misere finden, und uns nicht davon indoktrinieren lassen, dass ganze Wirtschaftszweige aussterben.

So, mehr an einem anderen Tag. Es ist grad so herrlich warm, ich werd gleich tatsächlich mal rausgehen, Müll rausbringen, einkaufen. Und dann den Frühjahrsputz am Balkon machen wie der Nachbar.

Eine Idee möchte ich noch einmal aufgreifen: Unterricht ist jetzt nicht so wichtig, weil das System, für das wir gelernt haben, nicht mehr existieren wird in dieser Form. Ich würde eher an alltagspraktische Dinge appellieren, an Forschung, soweit möglich, die uns in der akuten Notsituation und der, die noch kommen wird, helfen kann.

Update, 23.30

Heute kamen wieder 300 Fälle österreichweit dazu. Drosten warnt im Podcast von heute, dass viele Menschen zu sorglos damit umgehen, etwa in Versammlungen, in Kneipen, etc. Auch in Wien waren heute etliche Familien zu Ausflügen unterwegs, in Gruppen, zu Picknicks. Oder am Donaukanal. Drosten meint, viele denken, sie wären dann ein paar Tage im Spital, würden beatmet und das wäre es, aber so ist es nicht. Jetzt sterben viel mehr von den älteren und chronisch kranken Menschen als etwa bei einer Influenza. Drosten sagt, wir müssen etwas finden, für Ältere und Kranke, wenn wir keine erhöhte Todesrate wollen. Dafür müssen Regulative außer Kraft gesetzt werden in der Impfstoffentwicklung.

Zum Schluss noch ein paar Sager von mir der letzten Tage- Heiteres und Nachdenkliches.

  • Die lange Zeit der physischen Distanzierung/Isolierung ist vergleichbar mit einer 24-Stunden-Wanderung. Man kann schneller gehen als die anderen, aber sie dauert für alle 24 Stunden. Wir können nur disizipliniert bleiben, um am Ende alle gemeinsam ins Ziel zu kommen.
  • Für jene, die sich gerade über massive Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte aufregen (Überwachung der Handydaten, Quarantäne ganzer Ortschaften und Gebiete, Ausgangssperren):

    Es geht nicht um Deine Persönlichkeitsrechte, sondern um Deinen Onkel, der grad immunsupprimiert ist, um die Tante mit dem starken Asthma, um den 80jährigen Opa, der zum Geburtstag eingeladen hat, um die Freundin, die gerade eine Chemo macht. Es wird jeden irgendwie betreffen.

  • Ich möchte den Menschen, die grad in Gruppen zusammensitzen auch auf den Weg geben, dass es nicht nur um Virus gefährdete Alte und chronisch kranke Menschen geht, sondern auch um geplante, lebenswichtige OPs und Unfallversorgung, die im Ernstfall nicht mehr gewährleistet sind. Das kann JEDEN von uns betreffen.
  • Frei nach Alfred Polgar: In Wien gehen Menschen spazieren  weil sie zum daheim bleiben nach draußen gehen müssen.
  • Ist jemand, der sich in einem Heurigenlokal kuriert hat, ausgesteckt?

Vom gestrigen Podcast von Drosten noch ein paar praxisnahe Informationen:

  • bei den meisten milden Fällen waren die Symptome (Husten und Fieber) nach einer Woche verschwunden, in der Lunge war das Virus aber noch nachweisbar. Noch ist unklar, ab wann jemand offiziell als gesund gilt: Patienten bekommen früh Antikörper während der Infektion (Ende der ersten Woche, hohe Zuverlässigkeit), Immunität stellt sich schnell ein.
  • Das Virus wird schon im Rachen repliziert, Reiz zur Immunstimulisierung gegeben, bevor das Virus in die Lunge rutscht. Hypothese: Es ist denkbar, jemand atmet gleich eine hohe Dosis Virenpartikel ein, die in die Lunge geraten, so kommt es gleich zum schweren Verlauf, weil der Körper keine Immunantwort hat. 
  • Eine große Gruppe wird gesund, alle machen Antikörper, aber nicht alle machen neutralisierende Antikörper, sind aber trotzdem gesund geworden.
  • Die Antwort: Zytotoxische T-Zellen (Zellpolizei) gehen selbst auf Infektionszellen los. => Zelluläre Immunantwort entscheidend, Antikörper nur Beiprodukt.
  • Nicht notwendig, Impfstoff zu entwickeln, der den Virus imitiert, sondern der nur darauf abzielt, möglichst viele neutralisierende Antikörper herzustellen.
  • Antikörpertest nutzlos in den ersten 10 Tagen, wenn noch keine Immunantwort vorhanden ist
  • Ab 2/3. Tag der Symptome kann man aus Rachenabstrich Schnelltest durchführen, kann den aufwändigen PCR-Test künftig ablösen.
  • Wissenschaftliche Daten für FFP2-Masken gibt es nicht. Nur FFP3-Masken haben belegbaren Infektionsschutz für diese Viren.
  • Einfache Maske schützt bei feuchter Aussprache, aber: Die Maske schützt nicht vor dem Einatmen von Virenpartikeln. Man schützt nicht sich selbst, sondern andere.
  • Psychologischer Effekt setzt ein: Jeder muss eine Maske tragen, sonst macht er einen Fehler (in Asien geächtet). Infektionsbereich im Nahbereich wird verringert. Vor der Corona-Pandemie war es kulturell geächtet, Masken zu tragen (das wird sich künftig ändern)

 

 

 

 

 

 

Tag 6, 17.03.

Bild aus der Heimat, Anfang Februar 2020

So, ich hab den düsteren Text jetzt gelöscht. Ab jetzt wieder mehr sachliche Berichterstattung, was sich hier tut.

10.00  Zwei Mal Gute Nachrichten und einmal Batman

  • Am 16. März schrieb Melisa Chen, dass sich in Singapur die Lage stabilisiert habe, die Geschäfte und Restaurants haben wieder offen, die meisten gehen ohne Masken herum.
  • Ein Physiker mit Spezialgebiet Pandemien berichtet am 17. März davon, dass eine Woche nach Italiens landesweiten Lockdowns (8 Tage nach dem Norden) Italien drei Tage in Folge eine gleichbleibende Anzahl an Neuerkrankungen meldet. Das bedeutet, fünf Tage nach dem Lockdowns bleiben die Fälle identisch, was der typischen Inkubationszeit von 3-5 Tagen entspricht. Europa nähert sich Italien an. Etliche Länder fahren landesweit auf Minimum herunter, deshalb können wir hoffen, dass sich die Lage in 5 Tagen stabilisiert. Die, die das verzögern, leiden länger. Spanien landesweit mit Lockdown, Frankreich fährt Paris nieder. Schweiz noch nicht. Deutschland wartet noch auf irgendetwas.
  • Die meisten von uns kennen den Film von Christopher Logan – The Dark Knight, der zweite Teil von Batman. Zu Beginn des Films mappt Batman das Gebäude, in das er eindringt, mithilfe zweier Handys und Echolocation. Tja, der Film wurde nun Realität, A1 hat eigenmächtig die Standorten aller (!) Handys in Österreich an die Regierung weitergegeben, angeblich anonymiert. So sollen die Infektionsketten nachvollziehbar sein. Das geschieht wahrscheinlich aufgrund des Mangels an Schnelltests/Testverfahren und mangelnder Kapazitäten, um die Kontaktpersonen nachzuvollziehen. Es dürfte in einigen Fällen auch nicht mehr möglich sein, wenn man an Infektionen in den öffentlichen Verkehrsmitteln denkt. Ich halte das für vertretbar und habe genug Vertrauen in die türkisGRÜNE Regierung, dass die Daten nach der Krise gelöscht und die Weiterleitung künftig wieder unterbunden wird. Vertrauen reicht aber nicht, Kontrolle ist besser und deswegen ist es richtig und wichtig, dass kritische Journalisten dahinter sind, die Verhältnismäßigkeit wirklich nur in diesem einzigartigen Krisenfall angemessen zu sein und in keinem anderen Fall danach.

In Wien-Zentrum häufen sich unterdessen Hubschrauberüberflüge, ich hab auch schon aus erster Hand von Kontrollen von Autofahrern durch die Polizei gehört.

17.00

Mit der Psychologin hab ich heute einen Tagesplan gemacht, ab den ich mich ab morgen halten werde. Heute bin ich zu müde dafür. Im Plan ist festgelegt, wann ich Gymnastik mache, wann das Rudergerät benutze, geplant sind Arbeiten auf dem Balkon, Film und Tierdokus schauen, Baden, hier weiterbloggen, Fachartikel über Corona ins Deutsche übersetzen, Wetterberichte schreiben, auch wenn sie keinen mehr interessieren). Überlebenswichtig ist der Aufbau von Routinen, in der Gegenwart leben, nicht zu viel an die ungewisse Zukunft denken. Das Einzige, was ich heute fest vorhabe, ist ein heißes Erkältungsbad. Ich betreibe derzeit eher Selbstquarantäne auf Verdacht, als Mitarbeiter am Flughafen war ich letzte Woche und davor tagelang einem erhöhten Risiko ausgesetzt, und das war vor den offiziellen Erlässen mit Abstand halten. Heute war der erste Tag nach sechs Tagen Appetitlosigkeit, wo ich anhaltendes Magenknurren verspürte. Dafür gönnte ich mir Spaghetti mit China süß-sauer aus dem Glas (die Marke von SPAR hat keine Geschmacksverstärker) und aß zwei Teller voll. Die Nase fühlt sich immer noch geschwollen an, aber ohne Schnupfen. Das Atmen durch die Nase fällt mir schwer seit Tagen. Dazu ist der Mund wie ausgetrocknet – und ich trinke täglich mindestens 2 Liter Tee. Sonst hab ich keine Symptome, ich messe täglich 2-3x Fieber, meistens ist meine Körpertemperatur unter 36,5°C. Mit einem Pulse Oximeter (für den Finger) kann ich außerdem die Sauerstoffsättigung messen, sie liegt bei mir bei 98-99%. Beim Notieren der Werte hier hab ich grad beschlossen, ein Tagebuch zu führen, um täglich über meinen köprerlichen Zustand Bescheid zu wissen, mein Fitnesstracker misst außerdem Puls und errechnet die Schlafphasen. In der Nacht auf Samstag hatte ich nur unglaubliche 9min Tiefschlaf. Und ein Blutdruckgerät hab ich auch zuhause, damit hab ich soeben 152/95 Blutdruck und 72 Puls gemessen. Der Hausarzt war heute wegen Krankschreibung telefonisch nicht erreichbar.

1338 Personen sind inzwischen positiv getestet werden, das sind über 300 mehr als gestern, allerdings waren es auch 2000 Testergebnisse mehr. Beunruhigend ist momentan vor allem, dass sich immer mehr Spitalsmitarbeiter und Allgemeinärzte anstecken, die das Virus dann nach Hause tragen.

 

 

Tag 5, 16.03. – Erlass

02.00 Inzwischen gibt es einen offiziellen Erlass der Republik Österreich, der die Ausgangssperre regelt, vorerst für eine Woche:

Auf Grund von § 2 Z 1 des COVID-19-Maßnahmengesetzes, BGBl. I Nr. 12/2020, wird verordnet:

§ 1.

Zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19 ist das Betreten öffentlicher Orte verboten.

§ 2.

Ausgenommen vom Verbot gemäß § 1 sind Betretungen,

1.

die zur Abwendung einer unmittelbaren Gefahr für Leib, Leben und Eigentum erforderlich sind;

2.

die zur Betreuung und Hilfeleistung von unterstützungsbedürftigen Personen dienen;

3.

die zur Deckung der notwendigen Grundbedürfnisse des täglichen Lebens erforderlich sind und sichergestellt ist, dass am Ort der Deckung des Bedarfs zwischen den Personen ein Abstand von mindestens einem Meter eingehalten werden kann;

4.

die für berufliche Zwecke erforderlich sind und sichergestellt ist, dass am Ort der beruflichen Tätigkeit zwischen den Personen ein Abstand von mindestens einem Meter eingehalten werden kann;

5.

wenn öffentliche Orte im Freien alleine, mit Personen, die im gemeinsamen Haushalt leben, oder mit Haustieren betreten werden sollen, gegenüber anderen Personen ist dabei ein Abstand von mindestens einem Meter einzuhalten.

§ 3.

Die Benützung von Massenbeförderungsmitteln ist nur für Betretungen gemäß § 2 Z 1 bis 4 zulässig, wobei bei der Benützung ein Abstand von mindestens einem Meter gegenüber anderen Personen einzuhalten ist.

§ 4.

Im Fall der Kontrolle durch Organe des öffentlichen Sicherheitsdienstes sind die Gründe, warum eine Betretung gemäß § 2 zulässig ist, glaubhaft zu machen.

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Das bedeutet, öffentliche Verkehrsmittel sind nicht für Spaziergänge oder sportliche Aktivitäten an anderen Orten vorgesehen, also defakto darf ich mich – abseits zur Anfahrt zum Flughafen – nur noch innerhalb meines Grätzels aufhalten. Das ist wirklich bitter. Menschen mit Auto sind mobiler, können überall hinfahren, in den Wald, sogar in die Berge. Mit dem Rad fahr ich eine Zeit lang bzw. einiges bergauf (und ich bin völlig untrainiert). Eine Woche wäre das aushaltbar, aber realistisch sind momentan eher vier bis sechs Wochen. Naja, ein gutes Radtraining wird das. Ich weiß nur, dass der Wald das effektivste Antidepressivum für mich sein wird, also eine längere Anfahrt werd ich wohl riskieren. Ich glaube für Menschen wie mich, die alleine leben (“Single”-Dasein), ist diese Krise noch viel schwieriger durchzudrücken als für Paare, auch wenn sie lange aufeinanderpicken, ja das kann anstrengend werden, aber bringt auch Trost und Ablenkung.

02.45

Ein exzellenter Text (vom 14.03.) darüber, warum die drastischen Maßnahmen wie “Community-Quarantäne” notwendig sind, von Dr. Edsel Salvana, Experte für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin und führendes Mitglied einer technischen Beratergruppe für die IATF (Inter-Agency Task Force)

https://www.rappler.com/newsbreak/iq/254521-things-to-know-community-quarantine

11.00

Um es klarzustellen, Radfahren ist weiterhin erlaubt!
Darf ich auf den Berg gehen, an den See fahren, eine Runde durch die Stadt machen?
Auch in Zeiten von Corona bleibt eine Runde ums Haus, Joggen, eine Radtour, aber auch etwa in den Wienerwald fahren, um dort spazieren zu gehen, erlaubt (sechste Ausnahme). Wichtig ist, dass man nur im engsten Kreis unterwegs ist – und ein Meter Abstand zu anderen gewährleistet ist, erläuterte das Gesundheitsministerium die neuen “Verkehrsbeschränkungen”.

https://www.kleinezeitung.at/international/corona/5785293/Fragen-Antworten_Darf-ich-auf-den-Berg-Freunde-treffen-mit-dem

Außerdem sind die Bundesgärten nach den aktuellen Informationen weiter geöffnet, also auch Augarten oder Lainzer Tiergarten. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass sich das noch ändert, weil außer die Polizei kontrolliert auch dort (würde ihnen btw, selbst gut tun, wenn sie bissl Natur und frische Luft haben).

Zum Schluss noch ein paar Hinweise

Stand, 08.00 sind 968 Fälle in Österreich bestätigt, das sind rund 100 mehr als gestern Nachmittag.

16.00

Wie sah mein Tagesablauf bisher aus? Ich hab naturgemäß schlecht geschlafen, bin mit trockenem Hals aufgewacht. Dann wurde ich angerufen, dass meine Nachtschicht heute gecancelt wurde, stattdessen hab ich am Mittwoch Tagdienst. Der Flugbetrieb bleibt offen wegen dringend benötigter Güter, z.b. Lebensmittel und Medikamente. Das bleibt so lange, bis alle infiziert sind und alles steht. Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst, deswegen möchte ich selbst den Lebensmitteleinkauf vermeiden und bestelle notfalls bei amazon.de oder bei nunukaller.com – eine Plattform mit einer Übersicht über zahlreiche Artikel, die derzeit (noch) online bestellt werden können. Ich darf unter keinen Umständen ausfallen, denn plötzlich zähle ich zu den systemrelevanten Arbeitskräften. Vor einigen Tagen hatte ich noch gehofft, möglichst frühzeitig infiziert zu sein, wenn genug Kapazität der Ärzte vorhanden ist, um notfalls behandelt zu werden. Inzwischen mehren sich Berichte darüber, dass die Krankheit auch für jüngere Menschen lebensbedrohlich ist, und Priorität hat jetzt wohl einfach, es sich nicht einzufangen.

In den nächsten zwei bis drei Tagen entscheidet sich, ob ich mir was eingefangen habe, als ich leichtsinnigerweise noch vergangenen Dienstag und Mittwoch mit den Öffis und Umsteigen in den Wienerwald und in den Dunkelsteinerwald wandern gefahren bin. Heute wäre der 5. bzw. 6. Tag nach den Wanderungen, was der durchschnittlichen Inkubationszeit entspricht. Ich könnte mir aber auch was eingefangen haben, als ich am vergangenen Donnerstag und Freitag mit den Öffis in die Arbeit und nach Hause gefahren bin. Who knows?! Laut Robert-Koch-Institut ist die Tröpfcheninfektion der dominante Übertragungsweg, also enger (!) Kontakt mit den Mitmenschen (miteinander sprechen bei geringem Abstand, Husten, Niesen) und weniger die Schmierinfektion über Oberflächen. Anscheinend sind bisher die meisten Infektionsketten klar auf engen Kontakt zurückzuführen. Daraus könnte man schließen, um ein Klischee zu bedienen, dass Autisten seltener betroffen sind, weil sie oft weniger soziale Kontakte haben, bzw. diese eher über digitale Kommunikationsmittel pflegen. Und wenn sie welche haben, schütteln sie ungern Hände oder vermeiden allzu engen Körperkontakt mit Fremden. Who knows? Am Donnerstag haben wir uns in der Arbeit noch die Hand geschüttelt, am Freitag nicht mehr. Wie viele hundert Mal ich danach im Gesicht herumgegriffelt habe, weiß ich nicht.

Zurück zum Tagesablauf, ich hab die Spülmaschine angeschaltet, das steinharte Brot in der Pfanne gebacken, das über Nacht offen in der Papiertüte lag, mit Ei, Milch und Gewürzen. Früher hätte ichs wohl weggeworfen, aber mit der Lebensmittelverschwendung ist jetzt vorbei. Bisher hatte ich noch keinen Sinn dafür, neue Routinen aufzubauen. Ich hab die neue Normalität noch nicht akzeptiert. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass in nächster Zeit sehr viele Psychologen und Therapeuten gefragt sein werden, teils ehrenamtliche seelische Betreuung zu leisten. Die Angstattacken sind immer da, die soziale Isolation tut ihr übriges. Ja, obwohl ich Autist bin, aber wenn man völlig fremdbestimmt ist, wann man wieder seine Freunde sehen darf, dann ist das weit weniger aushaltbar, als wenn man aus freien Stücken entscheidet, daheim zu bleiben. Gestern hatte ich den letzten regulären Dienst für eine sehr lange Zeit. Ich glaube auch, man würde der Bevölkerung insgesamt mehr Vertrauen geben und Disziplin einfordern können, wenn für alle Betroffenen versichert werden könnte, dass sie ihren Job nicht verlieren und unbürokratisch Geldmittel erhalten, sofort, nicht erst in einem halben Jahr. Wie man den gigantischen Schuldenberg je zurückzahlen will und soll, darüber kann man sich nach der Krise Gedanken machen.

Das Virus betrifft zwar alle, aber nicht alle gleich. Der bekannte demographische Faktor. In Wahrheit ist es aber ein Städte- und Touristenvirus. Ländliche Regionen ohne Massentourismus sind geringer betroffen, hier kann auch keiner überwachen, ob der Bauer von Hof Nr. 13 auf 1200m Höhe in den Bergen die Ausgangssperre einhält. Dort dreht sich das Leben weiter, als wäre nichts geschehen. Im Wanderforum mehren sich die Berichte von Bewohnern, die mitten in den Bergen leben und direkt vom Haus weg starten können, ohne den ganzen Tag Gefahr zu laufen, anderen Menschen zu begegnen. In der Stadt empfinde ich es als brutal. Während am Land rein optisch alles unverändert bleibt, vielleicht etwas weniger Verkehr auf den Landstraßen, fällt die Menschenleere in der Stadt überall auf. Es fällt auf, wie alle in ihren vorgeschriebenen Abständen unterwegs sind, sich ausweichen, die Straßenseite wechseln, die panischen Blicke, wenn jemand hustet oder niest. Man sieht die geschlossenen Geschäfte, den verrammelten Park, was besonders bitter bei den kommenden frühlingshaften Temperaturen sein wird. Man wird an jeder Ecke daran erinnert, dass das vorher der normale Arbeitsweg war, der Gang zum Bäcker, die betrunkenen Jugendlichen, die vom Flex her die Stiege hinauftorkeln, die sonst beschleunigten Schritte, um die Bim noch zu erwischen. Und das war kein schleichender Rückfall, sondern vollzog sich innerhalb weniger Tage. Am letzten Mittwoch bin ich noch auf gewöhnlichem Weg in die Bahn gestiegen und hab meine Wanderung gemacht, bereits am Samstag herrschten erste Beschränkungen.

Jetzt fallen sukzessive weitere Privilegien, die wir 75 Jahre lang für selbstverständlich erachtet haben. Versammlungsfreiheit, Bewegungsfreiheit, Reisefreiheit. Zugleich wird auch klar, dass diese Krisensituation nicht so schnell vorübergehen wird. Realistischerweise kann die Freiheit sich zu bewegen und seine Liebsten in die Arme zu schließen, erst dann wieder zurückkommen, wenn i) ein genügend großer Teil der Bevölkerung das Virus hatte und wieder genesen ist bzw. ii) ein wirksamer Impfstoff entwickelt wurde, um die gefährdeten Risikogruppen vor der Ansteckung zu schützen. Ein Virologe hat gestern bei Anne Will gesagt, wenn es uns gelänge, global für 2-3 Wochen einen Shutdown zu vollziehen, dann wäre das Virus Geschichte, es würde keinen Wirt mehr finden. Doch das ist utopisch. Bei jeder neuen Maßnahme finden sich wieder Leute, die sich daran nicht halten und einen potentiellen Wirt für das Virus darstellen. Die totale Ausgangssperre wird kommen und glücklicherweise leben wir im Wohlstand und sollten in der Lage sein, via Nachbarschaftshilfe Lebensmittel untereinander zu verteilen, sollte es knapp werden. So wie derzeit wird es aber wohl nicht bleiben können, dass die Massen ohne Abstand zu halten in die Läden strömen.

Ich hab mich nicht besonders geschickt angestellt beim Vorräte anlegen. Am Anfang hielt ich die Panik für übertrieben, als dann die Hamsterkäufe einsetzten, besorgte ich etwas mehr von dem, was ich mir üblicherweise 1-2x die Woche koche. Die restliche Zeit war ich immer beim Bäcker, in der Kantine oder ging Essen. Das Privileg des Wohlstands in der Großstadt. Dann war die Hölle los, ich musste weiter arbeiten und bekam danach weder Küchenrollen noch frisches Gemüse oder Obst. Jetzt traue ich mich nicht mehr in die Läden, die Leute halten zu wenig Abstand. Heute hatte ich kein Bedürfnis nach draußen zu gehen, aber da laut Bürgermeister Ludwig hunderte Menschen meinten, sie müssten heute aufs Amt, Behördendinge erledigen, würde es mich nicht wundern, wenn ich bald der Dumme bin, der die verbleibenden Tage ohne Ausgangssperre nicht genutzt hat.

Um 15.00 kamen die neuen Daten, von 8490 getesteten Personen sind 1016 positiv, genesen sind erst 6, Todesfälle gibt es 3. Das sind 50 Fälle mehr als heute morgen und 150 mehr als gestern. Der Anstieg bleibt also gleich und steigt nicht mehr exponentiell. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass anscheinend weniger getestet wird und die Zahlen die Realität nicht widerspiegeln.

17.15  Neue Zahlen vom ORF machen Hoffnung 

[…] Derzeit werden zwölf Erkrankte intensivmedizinisch behandelt, 107 sind in stationärer Behandlung.

In den vergangenen sieben Tagen nahmen die Fallzahlen täglich im Durchschnitt um 36 Prozent zu. Von gestern auf heute (jeweils Stand 8.00 Uhr) wurde hingegen ein Anstieg um 20 Prozent von 800 auf 959 registriert. Die Altersverteilung der bisher bestätigten Fälle zeigt: Die Erkrankten sind im Durchschnitt relativ jung. Nur 130 Betroffene sind laut Gesundheitsministerium älter als 64, weitere 134 zwischen 55 und 64 Jahre, alle anderen jünger.

Die bisherigen Krankheitsverläufe seien relativ ermutigend: Bei weit über 85 Prozent verläuft die Krankheit bisher milde, sie befinden sich in Heimquarantäne. […]

18.00 Key facts der WHO-Pressekonferenz übersetzt, Quelle: Twitteraccount 

Die WHO rät dazu, dass selbst milde Fälle in Gesundheitseinrichtungen isoliert werden sollten, um die Verbreitung zu verhindern und angemessene Hilfe leisten zu können. Viele Länder haben aber bereits die Kapazität dafür überschritten. In dieser Situation sollten die Länder ältere Patienten und solche mit Vorerkrankungen bevorzugen, manche Länder haben für die milderen Fälle Stadien und Turnhallen vorgesehen, eine weitere Option sei Heimquarantäne. Pfleger und Angehörige sollten medizinische Masken tragen, wenn sie sich zusammen in einem Raum aufhalten, sie sollten in getrennten Betten schlafen und verschiedene Badezimmer benutzen. Die Pflege sollte bestenfalls jemand übernehmen, der sich in guter Gesundheit befindet und keine Vorerkrankungen hat. Nach jedem Kontakt mit dem Patienten oder der unmittelbaren Umgebung sollte der Pfleger seine Hände waschen. Auch, wenn sich Erkrankte besser fühlen, können sie andere noch anstecken, daher sollten die Maßnahmen für mindestens zwei Wochen nach dem Verschwinden der Symptome weitergehen.

18.30 Informationen darüber, wie sich das Virus in der Luft verhält, Originalartikel

Masernpartikel sind klein und robust und können bis zu zwei Stunden an der Stelle verweilen, wo zuvor eine infizierte Person gehustet oder geniest hat. Derzeit deuten die Daten mehrheitlich daraufhin, dass das Coronavirus als Aerosol existieren kann, aber nur unter sehr begrenzten (Labor-)Bedingungen, und dass das nicht der Hauptweg ist, über den die Pandema gesteuert wird. Begrenzt bedeutet aber nicht “gar nicht”, weshalb es weiterhin extrem wichtig ist, medizinisches Personal zu schützen, besonders wenn sie etwa Patienten intubieren, wobei sie der größten Gefahr ausgesetzt sind, Covid19-Aerosole zu produzieren.

Covid19 wird über zwei Wege über die Luft verbreitet:

In Tröpfchenform ist es es für ein paar Sekunden in der Luft vorhanden, nachdem jemand geniest oder gehustet hat. Es kann sich nur über kurze Distanzen fortbewegen, bevor die Gravitationskräfte es nach unten ziehen. Jemand, der sich in dem Moment nahe genug befindet, kann sich infizieren. Wie alle anderen, die mit den Tröpfchen in Berührung bekommen, wenn sie zu Boden sinken. Das Virus kann mehrere Stunden auf Oberflächen überleben, daher ist es wichtig, sich die Hände zu waschen, nachdem man eine Oberfläche an einem öffentlichen Ort berührt hat.

Ein Aerosol ist ein gänzlich verschiedener physikalischer Zustand: Partikel werden durch physikalische und chemische Kräfte in der Luft gehalten. Nebel ist ein Aerosol, Wassertröpfchen werden in der Luft gehalten. Dort bleiben sie über Stunden, was von Faktoren wie Hitze und Feuchte abhängt. Jeder, der durch eine Virenwolke geht, kann infiziert werden. Es gibt gewichtige Gründe daran zu zweifeln, dass das neue Virus diese Fähigkeit hat, es gäbe nämlich sonst viel mehr Verbreitung. Bei Tröpfcheninfektion passiert es vor allem im engen Kontakt. Doch ein Aerosol-Covid19 kann in einem Aufzug inhaliert werden. Nach den aktuellen Berichten geschieht das nicht.

[…]

 

Tag 4, 15.03.

6.47

Ich hab heute früh meinen Tischkalender entsorgt. Urlaubspläne zweitrangig. Vor zwei Tagen noch schrieb ich, dass ich an Wanderungen festhalten will, aber ich hab meine Meinung nach gestern geändert. Es sind zu viele Idioten unterwegs, in Gruppen. Ein weiterer Punkt ist, dass viele Jugendliche in Gruppen unterwegs sind, gestern gab es von Kanzler und Vizekanzler ein eindringliches Statement, daheim zu bleiben, bis auf beruflich notwendige Erledigungen, Lebensmittel und Apotheken, und Menschen helfen, die sich nicht selbst helfen können. Ja, mein gestriger Einkauf war auch dumm bzw eine Übersprungshandlung. Zumindest hab ich ausreichend Abstand gehalten. Ich versehe heute wieder meinen Dienst am Flughafen, ich kann nur öffentlich anreisen. Heute früh musste ich mich gleich ärgern. 10 Touristen standen Schlange. Keiner hält ausreichend Abstand, die meisten zahlen mit Bargeld. Und sie sitzen alle hintereinander. Ich hab den Platz ganz hinten rechts ergattert, bin wenigstens 1, 5m entfernt.

9.00

Meinem Eindruck nach sind die Leute am Land mehrheitlich entspannter, das hat wohl mehrere Gründe, in entlegenen Regionen war man früher auch durch Unwetter wie Lawinen, Schneemassen oder Hochwasser manchmal tagelang abgeschnitten. Die Bewohner sind in der Lage, sich selbst zu versorgen, haben von Haus Vorräte bzw. die Möglichkeit dafür (Platz, Keller) oder ihr eigenes (Winter-)Gemüse, Viecher, um autark zu leben. Dann ist die Nachbarschaftshilfe viel ausgeprägter, selbstverständlicher als in der anonymen Großstadt. Und drittens ist es alleine schon hilfreich, wenn man Natur direkt vor der Haustür, im eigenen Garten hat, in den Wald gehen kann, ohne unnötige Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Viertens hat fast jeder am Land ein eigenes Auto.

09.30

Die Regierung hat ankündigt, dass ab Dienstag alle Lokale geschlossen haben (statt bis 15.00 geöffnet), und dass auch Sport- und Spielplätze nicht mehr benutzt werden dürfen.

Hier ein Must-Read für das richtige Verhalten, gilt vor allem für leichtsinnige Jugendliche, in Südkorea und Italien übertragen EIN DRITTEL der 20-29 Jährigen das Virus! Und gilt speziell auch für Deutschland, wo derzeit viele den Ernst noch herunterspielen.

https://medium.com/@holger.heinze_81247/coronacodex-meine-selbstverpflichtung-w%C3%A4hrend-der-covid-19-epidemie-f6eecf35a174

11.10

In ganz Tirol herrscht ab jetzt Ausgangssperre. Nur noch mit einem triftigen Grund darf man die Wohnung verlassen. Aktuell (Stand, 08.00) sind es 800 bestätigte Fälle. 150 mehr seit gestern Nachmittag.

11.40 Die Wucht des ganzen Dramas sickert langsam ein. Es wird nie mehr so wie vor.

12.40 Ich zitier das mal ganz:

Die Beschränkungen im öffentlichen Raum werden laut Bundeskanzleramt ab Montag von der Polizei kontrolliert, im Bedarfsfall drohen auch empfindliche Verwaltungsstrafen. Man kann sich zwar abseits der drei Ausnahmen weiterhin im öffentlichen Raum aufhalten, etwa für Spaziergänge, allerdings nur alleine oder mit Personen, mit denen man zusammenlebt. Dies solle aber nur in dringenden Fällen geschehen.

Strafen bei Zuwiderhandeln

Werden Personen von der Exekutive alleine angetroffen, gibt es laut Auskunft aus dem Kanzleramt keine Maßnahmen. Werden Gruppen angetroffen, werden diese darauf hingewiesen, „dass sie sich auflösen sollen“, hieß es im Kanzleramt. Dies soll auch schon am Sonntag erfolgen. Ab Montag drohen dann bei Zuwiderhandeln Verwaltungsstrafen in Höhe von bis zu 2.180 Euro. Strafen sind auch möglich, wenn man die Platzverbote – etwa für Spielplätze – missachtet: Hier ist mit Verwaltungsstrafen in Höhe von bis zu 3.600 Euro zu rechnen. Die Regierung appelliert aber an die „Vernunft und Eigenverantwortung“, wie es hieß.

Das Haus soll nur noch verlassen werden für Berufsarbeit, die nicht aufzuschieben ist, dringende Besorgungen wie Lebensmittel und um anderen Menschen zu helfen. Der Kanzler betonte bei seiner Rede vor dem Nationalrat aber erneut, dass die Versorgungssicherheit weiterhin garantiert sei. Geschäfte im Lebensmittelhandel blieben ebenso geöffnet wie Drogerien, Trafiken und Apotheken.

https://orf.at/stories/3157914/

19.45, 870 Fälle in Österreich (Stand, 15.00)

Mitgehangen, mitgefangen. Es ist schwierig, das zu entscheiden. Der Autismus spielt jetzt kaum noch eine Rolle, aber er könnte mir am Ende das Leben kosten, weil ich nicht merke, wann ich infiziert bin und ob meine Symptome so schwerwiegend sind, dass ich ärztliche Hilfe brauche, die ich dann nur telefonisch erreichen kann. Das ist eigentlich die Hauptsorge derzeit. Ich hab zwei Möglichkeiten – entweder verrichte ich weiter meinen Dienst, bis ich mich infiziert habe oder als Kontaktperson in Hausquarantäne gehen muss – oder ich bleibe zuhause und mache mich alleine verrückt vor Angst, wenn die Stirn sich heiß anfühlt, ich schlecht Luft bekomme und einen trockenen Hals habe, und werde spät infiziert, wenn die Spitäler bereits überlastet sind. Gut, der Gedanke ist absurd, sich durch die Aufrechterhaltung des Dienstbetriebs früher infizieren zu können (wollen?). Jedenfalls tut es gut mit den Kollegen Dienst zu machen, auch wenn bei uns inzwischen Abstand halten angesagt ist. Wir wissen auch nicht, wie lange wir genug Personal haben, das noch nicht infiziert ist. Bisher noch keiner, jedenfalls nicht getestet. 

Nach Dienstende bin ich mit dem Flughafenbus zurück gefahren. Ich ging als erster in den Bus, gleich ganz hinter in die letzte Reihe (fünf Plätze), ganz rechts. Im Bus waren insgesamt vielleicht fünf Passagiere. Aber so ein vertrottelter asozialer Saubeidl kam rein, ging in die letzte Reihe und setzte sich OHNE NOT zwei Sitze neben mich in die Mitte, quasi in Spuckweite. Ich machte ein Handzeichen und sagte, nach links rücken, er ignorierte mich, also setzte ich mich drei Sitze davor auf eine freie Reihe. Kurz darauf hat er auch gehustet. Was weiß ich, von wo er mit dem Flugzeug kam? Für die nächsten Dienste nimmt mich ein Kollege mit, den Bus benutze ich nicht mehr. Wir arbeiten künftig immer in den gleichen Teams, damit weniger ausfallen, wenn ein Team infiziert ist. Öffentliche Verkehrsmittel sind für mich ab sofort wegen solcher Idioten tabu.

Was gibt es sonst? Die ÖBB dünnen jetzt auch sukzessive den Fahrplan aus, das schafft zudem Kapazitäten für den Güterverkehr. Ich hab noch genug zum Essen für rund zwei Wochen, kann jetzt wirklich in der Wohnung bleiben. 

Und das ist mein heutiger Appell an meine Leser: Lasst Euch bitte nicht von den niedrigen Fallzahlen täuschen. Es wird extrem wenig getestet im Vergleich etwa zu Südkorea. Die meisten Übertragungen finden durch infizierte Personen statt, die keine oder nur milde Symptome aufweisen! Die durchschnittliche Inkubationszeit beträgt 5-6 Tage. Die Dunkelziffer erkrankter Personen ohne Symptome bzw. mit Symptomen, aber ohne sofortige Testung dürfte enorm sein. Eine Aussage gefällt mir diesbezüglich besonders gut als Warnung und auch als Aufforderung: 

Verhaltet Euch nicht so, als könntet ihr Euch anstecken, sondern verhaltet Euch so, als wärt ihr bereits ansteckend!

Bitte bedenkt bei all den drakonischen Maßnahmen, die täglich in Kraft treten und verschärft werden, dass es nicht um die Mehrheit von Euch geht, also jene 80%, die den Virus gut überstehen, sondern um die 20% mit schwachem Immunsystem, vorwiegend Ältere und chronisch Kranke. Für die kann die Infektion mit dem Virus tödlich verlaufen! Außerdem gefährdet ihr all jene Personen, die gerade dafür sorgen, dass ihr NICHT panisch einkaufen musst. Die Helden an den Supermarktkassen, die Lieferanten, all jene mit teilweise intensivem Kundenkontakt bzw. im Dauereinsatz ohne Pause! Die aufgrunddessen vom Immunsystem her einknicken werden, wenn dieser Zustand noch länger anhält. Es geht jetzt darum, die Kurve flach zu halten, damit die Spitäler und das gesamte Versorgungswesen nicht zusammenbrechen. Es geht um Leben und Tod, vielleicht nicht um Euer Leben, aber das Eurer Liebsten, um die Ihr Euch sorgt und die ihr – wie ich auch – gerne wiedersehen und umarmen wollt, wenn das alles vorbei ist. Es geht darum, keine italienischen Zustände zu generieren, in denen Menschen alleine sterben müssen, in denen viele Menschen bei einem funktionierenden Spitalswesen gerettet worden wären, aber wie im Krieg entschieden werden muss, wer die besseren Überlebenschancen haben wird. 

Aus dem verlinkten Tweet oben: 

Einfache zwei Regeln:

1. Wenn Du keine Symptome hast, dann sei sehr hygienisch und verhalte Dich so, dass Du keine Viren verbreitest oder irgendwo hinterlässt.

2. Wenn Du leichte Symptome hast, vermeide jeden Kontakt, bis Du wieder frei von Symptomen bist. Wende dann wieder Regel 1 an. Solange wir glauben, nur die anderen haben es, wird es nicht wirklich unterbrochen werden können.

Tag 3 – 19.30

Ich hab mich entschieden, mein Tagebuch auf diesem Blog weiterzuführen, da zum Einen die Themen in den nächsten Wochen und Monaten wenig von Autismus geprägt sein werden und zum Anderen mein Lebensmittelpunkt Wien sein wird. Wann die Grenzen wieder offen sind, ist ungewiss.

Bisherige Beiträge:

Der Tag 0 ist natürlich nicht der Tag mit den ersten Infektionen, sondern der erste Tag, wo die Katastrophe erstmals unmittelbar zu Einschränkungen geführt hat bzw. spürbar war, dass sich eine fatale Entwicklung abzeichnet, die unser Leben für einige Zeit massiv einschränken wird.

Zum heutigen Tag ein Update. Ich hab zum dritten Mal in Folge sehr schlecht und viel zu kurz geschlafen. Inzwischen fehlt mir auch der Appetit. Ich wollte heute eigentlich Blumenerde einkaufen gehen, aber als ich davon las, dass im Baumarkt bereits die Massen einströmen, ließ ich das bleiben. Außerdem weiß ich als Meteorologe, dass die Wettermodelle seit Tagen in der letzten Märzdekade einen markanten Kaltluftvorstoß rechnen, mit trockener Eiseskälte aus Osteuropa. Das ist unter Garantie mit Nachtfrost verbunden und es wäre schade, wenn die frisch austreibenden Keime gleich wieder erfrieren. Ich bin dann mit der fast leeren Straßenbahn und Baumwollhandschuhen zum Schwedenplatz und zu meinem Lieblingsbergsportgeschäft. Dort ließen sich gerade drei Kunden fachlich beraten, ich kaufte meine dünnen Untersocken, das letzte Paar in meiner Größe. Wenigstens bekomm ich so keine Blasen mehr, hoffe ich. Anschließend war ich im SparGourmet im ersten Bezirk, da war mittags gerade angenehm wenig los. Bis auf Klopapier (seids ogrennt?!) und Küchenrollen sowie Gemüse war noch das meiste da. Ich besorgte mir frische Putenbrust und noch ein paar Konserven, die Putenbrust gabs später geschnetzelt als Mittagessen. Danach war ich noch im Papierladen, die Besitzerin unterhielt sich gerade mit einer Kundin über das ganze Thema und Abstand halten wegen Ansteckung, und wie man dafür sorgen könnte, weiterhin Kundenverkehr zu haben, nur eben maximal fünf im Geschäft oder noch weniger. Sie brachte auch das Beispiel vom Arzt, dass sich immer nur fünf anstellen, die anderen fünf sitzen draußen im Park oder so, und wenn die fünf fertig sind, holen sie die wartenden fünf. Man merkt, die Not fördert die Kreativität. Ich hab mich dann ebenfalls mit ihr – im Sicherheitsabstand unterhalten, das tat gut, war befreiend. Am Nachmittag fuhr ich mit dem Rad den Donaukanal entlang, dort waren zahlreiche Sportler, Jogger, Inline-Skater und Radfahrer unterwegs, auch andere turnten an den Geräten im Freien. Einem Skateboarder kam ich gerade in die Quere, als sein Kumpel mit der Videokamera auf ihn draufhielt und ich ins Bild fuhr, weil ich es zu spät sah (und es mir wurscht war). Weiter stromaufwärts verstreute Angler und ein professioneller Maler mit Farben und Bildständer, der ein Bild vom Donaukanal und Stadt im Hintergrund malte. Auf der Donauinsel verstärkte sich der Zulauf noch, neben zahlreichen Familien mit vor allem Kleinkindern waren auch Gruppen (!) von Jugendlichen und Studenten unterwegs. Auf der Rückfahrt sah ich eine Gruppe von jungen Menschen den Grill auf der Donauinsel in Beschlag nehmen. Dieses Freizeitverhalten ist sicher nicht förderlich, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Nach der Salamitaktik der Regierung würde mich nicht wundern, wenn auch Ausgangssperren noch kommen. Und nach den ersten Tagen, wo man noch nicht begriffen hat, dass die Welt gerade einstürzt, wo ich noch egoistisch den nutzlosen Urlaubstagen im Frühling und Sommer hinterhertrauerte, bin ich jetzt soweit, dass ich alles in Kauf nehme, nur um italienische Verhältnisse bei uns zu verhindern – auch wenn das hieße, zwei Wochen gänzlich auf Bewegung im Freien zu verzichten. Die derzeit gesetzten Maßnahmen gehen jedenfalls noch nicht weit genug.

In Österreich betrug der Zuwachs seit gestern Nachmittag 150, es sind nun 655 registriert.Die Dunkelziffer dürfte gewaltig sein, nachdem bekannt wurde, dass Nordtirols Skigebiete das Virus wie eine gigantische Schleuder schon 10 Tagen über heimkehrende Urlauber in die Herkunftsländer gebracht haben, vor allem Deutschland und Nordeuropa sind betroffen. Die Verantwortlichen in den Skigebieten haben die Gefahr damals heruntergespielt. In Wien stieg die Zahl von 74 auf 101.

Eindrücke von heute:

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Coronadingsbums

Die gewöhnliche Influenza ist immer noch sehr umtriebig, auch in der elften Kalenderwoche gibt es 11600 Neuerkrankungen alleine in Wien. Die Vorbeugemaßnahmen sind identisch zum Coronavirus, mit den Griffeln nicht ins Gesicht fassen, keine Türklinken oder Haltestangen in den Öffis anfassen. Und wenn man es tut, Hände waschen, mit Seife, sonst kann es gleich bleiben lassen, und mindestens eine halbe Minute, besser eine Minute, was so gut wie niemand macht. Gegen die gewöhnliche Grippe hat sich nur etwa 20% der Bevölkerung impfen lassen. Aber, das große Aber… warum verbreiten sich Influenza und Corona so gut in Europa? Zum Einen durch den Massentourismus, zum Anderen durch Menschen, die krank arbeiten gehen [müssen]. Der Billigflugtourismus ist, seit es Niedrigstdumpingpreise bei den Fluglinien gibt, aus dem Ruder geraten. Und ob man sich im Urlaub befindet oder in der Hackn, gebucht ist gebucht, Arbeit ist Arbeit, daheim bleiben die wenigsten. Die Werbung und Apotheken propagieren an jeder Ecke ihre Grippemittelchen, Neocitran und Co, mit denen man so tun kann, als sei man gesund und könne den Urlaub genießen oder weiterarbeiten. Krank sein dürfen erlaubt sich kaum noch einer. Und nebenbei erlauben das viele Chefs nicht. Im Krankenstand kann gekündigt werden. Das österreichische Arbeitsrecht ist diesbezüglich ziemlich lasch. Dazu kommt in fast allen Branchen Personalmangel, was dazu führt, dass die Arbeit erledigt werden muss, und der Druck auf einzelne wächst, die Burnoutgefahr zunimmt, das Immunsystem darunter leidet, etc., etc. Eine echte Grippe auskurieren dauert mindestens zwei Wochen. Es. ist. nicht. möglich, damit nach drei Tagen wieder arbeiten zu gehen. Es werden schwerwiegende Folgeerkrankungen riskiert, bis hin zur Herzmuskelentzündung, Herzschrittmacher und am Ende steht der Tod. Vorbeugung my ass – die effektivste Lösung, andere nicht anzustecken, wäre daheim zu bleiben. Auch wenn es im Fall eines lang geplanten Urlaubs wehtut, oder im Fall eines Billigurlaubs sicher nicht wehtut, wenn der Flug weniger als einmal Volltanken kostet. Es passt nicht in unses neoliberales Ausbeutersystem, sich selbst etwas gutes zu tun. Es gibt keine Gegenmaßnahmen gegen Personalmangel, Arbeitszeitverkürzung wird als Untergang der Wirtschaft verteufelt.

Was ich damit sagen will: Die Gegenmaßnahmen werden nicht wirken, wenn man kranken Mitarbeitern nicht erlaubt, daheim bleiben zu können und sich auszukurieren, statt andere anzustecken und ihre eigenen Gesundheit zu ruinieren – das betrifft beides – die aktuelle Influenzawelle als auch die folgende Coronawelle. Und warum können es sich nicht erlauben? Weil am Personal gespart wird, und weil die Löhne niedrig sind und Fachkräftemangel herrscht, sodass dem verbleibenden Personal gar nichts anders übrig bleibt, als Mehrarbeit zu leisten. Die drohende Grippepandemie ist also in Wahrheit eine Systemkrise, deren Auswirkungen sich jetzt auch darin zeigen, dass es zu Engpässen bei Medikamenten kommt und die Zulieferer diverser Technologiebetriebe keinen Nachschub mehr erhalten. Möglichst billig soll produziert werden, das geht nur im Ausland, was nebenbei schädlich fürs Klima ist und meistens mit der Ausbeutung von Niedrigstverdienern verbunden ist. Wenn das Coronadingsbums jetzt schrittweise die Infrastruktur weltweit lahmlegt, könnte man ja mal grundsätzlich hinterfragen, ob man weiter sehenden Auges mit Vollgas in den Untergang reiten will oder ob man – fünf vor zwölf – zu nachdenken anfängt, ob das klug ist, was wir gerade machen. Wenn man sieht, wie Australien darauf reagiert hat, dass zwanzig Prozent ihres gesamten Waldbestands durch die Feuer vernichtet worden sind, hält sich mein Optimismus allerdings in Grenzen.

Am Wochenende einkaufen …

8

Was ist zeitgemäß? In Österreich herrschen da teilweise recht verquere Ansichten. Immer noch wird auf Großraumbüros gesetzt, obwohl längst bewiesen wurde, dass dies die Konzentrationsfähigkeit behindert und die Kreativität stört. Es werden flexible Arbeitszeiten verlangt, Freizeit und Arbeit verschwimmen durch die ständige Erreichbarkeit via Smartphone und Tablet. Der klassische Feierabend ist auch ausgestorben. Früher ist man im Anschluss auf ein Bier gegangen, heute will jeder schnellstmöglich nach Hause. Ich bevorzuge es dabei immer, die lästigen Einkäufe gleich am Nachhauseweg zu erledigen. Bei 12-Stunden-Diensten geht es nicht anders. Mit Feierabend um 19.00 und Rückfahrtzeit von 30-40min geht es sich mit den regulären Öffnungszeiten vieler Supermärkte bei mir aber nicht mehr aus, ich bin dann notgedrungen beim überdimensionierten Interspar, auf den jeden Abend ein regelrechter Run stattfindet. Als Mensch mit Reizfilterschwäche (Geräusche, Bewegungen) ist das Einkaufen oft eine erhöhte Belastung. Da schaue ich schon mit Wehmut nach Deutschland, wo in vergleichbaren Großstädten wie Wien Supermärkte bis 22.00 Uhr, manchmal sogar bis Mitternacht offen haben. Da ist das Einkaufen zu später Stunde deutlich entspannter. Mitternacht fände ich persönlich jetzt auch übertrieben, 22.00 wäre schon leiwand. Continue reading

Kür zur lebenswertesten Stadt – für wen?

5

In der Ausgabe Nr. 490 der Wiener Straßenzeitung AUGUSTIN kommentiert Anna-Maria Apata auf S.8 den Status Wiens als “Lebenswerteste Stadt der Welt” kritisch (ihren Text gibt es auch im Mosaik-Blog). Die Stadtregierung von Wien brüstet sich dabei mit der Mercer Quality of Living Study, die von einem internationalen Beratungsunternehmen speziell im Bereich Auslandsentsendungen tätig ist. Dabei werden nur Expats gefragt, also Fach- oder Führungskräfte, die im Rahmen einer Auslandsentsendung vorübergehend an eine ausländische Zweigstelle gesendet werden. In der Mercer-Studie geht es nur um das Angebot und Standard von internationalen Schulen in Wien. Top 1 ist Wien auch auf der Rangliste des Economic Intelligence Unit, einem Prognose- und Beratungsunternehmen, das mit der Wochenzeitung Economist zusammenhängt. Beides sehr repräsentativ für die Wiener Stadtbevölkerung – oder etwa nicht? Continue reading

Homöopathie und die Grünen

Der Auslöser, darüber zu bloggen, war ein Thread auf Twitter.

Mein Hintergrund:

Ich hatte im Gymnasium Chemie-Leistungskurs sowie zwei Semester Chemie auf der Uni. Dort hab ich ein naturwissenschaftliches Fach (Meteorologie) studiert, wodurch ich eine wissenschaftliche Arbeitsweise annahm. Es ist zwar keine Voraussetzung für meine Sicht der Dinge, aber mein (diagnostizierter) Autismus bekräftigt sicherlich den inneren Wunsch nach Rationalität, Logik und ist grundsätzlich ablehnend gegenüber Wirksamkeit, die rein auf Glauben und nicht auf Fakten basiert.

Am 26. Mai 1019 schrieb der HNO-Arzt und Globuli-Kritiker Dr. Christian Lübbers folgenden Tweet:

Homöopathie wirkt nicht über den Placebo-Effekt hinaus. ¹⁻¹³

¹ Kleijnen, 1991
² Linde, 1997
³ Linde, 1998
⁴ Cucherat, 2000
⁵ Shang, 2005
⁶ Mathie, 2014
⁷ NHMRC, 2015
⁸ FTC, 2016
⁹ Mathie, 2017
¹⁰ NHS, 2017
¹¹ EASAC, 2017
¹² Mathie, 2018
¹³ Antonelli, 2018

Eine der schärfsten Kritikerinnen von Homöopathie ist die ehemalige Homöopathin Nathalie Grams, die die Wirksamkeit von Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus anzweifelt.

Am 01.Juni 2019 kommentierte das der Twitter-Account der “Grüne Frauen Wien” (also der Partei “Die Grünen” in Wien) so:

Weil die Medizin ja inzwischen ganz genau weiss wie der körper und heilung funktioniert! 🤣🤣🤣

Am 04. Juni 2019 führten sie aus …

da müssten wir jetzt drüber diskutieren, was als wissenschaftlich erwiesen gilt. westlich und östlich wissenschaftlich ist schon einmal ein unterchied. wie wurden die probanden ausgesucht, wer hat interesse am ergebnis, und was ist mit den menschen bei denen es gewirkt hat?

Von den deutschen Grünen war mir unlängst der Hang zu esoterischen Heilungsmethoden ja bekannt. In Deutschland wird schon länger diskutiert, ob Kassen homoöpathische Medikamente übernehmen sollen. In Frankreich ist man schon weiter, da wurde kürzlich angekündigt, dass Homöopathie nicht mehr als Kassenleistung übernehmen werden soll. In Österreich sind Schüssler-Salze, Bachblüten und esoterische Heilmethoden sehr präsent, viele Apotheken werben damit. Das Homöopathische Zusatzdiplom vieler (Allgemein-)Ärzte wirkt wie eine Auszeichnung.

Die Position der Wiener Grünen wirkt auf mich befremdlich, wissenschaftsfeindlich und nicht zuletzt bedenklich, wenn man über die Folgen nachdenkt:

1. Homöopathische Wirkstoffe sind nicht nachweisbar, das liegt in der Definition. Je höher die Potenz, desto weniger nachweisbar. Wenn die empfohlene Tagesdosis an Magnesium bei 300mg liegt, können das fünf Globuli mit 0,0000000 xx mg niemals aufwerten. Ich hatte schon wiederholt Muskelkrämpfe in den Waden in der Nacht, weil ich zu wenig Wasser oder zu viel Alkohol getrunken hatte. Üblicherweise nehm ich dann ein Mg-Stick mit 300mg und die Krämpfe verschwinden rasch wieder. Mir fehlt schlicht die Vorstellungskraft, wie diese Wirkung durch extreme Verdünnung zustandekommen soll.

2. Homöopathie statt Impfung: Manche Eltern verzichten auf Impfen und behandeln mit Homöopathie. Kinderkrankheiten wie Masern oder Mumps können dadurch schwere Verläufe bis hin zu bleibenden Schäden oder Tod annehmen. Außerdem sind ungeimpfte Kinder eine Gefahr für immunschwache Personen, die sich gegen gefährliche Erreger nicht wehren können.

3. Homöopathie macht Homöopathen reich und Menschen in Notsituationen arm. Weil wer sich teure Privatärzte leisten kann (und das ist auch die Kritik am Gesundheitssystem, dass Kassenarztbehandlungen unzureichend sind und an den Bedürfnissen von Patienten vorbeigehen), muss nicht zum Heilpraktiker oder homöopathischen Hausarzt gehen. Vielleicht ist das unabhängig, aber das macht es nicht besser, wenn man Pensionistinnen und anderen Menschen in Armut das Geld für teure homöopathische oder andere dubiose Mittel aus der Tasche zieht. Von falschen Hoffnungen auf Heilung abgesehen, im schlimmsten Fall, wenn Homöopathie der Chemotherapie vorgezogen wird.

4. Hier spielt dann auch eine Rolle, wer Homöopathie verschreibt. In Österreich sind es oft Hausärzte, in Deutschland subjektiv eher die Heilpraktiker.

5. Ja, Placeboeffekt – aber das müsste nicht Homöopathie sein, bei leichten Beschwerden könnte auch ein Facharzt Zuckerkügelchen verschreiben, die nichts beinhalten und nichts kosten.

Was muss sich ändern?

Eines ist klar, Homöopathie verteidigen löst das grundsätzliche Problem nicht. Das grundsätzliche Problem besteht darin, dass das Gesundheitssystem zu Tode gespart wird, wortwörtlich. Die Grundgehälter der Ärzte müssten deutlich steigen, sodass die Ärzte nicht auf Überstunden angewiesen sind und – subjektiv – eher mehr Personal verweigern, weil dann die lukrativen Überstundenzulagen wegfallen [das lasse ich jetzt mal an Behauptung so stehen]. Kassenarztstellen müssten vervielfacht werden und nicht weiter eingespart, sodass in Summe wieder weniger Patienten auf einen Kassenarzt kommen und somit mehr Behandlungszeit. Es müsste sich aber auch der Lohn für Kassenärzte deutlich erhöhen, unabhängig davon, wie viele Patienten er behandelt. Der Arztberuf darf nicht gleich organisiert sein wie der Taxifahrerberuf. Derzeit ist für viele Ärzte lukrativer auf Dauer, eine Wahlarzt- oder Privatarztpraxis zu machen, die Rückerstattung durch die Kassen ist ein Witz. Zusatzversicherungen schließen viele Personen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen von vorneherein aus.

Homöopathie (und Heilpraktiker) sind in meinen Augen nur ein Symptom für die Schieflage im Gesundheitssystem. Wenn der Patient wieder im Mittelpunkt steht, wenn sich Ärzte ausreichend Zeit nehmen, zu hören, ganzheitlich behandeln (d.h., Psyche und Körper zusammen betrachten und bisweilen mal über den fachlichen Tellerrand hinaussehen), sich auf sie einlassen, vielleicht auch mal etwas recherchieren statt zu resignieren und Dauermedikation verschreiben.

Leider geschieht derzeit das Gegenteil – aufgeblähte Bürokratie, schlechte Bezahlung, Spardruck und die selbst auferlegte Schuldenbremse werden dafür sorgen, dass die neue “Österreichische Krankenkasse” noch weniger Leistungen bietet. Es wird noch weniger Kassenärzte geben, noch mehr Wahl- und Privatärzte, damit bleibt der Wunsch bestehen, auszuweichen auf “Alternativmedizin” (in meinen Augen synonym mit “alternativen Fakten”).