Tag 338: Einfach laufen lassen ist keine Lösung

In Österreich folgt derzeit ein Skandal nach dem anderen. Keine Zeit zum Luft holen. Ich nehme sie mir derzeit trotzdem und gehe an freien Tagen wandern, um ein paar Stunden abzuschalten. Die dreifache Belastung fordert ihren Tribut. Warum dreifach? Mein Brotberuf ist in Gefahr, die Luftfahrtbranche schwer angeschlagen. Es ist absehbar, dass Reisefreiheit im engeren Sinne erst wieder zurückkommt, wenn es global eine ausreichende Durchimpfungsrate gibt. Derzeit laufen wir wegen den Mutationen dem Virus immer hinterher, nicht einmal die reichen, westlichen Länder sind schnell genug. Österreich wird EU-weit am schlechtesten aus der Pandemie aussteigen. Wir steuern bereits in den dritten Lockdown, nachdem die Mutationen schnell an Boden gewinnen und die Gegenmaßnahmen zu halbherzig sind. Und das ist die dritte Belastung: Diese Regierung, diese ÖVP, aber auch die nicht hilfreichen Grünen.

Mir war nicht bewusst, wie schnell sich Linksalternative und völkische Nationalisten bei einem Thema einig sein können: Der gemeinsame Nenner ist die Rechtsesoterik. Die Durchseuchungsträumer nach Vorbild von Great Barrington in der Regierung und unter den Beratern können immer noch ungehindert schalten und walten.Weder gibt es kritische Medienberichte noch interessiert sich dafür jemand. Cui bono? Was hat Österreich davon, wenn man die Maßnahmen lockert und die Pandemie einfach laufen lässt? Die Spitäler sind innerhalb kürzester Zeit überlastet. Tausende werden krank und schwer krank, fallen in der Arbeit aus. Quarantäne lässt sich nicht verkürzen. Genesungszeit auch nicht. Tausende leiden monatelang an den Folgen, ein signifikanter Prozentsatz wird wahrscheinlich nie mehr gesund. Der gesunde Volkskörper kann damit nicht angestrebt werden, denn das Virus befällt auch vorher kerngesunde Menschen und lässt sie teils schwer erkranken. Migranten sind aufgrund ihres sozioökonomischen Status und aus anderen Gründen benachteiligt, erkranken häufiger schwer und versterben tendenziell auch häufiger daran. Menschen mit Behinderungen ebenfalls. In Österreich ist das nicht anhand der Daten belegbar, weil es keine (offiziellen) Daten gibt.

Wenn man die Pandemie laufen lässt, trifft das jedoch alle. Die Great-Barrington-Anhänger wollen die vulnerablen Gruppen schützen, obwohl damit – wie wir schon seit Monaten wissen – nicht nur alle über 65 Jahre gemeint sind. Die vulnerable Gruppe sind zwischen ein Drittel und die Hälfte der Gesamtbevölkerung, wenn man nach Vorerkrankungen geht. Zur vulnerablen Gruppe zählen aber auch alle, die aufgrund ihrer Arbeit potentiell hohen infektiösen Virusdosen ausgesetzt sind, in der ersten Welle vor allem Ärzte und Pfleger ohne ausreichend Schutzausrüstung. Wie Beispiele aus etlichen Ländern zeigen, kann man die Altenheime nicht schützen, wenn gleichzeitig andere Maßnahmen zu lasch gehandhabt werden. Vor allem aber dann nicht, wenn die Kindergärten und Schulen bei hoher Virusinzidenz in der Gesamtbevölkerung offen bleiben. Allen Durchseuchern ist gemeinsam, dass sie die Rolle der Kinder bis heute leugnen. Sie wissen es besser. Sie wissen genau, dass Kinder sich infizieren und das Virus in die Familien tragen und über die Familienmitglieder eben auch in die Pflegeberufe und generell in die Arbeit. Sie wissen auch, dass etwa durch die Mutationen, die das ACE2-Rezeptorbinding erleichtern, Kinder noch leichter infiziert werden. Wenn ein Infektiologe Weiss fordert, die Lockdownmaßnahmen trotzdem zu lockern und im gleichen Interview zugibt, dass Long COVID und schwere Verläufe auch junge Menschen betreffen kann und Covid19 keine Krankheit sei, die man auf die leichte Schulter nehmen könnte, dann weiß er um die Gefährlichkeit der Ausbreitung, wenn man das Virus einfach laufen lässt. Fordert er wider besseren Wissens Lockerungen, dann handelt er in meinen Augen vorsätzlich.

Und das betrifft viele Protagonisten in diesem Schmierentheater. Die wissen, dass Kinder übertragen. Sonst hätte Allerberger nicht den Schnupfen aus dem Symptomkatalog für Covid19 gestrichen, just mit Schulbeginn. Die ÖGKJ empfiehlt, Kinder unter 10 Jahren nicht zu testen – das gilt weiterhin. Kinder sind systematisch untertestet, aber nach Ausbrüchen in Kindergärten und Schulen lässt sich ihre Beteiligung am Infektionsgeschehen nicht mehr leugnen. Auch Wenisch weiß um schwere Verläufe, auch er verharmlost die Rolle der Kinder – und das zu einem Zeitpunkt (Tag 317: 24.01.21), als bereits klar war, dass B117 ansteckender ist und sich schneller verbreitet. Die Infektiologen sind nicht dumm, die sind blitzgescheit, die sind in ihrem Fach wahrscheinlich sehr gut – trotzdem halten sie an einem gemeinsamen Narrativ fest: Kinder würden keine Rolle spielen, Schulen könnte man gefahrlos völlig öffnen – und rechtfertigen sie mit deren psychischer Gesundheit, statt nach mehr Entlastung vom Leistungsdruck zu fordern, der systemimmanent ist.

Selbst jetzt, wo deutlich wird, dass natürliche Immunität bei gefährlichen Mutationen gehäuft zu Mutationen führen kann, halten sie an der virusinduzierten Immunität fest und behaupten, sie wäre gleichwertig mit impfinduzierter Immunität zu betrachten (so in einem rezenten Preprintpaper u.a. von Ioannadis, Allerberger und weiteren AGES-Mitarbeitern). Ihnen dürfte das mit den Mutationen nicht entgegangen sein, aber mit dem Virus leben ist weiterhin die ausgerufene Prämisse. Genauer genommen sogar eine self-fulling prophecy, denn die konstant hohen Fallzahlen haben erst die Mutationsfreudigkeit des Virus erhöht und die lasche Gegenwehr gegen die Ausbreitung der Mutationen ermöglicht eine Verringerung der Impfstoffwirksamkeit. Jetzt zieht sich die Pandemie in die Länge, jetzt muss wahrscheinlich nachgeimpft werden – wo doch jetzt schon Impfstoffknappheit herrscht und nicht einmal die vulnerablen Gruppen in absehbarer Zeit durchgeimpft wurden.

Gesundheit ist das höchste Gut des Menschen. Insgesamt über 360 Kinder sind in der Pandemie bisher wegen Covid im Spital gelandet. Tendenz steigend, auch wegen B117. Ja, Kinder erkranken zum Glück selten schwer, aber es passiert, und es sind auch vorher gesunde Kinder betroffen. Werden die Jugendlichen später sagen, da hast Du Pech gehabt, UNSERE Zukunft war uns wichtiger als Deine Gesundheit? Möchtet ihr mit diesem Gewissen weiterleben? Und das zweite ist – Kinder und Jugendliche haben Eltern und Geschwister. Kinder übertragen das Virus. Eltern haben Risikofaktoren. Alleine in New York wurden in der ersten Welle über 4000 Kinder zu Halb/Vollwaisen. Ist es das wert?

In Österreich ist es nie geglückt, einen gemeinsamen Feind auszurufen: das Virus. Wegen dem schränken wir uns, wegen dem brauchen wir all die nicht immer durchdachten Maßnahmen. Das Problem, weswegen wir seit Monaten stagnieren, nicht weiter lockern können und trotzdem die Fallzahlen nicht ausreichend absinken, sitzt in der Regierung, bei den Beratern. Die beschließen seit Monaten nur halbherzige Maßnahmen, lassen Skigebiete offen, nicht weil das Virus nicht so gefährlich wäre, sondern weil es um geldgierige Egoisten geht, denen ihr Profit während der Krise wichtiger ist als das Wohlbefinden und die Sicherheit der Bevölkerung. Würde man so wie im ersten Lockdown übereinstimmen, dass wir ALLE mithelfen müssen, die Inzidenz so niedrig wie möglich runterzudrücken, hätten alle etwas davon, ganz besonders die Schüler! Die Erwachsenen müssen sich einschränken, damit die Schüler ihre Zukunft nicht verlieren. Das müssten die Schüler, die jetzt offene Schulen fordern und Risikogruppen schützen ganz nach Durchseucherlinie, der Regierung vorschlagen/vorwerfen – dass ALLE ihren Beitrag leisten müssen. Und ganz besonders nicht jene schuldig sind, die nicht mehr leisten können als sie schon seit Monaten tun. Nicht die Hackler, nicht die Schüler, nicht die Arbeitslosen. Weil die sozialen, finanziellen Rahmenbedingungen aber nicht passen, herrscht dieses Dilemma, etwas leisten zu müssen, ohne es zu können. Totale Einschränkung privat für die Einen, Freiheit fürs Skifahren für die anderen. Und kaum Schutz in der Arbeit/Schule. So geht es nicht! Und erst dann, wenn wir alle an einem Strang ziehen, wie in allen Ländern mit erfolgreicher (ZeroCovid)-Strategie, gibt es eine realistische Chance auf Planbarkeit, Sicherheit und Zukunft für die Bildung und Ausbildung. Das sollten sie einfordern. Bei Friday4Future ist es ganz ähnlich.

Über die Leichen von Schwächeren zu gehen, die sich mangels Immunität gegen das Virus nicht wehren können, die Gefahr selbst für Gesunde zu verkennen, die schwer oder chronisch erkranken. Das ist nicht die Zukunft, in der wir leben wollen. Das ist eine Schuld, die wir nicht auf uns laden wollen. Das hatten wir schon.

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