Trendwende?

Vor drei Wochen habe ich schon gefragt, wie lange wohl die relativ ruhige Phase andauern wird, und gemeint, dass in den Vorjahren auch zwischen Mitte Juni und Mitte Juli jeweils der Beginn einer neuen Infektionswelle stattgefunden hat. Jetzt sind drei Wochen vergangen und in den Daten sieht man eine klare Trendwende, wenn auch auf niedrigem Niveau. Markov et al. (2023) rechnete noch im April alle vier Monate mit neuen Wellen, basierend darauf, dass die Immunität der Bevölkerung sukzessive abnimmt, während sich neue Varianten mit Wachstumsvorteil durchsetzen. Das würde ungefähr hinkommen, denn im Februar/März war die letzte signifikante Welle mit der XBB.1.5-Variante.

  • Im Juli 2020 wies ich auf den Fehler der verfrühten Lockerungen (Präventionsparadoxon) hin und dass ab Mitte Juni wieder steigende Infektionszahlen zu beobachten waren
  • Im Mai 2021 habe ich zutreffend analysiert, dass die Ausgangslage ähnlich wie vor den Impfungen sein würde und mit den Öffnungen im Juni steigende Infektionszahlen vorhergesagt, auch auf DELTA habe ich dabei verwiesen.
  • Im Mai 2022 habe ich zutreffend erkannt, dass es im Sommer 2022 eine Reinfektionswelle mit BA.5 geben wird.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich würde mich wahnsinnig gerne einmal irren und die Infektionszahlen steigen nicht über den Sommer an. Wie jedes Jahr habe ich meinen Haupturlaub erst im Spätsommer bzw. Herbst. Jedes Jahr also, schon seit dem ersten Pandemiejahr, spucken mir die rücksichtslosen und sorglosen Sommerurlauber in die Suppe und zwingen mich zu noch mehr Vorsicht als ich ohnehin weiter betreibe (keine Indoor-Veranstaltungen, weitgehend keine Indoorgastronomie).

In Deutschland fand die Trendwende bereits Anfang Juni statt.

Was spricht für weiter steigende Zahlen?

  • viel Reiseverkehr in den kommenden 2 Monaten
  • viele Großveranstaltungen
  • hitzebedingt vermehrter Aufenthalt in gekühlten Innenräumen (plus trockene Klimaanlagenluft, die Atemwege anfälliger macht)
  • geringe Impfquote bei den Auffrischimpfungen mit den bivalenten Impfstoffen (siehe Seuchenkolumne von Robert Zangerle)
  • abnehmende Schleimhaut-Immunität gegen derzeitige Varianten
  • keinerlei Maßnahmen: keine Tests, keine Masken, keine Isolation
  • steigende Abwasserwerte in den Nachbarländern bzw. Reisezielen

Was spricht für einen geringen Anstieg bzw. Stagnation auf niedrigem Niveau im Sommer?

  • Schulferien
  • derzeit keine Variante in Sicht mit klarem Wachstumsvorteil, die an XBB.1.5 bzw. an der Bevölkerungsimmunität mit Durchbruchsinfektionen mit BA.5 oder XBB* vorbeikommt.

Wie gesagt – ich würde mich gerne einmal irren, so wie mit der XBB.1.16-Welle, die dann ausblieb.

Skandal: Die Versorgung der LongCOVID-Patienten funktioniert nicht

Dichtung (rechts) im Variantenmanagementplan der Bundesregierung und Wahrheit (links) für die Betroffenen LongCOVID/MECFS-Patienten

Vielleicht die gute Nachricht zuerst: Ich habe mir die Mühe gemacht, von einigen Ländern und Städten die öffentlich einsehbaren Abwasserdaten herauszusuchen, und diese zeigen derzeit ein einheitliches Bild: Die Abwasserwerte sind vielfach so niedrig wie seit dem Sommer 2021 nicht mehr, zum Teil seit Sommer 2020, sofern seitdem Abwasserwerte existieren. Die bedingt durch die vielfach abgeschafften Testangebote niedrigen Inzidenzen stimmen also mit den niedrigen Abwasserwerten überein. Es zirkuliert aktuell wirklich sehr wenig SARS-CoV2. Das zeigen auch die Sentinelproben in Österreich mit ca. 2% SARS-CoV2, sonst Adenoviren (8%), Enteroviren (11%) und Rhinoviren (17%).

Während die Zahl der Neuinfektionen in Europa also tatsächlich niedrig ist, sind sie in Japan deutlich höher, etwa in Sapporo, wo die Abwasserwerte so hoch wie im Winter 2022/2023 sind. In Okinawa ist die Notfallversorgung zusammengebrochen. Zwei Drittel der Patienten sind älter mit hohem Fieber (über 40°C) und kamen direkt in die Klinik. Rund 70% der Patienten wurden positiv auf SARS-CoV2 getestet. Virusvarianten gibt es natürlich weiterhin und weil das Virus jetzt frei zirkulieren kann, wird es weitere Varianten geben, die sich früher oder später wieder bei uns ausbreiten. Ein Kandidat ist z.B. EG.5.1, welche 30% aller Fälle in China ausmacht (Stand 02.07.23) und 55% Wachstumsvorteil aufweist. Die entscheidende Mutation ist F456L mit erhöhtem Immun-Escape-Potential. Es wird also nicht so bleiben.

Aktuell: Der Patientenverein MECFS in Österreich führt eine Erhebung zur sozialen Absicherung durch – mitmachen können alle mit MECFS-Diagnose: Link zur Umfrage

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Überlebensstrategie ab morgen

aus Davis et al. (2023), übersetzt vom IGÖ – SARS-CoV2 ist kein Schnupfenvirus

Heute läuft also die Meldepflicht von SARS-CoV2 aus. Nur dank einer Änderung im Epidemiegesetz, der einzigen sinnvollen Änderung, geht die Überwachung der Abwasserdaten und Variantensequenzierungen weiter und wird auch veröffentlicht. Diese haben 1-2 Wochen Verzögerung bei Wiederanstiegen in der Bevölkerung (erst, wenn genug geschissen wurde, sieht mans im Abwasser) und werden nur bundesländergenau publiziert, ausgenommen Tirol. Das war es dann wohl auch, was öffentlich zur Verfügung steht: Keine täglichen Infektionszahlen mehr, keine Hospitalisierungsdaten oder Todesfälle. Gestorben wurde vorher anonym, künftig auch heimlich und leise. Zu LongCOVID gab es vorher schon keine aussagekräftigen Daten und künftig noch weniger, da nurmehr jeder fünfte positive Antigentest beim niedergelassenen Arzt per PCR-Test bestätigt wird. Am Wochenende wird es künftig nirgendwo mehr möglich sein, PCR zu testen, außer man hat Symptome und nervt die Ambulanzärzte im Spital, oder hat selbst ein PCR-Gerät zuhause und kann auswerten. Heute läuft nämlich auch in Wien das Gratis-PCR-Test-Angebot von Leadhorizon aus.

Ich hab schon am 09. Jänner 2021 erstmals die “get-there-itis” der Regierung kritisiert – sich fixe Zieldaten zu setzen, ab denen Maßnahmen abgeschafft werden statt auf die aktuellen Werte zu schauen. Die Regierung hat das die letzten Jahre perfektioniert. Einfach sukzessive die Datenqualität verschlechtern und die Statistik verschönern, dann sind die Werte am Ende so, dass sie die eigene Argumentation rechtfertigen. Wie schon in den vorherigen Blogtexten geschrieben und durch den letztmalig erscheinenden Bericht der Ampelkomission bestätigt, HABEN wir derzeit tatsächlich die niedrigsten Abwasserwerte seit etwa Sommer 2021. Wir wissen aber, dass das nicht so bleiben wird. Das Virus ist endemisch geworden, aber sorgt weiterhin für epidemische Wellen, und weil das weltweit geschieht, erreichen wir immer wieder einen pandemischen Zustand. Nur haben wir dafür ab dem Zeitpunkt der Wiederanstiege weder eine akkurate Surveillance noch die passenden Werkzeuge, um darauf zu reagieren. Wir leben in Österreich künftig nach dem Prinzip Schicksal, wie vorher bei RSV und Influenza, nun also noch mit dem Coronavirus dazu, das Gefäße und Organe im ganzen Körper schädigen kann.

Ich könnte mich jetzt darüber auslassen, was man alles hätte tun können, aber das hab ich schon so oft und Verantwortungsträger lesen mich sowieso nicht. Wie sieht meine persönliche Strategie aus für die kommende Zeit? Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst als Coronablogger seit Jahren mit stets gewachsener Leserschaft. Trotzdem muss ich dazu sagen, dass ich kein Mediziner, kein Epidemiologe, kein Virologe und auch kein Raumluftexperte bin. Ich kann mich irren und das, was ich hier als besten Mittelweg vorschlage, kann falsch sein oder nicht der Weisheit letzter Schluss.

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Unbequeme Wahrheiten

Der Knick in der Lebenserwartung durch die Pandemie

Wir haben uns seit dem Variantensprung von DELTA (2021) auf OMICRON (2022) sehr teuer eine hohe Bevölkerungsimmunität mit mehreren OMICRON-Subvariantenwellen (BA.1/BA.2, BA.5, mixed variants und XBB.1.5) in Europa erkauft, die nicht von Beständigkeit sein wird. Sehr teuer deswegen, weil es über 22000 Tote, hohe Übersterblichkeit und viele Opfer mit teilweise unheilbaren Langzeitfolgen gibt. Teuer auch, weil man innerhalb kürzester Zeit fast alle Kinder und Jugendlichen mehrfach durchseucht hat, ohne vorher aufrichtig und mit politischen Willen für die Impfung (gesunder) Kinder zu werben und aufzuklären. Das Ergebnis war und ist darwinistische Auslese: Survival of the fittest and wealthiest.

Statt sie durch regelmäßige Auffrischimpfungen nun zu festigen, wird die Durchimpfungsquote in den kommenden Wintern in Österreich lediglich um die 15% wie bei Influenza liegen. Blöderweise zirkuliert SARS-CoV2 ganzjährig durch Cluster, nicht nur in wenigen Wintermonaten wie Influenza. Es hätte nämlich Alternativen gegeben, eine bevölkerungsweite Immunität aufzubauen, indem man in allen Altersgruppen breite Impfkampagnen gefahren wäre, und zwar unabhängig von Risikofaktoren. Im Sommer 2021 blieb die Impfkampagne im Kanzleramt liegen. Wir wissen seit der Machtübernahme durch Ex-Kanzler Kurz und dessen bis heute regierendendem Team, dass ihnen an den Menschen außerhalb ihres Wählerkreises nichts liegt. Mit einer hohen Impfquote hätte man bereits die DELTA-Welle deutlich abmildern können. Die misslungene Einführung der Impfpflicht beim Übergang zu OMICRON war das Anfang vom Ende jeglichen Bemühens um Erhöhung der Impfquoten, während man gleichzeitig die Gefahr für Kinder und generell gesunde Menschen heruntergespielt hat. Bereits im Frühjahr 2022 war der auf BA.1 angepasste Impfstoff fertig.

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Derzeit ist Pause. Für wie lange?

Die Tiroler Abwasserwerte sollen seriöser ausgewertet sein als die der anderen Bundesländer, man sieht ein Stagnieren auf niedrigem Niveau, etwa Höhe Spätsommer 2021, Quelle: Abwassermonitoring Tirol

Ich war jetzt eine Woche auf Wanderurlaub und bin erst heute zurückgekommen. Corona-Recherche war in dieser Zeit vollständig auf Pause, aber auch die Pandemie selbst scheint derzeit auf Pause. Um Missverständnissen vorzubeugen: SARS-CoV2 ist nicht verschwunden. Die Abwasserwerte zeigen weiterhin Infektionsgeschehen, wenn auch auf niedrigem Niveau. Über die Gründe wird momentan gerätselt. Fakt ist, dass die von mir im März vermutete große XBB.1.16-Welle ein Rohrkrepierer war. Ich habe mich geirrt, das gebe ich offen zu. Auf der sicheren Seite irre ich mich gerne. Derzeit kann sich keine neue Variante entscheidend absetzen wie zuletzt XBB.1.5, die bestehenden Varianten in Österreich verändern nur langsam ihre Anteile. Eine neue Variante oder lange genug abnehmende Immunität in der Bevölkerung gegen die aktuell dominierende Variante sind aber die Voraussetzung für eine neue Welle. Inwiefern saisonale Effekte eine Rolle spielen, sei dahingestellt. Der Reiseverkehr hat sich in der Mehrheitsgesellschaft normalisiert, ebenso Großveranstaltungen und allgemein Sozialverhalten. In den letzten Jahren begannen immer Ende Juni die erneuten Anstiege. Das heißt, wenn es da eine Regelmäßigkeit gibt, sollten wir das die kommenden zwei bis drei Wochen sehen.

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Die Daten sind abgedreht.

Wenn die draußen so viel wüssten wie ich hier am Blog gesammelt habe, könnten sie auch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Ignaz Semmelweiss, ich weiß, wie Du Dich gefühlt haben musst.

Nachtrag:

Der Grundstein zum Ende nie statt wirksamer Pandemiebekämpfung wurde bereits mit dem Entwurf der Impfpflicht am 16. Jänner 2022 gelegt (der Link zum entsprechenden Dokument führt in dieser gschissenen Digitalisierungswüstenrepublik natürlich längst ins Leere – wenn man die politischen Entscheidungen nachvollziehen will, muss man sie selbst speichern), wo Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren von der Impfpflicht ausgenommen gewesen wären, also gerade jene Bevölkerungsgruppe, die die meisten gesunden Lebensjahre vor sich gehabt hätte und über Kindergärten und Schulen wesentlich zur Verbreitung des Coronavirus beiträgt.

Chronologie der Vertuschung einer Pandemie

DatumZielgrößeHandlungKonsequenzen
von Beginn an (AGES)Bettenkapazitätfiktive freie Betten (ohne dazu verfügbares Personal) angeben“immer genug Platz auf den Intensivstationen”: verzögerte Intervention des Staates, Bevölkerung beruhigt
von Beginn an (Twitter)Contact TracingAnsteckungen am Ort X und Folgeansteckung im Haushalt zählen als “Haushaltscluster”Unerklärliche Mini-Cluster im Herbst 2020, “keine Cluster in den Schulen”, Rolle der Kinder abstreiten
Herbst 2021 (Semiosis)Wächterschulen (Abwassermonitoring/PCR)nichts deutliche Anstiege in den Schulen
09.01.21 (DiePresse, Stadtpolitik Wien)Antigentests in VolksschulenAGES gibt höhere Sensivität an als evaluiert wurdeViele falschnegative Ergebnisse
08.10.21 (GÖG)IntensivbettenkapazitätAuftrag an GÖG, ab welcher Inzidenz Spitäler kollabierenman hat gewartet, bis die Spitäler kollabiert sind
17.09.21 (ORF-Wien)DurchseuchungSchulmaßnahmen an ICU-Auslastung gekoppeltspäte Maskenpflicht in den Schulen (DELTA), Infektionszahlen absichtlich steigen lassen, um schneller Durchseuchung zu erreichen
14.02.22 (DiePresse)MaskenpflichtAbschaffung in den VolksschulenDurchseuchung der Kinder
23.03.22 (ORF Wien)Quarantäne Abschaffung in KindergärtenDurchseuchung der Kinder
01.06.22MaskenpflichtAbschaffung Handel und Öffis (exkl. Wien)Kein Schutz mehr für Kinder und Vulnerable
23.06.22Impfpflicht Abschaffung mit Verweis auf OMICRON keine Handhabe mehr bei pathogeneren Varianten, fatales Signal
24.06.22 (ORF Science)Austrian Corona Panel Project (ACPP), Einstellung Finanzierungkeine kritische Evaluierung mehr
01.08.22Isolationspflichtentgegen WHO-Empfehlung aufgehobenDurchseuchung
02.11.22 (Wien)Bettenkapazitätennach 2 Wochen werden C+ Patienten automatisch herausgerechnetkünstliche Senkung der Covid-Bettenbelegung
10.11.22 (Forgo: Fake Law)MaskenpflichtGM Rauch beruft sich auf Verfassung, sie nicht mehr einzuführenDurchseuchung, Triple-Welle
16.01.23WirtschaftslobbyIn Davos gelten strengste SicherheitsvorkehrungenReiche schützen sich weiter (Gauntlet)
2023ReinfektionenAGES schafft Statistik abMär von Hybrid-Immunität hält sich
28.02.23MaskenpflichtFall auch in Wiener Öffis und Apothekenkein Schutz mehr für Kinder und Vulnerable
31.03.23Variantenmonitoring (Ulrich Elling)Ellings Team wird der Auftrag entzogenAGES überfordert mit Sequenzierung der Varianten, verzögerte Aufbereitung
30.04.23MaskenpflichtFall im gesamten Gesundheitswesensteigende Mortalität von Patienten
02.05.23TestzahlenGesamtzahl der Tests nurmehr einmal pro Woche gemeldetkeine Positivrate mehr bestimmbar
26.05.23Impfungnur 4,1 Mio Impfstoffe bis 2025 bestelltnur Hochrisiko kann geimpft werden, LongCOVID-Fälle werden steigen
31.05.23LongCOVID-Ambulanzenösterreichweite Schließungen “mangels Bedarf”massive Überlastung
ab Juli 2023Meldepflicht SARS-CoV2abgeschafftkeine Haftung mehr im Krankheitsfall
ab Juli 2023Datenmonitoringeingestelltkeine Zahlen mehr zu Inzidenzen, Hospitalisierungen, Tote
ab Juli 2023ReframingSARS-CoV2 künftig mit anderen “schweren Atemwegsinfekten” zusammengefasst“mysteriöse Hustenwelle”, Verharmlosung Covid als multisystemische Erkrankung
ab Juli 2023Gratis Testangebotnur noch bei Symptomen beim Hausarzt Antigentests, bei jedem fünften PCR-Testsenorme Untertestung, später antiviraler Therapiebeginn, kein Nachweis für LongCOVID
weltweitÜbersterblichkeitNormalisierung, indem Pandemiejahre zur Baseline gezählt werdenkeine Übersterblichkeit mehr, neue Normalität

kein Anspruch auf Vollständigkeit

Epilog: Was kann mein Blog noch leisten?

In einer Zukunft ohne Daten kann ich nur noch über Auswirkungen berichten, die niemand verschleiern kann – wie verringerte Lebenserwartung, ganzjährig hohe Krankenstände, steigende Invaliditätsansprüche und “mysteriöse Hustenwellen”. Die wahren Ursachen wird eine Handvoll Menschen in Österreich noch kennen. Bessere Datenverknüpfungen gibt es wie immer nur aus dem Ausland – daraus wird man wie jetzt auch schon unter Berücksichtigung demographischer Faktoren Rückschlüsse auf die Folgen für Österreich ziehen können.

Im Gegensatz zum Wahrheitsministerium plane ich nicht, meine historischen Aufzeichnungen zu löschen, nicht einmal meine gravierenden Irrtümer zu Beginn der Pandemie. Die vom Staat ausgeführten Verbrechen bei der Pandemiebekämpfung und später -verschleierung werden eines Tages ans Licht kommen. Hintergrundanalysen sind weiterhin geplant und wann immer es Meldungen aus aller Welt gibt, die auf neue Infektionswellen hindeuten, versuche ich das zu archivieren.

Hoher Bedarf an Gratis-PCR-Tests und LongCOVID-Ambulanzen!

aus Perumal et al. (2023) – LongCOVID als Spektrums-Erkrankung

Am 06. April 2023 wurden die Pläne der Regierung vorgestellt, ab Juli neben der Meldepflicht von SARS-CoV2 auch den Zugang zu gratis Tests abzuschaffen. Tests sollten nurmehr bei Symptomen beim Hausarzt möglich sein. Trotz mehrerer Stellungnahmen engagierter Bürger hält das grün regierte Gesundheitsministerium daran fest: Gesetzesentwurf

Alle Stellungnahmen können – auch anonym – unterstützt werden, um zu verhindern, dass Personen der Risikogruppe und deren Angehörige, sowie alle, die sich weiter vor LongCOVID schützen wollen, auf privat gezahlte, teure PCR-Angebote angewiesen sind – für viele Armutsbetroffene unerschwinglich.

Betroffene von LongCOVID und MECFS haben bereits ein Rundschreiben an die Politiker verfasst, um auf ihre dramatische Versorgungslage aufmerksam zu machen. Die Reaktion der Grünen fiel verständnislos aus und ging am Anliegen vorbei. Mir wurde die E-Mail-Antwort der grünen Behindertensprecherin, Heike Grebien, zugespielt, die Ende April 2023 noch eine flammende Rede unter (Krokodils-)Tränen für MECFS-Betroffene gehalten hat und auch die umstrittene Studie von Ludwig et al. (2023) anzweifelte, die einen kausalen Zusammenhang zwischen psychosomatischen Störungen und MECFS herstellen wollte. Angesichts der klaren Evidenz von zahlreichen Biomarkern für MECFS (siehe oben bzw. hier) ist es ein Skandal, dass die österreichischen Studienautoren zum Schluss kommen, dass …

“Ähnlich steht es um das „Post-COVID-Syndrom“ – wie bei ME/CFS fehlen häufig objektivierbare Beschwerden. [….] Objektiv messbare kausalitätsbegründete und diagnostische Parameter für die Ärzt:innen fehlen.”

Die Studienautoren sind alle Neurologen, u.a. einer neurologischen LongCOVID-Ambulanz und behandeln wohlhabendere Betroffene bei Small Fiber Neuropathy (SFN) erfolgreich mit teuren Medikamenten in hohen Dosen, sonst ist es schwierig/unmöglich, an SFN-Biopsien heranzukommen.

Neurologen wollen MECFS-Patienten nicht behandeln, weil

  • es sich um eine stigmatisierte Krankheit handelt
  • Fachkenntnisse fehlen
  • Wissen um die Schwere der Erkrankung fehlt
  • Standarddiagnostik zu keinen Ergebnissen führt
  • andere Diagnostik kennt man nicht, ist zu aufwändig, wird nicht vergütet, nicht karrierefördernd…
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Österreich: Pandemie im postfaktischen Zeitalter

Wissenschaft derzeit im Würgegriff der postfaktischen Politik

Wenn ich die Pandemie in einem anderen (west-) europäischen Land als in Deutschland, Österreich oder der Schweiz erlebt hätte, dann wäre ich am Anfang noch hoffnungsfroh gewesen, dass sich durch die epochale Zäsur auch ein Struktur- bzw. Systemwandel erzwingen lässt. In anderen Ländern sieht man durchaus Ansätze, als Konsequenz auf die Unberechenbarkeit von Masseninfektionen saubere Innenraumluft einzuführen, etwa in Belgien oder in den USA. Anekdotisch gibt es in keinem Land so aggressive Reaktionen auf Maskenträger wie in Österreich, ganz anders etwa in Süd- und Mittelamerika, aber auch in Griechenland oder Italien. Als die Maskenpflicht in den Supermärkten kam, ließ Ex-Kanzler Kurz ausrichten:

Ich bin mir vollkommen bewusst, dass Masken für unsere Kultur etwas Fremdes sind“, es werde eine große Umstellung sein. Das werde eine Lernphase sein. Ziel werde es sein, diese Masken auch überall dort zu tragen, wo ein Vorbeigehen stattfindet. Kurz sagte zudem, das sei „kein Ersatz für das Abstandhalten“, sondern eine zusätzliche Maßnahme. (30.03.20)

Schon ab Sommer 2022, inmitten der schweren BA.5-Welle, konnte es der Bundesregierung nicht schnell genug damit gehen, die Maskenpflicht abzuschaffen, im Februar 2023 inmitten der XBB.1.5-Welle folgte die Wiener Stadtregierung nach und schaffte die “lästigen” Masken, die dem Gesundheitsstadtrat Hacker bereits “zum Hals raushingen” ab. Eine Empfehlung fürs Maske tragen und generell auch eine Erklärung, weshalb Maske tragen sinnvoll war und ist, blieb aus.

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Internationaler ME/CFS-Tag: Ehrliches Interesse nur mit Forderung von Prävention

Protestaktion der Österreichischen MECFS-Hilfe am Internationalen ME/CFS-Tag am Heldenplatz in Wientrotz strömenden Regens später noch gut besucht

Seit 1969 ist MECFS von der WHO klassifiziert – MECFS ist die Abkürzung für Myalgische Enzephalomyelitis bzw. Chronisches Fatigue Syndrom. Es handelt sich um eine schwere Multisystemerkrankung, die bei den meisten Betroffenen zum Verlust der Arbeitsfähigkeit führt. 25% sind so schwer krank, dass sie Haus oder Bett nicht mehr verlassen können und auf Pflege angewiesen sind. MECFS-Erkrankte leiden unter ausgeprägter Zustandsverschlechterung nach körperlicher und geistiger Belastung (Post-Exertional Malaise (PEM), dazu gehören schwere Fatigue (krankhafte Erschöpfung), kognitive Störungen, Schlaflosigkeit, ausgeprägte Schmerzen, Überempfindlichkeit auf Reize, Störung und Überaktivität des Immunsystems sowie Störung des autonomen Nervensystems.

In Österreich sind 26000 bis 80000 Menschen betroffen – durch SARS-CoV2 kamen tausende Betroffene hinzu und werden immer noch mehr. Viele Betroffene sind zu krank, um selbst vor Ort mitzuprotestieren. Für sie stehen stellvertretend die leeren Schuhe am Platz. Erfreulicherweise waren auch einige Medienvertreter vor Ort, ORF, Puls24 und Radio Technikum (Bericht von Eva Maria Wohlfarter).

Trotz der massiven Auswirkungen der MECFS-Erkrankung gibt es weder Beratungsstellen noch ambulante Anlaufstellen oder stationäre Einrichtungen für Notfälle. Betroffene kämpfen mit Stigmatisierung und Verleugnung der Schwere ihrer Erkrankung. Mediziner haben häufig einen veralteten Kenntnisstand und schieben die Beschwerden auf die Psychoschiene. Schwerstbetroffene müssen monatelang oder jahrelang vor Gericht um ihre Rechte kämpfen, jeder Termin kann zu einem Crash und zu einer Verschlechterung ihrer Beschwerden führen. Die Pensionsversicherungsanstalt (PVA) erklärt Betroffene trotz Bettlägerigkeit für Simulanten und arbeitsfähig, vielfach werden Präsenztermine verlangt.

Ein großes Problem der Berichterstattung ist der fehlende Konnex zur Prävention gegen Infektionskrankheiten. SARS-CoV2, Influenza und andere Viren zählen zu den Verursachern von Langzeitfolgen, die per definitionem nach sechs Monaten in MECFS übergehen können. Wir wüssten jetzt, was wir zur Infektionsprophylaxe tun könnten: Saubere Luft in Innenräumen, konsequente Isolation bei Symptomen und FFP2-Maske tragen. Damit verhindert man nicht nur die Ausbreitung von SARS-CoV2, sondern auch von anderen potentiell tödlichen oder chronifizierend krankmachenden Viren. PolitikerInnen fordern jetzt mehr Forschung, aber wo war die Aufmerksamkeit die letzten Jahre? MECFS-Betroffene haben schon im März und April 2020 frühzeitig vor chronischen Langzeitfolgen durch Covid19 gewarnt. Sie wurden ignoriert. Die westliche Impfstoffentwicklung zielte trotz der rasch wachsenden Zahl an LongCOVID-Betroffenen nur auf die Verhinderung von schweren Verläufen und Tod ab, nicht auf die Verhinderung der Ansteckung selbst (es war Zufall, dass die Impfstoffe bis zur Entstehung von OMICRON auch sehr gut gegen Ansteckung geschützt haben). Die Entwicklung von infektionsvermeidenden Impfstoffen schreitet viel langsamer voran jetzt – für Eile gibt es für die Regierungen keinen Anlass mehr, nachdem SARS-CoV2 kaum noch erfasst wird.

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Die Gesundheitskrise ist gekommen, um zu bleiben

Die erste OMICRON-Welle (BA.1 und BA.2) war tödlicher als die DELTA-Welle und die zweitschlimmste Welle der Pandemie bisher. Die Sterblichkeit durch OMICRON-Subvarianten bleibt hoch und da ist die Übersterblichkeit durch Post-Covid-Folgen nicht eingerechnet

Die Risikokommunikation zur SARS-CoV2-Pandemie bleibt missverständlich und hat weiterhin fatale Folgen. Am 31. Dezember 2019 wies Virologe Florian Krammer erstmals in einem Tweet auf den Ausbruch einer neuartigen Lungenkrankheit hin. Am 21. Januar 2020 hielt es Virologe Christian Drosten für sinnvoll, dass die WHO eine internationale Gesundheitskrise (PHEIC, Public Health Emergency of International Concern) ausrufen würde.

Am 25. Jänner gab es bereits 1400 Fälle.

Krammer drängte die WHO: “This is a PHEIC, we are all China at this moment. Not acting now will not age well.”

Am 28. Jänner 2020 berichtete Statnews, dass sich das Virus übertragen kann, bevor die infizierte Person Symptome entwickelt.

Am 30. Jänner 2020 rief die WHO schließlich ein PHEIC, ihre höchste Alarmstufe, aus. Diese ist als außergewöhnliches Ereignis definiert, das …

  • ernst, plötzlich, ungewöhnlich oder unerwartet ist
  • Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit über die Landesgrenzen des betroffenen Staates hinaus hat und
  • möglicherweise sofortige internationale Maßnahmen erfordert.

Seit Einführung wurden sieben PHEICS erklärt – Schweinegrippe-Pandemie 2009, Ebola-Ausbruch in Westafrika 2014 und Zentralafrika 2018-2020, Polio 2014 (bis heute!), Zika-Ausbruch Lateinamerika 2016, SARS-CoV2 und Affenpocken seit Juli 2022. Ausführlicher in der Seuchenkolumne von Robert Zangerle.

Am 4. Mai 2023 traf sich das Covid19-Emergency Comittee der WHO – zu den Beratern zählt u.a. Durchseucher Anders Tegnell aus Schweden – und empfahl eine Beendigung des PHEIC, was WHO-Chef Tedros am 05. Mai 2023 umsetzte:

“With great hope I declare Covid-19 over as a global health emergency.” (Twitter)

Die Entscheidung auf Hoffnung zu basieren mutet seltsam an, wenn man sich das ausführliche Statement der WHO durchliest:

Seit Ausrufung der PHEIC wurden der WHO über 7 Millionen Tote gemeldet, die Schätzungen bewegen sich aber bei mindestens 20 Millionen Todesopfern. Die Gesundheitssysteme sind weltweit schwer unter Druck geraten, Millionen Menschen sind von der Regelversorgung abgeschnitten, einschließlich lebensrettender Impfungen für Kinder. Die Pandemie hat auch für wirtschaftliche Verwerfungen gesorgt, Reiseverkehr und Handel beeinträchtigt und Millionen in die Armut getrieben. Die weltweite soziale Ungerechtigkeit hat sich verschärft. Seit mehr als einem Jahr würde die Pandemie einen Abwärtstrend aufweisen, mit steigender Bevölkerungsimmunität von Infektion und Impfungen, abnehmender Sterblichkeit und nachlassendem Druck auf die Gesundheitssysteme. Dadurch sind die meisten Länder zum Leben wie vor der Pandemie zurückgekehrt. Jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, das PHEIC aufzuheben. Das heißt aber nicht, dass Covid19 als globale gesundheitliche Bedrohung zu Ende sei. Letzte Woche starb alle drei Minuten ein Mensch an Covid19 – und das sind lediglich die offiziell registrierten Todesfälle. Derzeit kämpfen tausende Menschen auf Intensivstationen um ihr Leben. Weitere Millionen leben mit den verheerenden PostCovid-Folgen. Das Virus ist gekommen, um zu bleiben. Es ist weiterhin tödlich und ändert sich. Das Risiko neuer Varianten und Infektionswellen bleibt.

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