Knapp ein Jahr nach Ischgl ist Österreich wieder prominent in den Schlagzeilen, wenn man kurz davon absieht, dass Mitte November vorübergehend die weltweit höchste Infektionsrate erreicht wurde. Spätestens jetzt sind nicht nur europäische Wissenschaftler beunruhigt, sondern die ganze Welt ist alarmiert worden. Gut so. Gesundheitsminister Anschober hätte an sich ein Durchgriffsrecht nach dem Epidemiegesetz, wie ein Verfassungsrechtler hier erläutert.
„Erstens hat man in Ischgl aus meiner Sicht sehr schnell reagiert, weil innerhalb von zehn Tagen ganz Tirol sozusagen leer gemacht worden ist und man hat schnell reagiert und das muss mir jemand zeigen, wie man innerhalb von zehn Tagen 250 000 Gäste aus dem Land bringt.“
Christoph Walser, Präsident Wirtschaftskammer Tirol, 07.02.21, zib2
Fahrlässig gehandelt und auch noch stolz darauf. Kein weiterer Kommentar notwendig.
Am 03. Februar erschien auf Science ORF eine Zusammenfassung eines Papers über den Einfluss des Wetters auf Infektionswellen. Ich halte die dort gezogenen Schlussfolgerungen in meiner Expertise als Meteorologe für problematisch. Generell ist für mich die Begründungen für saisonale Effekte nicht nachvollziehbar. Es wird dabei oft argumentiert mit der Stabilität des Virus bei bestimmten Wetterverhältnissen (Temperatur und relative Feuchte). Dabei übersieht man in meinen Augen aber einen wesentlichen Punkt der Übertragung: Geschieht sie outdoor oder indoor? Wetter findet outdoor statt, also impliziert der Einfluss geänderter Wetterverhältnisse eine erhöhte Übertragung im Freien. Dafür gibt es seit Ende März nur eine geringe Evidenz. Selbst Superspreader sind im Freien nicht effizient.
Zur gestrigen Pressekonferenz, die bei allen seriösen Experten und allen mit erhöhtem Erkrankungsrisiko Entsetzen ausgelöst hat, mag ich mich heute nicht ausführlicher auslassen. Anschober hatte am 08. Jänner in einer Pressekonferenz bereits angekündigt, dass es das erklärte Ziel der Regierung sei, “dass dieser Lockdown bei dem Termin endet, den wir angekündigt haben”. Nach der informellen Expertenrunde beim Kanzler am 16. Jänner wurde der Regierung eigentlich klargemacht, dass der Lockdown erst schrittweise gelockert werden könnte, wenn die 7-Tages-Inzidenz pro 100 000 Einwohner mindestens auf 50 oder weniger absinkt. Jetzt beträgt unsere Inzidenz weiterhin über 100 und die ansteckendere B117-Variante wird in ganz Österreich in den PCR-Labors bzw. Abwasserproben gefunden. Statt über die betroffenen Regionen mit der sich ausbreitenden B1351-Variante in Tirol und Salzburg eine strikte Quarantäne zu verhängen wie man es am Arlberg nach dem Ischgl-Desaster getan hat, erklärten Politiker und Experten gestern unisono, dass die B117-Ausbreitung nicht mehr aufzuhalten wäre. Bei B1351 regiert offenbar das Prinzip: Was ich ignoriere, verschwindet von selbst.
Gegen B117 wirken die Impfstoffe vorerst noch besser als gegen die südafrikanische B1351-Variante, welche teilweise der Immunantwort entkommt – im Verdacht ist dabei die E848K-Mutation. Nun die schlechte Nachricht: Diese Mutation wurde nun auch vereinzelt bei der B117-Variante nachgewiesen (technischer Bericht in UK). Selbst wenn sich B1351 nicht so stark ausbreitet wie B117 und möglicherweise nicht so ansteckend ist, kann die B117 ähnliche Eigenschaften entwickeln. Das kann zum Problem werden, weil 1. viele Menschen in den nächsten Monaten nur eine Impfdosis erhalten und der Impftiter nicht ausreichen könnte, um eine Erkrankung zu unterdrücken, 2. der Astra-Zeneca-Vektor-Impfstoff nicht so leicht auf Varianten adaptiert werden kann wie mRNA-Impfstoffe (dafür müsste die Auffrischimpfdosis einen anderen Vektor benutzen, bzw. mRNA gegeben werden, wozu es aber noch keine Studien gibt) und 3. der NovaVax-Impstoff bei B1351 nur 50% Wirksamkeit hat. Bei hoher Viruszirkulation und (langsam) steigender Impfrate steigt der Selektionsdruck, das Virus wird sich immer besser anpassen, wir würden immer hinterhinken mit Impfstoff anpassen.
When our goal is to select resistant viruses in laboratory experiments, we maximize viral population size and diversity, and then titrate in selection pressure.
Die Antwort auf all das lautet ZERO COVID oder NO COVID. Manche Kritik daran kann ich schwer nachvollziehen. Schlägt man NOCOVID vor, wären es die theoretischen Hirngespinste phantasierender Epidemiologen. Schlägt man ZERO COVID vor, wo es mit flankierenden politisch und sozioökonomischen Maßnahmen untermauert wird, wäre es zu politisch aufgeladen, zu linksradikal. Dabei hat ihr Konzept berechtigte Kritikpunkte.
No matter what party we vote for, they should not get us killed. They should just tell us what’s going on, translate the science, and let everyone get on with their jobs.
“Either you set this goal [elimination] and you don’t achieve it, but in the process, you certainly are reducing the number of lives lost. The alternative is to set a lesser goal and then still misfire.”
Premierministerin von Neuseeland, Jacinda Ardern, 16.12.20
Genug der sinnlosen Appelle. Hier soll es jetzt darum gehen, wo sich vermeintlich vorsichtige Menschen noch anstecken können:
Kinder infizieren sich nicht seltener als Erwachsene – und nachdem die neue Mutation dem Virus erleichtert, sich an die ACE2-Rezeptoren zu binden, von denen das Kind weniger hat, würde dieser Schutz, selbst wenn er bisher eine Rolle gespielt hätte, nun zunichte gemacht.
Kinder infizieren andere Kinder und tragen das Virus in die Familien. Das wissen wir von den meisten Atemwegsinfekten, das ist bei der Influenza so, bei gewöhnlichen Erkältungscoronaviren, warum hätte es bei SARS-CoV-2 anders sein sollen? Damit die Pandemiebewältigung für den Staat bequemer wäre?
Kinder sind systematisch untertestet aus vielen Gründen, einerseits werden sie unter 10 Jahren automatisch als Kontaktperson II eingestuft und häufig nicht getestet, dann werden symptomatische Elternteile getestet, aber bis dann die Kinder getestet sind, sind sie häufig wieder PCR-negativ. Antigentests wie der jetzt in Schulen verwendete LEPU sind nicht validiert und weisen möglicherweise Defizite bei der Erkennung symptomfreier Infizierter auf.
Der Grad der Erschöpfung wächst grad direkt proportional zum Grad der Wut auf das Establishment. Man kann ja nicht einmal dagegen demonstrieren gehen, denn der halbherzige Lockdown führt dazu, dass sowohl die Lockdownverschärfer als auch die Lockdownlockerer die Absetzung der Regierung fordern. Sobald rechtsextreme Ideologen und Verschwörungsmythiker auftauchen, ist Ende Gelände. Da würde ich als anständiger Mensch sofort das Weite suchen. Über 200 000 unterschrieben ein Volksbegehren für Impffreiheit, dabei gibt es nicht einmal eine Impfpflicht, geschweige denn ein Impfrecht, außer für moralisch verkommene Bürgermeister. Oh ich kann derzeit gar nicht so viel fressen wie ich kotzen möchte, und ich sollte eigentlich abnehmen. Der harte Lockdown dies, der harte Lockdown das, dabei HABEN wir gar keinen HARTEN Lockdown! Er ist BUTTERWEICH mit zig Ausnahmen, und am allerschlimmsten ist die Tiroler Adlerpartie. Sie tragen die führende Verantwortung für die Virenschleuder Ischgl, an deren Folgen immer noch tausende chronisch kranke Langzeit-Covid19-Patienten leiden. Sie und die Hinterbliebenen von den Todesopfern werden von Peter Kolba vertreten, dem Obmann des Verbraucherschutzvereins, der eine Amtshaftungsklage gegen die Republik Österreich vorbereitet.
Auszeit mit einer Schneeschuhwanderung auf den Großen Otter (1358m) am Semmering, fernab von jedem Massenskitourismus
Es ist einfach so. Wer nüchtern-trocken hochwissenschaftliche Erklärungen anbietet, bei dem schlafen alle ein, brechen viele vorher ab, scheitern viele schon an den ganzen Fremdwörtern und geben auf. Es ist ein Klischee, das aber teilweise zutrifft, dass bundesdeutsche Wissenschaftler sich viel klarer ausdrücken als österreichische Wissenschaftler. Ob Mikrobiologe Michael Wagner oder Virologin Dorothee von Laer, auch andere befragte Experten mit bundesdeutschem Migrationshintergrund, ganz zu schweigen von Virologe Drosten oder Virologe Krammer [Österreicher im Ausland], fallen durch ihre klaren, direkten, manchmal schonungslosen Aussagen auf. Da wird nichts schwammig verklausuliert, oder durch einen kernigen Spruch zugespitzt oder abgeschwächt. Gegenüber stehen österreichische Mediziner und Wissenschaftler wie Wenisch, Allerberger oder Hutter, die schon optisch extrem lässig in Interviews herüber kommen und durch ihren Dialekt, den sie nicht einmal zu verbergen versuchen, eine Lockerheit hineinbringen, die dem Hochdeutschen grundsätzlich abgeht. Das ist mir in anderen Situationen ja auch durchaus sympathisch, das schafft “Volksnähe”, “das ist einer von uns”, das reißt die Leute mit und wenn er eine Wuchtel nach der anderen reißt, schlafen auch die Zuhörer nicht ein, sondern bleiben am Ball.
Kaarlhütte (1314m) am Kreuzschober, Mürzsteger Alpen
Es gab also am vergangenen Sonntagvormittag die Pressekonferenz mit Kurz, wo er die Verlängerung des Lockdowns verkündet hatte. Zu den Hintergründen hat der Chefredakteur des Gratisblatts “HEUTE” Christian Nusser einen spannenden Text geschrieben. Ich tu mir schon seit April nicht mehr freiwillig eine Pressekonferenz an, sondern war stattdessen schneeschuhwandern im herrlichsten Pulverschnee. Die relevanten Infos las ich später in den Medien. Ohne tageweise Auszeiten geht es auch für mich nicht. Speziell nach dem konzentrierten Schwachsinn seit Jahresbeginn, wo noch einmal etliche Scheinexperten und lernresistente Politiker ihren Senf dazugeben mussten.
Ich bin noch eher skeptisch, ob jetzt das große Umdenken kommt in der Regierung. Gestern fanden erste Beratungen der Regierungen statt, heute, Samstagvormittag, eine Expertenrunde, von denen vier vor die Presse traten, erfreulicherweise ohne einen Politiker daneben. Das ist neu. Ihre Aussagen waren recht deutlich, wenn auch teilweise realitätsfern. Verpflichtendes Homeoffice, um die Kinder zuhause betreuen zu können – das bringen nicht alle unter einen Hut, sei es wegen beengter Räume, wegen dem Job selbst, wegen einem Mangel an Computer/Laptops/Tablets. Da hätte man sich an Uruguay orientieren können, einem erfolgreichen Südamerikastaat, der allen Schülern gratis Tablets anschaffte. Aber wir sind hier in Österreich, wir haben fest damit gerechnet, dass keine zweite Welle im Herbst kommt, sonst hätte man im Sommer alles vorbereiten können.
Es wird Zeit, den Fakten ins Auge zu schauen: Wir haben keinen Lockdown. Das Leben hat sich weitgehend normalisiert wie vor dem zweiten Lockdown, mit Ausnahme von Freizeit- und Kulturbetrieben, Geschäften und Lokalen. Die Schulen sind zwar offiziell geschlossen, inoffiziell findet aber Betreuung statt, zum Teil in Form von Unterricht. Skigebiete mit Gondelaufstiegshilfen sind offen. Wer vor die Tür geht, wird kaum Auswirkungen der Ausgangsregeln sehen, denn man darf nicht raus, außer man möchte. In den öffentlichen Verkehrsmitteln ist viel Betrieb, vor allem werktags sind zu den Rush Hours die Sitzplätze meist besetzt. Das heißt, die Empfehlung zum Homeoffice sehen viele Arbeitgeber nicht verpflichtend. Das war im März und April noch anders. Als Teil der kritischen Infrastruktur bin ich auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen und hab daher seit Beginn der Pandemie ein gutes Bild über die Nutzungsfrequenz zu den Randzeiten.
Sonst verhalten sich erfreulicherweise mehr Leute vernünftig als vorher. Ältere Bekannte, die COVID lange Zeit verharmlost haben, ärgern sich nun über jene, die die offenen Skigebiete tatsächlich ausnutzen, obwohl sie selbst begeisterte Skifahrer sind. Dann setzt man halt mal eine Saison aus, kein Drama. Das große Problem ist die Unglaubwürdigkeit in der Gewichtung der Maßnahmen. Lockdown mit offenen Skigebieten ist kein Lockdown. Gleichzeitig erleben wir eine absurde Abschiebung der Verantwortung der Bevölkerung. Im Dezember wurden das Skifahren unter anderem von Wintertourismusministerin Köstinger heftig beworben. Jetzt tun Teile der Bevölkerung genau das, was die Liftbetreiber und für “berufliche Zwecke” geöffneten Hotels erhofft haben. Im Frühjahr waren es die Parks und Donauinsel, im Sommer der Donaukanal und Badestrand, im Winter die Menschenmengen auf den Rodelpisten und vor den Gondeln, für die Boulevardpresse das gefundene Fressen. Bei den Maßnahmen generell setzt die Regierung auf stupides Befolgen, nichts anderes tun die Menschen, die jetzt Ski fahren gehen, so stupide das optisch aussieht und so sehr man kurzzeitig das Ansteckungsrisiko erhöht, aber sie tun nur das, was erlaubt ist. Das passt manchen jetzt auch wieder nicht. Statt die Liftbetreiber und die Gemeinden zur Verantwortung zu ziehen, wird der Bock zum Gärtner gemacht.
In Summe geht es sich auf Dauer nicht aus, wenn man der Bevölkerung privat und in ihrer Freizeit ständig Vorschriften macht und sie dann anpatzt, wenn sie das tun, was erlaubt ist. Gleichzeitig herrscht weiterhin ein lascher Infektionschutz in der Arbeit, keine Verpflichtung zum Homeoffice und der Schutz der Schulen steht immer noch in den Sternen. Obwohl ich mich die meiste Zeit sehr diszipliniert verhalte und Masken auch dann trug, als sie noch nicht verpflichtend waren, und obwohl ich keine prekäre Jobsituation habe, fühle ich mich bisweilen wie ein moderner Sklavenarbeiter. Du sollst keinen Spaß haben, sondern hackeln. Das frustriert insbesondere dann, wenn jene, die sich undiszipliniert verhalten, im wesentlichen dazu beitragen, dass die zweite Welle nun schon ewig dauert und so schnell kein Ende finden wird.
Ausblick aus dem Zimmer im Kurhotel mit starkem Schneefall, 19. Jänner 2020
Vor einem Jahr nahm das Unheil seinen Lauf.
On the evening of [30 Dec 2019], an “urgent notice on the treatment of pneumonia of unknown cause” was issued, which was widely distributed on the Internet by the red-headed document of the Medical Administration and Medical Administration of Wuhan Municipal Health Committee.
Ein Jahr später hält das Virus die Welt in Atem, oder besser gesagt außer Atem, über 1.8 Millionen Menschen sind bisher an SARS-CoV2 gestorben. Geschätzte mehrere Millionen erholen sich von einem schweren Verlauf oder Long Covid. In Österreich haben wir darüber keine Statistik, sondern nur “genesen” oder “tot”.
Die heimische Politik hat immer noch nichts gelernt aus dem Versagen der letzten Monate. Im Gegenteil. Kritik perlt an der Teflonregierung, die alles richtig gemacht hat, ab, gerne mit dem Verweis aufs Ausland, dass alle die gleichen Probleme haben würden, was nicht stimmt, aber der Durchschnittsösterreicher, der keine ausländischen Nachrichten sieht oder versteht, glaubt diese Ausrede.
Die Strategieänderung der Regierung, zuerst auf (gescheiterte) Massentestungen zu setzen und dann auf freiliges “Freitesten” aus dem Lockdown erinnert mich an den Cluster im Weißen Haus. Die begleitende Kommunikation ist wie immer eine Katastrophe und zeigt grundlegende Mängel im wissenschaftlichen Verständnis auf. Dazu später mehr.
Während der Pandemie ist vor der (nächsten) Pandemie. Wir sind völlig unvorbereitet auf die neuen Virusvarianten aus Südafrika und Großbritannien, die rasch die derzeitig dominante Variante verdrängen und deutlich ansteckender sind. Vor einigen Wochen habe ich mich gefragt, wie gut wir auf die nächste Pandemie mit einem neuartigen Virus vorbereitet sein könnten, doch jetzt waren die Mutationen schneller. Schlecht sind wir vorbereitet, weil uns grundlegende Maßnahmen zur Eindämmung fehlen, wenn wir Aerosole als Übertragungsweg ignorieren, und weil wir immer noch glauben, weiche Lockdowns würden ausreichen, den wirtschaftlichen Schaden gering zu halten.
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