Tag 364: Der amikale Experte

Anzahl Intensivpatienten und Todesfalle, Stand 14. März 2021, Quelle: Erich Neuwirth

Mir ist nach dem zib2-Interview mit Infektiologe Wenisch wieder einmal aufgefallen, wie wichtig in Österreich Dialekt und und Umgangssprache sind. Das hat etwas suggestiv Beruhigendes. “Das ist einer von uns!”, “Der versteht uns!” oder “Keine Panik! Wir schaffen das schon!” schwingt da mit. Dazu kommen kernige oder flapsige Sprüche. “Die Kinder stecken das Virus weg wie nix!” oder “Das Virus hat keine Flügel!” Die Botschaft, die solche Sager transportieren sollen, ist “Alles nicht so schlimm!” Jemand, der während dem Interview lächelt, kommt sympathisch an, wie der väterliche Freund, der einem während des Gesprächs die Hand auf die Schulter legt. Das ist beliebt, auch in den Redaktionen, so jemand interviewt man gerne. Infektiologe Greil in Salzburg scheint das glatte Gegenteil zu sein, die Interviews mit ihm arten gelegentlich in Vortragsmonologe aus. Die Sprache ist deutlich gehoben, das ein oder andere unnötige Fremdwort, wofür es eine einfach verständlichere Entsprechung gäbe. Zum Zuhören durchaus ermüdend, auch wenn er ein Feuerwerk an Fakten und Daten abbrennt und ins Gewissen redet.

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Tag 358: Faktencheck: AGES-FAQ

Heute vor einem Jahr: Ausflug nach Mauer (Liesing), ein paar Stunden ablenken vom Wahnsinn der sich überschlagenden Ereignisse

Jetzt ist das erste Jahr Pandemie für mich bald vorbei. Ich kann es nur wiederholt betonen – meine Engagement hier auf dem Blog basiert auf Freiwilligkeit. Kein bezahlter Journalismus, kein Auftrag von einer Partei oder politischen Organisation. Ich mach das alles in meiner Freizeit und bin irgendwie naiverweise davon ausgegangen, dass es doch *irgendwo* in Österreich WissenschaftsjournalistInnen gäbe, die diesen Part übernehmen werden, je länger die Pandemie dauert. Mit vereinzelten Ausnahmen ist dies nie in dem Ausmaß passiert, wie es hätte passieren sollen. Ich weiß gar nicht, worüber sich die Schwurbeldemonstranten so beklagen – die österreichische Regierung lässt das Virus ohnehin ziemlich laufen, verglichen mit anderen Ländern. Ich hab von den Verantwortlichen in der AGES bisher kein einziges Mal die Forderung gehört, das Virusgeschehen hart einzudämmen, um das Risiko FÜR ALLE zu senken. Überhaupt, die AGES – die Fehler in der Pandemiebekämpfung lassen sich in einem Artikel nicht abhandeln. Meine Meinung: Der AGES gehört die Verantwortung für den Bereich COVID-19 entzogen, vor allem statistische Aufbereitung und wissenschaftliche Information gehören in UNABHÄNGIGE Hände, z.B. Statistik Austria und MedUni Wien. Die gezielte Desinformation seit einem Jahr ist DER Bremsklotz in der Pandemiebekämpfung.

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Tag 354: Mit Anlauf in die dritte Welle

Hier könnte jetzt ein Zitat von Karl Valentin stehen, das mit “Es” anfängt und mit “allen.” endet, aber weil die Verwendung selbst auf privaten Seiten im Netz abgemahnt wird, darf man sich die fehlenden acht Wörter selbst dazu denken.

Wenn ich hier nicht leben und arbeiten würde, könnte ich es schon fast amüsant finden, was die Regierung in Österreich alles versemmelt. Die Massentests bzw. das Freitesten , die gratis FFP2-Masken für Risikogruppen (alias 65+ in der Definition von Risikogruppe der Regierung), die Einführung der FFP2-Masken in Österreich (Skandal um Hygiene Austria), die nur begrenzt etwas nützt, wenn die Masken nicht dicht setzen, nach Anstrengung durchfeuchtet, unter der Nase getragen oder gar innen ausgehöhlt werden (vgl. “health literacy” in Österreich), die unvollständige Anleitung für die Covid-Gratis-Selbsttests, die wegen ELGA-Abmeldung von 300 000 Personen nicht abgeholt werden konnten. oder die Nasenbohrtests in den Schulen (Allerberger am 09.01.21: “Wir können mit Vertrauen sagen: die wirklich infektiösen Infizierten mit einem CT-Wert von unter 30 finden wir damit.” (tips.at), was am 02.02.21 durch die Recherche von Köksal Baltaci widerlegt wurde), deren Sensivität höher wäre, würde man nicht veraltete Herstellerinformationen heranziehen. Das ist jetzt nur ein Bruchteil dessen, was alles schieflief, das davor hab ich gerade verdrängt und alles zu den Impfungen ist bei Robert Zangerles Seuchenkolumne besser aufgehoben.

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Tag 350: Es geht aufwärts – leider nur bei den Infektionszahlen

Grafik: Erich Neuwirth, logarithmische Darstellung der Neuinfektionen im Wochenmittel

Heute Abend habe ich mich das erste mal testen lassen. Nach tagelanger Magenübelkeit kam heute nach dem Aufwachen subjektiv Fieber hinzu, die Stirn glühend heiß, dazu Abgeschlagenheit. Der Körper spielte mir aber einen Streich (und das Infrarotthermometer war zu ungenau), Fieber war es in der Schnupfenbox keines. Egal, ich wollte auf Nummer sicher gehen. Der Antigentest, ein Nasenrachenabstrich, fiel negativ aus. Die Ursachensuche geht also weiter, aber zumindest stammen die Symptome eher nicht von Covid19. Ich sag es wie es ist, und zwar, es ist mühsam alles. Der Alltag ist lästig und monton zugleich. Keine Höhepunkte mehr, nicht einmal das Essen (bald “feiere” ich ein Jahr ohne Kantinen). Früher hab ich mich nach lästigen Arzt- oder Behördenterminen oft damit belohnt, ins Kaffeehaus frühstücken zu gehen. Auch das ist weggefallen. In der Fahrt mit dem Regionalzug ständig die nervigen Durchsagen wegen FFP2-Maske, erst auf Deutsch, dann auf Englisch. Inzwischen sollte das doch jeder mitbekommen haben?! Warum keine Plakate? Nicht nur mich machen 20 Durchsagen in 45 Minuten Fahrtzeit latent aggressiv.

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Tag 348: Ihr habt es nicht besser verdient

Kanzler Kurz heute im Interview mit der deutschen BILD-Zeitung:


„Ich behaupte, würden die Zahlen explosionsartig steigen, dann wäre in der Bevölkerung auch wieder mehr Bereitschaft da und mehr Kraft da, um einen Lockdown mitzutragen, zumindest ist es bei uns so der Fall.“

Und mehr muss man über Österreich derzeit nicht wissen.

Tag 345: Österreichs Journalismus in der Krise

Am 19.02 hielt die Bundesregierung eine Pressekonferenz zum Rückblick auf ein Jahr Pandemie ab. Neben der ausgegebenen Devise, ab jetzt “mit dem Virus leben” zu müssen, sprach auch Infektiologe Weiss, der – wie mein Schaubild zeigt – bisher nicht durch besonders intelligente Aussagen und Ansagen zum Virusgeschehen aufgefallen ist. Covid19 ist tödlicher als Influenza und zudem ansteckender. Nachdem man – wie Oswald Wagner stolz verkündete – als eines der ersten Länder außerhalb Asiens (neben Tschechien) eine Maskenpflicht eingeführt hatte, wurde sie im Juni als eines der ersten wieder gelockert, empfohlen von Weiss, Allerberger und Lass-Flörl. Im September war Weiss Teil der “Labortsunami”-Connection, welche den erneuten Anstieg der Infektionszahlen herunterspielte. Weiss behauptete außerdem Anfang Oktober, dass PCR-Tests viele falschpositive Ergebnisse erzeugt. Neuseeland hatte bei 65000 Tests Null Neuerkrankungen zu verzeichnen, also Null Positive. Ende September warnte Weiss vor überschießenden Ängsten und wollte mehr Normalität wagen. Kurz vor dem Gipfel der zweiten Welle, als auch die Spitäler überlastet wurden, war ihm sehr wichtig zu sagen, dass die Zahlen zu hoch sind. Er war auch strikt gegen Schulschließungen, weil sie “eigentlich” nichts beitragen. Und uneigentlich? Ende November war offenbar auch seine Innsbrucker Intensivabteilung belastet, gleichzeitig warnte er vor der nie eingetretenen Influenzawelle. Kaum war die zweite Welle abgeklungen, fingen die Verharmlosung und Rufe nach Lockerungen wieder an. Er plädiert erneut nachdrücklich für mehr Normalität, obwohl ihm – wie er in einem Interview mit dem Regionalfernsehen zugab – sehr wohl bewusst ist, dass auch junge Menschen schwer erkranken können und lange an den Folgen leiden.

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Tag 341: Faktencheck Epidemiologin Schmid im Falter-Interview

Epidemiologin Schmid knappe sechs Wochen vor dem – viel zu spät gekommenen – Lockdown im Herbst 2020

Frühere Faktenchecks auf diesem Blog: Allerberger (Tag 231), Apfalter (Tag 238 und Tag 239) und Anschober (Tag 241).

Nun also das Interview der Journalistin Barbara Tóth mit der Chefepidemiologin der AGES, Daniela Schmid. Sie ist auch Sprecherin der Corona-Kommission, welche die Regierung berät, und wird von Franz Allerberger vertreten. Schmid hat das Lancet-Paper von Priesemann et al. (18.12.20) unterschrieben, das zum Ziel hat, die Pandemie in Europa rasch und nachhaltig einzudämmen.

Das Interview beginnt damit, dass sich Schmid an jenem Montag nicht in der Expertenrunde zur Maßnahmenbesprechung einfindet, sondern im Besprechungszimmer des FALTERs. Auch wurde kein Vertreter Schmids bestellt. Schmid wurde vor dem Interview getestet und nimmt die FFP2-Maske zum Gespräch ab.

Das liest sich schon seltsam befremdlich. Medieninterview wichtiger als die Pandemiebekämpfung? Kein Vertreter? Maske abnehmen? Was ist, wenn ihr Test falschnegativ war?

Vorab: Ich bin kein Virologe, kein Mediziner, aber als studierter Naturwissenschaftler mit wissenschaftlicher Methodik vertraut. Für meinen Faktencheck habe ich Medizinjournalistinnen, Mikrobiologinnen und zahlreiche Aussagen von anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern herangezogen. Meine Arbeit sollten eigentlich Wissenschaftsjournalisten machen. Ich mache das hier in meiner Freizeit. Ich gehöre keiner Partei an und auch keiner politischen Organisation. Wie immer gilt: check, recheck, double-check.

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Tag 338: Einfach laufen lassen ist keine Lösung

In Österreich folgt derzeit ein Skandal nach dem anderen. Keine Zeit zum Luft holen. Ich nehme sie mir derzeit trotzdem und gehe an freien Tagen wandern, um ein paar Stunden abzuschalten. Die dreifache Belastung fordert ihren Tribut. Warum dreifach? Mein Brotberuf ist in Gefahr, die Luftfahrtbranche schwer angeschlagen. Es ist absehbar, dass Reisefreiheit im engeren Sinne erst wieder zurückkommt, wenn es global eine ausreichende Durchimpfungsrate gibt. Derzeit laufen wir wegen den Mutationen dem Virus immer hinterher, nicht einmal die reichen, westlichen Länder sind schnell genug. Österreich wird EU-weit am schlechtesten aus der Pandemie aussteigen. Wir steuern bereits in den dritten Lockdown, nachdem die Mutationen schnell an Boden gewinnen und die Gegenmaßnahmen zu halbherzig sind. Und das ist die dritte Belastung: Diese Regierung, diese ÖVP, aber auch die nicht hilfreichen Grünen.

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Tag 333: Uneinsichtigkeit und Fehlverhalten

Epidemiologe Eric Feigl-Ding, tätig Washington DC, 430 000 Follower auf Twitter in einem Rant.

Knapp ein Jahr nach Ischgl ist Österreich wieder prominent in den Schlagzeilen, wenn man kurz davon absieht, dass Mitte November vorübergehend die weltweit höchste Infektionsrate erreicht wurde. Spätestens jetzt sind nicht nur europäische Wissenschaftler beunruhigt, sondern die ganze Welt ist alarmiert worden. Gut so. Gesundheitsminister Anschober hätte an sich ein Durchgriffsrecht nach dem Epidemiegesetz, wie ein Verfassungsrechtler hier erläutert.

„Erstens hat man in Ischgl aus meiner Sicht sehr schnell reagiert, weil innerhalb von zehn Tagen ganz Tirol sozusagen leer gemacht worden ist und man hat schnell reagiert und das muss mir jemand zeigen, wie man innerhalb von zehn Tagen 250 000 Gäste aus dem Land bringt.“

Christoph Walser, Präsident Wirtschaftskammer Tirol, 07.02.21, zib2

Fahrlässig gehandelt und auch noch stolz darauf. Kein weiterer Kommentar notwendig.

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Tag 330: Wie groß ist der Einfluss des Wetter auf das Infektionsgeschehen?

Am 03. Februar erschien auf Science ORF eine Zusammenfassung eines Papers über den Einfluss des Wetters auf Infektionswellen. Ich halte die dort gezogenen Schlussfolgerungen in meiner Expertise als Meteorologe für problematisch. Generell ist für mich die Begründungen für saisonale Effekte nicht nachvollziehbar. Es wird dabei oft argumentiert mit der Stabilität des Virus bei bestimmten Wetterverhältnissen (Temperatur und relative Feuchte). Dabei übersieht man in meinen Augen aber einen wesentlichen Punkt der Übertragung: Geschieht sie outdoor oder indoor? Wetter findet outdoor statt, also impliziert der Einfluss geänderter Wetterverhältnisse eine erhöhte Übertragung im Freien. Dafür gibt es seit Ende März nur eine geringe Evidenz. Selbst Superspreader sind im Freien nicht effizient.

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