Tag 191: Das brav sitzende Virus

Infektionszahlen in Österreich nach Altersgruppen vom 04. Mai bis heute,
Quelle: http://just-the-covid-facts.neuwirth.priv.at/2020/09/17/covid-19-oesterreich-aktuelle-daten/

Die aktuellen Zahlen sprechen Bände. Das Virus wächst in die Breite, erfasst sowohl Kinder und Jugendliche (Schulen) als auch erneut ältere Menschen und damit die Risikogruppe. Die Zahl der positiven Tests ist aktuell doppelt so hoch wie zum Zeitpunkt des Lockdowns. Die ausbleibende Reaktion in Form eines erneuten Lockdowns könnte man im optimistischen Fall damit rechtfertigen, dass wir seit Mitte März deutlich klüger geworden sind und die Fehler vom Beginn nicht wiederholen. Wir könnten damit argumentieren, dass wir die vergangenen Monate gelernt haben, wo Cluster mit vielen Infektionen bevorzugt entstehen und wie wir diese Situationen erfolgreich vermeiden. Leider ist das genaue Gegenteil der Fall, denn die Zahlen steigen bei uns deswegen so stark an, weil genau jene Indoor-Situationen mit vielen Neuinfektionen gehäuft auftreten, die wir im März schon hatten: Bars, Discos, Restaurants, private Partys, Kirche, Theater, Hochzeiten.

„Es scheint der Menschennatur verhängt zu sein, durch Erfahrung dümmer und erst durch deren Wiederholung klüger zu werden, und besonders die Intelligenz muss viel mitmachen, bevor sie zu der Einsicht gelangt, dass eine Freiheit, die ihre Vernichtung herbeiführen würde, nur durch Hemmung zu retten ist.“

Karl Kraus: “Die Fackel”, Juli 1934, 890-905, 177

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Tag 188: Leserbrief an den FALTER

Sehr geehrte FALTER-Redakteure,

in der Ausgabe vom 09. September wurden 10 Fragen zu Corona gestellt. Mein Leserkommentar bezieht sich auf den Text zur Tröpfcheninfektion:

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Laut Aussage der FALTER-Autoren führen Virologen (welche?) die meisten Corona-Infektionen auf Tröpfchen zurück. Das entspricht jedoch nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Bereits Anfang Juli haben 239 Experten an die WHO appelliert, die Virusverbreitung über Aerosole endlich anzuerkennen. Nur so können die zahlreichen Massenübertragungsereignisse erklärt werden, die deutlich über ein bis zwei Meter Distanz hinausgehen. Ein bekanntes Beispiel in Österreich: Mitte Juni infizierte sich ein Arzt beim berüchtigten Rotary-Clubabend in einem Salzburger Lokal nachweislich, obwohl er nach eigener Aussage zehn Meter von zwei infizierten Personen entfernt stand. Mit der Bedingung von mindestens 15 Minuten und engem Kontakt hätten die wenigen infizierten Mitarbeiter der Bar in Ischgl viele Stunden benötigt, um derart viele Infektionen hervorzurufen. In der aktuellen Containment-Strategie der Behörden werden Kontaktpersonen selbst dann in ein hohes Infektionsrisiko eingestuft, wenn sie in geschlossenen Räumen die Mindestabstände einhalten. In der gleichen Ausgabe erwähnen Sie übrigens auch die geplanten Lüftungskonzepte für den Herbst. Bei Tröpfchen, die nach kurzer Zeit und Distanz zu Boden fallen, spielt Lüften aber keine wesentliche Rolle – Lüften ist eine präventive Maßnahme, um infektiöse Aerosolpartikel, die viele Minuten oder sogar Stunden in der Luft schweben können, rasch zu verdünnen. Das erklärt auch die geringe Wirksamkeit von Gesichts- oder Halbvisieren gegenüber Masken, was ebenfalls durch Studien belegt wurde. Es ist höchste Zeit, auch im Hinblick auf die rasant steigenden Fallzahlen, Aerosole als wichtigen Übertragungsweg endlich einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Von einer seriösen Wochenzeitung wie dem FALTER würde ich mir schon mehr journalistische Sorgfalt in der Recherche von wissenschaftlichen Erkenntnissen erwarten, die bereits seit Anfang Juli in den weltweiten Medien zirkulieren.

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Tag 180: Der Herbst wird das Fürchten lehren

Mein Problem mit der Corona-Ampel skizziert

In ganz Europa wird es nicht leicht werden, aber in Österreich klaffen Anspruch und Realität weit auseinander. Das gestrige zib2-Interview von Armin Wolf mit Bildungsminister Heinz Faßmann zeigte anschaulich das Dilemma. Ein realitätsferner Minister, der ernsthaft davon ausgeht, dass jeder Arbeitgeber in Österreich Verständnis dafür haben werde, wenn die Eltern wegen erkrankter oder in Quarantäne befindlicher Kinder zuhause bleiben müssen. Die Aussagen der führenden Experten in Österreich widersprechen sich. In meiner Corona-Übersicht habe ich alle mir bis dahin bekannten Experten aufgelistet, die sich bisher öffentlich geäußert haben.

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Unnötig

WordPress hat leider seinen grauslichen Blockeditor zur Default-Einstellung gemacht und ich komm damit überhaupt nicht klar. Alles ist total unübersichtlich und Inhalte gingen auch schon verloren. Im Firefox lädt der Editor überhaupt nicht, speichern geht auch nicht, blablaquakquak, ich bin der Anwendertyp, brauche eine niederschwellige Benutzeroberfläche, ich will keine neue Programmiersprache lernen müssen. Wenn ich das könnte, würde der Blog professioneller aufgezogen werden. Aber ich will es nicht können, ich hab dafür nicht die Zeit und vor allem keine Geduld. Mit Gewalt erzwingen geht nicht. Mich macht das rasend, wenn von einem Tag auf den anderen umgestellt wird ohne vernünftige Alternative. Ich hab für so einen Mist wirklich keine Ressourcen.

Für heute fehlt mir die jetzt die Lust.

Tag 170: NHS, CDC, WHO, AGES – unglückliche Kommunikation

Die SARS-CoV-2-Pandemie zeichnet sich auch durch eine unglückliche Rolle der führenden Gesundheitsbehörden in den Staaten und der WHO aus. Ich kann mich an eine Folge von John Campbells Podcast über das Virus erinnern, wo er kein gutes Haar am britischen NHS lässt. Das US-amerikanische CDC ließ vor kurzem neue Test-Richtlinien verlautbaren, die sehr umstritten sind. Die österreichische AGES schreibt in ihrer Corona-FAQ, die u.a. auch auf der Seite der Ärztekammer verlinkt war und an Betriebe verteilt wurde, kein Wort zu Aerosolen und dass Abstände in Innenräumen eben nicht ausreichen, um sich vor der Ansteckung zu schützen. Die WHO weigerte sich monatelang, die Wirksamkeit von Masken anzuerkennen, was ein gefundenes Fressen für Kritiker dieser Maßnahmen war.

Als Laie maße ich mir nicht an, vermeintliche fachliche Defizite zu kritisieren, sondern die oft widersprüchliche Kommunikation, die Verwirrung und zunehmende Skepsis in der Bevölkerung hervorruft und letztlich dazu führt, dass die Maßnahmen nur widerwillig eingehaltet werden und bei der kleinsten Lockerung sofort alle Vorsicht über Bord geworfen wird. Continue reading

Tag 165: Am Berg gibts kein Corona

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Wanderurlaub in den Rottenmanner Tauern

Eine Woche Urlaub Mitte August, während die Zahl der positiven Covid-Tests wieder stark ansteigt. Ursprünglich – vor Corona – wollte ich ins Ausland, dachte an Italien, Schweiz oder Slowenien. Dann überlegte ich eine Woche an den Grünen See bei Tragöß im südlichen Hochschwab. Doch dank der massiven Steiermarkwerbung war das favorisierte Hotel schon ausgebucht und angesichts Berichte über extremen Tagestourismus befürchtete ich dasselbe für die anderen Unterkünfte. In diesem Sommer hatte ich schon mehrmals – auch unter der Woche – erlebt, wie sonst selten frequentierte Bergregionen wesentlich mehr Trubel erlebten als sonst. Ohne Auto bin ich auf öffentlich gut erreichbare Ziele angewiesen. Das schränkt schon ziemlich ein, speziell, weil einsame Regionen – no na – schlechter ans öffentliche Netz angebunden sind. Dann machte auch das unbeständige Sommerwetter einen Strich durch die Rechnung, so blieben nur zwei stabile Bergtage übrig. Seit Anfang Februar hatte ich bis dahin erst eine Nacht auswärts verbracht (im Freinerhof im Oberen Mürztal Ende Juni). Meine Wahl fiel schließlich auf eine Berghütte in den Rottenmanner Tauern – die unglücklicherweise über eine Mautstraße erreichbar ist, aber in der Eile tat ich mir schwer, ein anderes Ziel zu finden.

Ich blogge schon seit Mitte März sehr regelmäßig über das Virus und kenne daher die Risiken. Zwei Tage Hüttenübernachtungen waren natürlich ein Risiko. Lager kam für mich nicht in Frage, das reduzierte die Auswahl auf öffentlich erreichbare Hütten mit Zimmer. Am meisten fürchtete ich mich vor längerem Aufenthalt in geschlossenen Räumen, also beim Abendessen und Frühstück – auch deshalb wartete ich lange ab, bis sich die Wettervorhersage als absolut stabil herausstellte. Im Folgenden mein – leider sehr ernüchternder – Bericht über drei Tage am Berg: Continue reading

Tag 159: Der unsichtbare Gast

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Quelle: SACK Cartoon

Seit dem Lockdown in Österreich sind nun fünf Monate vergangen. Die Grundlagen stehen längst fest: Wir wissen, wie das Virus verbreitet wird und wie man sich davor schützen kann. Wir wissen mit ein wenig Verzögerung über mögliche Spätfolgen Bescheid und dass Immunität großteils auch bei mildem Verlauf gegeben ist. Genauso absehbar ist, dass wir vorsichtig bleiben müssen, bis ein signifikanter Anteil der mobilen Weltbevölkerung gegen das Virus geimpft wurde. Am Beispiel Neuseeland (Stand, 17.08.) sieht man derzeit eindrucksvoll, dass es nicht ausreicht, monatelang vorbildlich zu handeln und dann die Vorsicht schleifen zu lassen. Solange das Virus weltweit zirkuliert, kann es jederzeit zurückkommen. Die Auszeichnung “coronafreies Land” ist nicht für die Ewigkeit in Stein gemeißelt. Um ehrlich zu sein: Die Krisenpolitik hierzulande ist unerträglich. Die schwerste Krise der Welt in hundert Jahren ist der falsche Anlass, um auf dem Rücken der Bevölkerung populistische Lobbypolitik zu betreiben. Ich verstehe aber auch große Teile der Bevölkerung nicht, die extrem obrigkeitshörig agiert und anscheinend unfähig ist, selbst zu denken. Continue reading

Tag 153: Das Jahr ohne Urlaub

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Urlaub für mich heuer nur über Tagesausflüge

Viele Diskussionen drehen sich im Kreis. Da geht es ewig lang um den Babyelefant, also den Mindestabstand von einem Meter. Das wird so wenig verstanden wie das Mindesthaltbarkeitsdatum auf Lebensmitteln. Einen Tag später werden viele Lebensmittel bereits weggeworfen. In Österreich wird so viel über den Meter Abstand debattiert, dass der sachliche Hintergrund ignoriert wird. Dazu ein exemplarischer Fall, wie “Vorschrift ist Vorschrift” den Hausverstand aussetzt:

Die Familie erfuhr, dass ihre Tischnachbarin im Hotelrestaurant Corona-positiv getestet wurde. Das Management in dem Hotel teilt den Gästen als Corona-Maßnahme für deren Aufenthalt einen fixen Tisch zu. Die Tische wurden mit einem Meter Abstand zueinander angeordnet. Dieser Mindestabstand wird vom Tourismusressort und der Wirtschaftskammer empfohlen. Holz-Babyelefanten auf der Anlage erinnern zusätzlich daran.

Die Familie wurde zu ihrer Verwunderung von der Bezirkshauptmannschaft als Kontaktpersonen mit hohem Infektionsrisiko eingestuft.

Da passieren so viele Denkfehler. Der erste Denkfehler überhaupt ist, dass ein Meter Abstand bereits ausreicht. In vielen Ländern sind es zwei Meter (“six feet”). Der zweite Denkfehler ist, zu glauben, das Virus werde nur über Tröpfcheninfektion übertragen, also große, sichtbare Spucketröpfchen, die bei feuchter Aussprache oder Husten entstehen. Außerdem reicht ein einziger Nieser, dass die Tröpfchen quer über den ganzen Raum transportiert werden. Der dritte Denkfehler ist das völlige Ignorieren des Unterschieds zwischen Aufenthalt im Freien und in geschlossenen Räumen. Ich dachte, das hat man gründlich und ausführlich genug beschrieben, besprochen, angemahnt. Continue reading

Tag 145: Was an Informationen fehlt …

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Bewegung im Freien – die beste Prävention

Nehmen wir für einen Augenblick an, Österreichs Regierung hätte nicht mit Angst vor 100 000 Toten gearbeitet, sondern hätte eine Chefvirologin, Chefepidemologin oder mehrere Chefvirologinnen ernannt, die bei jeder Pressekonferenz dabei sind und den Sinn der einzelnen Maßnahmen erklären. Die Bevölkerung wäre kontinuierlich und umfassend über die Gefahr des Virus, die Übertragungswege und die Schutzmaßnahmen aufgeklärt worden. Dies wäre überdies mit der Ansprache an die “lieben Bürgerinnen und Bürger von Österreich” geschehen und Gesundheitspersonal sowie Sozialarbeiter wäre in Orte oder Grätzel mit hohem Anteil nichtdeutscher Muttersprache gegangen, um Infoblätter in diversen Sprachen auszuteilen. Ich weiß nicht, ob wir in so einem Szenario so ein hohes Wurschtigkeitslevel wie derzeit erlebt hätten – die viel zitierte Eigenverantwortung, die in Wahrheit Fremdverantwortung und Solidarität bedeutet, hätte als Grundlage Wissen gehabt. Wenigstens in Grundzügen eine Ahnung darüber, dass ich unbemerkt Träger und Weitergeber des Virus sein kann und das Risiko drinnen viel größer ist als draußen. Das von mir gerne zitierte Vorbild Vietnam (siehe Tag 122: Mittendrin) hat zwei wesentliche Leitsätze, die für mehr Verständnis, aber auch gegenseitige Solidarität förderlich sind:

  • Klare Kommunikation ist entscheidend: Eine klare, konsistente und ernsthafte Erzählung ist während der ganzen Krise wichtig.
  • Ein starker gesamtgesellschaftlicher Ansatz beteiligt unterschiedlichste Interessensgruppen im Entscheidungsprozess und ermutigt zum Zusammenhalt bei geeigneten Maßnahmen.

Klarerweise hat Österreichs Regierung nichts davon durchblicken lassen. Es wurde (Wien-) Wahlkampf auf Kosten der Minderheiten und der wachsenden Bevölkerungsschicht geführt, die jetzt durch die Krise ihren Job verloren, Einkommenseinbußen erlitten haben oder ihren Job noch verlieren werden, weil die Pandemie noch mindestens ein Jahr lang andauern wird.

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Tag 140: Die vergessenen Kranken

Zwischenablage01

Quelle: Dashboard Gesundheitsministerium, Stand 29.07.2020

Angst haben sollte man nicht nur vor dem Tod, sondern vor den Komplikationen und Spätfolgen einer Covid19-Erkrankung. Im Ausland häufen sich die Berichte über schwerwiegende Folgen, obwohl zwei PCR-Tests in Folge längst negative Ergebnisse liefern und man in der Statistik offiziell als genesen aufscheint. In anderen Fällen verbleibt das Virus noch monatelang im Körper, wird aber von den Tests nicht immer in ausreichender Menge detektiert. So kommen die meisten vermeintlichen “Wiederansteckungen” zustande. Die Post-Covid19-Symptome ähneln teilweise frappierend der unerforschten ME/CFS-Erkrankung, die vielfach mit einem dauerhaften Verlust an Lebensqualität einhergeht. In Österreich fehlt die Aufklärung über Komplikationen weitgehend – insbesondere, dass sie auch bei milden Verläufen in Heimquarantäne (nicht Spital!) auftreten können und damit auch sportliche und kerngesunde (junge) Menschen betroffen sein können. Anfang April wurde noch vor eine Welle mit 100 000 Toten gewarnt, aber vor den Folgen einer Erkrankung wird kaum hörbar gewarnt. Der sprunghafte Anstieg an Rhinoviren (Schnupfenviren), die sich ähnlich verbreiten wie SARS-CoV-2-Viren, deutet auf zunehmende Nachlässigkeit in der Bevölkerung beim Einhalten der Hygieneregeln hin. Was fehlt: Eine wissenschaftlich fundierte Aufklärungsoffensive. Virus ernstnehmen, selbst wenn die meisten Verläufe mild sind – aber Folgeschäden zeigen sich mitunter erst Monate oder Jahre später, wie bei der Spanischen Grippe auch. Continue reading