Tag 401: Erdbeben in Wien spürbar

Ich lag schon im Bett, Schlafzimmertür angelehnt. Fenster gekippt. Plötzlich fing es leise an zu klopfen. Originelle Zeit, um Nägel in die Wand zu klopfen, dachte ich zuerst. Dann wurde das Klopfen immer lauter. Es klang so, als ob jemand hinter meiner Schlafzimmertür stand. Das war doch ein wenig beunruhigend. Es wurde noch lauter und ich dachte spontan, der Windzug ließ sie gegen den Türrahmen schlagen – was meistens der Fall ist bei stärkerem Wind, doch hatte ich dann immer die gegenüberliegenden Fenstertüren gekippt. Nachdem ich die Vornacht viel zu wenig geschlafen hatte, konnte ich nicht klar denken, stand auf, und machte die Tür richtig zu. Wunderte mich noch, weil eigentlich überhaupt nicht viel Wind ging. Minuten später sah ich auf Twitter dann, dass es tatsächlich ein Erdbeben gewesen ist. Subjektiv schwankte auch das Bett noch ein wenig.

Ich hab in meiner Studienzeit in Innsbruck zwei Erdbeben erlebt und in Wien bisher auch zwei, an die mich noch gut erinnern kann. Das erste im Nachtdienst (5. Stock), da saß ich grad am Bürostuhl und schwankte etwas, dabei hatte ich gar nichts getrunken. Alle vier Beben fühlten sich relativ ähnlich an, da kam der Impuls aus dem Erdboden, also von unten. Das war ein regelrechtes Blubbern, mir fällt kein besseres Wort dafür ein.

Das Beben hier war anders, nämlich wirklich in der Horizontalen versetzend, sodass es die Tür gegen den Rahmen schlug. So hab ich es schon lang nicht mehr erlebt, zuletzt beim Roermond-Beben vom 13. April 1992. Da knarrte das Bett und der Kleiderschrank wurde durchgerüttelt. Roermond hatte 5,9 auf der Richterskala in 18km Tiefe und einer Dauer von 15 Sekunden – das stärkste Erdbeben in Mitteleuropa seit 1756. Das Neunkirchner Erdbeben um 0.57 hatte eine Stärke von 4,4 und lag in 9km Tiefe. Bereits am 30. März gab es dort ein Beben der Stärke 4,7 in 10km Tiefe.

Das Erdbeben in Kroatien am 29.12.2020 mit Stärke 6,4 in 10km Tiefe war auch in Wien deutlich spürbar. Eigentlich hätte ich mich auf Arbeit in 90m Höhe befunden, hatte da aber gerade Mittagspause und war einkaufen. Im Billa hab ich gar nichts gespürt und dachte erst, man wollte mich verarschen, als es hieß, das ganze Gebäude hätte geschwankt.

Sonst…. war heute mal eine kleine Auszeit angebracht, die ich für eine Radausfahrt nutzte. Dabei wurde ich zwischen den Schauern nur kurz nass und hatte recht lange schönen Rückenwind auf der Donauinsel. Zuvor bin ich ein Stück den Donaukanal entlang gefahren. Außer mir trug kaum jemand Masken, aber es waren auch kaum Leute unterwegs. Das Maskengebot also nur Politikshow, anders war es nicht zu erwarten. Auf der Donauinsel wechselte ich auf die OP-Maske, da gings nur um Pollenreduktion für die Lungen. Das gelang gut. Keine Beschwerden.

Das Erpelzentrum lag heute im Prater.
Multizellengewitter über dem Wienerwald, abziehende Schauerzelle über dem Süden von Wien,
fotografiert vom Kraftwerk Freudenau
Nach dem Regen (Donauinsel)
Am Lusthauswasser

Tag 400: Irrtümer und Desinformation im Faktencheck

Ein Jahr in der Pandemie. Die Desinformation durch die AGES, das Gesundheitsministerium und die Regierung allgemein hat Spuren hinterlassen. Es fehlt weiterhin an Grundlagenwissen. Hier sind die wichtigsten Irrtümer zusammengetragen – die Richtigstellung erfolgt mit der “Truth Sandwich”-Methode. Das ist etwas aufwendiger als “Aussage und Fakt”, aber “the first frame wins”. Und wir haben den Scheinexperten schon zu viele erste Frames überlassen.

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Tag 394: Rücktritt von Anschober

Risikokommunikation von “Pater Anschober”

„Und wir haben ein Phänomen, das in Österreich noch viel zu wenig Thema ist, und das Ziel dieser Woche war eigentlich gewesen, es zum Thema zu machen, sichtbar zu machen, und Maßnahmen einzuleiten, das ist: Long COVID. Das sind viele, viele, viele Betroffene, die vielfach nur leicht betroffen sind am Beginn und dann nach Monaten doch sehr sehr gravierende Spätfolgen und Probleme haben. Britische Studien gehen von 10% Infizierten aus, die von LongCOVID betroffen sein werden, und ich denke, wir müssen in der österreichischen Gesundheitspolitik dieser Gruppe in der Bevölkerung alle Möglichkeiten, die es braucht geben, was Betreuung betrifft, was Anerkennung als Krankheit betrifft, und vieles andere mehr, und deswegen warne ich davor, dass ein Gefühl entstehen könnte, dass man dann, wenn die Risikogruppen und ältere Mitbürger und Mitbürgerinnen durchgeimpft sind, dass man dann zu rasch öffnen könnte. Es geht um jeden einzelnen Infektionsfall, der vermieden werden muss.“

Gesundheitsminister Anschober in seiner Rücktrittsrede am 13. April 2021

Seine Rede symbolisiert die Tragik einer Politikergeneration, die erst dann Tachles redet, nachdem sie als verantwortliche Politiker i) zurücktreten, ii) nach Brüssel (ins EU-Parlament) oder iii) in die Privatwirtschaft gehen. Ich erinnere an so manche kluge Wortmeldung eines Christian Kern oder Mathias Strolz, von denen man sich diese Klugheit erhofft hätte, als sie ihre Partei noch angeführt haben. Oder Othmar Karas, der Kurz öfter mal widerspricht. So sehr ich Anschober heute für diese Offenheit schätze und respektiere, so sehr missfällt mir die Schlussfolgerung, die ich daraus ziehe:

Wenn er schon immer das Richtige wollte, warum hat er es dann nicht gesagt? Dann hätten auch Außenstehende bzw. seine Wähler gesehen, er wollte ja mehr, aber die Bundesländer und der Kanzler ließen ihn nicht. Stattdessen formulierte er als oberstes Ziel von Beginn an, die Überlastung der Intensivstationen, die harte Triage verhindern zu wollen, und seit dem Herbst warnten namhafte Virologen weltweit davor, dies als Ziel zu setzen, weil der Lockdown als Notbremse immer zu spät kommen wird.

Anschober formulierte bis zuletzt keinen Dissenz zum Koalitionspartnern oder den Ländern. Als Gesundheitsminister trägt er die Verantwortung. Er hat dieses Amt nicht, um es allen Recht zu machen, nicht in einer Pandemie mit einem Virus, dem egal ist, ob wir es ernstnehmen oder nicht.

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Incompetence, epistemic trespassing and conflict of interests: Why Austria failed

Press conference at the beginning of January 2021 – AGES Public Health Chief Allerberger masks up being silent, but Health Minister Anschober speaks without a mask – a symbol of the lack of understanding of the transmission pathways.

This is a translation of my german article about failure of pandemic management in Austria. Wide parts of the text were translated by DeepL-Translator. Some adjustments have been necessary. You may easily spot where I wrote by myself. I’m not a native speaker.

Podcast No. 82 with Christian Drosten revealed very well the essential cornerstones of the disinformation that opponents of effective pandemic control have been peddling since the beginning. Germany is still better off than Austria overall, but many of the disinformation campaigns mentioned were much more effective in Austria than in Germany and led not only to over 9000 deaths, an unquantifiable number of Long COVID-affected people in the high five-digit range, but also to the most severe economic outcome in the EU.

Why does disinformation fall on much more fruitful ground in Austria? This is not only due to the “top-down” risk communication, in which scientists are hardly allowed to address the population directly, but also to the uniform media landscape, in which no one criticizes the strategy adopted, let alone argues in favor of NoCovid (few exceptions). Finally, the legally anchored obligation to maintain secrecy also plays a major role, as a result of which, for example, the extent of infections in the schools or the age, occupation or ethnicity of the seriously ill patients may not be disclosed to the outside world.

In addition, official secrecy and data protection tend to leak out only when migrants can be blamed unilaterally (“migrants at Semmering”, “virus reintroduced from the Western Balkans”). Disinformation is also the result of low appreciation of scientific work, which manifests itself in outdated database systems (unreliable AGES data), little international participation in COVID-19 studies and appalling knowledge of basic mathematics and physics in the general population as well es among politicians. Federalistic structures hinder the few good moves of the health minister to contain COVID-19. We hear from similar problems in other parts of the world, like Germany, Switzerland, France, Canada and also the US. States with a more centralistic approach to manage the pandemic have been much more successful. Election campaigning in Vienna where a quarter of the total population of Austria lives and which is governed by the social democrats (SPÖ) in contrast to the right-wing turquoise people party (ÖVP) destroyed any chance of a quick response to rapidly rising rates of infections in autumn. The green party didn’t rule out a second lockdown before election and has been kicked out of the red-green city government, replaced by the neoliberal party (NEOS).

The following analysis is a first attempt to fathom the extent of the (targeted) disinformation:

Scientifically, the failure in Austria is based on three pillars:

  • Local Patriotic Incompetence
  • Epistemic Trespassing
  • Ideology and conflicts of interest

These three factors will be found in every “Non-Zero-COVID” country in varying degrees and weighting. A popular killer argument to put the failure in this country into perspective is always: “All of Europe is affected.” But it is striking that we only look abroad when it is a matter of self-aggrandizement, and not to learn from their failures and not to repeat their mistakes.

There are mainly two reasons for which I wanted to make this text available for a greater public.

First…. Nobody of those who are responsible in Austria, let it be politicians in the government or opposition, trade unions or journalists as the fourth power of the state, is really interested in the reasons of failure. Some of them might be silenced by their bosses or political influence. So I want to let the world know what went wrong here anyway.

Second … there are a lot of so-called civilized western countries with more or less high economic income struggling with controlling the pandemic and you may find some similarities here. Maybe my reasonings will help you to understand what whent wrong in your own country and to find some lobbying to propose alternative choices – which can only be – to lower the rate of new infections as much as possible. You may call it zero covid, no covid, contain covid, control covid, whatever… it’s about saving as much lives as possible. Nothing less.

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Tag 385: Ursachensuche: Inkompetenz, Epistemic Trespassing und Interessenskonflikte

Pressekonferenz Anfang Jänner 2021 – AGES-Public-Health Chef Allerberger maskiert, es redet aber der Gesundheitsminister Anschober ohne Maske – Sinnbild für mangelndes Verständnis der Übertragungswege

PLURV.

Podcast Nr. 82 mit Christian Drosten deckte sehr gut die wesentlichen Eckpfeiler der Desinformation auf, mit dem die Gegner einer effektiven Pandemiebekämpfung seit Beginn hausieren gehen. Deutschland steht in Summe immer noch besser da als Österreich, viele der genannten Desinformationskampagnen waren aber in Österreich wesentlich effektiver als in Deutschland und führten nicht nur zu über 9000 Toten, einer unbezifferbaren Zahl an Long COVID-Betroffenen im hohen fünfstelligen Bereich, sondern auch zum schwersten Wirtschaftseinbruch in der EU.

Weshalb Desinformation in Österreich auf viel fruchtbareren Boden fällt? Das liegt nicht nur an der “top-down-“Risikokommunikation, in der sich Wissenschaftler kaum direkt an die Bevölkerung wenden dürfen, sondern auch an der gleichförmigen Medienlandschaft, in der niemand die eingeschlagene Strategie kritisiert, geschweige denn pro NoCovid argumentiert (wenige Ausnahmen). Schließlich spielt auch die gesetzlich verankerte Verschwiegenheitspflicht eine tragende Rolle, durch die etwa das Ausmaß an Infektionsgeschehen in den Schulen oder die Alters-, Berufs- oder Ethnien-Zugehörigkeit der Schwerkranken nicht nach außen dringen darf. Dazu kommen Amtsgeheimnis und Datenschutz, die gerne dann eine Lecklage haben, wenn man Migranten einseitige Schuldzuweisungen machen kann (“Migranten am Semmering”, “Virus vom Westbalkan wieder eingeschleppt”). Desinformation ist auch die Folge geringer Wertschätzung wissenschaftlicher Arbeit, die sich in veralteten Datenbanksystemen (unzuverlässige AGES-Daten), wenig internationaler Teilnahme an Studien und erschreckenden Kenntnissen der Grundlagen von Mathematik und Physik in der Gesamtbevölkerung äußert. Der Föderalismus ist wie im Rest der Welt dann das I-Tüpfelchen. Unpassendes Wettbewerbsdenken zwischen den Ländern und gegenüber dem Bund. Wahlkampf zu Unzeiten.

Die folgende Analyse ist ein erster Versuch das Ausmaß der (gezielten) Desinformation zu ergründen:

Wissenschaftlich gesehen fußt das Versagen in Österreich auf 3 Säulen:

  • Lokalpatriotische Inkompetenz
  • Epistemic Trespassing
  • Ideologie und Interessenskonflikte

Diese drei Faktoren wird man in jedem “Non-Zero-COVID”-Land in unterschiedlicher Ausprägung und Gewichtung finden. Ein beliebtes Totschlagargument, um das Versagen hierzulande zu relativieren, lautet immer: “Ganz Europa ist betroffen.” Auffallend ist aber schon, dass wir nur dann ins Ausland schauen, wenn es um unsere Selbsterhöhung geht, und nicht, um von deren Versagen zu lernen und deren Fehler nicht zu wiederholen.

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Tag 381: Maskenpflicht im Freien, aber nicht am Arbeitsplatz

Draußen ist immer besser als drinnen als Schaden-Nutzen-Risiko

Ein Jahr Pandemie. Merkwürdige Flashbacks. Ich erinnere mich wirklich ungern, denn die ersten Wochen waren geprägt von Angstzuständen und Überforderung mit der rasch eskalierenden Gesamtsituation. Der erste Ausflug ins Freie in den Prater war begleitet von lärmenden Polizeihubschraubern und zahlreichen Polizeiautos auf der Hauptallee, die die Abstände kontrollierten. Ich floh mit dem Rad über diverse Schleichwege in den tiefsten Auenwald und umarmte einen Baum – für fast einen Monat war es die einzige Umarmung eines Lebewesens (*auf Holz klopf*). Als am 16. März der erste Erlass veröffentlicht wurde mit Ausgangsbeschränkungen und Öffiverbot zur Freizeitnutzung, wusste ich schon über eine mögliche Aerosol-Übertragung Bescheid, auch wenn sie damals noch als unwahrscheinlich erachtet wurde.

Ein Jahr später. Ich hätte damals niemals geglaubt, dass unsere Regierung die gleichen Fehler wieder und wieder begehen würde und nichts aus der Wissenschaft lernt. Gut, nehmen wir es zähneknirschend zur Kenntnis, dass die wissenschaftliche Infrastruktur und Datentransparenz hierzulande so erbärmlich ist, dass nationale wissenschaftliche Erkenntnisse nicht entstehen können, aber hallo – 21. Jahrhundert, Internet, soziale Medien, open access zu nahezu allen Veröffentlichungen über das Virus und effektive Begleitmaßnahmen. Wie hat es die Regierung geschafft, diese so lang und effektiv zu ignorieren? Nicht nur die Regierung, auch eine signifikante Anzahl an Beratern, Wissenschaftlern, Ärzten, Journalisten und etliche Leute in der Bevölkerung, denen ich mehr “thinking outside the box” zugetraut hätte?

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Tag 377: Aerosole, B.1.1.7 und Triage

Die Outdoor-Saison beginnt …. mit begrenzter Mobilitiät

Krisensituation, mal wieder. Eskalation am 24.10. (Tag 227), Fahrplan in die Hölle am 04.12. (Tag 266) und mit Anlauf in die dritte Welle am 04.03. (Tag 354). Die Situation ist jetzt speziell im Osten, aber auch zunehmend in den anderen Bundesländern richtig ernst. Ansteckerendes Virus, mehr symptomatische Verläufe auch bei jüngeren Menschen und schwerere Verläufe obendrauf. Die Spitäler sind voll, Staudinger wirkte gestern in der zib2 sehr ernst und angeschlagen (Transkript). Die beschlossene Osterruhe, wie der halbherzige Lockdown beschönigend genannt wird, kommt zu spät und dauert zu kurz. Es ist allen Experten klar, dass er viel länger dauern muss – nicht sechs Tage, sondern eher sechs Wochen. Jetzt ist es zu spät zu handeln, wir werden in Wien Szenen wie in London zum Jahreswechsel erleben. Triage, lange Wartezeiten von Rettungswägen vor den überfüllten Ambulanzen. Kollateraltote durch verschobene Herz- und Tumoroperationen. Vieles wird sich erst später zeigen und in keiner COVID-Statistik sichtbar.

Das Rezept für den Ausweg aus dem Lockdown und der Minderversorgung durch das Gesundheitssystem habe ich im letzten Blogeintrag beschrieben.

Die aktuelle Prioritätenreihung erinnert mich an den März 2020. Gestern Abend fuhr ich am Donaukanal vorbei und malte mir bereits aus, wer sich über die Menschenansammlungen beklagen würde, und wer die Szenarie so fotografieren würde, dass es nach besonders dicht gedrängten Menschen aussähe. Eine Stunde später wurde ich bereits auf Twitter fündig. Ja, sie saßen eng zusammen und viel Platz war nicht zwischen den Spaziergängern. Mir persönlich wäre das zu eng gewesen. Ich fuhr zum Glück auf der anderen Seite vom Kanal mit dem Rad (Slalom). Es ging allerdings ein böiger Ostwind und zerstob die Aerosolwolken. Ist man draußen vor Ansteckung sicher? Nein. Ist es draußen besser als drinnen? Ja sicher! Ist so ein Verhalten klug? Mehr Abstand wäre sicherlich besser. Entstehen große Cluster? Wahrscheinlich nicht. Was nun? “Pandemic shaming” ist kontraproduktiv.

Was fehlt, ist Aufklärung …

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Tag 372: Mit dem Virus sterben oder NoCovid? Ein Ausweg.

Die Aussichten sind zum Verzweifeln, doch die Hoffnung lebt weiter.

Ausgangslage

NoCovid-Strategie ist die einzige ‘one size fits all’-Strategie bis zur Durchimpfung. Wann es zu spät ist, NoCovid umzusetzen, entscheiden Eure toten Ehepartner, Verwandte, Freunde oder Kollegen. Es hätte nicht so weit kommen müssen, dass wir über 9000 Covid19-Tote haben. Unter den über 500 000 laborbestätigten Fällen befinden sich nach aktuellen Schätzungen zwischen 50 000 und 150 000 LongCOVID-Erkrankte. Während die Berichte über Long COVID selbst im Boulevard schon länger angekommen sind, sind sie es bei der AGES noch lange nicht und in den bisher vernommenen Pressekonferenzen der Regierungspolitiker, ihren Beratern und Oppositionspolitikern wurde Long COVID bisher auch noch nicht angesprochen. Ein gigantisches Problem rollt da auf unser Gesundheitssystem zu, angefangen von Invalidität über Explosion der Rehaanträge bis hin zu schlicht fehlenden ärztlichen Behandlungen, die dauerhaft helfen, und natürlich fehlende Arbeitskräfte.

Ein weiteres Problem ist, dass hohe Fallzahlen kombiniert mit schleppendem Impftempo weitere Virusvarianten provoziert, gegen die die Impfstoffe schlechter wirken, im schlimmsten Fall gar nicht: Dazu hat sich ein anonymer Virologe ausgelassen und “Vorschläge” gemacht, wie man am effektivsten antikörperresistente Mutationen erzeugen könnte. In eckigen Klammern das, was Österreich “umgesetzt” hat:

  1. Verzögertes Ausrollen der Testangebote [Wohnzimmertests, schlechte Nasenvorhoftests, PCR-Gurgeln in Schulen verzögert]
  2. Halbherzige Kontaktbeschränkungen [kein harter Lockdown wie im März]
  3. Offene Schulen mit der Begründung, Kinder wären keine Treiber der Infektionen [done]
  4. Gerüchteküche freien Lauf lassen, dass NPIs (non-pharmazeutical interventions) nicht wirken und natürliche Infektion für Herdenimmunität eine vernünftige Strategie wäre [siehe Aussagen von Allerberger und Masken-Abneigung der AGES]

Und natürlich passiert genau das weltweit vor allem in Ländern, die das Virus frei zirkulieren lassen oder zu wenig dagegenhalten. Mikrobiologin Neuhauser erläutert, weshalb uns der Super-GAU bevorsteht:

Zusammengefasst: Neue Varianten besitzen besorgniserregende Eigenschaften:

  • schwerere Verläufe
  • höhere Ansteckungsraten
  • Immune Escape
  • Vaccine Escape

Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit von Reinfektionen, z.B. die Variante #B1525, die Eigenschaften von #B117, #B1351 und #P1 vereint und sich gegen #B117 durchzusetzen scheint. B117 und B1351 sind wiederum in der Lage, auch auf Tiere überzuspringen, z.B. Mäuse, Hunde und Katzen. Das geht auch umgekehrt, man kann sich also bei seinen Haustieren anstecken. Je höher das Infektionsgeschehen, desto mehr Menschen infizieren sich trotz Immunität.

In Brasilien vollzieht sich unter Faschist Bolsonaro währenddessen ein Genozid. Brasilien hatte früh in der Pandemie intensiven Austausch mit Schwedens Anders Tegnell. Die weitreichenden Implikationen an anderer Stelle.

Die Impfungen alleine werden uns nicht retten, wie Epidemiologin Deepti Gurdasani heute in diesem Thread beschrieb.

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Tag 370: Der Selbstversuch beginnt.

Hochreichende Quellwolken (Multizellen-Schauerlinie) über dem nördlichen Weinviertel, gesehen beim Augarten

Das Jaukerl ist drin.

Die Tage vor der Impfung ging ich gar nicht mehr außer Haus, und wenn, nur zum Einkaufen oder in die Arbeit, mit FFP3-Maske. Am Vorabend konnte ich in der Arbeit nochmal einen (freiwilligen) Nasenbohrtest (High Top Antigentest) machen. Ich fuhr so hin, dass ich zu früh dort war. Die Schlange war kurz, ein großer Saal, gleich zu Beginn zwei Damen, die für die Anmeldung da waren. Ich zeigte mein Attest und das ausgedruckte Impfticket mit dem QR-Code sowie die E-Card. Beim nächsten Schalter saß die Ärztin und ich gab meinen Aufklärungsbogen ab. Sie ging die Fragen durch, wichtig war vor allem, ob man eine andere Impfung in den vier Wochen vorher hatte und ob Allergien vorlagen. Dann bekam ich eine Karte, auf der steht, dass ich die erste Teilimpfung mit Moderna erhalten hatte und der Termin für die zweite Impfung. Leider wurde die Impfung nicht in meinen analogen (gelben) Impfpass eingetragen, wo alle Impfungen seit meiner Geburt stehen, dafür steh ich jetzt im E-Impfpass. Dann kam schon der Stich, der wenige Sekunden dauerte, anders als bei meiner Hormonspritze, die ich alle vier Monate bekomme. Nach der Spritze wartete ich noch eine Viertel Stunde zur Nachbeobachtung, konnte dann aber beschwerdefrei gehen.

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Tag 368: Nur die Impfung rettet – und konsequente Kontaktreduktion bis dahin

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen

Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Es wurde schon alles gesagt. Wir kennen die Grundlagen. Die Mutanten verändern Nuancen bei der Vorbeugung. Ansteckenderes Virus heißt, dass Situationen, in denen keine dicht sitzende Maske getragen wird, schneller zu einer Ansteckung führen, z.B. Singen, Tanzen oder Präsenzunterricht oder auch Gemeinderatssitzungen. Auch Abstandsregelungen verhindern indoor keine Ansteckungen, wie etwa bei Restaurantbesuchen. Das hat bereits der Rotaryclub-Cluster vergangenen Juni in Salzburg gezeigt. Die Rangliste der risikoreichsten Aktivitäten ist seit letztem Sommer bekannt.

“Denn der betroffene Arzt sagt, er sei Montagabend mindestens zehn Meter entfernt zu jenen beiden Personen gewesen, die ebenfalls positiv getestet worden sind.”

Für mich war daher unverständlich, dass Vorarlberg auch in geschlossenen Räumen wieder Gastrobesuch bzw. Veranstaltungen zulässt. Das ist wenige Monate vor der Durchimpfung ein unnötiges Risiko – vor allem für all jene, die mangels adäquater Information nicht in der Lage sind, ihr individuelles Risiko einzuschätzen. Vorarlberg hat zwar mit 60 die niedrigste 7-Tages-Inzidenz in Österreich, aber mit einer deutlich ansteckenderen Mutanten, die durch Reise- und Pendlerverkehr zunehmend eingetragen wird, ist die Gefahr sich indoor ohne Masken anzustecken deutlich größer als beim Wildtyp.

Ich bin schon zu lang am Thema dran, als dass meine Kosten-Risiko-Abschätzung klar gegen jeden Indoor-Besuch ohne Masken spricht. In den letzten Wochen werden die COVID-Patienten in den Spitälern immer jünger, auch Menschen unter 40 ringen auf der Intensivstation um ihr leben. Gleichzeitig erkranken viele so schwer, dass Langzeitfolgen drohen. Verschiedene Studien zeigen weiterhin 10-30% Risiko für LongCOVID. Ist das ein Restaurantbesuch wenige Wochen vor der Impfung wirklich Wert? Und wenn man es schon kaum erwarten kann, ist der Gastgarten oder Schanigarten nicht die bessere Alternative?

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