Nach meinem Faktencheck des Sektionsleiters für die Öffentliche Gesundheit bei der AGES, Franz Allerberger bei “Frühstück bei mir” in Ö3 am 25.10. kommt hier nun ein weiterer Faktencheck zu den Aussagen der Leiterin des Instituts für Hygiene, Mikrobiologie und Tropenmedizin im Ordensklinikum von Linz, Petra Apfalter, die am 02. November bei einer Pressekonferenz mit ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann zum Thema Schulen während des zweiten Lockdowns auftrat.
Vorweg: Solche Faktenchecks sind immer im Nachteil gegenüber geäußerten Lügen oder Halbwahrheiten. Denn:
“Jemand, der zwar alle Tage lügt, aber die Lüge in den Rang einer rituellen Wahrheit erhoben hat, kann nicht mehr dadurch unschädlich gemacht werden, daß man ihm von Fall zu Fall eine Lüge nachweist.”
und
“Wer zuerst eine lügnerische Behauptung aufstellt, ist immer im Vorteil vor demjenigen, der sie nachträglich als Lüge kennzeichnen muß.”
“So ergibt das Ganze zwar keinen Sinn, aber eine Resonanz.”
Quelle: Erik Reger: Naturgeschichte des Nationalsozialismus, Vossische Zeitung, 1931
Deshalb sollten solche Faktenchecks bereits von jenen Journalisten erfolgen, bevor sie Apfalter und andere in ihre Sendungen einladen oder interviewen. Deswegen sollten sich Journalisten nicht damit zufrieden geben, sondern kritisch nachhaken, wenn Apfalter, Bhakdi und andere offensichtlich nicht auf die Frage antworten. Das setzt aber voraus, vorher zu recherchieren, um einen breiten wissenschaftlichen Diskurs abzudecken. Wissenschaft beruht auf Daten und Fakten, nicht auf Meinungen.
Die konsequente Verharmlosung der Pandemiefolgen hat eine Agenda: Die “Great Barrington Declaration”, die das Konzept der Herdenimmunität durch den völligen realitätsfernen Ansatz, nur Risikogruppen zu schützen, verfolgt vs. John Snow Memorandum.
Fakt: Die Sterblichkeit nimmt mit dem Alter zwar deutlich zu (von 65 aufwärts), aber Langzeitschäden können alle Altersgruppen betreffen. Je höher die Zahl der Neuinfektionen, desto mehr Patienten müssen intensivmedizinisch betreut werden. Unzureichende Maßnahmen sorgen für ein enormes Infektionsgeschehen, für das selbst das österreichische Gesundheitssystem nicht ausgerüstet ist. Der Zusammenbruch des Gesundheitssystems, nicht nur in den Spitälern, sondern durch infizierte Fachkräfte auch außerhalb, führt dann ganz massiv zulasten aller Menschen im Land, auch ohne Covid-19-Bezug. Gleichzeitig führt der starke Anstieg akut und länger erkrankter Menschen zu einer Lahmlegung der Wirtschaft mit der Gefahr, dass systemkritische Betriebe und Organisationen die Basisversorgung nicht mehr aufrechterhalten können.
Durch das Konzept der Herdenimmunität durch natürliche Durchseuchung, das sogenannte Experten in den letzten Monaten immer wieder in den Medien vertreten haben, auch durch Verharmlosung (“gelassener werden”, “nur symptomatische Verdachtsfälle testen”), wird der Anschein erweckt, man könnte von Lockdown-Methoden und Freiheitsbeschränkungen absehen und die Mehrheit der gesunden Bevölkerung würde ein weitgehend normales Leben führen und arbeiten gehen, während nur eine Minderheit definierter Risikogruppen, v.a. ältere Menschen geschützt werden müsste.
Tatsächlich ist die Definition der Risikogruppe in Österreich sehr eng gefasst, dazu zählen vor allem chronisch-fortgeschrittene Erkrankungen (Lungen-, Herz-, Krebs-, Leber- und Nierenerkrankungen, Immunsuppression, Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie und Adipositas ab Grad III mit BMI >= 40). Insbesondere bei Übergewicht ist der Schwellenwert viel zu hoch, wie eine große US-Studie mit 17000 Patienten gezeigt hat. 29% waren übergewichtig (BMI 25-29) und 48% fettleibig (BMI > 30). Bereits eine große britische Studie Anfang April mit 2900 Intensivpatienten zeigte, dass 35,7% übergewichtig waren und 30,7% fettleibig. Nur 7% waren stark übergewichtig. In Österreich gilt man erst mit starker Fettleibigkeit als Risikopatient. Das nur als Hinweis dafür, dass die sogenannten Risikogruppen erstens nicht nur ältere Menschen sind, sondern jede Altersgruppe betreffen kann, und zweitens deutlich weiter gefasst sind als vom Gesundheitsministerium derzeit vorgegeben. Warum geht man nicht den Weg der Vorsicht statt in Kauf zu nehmen, dass wesentlich mehr Menschen stärker erkranken, die trotz erhöhtem Risiko in die Schule oder in die Arbeit müssen?
Der Faktencheck besteht aus zwei Teilen – erst zum einleitenden Statement über Kinder und Jugendliche und die Rolle der Schulen, dann zu den beantworteten Fragen des Journalisten – das Transkript verlinke ich dann im zweiten Teil.
Vorab: Ich bin medizinischer Laie, Naturwissenschaftler, aber kein Fachexperte. Für alle meine Aussagen gilt das, was für wissenschaftliche Methoden und journalistische Recherche auch gilt: check, check, recheck, doublecheck.
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