Die letzten Wochen konnte ich nicht mehr schweigen, wenn in meiner Gegenwart bestimmte Phrasen mit Vorurteilen und Verschwörungsmythen geäußert wurden. Mein fachlicher Wissensstand ist inzwischen groß genug, dass ich für viele Aussagen ad hoc fundierte Daten nennen kann, leider gelingt das verbal nicht so gut wie mit Verweisen auf konkrete Studien. Leider wird die Diskussion oft sehr emotional. Die Menschen sind wütend, das merkt man. Wenn man einzelne Aussagen hinterfragt, stellt sich sehr oft Unwissenheit heraus, nicht einmal zwingend die Tendenz zu Verschwörungen, sondern es entsteht der Eindruck, die Regierung würde völlig überzogen handeln, wo doch die Zahl der Toten ziemlich klein ist. Ich sehe darin klare Defizite der Regierung, die nie erklärt hat, was eigentlich die mittelfristige Strategie ist. Am Anfang dachten wohl viele, das Virus sei durch den Lockdown ausgemerzt und man könne danach zu business as usual zurückkehren. Risikogruppen schützen, aber nur kurze Zeit. Aussagen darüber, dass das Virus mehrere Jahre für deutliche Einschränkungen im Alltag sorgen könnte, hat man zu ignorieren versucht (mich eingeschlossen). Die strengen Maßnahmen, obwohl in Teilen überzogen, waren erfolgreich. Österreich kam mit vergleichsweise geringen Fallzahlen, Intensivbettenbelegungen und Todesfällen davon. There is no glory in prevention – es ist so unendlich wichtig zu verstehen, was diese Aussage bedeutet. Damit ist nicht einmal gemeint, dass die Intensivstationen nicht an ihre Kapazitätsgrenzen gekommen wären, sondern dass auch viele Ärzte und Gesundheitspersonal, aber auch viele Reinigungskräfte in den Spitälern in der ersten Welle starben oder schwer erkranken. Das ohnehin – auch in Österreich! – chronisch mangelbesetzte Gesundheitspersonal schuftete wochenlang durch, ohne jegliche Anerkennung und Wertschätzung durch die Regierung. Das wird als selbstverständlich betrachtet – kein Impfstoff, um sich selbst zu schützen, Hochrisikoprozesse wie Intubieren, bei dem hochansteckende Patienten leicht behandelnde Ärzte anstecken können. Jeder Patient zusätzlich hätte das Ansteckungsrisiko erhöht. Gesundheit scheint erst dann wichtig, wenn man sie selbst nicht mehr hat. Es fällt schwer, das Präventionsparadox zu erläutern, selbst fundiert zu untermauern. Nicht mangels ausreichender Studien, sondern weil Fakten gerne mit Meinungen gekontert werden. Seriöse Wissenschaftler sehen die Daten vor sich und ziehen daraus ihre Schlussfolgerungen. Weil Daten öfter einmal unvollständig sind, insbesondere bei einem neuartigen Virus, können diese Schlussfolgerungen gelegentlich korrigiert werden – auf Basis weiterer Daten, und nicht auf den Beobachtungen und Vermutungen von Einzelnen. In diesem Artikel möchte ich auf ein paar häufige Aussagen eingehen, die vor allem darauf abzielen, die Gefahr, die von dem Pandemievirus ausgeht, zu verharmlosen und die gesetzten Maßnahmen als überzogen darzustellen.
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