Wenn Titel mehr zählen als Fakten

Unsachliche Methoden, um auf Fakten zu reagieren

Sie müssen ihre Meinung nicht teilen, aber sie werden kaum eine berufenere Person zu dem Thema in Österreich finden als die Chefin der Epidemiologie an der größten medizinischen Universität des Landes.” (Martin Thür,29.12.22)

Sie sind ja ein lustiges Kerlchen. Aber bitte kein Comic Sans, da krieg ich Augenkrebs.” (Martin Thür, 06.05.22)

Ich glaube, dass „digitaler Heugabelmob“ eine abs. zutreffende Beschreibung für ein best. Diskursverhalten auf Twitter ist. Ich glaube nicht, dass man Menschen, die seriös über Strategien für sichere Schulen/Kinder diskutieren, bewusste „Durchseuchung“ unterstellen sollte.” (Armin Wolf, 01.12.21)

Aber die Idee, dass jemand wie Hamann [von den Grünen] in österreichischen Schulen die Agenda rechter US-Thinktanks durchprügeln will, ist dann doch ein wenig absurd, oder? Also könnte man ja vielleicht auf die argumentative Keule verzichten, wenn’s um eine ernsthafte Debatte in der Sache gehen sollte.” (Armin Wolf, 01.12.21)

“ich habe zur Kenntnis genommen, dass sich in der Schuldebatte Expert·innen ziemlich uneins sind. Und kein Debattenbeitrag in der Sache rechtfertigt etliche der Kommentare, die Klenk zitiert (Armin Wolf, 01.12.21)

“Wer sich an die Öffentlichkeit wendet, muss mit Repressionen rechnen. Wer gerechtfertigte Gefährdungsanzeigen schreibt, ist ein Nestbeschmutzer und wird mit Bürokratie eingedeckt. Die Gewerkschaft tut nichts” (DERSTANDARD, 08.01.23)

“Aus irgendeinem Grund bin ich bei der Weltgesundheitsorganisation als Experte gelistet, und deshalb darf ich da wahrscheinlich über ein neues Coronavirus reden, und um ganz klarzustellen: Wir haben in ganz Österreich keinen einzigen diagnostizierten Fall, das heißt, ich bin ein Schreibtischtäter, Coronaviren gibt es bei uns bei der AGES schon, aber nur im Veterinärbereich.
In ganz Österreich gibt es zwei Ärztegruppen, die schon einmal Coronavirus-Patienten gesehen haben, die schwerkrank waren. Wien, das Kaiser-Franz-Josef- Krankenhaus, und Professor Greil, in Salzburg, hat den zweiten Patienten gehabt, also ich bin der Schreibtischtäter, er ist der, der Ihnen dann erzählen wird, was wirklich ist, weil er einen Patienten gesehen hat, und das ist wahrscheinlich mit ein Problem, weil hunderte, tausende Leute jetzt Expertise meinen zu haben. Ich weiß, ich hab sie nicht. Und wenn Sie irgendwo googeln und schauen, wer über was publiziert, dann werden Sie sehen, Allerberger Coronaviren Null Result, also bitte ja nicht missverstehen, was ich Ihnen sage. Ganz sicher kein Experte.”
(Ex-Leiter Öffentliche Gesundheit, Franz Allerberger, 12. Februar 2020, Uni Salzburg)

Ich bin ja am Anfang der Pandemie selbst darauf reingefallen und habe mich auf Experten verlassen, die gar keine waren, etwa Franz Allerberger. Ich mach auch niemandem einen Vorwurf, der bis Herbst darauf reingefallen ist, als völlig überraschend eine riesige zweite Welle kam und erneut ein Lockdown verhängt werden musste.

Es hat natürlich Warnungen gegeben, von Virologe Krammer aus New York, von Virologe Drosten von der Charité Berlin, von Virologin von Laer aus Innsbruck, von Mikrobiologe Wagner aus Wien, von Infektiologe Greil aus Salzburg, von Infektiologe Burgmann aus Wien, vom pensionierten Epidemiologen Zangerle aus Innsbruck – sie alle haben explizit ab April 2020 vor der zweiten Welle gewarnt, denn nach dem Lockdown und Präventionsparadoxon war noch genug immunnaive Bevölkerung übrig. Ihnen wurde nicht geglaubt, weil Wunschdenken so viel angenehmer war.

Stattdessen hörte man lieber auf Infektiologe Weiss aus Innsbruck, auf Virologe Vander in der Steiermark, auf Public-Health-Experten Sprenger, auf Infektiologin Apfalter aus Linz, auf Infektiologe Allerberger der AGES, auf Epidemiologin Schmid der AGES, auf die Ärztekammer Oberösterreich, auf Veterinärvirologe Nowotny, der kein Interview ausließ.

Das Land hatte schon immer einen Fetisch, was Titel im Namen betrifft. “Ingenieur Dr … bitte zur Frau Doktor kommen!” ertönt es im Wartezimmer regelmäßig. Status ist wichtig, selbst wenn er unwichtig im Kontext einer medizinischen Behandlung ist. In einer Pandemie zählen aber nicht die Reputation, die Zahl der Titel, die Zahl der Publikationen oder die Dauer der Medienpräsenz, sondern die Fakten und ob die Einschätzungen der berufenen Person sich rückblickend als korrekt erwiesen haben.

Was macht Experten zu Experten?

Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi-Nguyen-Kim lieferte am 8. Oktober 2020 einen wichtigen Beitrag zum Thema Wissenschaftskommunikation. Ich transkribierte weite Teile ihres Youtubebeitrags in meinem Blogtext am 12. Oktober 2020. Seitdem ist einige Zeit vergangen, aber der Großteil der Politiker, Journalisten und Bevölkerung keinen Deut klüger geworden. Wer kontrolliert die Qualität der Experten? Welche Kriterien wurden herangezogen, um einen Experten zum Berater der Landes- und Bundespolitik zu ernennen? Gibt es eine laufende Qualitätskontrolle?

1. Wissenschaftliche Methoden

Wissenschaftliches Arbeiten besteht aus mehr als Daten sammeln und Interviews geben. Wichtig sind Kontrollprozesse wie Kontrollexperimente, Verblindung, die Angabe von Fehlern und Limitationen einer Arbeit, wie statistisch signifikant sind Resulte? Die Methode entscheidet darüber, wie aussagekräftig eine Studie ist.

Seriöse Studien verwenden ….

  • eine randomisierte Auswahl der Studienteilnehmer, also zufällig ausgewählt und etwa nicht ausschließlich Krankenhauspersonal, um etwa den Nutzen von Speicheltests festzustellen (geschultes Personal wird wesentlich weniger fehlerbehaftete Testergebnisse erzeugen als Laien in der Bevölkerung)
  • eine mit Placebo kontrollierte Durchführung: Zu jeder Testgruppe gibt es eine Kontrollgruppe, die ein Scheinmedikament erhält, welches nachweislich keinen Effekt hat.
  • doppelblindes Studiendesign: Weder der Versuchsleiter noch der Studienteilnehmer wissen, wer das Arzneimittel und wer das Placebo erhält. Damit schließt man sowohl den Rosenthal-Effekt beim Versuchsleiter (“Das Medikament ist sowieso besser”) als auch den Hawthorne-Effekt beim Studienteilnehmer (Verhaltensänderung während der Studienteilnahme) aus.

2. Kritische Kollegen: Peer Review und wissenschaftlicher Diskurs

Wissenschaftlich anerkannt ist eine Studie erst, wenn sie ordentlich veröffentlicht wurde. Sie muss das “Peer Review” bestehen, eine Überprüfung durch andere Fachleute, die in aller Regel Korrekturen und Überarbeitungen fordern. Was nicht überzeugen kann, wird abgelehnt. Das Peer-Review ist kein perfekter Kontrollprozess, da auch schlechtere Studien veröffentlicht werden. Doch nach der Veröffentlichung geht der wissenschaftliche, kritische Diskurs noch weiter, etwa mit Antwortartikeln von Fachkollegen, die einer Veröffentlichung sachlich widersprechen und im selben Journal veröffentlicht werden. Mit einem harten, aber sachlichen Diskurs wird in der Wissenschaft viel offener umgegangen als anderswo, was zur Qualitätssicherung beiträgt.

Aufgrund des hohen Zeitdrucks in der Pandemie erscheinen viele Studien als sogenannter Preprint, sodass die Erkenntnisse bereits anderen Wissenschaftlern bzw. einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich sind. Sie haben aber den Peer Review noch nicht durchlaufen und sollten mit Vorsicht interpretiert werden. Eine Untersuchung von Brierley et al. (2022) hat allerdings ergeben, dass zwischen Preprint und Veröffentlichung im Journal kaum signifikante Änderungen notwendig wurden und die Schlussfolgerungen des Preprints meistens nicht beeinflusst worden sind.

3. Das Puzzle-Prinzip: Eine Studie ist keine Studie

Wissenschaftliche Erkenntnisse setzen sich aus vielen kleinen Puzzleteilen zusammen. Wenn man sich nicht gerade in einer Pandemie befindet, dauert es viele Jahre und noch mehr Studien und Forschungsgruppen, bis sich ein konsistentes Bild ergibt. Das ist zwar mühsam für einzelne Wissenschaftler, verhindert aber, dass einzelne Autoritäten ihre Meinung durchsetzen können. Die Gesamtdatenlage überzeugt. Zudem müssen verschiedene Ergebnisse stimmig sein, damit ein wissenschaftlicher Konsens entsteht.

Es ist daher ratsam, möglichst viele Studien zu lesen und zusätzlich …

  • Literature Reviews, die einen Überblick über verschiedene Studien zum selben Thema geben
  • Meta-Analysen: Mehrere Studien werden zu einer großen Auswertung zusammen verarbeitet.
  • Stellungnahmen von Forschungsgemeinschaften oder Fachgesellschaften, wo sich mehrere Expert*Innen auf einen Konsens geeinigt haben und diesen geschlossen kommunizieren

Wenn Wissenschaftler im Fernsehen auftreten oder Zeitungsinterviews geben, sind meistens keine Quellen angegeben, weil der/die ExpertIn selbst die Quelle ist. Konsequent wissenschaftlich gedacht: Warum sollten wir ExpertInnen in der Zeitung, im Fernsehen einfach so vertrauen? Sachlichkeit ist oft nicht das Problem, eher die Verständlichkeit. Großen Schaden kann es jedoch anrichten, wenn die ExpertInnen es mit der Sachlichkeit nicht so genau nehmen.

Wenn man die Leute fragen würde, warum sie den Wissenschaftlern vertrauen, wenn es um Wissenschaft geht, würden die meisten sagen: “Weil das die Experten sind, die sich auskennen!”

Dabei hat keiner der vorher genannten Punkte etwas mit Expertise zu tun, sondern mit Kontrolle und Überprüfung. Die Expertise macht den Experten zum Experten, doch ist das kein Garant für Vertrauenswürdigkeit und Verlässlichkeit.

Dafür gibt es verschiedene Gründe:

  • Eitelkeit und Rivalitäten unter Wissenschaftlern (Edison tötete Hunde mit Wechselstrom im Stromkrieg mit Tesla)
  • politische Ideologien, die die Sachlichkeit trüben (Medizinnobelpreisträger Watson begründete sexistische und rassistische Aussagen teilweise wissenschaftlich)
  • fehlerhafte Thesen (Chemienobelpreisträger Mullis entwickelte die PCR-Technik, auf der Coronatests basieren, war aber gleichzeitig ein knallharter AIDS-Leugner)

Selbst wenn solche Fälle selten sind, können auch wenige verquere Experten viel Schaden anrichten. Ein Verschwörungsmythos erhält durch einen Nobelpreisträger eine vermeintliche wissenschaftliche Basis. In der Wissenschaft setzen sich absurde Ideen nur schwer durch, in den Medien ist es eine andere Geschichte. Medien lieben alles, was aus der Reihe tanzt, sie leben von Gegensätzen und vom Widerspruch – ein Paradebeispiel ist die Immunschuld. Bis zum August 2021 gab es den Begriff Immunschuld noch gar nicht. Es handelt sich um ein Narrativ aus der rechten Esoterik, der Steiner’schen Antroposophie-Lehre. Wer sich regelmäßig infiziert, würde sein Immunsystem trainieren und letztendlich gestärkt aus seiner Krankheit hervorgehen. Dabei braucht man sein Immunsystem nicht mit Krankheiten trainieren, die potentielle Spätfolgen nach sich ziehen können. Der erste Kontakt mit einem gefährlichen Erreger sollte, wenn vorhanden, über die Impfung erfolgen.

4. Große Bühne für schwarze Schafe: Sucharit Bhakdi und Franz Allerberger

Bhakdi schrieb gemeinsam mit seiner Frau, einer Dermatologin an der Uni Kiel, schon Ende Juni 2020 das Buch “Corona-Fehlalarm” Nach einem Interview der beiden Autoren in den “Kieler Nachrichten” reagierte die Uni Kiel mit zwei Stellungnahmen, in denen sie sich von ihrer eigenen Professorin distanzierten:

Sie widersprechen entschieden den unbelegten und im Gegensatz zu seriösen internationalen wissenschaftlichen Erkenntnissen stehenden Behauptungen von Frau Professor Reiß und Herrn Professor Bhakdi zur Corona-Pandemie.”

Kieler Mediziner

Die Kieler Mediziner tun das, was man auch innerhalb der wissenschaftlichen Community tun würde: Fehlerhafte Veröffentlichungen werden zurückgezogen oder richtig gestellt. Außerhalb der wissenschaftlichen Community gilt jedoch Meinungsfreiheit und wenn Professoren an die breite Öffentlichkeit treten, wird nicht mehr überprüft.

Die Uni Mainz, wo Bhakdi vor seinem Ruhestand Professor für Mikrobiologie war, distanzierte sich nur schwach und zog sich auf die Schutzbehauptung zurück, dass die Unileitung die wissenschaftlichen Aussagen ihrer WissenschaftlerInnen grundsätzlich nicht kommentiere. Nguyen-Kim ist allerdings der Überzeugung, dass wissenschaftliche Institutionen die Verantwortung haben, Stellung zu beziehen, wenn Falschinformationen ein Massenpublikum erreichen. Ohne seinen Expertenstatus als Ex-Professor hätte Bhakdi überhaupt nicht den Einfluss, den er jetzt hat.

Journalisten müssen besser darin werden, vernünftigen Stimmen mehr Aufmerksamkeit zu geben. Wenn eine Uni eine Stellungnahme herausbringt, es aber keiner liest, dann sitzen Experten in Fernsehshows oder mit Spiegel-Beststellern am längeren Hebel.

Public-Health-Mediziner Andreas Sönnichsen von der MedUni Wien war im April und Oktober 2020 in der ZiB2 bei Armin Wolf und traf einige unwissenschaftliche und ethisch verwerfliche Aussagen. Die MedUni Wien distanzierte sich von ihm und kündigte schließlich sein Dienstverhältnis per März 2022 auf.

Quelle: Facebook-Account der MedUni Wien, 03. April 2020

Ein ähnliches, wenn auch viel milderes Schicksal ereilte den ehemaligen Leiter der Öffentlichen Gesundheit der AGES, Infektiologe Franz Allerberger. Vom “Frühstück bei mir” in Ö3 im Oktober 2020 über zahlreiche andere Interviews und Auftritte bis hin zu einem 74-minütigen Interview am 19. Juni 2021 auf der Verschwörer-Plattform OVALmedia von Robert Cibis – Allerberger ließ keine Gelegenheit auf, die Pandemie und ihre Folgen zu verharmlosen. Cibis hat gemeinsam mit Impfgegner Bert Ehgartner den Film “Corona.Film” gedreht, bei dem u.a. Wolfgang Wodarg, Raphael Bonelli, Sucharit Bhakdi, John Ioannidis und Franz Allerberger mitgewirkt haben.

Allerberger sagte damals, dass die Pandemie “nach meinem Dafürhalten ohne PCR-Tests niemandem aufgefallen wäre“. Das Gesundheitsministerium schickte Allerberger daraufhin vorzeitig in Pension, er wäre am 31.08.2021 ohnehin regulär von Bernhard Benka abgelöst worden. Da war der Schaden allerdings schon lange angerichtet.

5. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Letztendlich richten Medien zufälligen Fokus auf einzelne Experten. Naja, in Österreich nicht ganz so zufällig. Aus erster Hand weiß ich, dass Journalistinnen und Journalisten häufig unter Zeitdruck stehen und dankbar sind, wenn sich ein Wissenschaftler freiwillig anbietet oder sofort zusagt. Ein Paradebeispiel hierfür ist Veterinärvirologe Nowotny:

Nowotnys Pleiten, Pech und Pannen, Stand 09.01.2023

Wenn Nowotny interviewt wird, tritt meist das Gegenteil von dem ein, was er prophezeit. Trotzdem tourt er durch alle Sender, alle Zeitungen, wird nie auf seine Fehleinschätzungen in der Vergangenheit angesprochen.

Eine weitere, nicht ganz zufällige Auswahl ist die von Experten mit Nähe zu einer Regierungspartei, meistens zur ÖVP.

  • Infektiologe Weiss hat das Land Tirol bzw. den damaligen LH Platter (ÖVP) beraten
  • Infektiologin Apfalter ist Mitglied der Ärztekammer Oberösterreich und war Beraterin von Bildungsminister Faßmann (ÖVP), sie hat u.a. auch ein PCR-Labor, das Gurgeltests anbietet, in einem ORF-REPORT-Interview lehnte sie die Gurgeltests von Mikrobiologe Wagner vehement ab
  • Epidemiologe Gartlehner bekam 2007-2008 von der NÖGUS eine Stiftungsprofessur und wurde im Zuge dessen zum Leiter der Abteilung für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation ernannt. Vorsitzender der NÖGUS war damals Landesrat Sobotka (ÖVP), heute ist es Mikl-Leitner (ÖVP)
  • Epidemiologe Schernhammer war am 8.12.21 bei einer Pressekonferenz neben LH Platter zu sehen. Sie hat vom Wissenschaftsministerium unter Elisabeth Gehrer (ÖVP) und AIT Seibersdorf (NÖ) ein Stipendium erhalten. Sie ist Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Epidemiologie. Ihre Sekretärin ist Reinhild Strauss, die im Gesundheitsministerium (Grüne) die Abteilung für Öffentliche Gesundheit leitet und zwei Jahre in Schweden bei der Abteilung für Infektionskrankheitenkontrolle gearbeitet hat. Sie hat den schwedischen Epidemiologen Anders Tegnell, der das schwedische Modell der Herdenimmunität durch Durchseuchung in die ganze Welt verkauft hat, zu Beginn 2021 zu einer Sitzung der Coronakommission eingeladen.
  • Labormediziner Oswald Wagner trat wiederholt als Berater des Bundeskanzlers (ÖVP) in Erscheinung

All diese Hintergründe weiß die Bevölkerung in der Regel nicht, wenn sie entsprechende Interviews liest oder hört, bzw. die Experten Presseaussendungen ausgeben. Im Sinne der Transparenz ist es dennoch wichtig zu wissen, welche Interessenskonflikte eine bestimmte Richtung der Aussagen beeinflussen können. Wer profitiert vor allem kurzfristig vom raschen Abbau aller Schutzmaßnahmen und dem schnellstmöglich erklärten Ende der Pandemie? Die Wirtschaft profitiert, der Tourismus und alle Politiker, die sich mit Einführung, Beibehaltung und Verschärfung von Schutzmaßnahmen unbeliebt gemacht haben. Kurzfristig wohlgemerkt, denn jetzt bekommen wir die Quittung für die vorzeitige Aufhebung durch anhaltend hohe Krankheitswellen, Personalknappheit in allen Branchen, vor allem aber in der kritischen Infrastruktur: Gesundheitswesen, Bildung, Verkehr.

Die große Mehrheit der Wissenschaftler, z.b. der Virologen, traut sich ja gar nicht in die Öffentlichkeit, sind gar nicht sichtbar. Dadurch haben einzelne Experten sehr viel Einfluss.

Wissenschaft beruht nicht auf Vertrauen, sondern auf Hinterfragen, Kontrolle und Überprüfung. Das macht Wissenschaft so verlässlich.

Solange in der Wissenschaftskommunikation nicht dieselben Standards an Sachlichkeit und Verlässlichkeit gelten wie in der Wissenschaft selbst, bringen mehr Wissenschaftler in den Medien nicht mehr Aufklärung, sondern mehr Verwirrung. Die Herausforderung ist, wie die Qualitätskontrolle sinnvoll geregelt werden kann.

6. Kompetenzüberschreitung

Leider fühlen sich viele interviewte Naturwissenschaftler auch berufen, sich zu wirtschaftlichen oder soziologischen Themen zu äußern und der Politik oder den Emotionen in der Bevölkerung nach dem Mund zu reden. Die Kompetenzüberschreitung (“epistemic trespassing”) artet dann durchaus ins Peinliche aus, statt auf Kollegen zu verweisen, die sich besser auskennen.

Epidemiologin Daniela Schmid, heutige Leiterin der neu gegründeten Infektionsepidemiologie:

“Im Monat zwölf der Pandemie ein ganzes Bundesland abzuschotten und den Lockdown zu behalten, ist ja Gefängnis pur” (16.02.21, FALTER)

Virologin Christina Nicolodi:

“Aus virologischer Sicht wäre gut, wenn der Lockdown jetzt kommt und länger dauert. Man muss aber auch die anderen Faktoren sehen. Viele haben ihre Ostereinkäufe noch nicht erledigt, der Handel war nicht vorbereitet“ (25.03.21, „Wien heute“)

Infektiologe Weiss:

 “Ich möchte mich dezidiert gegen Schulschließungen aussprechen,weil sich gezeigt hat, dass die Schulen eigentlich nichts zum Infektionsgeschehen beitragen.“ (12.11.20, Zib2)

Infektiologe Allerberger:

„Die serbischen Regalschlichterinnen, die im Sozialraum gemeinsam schlecht durchlüftet ganz hinten, kleiner Raum, das Mittagessen einnehmen, stecken sich natürlich untereinander an, weil sie sich unterhalten in der Muttersprache.“ (22.09.20, Primärversorgungskongress Graz)

Epidemiologe Gartlehner:

„Wenn das Ziel ist, die Zahlen möglichst rasch nach unten zu bringen, um die Wintersaison zu retten, ich glaube, dann führt bei einigen Bundesländern wahrscheinlich kein Weg mehr an einem Lockdown vorbei.“ (04.11.21, ZiB2)

Veterinärvirologe Nowotny:

„Ich wäre für einen kurzen, harten und kontrollierten Lockdown. Das würde die Zahlen sicher runter bringen, nicht weil ich einen Lockdown will, niemand will das, aber das wäre die einzige Möglichkeit um die Wintersaison mit Christkindlmärkten zu retten.“ (06.11.21, Puls24)

Virologin Redlberger-Fritz:

“Aus rein virologischer Sicht ist der Lockdown letztlich die effizienteste Maßnahme, sehr rasch eine Welle zu brechen. Dass da jetzt die Bevölkerung nicht mehr mitspielt nach zwei Jahren, ist vollkommen klar.“ (0711.21, ZiB2 – “das trägt die Bevölkerung nicht mehr mit”, war das Totschlagargument im Umfeld ab Welle zwei)

noe.ORF.at: Welche Haltung vertreten Sie? Sind Sie derjenige, der sagt, dass es
in absehbarer Zeit wieder einen Lockdown braucht?
(03.01.22)

Popper: Nein, um Gottes Willen.

7. Erfüllen Experten die Vorgaben der Regierung oder umgekehrt?

Am 3. Jänner 2022 formulierte Gerry Foitik vom Roten Kreuz, Mitglied im Krisenstab GECKO, folgenden Tweet:

“In meiner Welt formuliert die Politik Ziele und ExpertInnen erarbeiten Strategien zur Zielerreichung. Wenn ExpertInnen auch die Ziele definierten, dann lebten wir in einer Expertokratie und in keiner Demokratie. GECKO hat niemand gewählt.”

Doch was ist, wenn die die Politik die falschen Ziele formuliert?

Der damalige Gesundheitsminister Anschober:

Heute haben wir einmal den Grundkonsens geschaffen, dass unser Hauptblickpunkt und unser Entscheidungskriterium die Situation auf den Intensivstationen ist.“ (22.03.21, zib2)

Genau das war der Auftrag an die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) im Sommer 2021: Sie solten berechnen, wie viele Neuinfektionen pro Tag tolerierbar wären, bis Intensivstationen überlastet würden. Dass jüngere Menschen seltener schwere Akutverläufe haben, wurde berücksichtigt, Long COVID natürlich nicht. Die Berechnung ergab eine relativ große Spannweite von 3000 bis 10000 Neuinfektionen pro Tag. Eine der perfidesten Aktionen fand im September 2021 statt: Man änderte den Stufenplan in den Schulen und koppelte Maßnahmen wie Maskenpflicht im Unterricht an die Intensivbettenauslastung. Auf diesem Wege konnte man die Bevölkerung über die schulpflichtigen Kinder effektiv durchseuchen bis zur magischen Grenze von 10000 Neuinfektionen pro Tag. Man hatte sich erhofft, dass die Immunität durch Infektion gemeinsam mit der Immunität der Impfwilligen die Herdenimmunität rascher erreichen lassen würde. Vielleicht war es der Regierung aber auch schlicht egal, ob das reichen würde oder nicht, letztendlich ging es immer nur um die Wirtschaft.

Ab welcher Anzahl von Intensivpatienten spricht man überhaupt von Überlastung?

Dies hing weniger von der Anzahl der verfügbaren Betten (Möbel) ab, als vom Pflegepersonal, das den Patienten betreuen konnte. In der öffentlichen Kommunikation sprach man aber immer davon, dass die Intensivstationen geschützt werden müssten, dass die Kapazitäten nicht überlastet werden dürfen. Es wurde nie vom Personal selbst gesprochen, von den Menschen, die hinter jedem betreuten Patienten stehen, geschweige denn von den Patienten selbst, denn jeder schwerkranke Intensivpatient bedeutet ein individuelles Schicksal. Rund die Hälfte, zeitweise auch darüber, verließ die Intensivstation nicht mehr lebend. Viele werden nach längerem Intensivaufenthalt nicht mehr gesund. Ab 10% Covid-Anteil mussten jedenfalls Operationen verschoben werden, ab 33% sah man die kritische Grenze für harte Triage erreicht.

Österreich ist daher von Beginn an den schwedischen Weg gegangen:

Es gibt nie zusätzliche Intensivbetten, anders als von der AGES behauptet

Peinlich genau wurde deshalb darauf geachtet, dass auf den Intensivstationen stets genügend freie Betten zur Verfügung standen. Solange dies gegeben war, konnten Behörden und Regierung beschwichtigen und Kritik am schwedischen Sonderweg zurückweisen. (FOCUS, 11.10.20)

Citizen Data-Journalist Alex Brosch, Gründungsmitglied der Initiative Gesundes Österreich (IGÖ), fand heraus, dass die Zahl der fiktivenfreien Betten immer gleich blieb – das weiße Band zwischen belegten COVID-Betten (dunkelblau) und belegten Nicht-COVID-Betten (hellblau).

Die freien Betten waren Betten, die nie belegt werden konnten, weil kein Personal für sie vorhanden war. Wenn zusätzliche Betten geschaffen wurden, ging das immer zulasten der Regelversorgung: Verschobene Operationen, geschlossene Stationen.

Vor allem in der OMICRON-Welle 2022 war die Belastung der Intensivstationen nicht mehr das Kriterium, sondern der Personalausfall rückte zunehmend in den Vordergrund. Das Problem ging man aber nicht damit an, die Infektionswelle zu dämpfen, sondern man ließ positiv getestetes Personal arbeiten und änderte im Herbst 2022 die Zählweise: Post-Covid-Patienten, also Patienten, die wegen Covid19 spitalspflichtig wurden, aber inzwischen negativ getestet wurden, zählten nicht nicht mehr als Covid-Patienten, selbst wenn sie weiterhin im Spital lagen. Der dritte Trumpf, der gezogen wurde, war ein Entgegenkommen für Pandemieverharmloser: Mit OMICRON stieg der Anteil der Patienten, die aus einem anderen Anlassfall als Covid ins Spital kamen, aber dort zufällig positiv getestet wurden. Covid19 kann allerdings bestehende Grunderkrankungen (weswegen man das Spital aufgesucht hat) verschlechtern und selbst bei asymptomatischen Verläufen das Risiko bei Traumapatienten erhöhen. Und natürlich besteht, zufällig oder nicht, bei jedem Covid-Patienten die Gefahr, dass sich später LongCOVID entwickelt.

Der Variantenmanagementplan der Regierung hat die Untätigkeit in Beton gegossen und nebenbei noch ein paar Torpfosten verschoben. Wer definiert, was gefährlichere Varianten sind? Wann sind Spitäler wirklich überlastet, wenn man ständig an den Schrauben dreht, die die Belastung strecken und verdünnen – jedenfalls am Blatt Papier?

Zu einer Wiedereinführung der Maskenpflicht werde es erst kommen, “wenn die Situation in den Krankenhäusern “eskaliert, bedrohlich wird, ein Notstand eintritt“, sagte Gesundheitsminister Rauch im ZiB2-Interview am 5. Oktober 2022.

“Der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit macht krank. Kapazitäten werden aufrechterhalten, während das Personal an allen Ecken verheizt wird. Gleichzeitig wird die Situation verschwiegen. Wer sich an die Öffentlichkeit wendet, muss mit Repressionen rechnen. Wer gerechtfertigte Gefährdungsanzeigen schreibt, ist ein Nestbeschmutzer und wird mit Bürokratie eingedeckt. Die Gewerkschaft tut nichts. […]

Ich kann nur warnen: Eine adäquate Versorgung ist aktuell auch im Notfall nicht gewährleistet. Wir befinden uns nicht kurz vor dem Kollaps, wir sind bereits kollabiert. Vor allem altersschwache Patienten und jene, die eine intensivmedizinische Behandlung brauchen, können nicht ausreichend versorgt werden.”

aus “Patienten, die auf dem Gang liegen. Ärztinnen, die immer öfter Triagen durchführen. Und Pflegekräfte, die Antidepressiva schlucken. Das System Krankenhaus steht vor dem Kollaps” (08.01.23)

Der Notstand ist schon lange eingetreten. Früher haben wir bei einem vergleichbaren Notstand Ausgangsbeschränkungen verhängt, Großveranstaltungen abgesagt und die Nachtclubs geschlossen. Kinder haben im Unterricht Maske getragen, die Maskenpflicht galt im gesamten öffentlichen Verkehr und im Handel. Heute tun wir nichts und schieben die verheerenden Folgen der langen Untätigkeit wie Personalmangel auf die Babyboomer-Pensionierungswelle und gescheiterte Strukturreformen, sowie schwere Krankheitswellen auf Masken und Lockdowns. Wie können Experten ernsthaft dahinterstehen und die gescheiterte Politik immer noch verteidigen?

7. Nestbeschmutzer und Obrigkeitshörigkeit

Ich hab die meisten Experten, die ich kritisiere, tatsächlich schon kontaktiert, ein E-Mail geschrieben. Gewöhnlich geh ich dort vor wie hier am Blog. Ich untermauere meine Argumente mit Fachliteratur. So tat ich das auch, als ich im Frühling die Chefin der Epidemiologie der größten medizinischen Universität des Landes anschrieb, nachdem sie in der ZiB2 die Abschaffung der Maskenpflicht befürwortet hatte. Ihre Reaktion auf meine ausführliche Sachkritik fiel knapp aus:

“Vielen Dank, dass Sie das Leben in unserem schönen Land Österreich so wertschätzen.”

Daher wehte der Wind also. Ich war ein Nestbeschmutzer, weil ich den Regierungskurs und ihre Expertise dazu kritisch hinterfragte. Der Vorwurf traf mich doppelt. Denn würde ich das Leben hier nicht wertschätzen, wäre ich schon lange gegangen. Gerade der Umstand, dass ich mich so intensiv mit der Pandemie und der Fachliteratur auseinandersetzte stand doch eher dafür, dass ich das Leben hier so wertschätze, dass ich alles dafür tun würde, damit ich hier bleiben kann und will? Ich möchte aber nicht nur mein Leben schätzen und schützen, sondern gerne in einem Umfeld leben, das eine Zukunft hat und Gesundheit ist die Voraussetzung, um sein Leben genießen zu können. Eine Public-Health-Medizinerin musste das doch verstehen. Dachte ich.

In anderen Ländern nennt man sie Whistleblower, in Österreich sagt man Nestbeschmutzer. Missstände freilegen, Kritik üben, bestehende Systeme und Traditionen, verkrustete Strukturen hinterfragen, das gefährdet über lange Zeit gewachsene Machtzirkel, den Kreislauf des “das haben wir schon immer so gemacht”, in dem nicht nur Kompetenz entscheidet, sondern auch die Parteinähe und vor allem die bedingungslose Loyalität über Jahrzehnte. Man scheißt nicht den an, der einem die Stange hält. Das mag ja manchmal verlockend sein und Vorteile haben, aber hier geht es um die Gesundheit von knapp neun Millionen Mitbürgern – nun, nach drei Jahren Pandemie über 20000 weniger. Wenn eklatante Fehlentscheidungen passieren wie 2022, als Isolationspflicht, Maskenpflicht aufgehoben wurden, das Testangebot zurückgefahren, die Impfpflicht ausgesetzt, und Notstände in den Spitälern ignoriert werden, dann MUSS das transparent kommuniziert und kritisiert werden können. Punkt.

Vor ein paar Wochen hat Virologe Krammer erhellende Ausschnitte aus einer Broschüre (Austria – A Soldier’s Guide) getwittert, die britischen und amerikanischen Soldaten zur Verfügung gestellt wurde, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Österreich gingen, u.a.:

“In England ist alles erlaubt, was nicht verboten ist. In Deutschland ist alles verboten, was nicht erlaubt ist. In Österreich ist alles erlaubt, egal ob es verboten ist oder nicht.”

Österreicher verhalten sich äußerst obrigkeitshörig, wenn es dadurch bequem wird, aber gehen sehr locker damit um, wenn etwas nur empfohlen wird. Eigenverantwortung wird mit Nichtstun gleichgesetzt, aber wenn eine Maskenpflicht erst ab Stadtgrenze gilt, dann wird die Maske ab Stadtgrenze abgenommen, wenn man stadtauswärts unterwegs ist, obwohl man sich im gleichen Transportmittel befindet und die gleiche Luft einatmet wie vor und nach der Stadtgrenze. Nicht mehr tun als unbedingt nötig, scheint das Motto. Das Virus verbreitet sich nur im Stehen, deswegen durfte man im Sitzen die Maske immer abnehmen. Die Vortragende nahmen bei Pressekonferenzen die Maske immer ab, während die daneben standen, die Maske trugen. Schlechte Vorbildwirkung. Auch der Bundespräsident setzte übrigens seine Maske ab Stadtgrenze ab, als er von der Presse begleitet mit dem Railjet nach Graz fuhr. Ganz schlechte Vorbildwirkung.

Der Bevölkerung wurde jetzt drei Jahre lang eingeredet, wie furchtbar und entsetzlich Masken sind, dass man sie zur Strafe tragen muss, wenn man sich nicht testen oder impfen lassen wollte, dass man sich damit als Infizierter outet, dass die Maskenpflicht nicht einmal als ultima ratio beim Kollaps des Gesundheitssystems eingeführt wird, obwohl man damit auch die gleichzeitige Influenza- und RSV-Welle und andere Erregerwellen hätte abflachen können. Dann würde jetzt auch kein Mangel an Antibiotika, Fiebermittel und anderer Medikamente herrschen.

Es ist auf der anderen Seite absurd, dass die Bevölkerung viele absurde Regeln befolgt hat, aber wenn es um elementare Schutzmaßnahmen ging, kam immer das Totschlagargument “Das trägt die Bevölkerung nicht mehr mit.” Sie muss es ja nicht mittragen aus Liebe, sondern einfach befolgen. So wie man einen Helm aufsetzt als Motorradfahrer oder einen Gurt trägt im Auto.

JournalistInnen stellen Interviewfragen so, dass sie der geglaubten Mehrheitsmeinung entspricht (“Sollten Eltern noch vor der Impfzulassung vielleicht sogar gesunde Kinder impfen lassen?”) – mit der Suggestivfrage versucht der Fragesteller unterschwellig Einfluss auf sein Gegenüber und seine Antwort zu nehmen (statt: “Sollen Eltern noch vor der Impfzulassung Kinder impfen lassen?”)

8. PLURV: Desinformationskampagnen

Man kann zu Virologe Drosten stehen, wie man will. Er mag sich im Laufe der Pandemie ein paar Mal aus dem Fenster gelehnt haben mit Pandemieende, Schleimhautimmunität, aber hat sonst solide Aufklärungsarbeit in seinem Spezialgebiet geleistet über viele Monate im ersten Pandemiejahr und auch danach. In NDR-Podcastfolge Nr. 82 ging er ausführlich auf PLURV ein – keiner der unseriösen Experten in Österreich hat das je gemacht. Der kleinste gemeinsame Nenner der meisten Experten in Österreich ist die Impfung. Allerdings fahren die unseriösen Experten seit Zulassung der Impfung eine vaccine-only-Strategie, während seriöse Experten früh erkannt haben, dass uns nur eine vaccine-plus-Strategie langfristig mit Schadensminimierung aus der Pandemie führen wird. Dabei wussten wir schon früh, dass konsequentere Maßnahmen langfristig bessere wirtschaftliche Erholung bedeuten.

PLURV kommt eigentlich aus der Klimawissenschaft in Zusammenhang mit Leugnern der menschengemachten Erderwärmung.

Beispiele für PLURV würden jetzt den ohnehin zu lang gewordenen Blogtext sprengen, in meiner Zitatsammlung finden sich etliche Beispiele. Das wäre eine schöne Bachelorarbeit für angehende Kommunikationswissenschaftler.

9. Repressionen

Der obige Kommentar eines anonymen Spitalsarztes aus dem STANDARD vom 08.01.23 sagte neben Nestbeschmutzer auch etwas von Repressionen, wenn man Missstände anprangert. Repressionen können aber auch durch die lautstarke Minderheit radikaler Impfgegner und Covidverharmloser drohen, die meist mit ideologisch rechts stehenden Gruppierungen verbündet sind bzw. unterstützt werden. So gibt es immer wieder Versuche, Impfbefürworter oder Impfärzte zu klagen, meistens handelt es sich um SLAPP-Klagen, wogegen die EU-Kommission bereits einen Richtlinienentwurf entwickelt hat. Die Chancen, ein solches Verfahren zu gewinnen, steht für die Beklagten dank der hohen Publicity gut und würde mit einem Desaster für die SLAPPER enden. Dennoch führen ständige Beschimpfungen, Drohungen, tätliche Angriffe bei manchen ExpertInnen zur Zurückhaltung, sie äußern sich dann gar nicht mehr öffentlich. Andere offenbaren einen unerklärlichen Sinneswandel.

Schweigespirale von Noelle-Neumann: Bei kontroversen Themen neigen Menschen dazu, ihre eigene Meinung zu verschweigen, wenn sie denken, dass sie sich mit ihrer Meinung dem Isolationsdruck anderer aussetzen würden. Wer öffentliche Unterstützung spürt, neigt hingegen dazu, seine Meinung laut und deutlich zu äußern. Eine Minderheit kann so als Mehrheit erscheinen

Ich kann nur an alle Expertinnen und Experten appellieren, die im Herzen weiterhin für Schutzmaßnahmen einstehen, nicht in Interviews das Gegenteil zu sagen, nur weil sie damit eine populäre Meinung vertreten und nicht “gelyncht” werden. Ihr habt mehr Unterstützer als es das Major Consensus Narrative vermuten lässt. Auch die große Zahl an Menschen, die sich weiter schützen muss, die neuen Vulnerablen – all jene mit LongCOVID/MECFS und deren pflegenden Angehörigen, und die Kinder, die in der Pandemie nie gefragt werden, wie sie darüber denken (oft sehr kluges, je jünger sie sind) – braucht ab und zu mal ein Zeichen des Respekts und Wertschätzung, um Kraft und Hoffnung zu bewahren, weitermachen zu können in diesen schwierigen Zeiten.

“Denkt an Ignaz Semmelweis. Dieser Mann entdeckte, dass dreckige Hände von Ärzten und Pflegern bei Patienten Fieber und Tod verursachten. Das Ergebnis dieser Entdeckung war allerdings nicht die flächendeckende Umsetzung der Handhygiene, sondern er wurde gemieden, verlor seine Arbeit und wurde schließlich institutionalisiert. Es dauerte rund 50 Jahre, bevor der lebensrettende Wert von Hände waschen vollständig im Gesundheitswesen anerkannt wurde. 50 Jahre. Es stellte sich heraus, dass sich die Ärzte nicht für die Idee erwärmen konnten, dass ihre eigenen Hände unhygienisch und die Quelle für Krankheit und Tod für einige ihrer Patienten waren. Trotz der Beweislage war die Verleugnung zügellos und stark. Der Mehrheitskonsens war, dass Semmelweis ein Spinner war.

Der Widerstand zu dieser Idee, dass die Luft, die wir ausatmen, während für Patienten pflegen, unhygienisch und eine Quelle für Krankheit und Tod für Einzelne sein kann, fühlt sich genau gleich für mich an. Trotz der Beweislage ist das Leugnen stark. Viele bevorzugen es, sich am status quo vor der Pandemie festzuklammern. Doch dieser status quo war, als wir es nicht besser wussten, und als wir nicht so ein virulentes, gefährliches, neues über die Luft übertragenes Pathogen im permanten Umlauf hatten. Nun, da wir es besser wissen, sollten wir auch besser damit umgehen. Wenn die Luft, die wir atmen, unhygienisch und krankmachend sein kann und wir wissen, dass es eine einfache, wirksame Lösung dafür gibt, indem wir sie durch eine Maske filtern, dann scheint es logisch, dass das unser neuer Standard im Gesundheitswesen wird. Dauerhaft. Doch mit der Erfahrung von Semmelweis erwarte ich, dass dieser Vorschlag eine Menge Ablehnung erfahren wird, und dass es sehr lange Zeit dauern wird, bis das medizinische Umfeld akzeptiert, dass der alte status quo Vergangenheit ist und Masken im Gesundheitswesen die neue Normalität sind. Ich hoffe nur, es dauert nicht weitere 50 Jahre.” (frei übersetzt nach Dr. Lisa Iannattone, Dermatologin, Montreal)

10. Street Credibility – Thinking outside of the box

Wie schon mehrfach an anderer Stelle erwähnt, bin ich kein Experte für die Pandemie. Ich werde mir bei den Personen, von denen ich mir erhofft hätte, dass sie meine Beiträge ab und zu lesen, nie die notwendige Glaubwürdigkeit erarbeiten können. Ein Diplom-Meteorologe ist wohl der falsche Ansprechpartner für virologische, epidemiologische oder medizinische Themen in der Pandemie. Aber das war ja gar nie mein Anspruch. Ich sammel hier die Expertisen, auf die ich seit drei Jahren verweise, wenn entsprechende Fragen kommen. Ich delegiere also die meiste Zeit. Und ob das Zitat von Drosten nun in einer Zeitung steht oder auch auf meinem Blog, sollte für die Bewertung des Zitats keine Rolle spielen. Die Primärliteratur ist für jeden zugänglich, ohne dass ich meinen Senf dazugeben muss. Mein Blog ist ein wandelndes Lexikon, ein Archiv der Pandemie, wo man unzählige Exemplare wissenschaftlicher Literatur findet.

Der Umstand, dass ich mich nicht auf meine eigenen Fachgebiete beschränke, liegt an meinem “Thinking outside of the box”-Denken, was typisch für Menschen im autistischen Spektrum ist. Während Epistemic Trespasser im Brustton der Überzeugung ohne Querverweise auf nachzuprüfende Literatur am laufenden Band Behauptungen aufstellen, wildere ich in fremden Fachgebieten, aber zitiere auch ständig Quellen und korrigiere oder kommentiere nachträglich fehlerhafte oder umstrittene Beiträge. Transparenz ist wichtig.

Ich sehe meine Rolle als Bürgerjournalist, nicht als Experte für Themen, für die man eine fundierte Ausbildung braucht.

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