Tag 215: Was macht Experten zu Experten?

Neuinfektionen nach Altersgruppe von Mai bis Oktober, Quelle: Erich Neuwirth, 12.10.20

Die kürzlich mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim hat am 8. Oktober einen wichtigen Youtube-Beitrag zum Thema Wissenskommunikation geliefert. Obwohl ich ein visueller Denker bin, tue ich mir mit bewegten Bildern immer schwer und zum nachträglich zitieren sind Videos eher ungünstig. Daher habe ich mir die Mühe gemacht, weite Teile des Beitrags zu transkribieren. Die Erkenntnisse daraus lassen sich grundsätzlich im Alltag anwenden, gelten aber gerade auch während der Pandemie in Österreich. Sie gelten nicht nur für Bhakdi und Wodarg, sondern auch für Haditsch und Eifler. Mehr noch: Selbst bei renommierten, bestens vernetzten Experten wie Allerberger, Apfalter und Sprenger lassen sich die Grundregeln seriöser Wissenschaft anwenden.

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Tag 212: Wien-Wahl

“Wiener Blick”, Lainzer Tiergarten

In Wien finden in zwei Tagen Gemeinderats- und Bezirkswahlen statt, rotgrün wird danach fortgesetzt. Wenn ich eine Prioritätenliste für die Bürger aufstellen müsste, stünde an erster Stelle genug zu Essen und zu trinken für sich und Familie, um zu überleben, dann Dach über den Kopf, Gesundheit, ein Job, Mobilität und weit abgeschlagen der Klimaschutz. Kann man diese Priorisierung verurteilen? Österreich befindet sich in der schwersten Rezession mit der höchsten Arbeitslosigkeit seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Das wird die meisten Länder der Erde betreffen.

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Tag 207: Die Rolle von Politik und Medien in der Coronakrise in Österreich

Meine vergangenen Beiträge über irreführende Aussagen in meinen (ehemaligen) Lieblingsnachrichtenquellen Ö1 und FALTER haben meinen wachsenden Unmut schon zum Ausdruck gebracht. Seit März haben mich vor allem Grüne, Ö1 und FALTER schwer enttäuscht, die verbleibenden drei Institutionen in Österreich, von denen man Anständigkeit und Seriösität in Entscheidungsfindungen und Informationsverbreitung erwarten konnte. Es erschüttert mich vor allem deswegen, weil es kaum Alternativen gibt. In den Tageszeitungen finden sich manchmal einzelne, gut recherchierte Artikel – positiv hervorheben möchte ich hier die WienerZeitung, aber kein durchgehend hohes Niveau. Ich hab Ö1 immer gleichwertig mit dem bundesdeutschen Deutschlandradio gesehen. Die Grünen waren für mich die einzige Wahlalternative, wenn auch meine Wahlmöglichkeiten als deutscher Staatsbürger beschränkt sind auf Bezirks- und EU-Wahlen. Die für mich wichtigsten Entscheidungen werden aber auf Gemeinde-, Nationalrats- und Staatsoberhauptebene getroffen. Ich konsumiere nicht ohne Grund am liebsten ausländische Presse zum Virus. Eine 90 Sekunden Video-Wortspende von Allerberger auf der AGES-Webseite kann niemals so gehaltvoll sein wie 90 Minuten NDR-Podcast mit Virologe Drosten. Ein Absatz im “FALTER” erreicht nie den Grad der Differenziertheit wie ein 12-Seiten-Artikel in “The Atlantic”. Es gibt in Österreich kaum Medien, bei denen über mehrere Seiten hinweg in epischer Breite in die Tiefe recherchiert wurde, idealerweise noch mit Angaben der Quellen. Beliebt sind dagegen Angaben wie “Viele Virologen” oder “Epidemiologen halten das für” und “manche Experten sehen das anders”, wobei die Experten nie namentlich genannt und deren zugrundeliegenden Annahmen überprüft werden können.

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Tag 205: Faktencheck Österreich

In der Natur ist die schwere Zeit für mich am besten aushaltbar
Josefswarte, Föhrenberge mit Blick zum Anninger und Hohen Lindkogel

Ich sag es, wie es ist: In Österreich sind viele Medien, Politiker und führende Ärzte auf einem veralteten Wissensstand zu Corona. Das führt zu der ganz bequemen Situation, sich mit bestimmten Folgeproblemen der Pandemie nicht auseinandersetzen zu müssen: Langzeitfolgen? Rolle der Kinder? Was geleugnet wird, muss auch nicht berücksichtigt werden. In der nachfolgenden Faktendarstellung möchte ich ein paar neue Behauptungen unter die Lupe nehmen, darunter leider wieder einmal aus dem FALTER.

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Tag 202: Österreichs Experten gegen wissenschaftliche Fakten

Wenn ich mir jetzt täglich die Finger wund schreiben muss, weil sich österreichische Experten verharmlosend zum Virus geäußert haben, dann werde ich hier überhaupt nicht mehr fertig. Ich wollte heute eigentlich etwas über Wien selbst schreiben. Darüber, dass die Pleitewelle begonnen hat, dass man in den Straßen immer mehr Geschäfte sieht, die Räumungsverkauf plakatieren, Geschäftsauflösung oder irrsinnig hohe Rabatte, die kaum wirtschaftlich sein können. Darüber, dass ich mich aufrege, weil der Flughafenbus VAL2 wahrscheinlich dauerhaft eingestellt bleibt, und das war meine kürzeste und bequemste Verbindung zum Arbeitsplatz, die nebenbei auch mein Jahresticket deutlich aufgewertet hat. Darüber, dass in Wien gerade Wahlkampf [Bezirks- und Gemeinderatswahlen am 11.10.] herrscht und die ÖVP so tief in den Dreck greift, wie man das vorher nur von der FPÖ kannte. Ich könnte über die Versuche von Wien schreiben, mit der Registrierungspflicht zu verhindern, dass eine vorgezogene Sperrstunde kommt – wodurch die ohnehin schon spärlichen Umsätze weiter sinken würden. Über das Chaos an den Schulen und die langen Verzögerungen beim Warten auf den Test und das Ergebnis, über tagelange Absonderung in häuslicher Quarantäne selbst bei negativem Bescheid. Natürlich wächst die Wut auf die Regierung. Dafür könnte man jetzt zwei Gründe haben. Zum Einen, weil sie den Sommer offenbar ungenutzt verstreichen ließen und denkbar unvorbereitet in den Herbst starten, angeblich überrascht vom starken Anstieg der Fallzahlen. Zum Anderen, und dahin kippt die österreichische Bevölkerung gerade, wird der Regierung vorgeworfen, die Maßnahmen wären überzogen und das Virus viel harmloser und den Aufwand nicht Wert. Dazu passt dann leider der heutige Beitrag bei Ö1, wo Radiodoktor Manfred Götz den Public-Health-Experten Sprenger und die Leiterin des Hygieneinstituts Apfalter interviewte.

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Tag 201: Hier könnte Resignation ausgedrückt werden

Am 27. September veröffentlicht die Tiroler Tageszeitung ein Special (Thema des Tages) zum Tiroler Ärztetag am Vortag. Darin kommen einige widersprüchliche Aussagen vor – die Frage ist, wie viel tatsächlich Aussage der Mediziner war und was der Redakteur sich selbst zusammengedichtet hat.

  • Obwohl Aerosole von führenden Wissenschaftlern weltweit inzwischen als Hauptübertragungsweg anerkannt sind: “Die Mikrobiologin stellte klar, dass es sich um eine Tröpfcheninfektion handelt.”
  • Kontaktinfektion ist zwar sehr unwahrscheinlich, dennoch ist die folgende Aussage gewagt:Aber von Flächen geht keine Gefahr aus.”
  • Widersprüchliche Begrifflichkeiten, denn auch Tröpfchen werden über die Luft übertragen: “Auch für eine aerogene Übertragung gebe es keine validen Daten, betonte der Infektiologe Prof. Günter Weiss ebenfalls, dass Aerosole keine Rolle spielen.”
  • Bei Influenza konnte nachgewiesen werden, dass sich in der ausgeatmeten Luft infektiöse RNA befindet. Trotzdem steht da: “Nur durch ausgeatmete Luft eines Covid-Erkrankten steckt man sich also nicht an.”
  • Wenn nur Tröpfchen eine Rolle spielen würden und Atemluft irrelevant wäre, wieso ….Viel Lüften empfiehlt Lass-Flörl neben regelmäßigem Händewaschen und Mund-Nasen-Schutz”?
  • Nach diversen Studien liegt die Übertragungsrate bei gänzlich Symptomfreien zwischen 4 und 41%. Woher hat der Autor diese Zahl? Bei Asymptomatischen liege die Übertragungswahrscheinlichkeit bei unter einem Prozent.”
  • In einem Sommercamp in Georgia, USA, haben sich zum Beispiel innerhalb von wenigen Tagen 51 von 100 Kindern im Alter von 6–10 Jahren infiziert. Es ist dasselbe Virus, warum sollten österreichische Kinder auf wundersame Weise immun sein?Unter 10-jährige seien von Corona praktisch nicht betroffen.”
  • In Deutschland und Österreich sind von den unter 50jährigen jeweils 1% an der Infektion gestorben. Das ist immer noch wenig, in Anbetracht dessen, dass wir erst am Anfang der Pandemie stehen, ist es aber dennoch mehr alsbis zum 50. Lebensjahr liege das Risiko, daran zu sterben, bei fast Null
  • Ein positiver PCR-Test bedeutet, dass die Infektion im Körper nachgewiesen wurde. Hat man gleichzeitig Symptome, ist man krank. Hatte man nie Symptome, wurde die Infektion entweder schon durchgemacht (asymptomatisch) oder Symptome stehen noch bevor (präsymptomatisch). Insofern hängt die Bedeutung von den klinischen Symptomen und dem zeitlichen Verlauf ab, ob Symptome auftreten oder nicht. Die folgende Aussage halte ich für irreführend, denn sie untergräbt den Nutzen der PCR-Tests: Ein positiver PCR-Test heißt nicht, dass man krank ist oder wird – oder infektiös ist.

Über Longcovid wollte der Redakteur leider nichts schreiben, so entsteht der Eindruck zum wiederholten Male, dass es nur tot oder genesen geben würde.

Tag 196: Wo wir aktuell stehen – Update

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Einkehr ja, aber nur draußen und mit Abstand, Hoher Lindkogel (10.09.)

Meinen ersten Übersichtsartikel schrieb ich an Tag 56 der Pandemie (06. Mai 2020), seitdem kamen neue Erkenntnisse hinzu, andere Erkenntnisse sind geblieben oder wurden sogar durch Studien gefestigt. Eine zentrale Erkenntnis ist geblieben, die ich hier gerne wiederhole:

“the most successful global leaders in fighting coronavirus have communicated clearly, displayed empathy and always favored science over politics” (Christiane Amanpour, CNN – 05.05.20)

Wie schon Anfang Mai werden immer wieder Aussagen getroffen, dass die Wissenschaftler ständig ihre Meinung ändern würden und man Verständnis für die Regierung haben solle, dass sie sich nicht so schnell anpassen können. Ich werde jedoch aufzeigen, dass wir die Grundlagen für effektive Maßnahmen und die mangelnden Grundlagen für Schnellschüsse schon seit Monaten haben und für parteipolitisch motivierte Scharmützel unnötig viel Zeit verschwendet wurde. Wie im Mai bin ich auch über sechs Monate nach Beginn der Pandemie weiterhin der tiefen Überzeugung, dass die Ausbreitung des Virus viel besser unter Kontrolle gebracht werden könnte, wenn man den Menschen die wissenschaftlichen Grundlagen erklären würde statt nur Verordnungen, Verschärfung von Regeln und Androhung von Strafen oder einem zweiten Lockdown – von dem jeder weiß, dass er Österreich in die schlimmste Rezession ever befördern würde.

Update, 24.09.: Kleinere Korrekturen (Hinweis ME/CFS), Spekulationen, Wording; 20:09: Klarstellung zum Thema Kinder, 20:34 : Aerosole

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Tag 195: Whataboutism

Die letzten Wochen konnte ich nicht mehr schweigen, wenn in meiner Gegenwart bestimmte Phrasen mit Vorurteilen und Verschwörungsmythen geäußert wurden. Mein fachlicher Wissensstand ist inzwischen groß genug, dass ich für viele Aussagen ad hoc fundierte Daten nennen kann, leider gelingt das verbal nicht so gut wie mit Verweisen auf konkrete Studien. Leider wird die Diskussion oft sehr emotional. Die Menschen sind wütend, das merkt man. Wenn man einzelne Aussagen hinterfragt, stellt sich sehr oft Unwissenheit heraus, nicht einmal zwingend die Tendenz zu Verschwörungen, sondern es entsteht der Eindruck, die Regierung würde völlig überzogen handeln, wo doch die Zahl der Toten ziemlich klein ist. Ich sehe darin klare Defizite der Regierung, die nie erklärt hat, was eigentlich die mittelfristige Strategie ist. Am Anfang dachten wohl viele, das Virus sei durch den Lockdown ausgemerzt und man könne danach zu business as usual zurückkehren. Risikogruppen schützen, aber nur kurze Zeit. Aussagen darüber, dass das Virus mehrere Jahre für deutliche Einschränkungen im Alltag sorgen könnte, hat man zu ignorieren versucht (mich eingeschlossen). Die strengen Maßnahmen, obwohl in Teilen überzogen, waren erfolgreich. Österreich kam mit vergleichsweise geringen Fallzahlen, Intensivbettenbelegungen und Todesfällen davon. There is no glory in prevention – es ist so unendlich wichtig zu verstehen, was diese Aussage bedeutet. Damit ist nicht einmal gemeint, dass die Intensivstationen nicht an ihre Kapazitätsgrenzen gekommen wären, sondern dass auch viele Ärzte und Gesundheitspersonal, aber auch viele Reinigungskräfte in den Spitälern in der ersten Welle starben oder schwer erkranken. Das ohnehin – auch in Österreich! – chronisch mangelbesetzte Gesundheitspersonal schuftete wochenlang durch, ohne jegliche Anerkennung und Wertschätzung durch die Regierung. Das wird als selbstverständlich betrachtet – kein Impfstoff, um sich selbst zu schützen, Hochrisikoprozesse wie Intubieren, bei dem hochansteckende Patienten leicht behandelnde Ärzte anstecken können. Jeder Patient zusätzlich hätte das Ansteckungsrisiko erhöht. Gesundheit scheint erst dann wichtig, wenn man sie selbst nicht mehr hat. Es fällt schwer, das Präventionsparadox zu erläutern, selbst fundiert zu untermauern. Nicht mangels ausreichender Studien, sondern weil Fakten gerne mit Meinungen gekontert werden. Seriöse Wissenschaftler sehen die Daten vor sich und ziehen daraus ihre Schlussfolgerungen. Weil Daten öfter einmal unvollständig sind, insbesondere bei einem neuartigen Virus, können diese Schlussfolgerungen gelegentlich korrigiert werden – auf Basis weiterer Daten, und nicht auf den Beobachtungen und Vermutungen von Einzelnen. In diesem Artikel möchte ich auf ein paar häufige Aussagen eingehen, die vor allem darauf abzielen, die Gefahr, die von dem Pandemievirus ausgeht, zu verharmlosen und die gesetzten Maßnahmen als überzogen darzustellen.

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Meine Beweggründe, zu Covid zu schreiben

So mancher Leser und so manche Leserin mag sich vielleicht gefragt haben, weshalb ich hier so umfassend über Covid19 blogge und Artikel sammle, obwohl ich beruflich nichts damit zu tun habe. “Bitte kein weiterer selbst ernannter Virologe!” könnte man sich denken.

Zu meinem Hintergrund:

Ich bin Autist und habe Meteorologie in Innsbruck studiert. Das Wetter war seit der Kindheit ein Hobby und später klassisches Spezialinteresse, zu dem ich massenhaft Wissen angehäuft habe, lange vor dem Studium und auch während dem Studium. Vieles von dem, was ich täglich im beruflichen Kontext anwende als Wettervorhersager, habe ich mir autodidaktisch beigebracht, also selbstständig, nur ein Bruchteil kommt vom Studium selbst. Autismus bedeutet im Kontext von Spezialinteressen, sehr akribisch und unermüdlich vorzugehen. Ich schrieb unzählige Fallstudien, sogar kleine “Draft Papers” im Studium, ich machte immer mehr als nötig und verfasste meine Diplomarbeit freiwillig auf Englisch, um sie einem breiteren Fachpublikum zugänglich zu machen. Ich holte mir dabei auch Input von italienischen und amerikanischen Wissenschaftlern, der E-Mail-Austausch war natürlich auf Englisch.

Mein ehemaliger, leider verstorbener Mentor Stefan Hörmann pflegte den Leitspruch “Wissen ermitteln und vermitteln.” Ob man eine Materie selbst verstanden hat, erkennt man erst, wenn man versucht, sie Dritten zu vermitteln. Ich machte das auch zu meinem Motto und erstellte mehrere professionelle Webseiten über das Wetter. Später folgte ein Blog, nachdem ich nicht gut mit Webseite programmieren bin und mit Anwendersoftware wie WordPress besser zurechtkomme und rascher Inhalte veröffentlichen kann (der aktuelle Blockeditor bedeutet leider einen Rückschritt, weil man für sowas einfaches wie Textfarbe und Zitat 3 Klicks mehr braucht).

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