Auch darum braucht es Social-Media-Plattformen wie Twitter: Ohne sie wüssten wir kaum, wie es in anderen Erdteilen aussieht – nicht nur bei Kriegen, in Diktaturen, bei Naturkatastrophen oder den Midterms in den USA. Wir kämen auch nur schwer an Infos wie, dass derzeit in Ländern mit (ehemals) hohem Covid19-Infektionsgeschehen weltweit die Spitäler unter Druck sind, nicht nur wegen Ärzte- und PflegerInnenmangel, sondern auch in Kinderspitälern durch eine außergewöhnlich hohe Belastung mit Infektionskrankheiten – neben Covid19 vor allem RSV und Influenza. In den USA spricht man daher inzwischen von einer “Tripledemie”.
In diesem Beitrag soll es um mögliche Ursachen für die starken Anstiege gehen und außerdem wird die häufig zitierte Immune-Debt-Theorie genauer beleuchtet. Kurze Antwort: Ein untrainiertes Immunsystem durch ausgebliebene Infektionen während der Lockdowns ist nicht verantwortlich für die beobachtete Zunahme an schweren Verläufen bei (Klein-) Kindern.
Tyler Black ist Notfallpsychiater, Pharmakologe und Experte für Suizide. Derzeit ist der klinische Leiter von CAPE (Child and Adolescent Psychiatric Emergency) in British Columbia. Seine Auswertungen zeigen: Die Wahrscheinlichkeit für Suizide unter Kinder und Jugendlichen ist während der Schulmonate höher als in der schulfreien Zeit – mehr dazu hier (22.08.22)
Am 15. November 2022 gab es im ORF-Report einen Beitrag (abrufbar noch bis 20.11.22) über die psychische Gesundheit junger Menschen. Darin fiel die irreführende Aussage von Gesundheitsminister Rauch, dass Schulschließungen aufgrund der Kollateralschäden ein Fehler gewesen wären. Die Aussage blieb ohne Nachfrage oder differenzierte Einordnung durch ExpertInnen stehen. Wann gab es Schulschließungen in Österreich? Wie lange haben sie gedauert? Welche Altersgruppen waren betroffen? Gibt es belastbare Daten zu Suizidversuchen in Österreich? Wie sah die Situation in jenen Ländern aus, wo es nie einen Lockdown gegeben hat, etwa in Schweden? Wie sah es in Ländern aus, wo es sehr lange und harte Lockdowns gegeben hat, wie in Neuseeland, Australien, aber auch Italien oder Spanien? Die Aussage ist daher nicht trivial, und eine kurze Einspielung dieser Art schlicht ungenügend, um daraus ein Fazit ziehen zu können.
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Covidleugner, Gegner von Schulmaßnahmen und glühende Verfechter des “Schwedischen Weges” sahen sich bestätigt in ihrer verquerten Ansicht. Jetzt folgte die Bestätigung auch aus dem Gesundheitsministerium, aus der Regierung, also ganz offiziell. Und täglich grüßt das Murmeltier. Wenige Wochen vorher zitierte Lauterbach auf Twitter einen Zeitungsartikel der WELT, die aus dem Abschlussbericht der KITA-Studie das verkürzte Fazit zog, dass Kindergärten nie geschlossen hätten werden müssen. In meinem letzten Blogeintrag hab ich diese Aussage zerlegt – sinnerfassend lesen will gelernt sein.
An dieser Stelle möchte ich wieder einmal betonen, dass ich weder Arzt noch Sozialwissenschaftler bin. Ich bezeichne mich als Citizen Journalist, betreibe Recherchen und versuche Anreize zu geben, ebenfalls nachzubohren, gängige Narrative zu hinterfragen. In meiner naiven Vorstellung im ersten Pandemiejahr dachte ich, dass Journalisten meinen Blog als Ausgangsquelle für tiefgründigere Recherchen verwenden könnten, bzw. letztendlich selbst von der erdrückenden Beweislage internationaler Forschung überzeugt werden. Das ist leider nicht passiert. Daher bin ich immer noch aktiv.
Weil es hier um das Thema Depressionen und Suizidversuche geht und das Thema sehr belastend sein kann, wenn man sich selbst in einer emotional und psychisch instabilen Lebenssituation befindet, nachfolgend noch einmal die Kontaktdaten für Krisensituationen:
Wenn es Dir nicht gut geht und Du Suizid-Gedanken hast, rufe hier an:
Wenn Dein Körper eine Stadt ist, dann ist Covid19 eine Krankheit, die all den Beton und Asphalt in der Stadt angreift. Abbildung aus Salamanna et al. (2020).
Ich versuche hier *noch immer* aufzuklären. Was soll ich auch sonst tun? Fünf Bergwanderungen seit Novemberbeginn. Es ist nicht so, dass ich Tag und Nacht über Covid recherchiere und schreibe und keine *andere* Interessen hätte, wie ich gelegentlich aus dem Umfeld zu hören kriege, als implizite Aufforderung, die Pandemie so zu verdrängen wie man selbst.
Wir müssen reden. Zuvor möchte ich etwas klarstellen: Ich bezeichne mich auf Twitter weiterhin als ZeroCovid-Anhänger im wortwörtlichen Sinn: Es ist auf Dauer besser, keine Infektion zu bekommen als sich zu infizieren und am Langzeitfolgenroulette teilzunehmen – was man selbst nur noch bedingt beeinflussen kann. Der Grundkonsens in der Wissenschaft [und Regierung] sollte lauten: Wir müssen Infektionen verhindern, um Langzeitfolgen zu vermeiden – nicht nur bei Individuen, sondern auch gesamtgesellschaftliche Nachteile wie ein prekäres Gesundheits- und Bildungssystem. Die Zukunft eines funktionierenden Staats hängt von der Gesundheit seiner Kinder ab mit Bildungs- und Chancengerechtigkeit.
Unabhängig von der Pandemie haben wir die Pensionierungswelle der Babyboomergeneration und die “Great Resignation” – vor allem jüngere Arbeitnehmer, die sich nicht mehr ausbeuten lassen wollen, weil sie mit ihrem Verdienst ohnehin nicht mehr den Wohlstand erreichen können, den sie sich erträumt haben. Schwerwiegende Folgen der Pandemie wie die Longcovid-Welle, die zur dauerhaften Invalidität und Absturz in die Armut führen kann, bedrohen eine gesicherte Zukunft zusätzlich. Es ist also zweitrangig, ob man LongCOVID nun aus der schmerzlich vermissten individuellen Perspektive betrachtet, denn über Einzelschicksale ging es in der Pandemiepolitik und Medienberichterstattung in Österreich noch nie, oder aus einer gesamtgesellschaftlichen bzw. wirtschaftlichen Perspektive – Infektionsreduktion bringt uns dem Ziel wesentlicher näher, die vielen gleichzeitigen Krisen besser zu bewältigen.
“Either you set the goal [for ZEROCOVID]… even if you don’t achieve it, you’ve reduced the lifes lost…the alternative is a lesser goal and you still misfire.” (Premierministerin von Neuseeland, Jacinda Arden)
Datenmanipulation nach schwedischem Vorbild: Seit 02. November 2022 werden sogenannte “Post-Covid”-Patienten, die auch nach 14 Tagen immer noch im Spital liegen, aus der Covid19-Hospitalisierungsstatistik getrstrichen. Die Fallzahlen haben sich dadurch in Wien halbiert. Begründet wurde das laut Pressesprecher von Gesundheitsstadtrat Hacker, Mario Dujakovic, von der Ampelkommission damit, dass “die meisten Bundesländer Post-Covid-Patienten ohnehin gar nicht oder nur unvollständig eingemeldet haben.” Post-COVID-Patienten würden jetzt gar nicht mehr in der Statistik aufscheinen. Egal, ob positiv oder wieder negativ, Covid-Patienten binden Personal.
“Massentierhaltung und Klimakrise haben enorme Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen. Auch die Corona-Pandemie ist ein Resultat der Übertragung eines Virus von Tier zu Mensch. Wir müssen weg von der Reparaturpolitik – hin zu einem nachhaltigen, umfassenden Ansatz, der alle Bereiche miteinschließt und diese Wechselwirkungen zwischen Mensch, Tier und Umwelt versteht.” (Gesundheitsminister Rauch, 03.11.22)
Wenn uns die Pandemie eines gelehrt haben sollte: Prävention ist nachhaltiger als Reparaturmedizin. Ein Mensch, der Covid19 erkrankt, dessen Nerven, Gefäße und Gehirn irreparabel geschädigt werden, wird nicht mehr die gleiche Lebensqualität und -erwartung wie vor der Infektion erlangen. Jede verhinderte Infektion verhindert auch langwierige Verläufe und notwendige Reparaturmedizin, die nurmehr selten 100% wiederherstellen kann.
Meine Lehren aus der Pandemie:
Wenn ich schon vor Jahren gewusst hätte, wie gut FFP2-Masken vor Infektionen schützen, hätte ich in Öffentlichen Verkehrsmitteln und beim Arzt im Wartezimmer immer eine getragen, jedenfalls zur klassischen Erkältungszeit. Das hätte mir wochenlange Krankenstände bzw. verringerte Leistungsfähigkeit erspart. Ich werde Masken jedenfalls weiter tragen, bis auf weiteres ganzjährig.
Ich habe zu wenig auf meine Gesundheit geachtet, und gleichzeitig nie darüber nachgedacht, dass mein grippaler Infekt und die Viren, die ich aushuste, Menschen mit Immunschwäche gefährden könnten. Vielen sieht man ihnen ihre Immunschwäche ja nicht an. Zwar war ich auch schon vor der Pandemie nie derjenige, der unbedingt krank arbeiten gehen musste, was mir nicht nur Vorteile eingebracht hat, aber jetzt sehe ich es noch weniger ein, mich (und andere) zu gefährden, sondern ich schätze die Lebensqualität noch mehr als vorher.
Vor der Pandemie war ich nie Grippe impfen, jetzt bin ich auch durch die MECFS/LongCOVID-Berichte wesentlich demütiger und vorsichtiger geworden. Ich gehe jährlich Grippe impfen und würde nicht mehr so töricht mit nicht auskurierter Infektion wieder Sport treiben wie früher. Schonung für den Körper ist wichtig.
Viele Menschen hatten schon vor der Pandemie eine sozialdarwinistische Einstellung, stark beeinflusst von Esoterik und Neoliberalismus. Starkes Immunsystem schützt. Ich hatte diese Ansicht am Anfang der Pandemie auch, musste mich aber von dieser Vorstellung verabschieden, als die ersten Longcovid-Berichte eintrudelten von fitten Leistungssportlern. Vielleicht bin ich im Denken flexibler, wobei das höchst ironisch ist, weil ich normalerweise recht lange als Autist brauche, Veränderungen anzunehmen. Bei wissenschaftlichen Fakten geht es aber meistens schneller als bei persönlichen Veränderungen.
Der sogenannte Qualitätsjournalismus hat bei wissenschaftlichen Fakten vollkommen versagt. Vor der Pandemie war ich regelmäßiger Ö1-Hörer, FALTER-Leser und kaufte auch regelmäßig STANDARD und PRESSE. Mittlerweile les ich nur noch ausgewählte Zeitschriften wie DATUM, DOSSIER oder einzelne ausgewählte Artikel. Nachrichten sind unerträglich geworden.
Alle Parteien kann man auf den Mond schießen. Die Grünen haben sich 2022 entzaubert durch ein Gespräch mit einem Mitarbeiter aus dem Kabinett Kogler. Esoterischer Flügel, aber im Kern neoliberal wie ihr Koalitionspartner ÖVP. Wirtschaft über Gesundheit. Sie wussten sehr wohl Bescheid über LongCOVID, sind selbst vorsichtig, aber informieren die Bevölkerung falsch, sahen Kinder stärker durch Maßnahmen belastet als durch Krankheit und Verlust von Angehörigen.
Besonders enttäuscht bin ich von den (roten) Gewerkschaften, die seit Ende des ersten Lockdowns schwurbeln, sich gegen Impf-, Test- und Maskenpflicht werten, und selbst bei Betriebsversammlungen nach Schlupflöchern suchten, keine Maßnahmen anwenden zu müssen. Das ist exkludierend. Mit “Sozialpartnerschaft” hat das nichts mehr zu tun.
Da löst eine einflussreiche WELT-Journalistin einen Shitstorm gegen eine LongCOVID-Betroffene und Kollegin von einem anderen Blatt aus, die ihrer Meinung nach nicht krank genug ist, um glaubwürdig zu sein. Wie muss man sich denn verhalten, um glaubwürdig schwerkrank zu sein? Viele LongCOVID/MECFS-Betroffene sind ohnehin hausgebunden oder gar bettlägerig. Leichtere Verläufe können sich dahingehend äußern, dass noch Teilzeit- oder Homeoffice-Arbeit möglich sind. Dürfen sich Betroffene nicht hübsch machen? Sich nicht gutes kochen oder etwas gönnen? Jede “Belohnung” ist ein Lichtblick in einem Leben, das überwiegend von der chronischen Erkrankung bestimmt wird – nicht nur bei LongCOVID übrigens. Manchen Betroffenen sieht man auch gar nicht an, dass sie schwerkrank sind – etwa beim dauerhaften Verlust des Geruchs- und Geschmacksinns. Für einen Koch genauso existenzvernichtend wie für Flugbegleiter, die keinen Brandgeruch mehr in der Kabine wahrnehmen können. Dazu kommt ein erheblicher Verlust an Lebensqualität, speziell wenn noch eine Parosmie vorhanden ist, also Lebensmittel nach verfaultem oder verschimmeltem riechen bzw. schmecken.
Ich schrieb mal, dass die Regierung das große “Glück” habe, dass die Covid19-Pandemie nicht so entstellend wie Polio oder Affenpocken wären. Denn dann könnte man die schiere Menge an Betroffenen nicht mehr verleugnen. So arbeiten LongCOVID-Betroffene mit leichteren Verläufen vielfach weiter und reden nicht drüber, entweder weil sie ihre Einschränkungen nicht in Zusammenhang mit LongCOVID bringen, oder weil sie berechtigte Angst haben, den Job zu verlieren. Schwerer Betroffene sind hingegen meist nicht mehr im öffentlichen Raum anzutreffen und daher unsichtbar. Jene, die sich selbst oder ihr betroffenes Kind mit Rollstuhl in die Öffentlichkeit wagen, steht nicht LongCOVID auf die Stirn geschrieben. Dann wiederum sorgt oft mangelnde Barrierefreiheit im öffentlichen Raum dafür, dass sie kaum wahrgenommen werden. So oder so ist das wahre Ausmaß von LongCOVID in der Bevölkerung immer noch nicht angekommen.
„Obwohl wir die Tendenz vermutet hatten, waren wir doch sehr erstaunt, wie viele jüngere Personen mit zunächst unkomplizierter akuter SARS-CoV-2-Infektion ein Risiko für Long Covid haben.“Studienleiter Prof. Dr. Winfried Kern, Klinik für Innere Medizin II der Uniklinik Freiburg
Zahl der Patienten im Krankenhaus in Österreich seit Pandemiebeginn – mit der jeweiligen Virusvariante, Das sind nur Covid19-Patienten. Dazu kommt der massive Personalmangel durch covidkranke Mitarbeiter (oft 2 Wochen lang), Pflegefreistellung wegen kranker Kinder und andere Aufnahmegründe (“Kollateralschäden”). Quelle: Our World in Data, 12.10.22
Nur ein Beispiel für den aktuellen Zustand des österreichischen Journalismus. Der ORF schreibt über “Erkältungssaison trifft auf CoV-Herbstwelle” und bemüht dabei wissenschaftsfeindliche bzw. faktenwidrige Argumente, um offenbar mit Biegen und Brechen den “günstigsten Fall” des Variantenmanagementplans herbeizureden. Wir erinnern uns – die Expertinnen und Experten der Future Operations haben mit ihrem Arbeitspapier die Vorarbeit für die Verharmlosung der OMICRON-Varianten geleistet.
Im Originaltext um 08 Uhr MESZ standen diese beiden Sätze:
“Für Optimismus sorgt bei den Experten jedenfalls, dass neben der derzeit dominanten Omikron-Subvariante BA.5 kaum andere – und schon gar keine neuen – Varianten in Sicht sind.”
“Auch wird auf andere Länder verwiesen, die keine Maskenregelungen mehr haben, auch weil unklar sei, was die Maske in der Pandemiebekämpfung insgesamt bringt.”
Nach massiver Twitterkritik wurde der Text um 10:30 Uhr erstmals abgeändert:
“Für Optimismus sorgt bei den Experten jedenfalls, dass neben der derzeit dominanten Omikron-Subvariante BA.5 kaum andere in Sicht sind. Unter Beobachtung steht die BA.5-Subvariante BQ.1.1.“
“Auch wird auf andere Länder verwiesen, die keine Maskenregelungen mehr haben, auch weil unklar sei, was eine Maskenpflicht in punktuellen Settings in der Pandemiebekämpfung insgesamt bringt.”
Um 11:55 Uhr wurde erneut nachgebessert:
“Auch wird von Kritikern auf andere Länder verwiesen, die keine Maskenregeln mehr haben. Während die Maske unbestritten individuellen Infektionsschutz bietet, sei – so die Kritik – nicht ganz klar, was eine Maskenpflicht in punktuellen Settings in der Pandemiebekämpfung insgesamt bringe.”
Wie sie es auch schreiben – es ist falsch. Ich teile die Ansichten von ORF-Politikchef Bürger vielfach nicht, aber hier sprach er viel aus, was man sich als Bürger lange dachte:
““Das war für mich sicherlich die schwierigste Zeit im Unternehmen. Der ORF hat irgendwann einmal klargemacht – nicht nur der ORF, auch die Opposition am Anfang –, dass wir die Gesundheitspolitik der Bundesregierung nicht ganz groß infrage stellen. (…)”
Das Interview vom 15.09.22 ist mir offenbar entgangen.
Österreich führt derzeit nicht nur in Europa, sondern weltweit die Infektionszahlen an. Laut den Gensequenzen von Bergthaler und Elling wird die aktuelle Welle zu 95% von BA.5+R456T getrieben. R456T ist eine Spike-Mutation, die auch bei anderen Varianten (z.B. BA.4.6) auftritt und mit Immunflucht verbunden ist. Die ohnehin hochinfektiöse BA.5-Virusvariante, die auch zu einem gewissen Teil für Reinfektionen bei jenen sorgt, die im Frühjahr BA.1 oder BA.2 hatten, kann damit noch leichter den Antikörperschutz durch Infektion und/oder Impfung umgehen.
Warum gerade Österreich? Immerhin wird nicht nur viel getestet im Vergleich zu anderen Ländern, sondern auch die Positivraten schießen durch die Decke. Epidemiologe Zangerle hat sich dieser Frage bereits in seiner letzten Seuchenkolumne gewidmet. Mein Senf dazu wäre: Die verharmlosende Saat aller (!) Parteien in Österreich ist aufgegangen. Die weiterhin obrigkeitshörige Bevölkerung hinterfragt die Maßnahmenpolitik nicht. Wenn ab Wiener Stadtgrenze stadtauswärts keine Maskenpflicht mehr gilt, kann man sie auch im Wienerwaldtunnel schon abnehmen. Die roten Gewerkschaften schweigen, am Land hat die Pandemie nie existiert. Unverhältnismäßig viele Menschen sind trotz Symptomen ohne Maske unterwegs und gefährden andere. Davon sind wahrscheinlich viele ungetestet, auch mangels PCR-Testmöglichkeit abseits von Wien. Dass erneute Covid19-Infektionen auftreten können, ist ebenso unbekannt wie das LongCOVID-Risiko nach Impfung und Infektion. Meiner Beobachtung nach ignorieren auch viele ältere Menschen, die man zur vulnerablen Gruppe zählen würde, ihr eigenes Erkrankungsrisiko, leben und verhalten sich wie vor der Pandemie. Problematisch sind hier vor allem die mageren Impffortschritte bei der vierten Impfung. Viele Dreifachgeimpfte, die es bis hierher ohne Infektion geschafft haben, infizieren sich gerade kurz vor ihrem BA.5-Variantenboostertermin. Zudem ist auch bei Kindern und Jugendlichen die Durchimpfungsrate weiterhin gering – sie verharrt seit Monaten bei 22% für zwei Stiche und sogar nur bei 6,5% für drei Stiche. Ohne jegliche Schutzmaßnahmen wird sich ihre Impfrate auch kaum erhöhen, weil sie sich in kürzeren Intervallen erneut infizieren. Das treibende Bundesland in Österreich ist derzeit Oberösterreich, wo jeder zweite bis dritte PCR- und Antigentest positiv ausfällt. Dort ist das Schwurbeltum besonders ausgeprägt, Sprenger tourt mit rechtsextremen TV-Sendern, aber auch mit der SPÖ durchs Bundesland.
Obwohl nicht nur die Infektionszahlen rasch steigen, sondern auch die Spitalszahlen, kommen keine neuen Maßnahmen. Der Grund ist so banal wie opportunistisch: Am 9. Oktober ist die Wahl des neuen (alten) Bundespräsidenten. Nächstes Jahr finden außerdem in Niederösterreich Landtagswahlen statt, die ÖVP könnte die absolute Mehrheit verlieren und die Schwurbelpartei MFG einziehen. Polaschek und Rauch haben seit Amtsantritt offenbar beide beschlossen, die Pandemiewellen auszusitzen und machen einfach nichts. Zum Sinneswandel von Rauch vor und nach Amtsantritt habe ich am 21.06.22 gebloggt. Zum mangelnden Vertrauen in die Politik schrieb Jurist Nikolaus Forgó am 06.10.22 einen Gastbeitrag im STANDARD.
Virologe Paul Darren Bieniasz, britisch-amerikanischer HIV-Forscher der Rockefeller Universität, hat den folgenden Text am 2. Jänner 2021 auf Twitter verlinkt. Die erste SARS-CoV2-Variante ALPHA (B.1.1.7) wurde Anfang Dezember rund um Kent im Südosten von England entdeckt. Molekularbiologe und Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt hat darüber am 20. Dezember 2020 im Magazin “Science” berichtet. Es wurde rasch klar, dass ALPHA deutlich leichter übertragbar war als der Ursprungstyp. Am 4. Jänner 2021 schrieb er einen ausführlichen Thread zu ALPHA. Ich erinnere mich noch gut an sein Fazit:
“Das will niemand hören, doch die kommenden Monate könnten die schwierigsten der Pandemie werden. Wenn man von den Impfstoffen als Licht am Ende des Tunnels gedacht hat: Ja, das Licht ist da, so hell wie immer. Doch der Tunnel wurde noch ein wenig dunkler und länger.”
Kai Kupferschmidt, 04. Jänner 2021
Später wurde in einzelnen Virus-Sequenzen von ALPHA auch die Mutation E484K gefunden, eine Fluchtmutation, die später auch in der Fluchtvariante BETA (“Südafrika-Variante”) entdeckt wurde. Diese Mutation hat nachweislich die Wirkung einzelner therapeutischer Antikörper sowie vom Schutz durch Impfung herabgesetzt (Yang et al. 2022). ALPHA hat generell für schwerere Verläufe gesorgt (z.B. Bager et al. 2021, Davies et al. 2021).
Die zugelassenen Impfstoffe wirkten jedoch auch gegen ALPHA (und später sogar noch gegen DELTA mit drei Impfdosen als abgeschlossene Grundimmunisierung) und verhinderten zu einem hohen Prozentsatz schwere Akutverläufe (Shinde et al. 2021).
Inzidenzen der 0-4jährigen [Kindergarten], 5-14jährigen [Volksschule und Sekundarstufe] sowie alle Altersgruppen, Quelle: ORF Infopoint, abgerufen am 16.09.22
Vor zwei Wochen startete in Ostösterreich die Schule. Aus mir völlig unbegreiflichen Gründen steigt die Inzidenz der Kinder und Jugendlichen stark an. Dabei ist die Pandemie doch vorbei :D
Mein letzter Blogeintrag wurde dem ÖVP-Abgeordneten Philipp Hartig verlinkt, der regierte auf Twitter auf die Forderung nach Luftreinigern so:
“Stoßlüften ist imho wirkungsvoller.” (10.09.22)
Im aktuellen Variantenmanagementplan, Aufgabenbereich des grünen Gesundheitsministers, wird Fensterlüften als “ausreichend” betrachtet. Luftfilter wären “unverhältnismäßig teuer und aufwendig“.
Naturgemäß sieht das die Initiative für Gesundes Österreich (IGÖ) anders und stellte ihre Forderungen an die Bundespolitik in einem erstmaligen Pressegespräch der Öffentlichkeit vor. Ich bin als Unterstützer des IGÖ gelistet (komme aber derzeit aufgrund anderer Verpflichtungen nicht dazu) und stehe voll hinter ihrem Engagement für saubere Luft in den Kindergärten und Schulen.
7-Tages-Durchschnitt Inzidenzen in Österreich auf der logarithmischen Skala, Quelle: Our World in Data
Im Rückblick sieht man erst, wo wir gelandet sind: Bei Inzidenzen, die trotz der inzwischen niedrigen Testrate konstant über 100 liegen. Eine sogenannte “Niedriginzidenz” haben wir zuletzt im Sommer 2021 erreicht, dank der Wirksamkeit der zweifachen Impfung gegen die ALPHA-Variante und dem noch weitgehenden Verbot der Nachtgastronomie und Großveranstaltungen. Im 1. Pandemiejahr gab es mit dem Wuhan-Typ noch eine Frühlings- und Herbstwelle, im 2. Pandemiejahr mit den Wuhan-Varianten ALPHA und DELTA ebenfalls eine Frühlings- und Herbstwelle. Im 3. Pandemiejahr mit der Entstehung des neuen Serotyps OMICRON haben wir bereits drei Wellen durchlebt. Bemerkenswerterweise mit BA.1 und BA.2 eine langgestreckte Doppelwelle (statt “steil wie eine Wand und genauso schnell wieder abebbend”) und mit BA.5 die erste signifikante Sommerwelle, die vom Peak die Höhe der zweiten Welle noch übertraf.
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