Tag 46: Relatives Leid, Hausverstand und Risiko beim Sport

landschaft

Die Idylle einer Landschaft genießen dürfen

Gestern Abend bin ich über diesen Kommentar gestolpert und habe mich darüber geärgert:

Für die, die keine kleinen Kinder haben, jene, die nicht vor den Trümmern ihrer Existenz stehen, für die das alles nur ein wenig nervig ist, ist das wirklich keine so fürchterliche Herausforderung, dass man gleich die Nerven wegwerfen muss. […] Ich will niemandes subjektives Leid relativieren. […]

Zunächst das Totschlagargument “Wenn Du Kinder hättest ….”, mit der man jede Kritik im Keim ersticken kann und dann relativiert der Autor subjektives Leid sehr wohl und möchte gleichzeitig vorschreiben, wie man in der aktuellen Situation zu empfinden hat. Er spricht von manchen mit Existenzsorgen, sieht aber viele nur aus Bequemlichkeit jammern. Ja, die kann es geben, aber es gibt auch Gründe zu jammern, selbst wenn man keine kleinen Kinder hat oder nicht vor den Trümmern der Existenz steht. Hier geht es nicht einmal darum, dass man für ein paar Wochen auf die Alltagsroutinen verzichten muss, sondern es sieht – für jene unter uns mit mehr Weitsicht – nach einer unabsehbaren gravierenden Krise aus, die die ganze Welt erfasst hat, und je stärker die Maßnahmen gelockert werden, desto deutlicher wird das Ganze. Es ist völlig unklar, welche Branchen das auf Dauer überleben können, wie viel vom Kulturbereich einfach ausstirbt, da hängen nicht manche, sondern unzählige Existenzen daran. Es sind nicht manche, sondern viele, die psychisch unter der Situation leiden, die vorher schon gelitten haben und denen jetzt noch weniger Beachtung geschenkt wird, weil in der politischen Landschaft keiner auf das Thema Psychohygiene achtet. Letzendlich hängt übrigens an jeder Bequemlichkeit, die wir derzeit abgeben, ein Arbeitsplatz, der vorübergehend oder dauerhaft verloren geht. Das war eine ad hoc-Reaktion am Anfang, als man die Bilder aus Italien sah. “Na, besser daheim bleiben, wozu brauchen wir jetzt Konzerte und Theater?” Ja, WIR brauchen das nicht, aber die Mitbürgerinnen und Mitbürger, die davon leben, die brauchen die Einnahmen! Ich kann mir abseits der im Zitat genannten Situationen noch etliche vorstellen, bei denen man sehr wohl die Nerven wegschmeißt. Es steht auch einem Journalisten und Sachbuchautor nicht zu, für uns zu entscheiden, ab wann man die Nerven wegschmeißen darf.

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Tag 44: Wissen ist Macht. Weiterwurschteln geht nimmer.

Höher, schneller, weiter – wie lange noch?

Viele von Euch haben es noch nicht begriffen. Die Regierung am allerwenigsten. Das Coronavirus bedeutet eine Zäsur für die Menschheitsgeschichte. Jetzt liegt es an uns zu entscheiden, in welche Richtung sich der Weg gabelt. Wurschteln wir weiter wie bisher oder versuchen wir die Altlasten hinter uns zu lassen? Die Weltordnung wird gerade neu geschrieben und es ist noch nicht zu spät, sich zu überlegen, welche Rolle wir künftig darin einnehmen wollen. Die Abschottungstendenzen haben schon die letzten Jahre durch den Aufwind der Rechtspopulisten zunehmend Zuspruch erhalten. Die Fridays4Future-Bewegung hat eine Anti-Bewegung der Klimawandelleugner ausgelöst, die nicht wahrhaben wollen, dass das eigene Tun höchstpersönlich Schuld an der fortschreitenden Klimaerwärmung ist, ganz plakativ Billigflüge, Massentierhaltung für das billige Schnitzel, die Bequemlichkeit des Autofahrens, selbst wenn gut ausgebaute Alternativen vorhanden sind.Genauso wie bei der Klimaerwärmung, wo trotz persönlichem Erleben von wochenlangen Hitzewellen, Dürren, ausbleibender Schneefälle im Winter und rekordniedriger Grundwasserstände gepaart mit immer häufigeren Waldbränden weiter die Evidenz geleugnet wird, gibt es jetzt auch die Leugnung der Gefahr durch das Coronavirus. Über einzelne Maßnahmen kann und soll man streiten dürfen, aber es ist nicht in Abrede zu stellen, dass mangels Impfstoff das Gesundheitssystem samt seines Personals rasch überfordert wird, wenn viele gleichzeitig krank werden und andere Krankheits- oder Unfallursachen weiterhin bestehen bleiben. Völlig unabhängig davon, wie viele jetzt sterben, welche Langzeitfolgen die Atemwegserkrankung hat, welche Altersgruppen betroffen sind.
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Tag 43: Mit dem Virus weiterleben

Bundeskanzlerin Merkel spricht mir aus der Seele:

„Diese Pandemie ist eine demokratische Zumutung, denn sie schränkt genau das ein, was unsere existenziellen Rechte und Bedürfnisse sind“, sagte Merkel.
Eine solche Situation sei nur akzeptabel und erträglich, wenn die Gründe für die Einschränkungen transparent und nachvollziehbar seien und wenn Kritik und Widerspruch nicht nur erlaubt, sondern eingefordert und angehört würden – wechselseitig.

Quelle: https://orf.at/#/stories/3162998/

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Tag 42: Das Unmögliche möglich machen

Traktor Session statt Jazz Jam Session

Zuerst das Unmögliche: Wir haben einen Bundeskanzler, der nur an seine guten Umfragewerte denkt, der den Staat weiter umbaut auf Kosten einer breiten Bevölkerungsschicht, ohne Rücksicht auf Verluste. Was wir jetzt dringend bräuchten: Eine Führungspersönlichkeit, die Zuversicht und Kompetenz ausstrahlt. Die auf Experten hört und nicht auf die Stimmung im Volk. Was wir haben: Einen kleinen Orban, der noch vor einem Jahr eine rechtsgerichtete Politik betrieben hat, um die FPÖ-Wählerstimmen mit ins Boot zu holen, mit denen er gemeinsame Politik gemacht hat. Viele Errungenschaften des Sozialstaats, der Demokratie, der Menschenrechte, wurden unter Kurz abgebaut oder standen kurz vor der Abschaffung. Die Pressefreiheit wurde eingeschränkt. Österreicht rutscht weiter ab im internationalen Ranking. Derselbe Kanzler regiert jetzt mit den Grünen und putzt sich an ihnen ab. Ich rufe das nur noch einmal in Erinnerung, bevor man glaubt, man hätte eine solidarische, empathische, zukunftsorientierte Reaktion der türkisgrünen Regierung erwarten können, als uns die Bilder aus der Lombardei und später aus Spanien oder New York erreicht haben. Nein, das haben wir nicht.

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Tag 41: Offene Fragen

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Hinter Gitterstäben: Das Virus sperrt uns ein. 

Heute erstmals mit dem Zug aus Wien hinaus gefahren. Es ist aufwändig, erfordert mehr Planung als früher. Ich bin kein Frühaufsteher, frühstücke eigentlich nie und hol mir erst beim Bäcker das Essen. Das verzehre ich normalerweise im Zug und trinke den Kaffee dazu. Jetzt muss man im Zug Maske tragen. Naja, offiziell. Während bei den Wiener Linien von neun Leuten zehn eine Maske trugen, war das Verhältnis im Regionalzug etwa 50:50. Doch kann ich nicht darauf setzen, dass genug Platz im Zug sein wird, dass ich die Maske absetzen und mein Essen einnehmen kann. Jedenfalls hat mir das heute früh Kopfzerbrechen bereitet, ich trödelte zu lang und machte dann eine andere Wanderung als geplant, weil ich die Verbindung verpasst hätte. Den Kaffee trank ich am Bahnsteig und bei nur fünfzehn Minuten Zugfahrt statt knapp eineinhalb Stunden in der ursprünglichen Planung ließ sich der Hunger unterdrücken. Natürlich hab ich die Maske wieder mehrmals angefingert, weil die Brillengläser erst so stark beschlugen, dass ich nichts sah und es dauerte, bis sie korrekt saß, dass das nicht mehr passierte. Im Zug dann mehrfach die MNS-Durchsagen, ebenso in der U-Bahn. Für meinen Geschmack zu oft. Ich werd kein Maskenfreund werden. Längere Zugfahrten werden beschwerlich sein, aber selbst kürzere Öffifahrten im Hochsommer könnten zur Tortur werden. Und wenn die Trinkbrunnen dann immer noch zu sind, muss man extra Geld ausgeben für Getränke. Der Ortswechsel tat gut, herrlicher Mischwald nördlich von Rekawinkel und Pressbaum. Ich hab die Waldluft mehrere Stunden lang mit vollen Atemzügen genossen, das steigert bekanntlich die Zahl der T-Zellen im Blut und damit die Immunabwehr. Hüfts nix, schods nix, kostet a nix.

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Tag 40: Besuch des Augartens

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Wieder geöffnet: Der Augarten im zweiten Bezirk

Letzte Woche hab ich’s nicht geschafft, heute war ich am Nachmittag im Augarten. Zu dieser Uhrzeit war er sehr gut gefüllt, aber Probleme mit Abstand halten gab es naturgemäß keine. Die meisten Familien blieben für sich, von den Wiesen wurde niemand vertrieben. Am Eingang standen zwei Gartenzwergsheriffs mit Maske, hatten aber nichts zu tun, warum sollte es sich auch stauen? Davor war ich noch im Merkur einkaufen. Keine Einkaufswagenpflicht, kein Mitarbeiter beim Eingang, der auf Desinfektion achtet, dafür hatte man genügend Platz, um anderen Kunden auszuweichen. Die Kassiererin wirkte gestresst, ich lächelte ihr zu, bemerkte sogleich, dass sie das wegen meiner Maske nicht sehen konnte. Ich zahlte mit Bargeld und rundete wieder um 1-2 Euro auf. Sie hat sich herzlich bedankt – wenigstens das finanzielle Lächeln kam an.

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Tag 39: Reichweitenverantwortung

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Ausblick auf Wien von der Perchtoldsdorfer Heide, 17. April 2020

“No model will take into consideration the increase in family violence. No model will track the number of suicide from financial loss, job loss. No model will track the number of people who will die of other conditions because they could not access care during covid. No model will show the increase in addiction, overdoses because of the situation. No model will track the number of divorces. And more importantly, no model will track who has profited from this, and no model will track how our rights and freedom have been violated.” – Patricia Careau

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Tag 38: Zwischenfazit zum Zustand des Sozialstaats und Hoffnungsschimmer

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Samstagmittag am Flughafen Wien

Die einseitige FALTER-Recherche zu den neuen Abstandsregeln hab ich in meinem Wetterblog kritisch beleuchtet. Ich höre die letzten Tage viele sagen, dass sie zwar kein Freund von Kurz sind, aber die Regierung die Maßnahmen richtig gesetzt hätte, die Fallzahlen sind deutlich nach unten gegangen. Noch ist es zu voreilig, um Fazits zu ziehen, denn erst zeitverzögert zu den Lockerungen der Maßnahmen wird man sehen, ob die Regierung weiterhin die richtigen Entscheidungen trifft. Der harte Lockdown wurde mit dem Verweis auf Italien (und später Spanien) begründet, dabei kann man Österreich überhaupt nicht mit beiden Ländern vergleichen. Das Gesundheitssystem ist hierzulande (noch) viel besser und bei Norditalien spielte die Feinstaubbelastung offenbar eine ganz wesentliche Rolle. Jegliche Kritik an den Maßnahmen wurde mit dem Totschlagargument “Willst Du italienische Verhältnisse bei uns?!” mundtot gemacht.

Zur Erinnerung:

    • Die WKO kam an sensible Daten der letzten 10 Jahre, besonders von kleinen und mittleren Unternehmen, etliche Hilfen wurden wegen der überbordenden Bürokratie noch gar nicht ausgezahlt
    • Die Vielzahl an Kurzarbeitsanträge überfordert das AMS, die Bedingungen sind immer noch Gegenstand von Verhandlungen
    • Bei der Medienförderung bekommen die großen mehr als die kleinen, einschließlich des aufhetzenden Boulevards und rechtsextrem eingestufte Blätter (Zur Zeit), Onlinemedien bekommen nichts.
    • Die Freistellung von Risikogruppen erfolgt über die Medikamenteneinnahme, die bei den Krankenkassen registriert sind, so erfahren Arbeitgeber von den Erkrankungen ihrer Mitarbeiter ohne deren Einverständnis.
    • Homeschooling mit E-Learning bevorzugt Schüler von besser verdienenden Eltern mit ausreichend Wohnraum und der technischen Infrastruktur, aber auch höherer Bildung.
    • Bis heute kein Bekenntnis zu deutlichen Lohnerhöhungen bei systemkritischen Berufen wie Supermarkt-Angestellte, Müllabfuhr, Reinigung, Pflege und Erntehelfer, aber auch Busfahrer und die ganze Verkehrsinfrastruktur. Ebenso kein Eingeständnis, dass der neoliberale Sparkurs bei den Krankenkassen und im gesamten Gesundheitssystem ein Fehler war.
    • Asylwerber hätten als Erntehelfer aushelfen können, stattdessen will die ÖVP abgelehnte Asylwerber nach Serbien schicken und verhing defakto eine rechtswidrige Ausgangssperre über Flüchtlinge.
    • Keine Aufnahme von Flüchtlingen aus den griechischen Lagern, nicht einmal Kinder
    • Erhöhung des Arbeitslosengelds geschweige denn ein bedingungsloses Grundeinkommen (wie in Spanien) sind kein Thema
    • Totalüberwachung durch Mobilfunkdaten (A1) und Gesichterabgleichung durch das Innenministerium, Contact Tracing App durch Uniqa finanziert und die Werbekampagne dafür durch die Raiffeisen gefördert.
    • Bis heute keine transparente und frei zugängliche Daten- und Entscheidungsgrundlage für die Erlässe und Gesetze
    • Ungekannte Zahl an Folgeerkrankungen und Todesfällen, die nicht durch Corona bedingt sind, aber durch das heruntergefahrene Gesundheitssystem verursacht wurden.
    • Rechtswidrige Erlässe und Verordnungen mit überschießenden Strafen durch die Exekutive

 

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Tag 37: Gemeinsam oder gegeneinander?

Vielleicht bestell ich den FALTER doch nicht ab, aber eine Kritik schreibe ich noch (aber auf meinem MeteoError-Blog) zum Thema Abstandsregeln. Das, was Chefredakteur Klenk heute in FALTER-Newsletter schreibt, ist richtig gut.

Es erklärt einerseits, weshalb die Exekutive von Beginn so hart durchgreift, andererseits aber auch die Sympathie des Chefredakteurs zum schwedischen Modell.

Wie Klenk im Newsletter ausführt, erleben wir die unverhältnismäßigen Strafen der Polizei vor allem deswegen, “weil eine an sich sehr liberale Rechtslage verwirrend formuliert wurde”. Ursprünglich wollte Kurz tatsächlich nur drei Ausnahmen gestatten: Arbeit, Einkauf und Besuch von Bedürftigen. Defakto also eine Ausgangssperre. Nur dank der grünen Abgeordneten Hamann befand sich “Betreten des öffentlichen Raums alleine oder mit Abstand zu Haushaltsfremden” in der Covid-Verordnung.

Das Ergebnis haben wir gesehen: Die Polizei verlangte Passierscheine bei Kontrollen und strafte Menschen, die alleine auf einer Parkbank saßen oder Klimmzüge am Sportplatz machten. Neoliberale Politik in Reinkultur, denn Öffis am Weg zur Arbeit waren zumutbar, übrigens lange Zeit ohne Maske, aber Öffis ins Grüne nicht. Einkaufen und den Konsum ankurbeln waren zumutbar, aber das Verweilen im Park nicht. Der Mensch als Leistungsrobotor, der ohne Sport, Kultur und Erholung funktionieren soll. Keine Möglichkeit, den immensen psychischen Stress durch die Pandemie abzubauen, aber viele Ausnahmen, wenn es um Arbeit geht. Ganz zu schweigen von den Rückholaktionen bei Erntehelfern versus unterlassener Hilfeleistung bei Flüchtlingen in den griechischen Lagern oder im Mittelmeer. Menschenverachtend, ich kann es nicht anders ausdrücken.

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